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Männlichkeit und Homosexualität bei Muslimen mit Migrationshintergrund - Religiöse und soziokulturelle Einflüsse, individuelle Bewältigungsstrategien und Lebensentwürfe

Diplomarbeit 2005 75 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung
1. Vorwort
2. Einführung
3. Anmerkung zu Inhalt und Terminologie der Arbeit

II Geschichtliche und religiöse Hintergründe
1. Kleiner geschichtlicher Exkurs zu Männlichkeit und mann-männlicher Liebe und Sexualität
2. „Homosexualität und Männlichkeit“ im Islam - Der Koran und die Sunna
2.1 Zu Entstehung und Inhalt des Koran – Anmerkung zur Exegese
2.2 „Homosexualität“ im Koran
3. Verurteilt der Koran Homosexualität als Sünde? – Interview mit dem niederländischen Imam Abdulwahid van Bommel

III „Familie und Männlichkeit“ am Beispiel der Türkei
1. Traditionelle Familienstrukturen in der bäuerlichen türkischen Gesellschaft
2. Die Zentralen Begriffe „Ehre“ und „Moral“ und die Verknüpfung mit Männlichkeit
3. Männlichkeit und Männerbilder in der Türkei
3.1 Sex und Gender – Zum sozialen Konstrukt von Männlichkeit im Allgemeinen und in der Migrationssituation im Besonderen
3.2 Männlichkeit erlernen - Der schwierige Weg vom Kind zum Mann
3.3 Der türkische Mann im Wandel der Zeit

IV „Homosexualität“ in der islamischen Kultur
1. Zur Kategorisierung von „Homosexualität“ - Was wird als „homosexuell“ angesehen?
2. Körperliche Nähe in mann-männlichen Beziehungen

V „Homosexualität“ bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund
1. „Bei uns gibt es keine Schwulen“ - Der Umgang mit Homosexualität bei Migrantenjugendlichen
2. Fragen an Muslimische schwule Männer in Deutschland
3. Spezifische Identitätskonflikte von schwulen Migranten und mögliche „Bewältigungsstrategien“
4. Entwicklungen und Zukunftsaussichten

VI „Islam und Homosexualität“ in der Sozialarbeit
1. Zur Bedeutung und Dringlichkeit des Diskurses „Homosexuelle Muslime“ in der Migrationssozialarbeit und der Politik
2. Ein Beispiel der Selbstorganisation aus der Praxis: „Türk-Gay & Lesbian LSVD“ e.V.
2.1 Gründung und Ziele
2.2 Warum eine türkische Einrichtung?
2.3 Beratungsangebot und Hilfe
2.4 Aktivitäten und Öffentlichkeitsarbeit

VII Schlussbetrachtung

VIII Anhang
1. Stichwortverzeichnis
2. Quellen- und Literaturverzeichnis
3. Kontaktadressen

I Einleitung

1. Vorwort

Islam und Homosexualität. Bereits in den Jahren vor meinem Studium der Sozialarbeit wurde mir in zahlreichen Begegnungen mit homosexuellen muslimischen Männern und Frauen die Brisanz dieses Themas bewusst. Auch wenn sie oftmals hier geboren waren, berichteten sie von Problemen und Konflikten, die mir in der Form nicht bekannt waren. Noch konkreter wurde die Konfrontation mit der Thematik in später folgenden engeren Beziehungen mit Türken. Es wurde mir bewusst, wie 'delikat' eine solche Verbindung sein kann und man hier mit ganz anderen Problemstellungen konfrontiert ist. Davon konnte ich in vielerlei Hinsicht profitieren, da man im Nachhinein mit einer ganz anderen Sensibilität heran geht.

Bereits im ersten Semester des Studiums an der Fachhochschule Frankfurt hatte ich die Möglichkeit, „Islam und Homosexualität“ zum Thema einer Hausarbeit bei Herrn Jürgen Esch zu machen. Aufgrund seiner positiven Resonanz und der Idee, dieses Thema zu gegebener Zeit zu einer Abschlussarbeit auszuweiten, liegt diese Arbeit nun vor Ihnen. Auch wenn das Thema dieser beiden Arbeiten in der Fragestellung sehr ähnlich ist, war ein großer Vorteil bei dieser Diplomarbeit doch auch, dass sich in der Zwischenzeit diesbezüglich einiges getan hat, was mir sehr weitergeholfen hat: Neben dem rasanten Ausbau des Internets gibt es viel mehr (und vor allem auch deutschsprachige) Literatur, eine Unmenge an (Internet-)Adressen, Filme sowie mehrere Institutionen und Menschen im gesamten Bundesgebiet, die sich mit dieser Thematik befassen.

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle einigen Menschen danken, ohne die diese Arbeit in der Umsetzung sehr viel schwieriger geworden oder möglicherweise gar nicht erst entstanden wäre: Herrn Prof. Dr. Stefan Gaitanides für die Betreuung und die teils sehr zeitintensiven Gespräche; Yalçın Ata für die seelische und moralische Unterstützung; Abdulwahid Van Bommel für die Ermöglichung des 'Interviews' und die konstruktive Kritik bezüglich der Fragen; Andreas Ismail Mohr dafür, dass ich immer mit Anfragen 'stören' konnte und für die Vorbereitung des Interviews; Fatmir und alle anderen Jungs (welche ich aus Gründen des Datenschutzes nicht mit Namen nennen möchte), die sich so bereitwillig erklärt haben, meine Fragen (zum Teil sehr ausführlich und trotz widriger Umstände) zu beantworten und mir dadurch einen Einblick in das Leben von schwulen und bisexuellen Moslems ermöglicht haben. Danke! Rob Jacobs für die freundliche Unterstützung bei der Übersetzung aus dem Niederländischen, Herrn Jürgen Esch für die positive Resonanz im damaligen Kurs und das Angebot, mir bei Fragen stets zur Seite zu stehen; allen anderen Personen, die mir bei der Informationsbeschaffung behilflich waren und last but not least meinen Eltern, dafür, dass sie mir durch ihre Unterstützung geholfen haben, während der Bearbeitungsphase nicht jobben zu müssen.

Marcello Kloss

Frankfurt am Main, im Oktober 2005

2. Einführung

Es vergeht kaum eine Woche, in der Medien oder Politik nicht über Männer mit Migrationshintergrund, vor allem aus muslimischen Kulturkreisen, berichten. Man kann dabei getrost feststellen, dass das darin vermittelte Bild des muslimischen Jugendlichen und Mannes nicht allzu oft positiv ist. Egal ob es der „kleinkriminelle Marokkaner“, der „Frauen-prügelnde Kurde“, der „fundamentalistische Algerier“ oder der „ehrenmordende Türke“ ist, in den Medien wird zum größten Teil über ihn berichtet. Der integrierte Moslem oder andere unauffälligere Gruppen innerhalb der muslimischen Community in Deutschland werden hingegen kaum wahrgenommen. Zum größten Teil bestätigen diese Berichte über Jahrzehnte gewachsene Vorurteile, da die Wahrnehmung derselben nur sehr selektiv sein kann. So hält sich auch im Jahr 2005 noch hartnäckig das Klischee des patriarchischen Macho, der gefühlskalt ist aber äußerst extrem reagiert und hart durchgreift, wenn sein Stolz oder Rechtsempfinden verletzt wird. Es stellt sich die Frage, ob in diese Vorstellung, die teilweise (aber eben nur teilweise) durchaus ihre Berechtigung hat, auch ein anderes Männerbild passt. Wie wird beispielsweise mit einem muslimischen Schwulen umgegangen, der so gar nicht ins traditionelle Bild des orientalischen Macho passen will? Sicherlich, auf den ersten Blick würde man die Verbindung Moslem und schwul wohl negieren oder zumindest als sehr problematisch einstufen. Trotzdem bleibt es eine unbestrittene Tatsache, dass es innerhalb jeder Nation, jeder Religion und bei beiderlei Geschlecht Homosexualität gibt. Ein Blick in die Schwulenszene der Großstädte beweist dies ebenso, wie ein Aufenthalt in den zahlreichen einschlägigen Chatrooms. Und auch wenn man in Öffentlichkeit und Medien aber auch in spezifischeren Bereichen (wie dem der Sozialarbeit) erstaunlich wenig darüber hört, existieren auch sie: die schwulen Türken, Tunesier, Perser und Araber.

Interessant ist diesbezüglich, wie eine relativ strikte Definition von Männlichkeit, so wie sie im arabischen, persischen und türkischen Kulturkreis vorherrscht, mit mann-männlicher Sexualität zusammen passt. Schließen sie sich tatsächlich kategorisch aus? Und wie gehen Betroffene mit den männlichen Rollenerwartungen ihrer Communities und ihres Umfeldes um?

Die beiden Themen Homosexualität und Männlichkeit sollen in dieser Arbeit, unter Berücksichtigung verschiedener relevanter Aspekte wie Religion, Tradition, Familie und soziokulturelle Einflüsse, analysiert werden. Dabei soll der Radius der Themen nach und nach so minimiert werden, dass es schließlich am Ende - nach Abwägung aller Faktoren - möglich sein sollte, einen unmittelbaren Bezug zum Alltag homosexueller Muslime in Deutschland, aber auch dem Beruf der Sozialarbeit im Allgemeinen, zu ziehen: Aus einer eher weiten und globalen Ansicht durch die Religion führt die Reise, nach einem Ausblick in ein exemplarisch ausgewähltes muslimisches Land (der Türkei), nach Deutschland, um durch die Betrachtung spezifischer Einzelfälle den Kreis zu schließen.

Da sich die Vorstellungen bezüglich Homosexualität und Männlichkeit im muslimischen Kulturkreis deutlich vom westeuropäischen Kontext unterscheiden, muss zunächst eine terminologische und inhaltliche Abgrenzung zum besseren Verständnis erfolgen.

Das erste Kapitel dient als Annäherung an das Thema und führt uns in den Bereich von Geschichte und Religion. Neben einem kurzen Exkurs zu mann-männlicher Liebe und Sexualität im Verlauf der islamischen Geschichte wird der Fokus auf Fragen der Religion liegen: Was sagt der Koran zu Homosexualität? Verurteilt er sie tatsächlich als Sünde, die mit dem Tod bestraft werden muss? Gibt es noch andere religiöse Aspekte oder 'Instanzen' im Islam, die bei der Beurteilung des Themas berücksichtigt werden müssen? Abgerundet wird dieser Themenkomplex durch ein Interview mit dem niederländischen Imam und Islamwissenschaftler Abdulwahid Van Bommel zum Thema Homosexualität, welches aufgrund der örtlichen Entfernung leider nur in Schriftform geführt werden konnte.

Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit dem zweiten wichtigen Aspekt, welcher bei einer Behandlung der Thematik 'Schwule Muslime' nicht fehlen darf: Die Bedeutung von Familie, die Rolle des Mannes innerhalb derselben und die Definition von Männlichkeit anhand der zentralen Begriffe 'Ehre' und 'Moral'. Um diesen Aspekt einzugrenzen, wurde eine territoriale Eingrenzung auf ein islamisches Land, nämlich die Türkei, vorgenommen. Neben einem Blick auf die traditionellen Familienstrukturen in der bäuerlichen türkischen Gesellschaft und dem damit zusammenhängenden Ehrbegriff werden die Themen 'Männlichkeit' und 'Männerbilder' in der Türkei dargestellt. Die Behandlung dieser Aspekte ist nahezu Voraussetzung für das Verständnis der Bedeutung und Definition von Homosexualität im muslimischen Kulturkreis. Wie bereits angedeutet, ist der Kontext von Homosexualität im Westen ein komplett anderer und kann nicht ohne weiteres auf die orientalisch-arabische Welt übertragen werden. Mann-männliche Nähe, Zuneigung und Sexualität sind zwei Aspekte des vierten Kapitels.

An dieser Stelle folgt ein kleiner Schnitt. Während die vorangegangen Themen recht 'global' gehalten sind, soll nun der Blick auf Deutschland und die Migrationssituation gewendet werden. Dabei werden sowohl die Aspekte Sozialisation und Identitätsbildung von muslimischen Jugendlichen in Deutschland, als auch spezifische Fallbeispiele vorgestellt.

Eine allgemeine Betrachtung homosexueller Muslime und deren Sichtweisen zu Religion und Familie wurde durch Fragebogen und persönliche Gespräche mit insgesamt sieben jungen schwulen Moslems verschiedener Herkunft ermöglicht. Daneben lernen wir vier junge Männer kennen, die über ihre ganz spezifischen Erfahrungen und Bewältigungsstrategien berichten. An dieser Stelle lohnt sich auch ein Blick auf den Umgang mit und die Bedeutung von Homosexualität generell unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Das letzte Kapitel wirft einen Blick auf die Praxis und stellt ein Beispiel der Selbstorganisation schwuler Muslime in Deutschland exemplarisch vor: Der Verein Türk-Gay & Lesbian LSVD e.V.

Abschließend wird die Frage diskutiert, warum die Problematik 'Homosexualität und Islam' in Zukunft noch ausgeprägter ins Blickfeld von Politik, Sozialarbeit aber auch von Medien und Gesellschaften - hier sowohl die Mehrheits- als auch die Minoritätengesellschaften - treten muss und warum auch hier eine Professionalisierungsdebatte dringend notwendig ist.

Ziel dieser Arbeit soll es weniger sein, eine These aufzustellen, warum schwule Muslime diese und jene Probleme haben; dies würde der Vielfalt der nationalen und individuellen Unterschiede nicht gerecht werden. Gerade die Fallbeispiele zeigen, wie unterschiedlich heute in Deutschland auch unter Muslimen damit umgegangen wird. Man kann deshalb sicherlich nicht verallgemeinern. Stattdessen soll versucht werden, anhand der Betrachtung traditioneller Herkunftskulturen und Gesellschaftsstrukturen wertfrei zu erklären, dass und warum es unterschiedliche Auffassungen bezüglich mann-männlicher Sexualität gibt und ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Anhand dieses Kontextes soll untersucht werden, welche Auswirkung diese differierenden Vorstellungen auf betroffene Jugendliche, Männer und Familien mit Migrationshintergrund haben und inwieweit es doch mögliche Abweichungen zu deutschstämmigen Schwulen geben kann.

3. Anmerkung zu Inhalt und Terminologie der Arbeit

Zum Verständnis der folgenden Arbeit müssen noch einige Anmerkungen bezüglich der Terminologie und der Gültigkeit der Aussagen gemacht werden.

Das Thema lautet Muslime und Homosexualität. Es ist jedoch ganz offensichtlich, dass man nicht von DEN Muslimen reden kann. Unterscheiden sich Einstellungen zu Moral und Recht oftmals schon innerhalb eines einzigen Landes oder einer Gesellschaft, so ist das Spektrum bei einem weit gefassten Begriff wie Muslime noch größer. Über 1,2 Milliarden Menschen bekennen sich weltweit zum Islam (vgl. www.WDR5.de 2001) und die geographische Expansion erstreckt sich über mehrere Kontinente – von Zentral- und Nordafrika über Südosteuropa bis hin zu den arabischen Ländern und Südostasien. Ganz zu schweigen von den Millionen von emigrierten Muslimen in nahezu jedem Land. Allgemeingültige Aussagen zu einem Thema im muslimischen Kulturkreis zu treffen, ist aus diesem Grund und als Folge der verschiedensten Gesellschaftsformen und Traditionen nicht möglich. Allerdings lassen sich – gerade im Hinblick auf für das Thema Homosexualität relevante Merkmale – einige Tendenzen erkennen. Der Fokus der Betrachtung soll dabei hauptsächlich auf den Ländern des so genannten „Kern-Islam“ liegen. Dazu gehören neben den nordafrikanischen und den arabischen Ländern auch der Iran und die Türkei. (vgl. Schmitt / Sofer 1995, S. 4) Diese Länder haben einen gemeinsamen historischen Hintergrund und ähneln sich in Aspekten der Gesellschaftsstruktur, teilweise der Traditionen, der Definition und den Merkmalen von Männlichkeit und der Einstellung gegenüber Homosexualität: All diese Länder gehörten einst zum südlichen Imperium Romanum (minus Iran) bzw. dem Reich Alexanders des Großen (minus Nordwest Afrika). (vgl. Schmitt 1995, S. 6)

Andere heute islamischen Länder hingegen, wie beispielsweise Indien oder andere Nationen Südostasiens und Mittelafrikas stehen bezüglich ihrer soziokulturellen Strukturen noch eher in der Tradition der prä-islamischen Ursprungskulturen. (vgl. Schmitt / Sofer 1995, S. 4)

Auch wenn ein Teil dieser Arbeit generell die Haltung der Religion und teilweise die Situation in einigen islamischen Ländern thematisiert, soll das Hauptaugenmerk hier vor allem auf die Auswirkung derselben auf die in Deutschland lebenden Muslime und die sich daraus ergebenden Aufgaben für die Sozialarbeit und anderer öffentlicher Stellen zur Integration gelegt werden.

Der größte Teil der muslimischen Bevölkerung Deutschlands und Westeuropas stammt aus der Türkei. Dementsprechend befasst sich auch die Literatur zum Thema Männlichkeit, Familienstrukturen und Homosexualität sowie zu Gruppen der Selbstorganisation in der BRD überwiegend mit dieser ethnischen Gruppierung. In dieser Arbeit wird oftmals die Türkei stellvertretend als Beispiel dienen, auch wenn versucht werden soll, den Nationalitäten-Aspekt eher außen vor zu lassen. Im Hinblick auf die Terminologie soll versucht werden, dass sowohl Begriffe aus dem Arabischen und Persischen, sowie auch aus dem Türkischen erklärt werden.

Auch ein weiterer Aspekt hinsichtlich der Terminologie muss einführend diskutiert werden. Der Begriff der „Homosexualität“ an sich. Dieser taucht zum ersten Mal 1869 auf und wurde erst durch die Sexualwissenschaften im 19. Jahrhundert im westlichen Kulturraum definiert. (vgl. Weeks 1995, S. 5) Der Begriff „Homosexualität“ hat sich im Laufe der Zeit in unseren Köpfen mit einer Reihe von Assoziationen und Eigenschaften gefüllt, die der Sexualität zwischen Gleichgeschlechtlichen im muslimischen Kulturkreis nach Meinung des Soziologen Jeffrey Weeks nicht entspricht bzw. gerecht werden würde. Aus diesem Grund scheint der Begriff „Mann-männliche Sexualität“ eher angebracht zu sein, auch wenn ein kompletter Ausschluss des Begriffes „Homosexualität“ implizieren könnte, es gäbe Homosexualität in der Form, wie Sie in den westlichen Ländern existiert, nicht in muslimischen Gesellschaften. Aus diesem Grund soll der Begriff „Homosexualität“ in dieser Arbeit von der Konnotation im westlichen Sprachgebrauch gelöst werden und generell stellvertretend für Sexualität zwischen Männern gelten. Doch auch dies soll an entsprechender Stelle genauer betrachtet und erläutert werden.

Eingehende Recherche und Literatur von Berichten aus den oben genannten (Kern-)Ländern des Islams, sowie Interviews mit jungen muslimischen Männern in Deutschland mit verschiedenen nationalen Backgrounds haben – ohne pauschalisieren und verallgemeinern zu wollen - gezeigt, dass es im Bezug auf Männlichkeit und Homosexualität und dem damit verbundenen Ehrbegriff in diesen islamischen Ländern sehr wenig Unterschiede, ja sogar sehr viele Ähnlichkeiten gibt. Oftmals sind kulturelle Aspekte, sowie Vorstellungen von Ehre und Moral, ausschlaggebend für die Be- bzw. Verurteilung von Homosexualität und wichtiger als der religiöse Aspekt. Die durchaus sehr ähnliche Haltung diesbezüglich ist also eher unabhängig von nationalen Grenzen, weshalb ein Beispiel über einen Türken auch durchaus für einen Marokkaner oder Perser gelten kann. Dasselbe gilt letztendlich auch für die im Ausland lebenden Muslime mit Migrationshintergrund.

II Geschichtliche und religiöse Hintergründe

1. Kleiner geschichtlicher Exkurs zu Männlichkeit und mann-männlicher Liebe und Sexualität

Homosexualität, oder genauer gleichgeschlechtliche Sexualität unter Männern, taucht in der Geschichte schon immer auf und ist in den verschiedensten Kulturen und zu den unterschiedlichsten Epochen dokumentiert. Auch wenn der Islam erst relativ spät 'entstand', gibt es im Mittelmeerraum und im Orient eine mehr oder minder lange Tradition mann-männlicher Sexualität. Interessant ist ein kurzer Blick darauf vor allem deshalb, weil man bereits in den Gesellschaften der Antike diesbezüglich Parallelen und Vorläufer zum späteren Umgang mit „Homosexualität“ und der Verknüpfung des sexuellen Aktes mit Virilität und Macht – auch (wenn auch nicht ausschließlich) in der muslimischen Kultur – erkennen kann. Dabei sollen die Knabenliebe und die Normalität homosexueller Handlungen im alten Griechenland und dem römischen Reich hier nur erwähnt werden.

Bereits im alten Ägypten um 2900 v. Chr. wurden nicht nur Feiglinge, sondern auch generell feindliche Krieger, möglicherweise zur Einschüchterung, „hmtj“, ca. „Votzen“ (später als Bezeichnung für „Schwuchteln“ gebräuchlich) genannt. (vgl. Duerr 1993, S. 217) Eine Überlieferung des Pharao Sesostris III. beschreibt ihn als Herrscher, „der Stiere zu Weibern machte“ (ebd. 1993, S. 217, zit. n. Grapow 1924, S. 131) um seine Macht zu unterstreichen und eine Schminkpalette zeigt ihn, selbst in Gestalt eines Stieres, wie er den Feind besteigt und anal penetriert. Es ist zwar unklar, ob solche Vergewaltigungen im alten Ägypten tatsächlich vorkamen, dennoch zeichnet sich bereits hier eine Vorstellung ab, welche uns im folgenden noch häufiger begegnen wird: Die symbolische Handlung der Entehrung durch die Penetration des Feindes durch den aktiven und virilen Mann; das „Zur-Frau-Machen“ des Unterlegenen oder Schwächeren.

Auch andere Überlieferungen erzählen von Vergewaltigungen zur Schädigung von Geschlechtsgenossen und möglicher Konkurrenten. (ebd., S. 217)

Ähnliches findet sich auch bei den alttestamentarischen Israeliten, wo es über den „Herrn“ heißt (Psalm 78,66): „Und er schlug seine Feinde von hinten, gab ihnen ewige Schmach“

(vgl. Bibel, Elberfelder Ausgabe, revidiert) Eine andere Übersetzung bringt diese Stelle deutlicher auf den Punkt: „Er stieß seine Feinde in den Hintern (ahor) und gab sie ewiger Schande preis.“ (ebd., S. 246) Es ist demnach ziemlich eindeutig, dass es sich bei dieser Beschreibung um Analverkehr handelt. Die besondere 'Problematik' bei der Übersetzung oder Auslegung von Quellentexten wird uns zu gegebener Zeit auch bezüglich des Korans wieder begegnen.

Im Persien des Mittelalters erzählt der Dichter Ibn al-Habbara von einer Vergewaltigung eines alten Mannes. Der Täter erklärt im Anschluss seinem Opfer: „Eigentlich wollte ich schon immer Abu-l´-Ala´al-Ma´arri wegen seines mangelnden Glaubens (kufr) und seines Atheismus arschficken, doch es ergab sich nie die Gelegenheit dazu; als ich deshalb dich sah, einen gelehrten und blinden alten Mann, habe ich dich statt seiner gefickt!“ (ebd., S. 252, zit. n. Bellamy 1979, S. 28)

Diese unterschiedlichen Beispiele zeigen eindrücklich, dass bereits in frühesten Kulturen Mann-männliche Sexualität auftaucht. Sie ist meist Ausdruck von Männlichkeit, Unterdrückung und Macht auf der Seite des insertiven Parts , und von Weiblichkeit (Verweiblichung), Schwäche und Passivität auf der Seite des rezeptiven Parts. Diese Kategorisierung findet sich auch heute noch in vielen südeuropäischen, vor allem jedoch auch den meisten muslimischen Ländern, wieder.

Ein aufsehenerregender Fall in Algerien verdeutlicht die enge Verknüpfung von passiver Sexualität mit Schmach und Ehrverlust auch in der moderneren Zeit. Dabei wurde 1962 ein französischer Diplomat in Algier öffentlich von algerischen Nationalisten anal vergewaltigt. (ebd., S. 251) Dies ist eindeutig als symbolische Auflehnung gegen den Besetzer einzustufen. Kann man den Feind schon nicht mit Waffen besiegen, wird ihm zumindest die Männlichkeit, und damit seine Ehre, genommen.

Es wäre allerdings zu einseitig, mann-männliche Sexualität nur mit Aggressivität und Macht in Verbindung zu bringen. Auch ´Liebe´ zwischen zwei Männern gab es durchaus. Die so genannte „Knabenliebe“ im antiken Griechenland und teilweise in Rom findet man auch im alten Persien oder der Türkei wieder:

„Dies stimmt überein mit einem historisch kulturellen Kontext, in dem Jünglinge für ältere Männer oftmals das Objekt der Begierde waren. Ein junger Mann, oder „bartloser Jüngling“, wie er oft beschrieben wurde, nahm - auch wenn er eindeutig männlich war - eine Rolle ein, welche ihn nicht komplett als Mann auswies. In dieser Übergangsphase zwischen Adoleszenz und Erwachsensein stellte ein junger Mann als Objekt der Begierde erwachsener Männer (deren Heterosexualität durch ein solches Verlangen niemals in Frage gestellt wurde) eine ebensogroße Gefahr der „fitna“ (arab., „Bürgerkrieg“, hier: „soziale Unordnung“) dar, wie eine schöne junge Frau. Als Ursache einer potentiellen sozialen Unordnung waren sowohl Frauen als auch Jünglinge Einschränkungen zur Gewährleistung der Segregation mit erwachsenen Männern unterworfen.“ (Ü. d. V.) (vgl. Schneider 1998)

Die oben beschriebene erotische Zuneigung zu Knaben und Jünglingen galt zwar als normal, war aber des Öfteren für fromme Menschen auch ein Problem. Da die jungen Männer nicht wie die Mädchen und Frauen verschleiert waren, stellten sie eine ständige Versuchung für die älteren Männer dar. (vgl. Mohr 2003, S. 68) Eine Reihe von Aussagen verdeutlicht dieses Dilemma eindrücklich: So soll der berühmte Rechtsgelehrte Sufyân ath-Thaurî hierzu gesagt haben: „Mit einem Mädchen geht ein Teufel einher, mit einem Jüngling aber zwei“, und Abu-as-Saib stellt fest, dass er sich vor einem bartlosen Jüngling als Koranrezitator mehr fürchte, als vor siebzig Jungfrauen. Auch Al-Hasan ibn Dhakwân sieht in der Schönheit der Jünglinge eine größere Versuchung als durch Frauen. (ebd., S. 69)

Vor allem in der Persischen Kunst (sowohl der Literatur, als auch der Malerei), aber auch in der türkischen und der Kunst anderer arabischer Länder, taucht die Liebe zu den Jünglingen und Schenkknaben in einer Reihe schöner Gedichte und Gemälde auf, welche nicht von Sünde oder Versuchung sprechen. Der „schöne Jüngling“ oder „hübsche Bursche“(ghulam) wurde durch verschiedene Epochen hinweg in einer Vielzahl von Beschreibungen besungen. Zu den wichtigsten Dichtern gehören unter anderem Abu Nawas (8. Jahrhundert), Omar Khayyam (12. Jahrhundert) und al-Nawadji (15. Jahrhundert). (vgl. Chebel 1997, S. 371)

Malek Chebel beschreibt den ´Schönen Jüngling´ als „zentrale Figur des maskulinen Universums im Orient“, der bei den Arabern „einen großen Teil der zärtlichen und sexuellen Gefühle auf sich [zieht], die gewöhnlich den Frauen gelten“. (ebd., S. 370)

2. „Homosexualität und Männlichkeit“ im Islam - Der Koran und die Sunna

Ganz egal, wann und aus welchem Anlass über das Thema Islam und Homosexualität gesprochen wird: die ausdrückliche Ablehnung dieser sexuellen Orientierung wird zumeist mit dem Koran begründet. Sie sei widernatürlich und ausdrücklich vom Propheten Mohammed verboten.

Eine genauere Betrachtung der als Beweis vorgebrachten entsprechenden Stellen (Suren) im Koran zeigt allerdings, dass es – je nach Auslegung und Übersetzung - eine Reihe von unterschiedlichen Meinungen diesbezüglich gibt, die sich oftmals grundlegend unterscheiden und widersprechen: Während es Vertreter gibt, welche dem Islam eine „positive Einstellung gegenüber schwuler Sexualität“ attestieren, wie der Amerikaner John Boswell (vgl. Knoop 2005) gibt es andere, die sagen, der Koran treffe keine Aussage zum Thema Homosexualität. Wiederum andere gehen von einer negativen Einstellung aus und erkennen ein ausdrückliches Verbot des Homosexuellen Aktes. (vgl. Mohr 2004. S. 9) Auch die Sunna, also die Gesamtheit der Sammlungen über Überlieferungen des Propheten Mohammed, spielt bei der Beurteilung eine bedeutende Rolle.

Um sich ein eigenes Bild zu dem Thema zu machen, lohnt sich aus diesem Grund eine genauere Betrachtung der vermeintlichen Stellen im Koran, der verschiedenen Auslegungen und der historischen Umstände. Dazu zunächst eine kleine Einführung zu Entstehung, Aufbau und Inhalt des Korans.

2.1 Zu Entstehung und Inhalt des Koran – Anmerkung zur Exegese

Für einen gläubigen Moslem ist der Koran und dessen Inhalt direkte Offenbarung Allahs. Auch wenn er im Laufe der Zeit niedergeschrieben und in der heutigen Schriftform angeordnet wurde, gilt der arabische Kur-ân nicht als „Menschenwerk“, sondern wurde dem Propheten Mohammed über 23 Jahre hinweg als unverfälschtes Wort durch den Engel Gabriel als heiliges Wort verkündet. (vgl. L.W. 1999, S. 5 f)

Trotzdem sind bei der Exegese (Auslegung) zwei wichtige Dinge zu beachten: Einerseits die historischen Gegebenheiten und Hintergründe - richtete sich der Koran doch ursprünglich an die arabische Bevölkerung des 7. Jahrhunderts - und andererseits die Tatsache, dass der ursprüngliche Koran auf Arabisch verfasst wurde. Diese Sprache wird von einem Großteil der heutigen Muslime jedoch erst gar nicht gesprochen und wenn doch, ist auch für sie häufig der Koran nur unter Zuhilfenahme von Anmerkungen und Erläuterungen verständlich. Anzumerken ist außerdem, dass die arabische Sprache bezüglich der Bedeutung relativ viel Spielraum für eine Interpretation oder Auslegung lässt. (vgl. z.B. Schmitt 1995, S. 8 ff.) Die oftmals knappe Ausdrucksweise und knappen Andeutungen machen Kommentare für das Verständnis unentbehrlich. (vgl. Mohr 2004, S. 12) Folglich ist auch eine ablehnende Haltung des Koran (und damit letztendlich Allahs) im Bezug auf Homosexualität nicht ohne Vorbehalt hinzunehmen.

Der Koran ist in drei Bereiche, die Vergangenheit (Schöpfung, Sündenfall usw.), Gegenwart (Gebote / Verbote; historische Gegebenheiten) und Zukunft (Ende der Welt, Jenseits) betreffend, gegliedert, wobei die für uns relevanten Suren größtenteils aus dem Bereich der Vergangenheit stammen. (ebd., S. 11)

Neben dem offenbarten Wort Allahs gibt es eine ganze Reihe von Sammlungen an Aussprüchen und Überlieferungen über Worte und Taten des Propheten Mohammed, die so genannten Hadithe. Diese entstanden zwischen dem neunten und elften Jahrhundert (und teilweise sogar später), auch wenn sie anhand der Nennung der ´Überliefererketten´, den isnad (Säule, Grundlage) , beanspruchen, die direkte Linie zum Propheten nachzuweisen . (vgl. Motzki 2004, S. 285)

Trotzdem sind die Hadithe oftmals widersprüchlich und nicht als ´direkte´ Überlieferung Mohammeds anzusehen. Sie entstanden erst lange Zeit nach Mohammeds Tod und beinhalten zum Teil unhistorisches Material, weshalb sie – ganz gleich zu welchem Thema – nur mit Vorbehalt zu 'genießen' sind. (vgl. Mohr 2004, S. 24)

Gerade in der Neuzeit seit dem Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Debatte über die Verlässlichkeit der Hadithe einen neuen Impetus.

Eine ganze Reihe reformorientierter Schüler und Intellektueller diskutierten, welche Hadithe für einen Moslem nun ´bindend´ seien und welche nicht und plädierten für eine Neubewertung der Hadithe im Geiste der Modernität. Dazu gehörten z.B. Mohammed Arkoun, Fazlur Rahman, Muhammad al-Ghazali, Sayyid Ahmad Khan oder Rashid Rida. (vgl. Motzki 2004, S. 286)

2.2 „Homosexualität“ im Koran

Werden Muslime auf das Thema Homosexualität angesprochen, bringen sehr viele von ihnen ohne langes Zögern den Koran bzw. das Verbot derselben im Koran als Begründung für die kategorische Ablehnung im Islam an. Der Koran verurteile Homosexualität als Sünde und sie sei aus diesem Grund nicht hinnehmbar. In der Tat stimmen die meisten Ausleger des Korans, vor allem traditionelle, dieser landläufigen Auffassung zu und interpretieren Homosexualität als Sünde. Eine gründliche Analyse dieser Thematik verdeutlicht aber, warum die Betonung auf interpretieren liegen muss. Die generell knappe Ausdrucksweise, die oftmals nur kurzen Andeutungen und nicht zuletzt der recht große Bedeutungsspielraum der arabischen Sprache lassen kein kategorisches Verbot von Homosexualität innerhalb des Korans zu. Im Folgenden sollen diese Aspekte bezüglich der Sprache und des Inhaltes näher betrachtet werden.

„Und (wir haben) den Lot (als unseren Boten gesandt). (Damals) als er zu seinen Leuten sagte: „Wollt ihr denn etwas Abscheuliches begehen, wie es noch keiner von den Menschen in aller Welt vor euch begangen hat? Ihr gebt euch in (eurer) Sinneslust wahrhaftig mit Männern ab, statt mit Frauen. Nein, ihr seid ein Volk, das nicht Maß hält.“ Seine Leute wussten nichts anderes (darauf) zu erwidern, als dass sie sagten: „Vertreibt sie (den Lot und seine Angehörigen) aus eurer Stadt! Das sind Menschen, die sich für rein halten!“ Und wir erretteten ihn und seine Familie (von dem Strafgericht, das über sein Volk hereinbrechen sollte) mit Ausnahme seiner Frau. Sie gehörte zu denen, die zurück blieben. Und wir ließen einen (vernichtenden) Regen auf sie niedergehen. Schau nur, wie das Ende der Sünder war!“

„Erinnert euch auch des Lot. Als dieser zu seinem Volke sagte: „Wollt ihr denn solche Schandtaten begehen, für die ihr bei keinem Geschöpf ein Beispiel findet? Wollt ihr denn in lüsterner Begier, mit Hintansetzung der Weiber, nur zu Männern kommen? Wahrlich, ihr seid zügellose Menschen.“ Sein Volk aber gab keine andere Antwort, als dass es sagte: „Jagt sie [Lot und seine Familie und die, welche es mit ihm halten] aus euerer Stadt, weil sie Menschen sind, welche sich rein erhalten wollen.“ Und wir erretteten ihn und seine Familie, mit Ausnahme seines Weibes, die vertändelte und zurückblieb. Sodann ließen wir einen Stein- und Schwefelregen über sie kommen. Siehe, so war das Ende dieser Frevler.“

Diese zwei Übersetzungen der selben Stellen im Koran (7:80-84 ; Sure 7, Vers 80-84) veranschaulichen, wie unterschiedlich gefärbt ein und der selbe Text sein kann, zumal wenn man - wie die Mehrheit der Muslime weltweit - die Sprache nicht ausreichend beherrscht, um das heilige Buch auf Arabisch zu lesen.

Es handelt sich bei diesem Ausschnitt um eine der insgesamt sieben zentralen Stellen im Koran, welche mit mann-männlicher Sexualität in Verbindung gebracht werden. Dabei behandeln alle die Geschichte Lots und dessen Volkes in Sodom. In der traditionellen Exegese des Korans wird dies als erstes Auftauchen gleichgeschlechtlicher Sexualität (unter Männern) angesehen. (vgl. Mohr 2003, S. 53 f)

Festzustellen bleibt allerdings, dass in keiner Koranstelle explizit von „Homosexualität“, Knabenliebe oder gar Analverkehr gesprochen wird. Vielmehr spricht der Koran von lutiyya oder liwat (arab.), was sich ungefähr mit „die Handlung des Volkes Lots“ übersetzen lässt. Ob es sich dabei nun tatsächlich um „Homosexualität“ handelt, bleibt ungewiss. Ganz sicher ist hingegen, dass es nichts mit dem heutigen Kontext von Homosexualität gemeinsam hat und entsprechend eine Sache der Auslegung bleibt.

Heutzutage wird der Begriff liwat hauptsächlich (aber nicht nur) für mann-männliche Sexualität verwendet und bedeutet für Rechtsgelehrte speziell Analverkehr. Alleine das zeigt bereits, wie vielfältig die Auslegungsmöglichkeiten sind.

Auch der Begriff schahwa, welcher oben mit „Sinneslust“ bzw. „lüsterne Begier“ übersetzt wurde, steht in seiner ursprünglichen Bedeutung einfach für „Wunsch“ oder „Begehren“ und muss keineswegs eine sexuelle Konnotation haben. (Der Begriff Schahwa taucht im Koran mehrmals ohne diese Bedeutung auf) (ebd., S. 55)

Die keinesfalls eindeutige Interpretation aufgrund der sprachlichen Besonderheiten ist aber nur ein Aspekt, der eine konkrete Aussage erschwert. Auch inhaltlich bleiben Fragen bezüglich der Kategorisierung und Verurteilung von Homosexualität im Koran offen: Lesbische Liebe bzw. Sexualität unter Frauen taucht im Koran überhaupt nicht auf und Sure 26:166 erwähnt ausdrücklich „euere Frauen“, was die Schlussfolgerung zulässt, dass es sich um verheiratete Ehemänner handelt. Das könnte eine Ablehnung oder Verurteilung der Sexualität in diesem speziellen Falle erklären, da dies eine Vernachlässigung der eigenen Frauen bedeuten würde. (vgl. Sure 70: 16-36 / „..und die, welche das ihnen Anvertraute und die Verträge in Treue halten,...“ machen eine Ausnahme und werden nicht bestraft, Anm.)

Als Argument gegen Homosexualität würde dieser Aspekt heutzutage allerdings kaum gelten, sehen doch homosexuelle Lebensentwürfe und Partnerschaften in der modernen Zeit komplett anders aus und beinhalten sicherlich in den allerseltensten Fällen eine Ehefrau und eine damit zusammenhängende Verpflichtung.

Innerhalb der bereits erwähnten zeitlichen Einteilung des Korans in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehört die Lot-Geschichte zur Vergangenheit. Dieser Abschnitt behandelt Geschichten, jedoch keine historischen Berichte und ganz sicher keine Ge- oder Verbote moraltheologischer Art.

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Details

Seiten
75
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638444224
Dateigröße
722 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47480
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1
Schlagworte
Männlichkeit Homosexualität Muslimen Migrationshintergrund Religiöse Einflüsse Bewältigungsstrategien Lebensentwürfe

Autor

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Titel: Männlichkeit und Homosexualität bei Muslimen mit Migrationshintergrund - Religiöse und soziokulturelle Einflüsse, individuelle Bewältigungsstrategien und Lebensentwürfe