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Potential und Grenzen der Interkomprehension zur Förderung der Lesefertigkeit

Hausarbeit 2017 13 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Interkomprehension im Fremdsprachenunterricht
2.1 Zum Begriff der Interkomprehension
2.2 Prinzip der Interkomprehension als Verstehensstrategie
2.3 Brückensprachen und Spontangrammatik
2.4 Anwendung im Fremdsprachenunterricht

3 Ausgewähltes Projekt zur Interkomprehension im Fremdsprachenunterricht
3.1 Beschreibung
3.2 Auswertung

4 Potentiale und Grenzen der Interkomprehension im Fremdsprachenunterricht

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der Historie verständigten sich Völker untereinander, ohne die Sprache des jeweils anderen Volks beherrscht zu haben. Beispielsweise die Skandinavischen Länder kommunizierten in ihren eigenen Muttersprachen miteinander, wobei sie sich natürlichen, aktiven Problemlösungsstrategien, wie zum Beispiel dem Paraphrasieren oder Neuformulierungen, bedient haben, damit sich ihr Anliegen dem Gesprächspartner erschließt (Ollivier, 2013: 14). Dieses Phänomen ist unter dem Konzept der Interkomprehension bekannt. Es nimmt Einfluss auf die didaktische Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts, wobei die über einen langen Zeitraum erworbenen, individuellen und intuitiven Fähigkeiten eines jeden genutzt werden können.

Im Rahmen dieser Hausarbeit wird der Frage nachgegangen, was man unter dem Begriff der Interkomprehension versteht, wie man sie in den Unterricht eingliedern kann, welche Potentiale darin liegen, die die Lehrkraft zum Einsatz der Didaktik bewegen können und schließlich wo die Grenzen liegen. Es wird auf das Prinzip der Bewusstmachung und auf das Konzept des Transfers eingegangen, wobei sich die gesamte Hausarbeit ausschließlich auf die rezeptiven sprachlichen Leistungen beschränkt – genauer gesagt: auf die Lesekompetenz, denn sie stellt für junge und ältere Erwachsene das am leichtesten zu erwerbende und effektivste Fundament zum späteren Ausbau der Hör-, Schreib- und Sprechkompetenz dar (Klein, 2000: 12). Spracherwerb fängt immer mit Rezeption an, sowohl beim Erst- als auch beim Zweitsprachenerwerb. Um die Idee der Interkomprehension zu stützen, wird eine empirische Forschung vorgestellt und somit beispielhaft aufgezeigt, wie man sie im Fremdsprachenunterricht sinnvoll einsetzen kann. Das Phänomen der Interkomprehension wird am Beispiel des romanischen Sprachenzweigs veranschaulicht. Die meisten Sprachen Europas gehören der indogermanischen Sprachfamilie an, wobei dieser verschiedene Sprachgruppen untergeordnet sind und es innerhalb der Sprachzweige jeweils Merkmale gibt, die nur für sie spezifisch sind. Deshalb wird die Annahme vertreten, dass es leichter ist, Sprachen zu lernen, die derselben Sprachgruppe angehören und somit noch stärker miteinander verwandt sind (Ollivier, 2013, S.15). Abschließend werden die gesammelten Informationen und Erkenntnisse noch einmal kurz zusammengefasst.

2 Interkomprehension im Fremdsprachenunterricht

Dieses Kapitel befasst sich zunächst mit der Beschreibung des Begriffs der Interkomprehension. Darauf aufbauend geht es um die Vorgehensweise der Nutzung, also wie man dieses Phänomen zum Fremdsprachenlernen einsetzen kann. Weiterhin geht es um die Rolle von Brückensprachen und der Spontangrammatik und letztendlich um die Anwendung im Fremdsprachenunterricht.

2.1 Zum Begriff der Interkomprehension

Der Begriff der Interkomprehension wird in der Wissenschaft different betrachtet und verschieden definiert. Grundsätzlich wird angenommen, dass es sich dabei um die Erschließung der Bedeutung einer Sprache handelt, ohne diese nach formalen Mustern zu beherrschen. Bär (2009: 24) beschreibt es als „das partielle Verstehen einer Sprache, die man nicht formal (z.B. in der Schule) gelernt hat“. Bei dem angesprochenen Verstehensprozess geht es vordergründig um die beiden rezeptiven Fertigkeiten: das Lese-und das Hörverstehen. Des Weiteren wird das Konzept der Interkomprehension als die Nutzung von Sprachverwandtschaftsbeziehungen zur Er- und Vermittlung von Sprachkenntnissen beschrieben (Bär, 2004: 121). Dabei wird sich auf die vielfältigen Gemeinsamkeiten der Sprachen innerhalb der Sprachfamilien gestützt und diese den Lernern bewusstgemacht (Hildenbrand, 2012 :12). Interkomprehension kann man somit als die Entwicklung neuer Sprachkompetenzen, dabei insbesondere Verstehenskompetenzen, durch das Vergleichen von Sprachen und das Verknüpfen des vorhandenen Sprachwissens mit diesen beschreiben.

2.2 Prinzip der Interkomprehension als Verstehensstrategie

Die obigen Ausführungen werfen folgende zu untersuchende Fragen auf:

1. Wie kann man die Interkomprehension beim Fremdsprachenlernen und -lehren im Unterricht nutzen?
2. Welche mentalen Prozesse laufen dabei ab?

Beiden Fragen wird in den folgenden Kapiteln nachgegangen.

Setzt man die Prämisse, ein Mensch hat bereits mehrere Sprachen erworben, inklusive seiner Erstsprache, liegt ein fundiertes Sprachenrepertoire vor, welches er benutzen kann, um eine fremde Sprache zu erschließen. Dabei ist zu beachten, dass die Sprachen auf unterschiedlichem Niveau beherrscht werden können und auch die Kompetenz variiert.

Im mentalen Lexikon werden dabei Verknüpfungen hergestellt, diese mit der unbekannten Fremdsprache in Verbindung gebracht und es wird versucht, Wissen zu transferieren, um zu ermitteln, was ein bestimmtes Wort, ein Satz oder eine Phrase bedeutet. Man bezieht sowohl unbewusst als auch bewusst sein sprachliches Vorwissen und sein gesamtes (Welt-)Wissen, welches individuell geprägt ist, mit in diesen Erschließungsprozess ein und man arbeitet logisch mit dem gegebenen Kontext (Bär, 2009: 37f).

Das soeben Beschriebene ist Teil des Prinzips der Bewusstmachung. Es wird verstärkt darauf geachtet, die Lernenden für das Erkennen und Anwenden bereits zuvor erworbenen Wissens und der Erstsprache zu sensibilisieren, was auf Grundlage des konstruktivistischen Lernmodells geschieht (Reissner, 2007: 7). Das Vorwissen der Lernenden spielt bei dieser Lerntheorie eine besondere Rolle und beinhaltet nicht nur sprachliches Wissen, sondern auch Lernstrategien, Kulturkenntnisse und weitere Ressourcen, auf die die Lernenden zurückgreifen können und die ihnen Sicherheit geben. Demzufolge wird angenommen, dass jedes Individuum einen unterschiedlichen Wissensstand besitzt (Wolff, 1999: 42, zitiert nach Bär, 2009: 36).

Einen festen Platz hat dabei der Begriff des Transfers als zentrales Konzept im Rahmen des interkomprehensiven Sprach(en)erwerbs (Reissner, 2007: 57). Es handelt sich dabei um „das Übertragen vorhandenen Wissens auf einen (unbekannten) Kontext“, welches meist bewusst abläuft (Reissner, 2007: 58). Insbesondere beim interkomprehensiv basierten Leseverstehen wird den zwischensprachlichen Vergleichen eine große Rolle zugeschrieben, bei denen das Vorwissen bedeutsam ist (Reissner, 2007: 61). Wenn es um das Ausmaß des Transfers geht, ist es in der Regel entscheidend, wie groß die topologische Ähnlichkeit zwischen einer Sprache A und einer Sprache B ist („je ähnlicher desto stärkere Transferaktivität“) (Klein, 2004: 45; Meißner, 2003: 93, zitiert nach Reissner, 2007:83).

Es wird zwischen drei verschiedenen Typen des Transfers unterschieden: Dem intralingualen – innerhalb der einen Sprache –, dem interlingualen – innerhalb der zur Verfügung stehenden Sprachen - und dem didaktischen Transfer, wobei es sich um die Übertragung von Lernressourcen und -strategien handelt (vgl. Meißner, 2006: 64, zitiert nach Prokopowicz, 2017: 41). Wird vom positiven Transfer gesprochen, handelt es sich um eine erfolgreiche Übertragung und Anwendung des Vorwissens. Es kann auch zum negativen Transfer kommen, was bedeutet, dass ebendies nicht geschehen ist. Im Gegenteil, es ist zu Fehlern beziehungsweise Irrtümern gekommen, welche als Interferenzen bekannt sind (Reissner, 2007: 71). Ein treffendes Beispiel für Beides ist Folgendes:

house (engl.) = Haus (dt.)
aber: chef (engl.) ≠ Chef (dt.) ➔ chef = Koch, boss= Chef
(vgl. http://www.englisch-hilfen.de/words/false_friends.htm)

Das Prinzip der Interkomprehension basiert auf dem positiven Transfer, jedoch kann es auch zum negativen Transfer kommen kann, welcher Irrtümer nach sich zieht. Bei dem obigen Beispiel ist sowohl der Eine, als auch der Andere zu beobachten. Als ein bekannter Interferenzfehler sind die sogenannten False Friends zu nennen. Man denkt, dass es das eine Wort sein muss, welches sich so ähnlich anhört zu dem in der eigenen Muttersprache, jedoch ist die Annahme falsch und es handelt sich um ein gänzlich anderes Wort.

2.3 Brückensprachen und Spontangrammatik

Im vorangegangenen Kapitel ging es um Erschließungsprozess durch das In-Beziehung-Setzen der bekannten Elemente aus dem Vorwissen mit den neuen Elementen. Dies ist die erste Phase bei der Rezeption fremdsprachiger Texte. Als zweite Phase folgt das Aufstellen einer Spontangrammatik, welche in der dritten und letzten Phase ausgetestet und entweder verifiziert oder falsifiziert wird. Anlehnend an den oben aufgeführten und erklärten Begriff des Transfers werden zwei weitere Formen dessen kurz aufgegriffen: der proaktive und der retroaktive Transfer. Beim proaktiven Transfer geht es um sprachliche Schemata, die aus allen dem Sprecher zur Verfügung stehenden Sprachen auf die Zielsprache übertragen werden. Beim retroaktiven Transfer handelt es sich um Verarbeitungsprozesse, die sich von der Zielsprache auf die schon bekannten Sprachen vollziehen (Prokopowicz, 2017: 41). Zunächst werden die Brückensprachen spezifiziert, da diese sowohl in der ersten Phase als auch in der zweiten wiederzufinden sind. Daran anschließend geht es um die Spontangrammatik, welche sich wiederum auf die Brückensprachen stützt und auch daraufhin erst entsteht.

Brückensprachen erlangen im Hinblick auf die Transferprozesse eine bedeutsame Rolle. Sowohl diese als auch die Zielsprache werden durch ständiges Vergleichen modifiziert und angepasst, was im Rahmen der sogenannten Hypothesengrammatik geschieht (Prokopowicz, 2017: 41). Man versucht, bestimmte Elemente aus einer bereits bekannten auf die fremde verwandte Sprache zu übertragen. Brückensprachen fungieren als eine Hilfestellung für das Erschließen der verwandten Fremdsprache (Reissner, 2007: 82ff). Aus diesem Grund erhalten sie auch einen besonderen Status in der Bildung, denn sobald die Lernenden diese Sprachen auf einem guten Kompetenzlevel beherrschen, dienen sie als eine Transferbasis für ihre nahverwandten Sprachen (Bär, 2004: 165). Sie bilden den Ausgangspunkt für das weitere Lernen von Sprachen derselben Sprachfamilie. Am Beispiel der romanischen Sprachen hat sich herausgestellt, dass das französische Basislexikon einen hohen Anteil potentieller Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Zielsprachen Englisch, Italienisch und Spanisch hat, denn im Durchschnitt sind ungefähr 80% des französischen Grundwortschatzes für den interlingualen Transfer nutzbar (Reissner, 2007: 85). Daraus resultierend steckt hier ein hohes Potential des lexikalischen Transfers nur aufgrund der Ähnlichkeit des Grundwortschatzes.

Allgemein bekannt war bisher die Annahme, dass Latein die effektivste Ausgangssprache sei, um romanische Sprachen einfacher lernen zu können. Neuere Forschungen haben jedoch ergeben, dass der Zeitaufwand, um diese tote Sprache zu lernen, zu hoch ist und auch, dass aktive romanische Sprachen bessere Brückensprachen darstellen, da sie einander ähnlicher sind und den Latinisten lediglich der lexikalische Transfer einen Vorteil verschafft, nicht jedoch beispielsweise der morphosyntaktische (Klein, 2004: 28ff). Dennoch ist Latein sehr nützlich und kann durchaus angewendet werden und zu positiven Ergebnissen führen, nur ist zu beachten, dass lebende Sprachen einen weitaus größeren Nutzen darstellen.

Die Qualität der Brückensprache ist von der zu erwerbenden Zielsprache abhängig. Dazu wird nicht nur die Anzahl der lexikalischen Parallelen gewertet, welche eine außerordentliche Erleichterung darstellen, sondern es geht auch um die Menge und Qualität der korrelierenden formalen Einheiten. Um im Fremdsprachenunterricht eine Brückensprache bewusst einzusetzen, muss sich die Lehrkraft für die am besten geeignetste entscheiden um adäquates Lehr- und Übungsmaterial zu erstellen (Reissner, 2007: 87).

Im Weiteren soll die Spontangrammatik, auch als Hypothesengrammatik bezeichnet, erläutert werden. Diese schließt sich fast nahtlos an die Verknüpfung des Vorwissens mit den fremden Elementen an, da in dieser Phase Hypothesen darüber aufgestellt werden, wie die Zielsprache funktioniert. Dies wird ständig überprüft, revidiert, verbessert und dabei entweder verifiziert oder falsifiziert (Reissner, 2007: 65). Die Spontangrammatik unterliegt kontinuierlicher Veränderung. Es gibt intralingual und interlingual ablaufende Prozesse.

Bei den intralingualen Prozessen handelt es sich um Regularitäten, welche innerhalb der Zielsprache entdeckt werden. Bei den interlingualen Prozessen geht es um die Erkenntnisse über das Funktionieren der Zielsprache in Verbindung mit den individuellen Vorkenntnissen (Reissner, 2007: 65). Am Ende der pro- und retroaktiv ablaufenden Erschließungsprozesse steht das Erschließungsresultat, welches dann sowohl auf den Brückensprachen als auch auf der Kreation der Spontangrammatik gründet und dabei spielen die mentalen Prozesse eine bedeutende Rolle für den Erfolg beziehungsweise Misserfolg der Interkomprehension.

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Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668953246
ISBN (Buch)
9783668953253
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v475196
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Auslandsgermanistik/Deutsch als Fremd- und Zweitsprache
Note
2,3
Schlagworte
potential grenzen interkomprehension förderung lesefertigkeit

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