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Integrationen des Englischen in die deutsche Sprache

Seminararbeit 2002 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Zur Themenstellung
1.2 Definitionen: Anglizismen, Fremdwort, Lehnwort, usw.

2. Das 19. Jahrhundert
2.1 Kriege & politischer Rückstand lassen Beziehungen zu England entstehen
2.2 Industrielle Revolution und schwere Zeiten für die deutsche Sprache
2.2.1 Ein Beispiel abseits von Industrie und Wirtschaft: Der Sport
2.3 Neue Kommunikation: Übertriebener Lehnwortgebrauch in den Medien

3. Das 20. Jahrhundert
3.1 Widerstände gegen die Übernahme englischen Sprachguts
3.2 Puristische Erfolge und neue Hochphasen für Anglizismen
3.2.1 Das NS-Regime mit bemerkenswerter Kommunikation
3.3 Die Zeit nach 1945: Eine wahre Flut von Anglizismen
3.4 Anglizismen im Bereich der Medien am Beispiel des Spiegel
3.5 Ein Ausblick: Werden wir bald zu Engländern?

Literaturnachweise

1. Einleitung

1.1 Zur Themenstellung

„Die vernetzte Spielkonsole als zentrale Amüsier- und Downloadstation im Wohnzimmer – das ist die Perspektive des Onlinespielens, dessen Volumen die Marktforscher von Informa Media Group für 2006 weltweit bei rund zwei

Milliarden US-Dollar sehen, zuzüglich sechs Milliarden für Hard- und Software.

Wahr werden könnten solche Visionen aber nur mit Nutzern, die

heißhungrig sind auf immer neue Online-Spiele.“[1]

Die Wortwahl dieses Ausschnitts aus einem Sonderteil der Zeitschrift Spiegel zur CeBit 2003, wird bei den meisten Lesern wohl keinerlei Verständnisfragen aufwerfen. Wahrscheinlich ist den meisten Konsumenten solcher oder ähnlicher Artikel überhaupt nicht klar, wie viele Fremdwörter sie gerade verschlungen haben. Knapp ein Fünftel der Wörter sind nicht deutschen Ursprungs. „Perspektive“, „Volumen“ oder „Visionen“ haben schon längst einen festen Platz im alltäglichen deutschen Sprachgebrauch und auch „Download“, „Hard-/Software“ und „Online“ sind nicht mehr nur Fachausdrücke einer kleinen Spezialistengruppe.

Derzeit gibt es im deutschen Sprachschatz etwa 5000 Wörter[2] (1991: 4500[3]), die ihren Ursprung nicht im deutschen Sprachbereich haben, sondern aus englischsprachigen Gebieten entsprungen sind. Sie heben sich durch „fremde Schreibung, Aussprache und Morphologie“[4] vom sonstigen deutschen Sprachschatz ab. In dieser Arbeit wird der Einfluss des Englischen auf den deutschen Sprachschatz im 19. und 20. Jahrhundert erörtert; wann und warum entstehen Anglizismen, wie werden sie gebildet? Welche Probleme ergeben sich mit der sogenannten „Engländerei“? Außerdem wird ein Blick auf die Anglizismen in der Mediensprache heutzutage gewährt.

Ich hoffe, trotz des kurzen Abrisses kann der Leser einen kleinen Einblick in den deutschen Sprachschatz und seine Veränderungen erlangen.

1.2 Definitionen

„Anglizismen ist der Oberbegriff von Entlehnungen aus dem amerikanischen Englisch, dem britischen Englisch sowie den übrigen englischen Sprachbereichen wie Kanada, Australien, Südafrika u.a.“[5]. In der folgenden Arbeit soll eine solche Unterscheidung zwischen Anglizismen verschiedener Herkunft nicht gemacht werden, da man diese Differenzierung „nur in wenigen Fällen [...] durchführen kann“[6]. Unter dem Begriff Anglizismus sind nach Wenliang Yang statistisch drei Typen zu unterscheiden[7]:

1. Konventionalisierte Anglizismen (derzeit etwa 3%[8] der Anglizismen in Deutschland): Sie werden als allgemein üblich und bekannt vorausgesetzt (z.B. „Computer“, „Manager“, „Jeans“). Nach dem Sprachgefühl vieler Deutscher sind sie keine Fremdwörter mehr.
2. Anglizismen im Konventionalisierungsprozess (16%[9]): Sie kommen vielen Deutschen fremd vor und werden entweder bald Teil der ersten Gruppe oder verschwinden aus dem deutschen Sprachgebrauch (z.B „Gay“, „Underdog“).
3. Zitatwörter, Eigennamen und Verwandtes (81%[10]): Sie werden nur in einer bestimmten Situation oder in Zusammenhang mit englischsprachigen Ländern gebraucht (z.B. „High School“, „Highway“, „US-Army“).

„Am häufigsten kommt heute die Übernahme eines Wortes in unveränderter Form und Bedeutung vor“[11], bemerkt Broder Carstensen. Die Begriffe Fremdwort und Lehnwort sollen den Eindeutschungsgrad eines Anglizismus in die deutsche Sprache deutlich machen und werden folgendermaßen definiert:

1. Fremdwort[12]: Lexeme oder Lexemverbindungen, die im Deutschen ohne phonologische, orthographische, morphologische und semantische Veränderung gebraucht werden und deren fremde Herkunft sich deutlich und leicht erkennen lässt (z.B. „Callgirl“, „Cowboy“, „Jeans“).
2. Lehnwort[13]: Aus einer Fremdsprache entlehntes Wort, das sich aber phonologisch und/oder morphologisch und/oder orthographisch der übernehmenden Sprache angeglichen hat (z.B. „Komfort“, „Streik“).

Die Unterscheidungen werden an der Morphologie, Orthographie und Phonologie festgemacht. Morphologische Merkmale sind etwa deutsche Personalendungen, die auch bei entlehnten Wörtern in die deutsche Flexion eingeordnet werden (z.B. „du startest“, „er startet“ von engl. „to start“). Orthographische Veränderungen liegen vor, wenn englische c- und ss-Schreibung durch deutsche k- und ß-Schreibung ersetzt werden (z.B. „Komfort“ von engl. „comfort“). Phonologische Merkmale treten in den Vordergrund, wenn sich Anglizismen an das deutsche Phonemsystem anpassen (z.B. „Start“, „Klub“) oder deren Aussprache mit den deutschen Regeln im wesentlichen nicht übereinstimmen (z.B. „T-Shirt“, „Surfing“, „Callgirl“).[14]

Im folgenden Abschnitt sind weitere Definitionen und die wichtigsten Unterscheidungsmöglichkeiten im Zusammenhang mit Anglizismen aufgeführt:

1. Äußeres Lehngut: Fremdwort, Lehnwort, Scheinentlehnung, Mischkompositum.
2. Inneres Lehngut: Morphologisch nicht von heimischen Bildungen zu unterscheiden. Englisches Wortmaterial vollständig durch deutsche Wörter ersetzt.
3. Mischkomposita: Zusammensetzungen aus englischen und deutschen Lexemen. Nach englischem Vorbild (z.B. „Popmusik“ nach engl. „pop music“) oder ohne englische Vorlage (z.B. „Managerkrankheit“).
4. Scheinentlehnungen: Lexeme oder Lexemverbindungen, mit den Mitteln der Ursprungssprache gebildet, in der Herkunftssprache jedoch nicht bekannt.

- Verkürzung von Einzelwörtern (z.B. „Deo“ statt „deodorant“), von Zusammensetzungen (z.B. „Happy End“ statt „happy ending“), von Einheiten (z.B. „Gin Tonic“ statt „gin and tonic“) und morphologisch veränderte Formen (z.B. „Gentleman-Agreement“ statt „gentleman´s agreement“).
- Lexikalisch: Gebildet mit englischem Morphemmaterial, für Engländer und Amerikaner bis dahin unbekannt (z.B. „Showmaster“).
- Semantisch: Übernahme eines englischen Wortes in Originalform, das in der Gastsprache eine Bedeutung annimmt, die es in der Herkunftssprache nicht hat (z.B. „Flirt“ ist im Englischen eigentlich die Person, die flirtet).[15]

2. Das 19. Jahrhundert

2.1 Kriege und politischer Rückstand lassen Beziehungen zu England entstehen

Als „das neue Latein“[16] bezeichnet Peter von Polenz 1999 in seiner dreibändigen Reihe über die deutsche Sprachgeschichte die englische Sprache. Diese Ansicht lässt sich relativ leicht nachvollziehen, denn dominierte im 17. und 18. Jahrhundert noch Latein und im 19. Jahrhundert Französisch als Herkunftssprache entlehnter Wörter, so war es im 20. Jahrhundert vor allem die englische Sprache[17], die Begriffe und Bezeichnungen in Deutschland prägte.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass schon im Mittelalter Wortübernahmen aus dem Englischen zu verzeichnen sind. Sie beschränkten sich jedoch auf wenige Fachausdrücke der Seefahrt, die vor allem durch die „wirtschaftliche und politische Macht der Hanse Verbreitung fanden“[18]. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts ist ein kontinuierlicher Einfluss des Englischen auf das Deutsche festzustellen. Mit der zunehmenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Bedeutung Englands anfangs des 19. Jahrhunderts wuchs auch der sprachliche Einfluss der Insel auf das Festland. Warum aber hatte gerade England in dieser Zeit die Macht die deutsche Sprache derart stark zu verändern, dass von Polenz Englisch auf eine Stufe mit Latein stellen kann?

Die französische Militärherrschaft Napoleons in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts hinterließ ihre Spuren. In Teilen der gedemütigten Oberschicht und der durch Kriegskosten und Besatzungshärten bedrückten Bevölkerung entstand eine antifranzösische Einstellung[19]. Zusätzlich war die fast kontinuierliche europäische Kriegsperiode von 1792 bis 1815 trotz wirtschaftlicher Belebung ein Rückschritt in Bezug auf technische Innovationen und verschaffte England einen Vorsprung gegenüber dem Festland[20]. Deutschland musste also zwangsläufig offen sein für wirtschaftliche und politische Beziehungen zu England, um nicht vollständig den Anschluss zu verlieren. „Das parlamentarische System wurde zum Vorbild für kontinentale Demokratisierungsversuche. So gelangten zunächst vor allem Ausdrücke der Politik ins Deutsche“[21]. Neu war in dieser Zeit beispielsweise der Ausdruck „Rede vom Throne“, der vom englischen „speech from the throne“[22] entstammt. Ebenso entlehnte die Kaufmannssprache zu dieser Zeit Wörter aus der englisch-sprachigen Welt. „Konsolidieren“ und „patentieren“[23] etwa haben sich seitdem fest in den deutschen Sprachgebrauch eingebürgert und zeigen, dass sich der Handel zu England verstärkt bemerkbar machte. Das sind einige wenige Beispiele für Entlehnungen aus dem Englischen, die man vor allem als Folgen von „zeittypischen sozialökonomischen Prozessen“[24] wie Modernisierung, Urbanisierung, Politisierung, Demokratisierung, usw. bezeichnen kann. Doch ein weit größerer sozialökonomischer Prozess sollte bald eine riesige Flut von Anglizismen nach Deutschland schwemmen.

[...]


[1] Stefan Schmidt: Fabelreich ohne Sonnenuntergang. In: Der Spiegel 11 (2003), S. 98-103.

[2] Verein deutscher Sprache: vds-ev.de/denglisch/anglizismen/anglizismenliste_aufbau.php, 17.03.2003.

[3] Drosdowski, 1991 in: Heidemarie C. Langner: Die Schreibung englischer Entlehnungen im Deutschen, dis, Frankfurt/M., 1995, S. 13.

[4] Heidemarie C. Langner: Die Schreibung englischer Entlehnungen im Deutschen, dis, Frankfurt/M., 1995, S. 13.

[5] Wenliang Yang: Anglizismen im Deutschen, am Beispiel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Tübingen, 1990, S. 7.

[6] Ders., S. 11.

[7] Ders., S. 9.

[8] Verein deutscher Sprache: vds-ev.de/denglisch/anglizismen/anglizismenliste_aufbau.php, 17.03.2003.

[9] Verein deutscher Sprache: vds-ev.de/denglisch/anglizismen/anglizismenliste_aufbau.php, 17.03.2003.

[10] Verein deutscher Sprache: vds-ev.de/denglisch/anglizismen/anglizismenliste_aufbau.php, 17.03.2003

[11] Broder Carstensen: Englische Einflüsse auf die deutsche Sprache nach 1945, Beiheft zum Jahrbuch für Amerikastudien 13, Heidelberg, 1965, S. 90.

[12] Wenliang Yang: Anglizismen im Deutschen, am Beispiel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Tübingen, 1990, S. 11.

[13] Wenliang Yang: Anglizismen im Deutschen, am Beispiel des Nachrichtenmagazins Der Spiegel, Tübingen, 1990, S. 11, 12.

[14] Ders., S. 11-12.

[15] Ders., S. 11-15.

[16] Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 3, Berlin/ New York, 1999, S. 391.

[17] Ders., S. 393.

[18] Heidemarie C. Langner: Die Schreibung englischer Entlehnungen im Deutschen, dis, Frankfurt/M., 1995, S. 32.

[19] Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 3, Berlin/ New York, 1999, S. 11.

[20] Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 3, Berlin/ New York, 1999, S. 12.

[21] Heidemarie C. Langner: Die Schreibung englischer Entlehnungen im Deutschen, dis, Frankfurt/M., 1995, S. 32.

[22] Agnes Bain Stiven: Englands Einfluss auf den dt. Wortschatz, dis, Zeulenroda 1936, S. 41.

[23] Ders., S. 41.

[24] Peter von Polenz: Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 3, Berlin/ New York, 1999, S. 2.

Details

Seiten
18
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638443128
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v47342
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Integrationen Englischen Sprache Sprach- Kommunikations- Mediengeschichte Thema Anglizismen

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