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Der Einzelne in der Ehe. Ehefrau und Ehemann in der Wiener Moderne bei Sigmund Freud und in Arthur Schnitzlers "Traumnovelle"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 25 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sigmund Freuds Kritik an der Institution Ehe
2.1 Sigmund Freuds Einstellung zur Ehe
2.2 Der Mann in der Ehe
2.3 Die Frau in der Ehe

3 Arthur Schnitzler, Traumnovelle und die Ehe
3.1 Die Frau in der Ehe: Albertine
3.2 Der Mann in der Ehe: Fridolin
3.3 Die Lösung des Eheproblems in der Traumnovelle

4 Resümee

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bereits Sokrates hat sich zum Problemkomplex der Ehe geäußert: „Heirate oder heirate nicht – du wirst es auf jeden Fall bereuen.“1 Die Ehe für den Einzelnen, ob Mann oder Frau, scheint also eine ebenso zeitlose, wie unlösbare Problematik – ob nun ledig oder verheiratet. Doch heutzutage gilt das System der Ehe eher als epochal, denn als einzig mögliches Bündnis von Mann und Frau. Die heutige Situation sieht wie folgt aus: Statistiken der Neugeburten sinken und Scheidungszahlen steigen, offene Partnerschaften und nichteheliche Lebensgemeinschaften sind voll im Trend, ebenso wie das Modell der Patchwork-Familie.2 Ist die Institution Ehe, und die darauf gründende Idee einer Familie am Ende ihrer Ideologie angekommen?3

Einige sehen derlei Entwicklungen als Merkmal für den Untergang. Doch in Deutschland sind es immer noch 70% der Ehen die nicht durch Scheidung, sondern durch den Tod eines Ehepartners beendet werden, auch wenn diese Zahl die Ehen nach der ersten Vermählung des einzelnen Partners mit einschließt.4

Probleme liegen heute wie damals auf der Hand: Intimes Liebesglück wird der Dauer auf Lebenszeit ausgesetzt. Das Liebesbündnis wird nicht zuletzt auch Zweckbündnis, das von ökonomischen Interessen bestimmt ist und in dem die persönliche Freiheit respektive Unfreiheit des Einzelnen in der Ehegemeinschaft und Familiensituation Konflikte auslösen kann.

Dennoch wurde die bürgerliche Ehe als Institution in ihrem streng strukturellen und moralischen Muster, das unter anderem den Geschlechtsverkehr vor der Heirat ausschloss, kaum angezweifelt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gerät diese Ehe in eine Krise.5

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Etymologie des Wortes Ehe. Das althochdeutsche Wort „êwa“ oder „êha“ hat zwei Bedeutungen, zum einen „das Gesetz“, zum anderen „die Ewigkeit“. Der Begriff Ehe lässt sich demnach zumindest hinsichtlich seiner Signifikanz als „ewiges Gesetz“ einer menschlichen Ordnung lesen.6 Diese etymologische Betrachtungsweise offenbart gleichsam den institutionellen Charakter der Ehe, in dem nicht zuletzt bereits ein Spannungsverhältnis mitklingt. So gilt das Bündnis zwischen Mann und Frau, einerseits als ewig geltende Gesetzmäßigkeit, legitimiert durch Gesellschaft, Kirche und Staat. Demgegenüber steht die Natürlichkeit der sexuellen Verbindung von Mann und Frau, die das offene Ausleben einer triebhaften Sexualität meint, die Monogamie allerdings ausschließt.

Der Beginn der Moderne führt zu einem Umdenken der Kultur, besonders was die bisherige Sicht zum Thema Ehe betrifft. So ist gleichläufig zur persönlichen Entwicklung des Individuums, nämlich eines, das sich mehr und mehr aus traditionellen Mustern ebenso wie familiären Pflichten löst, auch die Vereinzelung von Mann und Frau in der Ehe. Ebenso der Rahmen der Eheschließung ist nunmehr nicht wie im christlichen Eheverständnis ein Bündnis durch Gott, das „der Mensch nicht trennen [soll].“7 Heutzutage ist man kein Außenseiter oder gesellschaftlich Marginalisierter, wenn man die Scheidungspapiere einreicht.

Eine Ehe, in der Mann und Frau ihren Bund vor Gott bekennen, scheitert oftmals an den „schlechten Zeiten“, die neben den „guten“8, wie es im Eheversprechen der katholischen Kirche heißt, eigentlich zum Zusammenleben dazugehören sollten. Der Effekt, die Krise als Reifeprozess für die Partnerschaft zu durchleben, bleibt somit meist aufgrund von mangelnder Konfliktbereitschaft aus.

Die vorliegende Arbeit soll allerdings weder die Kulturgeschichte der Institution Ehe illustrieren, noch soll sie ein Ursachenforschungsunternehmen für gescheiterte Ehen darstellen. Die Arbeit setzt zeitlich an dem Punkt an, nämlich um 1900, an dem die traditionelle Ehe erstmals in der Öffentlichkeit ausgiebig und lebendig diskutiert wird.

Dabei werden die Texte zweier Autoren der Jahrhundertwende untersucht, die die kritische Debatte um die Institution Ehe entscheidend mitbestimmt haben und deren Inhalte für die heutige Debatte noch immer aktuell sind.

Zwei Perspektiven versuchen dabei den Gegenstand zu erhellen, die eine aus der literarischen Sicht der Traumnovelle Arthur Schnitzlers, die andere aus Sigmund Freuds naturwissenschaftlich-psychologischem Blickwinkel. Beide zu untersuchenden Autoren haben mit ihren Arbeiten die Kultur in der Zeit der Jahrhundertwende im Allgemeinen, insbesondere die der Wiener Moderne, entscheidend mitbestimmt und sich sowohl in zahlreichen ihrer Schriften als auch in persönlichen Stellungnahmen zur Problematik der Ehe geäußert. Hierbei soll untersucht werden, inwieweit sich Analogien und Differenzen zwischen dem skizzierten Ehe- respektive Liebesleben in Schnitzlers Text sowie in Freuds Theorien und im wirklichen Liebesleben der beiden Autoren ausmachen lassen. Daher werden in dieser Arbeit ausgehend von Textanalysen Bezüge zur Biographie hergestellt.

Während Schnitzlers Novelle erstmals 1926 erschien, sind die in dieser Arbeit behandelten Texte Sigmund Freuds in der Zeit von 1907 bis 1918 entstanden und publiziert worden. Dass Schnitzler also die Schriften Freuds zum Sexualleben gekannt hat bevor er seine Traumnovelle schrieb, ist durchaus nahe liegend, zumal sich auch in seinen Tagebüchern immer wieder direkte Verweise auf den Psychologen und seine Texte finden.9

Inwieweit Literatur sich auf die Wirklichkeit beziehen kann, bleibt in fiktionalen Texten fraglich, dennoch verweisen Schriften nicht selten auf soziale Strukturen und die Kultur ihrer Zeit.10 Die zu untersuchenden Autoren und ihre Texte sollen allerdings weniger vor ihrem geschichtlichen oder soziokulturellen Hintergrund in Bezug auf die Ehe betrachtet werden. Damit hat sich die Forschung vor allem auf Sigmund Freud bezogen schon hinreichend auseinandergesetzt.11 Diese Arbeit will vielmehr – auch ausgehend von Selbstkommentaren der Autoren zur Ehe – den Blick auf den Einzelnen, Frau und Mann, in der Ehe richten. Ein Vergleich der Ergebnisse sowie eventuell daraus resultierende Fragen sollen ebenfalls thematisiert werden.

Dass sich die Ansprüche an die Ehe seitens des Christentums immer mehr als nichtig erweisen verdeutlicht folgende Bibelstelle:

Heiligkeit der Ehe: Ihr habt gehört, daß gesagt wurde [zu den Alten]: „Du sollst nicht ehebrechen“. Ich aber sage euch: ein jeder, der eine Frau anblickt mit begehrlicher Absicht, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen.“12

Ist dieses biblische Postulat der Treue in der Ehe wirklich umzusetzen? Das sechste Gebot verbietet den Ehebruch. Ein Seitensprung in Gedanken, in der Phantasie stellt die Ehe auf die Probe, an der das Bündnis gleichsam reifen kann. Daher soll Arthur Schnitzlers Lösungsansatz, den er in der Traumnovelle gibt, für die Institution der Ehe als bewusstes und durchaus mögliches Liebesbündnis in einem abschließenden Kapital plädieren. Nicht zuletzt sollen dabei besonders die Traum respektive traumähnlichen Szenen im Vordergrund stehen, und es soll so ausgehend von diesen Textabschnitten ein wenig Traumdeutung betrieben werden.13

2 Sigmund Freuds Kritik an der Institution Ehe

Mit seinen Arbeiten zur Psychoanalyse zeigt Sigmund Freud zurzeit der Jahrhundertwende nicht nur neue Erkenntnisse über das Trieb- und Sexualleben des Menschen auf, sondern damit einhergehend auch über dessen Eheleben.14 Zum ersten Mal führt ein Wissenschaftler naturwissenschaftlich nachvollziehbare Ergebnisse an, die sich vom bisherigen Ideal der bürgerlichen Ehe loslösen und dieses darüber hinaus in Frage stellen.

Die zentrale Kritik Freuds an der Institution Ehe manifestiert sich in seiner kulturkritischen Schrift Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität. Eingangs erklärt er darin die Konstitution der kulturellen Sexualmoral seiner gegenwärtigen Gesellschaft, der Jahrhundertwende. Charakteristisch sei vor allem das Problem der „Verpönung eines jeden Sexualverkehrs mit Ausnahme des ehelich-monogamen.“15 Dies zieht gleichsam die Pflicht der Enthaltsamkeit von Unverheirateten nach sich. Woraufhin Freud schließlich resümiert, dass sich die Kultur somit auf der Unterdrückung von Trieben eines jeden aufbaut.16

„Jeder Einzelne hat ein Stück seines Besitzes, seiner Machtvollkommenheit, der aggressiven und vindikativen Neigungen seiner Persönlichkeit abgetreten; aus diesen Beiträgen ist der gemeinsame Kulturbesitz an materiellen und ideellen Gütern entstanden.“17

Diese partielle Unterdrückung von Trieben führt schließlich dazu, was Freud als „moderne Nervosität“ betitelt. An die Stelle unterdrückter Sexualbedürfnisse treten schließlich nervöse Krankheitsbilder. Diese nervösen Krankheitszustände unterteilt Freud in zwei Gruppen. Die Neurosen, die „toxischen“ Charakters sind, und sich ähnlich äußern, wie die Symptome „bei übergroßer Zufuhr oder bei Entbehrung gewisser Nervengifte“18, sowohl auf physischer als auch auf seelischer Ebene. Diese Neurosen sind nicht auf hereditäre Belastungen zurückführen, so Freud, sondern werden einzig durch „schädliche Einflüsse“ des Sexuallebens ausgelöst.

Als zweite Gruppe führt Freud die Psychoneurosen an, die „psychogener“19 Natur sind. Hier ist der erbliche Einfluss entscheidender. Unbewusst „(verdrängte) Vorstellungskomplexe“20 lösen derlei Psychoneurosen, wie die Hysterie oder Zwangsneurose, aus. Hierbei beruft sich der Psychologe auf seine eigens begründete Methode der Psychoanalyse, welche letztlich auch aufzeigt hat, dass diese unbewussten Komplexe nichts anderes sind als das unbefriedigte Sexualverlangen. Psychoneurosen stellen somit eine Form von „Ersatzbefriedigung“21 dar.

Neben lebensbedrohlichen Situationen, wie beispielsweise in Kriegszeiten oder bei schwerer Krankheit ist es vor allem die Ehesituation mit ihren streng moralischen Forderungen der Treue, bei der der Einzelne weitere Wünsche nach Sexualität, die über den Rahmen der Ehe hinausgehen, unterdrückt.22

Vor diesem Hintergrund formuliert Freud schließlich die Frage, ob der (legitime) Sexualverkehr nach der Eheschließung für die zuvor unterdrückten Bedürfnisse vor der Heirat entschädigt. Dies sei keineswegs der Fall:

„Wir erinnern vor allem daran, daß unsere kulturelle Sexualmoral auch den sexuellen Verkehr in der Ehe selbst beschränkt, indem sie den Eheleuten den Zwang auferlegt, sich mit einer meist sehr geringen Anzahl von Kinderzeugungen zu begnügen. […] Nach diesen drei, vier oder fünf Jahren versagt die Ehe, insofern sie die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse versprochen hat; denn alle Mittel, die sich bisher zur Verhütung der Konzeption ergeben haben, verkümmern den sexuellen Genuß […]; mit der Angst vor den Folgen des Geschlechtsverkehres schwindet zuerst die körperliche Zärtlichkeit der Ehegatten füreinander, in weiterer Folge meist auch die seelische Zuneigung, […]“23

Dieser Zustand der sexuellen Unterdrückung und der seelischen Enttäuschung lässt schließlich wieder auf die Situation vor der Ehe zurückführen. Erneut sehen sich beide Ehepartner damit konfrontiert ihren Sexualtrieb zu unterdrücken, diesmal allerdings ohne die vorehelichen Phantasien über den ersten Geschlechtsverkehr nach der Heirat.24

In seinem Aufsatz Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens, übrigens vier Jahre später veröffentlicht als die bereits erwähnte Arbeit über die Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität, macht Freud allerdings eine interessante Feststellung, die an die zuvor angesprochene Frage nach sexueller Entschädigung nach der Heirat für die Enthaltsamkeit vor der Ehe anknüpft:

„Der Schaden der anfänglichen Versagung des Sexualgenusses äußert sich darin, daß dessen spätere Freigebung in der Ehe nicht mehr voll befriedigend wirkt. Aber auch die uneingeschränkte Sexualfreiheit von Anfang an führt zu keinem besseren Ergebnis. Es ist leicht festzustellen, daß der psychische Wert des Liebesbedürfnisses sofort sinkt, sobald ihm die Befriedigung bequem gemacht wird.“25

2.1 Sigmund Freuds Einstellung zur Ehe

Sigmund Freuds Einstellung zur Ehe ist vor allem durch Ambivalenz gekennzeichnet, insofern man seine theoretischen Schriften mit seinem eigenen Ehe- und Liebesleben vergleicht.26 Seine vorehelichen Erfahrungen sowie seine eigene Ehe lässt sich nach einer Lektüre sich der Brautbriefe des Psychologen an seine Geliebte, Verlobte und spätere Ehefrau Martha Bernays durchaus als wahrhaft bürgerlich bezeichnen, die an einigen Stellen schon fast herrenmoralistische Züge annimmt, wenn auch nicht derart radikal wie von Friedrich Nietzsches gleichnamiger Ideologie propagiert.27

Im Folgenden sollen diese Liebesbriefe als brauchbare Quellen für Freuds Einstellung zur Ehe näher untersucht werden.28 Allerdings muss zuvor angemerkt werden, dass zwischen diesen Briefen und Freuds sexualtheoretischen Texten rund 10 Jahre liegen, in denen sich Freuds Denken und Einstellung, wenn er auch darum bemüht war private Schicksale von seinen Forschungsarbeiten zu trennen, entwickelt hat und sicherlich in welcher Weise auch immer in seinen theoretischen Schriften auftaucht.29

1882 lernt Sigmund Freud also mit 26 Jahren die fünf Jahre jüngere Martha Bernays kennen und verlobt sich kurz darauf mit ihr. Die Freud-Biographen Appignanesi und Forrester schreiben in ihrem Buch über Die Frauen Sigmund Freuds, dass sich Bernays allerdings kaum aus dem Rahmen einer bürgerlichen Hausfrau herausbewegte. In der Öffentlichkeit zeigte sie sich nie an der Seite ihres Verlobten. Nicht zuletzt „scheue [sie] die Öffentlichkeit, schrieb sie [Bernays] einmal einer Verwandten, und sie glaube an das Sprichwort, daß [sic] die beste Ehefrau die sei, über die am wenigsten gesprochen werde.“30 Aufgrund Freuds noch unsicherer beruflicher sowie finanzieller Situation kommt es zunächst nicht zur Heirat mit Martha Bernays, die während der Verlobungszeit von vier Jahren bei ihrer Familie in Wandsbek bei Hamburg lebt.

Freud, der zu dieser Zeit noch in Wien studiert, schreibt seiner Verlobten von dort aber auch von kleineren Reisen fast täglich Briefe, die immer wieder sein durch und durch patriarchalisches Bild von einer Beziehung zwischen Mann und Frau verdeutlichen. Meist sind sie von einem schonungslos offenen, häufig diktatorischen Duktus. Manchmal versucht er seinem „Schatz“, wie er Martha Bernays oft nennt, zu formen, er erscheint dann mehr als Pädagoge denn als Psychologe.

So stellt er im Brief vom Montag 14. August 1882 im Anschluss an einige Gedanken über die Liebesbeziehung von Mann und Frau folgende Frage an Martha: „Wie ist es denn vorgeschrieben seit uralten Zeiten?“ Die Antwort auf diese seine rhetorische Frage gibt er im darauf folgenden Satz gleich selber und macht damit sein Verständnis von der Vormachtsstellung des Mannes in der Ehe-Beziehung deutlich, indem er behauptet, dass „das Weib Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen [soll], den es erwählt.“31 Freud beruft sich hierbei also auf scheinbar unveränderbare Urgesetze der Menschheit, die besagen, dass die Frau ihren Lebensplan also nach dem Mann auszurichten habe.

Im Brief vier Tage später am 18. August 1882 kommt er schließlich auch auf seine äußerst bürgerliche Vorstellung der ersten gemeinsamen Wohnung mit Martha zu sprechen:

„O mein teures Marthchen, wie arm sind wir! Wenn wir mitteilen sollten, wir wollen miteinander leben, und sie fragen uns: Was bringt ihr dazu mit? Nichts als das wir einander liebhaben. Und sonst nichts? Wir brauchen doch zwei oder drei Zimmerchen, um darin zu wohnen und zu essen und einen Gast zu empfangen und einen Herd, auf dem das Feuer für die Mahlzeiten nicht ausgeht. Und was da alles drin sein soll. Tische und Stühle, Betten, Spiegel, eine Uhr, die die Glücklichen an den Lauf der Zeit erinnert, einen Lehnstuhl für eine Stunde behaglicher Träumerei, Teppiche, damit die Hausfrau leicht den Boden rein halten kann, Wäsche mit zierlichen Bändern gebunden im Kasten und Kleidchen von neuem Schnitt und Hüte mit künstlichen Blumen, Bilder an der Wand, Gläser für alltägliches Wasser und festlichen Wein, Teller und Schüsseln, eine kleine Vorratskammer, wenn uns plötzlich der Hunger oder ein Gast überfällt, ein großer Schlüsselbund, der hörbar klirren muß, und es gibt soviel woran man sich freuen kann, die Bücherei und das Nähtischchen und die vertrauliche Lampe, und alles muß in gutem Stand gehalten werden, sonst sträubt sich die Hausfrau, die ihr Herz in kleine Stückchen geteilt hat, für jedes Gerät eines.“32

Sigmund Freud äußert an dieser Stelle nicht nur seine Vorstellungen einer gemeinsamen Wohnung mit seiner Ehefrau, sondern auch die Rolle Marthas innerhalb dieser, nämlich als „Hausfrau“, die ihr ganzes „Herz“ in den von ihr geführten Haushalt steckt.

Rund ein Jahr später im Brief vom 15. November 1883 schreibt Freud einen Brief an Martha, in dem er sich mit seinem Frauenbild als Mann von den Entwicklungen einer Emanzipation distanziert. So heißt es gegen Ende des Briefes, dass

„Gesetzgebung und Brauch den Frauen viel vorenthaltene Rechte zu geben [haben], aber die Stellung der Frau wird keine andere sein können, als sie ist, in jungen Jahren ein angebetetes Liebchen, und in reiferen ein geliebtes Weib.“33

[...]


1 Gleichwohl hat Sokrates an der Notwendigkeit der Institution Ehe festgehalten, da diese ihm als gegebene Möglichkeit erschien, der Gesellschaft den für ihren physischen Fortbestand nötigen Nachwuchs abzusichern. Vgl. MAIER Heinrich, Sokrates. Sein Werk und seine geschichtliche Stellung, Tübingen 1964, S. 412.

2 Vgl. RÖHLIG Marc, „Mama liebt jetzt Andrea – 11.10.2006 – Nachrichten – Schulspiegel“, <http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,440455,00.html> [abgefragt: 30.6.2007].

3 Susanne Gaschke bemerkt in ihrem Artikel vor allem den gegenwärtigen Trend nicht mehr um eine Partnerschaft zu kämpfen. Die Gemeinschaft der Ehe oder Familie würde in vielen Fällen kaum noch wertgeschätzt. Gaschkes Artikel ist exemplarisch für einen immer noch aktuellen öffentlichen Diskurs, der die menschlichen Bündnisse der Ehe und Familie diskutiert. Vgl. GASCHKE Susanne, Artikel „Bis dass der Tod uns scheidet“, in: Die Zeit - Leben, 12/2005 <http://www.zeit.de/2005/12/Frauen_2fLiebe_12>. [abgefragt: 15. Juli 2007].

4 Vgl. KRAUSE Arnulf, CLAUSSEN Regina, Die beschwerliche Ehe. Eine Lebensform in Literatur und Film, Hg. dies., Bonn 1996, S. 7.

5 WICKE Andreas, Jenseits der Lust. Zum Problem der Ehe in der Literatur der Wiener Moderne, Siegen 2000, S. 11f.

6 Vgl. Artikel „Ehe“, in: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen A-L, Berlin 1993, S.261f.

7 „Das Neue Testament“, in: Die Bibel, Hg. und Übers. v. Josef Kürzinger, Augsburg 1998, S. 24: „Was nun Gott verbunden hat soll ein Mensch nicht trennen.“

8 Die Feier der Trauung in den katholischen Bistümern des deutschen Sprachgebietes, Hg. v. den deutschsprachigen Bischöfen, Freiburg 1992, S. 62: „Ich verspreche dir die Treue in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet.“

9 An mehreren Stellen taucht Sigmund Freud in Schnitzlers Tagebuch auf. Oft ist er Gesprächsgegenstand, manchmal schreibt Schnitzler von Begegnungen mit Freud in seinen Träumen oder er notiert seine Lektüreerfahrung von Freuds Texten. Exemplarisch sei folgender Eintrag vom 6. Februar 1903, in denen er die von Sigmund Freud und Josef Breuer verfassten Studien über Hysterie erwähnt: „Böser Traum, von einem Lehrbuch der Ohrenheilkunde, wo ich mein Leiden mit Düsterkeit geschildert finde und es sozusagen erst ganz fasse.– (Veranlassung: ich lese jetzt ein mediz. Buch (Hysterie, Freud Breuer) […].–)“ SCHNITZLER Arthur, Tagebuch. 1903-1908, Wien 1991, S. 14.

10 Zu Beginn der Frankfurter Poetikvorlesung im Sommersemester 2005 konstatiert Robert Menasse eine einzige Vorraussetzung, die es in der Literaturtheorie gibt: „Das ist die Behauptung, […] daß also alle Literatur ein jeweils in Form und Inhalt gültiger und bleibender Ausdruck der Zeit ist, in der sie entstand.“ Vgl. MENASSE Robert, Die Zerstörung der Welt als Wille und Vorstellung. Frankfurter Poetikvorlesungen, Frankfurt am Main 2006, S. 12.

11 An dieser Stelle wird aus Platzgründen auf die Angabe weiterführender Literatur verzichtet. Für einen ersten Einstieg sollten die Bibliographien der Einführungen über Sigmund Freud zu Rate gezogen werden.

12 „Das Neue Testament“ 1998, S. 6.

13 Wenngleich der zu untersuchende Gegenstand auf Fiktionalität aufbaut, soll mit einem Augenzwinkern hier auch das Modell der „Traumdeutung“ Freuds mit einbezogen sein, denn „alles Material, das den Trauminhalt zusammensetzt, [stammt] auf irgendeine Weise vom Erlebten ab, [wird] also im Traum erlebt oder erinnert […].“ FREUD Sigmund, Traumdeutung, Frankfurt am Main 1979, S. 20.

14 Eine Arbeit, die die Haltung Sigmund Freuds zur Ehe ausführlich darstellt existiert bislang nicht. Die im Folgenden angeführten Texte Freuds enthalten jedoch allesamt Quellen aus denen sich seine Einstellung zur Ehe als Wissenschaftler, besonders vor dem Hintergrund seiner Arbeiten zur Sexualforschung, nachzeichnen lässt.

15 FREUD Sigmund, „Die „kulturelle“ Sexualmoral und die moderne Nervosität“, in: Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion, Frankfurt am Main 1974, S. 9-33, hier: S. 13.

16 Ebd., S. 18.

17 Ebd.

18 Ebd. S. 17.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 Ebd.

22 Ebd. S. 18.

23 Ebd. S. 24.

24 Vgl. Ebd.

25 FREUD Sigmund, „Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens“, in: Sexualleben, Frankfurt am Main 1972, S. 197-211, hier: S. 207.

26 An dieser Stelle sollte angemerkt werden, dass Sigmund Freud meist darauf bedacht war sein Privatleben von Forschungsinteressen zu trennen. Vgl. LOHMANN Hans-Martin, Freud zur Einführung, Hamburg 1986, S. 54.

27 GAY Peter, Freud. Eine Biographie unserer Zeit, Übers. v. Joachim A. Frank, 1989 Frankfurt am Main, S. 49ff.

28 Vgl. WICKE 2000, S. 41.

29 Die Brautbriefe stammen aus den Jahren 1982-1986. Vgl. Sigmund Freud, Briefe 1873-1939, Hg. v. Ernst und Lucie Freud, Frankfurt am Main 1968, S. 482f. Freuds erste große „Drei Abhandlungen zu Sexualtheorie“ wurden 1905 publiziert. Vgl. FREUD Sigmund, Sexualleben, Frankfurt am Main 1972, S. 5.

30 APPIGNANESI Lisa/FORRESTER John, Die Frauen Sigmund Freuds, Übers. Brigitte Rapp und Uta Szyszkowitz, München-Leipzig 1994, S. 64.

31 Briefe 1873-1939, S. 32-34, hier: S. 33.

32 Ebd. S. 34-38, hier: S. 37.

33 Ebd. S. 81-83, hier S. 83.

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783668956261
ISBN (Buch)
9783668956278
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v471253
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Freud Schnitzler Ehe Liebesbriefe Traumnovelle

Autor

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Titel: Der Einzelne in der Ehe. Ehefrau und Ehemann in der Wiener Moderne bei Sigmund Freud und in Arthur Schnitzlers "Traumnovelle"