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Digitale Transformation in ländlichen Regionen

Rettung für die Region Oberfranken?

Fachbuch 2019 187 Seiten

VWL - Innovationsökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abstract

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Das Kapitel eins
1.2 Warum die Situation auf dem Land besorgniserregend ist
1.3 Der Traum vom Leben in der Landidylle
1.4 Digitalisierung als Allheilmittel?
1.5 Eine neue Idee: Digitale Transformation ländlicher Regionen

2 Smart City Konzepte als Vorläufer und Wegbereiter der Smart Country Side
2.1 Top Down: Die Konzepte der Smart Cities und ihr Einfluss auf die Smart Country Side
2.2 Smart City versus Smart Region: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

3 Der Weg zur digitalen Transformation des ländlichen Raumes
3.1 Was man unter „ländlichem Raum“ verstehen kann
3.2 Was man unter „Digitaler Transformation“ verstehen kann
3.3 Smarte Begriffsvielfalt
3.4 Die Politik als Impulsgeber digitaler Transformationsprozesse

4 Ausgewählte Handlungsfelder der regionalen digitalen Transformation
4.1 Leistungsfähige digitale Infrastruktur
4.2 Die Bedeutung der mobilen Datennetzwerke
4.3 E-Mobilität und Transport
4.4 E-Health
4.5 Smart Home und Ambient Assisted Living
4.6 Nahversorgung und Einzelhandel
4.7 E-Government und Open Data
4.8 Open Government und E-Partizipation
4.9 Schulung, Ausbildung, e-Learning und Digitale Teilhabe
4.10 Arbeit und Wirtschaft
4.11 Tourismus
4.12 Landwirtschaft
4.13 Grüne Energie, Smart Energy Grids und weitere Energiethemen
4.14 Kunst und Kultur
4.15 Spezielle Plattformen zur Bürgerkommunikation

5 Chancen und Hindernisse des Transformationsprozesses
5.1 Chancen der Digitalen Transformation für ländliche Räume
5.2 Hindernisse auf dem Weg zum Digitalen Dorf
5.3 Die Digitalisierung ist kein Allheilmittel
5.4 Perspektiven für die Zukunft

6 Ausblick
6.1 Benchmarking für Smarte Städte und Regionen
6.2 Fragenkatalog - teilstrukturiertes Interview

Quellenverzeichnis

Zusammenfassung

Der ländliche Raum in Deutschland ist immer mehr von soziodemografisch negativen Entwicklungen wie Wegzug der Bevölkerung und Überalterung der Wohnbevölkerung betroffen. Damit wird die Aufrechterhaltung der Infrastrukturen und die Sicherstellung allgemeiner Daseinsvorsorge bedroht und die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ist nicht mehr gegeben.

Dieser Entwicklung gegenüber steht der Megatrend der digitalen Transformation, der alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft nachhaltig und zum Teil disruptiv beeinflusst.

Deshalb wir hier untersucht, welche Methoden und Prozesse der Digitalisierung speziell die Herausforderungen der „Rural Areas“ mit besonderem Fokus auf die Region Oberfranken lösen können.

Es erfolgt zunächst eine Bezugnahme auf das Thema der „Smart Cities“, um dann einzelne Handlungsfelder ländlicher Problemstellungen mit den dort existierenden Projekten digitaler Transformation zu analysieren und deren Potentiale zu beurteilen.

Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland eine Vielzahl lokaler Digitalisierungs-Einzelprojekte stattfinden, die nicht über die Projektphase hinauskommen und oft auch ohne notwendige Vernetzung zu anderen Handlungsfeldern existieren.

Die Arbeit gibt schließlich Handlungsempfehlungen, welche Grundvoraussetzungen die öffentliche Hand schaffen muss, damit die digitale Transformation im ländlichen Raum erfolgreich gelingen kann.

Abstract

The rural area in Germany is increasingly affected by sociodemographic negative developments such as population withdrawal and aging of the resident population. This threatens the maintenance of infrastructures as well as the ensuring of services of general interest and the equality of living conditions is no longer given.

Opposite this development is the megatrend of digital transformation, which has a lasting and in part disruptive effect on all spheres of life in our society.

Therefore, here is investigated which methods and processes of digitization can specifically solve the challenges of the "rural areas" That is why it is investigated here which methods and processes of digitization can solve the challenges of the "Rural Areas" with a special focus on the region of Upper Franconia.

First of all, a reference is made to the topic of "smart cities" in order to then analyze individual fields of action of rural problems with the existing projects of digital transformation and to evaluate their potentials.

The study comes to the conclusion that a large number of local digitization individual projects are taking place in Germany, which do not go beyond the project phase and often also exist without necessary networking with other fields of action.

Finally, the paper gives recommendations for action which basic requirements the public sector must create in order for the digital transformation in rural areas to succeed successfully.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 : Entwicklungsprognose für die Bevölkerung in Bayern und Oberfranken bis

Abbildung 2 : Bevorzugte Wohngegend - wo die Menschen leben wollen

Abbildung 3: Megatrend-Map

Abbildung 4: Marktteilnehmer „Smart City Solutions“ mit den besten Positionen im Markt im Jahr

Abbildung 5: Das „Smart City Wheel“ von Boyd Cohen

Abbildung 6: Oracles Smart-City-Platform Solution Map

Abbildung 7: Anteil der Fläche und Einwohner der einzelnen Typen ländlicher Räume sowie der nicht-ländlichen Räume in Deutschland

Abbildung 8: Drei Dimensionen zur holistischen Entwicklung einer Smart City

Abbildung 9: Viele weiße Mobilfunk-Flecken in Deutschland

Abbildung 10: ILSE -Just-in-time-Transporte für gesundheitliche Anlässe

Abbildung 11: Integrierte Leitstellen-Erweiterung im Landkreis Vorpommern-Greifswald

Abbildung 12: Autonom fahrender Bus in Bad Birnbach

Abbildung 13: Trends in der Entwicklung von Verkehrsnachfrage und Verkehrsangebot

Abbildung 14: Blockchain-basiertes multimodales Internet der Mobilität

Abbildung 15: Ambient Assisted Living (AAL) - Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben

Abbildung 16: Framework einer integrierten Gesundheitsversorgung

Abbildung 17: Mit AAL-Technik seniorengerecht im Smart Home leben

Abbildung 18: Das idealtypische Nahversorgersortiment

Abbildung 19: Das Digitale Dorf der Steinwald-Allianz

Abbildung 20: Der Supermarkt, der zum Kunden kommt

Abbildung 21: Lebensmittel-Abholstation EDEKA - Food around the clock

Abbildung 22: Lebensmittel-Abholstation „emmasbox“ - White Label

Abbildung 23: Smart City Daten-Cockpit

Abbildung 24: Smartphone-App DorfFunk

Abbildung 25: Mobiler PopUp-Coworking-Space (Außen- und Innenansicht sowie Modellzeichnungen)

Abbildung 26: Der Online-Gemüsegarten

Abbildung 27: Verschiedene Facetten des Digital Farming

Abbildung 28: Digitalisierung der Kühe

Abbildung 29: GPS-gesteuerte Düngemaschine dosiert Feldpartitionen individuell

Abbildung 30: Szenarien 2040+. Schlüsseltrends

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Anteil von Stadt- und Landbewohnern in D von 1990 bis 2015 und Prognose bis

Tabelle 2: Entwicklung der proz. Anteile der Bevölkerungsgruppen bis 2030 im LK Kronach

Tabelle 3: Bausteine der Digitalisierung nach Themenfeldern in der smarten Stadt/Region

Tabelle 4: Handlungsfelder im Smart-Country-Ansatz

Tabelle 5: Die acht Raumtypen der Bertelsmann Studie

Tabelle 6: Die wichtigsten Handlungsfelder in ländlichen Regionen

Tabelle 7: EU: Mittlerer Breitbandausbau (>= 30 MBit/s) national im Länderüberblick

Tabelle 8: Breitbandausbau (>= 30 MBit/s) in ländlichen Regionen im
Länderüberblick

Tabelle 9: OECD: Anteil von Glasfaser an allen stationären Breitbandanschlüssen im
Dez

Tabelle 10: EU: Verfügbare Glasfaseranschlüsse in ländlichen Regionen im Länderüberblick

Tabelle 11: LTE-Ausbau in ländlichen Regionen im Länderüberblick

Tabelle 12: Anteil der Offliner in Europas dünn besiedelten Regionen

Tabelle 13: Anteil der Internetbucher bei Urlaubsreisen in Deutschland

Tabelle 14: Kriterienkatalog für eine smarte City/Region

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit postuliert das Problem, dass sich für unsere Gesellschaft heute und in näherer Zukunft große Belastungen ergeben aus der Disparität der wirtschaftlichen, demografischen und ganz allgemein sozioökonomischen Entwicklungen in den städtischen Ballungsgebieten versus vieler ländlicher Regionen in Deutschland. Der Fokus aller gesellschaftlich relevanten Stakeholder lag in den zurückliegenden Jahren und Jahrzehnten vornehmlich auf der expansiven Entwicklung großer Städte und Ballungsgebieten unter den Gesichtspunkten Arbeit, Wohnen, Öffentlicher Personennahverkehr, Infrastruktur, Bildung, Wirtschaft und ganz allgemein Investitionen jeglicher Art. Der ländliche Raum droht auf der anderen Seite in vielen Regionen auszubluten und jegliche Perspektive zu verlieren.

1.1 Das Kapitel eins

Im weiteren Verlauf dieser Einleitung wird die aktuelle Problemsituation „auf dem Land“ zunächst konkret skizziert und anderseits die widersprüchliche Sehnsucht vieler Menschen nach der „Landidylle“ untersucht.

Die Digitalisierung hat die Welt zu einem Dorf gemacht, doch „das Dorf“ ist nicht digital. Internet, Apps, Onlinehandel, vernetzte Lebenswelten - vor allem in den Städten und in den „Smart Cities“ scheint das Herz der Digitalisierung zu schlagen. Doch wie sieht es auf dem Land aus? Dort ist diese Digitalisierung vielfach noch nicht angekommen oder ist schlichtweg einfach noch nicht nutzbar.

Die digitale Transformation bietet heute in vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft neue Perspektiven und wird vielfach als „Allheilmittel“ für jegliche Probleme angepriesen, was ebenfalls in der Einleitung weiter unten beleuchtet wird.

1.1.1 Das Kapitel zwei

Da unter der Überschrift „Smart City“ bisher ein ganz klarer Fokus auf Leuchturmprojekte und deren Umsetzung in den Megacities bestand und größere Anstrengungen der Kommunen, hohe Investitionen von Systemlieferanten der Wirtschaft und Subventionen der Politik in den großen Städten standfanden, nimmt die Arbeit im zweiten Kapitel einen Blick auf die Smart City Konzepte und versucht aufzuzeigen, wo Gemeinsamkeiten der Smart Rural Areas mit den Projekten zur „Smart City“ bestehen und wo sich die Ziele und Instrumente zur Entwicklung einer „Smart Country Side“ unterscheiden.

1.1.2 Das Kapitel drei

Auf dem Weg zur Digitalen Transformation des ländlichen Raumes werden im dritten Kapitel einige wichtige Begrifflichkeiten geklärt und aufgezeigt, welche Impulse die Politik als wichtiger Treiber mittlerweile zu geben versucht, um bereits verlorenes Terrain auf dem Lande wieder zurück zu gewinnen und den Status „gleichwertige Lebensverhältnisse überall in Deutschland“ zu erreichen.

1.1.3 Das Kapitel vier

Aufbauend auf diesem thematischen Grundgerüst erläutert das vierte Kapitel ausführlich und detailliert 15 unterschiedliche (und zum Teil interdependente) Problembereiche, die sich in vielen Kommunen in Nordbayern und speziell in Oberfranken stellen und die Ansatzpunkte für den konkreten Einsatz von Digitalisierungsstrategien bieten. Die Aktionsfelder mit positiven Potentialen der Digitalisierung für den ländlichen Raum wie Mobilität und Transport, Landwirtschaft, Nahversorgung, Verwaltung, Bildung, Partizipation, Gesundheitsversorgung und einige mehr werden anhand konkreter Beispiele analysiert und Chancen zur Lösung der gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen aufgezeigt. Dabei wird auch kritisch untersucht, welche Hindernisse einer erfolgreichen Umsetzung der Maßnahmen entgegenstehen könnten.

In Abhängigkeit vom Status der jeweiligen Projekte wird beurteilt, inwieweit die Maßnahmen als gescheitert oder als erfolgreich zu bewerten sind und was hierfür die möglichen Ursachen waren und sind. Diese Evaluierung soll u.a. mit Befragungen diverser Projektverantwortlicher untermauert werden.

1.1.4 Das Kapitel fünf

Im fünften Kapitel erfolgt eine Zusammenfassung der Chancen der digitalen Transformation für den ländlichen Raum und eine Darstellung der Hürden, die sich auf dem Weg einer erfolgreichen Umstellung stellen. Und es wird die Frage beantwortet, ob die Digitalisierung generell tatsächlich zur Lösung der eigentlichen Probleme und zur „Rettung“ der ländlichen Regionen beitragen kann.

1.1.5 Das Kapitel sechs

Im Laufe der Untersuchungen dieser Arbeit hat sich gezeigt, dass es bis heute keine klaren Maßstäbe gibt, ob und in welchem Maße eine Stadt oder eine Region als „smart“ im Sinne erfolgreicher Digitalisierungsstrategien zu bezeichnen ist. Deshalb gibt Kapitel sechs einen Ausblick auf mögliche Bewertungsschemata, die zukünftig bei der Beantwortung dieser Frage herangezogen werden könnten.

Außerdem hat sich bei der Forschung zu dem Thema herausgestellt, dass viele Ideen und Konzepte zur Umsetzung von Digitalisierungsprojekten zwar häufig mit viel Elan angegangen und auch mit erheblicher finanzieller Unterstützung öffentlicher Stellen subventioniert werden, dann aber zum Ende der Projektlaufzeit „in der Schublade verschwinden“. Deshalb entstand ein erster Fragenkatalog für ein teilstrukturiertes Interview, der Anregung für zukünftige Forschungsfragen geben will und ebenfalls im siebten Kapitel ausgeführt ist.

1.1.6 Quellen der Forschungsarbeit

Bei der Auseinandersetzung mit dem Thema zeigte sich, dass Fragestellungen und Konzepte zu „Smart Rural Areas“, also ländliche und kleinbäuerlich geprägte Regionen mit modernen, auf die digitale Transformation setzenden Ideen und Konzepten, in der wissenschaftlichen Literatur nur ganz selten und erst in den letzten zwei bis drei Jahren auftauchen. Deshalb fließen in diese Arbeit viele ganz aktuelle Untersuchungen und Forschungsergebnisse ein, die sehr häufig nicht in der „klassischen“ Wissenschaftsbibliothek zu finden sind.

Die Arbeit stellt Forschungsergebnisse und Projekte zur „Digitalisierung des ländlichen Raumes“ mit Schwerpunkt in Deutschland und in Oberfranken vor, berücksichtigt aber auch jüngste Projekte in Europa.

1.2 Warum die Situation auf dem Land besorgniserregend ist

Kurz nach seinem Rücktritt vom Amt des SPD-Parteichefs und Kanzlerkandidaten sagte Sigmar Gabriel in einem stern -Interview:

„Unser Land fällt ja wirklich immer mehr auseinander. Nicht nur in Arm und Reich, auch in Stadt und Land. In den Großstädten fehlt es an bezahlbaren Wohnungen, und auf dem Land gibt es häufig nicht mal mehr eine Bushaltestelle, keine Grundschulen, keinen Supermarkt, keinen Arzt und keine Apotheke. Die Menschen fühlen sich dort im Stich gelassen.“ (stern 2017)

Viele städtische Regionen in Deutschland profitieren von und leiden gleichermaßen unter hohen Bevölkerungs-Zuwachsraten („Landflucht“, Migration). Urbanisierung und Verstädterung gilt als einer der Megatrends, auch europa- und weltweit. Nach einer Berechnung der United Nations/DESA hat sich zwischen 1950 und 2015 der weltweite Anteil der Stadtbevölkerung von 26,6% auf 54,0% erhöht und ist durch das Bevölkerungswachstum absolut von 746 Mio. auf 3.960 Mio. Einwohner explodiert. „Das Leben“ spielt sich zwangsläufig immer mehr in den Städten und Ballungsgebieten ab, die die Aufmerksamkeit von Investoren, Architekten und Planern auf sich ziehen.

„Where villages and small towns have not been on the agenda, the city-centered discourse becomes almost a self-fulfilling prophecy with cities becoming larger and better, more interesting and beautiful, whereas villages and small towns are more or less left to their own devices.” (Steinführer 2016, Abstract)

Spiegelbildlich zur Stadtentwicklung prognostizieren die Vereinten Nationen (UN) für Deutschland einen Rückgang der „Landbevölkerung“ von 27% im Jahr 1990 auf nur 16% in 2050! Diese Entwicklung führt einerseits auch in Deutschland in den Ballungsgebieten unter anderem zu erheblicher Wohnraumnot und fehlenden Gewerbeflächen, explodierenden Miet- und Baukosten, überlasteter Verkehrsinfrastruktur (bis hin zu Fahrverboten), Parkplatzmangel, erhöhter Umweltbelastung und sinkender Lebensqualität.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Anteil von Stadt- und Landbewohnern in D von 1990 bis 2015 und Prognose bis 2050 / Quelle: eigene Darstellung, Daten entnommen bei statista.com am 06.10.2018

1.2.1 Bevölkerungsrückgang

Anderseits gilt ein signifikanter Bevölkerungsrückgang ebenfalls als ein entscheidender Indikator für negative Attraktivität und wachsende Probleme einer Region.

Für Oberfranken prognostizieren das Bayerische Landesamt und die Regierung von Oberfranken bis zum Jahr 2036 einen Bevölkerungsrückgang von 6%, wobei der Landkreis Wunsiedel mit minus 15% und die Regionen Tettau, Nordhalben, Berg, Kirchenlamitz, Bad Alexandersberg und Schirnding mit einem Minus von bis zu 17% die negative Tabelle anführen.

Gleichzeitig muss man wissen, dass Oberfranken die Region mit der zweitgrößten Industriedichte in Europa ist, dort viermal mehr Hidden Champions angesiedelt sind als im Bundesdurchschnitt1 und eine der höchsten Brauerei-, Bäckerei- und Metzgereidichten der Welt aufweist2 ! Auch deshalb wiegt der Bevölkerungsrückgang angesichts des allgemeinen Facharbeitermangels in der Region Oberfranken noch schwerer.

Der Landkreis Kronach soll sich von 69.000 Einwohnern im Jahr 2012 auf 60.000 Einwohner im Jahr 2030 zurückentwickeln3.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entwicklungsprognose für die Bevölkerung in Bayern und Oberfranken bis 2036 / Quelle: https://www.regierung.oberfranken.bayern.de/imperia/md/content/regofr/oberfranken /daten/karte_oberfranken_bevoelkerungsvorausberechnung.pdf

1.2.2 Überalterung

Neben dem Bevölkerungsrückgang hat vor allem das Land mit einer dramatisch zunehmenden Überalterung zu kämpfen. Immer mehr Menschen gehen in den Ruhestand, gleichzeitig sinkt jedoch die Zahl der Jungen, die für die aktuellen Renten aufkommen. Beispielhaft für die meisten ländliche Regionen in Deutschland erwartet man in der Gemeinde Bindlach bei Bayreuth mit rund 7.200 Einwohnern eine Entwicklung des Alterskoeffizienten von 32 in 2014 auf 59 in 2034, dann stehen 59 Senioren 100 Erwerbstätigen gegenüber (ISEK 2017, S.8)!

Für den Landkreis Kronach wird sich der Anteil der ab 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von 2012 bis 2030 um 50% erhöhen, nämlich von 22,4% auf 32,4%4. Im Vergleich dazu beträgt in der Stadt München der Anteil der ab 65-Jährigen in 2012 nur 17,5% und bleibt bis 2030 mit 18,2% praktisch konstant5 !

In nachstehender Tabelle zeigt sich deutlich die erwartete dramatische Entwicklung der Bevölkerungsgruppen im Landkreis Kronach in einem Horizont von 2012 bis zum Jahr 2030:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Entwicklung der proz. Anteile der Bevölkerungsgruppen bis 2030 im LK Kronach / Quelle: http://www.wegweiser-kommune.de/statistik/kronach-kc+relative-entwicklung-der-altersgruppen+2012-2030+tabelle, download am 23.11.18

1.2.3 Verschuldung

Die meisten Herausforderungen für Staat und Kommunen ergeben sich aus ihren Verpflichtungen, im Rahmen der allgemeinen Daseinsvorsorge für die Bürger eine flächendeckende Versorgung mit bestimmten, von den politisch Verantwortlichen als lebenswichtig eingestuften Gütern und Dienstleistungen zu allgemein tragbaren (= sozial verträglichen) Preisen und in zumutbaren Entfernungen, zu gewährleisten. Zu den Aufgabenfeldern werden technische Dienstleistungen wie die Versorgung mit Energie, Wasser, Telekommunikation, öffentlichem Nah- und Fernverkehr, Post, Abfall- und Abwasserentsorgung ebenso gerechnet wie die Grundversorgung mit sozialen Dienstleistungen wie Kulturangebote, Gesundheitsdienste, Kinderbetreuung, Schulausbildung und Altenpflege oder Rettungsdienst, Katastrophenschutz und Brandschutz (BMVI 2016, S.8).

Die vom Bevölkerungsrückgang betroffenen Kommunen sind trotz zum Teil dramatischer Verschuldungsgrade mit den Erwartungen ihrer Bürger konfrontiert, staatliche Leistungen der Daseinsvorsorge, der Infrastruktur oder der Kulturangebote aufrecht zu erhalten und zusätzlich die Investitionen für einen digitalen Transformationsprozess zu leisten. Da in Verbindung mit der schrumpfenden und alternden Bevölkerung die Steuereinnahmen rückläufig sind, gleichzeitig aber die Aufwendungen - z.B. für die Wasserversorgung oder den Straßenbau - unabhängig von der Bevölkerungszahl bleiben, steigt die Verschuldung vielerorts massiv an. So haben die Gemeinden in Ostoberfranken per Dezember 2017 eine Verschuldung pro Einwohner in Höhe von 1.338 EUR (im Vergleich haben die Gemeinden in der Region Ingolstadt gerade einmal Schulden in Höhe von 280 EUR je Einwohner)6.

Die Gemeinde Tröstau im Fichtelgebirge weist sogar einen Schuldenstand von 3.069 EUR7 je Einwohner aus (per 2016). Das Durchschnittsalter der Bevölkerung erhöhte sich dort seit 2007 von 42,5 auf 46,4 Jahre, der Jugendquotient8 sank von 35,0 auf 28,7 und der Altenquotient9 stieg von 32,8 auf 37,8.

1.2.4 Keine schulische Chancengleichheit für Landkinder

Auf eine parlamentarische Anfrage zur Situation der Übertrittsquoten von Grundschülern auf weiterführende Schulen im Schuljahr 2016/2017 antwortete das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus mit einer sehr bedenklichen Statistik10. Daraus ergab sich eine erhebliche Schieflage in dem Anteil der Grundschüler, denen ein Übertritt aufs Gymnasium vonseiten der Schule empfohlen wurde – und zwar signifikant in Abhängigkeit davon, wie „wohlhabend“ eine Stadt und vor allem ein Landkreis ist. So wurde Schülern an Grundschulen im Landkreis Starnberg mit 71,1% der Übertritt an das Gymnasium empfohlen (Oberbayern: 56,1%), Schüler aus dem wirtschaftlich „schwachen“ Landkreis Wunsiedel erhielten nur mit 43,7% diese Empfehlung – also rund 40% weniger als im LK Starnberg! Und tatsächlich wechselten zum Schuljahr 2016/2017 im LK Starnberg 53,7% aller Grundschüler auf das Gymnasium, im LK Kronach zum Vergleich nur 30,0% und im LK Tirschenreuth gar nur 27,5%!

Die Gründe hierfür sind sicher mannigfaltig – kein Geld für Nachhilfe, lange Schulwege und weniger schulische Angebote, bildungsfernere Elternhäuser u.v.m. Damit steht aber auch fest, dass ein auf dem (strukturschwachen) Land geborenes Kind, das im Durchschnitt nicht unterschiedlich intelligent zu anderen Standorten ist, keine Chancengleichheit für die Schullaufbahn und damit auch für das zukünftige Berufsleben hat. Die späteren negativen Auswirkungen wie Facharbeitermangel in diesen Regionen, höhere Aufwendungen für Sozialleistungen, weniger Steuereinnahmen u.v.m. liegen dabei ebenso auf der Hand.

1.2.5 Der „Gelbe Westen“-Aufstand in Frankreich

Wie empfundene oder tatsächliche Defizite auf dem Land am Ende sogar den sozialen Frieden und gewählte demokratische Strukturen gefährden können, zeigt sich ganz aktuell in unserem Nachbarland Frankreich, wo mit den „Gelben Westen“ seit November 2018 eine Welle von Unruhen, Gewalt und anarchischen Aufständen das ganze Land überzieht, das auch als „überfällige Konfrontation zwischen dem abgehängten Frankreich und den Metropolen“11 interpretiert wird.

Eine, am Rande einer von Demonstranten errichteten Straßensperre befragte, ältere Dame brachte zum Ausdruck, warum sie und viele andere die derzeitigen massiven Proteste unterstütze: Als sie vor 24 Jahren in das Dorf Dompierre-sur Veyle auf halber Strecke zwischen den Arbeitsplätzen der beiden Eheleute gezogen sei, gab es dort noch einen Gemischtwarenhandel, eine Bar, ein Restaurant, ein Hotel, einen Zeitungsladen, einen Bäcker, einen Fleischer, eine Post, einen Arzt und einen Friseur und einmal in der Woche fand auch ein Markt statt. Heute ist nur der Friseur übriggeblieben, ohne Auto kann man nicht einmal Brot kaufen.12

1.3 Der Traum vom Leben in der Landidylle

Deutschland ist geprägt von Landflucht einerseits und Zuzug in Ballungsgebiete andererseits.

Welche triftigen Gründe gibt es dafür und würden die Menschen sich anders entscheiden, wenn sie die freie Wahl hätten?

Eine Bevölkerungsbefragung der Bundesstiftung Baukultur aus dem Jahr 2015 (Bundesstiftung Baukultur 2015) hat ein überraschendes Ergebnis erbracht: Auf die Frage, wo sie am liebsten wohnen würden (unabhängig von der finanziellen Situation oder anderer Rahmenbedingungen), entschieden sich nur 21% für die Großstadt. Bei den 45- bis 49-Jährigen wollen sogar nur 12% in der Großstadt leben. Bei den über 60-Jährigen steigt die Quote wieder auf 21%, was wohl u.a. mit den Mobilitätsproblemen zusammenhängt, die die „Alten“ mit dem Land verbinden.

In der Altersgruppe zwischen 30 und 59 Jahren, die tendenziell beruflich gut integriert im Familienverbund leben, entschieden sich sogar mehr als 50% für die dörfliche Landgemeinde !

Eine umfangreiche Untersuchung im Auftrag des ZDF13 aus dem Jahr 2018 kommt sogar zu dem Ergebnis, dass nur noch 16% der Bevölkerung in der Großstadt leben möchte (Kleinstadt 39%, Ländliche Region 44%).

Um die negativen Folgen des Bevölkerungsschwundes für unsere Gesellschaft entgegen zu wirken, bedarf es einer Analyse der Gründe, die die Menschen davon abhalten, dort zu leben, wo sie es sich wünschen. Aufgabe dieser Arbeit ist es zu prüfen, ob die Digitale Transformation geeignete Instrumente und neue Prozesse liefern kann, um Hürden und Hindernisse für eine Revitalisierung von Dörfern und ländlich geprägten Regionen aus dem Weg zu räumen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bevorzugte Wohngegend - wo die Menschen leben wollen

Quelle: Bundesstiftung Baukultur (2016), S.37

1.4 Digitalisierung als Allheilmittel?

Die Digitalisierung hat schon längst alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft erfasst und beeinflusst, wie wir leben und arbeiten und uns mit unserer Umwelt vernetzen. In immer mehr Lebensbereichen unterstützen uns digitale Lösungen und beeinflussen unsere Entscheidungen, indem sie Prozesse und Abläufe automatisieren und die intelligente Vernetzung von Informations- und Kommunikationstechnologien nutzen (Heß und Polst 2017, S.12). Reale und virtuelle Welten verschmelzen immer mehr.

Die Fokusgruppe Intelligente Vernetzung des Digital Gipfels (Beratungsgremium der Bundesregierung) postuliert in ihrem Arbeitsprogramm 2018, dass durch die Digitalisierung speziell in den Infrastrukturbereichen Energie, Gesundheit, Verkehr, Bildung und Öffentliche Verwaltung mit der „systematische(n) digitale(n) Vernetzung und Nutzung innovativer IKT-Technologien wie M2M/IoT, Smart Data und Smart Wearables sowie horizontal verbindender Plattformen (...) Prozessoptimierungen, Produktivitätsfortschritte und Kosteneinsparungen erzielt und erhebliche Wachstumsimpulse gesetzt werden“ (Digital Gipfel 2018, S.3)

Die Privatgesellschaft hat sich mit größter Begeisterung auf die Vorzüge der Digitalisierung gestürzt. Immer mehr Medien (Audio, Video, Foto) werden digital konsumiert, ohne Navigation kommt niemand mehr von A nach B, E-Commerce wird wie selbstverständlich genutzt, Sprachassistenten ersetzen menschliche Kommunikation und die sozialen Medien haben die Gesellschaft durchdrungen. Facebook hat derzeit über 2.000 Millionen Nutzer, WhatsApp 1.300 Millionen und Instagram 800 Millionen, um nur die größten Dienste zu nennen14.

Der chinesische Anbieter Tencent hat mit seiner WeeChat-App schon 1.000 Millionen Kunden und bietet den Anwendern ein ganzes Ökosystem, in dem man mit diesem Dienst neben der Chat-Funktion „alles“ erledigen kann, was täglich im persönlichen Leben anfällt. Man kann hier schon von der Schaffung eines einzigartigen „gesellschaftlichen Betriebssystems“ sprechen, die dem Betreiber exklusiv eine schier endlose Zahl von Daten seiner begeisterten User liefert (Jensen 2018). Dabei werden die Konsumenten mit ihrer Schwarmintelligenz im virtuellen Raum immer mehr zu Designern, Entwicklern und Produzenten und heben alte räumliche und organisatorische Grenzen auf (Miosga 2016, S.18).

Prof. Manfred Miosga, Lehrstuhl Stadt- und Regionalentwicklung an der Universität Bayreuth, sieht in der Digitalisierung und Vernetzung ein neues Heilversprechen, das vorgibt, nahezu alle Probleme in Städten und Gemeinden lösen zu können (Miosga 2016, S.17).

„Versprochen wird eine drastische Effizienzsteigerung der städtischen (und ländlichen, Anm.d.Verf.) Systeme und Infrastrukturen, die zur Verbesserung der Klimabilanz, zu wirtschaftlichem Wachstum, zu einer höheren Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger, zu mehr Transparenz und Mitbestimmung und sogar zu einer besseren Integration von Zuwanderung führen soll. Wenn alles digital vernetzt ist, können Verkehrssysteme besser und effizienter gesteuert, Energieverbräuche reduziert und erneuerbare Energiewellen besser koordiniert werden. Warenströme können effizienter organisiert, Siedlungssysteme und Infrastrukturen besser geplant, kosteneffizienter gebaut und unterhalten werden. Hilfsbedürftige Menschen können in digital vernetzten Wohnungen besser betreut, Steuerungs- und Verwaltungsabläufe optimiert, Bürger besser beteiligt und öffentliche Räume sicherer werden“. (ebd.)

Karin Engelhardt, Online-Managerin der Stadt Coburg, ist von den Chancen der Digitalisierung überzeugt: „Digitalisierung löst Probleme vor Ort. Dazu gehören die Überalterung, der Versorgungsmangel, die Mobilität und Anbindung, die Bildung, die Umweltprobleme, die Energieversorgung, die Haushaltsdefizite und der Fachkräftemangel“ (Engelhardt 2016) - wenn sie Recht hat, ist Digitalisierung also fürwahr ein Allheilmittel!

Der EU-Staat Estland, in der Digitalisierung von Verwaltung und Gesellschaft wohl führend in der Welt, zumindest aber in Europa ist, postuliert in seiner bereits im Jahr 2014 veröffentlichen Digital Agenda 2020 for Estonia die allumfassende Bedeutung der Digitalisierung für das Land: „The focus for the future will (...) be on creating an environment that facilitates the use of ICT and the development of smart solutions in Estonia in general. The ultimate goal is to increase the economic competitiveness, the well-being of people and the efficiency of public administration.“ (Estonia 2014, S.1)

1.4.1 Megatrends bestimmen unser Leben

Bei den Megatrends, die unser Leben in der nächsten und weiteren Zukunft bestimmen, ist die Digitalisierung Ursache und Treiber, Hilfsmittel und Werkzeug, aber auch Ergebnis und Konsequenz.

In einer Megatrend-Map hat das Zukunftsinstitut 15 die Felder aufgezeigt, in denen die Megatrends - als zentrale Treiber des Wandels - Wirtschaft und Gesellschaft langfristig und nachhaltig beeinflussen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Megatrend-Map / Quelle: Zukunftsinstitut, entnommen am 17.10.2018 bei https://www.zukunftsinstitut.de/index.php?id=1532

Rund die Hälfte dieser Megatrends können dem allumfassenden Megatrend „Digitalisierung“ zugerechnet werden und dieser fungiert auch als Querschnittsbereich. Die Digitalisierung ist hierbei kein „Allheilmittel“, aber schafft für viele der Zukunftsszenarien erst die Voraussetzung für deren Realisation.

1.5 Eine neue Idee: Digitale Transformation ländlicher Regionen

In allen Bereichen des kommunalen Lebens wird die Digitalisierung einschneidende Veränderungen mit sich bringen, ist der Deutsche Städte- und Gemeindebund überzeugt. In den Sektoren Bildung, Arbeit, Freizeit, Mobilität, Energieversorgung und öffentliche Verwaltung werden sich durch die Digitale Transformation viele Neuerungen und möglichst auch Verbesserungen hinsichtlich Qualität, Effizient und Bürgerorientierung ergeben (DStGB 2018, S.24).

Schon seit einigen Jahren entwickelt das Forschungsinstitut Fraunhofer IESE (Karlsruhe) im Auftrag und in Kooperation mit staatlichen Stellen Lösungen, um mit intelligenter IKT auch kleinen Städten und Dörfern neue Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Bereits im Jahr 2014 legte das Institut sein Forschungsprojekt Smart Rural Areas – Intelligente Technologien für das Land von morgen der Öffentlichkeit vor. Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass nicht nur die Städte, sondern auch die Dörfer Deutschlands smart und digital werden müssen. Denn auf dem Land entfalten die gesellschaftlichen und demografischen Realitäten wie Landflucht und Überalterung, Ärztemangel und Infrastrukturverfall ihre negative Wirkung. Hier werden Potenziale und Chancen gesehen, für und mit den Menschen auch in Dörfern die Grundlage für eine nachhaltige Zukunft zu schaffen.

Institutsleiter Prof. Liggesmeyer ist sich sicher: „Durch eine intelligente Infrastruktur für die zentralen Lebensbereiche wie medizinische Versorgung, Energie, Mobilität oder Logistik ist eine Revitalisierung der Region technologisch und praktisch möglich“ (IESE 2015).

Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, ist sich für die Rural Areas zuversichtlich: „Wenn wir die Chancen der Digitalisierung nutzen, können wir viele Herausforderungen des demografischen Wandels bewältigen. Davon bin ich überzeugt.“ (Dreyer 2015, S.13)

Die Digitale Transformation, also die Übertragung jeglicher Infrastrukturen, Mechanismen, Prozesse, (disruptiver) Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen auf computergestützte Codes und Algorithmen sowie webbasierte Anwendungen, sollte dabei aber niemals Selbstzweck sein.

2 Smart City Konzepte als Vorläufer und Wegbereiter der Smart Country Side

Da die Smart City Solutions Vorläufer und auch „Wegbereiter“ und „Wegbegleiter“ neuer Ansätze zur Digitalisierung des ländlichen Raumes sind, werden im Folgenden wichtige Inhalte der Smart City-Ideen vorgestellt und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten zur Konzepten der Smart Country Side gesucht.

2.1 Top Down: Die Konzepte der Smart Cities und ihr Einfluss auf die Smart Country Side

Schon seit einigen Jahren haben sich Konzepte rund um das Schlagwort „Smart City“ entwickelt (Wichmann und Terfrüchte S.8).

Diese Smart-City-Konzepte wurden bisher von großen Industrie- und IT-Konzernen dominiert. Jene Unternehmen haben das Potential für sich erkannt und bearbeiten weltweit mit diversen Initiativen die verantwortlichen Stakeholder großer Städte und sehen sich als „Smart City Supplier“.

„If Siemens and Cisco aim to be the electrician and plumber for the Smart City, IBM`s ambition is to be their choreographer superintendent and oracle rolled into one.“ (Townsend 2013, S.63)

Das Marktforschungsinstitut Navigant Research identifiziert Siemens und Cisco als die beiden derzeit größten Player auf dem Markt für „solutions & services“ und prognostiziert für 2026 ein weltweites Marktvolumen von rund 94 Mrd. US$16 (Navigant Research 2018).

Dass die veröffentlichten Schätzungen zukünftiger Marktpotentiale immer kritisch zu hinterfragen sind, zeigt hier ein Blick in eine 2017 veröffentlichte Studie der renommierten Unternehmensberatung Arthur D. Little zum Thema „Smart City“. Dort findet man allein für Deutschland ein geschätztes Marktpotential im Jahr 2022 von 43,8 Mrd. Euro (Arthur D. Little 2017, S.3; dagegen die Schätzung Navigant 94 Mrd. US$ weltweit für 2026, siehe oben). Grundsätzlich gilt allerdings, dass die Umsatz- und Ertragspotentiale für die Konzerne als sehr attraktiv einzuschätzen sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Marktteilnehmer „Smart City Solutions“ mit den besten Positionen im Markt im Jahr 2018 / Quelle: Navigant Research, entnommen von https://www.venturesmarter.com

In einem 100-seitigen Memorandum an US-Präsident Obama im Februar 2016 mit dem Titel „Technology and the Future of Cities“ appellierte das President’s Council of Advisors on Science and Technology 17, ein Beraterstab besetzt mit führenden Wissenschaftlern und Technologen, die Chancen der Smart Cities für die amerikanische Wirtschaft auch als milliardenschweren Exportschlager zu nutzen:

„This report lays out the political economic stakes of smart cities: Combined, the innovati- ons that are increasingly within reach provide an opportunity to revamp how cities operate at all levels and for all stakeholders. [...] In reality, the nations of the world are in a race to transform their cities and reap the rewards, many of which will be economic new pro ducts, new companies, and new skilled jobs, which, along with improved urban quality of life, create a virtuous circle that attracts talented new residents and additional businesses from around the world. This is a race the United States cannot afford to lose. [...] A coor- dinated effort has the potential to help the United States seize a new, multi-trillion-dollar business opportunity, including technology exports“ (PCAST 2016 S.V und S.37)

Auch auf europäischer Ebene werden die Chancen der Entwicklung erfolgreicher Digitalisierungskonzepte z.B. für „Smart Villages“ als mögliches Servcieprodukt mit ökonomischem Potential gesehen. In ihrer Bled Declaration stellt die Europäische Kommission fest, dass die Entwicklung eines digitalen Tools, das die ländlichen Regionen miteinander verknüpft, sich eignen würde als „a high-tech, high life- standard model for rural areas around the world“ (European Commission 2018, S.2).

Die von den „Big Playern“ aufgesetzten Konzepte der Smart Cities zielen wesentlich auf Prozessoptimierung und Effizienz unter Einsatz von Big Data ab. In einer technologisch orientierten „Top-Down-Strategie“ (vgl. Walravens et. al. 2014) werden Instrumente zur Steuerung und Kontrolle einer Großstadt durch ein integriertes „Leitstand-Programm“ entwickelt, das vor allem die Optimierung der städtischen Infrastruktur zum Ziel hat und dabei für die Zivilgesellschaft oftmals intransparent ist.

In einer Reihe von Leuchturmprojekten wurden und werden diese Konzepte bereits weltweit umgesetzt, so u.a. in Singapur, Seoul, Taipei, Rio de Janeiro, New York, Calgary und in Europa in Amsterdam, Barcelona, Stockholm und Lyon. Führend in der Umsetzung ist die Stadt Wien, die für ihre Konzepte auch schon einige angesehene Preise gewonnen hat.18

Swarat und Koczorowski bemerken kritisch, dass bei den Digitalisierungs-Großprojekten in den Städten meist ein Großkonzern im Zentrum der Strategie als treibende Kraft agiere, wobei es oft nicht klar ist, ob die Stadt mithilfe des potenten Partners eine klare Strategie verfolge oder ob die Strategie nur im Nachhinein um ein, von wirtschaftlichen Interessen getriebenes, Vorhaben „herumgestrickt“ wurde (ebd., S.26).

Detlev Sträter, Vorsitzender des Programausschusses des 1968 geründeten Münchner Forums für Entwicklungsfragen e.V., beurteilt die Aktivitäten der Industrie ebenfalls als grenzwertig. Nach seiner Einschätzung sind die Versprechungen für ein besseres und vielfältiges Leben in der Smart City nur „geniale Formeln aus der PR-Werkstatt der Weißwäscher, die sich alle Mühe geben, die Erkenntnis zu verhindern, worum es eigentlich geht: um den Zugriff von ‚Big Data’ auf die Datenbestände und die Handlungsroutinen der Städte und aller öffentlichen Akteure samt ihrer Kommunikation mit ihren ‚Kunden“, den Bürgern“ (Sträter 2017, S.1). Er befürchtet einen Zentralisationsprozess der großen Wissens- und Datenbestände bei den globalen IT-Unternehmen und eine Enteignung all derjenigen, die diese Daten erzeugen und besitzen (ebd., S.1).

2.1.1 Alphabet (Google) baut eine ganze smarte Stadt neu auf

Die Google-Mutter Alphabet baut in Toronto derzeit unter dem Projektnamen Sidewalk Labs eine smarte „Stadt in der Stadt“ von Grund auf neu. Auf einer Brachfläche von 325 Hektar entwickelt man ein weltweit skalierbares Modell einer Smart City mit der folgenden Vision: „By combining people-centered urban design with cutting-edge technology, we can achieve new standards of sustainability, affordability, mobility, and economic opportunity.“19

Wichtige Bestandteile des Konzeptes sind20:

- Punkt-zu-Punkt-Mobililtät (von Haustür zu Haustür) mithilfe digitaler Navigation, autonomen Transportsystemen sowie einer integrierten Einbindung von Fußgängern, Fahrrädern und ÖPNV.
- Neue Nutzungskonzepte mit der Integration von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen in gemeinsamen Strukturen.
- Hohe Nachhaltigkeit hinsichtlich Flächenverbrauch und CO2-Neutralität.
- Eine datengestützte Steuerung und Überwachung, um das öffentliche Leben angenehmer und sicherer zu machen.
- Eine Vernetzung von Bürgern und öffentlichen Einrichtungen (z.B. Gesundheitsversorgung), um die Services für die Bevölkerung signifikant zu verbessern.
- Und schließlich im Zentrum aller Aktivitäten eine offene digitale Infrastruktur (Data Lake, Anm.d.Verf.) mit allgegenwärtiger Konnektivität und Einblick in alle relevanten Daten, um kreative Lösungen zur Bewältigung lokaler Herausforderungen zu entwickeln.

„Google is building a City of the Future in Toronto. Would anyone want to live there? It could be the coolest new neighborhood on the planet—or a peek into the Orwellian metropolis that knows everything you did last night.“21

2.1.2 Fraunhofer erweitert den Smart City Ansatz

In ihrer Morgenstadt-Initiative haben sich 11 verschiedene Fraunhofer-Institute zusammengeschlossen, um in einem ähnlich gefassten Ansatz gemeinsam die Zukunft der nachhaltigen, lebenswerten und wandlungsfähigen Stadt von morgen voraus zu denken und zu realisieren.

„Die Digitalisierung als gesellschafts- und wirtschaftsverändernder Megatrend erreicht immer mehr die städtische Verwaltung. Durch die intelligente Integration von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) und Daten mit bestehenden und neuen Infrastruktursystemen auf der einen Seite und Bedarfen von Städten und Bürgerinnen und Bürgern andererseits strebt die Smart City ein Maximum an urbaner Lebensqualität, Ressourceneffizienz, Resilienz und Zukunftsfähigkeit an. Hierzu werden Technologien gezielt eingesetzt, um eine Vielzahl an urbanen Prozessen zu optimieren.“ (Fraunhofer Gesellschaft 2018)

Vier Aspekte stehen in der Fraunhofer-Initiative im Vordergrund:

- Die Senkung von Emissionen durch intelligente, dezentrale Energiesysteme und die Verschaltung von (E-) Mobilität, Gebäuden und Energiesystemen.
- Der Fokus auf nutzerorientierte Dienstleistungen, die sich an Echtzeit-Informationen (Umwelt, Verkehr, Energieverbrauch etc.) orientieren.
- Die Integration einzelner Technologien in intelligente Systeme (IoT), die eine Sharing Economy ermöglichen.
- Die datenbasierte Optimierung des Managements und der Steuerung der Stadt auf Politik- und Verwaltungsebene.

2.1.3 Das Smart City Wheel

Einen etwas weiteren Kreis der Digitalisierungsaktivitäten rund um die smarte Stadt schlägt Boyd Cohen mit seinem „Smart City Wheel“, der die Bereiche Wirtschaft, Mobilität, Umwelt, Bürger der Stadt, bürgerliches Lebensumfeld und Verwaltung nochmals auffächert und diese Kategorien von den Autoren Lazaroiu und Roscia (2012) auch als Grundlage für ein Benchmarking von Smart Cities genutzt werden (vgl. Kapitel 6.1):

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Abbildung 5: Das „Smart City Wheel“ von Boyd Cohen / Quelle: Homepage von Boyd Cohen: https://www.smart-circle.org, entnommen am 04.10.2018

2.1.4 Oracle made Smart City

Die mannigfaltigen Bereiche, die von einer digital gesteuerten Smart City betroffen sein könnten (oder müssten...), zeigt der IT-Konzern Oracle in seinem Modell einer „Oracle made smart city“ auf, bei der alle Lebensbereiche und jegliche Infrastruktur von einer zentral konsolidierten Plattform gelenkt werden und es damit, so Cisco, möglich wird, „to monitor performance and improve service delivery, program planning and budgeting“.

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Abbildung 6: Oracles Smart-City-Platform Solution Map / Quelle: https://www.oracle.com/assets/oracle-manage-smart-city-185081.pdf

2.1.5 bitkom-Ansatz

Der Deutsche Digitalverband bitkom, in dem mehr als 2.600 Unternehmen der digitalen Wirtschaft organisiert sind, definiert Smart Cities und Smart Regions gleichermaßen als

„Vision digital vernetzter Städte und Regionen, welche sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Ziele verfolgen, so etwa eine verbesserte Ressourceneffizienz, eine erhöhte Lebensqualität, die Förderung der lokalen Wirtschaft, die Schaffung von Innovationsräumen, mehr gesellschaftliche Teilhabe sowie eine erhöhte Zugänglichkeit und Effizienz öffentlicher Dienstleistungen“. (bitkom 2018)

Weiter definiert der Verband die folgenden zehn Handlungsfelder (ebd.):

- Verwaltung: E-Government, Bürgerdienste
- IT-Infrastruktur: Breitband, WLAN, Mobilfunk, Long Range Wide Area Network (LoRaWAN) in Kommunen
- Datenplattformen: IoT-Plattformen, Open Data-Portale
- Sicherheit: im öffentlichen und digitalen Raum, Cyber Security, Gefahrenabwehr
- Gesellschaft: Digital Citizenship, E-Partizipation, Bürgerplattformen
- Mobilität: intelligente Mobilität, E-Mobility, Connected Car, Smart Logistic
- Energie & Umwelt: Smart Grid, Smart Building, Smart Lighting, Smart Waste
- Bildung: Intelligente Bildungsnetze, E-Learning
- Handel & lokale Wirtschaft: Einzelhandelsplattformen, Innovationsnetzwerke
- Gesundheit: E-Health, Ambient Assisted Living

2.1.6 Der nationale IT-Gipfel

Der Nationale IT-Gipfel (2015) findet eine etwas andere Einteilung in sieben Themenfelder einer intelligent vernetzten Stadt oder Region. Danach sind eine Vielzahl von Vernetzungen vertikal innerhalb der Themenfelder denkbar und bieten bereits Mehrwerte. Aber erst durch horizontale Vernetzungen über die einzelnen Themenfelder hinweg entstünden echte Zugewinne im Sinne der digitalen Transformation in eine smarte Zukunft zum Nutzen für Bürger, Wirtschaft und Verwaltung (ebd., S.15) und würden der Kommune einen Wettbewerbsvorteil verschaffen bzw. helfen, mögliche Wettbewerbsnachteile auszugleichen.

Zusammenfassend zielen die Konzepte durch den Einsatz innovativer (vor allem IuK-) Technologien auf die Steigerung der Energie- und Ressourceneffizenz, auf die Erhöhung der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit sowie auf die Lebensqualität und Sicherheit der Bürger und umfassen somit nahezu alle Lebensbereiche (Libbe 2014 S.2).

Aus den Konzeptionen und Strategien für eine „Smart City“ lassen sich einige Punkte auch auf ländlich strukturierte Regionen übertragen und sind teilweise mit den dortigen Themen vernetzt und interdependent.

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Tabelle 3: Bausteine der Digitalisierung nach Themenfeldern in der smarten Stadt/Region / Quelle: eigene Darstellung, angelehnt an Nationaler IT-Gipfel 2015, S.8

2.2 Smart City versus Smart Region: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

In der öffentlichen Diskussion, in aktuellen Publikationen und in den meisten wissenschaftlichen Arbeiten wird bei den Fragestellungen zur Digitalisierung des öffentlichen Raumes unterschieden zwischen Smart-City- und Smart Region- Konzepten.

Die Bandbreite erstreckt sich von der Verkehrssteuerung in einer Megacity bis zum E-Commerce-Shop eines lokalen Imkers und dessen Einbindung in regionale Erzeugerplattformen.

Der Nationale IT-Gipfel (2017a) beschreibt Smart City als international verwendeten Begriff für die Vision einer digital vernetzten Großstadt. Bisher technologisch und administrativ getrennte vertikale Systeme wie z. B. Verkehr und Mobilität, Energie, Gesundheit, Verwaltung, Bildung und Wirtschaft werden mittels hochleistungsfähiger und sicherer Plattformen in einem Top-Down-Ansatz integriert und horizontal verknüpft. Dadurch entstehen neue Dienste und auch neue Möglichkeiten, Innovationen durch Vernetzung und Daten zu generieren (IT-Gipfel 2017a, S.5)

Eine Smart Region definieren die Experten als eine einzelne Kommune oder einen regionalen Verbund unterschiedlicher Gebietskörperschaften, der digitalisierte Bereiche aus der Verwaltung, der (lokalen) Wirtschaft und der Zivilgesellschaft umfasst und interkommunal in einem Bottom-Up-Ansatz zusammenarbeitet, insbesondere in Handwerk, Handel, Logistik, Dienstleistung, Tourismus und Bildung.

Die technischen Grundlagen und Prinzipien sind für Smart Cities und Smart Regions vom Grundsatz her identisch: IT-Plattformen, die eine horizontale Verknüpfung ursprünglich getrennter Bereiche ermöglichen und Anwendungen, Dienste und Daten aus mindestens zwei Domänen systematisch digital vernetzen und den Fokus auf die innovative Erfassung, Analyse und Anwendung der Daten richten.

Ein wesentlicher Unterschied wird darin gesehen, dass durch die tendenziell größere Vielschichtigkeit der Beteiligten in einer Smart Region die IT-Plattform maximale Offenheit und Interoperabilität gewährleisten muss, da sich nur so dezentrale und regionenübergreifende Partnerschaften erfolgreich entwickeln lassen (ebd., S.6).

Viele Potentiale und Herausforderungen im heterogen strukturierten ländlichen Raum stellen sich anders dar als in der Großstadt und fordern differenzierte und auch neue Herangehensweisen bei einer digitalen Transformation von Systemen und Gesellschaften, auch wenn die Handlungsfelder eines „Smart-Country-Ansatzes“ sich zunächst dem der Smart City durchaus ähneln. Die Autoren der Bertelsmann-Studie Smart Country regional gedacht (Wiechmann und Terfrüchte 2017, S.17) sehen hierzu die in nachfolgender Tabelle aufgeführten sechs große Handlungsfelder mit ausdifferenzierten Unterkategorien:

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Tabelle 4: Handlungsfelder im Smart-Country-Ansatz / Quelle: Wichmann und Terfrüchte S.17

Etablierte Debatten um „Smart Cities“ und den damit verbunden Ansätzen werden dabei über die Metropolen und die städtischen Verdichtungsräume hinaus in die Flächen erweitert und adaptiert.

Aus Sicht des Verfassers sind die Herausforderungen und Themenstellungen von Großstadt und flachem Land sicher in Teilen unterschiedlich. Anderseits sind unsere Gesellschaften soweit miteinander verzahnt und vernetzt, dass eine klare Abgrenzung so nicht vorgenommen werden kann, was ebenfalls später aufgezeigt wird.

3 Der Weg zur digitalen Transformation des ländlichen Raumes

3.1 Was man unter „ländlichem Raum“ verstehen kann

In der Definition des Statistischen Bundesamtes gelten alle Regionen mit einem städtischen Zentrum, welches mindestens 300.000 Einwohner hat, als Agglomerations- oder Ballungsraum. Verstädtere Räume haben ein städtisches Zentrum mit mindestens 150.000 Einwohnern und eine Bevölkerungsdichte von mindestens 150 Einwohnern pro Quadratkilometer. Alle anderen Räume und damit auch der Regierungsbezirk Oberfranken gelten als ländlicher Raum22. Bei dieser Betrachtung leben derzeit 42% der Bevölkerung in als ländliche Regionen bezeichneten Stadt- und Landkreisen (Williger und Wojtech 2018a, S.4).

Tröger-Weiß stellt klar, dass es den „ländliche Raum“ aber nicht gebe, sondern verschiedene Typen zu unterscheiden sind (Tröger-Weiß 2017):

- Ländliche-periphere, strukturschwache Räume
- Ländliche Regionen im Umfeld von Verdichtungsräumen
- Agrarisch geprägte ländliche Räume
- Touristisch geprägte ländliche Räume
- Ländliche Räume mit hoher wirtschaftlicher Entwicklungsdynamik
- Ländliche Räume als Schrumpfungsregion
- Grenzregionen

Dass es keine klare Definition gibt, was man unter dem „ländlichen Raum“ versteht, zeigt auch die Einschätzung des Bundesamtes für Ernährung und Landwirtschaft, das auf seiner Homepage die „ländlichen Räume“ auf 90% der Gesamtfläche Deutschlands und die dort lebende Bevölkerung auf mehr als 50% von Gesamt taxiert23 und sich dabei auf das Thünen-Institut bezieht. Ländliche Regionen, so das Ministerium, seien geprägt von klein- und mittelständischen Wirtschaftsstrukturen, niedriger Bevölkerungsdichte und großen Wohngrundstücksgrößen, Landschaften und Erholungsräumen, weit überwiegender land- und forstwirtschaftlicher Flächennutzung sowie lokalem Zusammenhalt und regionaler Verbundenheit (BMEL 2016a, S.7).

Das Thünen-Institut bestätigt diese Angaben grundsätzlich, differenziert ländliche Räume aber mit einer komplexen Methodik auf zwei Dimensionen etwas weiter. Die eine Dimension bildet die „Ländlichkeit“ in Abhängigkeit von verschiedenen Bewertungskomponenten (Siedlungsdichte, Anteil landwirtschaftlicher Flächen, Anteil Ein- und Zweifamilienhäuser, Bevölkerungspotential, Erreichbarkeit großer Zentren). Die zweite Dimension ist die „sozioökonomische Lage“ (Arbeitslosenquote, Bruttolöhne, Steuerkraft, Wohnungsleerstand, Lebenserwartung, Schulabbrecherquote). Durch die Kombination beider Dimensionen entstehen in vier Quadranten vier „ländliche“ Typen, in denen insgesamt 57,2% der Bevölkerung auf 91,3% der Fläche Deutschlands leben. Dabei ist der Bevölkerungsanteil in diesen vier Raumtypen mit 11% bis 16% relativ ausgeglichen (Thünen 2016, S.I).

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Abbildung 7: Anteil der Fläche und Einwohner der einzelnen Typen ländlicher Räume sowie der nicht-ländlichen Räume in Deutschland / Quelle: eigene Darstellung, Daten entnommen aus Thünen (2016), S.27

Somit befinden sich in Summe 30,7% der bundesdeutschen Bevölkerung in eher/sehr ländlichen Regionen mit weniger guter sozioökonomischer Lage.

Bezogen auf den oberfränkischen Raum wird in der bundesdeutschen Analyse aller Räume nur der Landkreis Bamberg als „eher ländlich“ und „sozioökonomisch gut“ bewertet. Alle anderen Landkreise (inkl. der kreisfreien Städte) werden als „sehr ländlich“ eingestuft und die Kreise Hof, Kronach, Kulmbach, Lichtenfels und Wunsiedel als sozioökonomisch „weniger gut“ klassifiziert (Thünen 2016, Seite 26).

Zur Schaffung „gleichwertiger Lebensverhältnisse“ sollte die Politik den Fokus zunächst also auf die Bereiche legen, deren Territorium sehr ländlich und deren sozioökonomische Lage als weniger gut einzustufen ist.

[...]


1 https://de.wikipedia.org/wiki/Oberfranken

2 https://www.bayreuth.ihk.de/Statistische-Daten.htm

3 http://www.wegweiser-kommune.de/statistik/kronach-lk+bevoelkerungsstruktur+bevoelkerung-1+2012-2030+tabelle

4 Quelle: http://www.wegweiser-kommune.de. Bevölkerungsvorausberechnung/Alterung für den Landkreis Kronach

5 Quelle: http://www.wegweiser-kommune.de. Bevölkerungsvorausberechnung/Alterung für die Stadt München

6 https://www.statistik.bayern.de/medien/statistik/haushaltesteuern/schu2017
_schulden_nach_gemeindegrössenklassen_und_regionen.pdf

7 entnommen bei https://www.statistik.bayern.de

8 Anteil junger Menschen von 0-19 Jahre im Verhältnis zur erwerbsfähigen Bevölkerung (20-64 Jahre)

9 Anteil alter Menschen über 64 Jahre im Verhältnis zur erwerbsfähigen Bevölkerung (20-64 Jahre)

10 Bayerischer Landtag, Drucksache 17/17413 vom 06.10.17, download unter https://www.bayern.landtag.de/ dokumente/drucksachen/?dokumentenart=Drucksache

11 Zitat von Christophe Guilluy, entnommen aus Welt am Sonntag vom 02.12.2018, S.10: Ist das jetzt die Revolution?

12 Zitat von Dominique Chanel, entnommen aus Welt am Sonntag vom 02.12.2018, S.10: Ist das jetzt die Revolution?

13 https://www.zdf.de/dokumentation/zdfzeit/zdfzeit-wo-lebt-es-sich-am-besten-102.html

14 Quelle: Statista.com: Dossier Soziale Netzwerke, Stand Januar 2018

15 https://www.zukunftsinstitut.de/

16 https://www.navigantresearch.com/reports/navigant-research-leaderboard-smart-city-suppliers (06.10.18)

17 https://www.whitehouse.gov/ostp/

18 https://smartcity.wien.gv.at/site/

19 Entnommen bei https://www.sidewalklabs.com/ am 11.10.2018

20 siehe https://www.sidewalklabs.com

21 https://www.politico.com/magazine/story/2018/06/29/google-city-technology-toronto-canada-218841, eingesehen am 15.10.2018

22 https://www.destatis.de/DE/Publikationen/STATmagazin/Arbeitsmarkt/2014_05/
Info_KreistypenBBSR.html

23 https://www.bmel.de/DE/Laendliche-Raeume/Infografiken/_node.html, eingesehen am 12.10.2018

Details

Seiten
187
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783964870490
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470763
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Schlagworte
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