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Medien und ihr Einfluss auf das Herding-Verhalten von Finanzanalysten

Über Herdenverhalten auf den Finanzmärkten

Bachelorarbeit 2019 43 Seiten

BWL - Investition und Finanzierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Informationsverarbeitung auf Finanzmärkten
2.1 Klassische Kapitalmarkttheorie
2.2 Verhaltensorientierte Finanzwissenschaft

3. Finanzanalysten und Informationsintermediation
3.1 Charakteristik der Analystentätigkeit
3.2 Faktoren der Qualität des Finanzresearchs

4. Herdenverhalten auf den Finanzmärkten
4.1 Modelle rationalen Herdenverhaltens
4.2 Messung einer medialen Information
4.3 Erkennen von Herdenverhalten durch Regressionsanalysen

5. Einfluss der Medien auf die Analystentätigkeit
5.1 Wechselwirkung der Informationsintermediäre
5.2 Auswirkungen von Unsicherheit

6. Fazit

Anhang A: Elemente des TRNA Outputs

Anhang B: Ergebnisse der Regression Studie Frijns und Huynh (2018)

Anhang C: Ergebnisse der Regression Studie Bradshaw (2017)

Anhang D: Ergebnisse der Regression Amiram et al. (2018)

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Modell der Informationszuflüsse am Kapitalmarkt

Abbildung 2: Effekte des Herdenverhaltens in Prognosen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Empirische Erkenntnisse der Wirkung der Reputation

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Der Herdentrieb ist ein grundlegender Bestandteil des menschlichen Wesens. Ausgelöst durch Unsicherheit und einer kollektiven Panik folgen Akteure den Entscheidungen ihres Umfeldes, wodurch dieses Verhalten als irrational interpretiert werden kann. Dabei wird auf den Finanzmärkten den Medien eine maßgebende Wirkung auf dieses Verhalten zugesprochen.

„Wirecard: inside an accounting scandal.“ So lautete die scharf formulierte Überschrift eines von zwei Berichten der Financial Times, in denen sie dem DAX-Aufsteiger Wirecard AG Anfang des Jahres 2019 schwerwiegende Bilanzierungsfehler unterstellte. Es folgten Panikverkäufe der Anleger, die den Kurs der Aktie zwischenzeitlich um über 40 Prozent ins Minus drückten und dafür sorgten, dass die Aktie kurzzeitig vom Handel ausgesetzt wurde. Dies verdeutlicht die unverzüglichen Auswirkungen massenpsychologischer Effekte bewirkt durch die Berichterstattung. Jedoch ist ungeklärt, ob alle Marktakteure dieser Wirkung unterliegen. Aus dieser Motivation heraus ist es das Forschungsziel der Arbeit aufzudecken, dass auch Finanzanalysen professioneller Marktteilnehmer, durch Medien beeinflusst, vom Herdenverhalten bewegt werden. Dabei wird dieser Einfluss insbesondere durch die Formulierung der Nachrichten in den Printmedien untersucht. In der Hoffnung herdenartiges Verhalten unter Analysten nachzuweisen und dies mit rationalen Motiven zu begründen, soll letztendlich die Bedeutung eines solchen Verhaltens für Investoren als Endnutzer der Analystenleistungen und der Nachrichten medialer Berichterstattung hervorgehoben werden.

Kapitel 2 stellt zwei differierende theoretische Annahmen des Menschenbildes im Finanzmarkt dar, die anhand der Verarbeitung von Informationen eine Beurteilung der Rationalität der Akteure und der Effizienz des Marktes erlauben. Kapitel 3 umreißt das Aufgabenfeld des Finanzanalysten bezüglich der Kommunikation von Informationen unter Marktteilnehmern. Neben personenspezifischen Eigenschaften beschreibt es wesentliche Kriterien der Leistung eines Analysten. In Kapitel 4 wird das Herdenverhalten unter Analysten durch theoretische Modelle dem rationalen Handeln zugeordnet und erörtert, ob sich die Medienwirkung mit diesen Theorien vereinbaren lässt. Nachdem der Leser Kenntnis über die Funktionsweise und die Anwendung eines Verfahrens der textuellen Nachrichtenanalyse erlangt hat, wird die Wirkung der Printmedien auf Analysten durch Ergebnisse der Empirie belegt. Kapitel 5 diskutiert, in welchem Maße sich Analysten aus Informationen der Berichterstattung bedienen oder ob sie arglos dem Tenor der Medien „nachlaufen“. Schließlich werden die Folgen des Herdenverhaltens in den Leistungen der Analysten sowohl für die Investoren, als auch für die Preisbildung auf den Finanzmärkten veranschaulicht.

2. Informationsverarbeitung auf Finanzmärkten

2.1 Klassische Kapitalmarkttheorie

Die in der klassischen Kapitalmarkttheorie entwickelten Gleichgewichtstheorien beruhen auf den Prämissen eines vollkommen rationalen und gleichermaßen risikoaversen Marktteilnehmers, dem „Homo Oeconomicus“. Nach diesem Verhaltensmodell handelt diese Art eines Marktteilnehmers aus absolutem Eigeninteresse und besitzt die Fähigkeit rationale Entscheidungen in einer Reaktionszeit von nahezu Null treffen zu können. Hierbei nutzt er alle verfügbaren Informationen und interpretiert diese korrekt. Es ergibt sich ein homogenes Erwartungsbild aller Marktteilnehmer.1 Die Effizienz des Kapitalmarktes wird im Folgenden über die Informationsverarbeitungsbzw. Informationseffizienz bewertet. In der Effizienzmarkthypothese (EMH) beurteilt Fama (1970) einen Markt als effizient, wenn die Kurse der Finanzinstrumente alle verfügbaren Informationen reflektieren.2 Unter der Bedingung eines „Homo Oeconomicus“ und in Abwesenheit von Transaktionskosten (z.B. Gebühren, Steuern, Provisionen) führt jede Information zu einer Kursreaktion. Es resultiert ein kontinuierlicher Gleichgewichtszustand, in welchem die Erzielung von Überrenditen ausgeschlossen ist. Der Preis ist folglich der beste Schätzwert des „inneren Wertes“ eines Finanztitels.3

Auf der EMH aufbauend konkretisiert Fama die Informationseffizienz der eingepreisten Informationen in drei Stufen, wobei die jeweilige höhere Stufe die niedrigere(n) Stufe(n) einschließt. In der schwachen Informationseffizienz spiegelt der Preis alle historischen Informationen wieder und Kurse folgen einer unabhängigen und zufälligen Bewegung (Random-Walk Theorie). Dabei wird technische Analyse ihrer Grundlage entbehrt und führt nicht zu Überrenditen. Durch die zusätzliche Berücksichtigung aller öffentlich verfügbaren Informationen (z.B. Zeitungsberichte, Jahresabschlüsse, etc.) lassen sich in der halbstrengen Informationseffizienz keine Überrenditen durch das Auswerten dieser Informationen erzielen. Letztendlich werden in der starken Informationseffizienz auch Insider-Informationen eingepreist und eine gewinnbringende Nutzung dieser untergraben.4

Grossman (1976) bezieht, in Anlehnung an Fama, Kosten mit in den Informationsbeschaffungsprozess entgegen der Bedingung eines vollkommenen Marktes ein.

Auch nach dieser Auffassung lassen sich alle verfügbaren Informationen aus den Preisen herauslesen, wenn sich der Markt im Gleichgewicht befindet. Folglich besteht in einem Marktgleichgewicht kein Anreiz Informationen auszuwerten. Werden Informationen nicht von Markteilnehmern ausgewertet, können diese jedoch nicht in die Kurse der Finanztitel eingepreist werden (Informationsparadoxon).5 Im Fall der mittelstarken Informationseffizienz besteht am Markt keine Existenzgrundlage für Finanzanalysten (Kapitel 3), welche als Informationsintermediäre am Markt öffentliche Informationen auswerten und verbreiten, da kein Informationsvorsprung durch das Auswerten dieser Nachrichten erzielbar ist. Insbesondere dann, wenn Kosten für die Verarbeitung von Informationen entstehen.6

Die Existenz von Rationalität auf effizienten Märkten wird durch unbegrenzte Arbitrage und natürliche Selektion begründet. Arbitrageure führen als Marktteilnehmer mit „unbegrenzter“ Liquidität fehlbewertete Finanztitel über den Handel in Richtung des fundamentalen Wertes, auch unter der Prämisse einiger irrational handelnder Marktteilnehmer. Irrational handelnde Akteure erzielen geringere Erträge und werden vom Markt gedrängt. Auf Grundlage der Rationalität existieren auf effizienten Märkten keine Unterund Überreaktionen in Verbindung mit Nachrichten. Durch den Beweis von Unterund Überreaktionen oder emotionalem (nicht rationalem) Verhalten von Marktteilnehmern wie dem Herdenverhalten ( Kapitel 4) würde die Informationseffizienz eines Marktes in Frage gestellt werden.7

2.2 Verhaltensorientierte Finanzwissenschaft

„Die Börse reagiert zu 10 Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie.“ 8 Entgegen der klassischen Kapitalmarkttheorie sind Anleger unvollständigen Informationen und unsicheren Entscheidungen ausgesetzt, die durch das Wirken von emotionalen Faktoren auf Finanzmärkten hervorgerufen werden.9 Die Theorie der Behavioral Finance rechnet dem Kapitalmarkt weitere Eigenschaften zu. Mit einer Vielzahl von Optionen unterliegt der Marktteilnehmer der Unsicherheit hinsichtlich erwarteter Renditen und muss auch auf Grundlage geringer und unklarer Informationen schnelle Entscheidungen treffen. Darüber hinaus besteht eine Informationsflut durch Nachrichten auf sämtlichen medialen Kanälen.10

Gegenüber dieser Fülle an Informationen und zunehmender Komplexität des Marktes steht der Marktteilnehmer als ein „Homo Oeconomicus Humanus“. Aufgrund einer begrenzten Verarbeitungskapazität von Informationen durch kognitive (wahrnehmungsbedingte) und emotionale Hindernisse handelt dieser nur begrenzt rational und richtet seine Reaktionen auch an den Handlungen anderer Marktteilnehmer aus. Die Strukturen des Kapitalmarktes in der verhaltensorientierten Ökonomie sind sowohl durch Informationsasymmetrien (heterogene Informationswahrnehmung) und zeitlichen Differenzen in der Informationsverarbeitung als auch durch Panikverhalten von Marktteilnehmern geprägt.11

3. Finanzanalysten und Informationsintermediation

3.1 Charakteristik der Analystentätigkeit

Anlageentscheidungen von Investoren beruhen weltweit auf der Grundlage von Informationen. Dabei ist der Begriff Information nicht gleichzusetzen mit dem Begriff der Nachricht. Nachrichten sind einzelne Zeichen oder Zeichenkombinationen, die das Wahrnehmungsvermögen des Menschen ansprechen, um einen Sachverhalt zu erläutern. Eine Nachricht wird erst dann zu einer Information, wenn sie dem Empfänger einen Zweckbezug aufweist und einen Wissensfortschritt liefert. Diese Information ermöglicht eine Veränderung der Eintrittswahrscheinlichkeit von entscheidungsrelevanten Umweltzuständen.12 Zur Veranschaulichung von wechselartigen Beziehungen in der Kapitalmarktkommunikation und der daraus resultierenden Menge anlegerrelevanter Informationen werden zunächst die Informationszuflüsse am Kapitalmarkt dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Modell der Informationszuflüsse am Kapitalmarkt.

Quelle: eigen, in Anlehnung an Scheufele, B., Haas, A. (2008), S. 99.

Aus Abbildung 1 wird ersichtlich, dass Kapitalmarktakteure verschiedenen Informationszuflüssen unterliegen, die jeweils eine Veränderung des Verhaltens hervorrufen können. Unternehmen verwenden für die jeweiligen Rezipienten13 (Analysten, Medien und Anleger) verschiedene Kommunikationsmethoden, wie z.B. Interviews mit Journalisten oder Meldungen an Analysten.14

Neben institutionellen und privaten Anlegern stellen Informationsintermediäre eine Gruppe der Marktakteure da. Nach Hax (1998) seien Informationsintermediäre „[...] Intermediäre, die bei einem Austausch von Finanzierungstiteln eingeschaltet werden, um die aus einer asymmetrischen Informationsverteilung resultierenden Informationsbarrieren zwischen Kapitalnehmern und Kapitalgebern zu überwinden oder abzumildern.“15 Ein Teil dieser Gruppe sind Finanzanalysten. Sie erstellen Analysen und Empfehlungen auf Grundlage öffentlicher Informationen und berufsspezifischer Kenntnisse in einem komplexen Prozess der Informationswahrnehmung und Verarbeitung, wodurch Anlegern und Medien eine weitere Informationsquelle zur Verfügung steht.16 Der Beruf des Analysten entspricht keiner gesetzlich festgelegten Definition. Die Leistungsbereiche und dazugehörigen Rezipienten lassen sich aufgrund der institutionellen Zugehörigkeit des Analysten kategorisieren.17 BuySide Analysten arbeiten für institutionelle Investoren, wie z.B. Kapitalverwaltungsgesellschaften, Banken und Versicherungen, und erstellen in enger Zusammenarbeit mit Portfoliomanagern Analysen für folgende Anlageentscheidungen. SellSide Analysten sind angestellt bei Investmentund Universalbanken sowie Brokerhäusern. Ihre Leistungen sind u.a. auf Aktienanalysen spezialisiert, wobei sich diese Analysen an einen externen Adressatenkreis ausrichten und folglich eine größere öffentliche Präsenz erlangen.18 Während Handlungen der Buy-Side Analysten dem Interesse ihrer Institution unterliegen, d.h. eine möglichst genaue Prognose für die Portfoliostrukturierung zu erzielen, befinden sich Sell-Side Analysten in einem Konflikt.19 Einerseits fordert die Funktion als Intermediär ein kritisches und detailliertes Research für Investoren. Andererseits liegt der Verdacht nahe, im Sinne der Arbeitgeber (Investmentbank) durch positive Empfehlungen ein höheres Handelsvolumen oder neue Geschäftsmandate zu generieren.20 Da Sell-Side Analysten bezüglich ihrer Research-Leistungen und Konflikte im Fokus der öffentlichen Diskussion stehen, setzt sich diese Arbeit im weiteren Verlauf mit Sell-Side Analysten auseinander.

Medien nehmen auch die Position eines Informationsintermediäres am Markt ein. Dabei werden Medien in der Literatur zwei Positionen zugesprochen. Einerseits vermitteln sie publizierte Unternehmensinformationen und Analystenempfehlungen in einer prägnanten Form an Anleger. Andererseits sind sie eine Einflussgröße für die Kapitalmarktakteure und können die Wahrnehmung der Relevanz von wirtschaftlichen Informationen bestimmen.21

3.2 Faktoren der Qualität des Finanzresearchs

Die Tätigkeit der Analysten gliedert sich in Wahrnehmung, Verarbeitung und Distribution von Informationen, welche sich unter dem Begriff des Informationsverarbeitungsprozesses zusammenfassen lassen.22 Dabei entnehmen sie Informationen aus Geschäftsberichten oder aus der direkten Kommunikation mit dem Management der Unternehmen die sie beobachten („covern“). Dabei bieten Daten der externen Rechnungslegung eine objektive und unabhängige Bemessungsgrundlage für eine langfristige Prognose. Der Analyst ist bestrebt durch Kommunikation mit dem Management einen Informationsvorsprung zu erlangen oder das Management besser beurteilen zu können. Diese Kommunikation unterliegt den Gesetzen des Insiderhandels.23 Neben weiteren Primärquellen wie Pressemitteilungen, Ad-hocMeldungen und Quartalsberichten werden Berichte der Wirtschaftspresse oder anderer Analysten (als Sekundärquellen) und makroökonomische Faktoren wie die allgemeine wirtschaftliche Lage oder die Branchenentwicklung des Unternehmens beachtet.24 Die Verarbeitung der Informationen geschieht in einem Prozess, der auf dem bestehenden Informationsniveau des Analysten in Form seines individuellen Vorwissens aufbaut und weiter auf Methoden der Unternehmensbewertung zurückgreift.25 Prognosen werden meist über die Kennzahl Gewinn je Aktie (EPS) konkretisiert und über einen Zeitraum von bis zu drei Geschäftsjahren erstellt. Auf Grundlage von Verfahren der Unternehmensbewertung wird ein fundamentaler Wert errechnet und nach Abgleich dessen mit dem aktuellen börsennotierten Wert des Unternehmens eine Empfehlung im sog. Research Report veröffentlicht. Durch die Offenlegung temporärer Fehlbewertungen, spricht dieser Handelsanweisungen in einem dreistufigen (Buy/Hold/Sell) oder einem fünfstufigen (Strong Buy/Buy/Hold/Sell/Strong Sell) Bewertungssystem aus. Der Research Report beachtet neben diesen quantitativen Faktoren auch qualitative Faktoren (Wissen), wie z.B. die Beurteilung der Managementqualität, Investor Relations Arbeit oder dem Innovationsgeist des Unternehmens gleichermaßen.26 Die Distribution des Research Reports geschieht phasenweise. Vorerst wird dieser Banken und institutionellen Investoren mit hohem Investitionsvermögen offeriert. Unter Zeitverzug erhalten Nachrichtenund Informationsdienstleister die Berichte und streuen sie an ein breites Publikum.27 In einem Zeitfenster von i.d.R. halboder jährlich veröffentlichten Berichten werden Revisionen, eine Anpassung der Rechercheergebnisse aufgrund neuer Informationen, kundgegeben.28

Viele Studien begründen die Existenzberechtigung von Finanzanalysten. Neben der grundlegenden Funktion der Distribution anlegerelevanter Informationen am Markt, zeigten Bessler und Stanzel (2005) in einer Untersuchung des deutschen Kapitalmarktes die Überlegenheit von Analystenprognosen gegenüber der Schätzung eines Random-Walk Modells. Diese Überlegenheit wird anhand der Prognosegenauigkeit beurteilt, die sich aus einem geringen Prognosefehler ableitet. Der Prognosefehler eines Analysten zu einem Prognosehorizont wird (ex post) anhand einer Gegenüberstellung der tatsächlich realisierten Gewinne und des Prognosewertes des Analysten ermittelt.29

Weitere Qualitätskriterien sind die Unverzerrtheit und die Effizienz der Informationsverarbeitung. Prognosen werden als unverzerrt bezeichnet, wenn diese zufällig um den realisierten Wert streuen und keine systematischen Fehler aufweisen. Unter der Voraussetzung großer Untersuchungen kann das Vorliegen von systematischen Verzerrungen geprüft werden.30 Bradshaw (2011) entdeckte eine positive Verzerrung, also eine stets höhere Prognose als der tatsächlich realisierte Gewinnwert, und begründet dies mit einem Überoptimismus und einer Überreaktion der Analysten bezogen auf auf neue positive Informationen.31 Hou, Hung und Gao (2017) untersuchten die Reaktion von Investoren auf Revisionen der Gewinnprognosen im australischen Finanzmarkt. Sie entdeckten eine Drift der Aktienpreise nach Revisionen in Form einer signifikant positiven abnormalen Rendite nach Hochstufungen (Upgrades) der Prognose und einer signifikant negativen abnormalen Rendite nach Rückstufungen (Downgrades). Dies verdeutlicht zum einen die Relevanz von Revisionen als Informationsquelle und zum anderen die ungleichgewichtete Wahrnehmung von Informationen der Investoren.32 Obwohl eine verstärkte Reaktion der Investoren auf zu Jahresbeginn veröffentlichten Revisionen zu beobachten ist, geschieht die Preisanpassung nur unvollständig im Veröffentlichungszeitraum, denn auch einige Monate nach Ankündigung sind Preisbewegungen in Richtung der Revision festzustellen.33 Erni und Zimmermann (2017) bestätigten eine deutlich stärkere Kursreaktion auf Kaufempfehlungen am schweizer Aktienmarkt. Demnach seien Informationen bei Verkaufsempfehlungen bereits eingepreist, da negative Informationen schneller verarbeitet werden.34 Zugleich sprechen starke Kursreaktionen und abnormale Renditen für eine Informationsrelevanz sowohl von Prognosen, als auch von Empfehlungen für Anleger. Folglich besitzen Finanzanalysten eine Marktbeeinflussungsmacht, welche es ihnen ermöglicht, den Preisbildungsmechanismus von Finanztiteln auf dem Kapitalmarkt beeinflussen zu können.35

Ein personenspezifischer Qualitätsfaktor der Analysten ist die Erfahrung. Dabei wirkt sich der branchenoder firmenspezifische Wissenstand der gecoverten Unternehmen positiv auf die zukünftige Beurteilung neuer Informationsquellen und damit auch auf die Research-Qualität aus.36 Es wird angenommen, dass Wissen aus einem Lernprozess im Zeitverlauf resultiert. Aus diesem Grund nachstehend zwischen „jungen“ (unerfahrenen) bzw. „alten“ (erfahrenen) Analysten unterschieden.

Motive der Verzerrungen des Research-Ergebnisses sind in der Literatur in zwei unterschiedliche Ansätze aufgeteilt. Der ökonomisch anreizorientierte Ansatz konzentriert sich auf die Interessenkonflikte von Analysten, die sich aus einem komplexen Beziehungsgeflecht des Arbeitsumfeldes ergeben. Investmentbanken, die Unternehmen beispielsweise bei einem Börsengang unterstützen, erhöhen durch optimistischere Empfehlungen die Handelsprovision. Folglich bestehe seitens der Investmentbank kein Interesse an negativen Empfehlungen.37 Des Weiteren sind Analysten aus Investmentbanken (sog. verbundene Analysten) bestrebt die Beziehung zum Unternehmensmanagement als Quelle relevanter Informationen zu pflegen. Negative Prognosen oder Downgrades können diese Beziehung verschlechtern.38 Auch wenn Analysten durch Kontakt zum Unternehmensmanagement spezielle Informationen erlangen, so kann diese Beziehung auch, getrieben durch Interessenskonflikte, Einfluss auf die Research-Leistung nehmen.39

Der verhaltenswissenschaftliche Ansatz im Sinne der Behavioral Finance erklärt systematische Verzerrungen anhand von Heuristiken, die Informationen unvollständig in die Entscheidungsfindung einfließen lassen.40 Im Folgenden wird das Herdenverhalten, eine Heuristik der Informationswahrnehmung mit emotionalem Ursprung, vorgestellt. Dieses Konzept lässt sich im Vergleich zu anderen Ansätzen nicht nur zur Erklärung positiv verzerrter Prognosen und Empfehlungen heranziehen.

4. Herdenverhalten auf den Finanzmärkten

Lang andauernde und starke Fehlbewertungen von finanziellen oder realen Kapitalanlagen, sog. Spekulationsblasen, sind wiederholt im Verlauf der Geschichte der Finanzmärkte vorzufinden. Dabei wird einem herdenartigem Verhalten („Herding“) der Marktteilnehmer eine treibende Kraft zugesprochen. Marktteilnehmer orientieren sich stark an dem Verhalten ihrer Umgebung und werden in der Informationswahrnehmung von der Masse beeinflusst.41 Dieser Umstand unterstellt Finanzanalysten, denen gemeinhin ein professionelles (rationales) Handeln nachgesagt wird, eine Tendenz, sich an den Prognosen ihrer Kollegen zu orientieren und damit ihre eigenen Bewertungen in den Schatten einer Konsensmeinung zu stellen.42

4.1 Modelle rationalen Herdenverhaltens

Aus der Verhaltensforschung gibt es verschiedene Ansätze, die ein Herdenverhalten erklären. In Bezug auf die Tätigkeit und einem nutzenmaximierenden Verhalten von Finanzanalysten lässt sich das Herding anhand von Modellen aus der Verhaltensforschung, z.B.

- „Reputational Herding“,
- „External Triggered Herding“ und
- „Informationskaskaden“

im Kontext eines individuell rational handelnden Marktteilnehmers einordnen. Diese Modelle basieren auf der Annahme, dass eine asymmetrische Informationsverteilung vorliegt, und dass Analysten als Ergebnis ihrer Analysetätigkeit private Informationen besitzen. Die aufgeführten Modelle verdeutlichen unterschiedliche Wirkungsmechanismen.43

Es existiert keine eindeutige Definition für die Reputation von Finanzanalysten. Während das Erreichen einer Platzierung in einem Analysten Ranking (z.B. das jährliche Ranking veröffentlicht vom Handelsblatt), eine positive Bewertung aus Befragungen von institutionellen Investoren oder die Stellung innerhalb eines Netzwerkes das Ansehen von Analysten steigern kann, so ziehen Arbeitgeber den Prognosefehler eines Analysten oder eine direkte Gegenüberstellung der Leistungen der Kollegen als Evaluationsmaß heran.44 Dementsprechend kann Reputation als ein Signal auf dem Arbeitsmarkt und damit auch als ein bedeutungsvoller Faktor für die weitere Karriere von Finanzanalysten interpretiert werden.

„Worldly wisdom teaches us that it is better for reputation to fail conventionally than to succeed unconventionally“45

Aufbauend auf dieser These von Keynes (1936) ergibt sich ein Konzept, in welchem Analysten durch einen interaktiven Prozess in der Herde ihren individuellen Nutzen, ausgerichtet auf Karriereinteressen, maximieren, dem sog. Reputational Herding. Durch die Annahme einer Modellstruktur, in der jeder Analyst die Handlungen des anderen kontinuierlich beobachten kann, ist es dem Analysten möglich, sich ein Bild über die herrschende Meinung der Herde zu verschaffen, jedoch nicht über die Informationen auf denen dieses Bild existiert. Aufgrund einer asymmetrischen Informationsverteilung kann der Nachfrager einer Prognose nicht erkennen, ob diese Markteinschätzung auf der eigenen Bewertung oder auf der Imitation des Analysten beruht.46 Das Herding wird durch den „sharing the blame“-Effekt angetrieben, welcher aus der Erkenntnis entstanden ist, dass die Auswirkungen von Fehlprognosen auf die Reputation stärker sind, wenn diese abseits der Konsensprognose liegen. Die negativen Folgen einer Fehlprognose auf die Reputation sind somit begrenzt, wenn auch der Konsens diesen Misserfolg verzeichnet. Folglich handelt ein Analyst im Sinne der Aufrechterhaltung seiner Reputation rational, da er seine persönlichen Fähigkeiten nicht einschätzen kann und das Eintreten des tatsächlichen EPS-Wertes eines Finanztitels immer mit Unsicherheit verbunden ist.47 Auch wenn die Annahmen dieses Modells in einigen Aspekten realitätsfern erscheinen, wie z.B. der Annahme, dass ein kontinuierliches Beobachten der Handlungen anderer Analysten ohne damit verbundene Kosten möglich sei, so bestärken empirische Ergebnisse den Einfluss von Reputation und Karriereinteressen auf das Herdenverhalten. Tabelle 1 zeigt eine Übersicht wesentlicher

[...]


1 Vgl. Daxhammer, R., Facsar, M. (2017), S. 26-27.

2 Vgl. Hauser, S. (2003), S. 26-27.

3 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 23-25.

4 Vgl. Steiner, M., Bruns, C., Stöckl, S. (2012), S. 39-41.

5 Vgl. Hauser, S. (2003), S. 28.

6 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 26-28.

7 Vgl. Daxhammer, R., Facsar, M. (2017), S. 40-43.

8 Vgl. Betz, N., Kirstein, U. (2015), S. 43, zitiert nach Kostolany, A..

9 Vgl. Klitzmann, A. (2009), S. 9-10.

10 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 13-14.

11 Vgl. Daxhammer, R., Facsar, M. (2017), S. 83-99.

12 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 13.

13 Begriff der Medienwissenschaft: Empfänger einer medialen Botschaft.

14 Vgl. Brunnberg, D. (2018), S. 51-53.

15 Vgl. Hax, G. (1998), S. 46.

16 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 15.

17 Vgl. Brunnberg, D. (2018), S. 43-48.

18 Vgl. Henze, J. (2004), S. 5-6.

19 Vgl. Schmal, S. (2016), S. 89.

20 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 21.

21 Vgl. Scheufele, B., Haas, A. (2008), S. 94-98.

22 Vgl. Hax, G. (1998), S. 11.

23 Vgl. Brunnberg, D. (2018), S. 53-56.

24 Vgl. Schmal, S. (2016), S. 89-93.

25 Vgl. Brunnberg, D. (2018), S. 48-49 sowie S. 57.

26 Vgl. Henze, J. (2004), S. 16-18.

27 Vgl. Schmal, S. (2016), S. 96-97.

28 Vgl. Brunnberg, D. (2018), S. 59.

29 Vgl. Bessler, W., Stanzel, M. (2005), S. 8 sowie S. 23.

30 Vgl. Henze, J. (2004), S. 38-39.

31 Vgl. Bradshaw, M. (2011), S. 14 sowie S. 17.

32 Vgl. Hou, T., Hung, W., Gao, S. (2014), S. 254-256.

33 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 52-53.

34 Vgl. Erni, P., Zimmermann, Y. (2017), S. 18-19.

35 Vgl. Schmal, S. (2016), S. 102.

36 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 160.

37 Vgl. Bradshaw, M. (2011), S. 26.

38 Vgl. Brunnberg, D. (2018), S.95-96.

39 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 156.

40 Vgl. Daxhammer, R., Facsar, M. (2017), S. 192.

41 Vgl. Daxhammer, R., Facsar, M. (2017), S. 101-105 sowie S. 210.

42 Vgl. Schmal, S. (2016), S.10.

43 Vgl. Spiwoks, M. (2004), S. 58-61.

44 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 157-164.

45 Vgl. Zhu, B. (2009), S. 21, zitiert nach Keynes, J. M. (1936), S. 158.

46 Vgl. Spiwoks, M. (2004), a.a.O..

47 Vgl. Stanzel, M. (2007), S. 169-170.

Details

Seiten
43
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668957008
ISBN (Buch)
9783668957015
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470728
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück – Banken und Finanzierung
Note
1,3
Schlagworte
Herding Herdenverhalten Medien Finanzanalalysten TRNA News Analytics Informationseffizienz Kommunikation auf Finanzmärkte Nachrichtenanalyse

Autor

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