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Autismus. Diagnose, Merkmale, Krankheitsverlauf

Seminararbeit 2004 28 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Diagnostik
1.1. Untersuchung
1.2. Fragebogen
1.3. Tests für autistische Kinder
1.3.1. PEP
1.3.2. DSM-IV
1.3.3. ICD-10
1.3.4. Weitere Tests
1.4 Früherkennung

2. Differentialdiagnostik
2.1. Typen des Autismus.
2.1.1. Frühkindlicher Autismus
2.1.2. Asperger Syndrom
2.1.3. Atypischer Autismus
2.1.4. Rett- Syndrom
2.1.5. Andere desintegrative Störungen im Kindesalter
2.1.6. Nicht autismus- spezifische Störungen

3. Krankheitsverlauf- Maßnahmen zur Förderung autistischer Menschen
3.1. Kindheit und Adoleszenz
3.1.1. Frühe Kindheit
3.1.2. Integrationsversuche im Kindergarten und in der Schule
3.1.3. Jugend
3.2. Erwachsene
3.2.1. Berufsmöglichkeiten, Berufswahl
3.2.2. Freizeit
3.2.3. Die Nachbetreuung erwachsener Autisten

1. DIAGNOSTIK

1.1. UNTERSUCHUNG

Zu einer fachgerechten Autismusdiagnose gehören folgende Komponenten(Weiß, 2002, S. 24):

„1. Strukturierte Fragebögen für die Eltern, z.B. die CARS ( Childhood Autism Rating Scale)(Weiß, 2002, zitiert nach Schopler et al., 1986, S.24)
2. Verhaltensbeobachtung des Kindes in verschiedenen Situationen. .Bei Steinhausen(1988) ist eine Beurteilungsskala zur Verhaltensbeobachtung aufgeführt.
3. Ausführliche Anamnese und Exploration
4. Körperliche und neurologische Untersuchung( u.a. Überprüfung des Seh- und Hörvermögens, Chromosomenanalyse, EEG, CT, Labordiagnostik)
5. Psychologische Diagnostik (allgemeine Intelligenz, Sprache, Motorik, Wahrnehmung etc.).“

Die Diagnose(Remschmidt, 2000, S. 20) des frühkindlichen Autismus wird aufgrund der Vorgeschichte und der Beobachtung des Kindes in verschiedenen Situationen erstellt. Dabei werden die diagnostischen Kriterien der beiden international gebräuchlichen Klassifikationssysteme psychischer Störungen und Erkrankungen ICD-10 und DSM-IV zugrunde gelegt. Zusätzliche Hilfsmittel sind standardisierte Interviews mit Eltern oder Bezugspersonen oder auch Beobachtungsskalen, die es erlauben, bestimmte Verhaltensmerkmale genauer und auch quantitativ zu erfassen.

Der Untersucher wird sich eingehend mit dem bisherigen Lebenslauf beschäftigen(Kehrer, 2000, S. 48), er wird nach der medizinischen Nomenklatur eine ausführliche Anamnese machen. Diese beginnt bei der Schwangerschaft und erstreckt sich über alle Entwicklungsphasen. Sie befasst sich mit allen Ereignissen im Lebensraum des Kindes, in der Familie, im Kindergarten, in der Schule und in der Freizeit. Diese Anamnese unterscheidet sich nicht grundsätzlich von derjenigen, die ein Kinderarzt oder Psychologe normalerweise erhebt. Eltern sind auch bei guter Beobachtungsgabe und bei gutem Erinnerungsvermögen nicht in der Lage, selbst an alle Eigenarten des Kindes, die für die Diagnose wichtig sind, zu denken. Man muss ihnen helfen, indem man sie gezielt frägt.

Die Eltern berichten oft, dass es bereits in der Schwangerschaft Probleme gab(Remschmidt, 2000, S.20), dass Komplikationen bei der Geburt aufgetreten sind, und vor allem, dass bereits in den ersten Lebensmonaten die Entwicklung auffällig war. Dies bemerken die Eltern insbesondere dann, wenn das autistische Kind nicht ihr erstes Kind ist, sodass sie Vergleichsmöglichkeiten haben.

Wichtige Informationen für die Diagnose gibt(Jorgensen, 1998, S. 61)der Bericht der Eltern über die Kontaktformen, die Zwangsmuster und die Sprache des Kindes. Danach muss sich der Untersucher selbst durch Gespräche mit dem Patienten einen Eindruck über den psychischen Befund verschaffen. Wichtig sind aber auch die aktuellen Berichte anderer Personen, die den Patienten im Alltag erleben. Handelt es sich um Kinder, ist es wichtig, konkrete Informationen aus dem Kindergarten, der Schule und dem Freizeitheim einzuholen. Neben der klinisch-psychiatrischen Untersuchung müssen auch psychologische Tests durchgeführt werden, weil bei der Intelligenzprüfung oft eine charakteristische Diskrepanz im Testprofil festgestellt werden kann.

Schließlich muss eine allgemeine ärztliche Untersuchung der körperlichen Verfassung erfolgen. Spezielle Untersuchungen , beispielsweise hinsichtlich Chromosomenstörungen sowie EEG , weitere neurologische Untersuchungen sowie auch eine Reihe anderer Tests, die eine Hirnfunktionsstörung aufdecken könnten, sollten vorgenommen werden.

1.2. FRAGEBOGEN

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Interviews, Skalen und Beobachtungsmethoden(Kehrer, 2000, S.48), die sich vorwiegend auf die Diagnose des frühkindlichen Autismus spezialisieren.

Ein sehr erfahrener Untersucher kann solche Fragen ohne besondere Hilfsmittel, sozusagen aus dem Stehreif stellen. Aber auch ihm kann es evtl. passieren, dass er vielleicht sogar etwas Wichtiges vergisst. Um dem abzuhelfen wurden Symptomlisten und Fragenbögen entwickelt. Ein solcher Fragebogen ersetzt keinesfalls die persönliche Untersuchung und Beobachtung des Kindes, er ergänzt sie jedoch wirkungsvoll.

Im angelsächsischen Raum gibt es eine Reihe von Fragebögen(Checklists), deren Ziel es ist, das autistische Syndrom zu diagnostizieren und darüber hinaus seine Ausprägung zu quantifizieren.

Schließlich sind in den letzten Jahren noch weitere diagnostische Hilfsmittel entwickelt worden. Hier wurden die für den Autismus typischen Verhaltensweisen teils durch Beobachtung der Kinder, teils durch Befragen der Eltern zusammengestellt und validiert. Dabei handelt es sich um folgende Instrumente für die Diagnose:

Autismus Behavior Checklist(ABC)

Adaptive Behavior Scales(ABS)

Autistic Diagnostic Observation Schedule (ADOS)

Behavior Summarized Evaluation (BSE)

Childhood Autism Rating Scales (CARS)

Parent Interview Autism (PIA)

PL-ADOS( Prelinqustic Autism Diagnostic Observation Scale)

ADI-R (Autism Diagnostic Interwiew)

GARS (Gilliam Autism Rating Scale)

1.3. TESTS FÜR AUTISTISCHE KINDER

1.3.1. P.E.P.

„Eine spezielle Methode zur Untersuchung autistischer Kinder(Kehrer, 2000, S.50) ist das P.E.P. - Entwicklungs- und Verhaltensprofil (Psychoeducational Profile, P.E.P.) von Schopler und Reichler (1979, deutsch 1981).“ Das P.E.P. besteht (Kehrer, 2000, S.55) aus eine Reihe von Spielmaterialen und Aufgaben. Dabei wird das Verhalten des Kindes registriert und in sieben verschiedenen Entwicklungskategorien und fünf Skalen für pathologisches Verhalten eingeordnet. So entstehen Profile der relativen Stärken und Schwächen, die sich graphisch darstellen lassen.

Die Entwicklungsskalen werden unterteilt in: Imitation, Wahrnehmung, Feinmotorik, Grobmotorik, Augen- Hand- Koordination, kognitive und verbale Leistungen.

Skalen des pathologisches Verhaltens sind: Affektivität, sozialer Kontakt und Kooperationsverhalten, Materialbetätigung und Spielverhalten, Einsatz von Sinnesmodalitäten sowie Sprachverhalten. Die Ergebnisse werden in ein Protokollheft eingetragen und daraus ein Profilblatt zusammengestellt.

1.3.2. DSM-IV

Die wichtigsten Werkzeugen(Weiß, 2002, S.24) des Diagnostikers sind das DSM-IV sowie das ICD-10.

In der internationalen Klassifikation von Krankheiten (International Classification of Dieases) ICD-10 der Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) von 1993(Kehrer, 2000, S.51) ist der frühkindliche Autismus unter der Nummer F84.0 aufgeführt. Ausführlicher wird der Autismus im Diagnostischen und statistischen Manual psychischer Störungen DSM-II-R der American Psychiatric Association von 1991 dargestellt, und zwar unter den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen (Achse II). Das autistische Syndrom wird hier unter der Nummer 299.00 als autistische Störung bezeichnet. Die beiden Werke sind sich mittlerweile anerkannt, in der Regel wird in Deutschland jedoch mit dem DSM-IV gearbeitet.

Autistische Syndrome werden hier zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen und nicht mehr wie früher zu den Psychosen gerechnet. Damit wird als wesentliches Merkmal ein qualitativer Unterschied im Vergleich zur normalen Entwicklung hervorgehoben.

„ DSM-IV

(Online im Internet: Autismus-Hilfe für das autistische Kind.)

(1) Qualitative Beeinträchtigungen der zwischenmenschlichen Beziehungen;
(2) Beeinträchtigungen der Kommunikation und Phantasie (es lernen etwa 50% niemals sprechen);
(3) ein deutlich eingeschränktes Repertoire von Aktivitäten und Interessen.

Zahlreiche weitere Symptome können vorliegen wie z.B. Probleme bei der Nahrungsaufnahme, Schlaf- und Reinlichkeitsprobleme, Aggressivität, selbstverletzendes Verhalten und fehlende Angst vor realen Gefahren. Solche Verhaltensauffälligkeiten bereiten den Familien und Betreuern oft ähnlich große Probleme wie die primären autistischen Eigenarten. In vielen Fällen ist die Intelligenz weitaus geringer als beim Durchschnitt. Bei autistischen Patienten kommen häufig neurologische Auffälligkeiten wie z.B. Epilepsien vor (bis zu einem Drittel haben in der Kindheit oder im Jugend epileptische Anfälle).

Im DSM-IV wird der frühkindliche Autismus den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet und durch folgende diagnostische Kriterien beschrieben:

A. Es müssen mindestens sechs Kriterien aus (1), (2) und (3) zutreffen, wobei mindestens zwei Punkte aus (1) und je ein Punkt aus (2) und (3) stammen müssen:

(1) qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion in mindestens zwei der folgenden Bereiche:

(a) ausgeprägte Beeinträchtigung in vielfältiger nonverbaler Verhaltensweisen, wie beispielsweise Blickkontakt, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Gestik zur Steuerung sozialer Interaktionen,
(b) Unfähigkeit, entwicklungsgemäße Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen,
(c) Mangel, spontan Freude, Interessen oder Erfolge mit anderen zu teilen (z.B. Mangel, anderen Menschen Dinge oder Ereignisse, die für die Betroffenen von Bedeutung sind, mitzuteilen),
(d) Mangel an sozio- emotionaler Gegenseitigkeit;

(2) qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation in mindestens einem der folgenden Bereiche:

(a) verzögertes Einsetzen oder völliges Ausbleiben der Entwicklung von gesprochener Sprache (ohne den Versuchzu machen, die Beeinträchtigung durch alternative Kommunikationsformen wie Gestik oderMimik zu kompensieren),
(b) bei Personen mit ausreichendem Sprachvermögen deutliche Beeinträchtigung der Fähigkeit, ein Gespräch zubeginnen oder fortzuführen,
(c) stereotyper oder repetitiver Gebrauch der Sprache oder idiosynkratische Sprache,
(d) Fehlen von verschiedenen entwicklungsgemäßen Rollenspielen oder sozialen Imitationsspielen;

(3) beschränkte, repetitive und stereotype Verhaltensweisen, Interessen und Aktivitäten in mindestens einem der folgenden Bereiche:

(a) umfassende Beschäftigung mit einem oder mehreren stereotypen und begrenzten Interessen, wobeiInhalt und Intensität abnorm sind,
(b) auffällig starres Festhalten an bestimmten nichtfunktionalen Gewohnheiten oder Ritualen,
(c) stereotype und repetitive motorische Manierismen (z.B. Biegen oder schnelle Bewegungen von Händen oder Fingern oder komplexe Bewegungen des ganzen Körpers),
(d) ständige Beschäftigung mit Teilen von Objekten.

B. Beginn vor dem dritten Lebensjahr und Verzögerungen oder abnorme Funk-tionsfähigkeit in mindestens einem der folgenden Bereiche:

(1) soziale Interaktion,
(2) Sprache als soziales Kommunikationsmittel oder
(3) symbolisches oder Phantasiespiel.

C. Die Störung kann nicht besser durch die Rett-Störung oder die Desintegrative Störung im Kindesalter erklärtwerden.“

1.3.3. „ICD-10

(Online im Internet: Autismus-Hilfe für das autistische Kind.)

In der ICD-10 wird der frühkindliche Autismus ebenfalls zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gerechnet. Er ist darin definiert durch:

– eine abnorme oder beeinträchtigte Entwicklung, die sich vor dem 3. Lebensjahr manifestiert,
– eine gestörte Funktionsfähigkeit in den Bereichen der sozialen Interaktion und der Kommunikation sowie durch eingeschränktes repetitives Verhalten.

Die Störung tritt bei Jungen drei- bis viermal häufiger auf als bei Mädchen.

Die Diagnosekriterien (Forschungskriterien) der ICD-10 lauten:

A. Vor dem dritten Lebensjahr manifestiert sich eine auffällige und beeinträchtigte Entwicklung in mindestens einem der folgenden Bereiche:

1. rezeptive oder expressive Sprache, wie sie in der sozialen Kommunikation verwandt wird
2. Entwicklung selektiver sozialer Zuwendung oder reziproker sozialer Interaktion
3. funktionales oder symbolisches Spielen.

B. Insgesamt müssen mindestens sechs Symptome von 1., 2. und 3. vorliegen, davon mindestens zwei von 1. und mindestens je eins von 2. und 3.:

1. Qualitative Auffälligkeiten der sozialen Interaktion in mindestens drei der folgenden Bereiche:

a. Unfähigkeit, Blickkontakt, Mimik, Körperhaltung und Gestik zur Regulation sozialer Interaktionen zu verwenden
b. Unfähigkeit, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzunehmen, mit gemeinsamen Interessen, Aktivitäten und Gefühlen (in einer für das geistige Alter angemessenen Art und Weise trotz hinreichender Möglichkeiten)
c. Mangel an sozio- emotionaler Gegenseitigkeit, die sich in einer Beeinträchtigung oder devianten Reaktion auf die Emotionen anderer äußert; oder Mangel an Verhaltensmodulation entsprechend dem sozialen Kontext; oder nur labile Integration sozialen, emotionalen und kommunikativen Verhaltens
d. Mangel, spontan Freude, Interessen oder Tätigkeiten mit anderen zu teilen (z.B. Mangel, anderenMenschen Dinge, die für die Betroffenen von Bedeutung sind, mitzuteilen.

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Details

Seiten
28
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638445061
ISBN (Buch)
9783638818018
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47594
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1
Schlagworte
Autismus Diagnose Merkmale Krankheitsverlauf

Autor

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Titel: Autismus. Diagnose, Merkmale, Krankheitsverlauf