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Macht Glotzen einsam? - Über die Eskapismusthese

Seminararbeit 2004 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Forschung und Studien

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Der Uses-and-Gratifications-Ansatz

3. Die Eskapismusthese

4. Eskapistischer Fernsehkonsum und Einsamkeit

5. Fazit und Kritik

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Die meisten Menschen sind als kleines Maschinenteilchen dem großen wirtschaftlichen Gesamtmechanismus eingegliedert“, stellt Emilie Altenloh in ihrer Dissertation „Zur Soziologie des Kino“ fest. „Für diejenigen, die die Woche über in ihre Arbeit eingespannt sind, ist der Aufenthalt im Kino die einzige Zeit völliger Loslösung aus der Tretmühle des Alltags.“ Bereits vor 90 Jahren brachte die Wissenschaftlerin auf den Punkt, warum das Medium Kino besonders gut zur Unterhaltung geeignet ist: Es ist billig, erfordert keine geistige Anstrengung, bietet Zerstreuung und Ablenkung und lässt die Zuschauer ihren einförmigen Alltag vergessen (Altenloh 1914).

Was aber haben die Kinobesucher, die Emilie Altenloh kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges befragte mit den Bundesbürgern des 21. Jahrhunderts zu tun? Viel, denn auch unsere heutige Gesellschaft ist in erster Linie eine Arbeitsgesellschaft (Meyen 2001, S. 95). Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist in den letzten Jahren zwar kontinuierlich gesunken (Berg / Kiefer 1996, S. 116), nicht aber das Bedürfnis nach Unterhaltung und Entspannung. „Wir spüren schon länger das Bedürfnis des Zuschauers zum Eskapismus“, betont Gerhard Zeiler in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Deshalb kommen noch mehr harmonische Geschichten mit Happy Ends, Action wird weniger gefragt sein“, fasst der RTL-Chef anlässlich des 20. Geburtstages des Privatsenders die Programm-Trends für das Jahr 2004 zusammen („Der Spiegel“, 2/2004).

In meiner Hausarbeit „Macht Glotzen einsam? – Über die Eskapismusthese“ möchte ich erläutern, warum sich Menschen den Medien überhaupt zuwenden und welche Bedürfnisse dadurch befriedigt werden. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei auf dem Medium Fernsehen und dem Eskapismuskonzept, einem Ansatz, laut dem die Rezipienten mediale Unterhaltungsangebote bewusst nutzen, um der Monotonie ihres Alltags zeitweilig zu entfliehen. Als Abschluss dieser Literaturarbeit möchte ich diverse Studien vorstellen, die zu - zum Teil gegensätzlichen - Ergebnissen über den Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Einsamkeit gekommen sind.

2. Der Uses-and-Gratifications-Ansatz

Es existiert keine Theorie, die die Mediennutzung vollständig erklärt. Denn kein kommunikationswissenschaftlicher Ansatz, kein soziologisches Konzept, kein psychologisches Modell berücksichtigt systematisch alle Faktoren, die die Zuwendung zu Medienangeboten beeinflussen können oder könnten (Meyen 2001, S. 11).

“The idea that media use depends on the perceived satisfactions, needs, wishes, or motives of the prospective audience member is almost as old as media research itself”, fasst Denis McQuail zusammen (McQuail 1997, S. 69). Die klassische Gratifikationsforschung beschäftigt sich aber auch mit den sozialen und psychologischen Ursprüngen dieser Bedürfnisse, die gewisse Erwartungen an die Medien oder andere Quellen erzeugen (Gehrau 2003, Internet). Die Medien konkurrieren also nicht nur untereinander um die Zeit und Aufmerksamkeit der Menschen, sondern auch mit anderen Quellen der Bedürfnisbefriedigung. Mediennutzung ist daher nur zu verstehen, wenn diese Alternativen berücksichtigt werden (Meyen 2001, S. 12).

Die Pilotstudie zur empirischen Erforschung des Uses-and-Gratifications-Ansatzes führte Herta Herzog 1940 durch: ”Professor Quiz: a gratification study“. Die Wissenschaftlerin befragte Radiohörer nach ihren Gründen, sich regelmäßig Quizsendungen im Radio zuzuwenden. Weil diese Sendungen, der Selbsteinschätzung und Bildung dienen, erfuhr Herzog. Außerdem gaben die Hörer an, Wettbewerbe im Allgemeinen zu mögen und dass die Quiz-Sendungen ihren Ehrgeiz wecken (Gehrau 2003, Internet). Zwei Jahre später untersuchte Herzog, warum täglich etwa 20 Millionen US-amerikanische Hausfrauen fiktive Serien im Radio hören. ”What do we really know about day-time serial listeners?“, lautete die Forschungsfrage und Herzog stellte überrascht fest, dass die Sendungen die Frauen nicht primär unterhalten sondern ihnen als Lebenshilfe dienen. Basierend auf 100 Intensiv-Interviews formulierte Herzog die drei Hauptgratifikationen der Hörerinnen: Emotionale Entlastung, Kompensation für Versäumnisse in eigenen Leben durch Identifikation mit den Charakteren sowie Lebenshilfe (Herzog 1944).

Diese beiden Studien aus der Anfangszeit der Mediennutzungsforschung machen die Grundannahmen des Uses-and-Gratifications-Ansatzes deutlich, die 1962 von Elihu Katz et al. formuliert wurden: Menschen sind sich ihrer Bedürfnisse bewusst und haben zahlreiche Möglichkeiten diese zu befriedigen. Eine dieser Alternativen ist die Mediennutzung. Dabei wählt der Rezipient einen gewissen Medieninhalt bewusst, aktiv und zielorientiert aus. Die Menschen sind in der Lage, über ihre Bedürfnisse und Motive Auskunft zu geben beziehungsweise diese zumindest in einer Befragungssituation wieder zu erkennen (Scheidt 2000, S. 99). “Why do people use media and what do they use them for?“ (McQuail 1997, S. 70) lautet die Forschungsfrage dieses handlungstheoretischen Ansatzes und die meisten Forschungsergebnisse des Uses-and-Gratificatios-Ansatzes beruhen auf Befragungen der Rezipienten.

Denis McQuail, Jay G. Blumler und J.R. Brown versuchten 1972 ein grundlegendes theoretisches Gerüst zu entwickeln, das die Motivationen der Rezipienten, sich Medien zuzuwenden, erklärt. Dazu werteten die Medienwissenschaftler Gruppendiskussionen mit britischen Fernsehzuschauern aus, die über sechs unterschiedliche Unterhaltungsprogrammtypen befragt wurden. Mittels Clusteranalyse wurden die erhaltenen Daten reduziert und McQuail et al. erhielten vier Interaktionstypen zwischen Medien und Rezipienten. Die Motivgruppe „Ablenkung / Zeitvertreib“ (“diversion”) beinhaltet sowohl Motiv-Items der Flucht vor dem Alltag und vor persönlichen Problemen als auch Statements, die emotionale Entlastung ansprechen. Das Cluster „Persönliche Beziehungen“ (“personal relationships“) umfasst den Aspekt der Geselligkeit in Form quasi-sozialer Beziehungen als auch den instrumentellen Nutzen, den die Medienrezipienten erlangen; zum Beispiel, wenn Medieninhalte in Gesprächen thematisiert werden. Die dritte Gratifikation nennen McQuail et al. „Persönliche Identität“ (“personal identity”). Der Rezipient nutzt die Möglichkeit, sich selbst und seine persönliche Situation zu dem Medieninhalt in Bezug zu setzen. Außerdem wird er durch rezipierte Inhalte möglicher Weise zum Nachdenken über die Realität angeregt. Des weiteren kann die Rezeption von Medieninhalten Werte verstärken. Die „Umweltüberwachung“ (“surveillance”) stellt die vierte Motivgruppe dar, denn die Medien bieten dem Rezipienten die Möglichkeit, sich über die Welt zu informieren (McQuail 2000, S. 388; Scheidt 2000, S. 108f.).

Anders als McQuail et al., deren Bedürfnistypologie ausschließlich auf der Selbstauskunft der Rezipienten beruht, ging Bradley S. Greenberg bei der Erstellung seiner Klassifikation vor. Er untersuchte – ebenfalls 1972 - die Fernsehnutzungsmotive von 726 repräsentativ ausgewählten Londoner Schülern im Alter von neun bis 15 Jahren. Greenberg legte ihnen dazu 31 Motiv-Statements vor und bat sie, jede Aussage nach der Wichtigkeit als individuelles Fernsehnutzungsmotiv zu beurteilen. Anschließend ermittelte Greenberg statistisch acht Motivgruppen. „Lernen“, „Gewohnheit“, „Entspannung“, „Emotionale Anregung“, „Eskapismus“ und „Geselligkeit“ sind laut Greenberg die Hauptmotive der Schüler fern zu sehen (Scheidt 2000, S. 107).

Alan M. Rubin übernahm die von Greenberg gefundenen Motivdimensionen, um 1986 eine Befragung mit 626 Personen im Alter von vier bis 89 Jahren durchzuführen. Rubin interessierte sich unter anderem für den Zusammenhang zwischen dem Alter und den Fernsehnutzungsmotiven. Das Ergebnis seiner Cluster-Analyse waren neun Motivgruppen, wobei Greenbergs Cluster zum Teil übernommen oder nur umbenannt und um das Motiv „Bestimmter Programminhalt“ ergänzt wurden (ebd. S. 107f.).

Diese Untersuchungen zeigen, dass die Bedürfnisse und Motive, die die Forscher finden, stark von ihren eigenen Vorgaben abhängen. Daher ist es für den Kommunikationswissenschaftler Michael Meyen auch nicht verwunderlich, „dass die Antwort auf die Frage, warum Menschen Medien nutzen, jedes Mal anders ausfällt und dass es fast kein Bedürfnis gibt, das nicht schon zur Erklärung herangezogen worden wäre“ (Meyen 2001, S. 16). Zur Verdeutlichung ein aktuelles Beispiel: Gary Bente et al. haben 1997 Zuschauermerkmale und Affekt-TV-Konsum untersucht. Dazu erhoben sie unter anderem auch die allgemeinen Fernsehmotive der 291 Untersuchungsteilnehmer. Um eine „differenzierte Erfassung“ dieser Motive zu gewährleisten, gingen die Forscher bei der Konstruktion ihres Fragebogens folgender Maßen vor: Aus sieben verschiedenen Motivskalen, die zwischen acht bis 35 Motive zur Fernsehnutzung enthielten, stellten sie einen Pool mit insgesamt 151 Items zusammen. Englische Begriffe wurden übersetzt und sinngleiche Items eliminiert. Die so verbleibenden 78 Items wurden in Aussageform transformiert. Mit Hilfe eines Sortierverfahrens wurden diese anschließend um verbleibende Redundanzen bereinigt. Das Instrument, das schließlich zur Anwendung kam enthält 48 Items. Mittels Faktorenanalyse wurden schließlich vier Faktoren gefunden, denen alle Items zuzuordnen waren: „Sozialer Vergleich / Problembewältigung“, „Entspannung / Eskapismus“, „Information / Nachrichten“ sowie „Zeitvertreib / habituelles Sehen“ (Bente / Fromm 1997).

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Details

Seiten
21
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638443272
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47361
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Macht Glotzen Eskapismusthese Massenkommunikation Gespräch

Autor

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Titel: Macht Glotzen einsam? - Über die Eskapismusthese