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Wie wirkt sich Bildung auf die politische Partizipation aus? Formen und Einflussfaktoren des politischen Engagements

Fachbuch 2019 105 Seiten

Politik - Grundlagen und Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Politische Partizipation
2.2 Formen und Dimensionen politischer Partizipation

3 Erklärungsmodell politischer Partizipation
3.1 Civic Voluntarism Model
3.2 Ressourcen
3.3 Politische Involvierung
3.4 Politische Rekrutierung
3.5 Kontrollvariablen

4 Forschungsmethodisches Vorgehen
4.1 Beschreibung der Datengrundlage
4.2 Zusammensetzung der Stichprobe
4.3 Analyseverfahren
4.4 Operationalisierung

5 Empirische Ergebnisse
5.1 Deskriptive Statistik
5.2 Ergebnisse der multiplen linearen Regression

6 Diskussion und Evaluation der Schätzergebnisse

7 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Typologisierung politischer Partizipation

Tabelle 2: Items zur externen und internen Wirksamkeit

Tabelle 3: Mittelwertvergleich des Einkommens bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 4: Mittelwertvergleich der Bildung bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 5: Mittelwertvergleich des politischen Interesses bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 6: Mittelwertvergleich der Political Efficacy bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 7: Mittelwertvergleich der Stärke der Parteiidentifikation bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 8: Mittelwertvergleich der Beteiligung in Organisation bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 9: Mittelwertvergleich des geografischen Bundeslands bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 10: Mittelwertvergleich des Geschlechts bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 11: Mittelwertvergleich des Alters bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 12: Mittelwertvergleich des Migrationshintergrundes bezogen auf die politische Partizipation

Tabelle 13: Ergebnisse der lineare Regression des Faktors Bildung

Tabelle 14: Ergebnisse der Regressionsanalyse

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Aufbau der Arbeit

Abbildung 2: Partizipationsleiter

Abbildung 3: Civic Voluntarism Model

Abbildung 4: Einflussfaktoren auf die Wahlbeteiligung und Protestaktivitäten

Abbildung 5: Einkommensverteilung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Citizen participation is at the heart of democracy.“

(Verba, Schlozman & Brady, 1995, S. 1)

Mit dieser adäquaten Deskription konstatieren Verba et al. den Stellenwert politischer Partizipation als fundamentales Element in einer Demokratie. „Wer Demokratie sagt, meint Partizipation“ (van Deth, 2009, S. 141). Ohne die Befähigung zur freien Partizipation wäre ein demokratisches Gemeinwesen nicht denkbar. Die politische Partizipation1 demonstriert in einer demokratischen Gesellschaft ein Mittel der Bürgerinnen und Bürger2, ihre Interessen, Präferenzen und Bedarfe an politische Entscheidungssubjekte zu vermitteln und diese unter Druck zu setzen. Daneben fungiert Partizipation als eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung einer Person durch die aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (Verba et al., 1995, S. 1; Spiegel, 2007, S. 151-152). Partizipation dient jedoch nicht nur zur Bereitstellung von erforderlichen Informationen für die Beschlüsse von politischen Entscheidungsträgern. Stattdessen bildet sie die Basis für ein responsives und bedarfsgerechtes Handeln der politischen Repräsentanten (Vetter & Remer-Bollow, 2017, S. 3). Van Deth (2014, S. 350) bezeichnet die Partizipation trefflich als das Lebenselixier einer Demokratie. Diese enge Verknüpfung zwischen Demokratie und politischer Beteiligung kann auch in Artikel 20 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland festgestellt werden:

„(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. (2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.“ (GG, 2017).

In diesem Grundgesetzartikel wird besonders die zentrale und wichtige Rolle der Bürger in einer demokratischen Gesellschaft aufgezeigt. Auch die kontinuierliche Ausweitung von unterschiedlichen Formen der Beteiligung in den letzten Dekaden unterstreicht die hohe Relevanz von politischer Partizipation für eine funktionierende Demokratie (Van Deth, 2014, S. 349-350). Politische Beteiligung inkludiert verschiedene und vielfältige Ausprägungen. Die direkte bzw. institutionalisierte politische Partizipation vollzieht sich unter anderem in Form von Wahlen und der Repräsentation in Entscheidungskommissionen3. Dem gegenüber steht die indirekte politische Partizipation4, die unterschiedliche Interessen und Willensäußerungen eines Individuums widerspiegelt. Zu diesen Formen zählen exemplarisch die Mitwirkung in politischen Organisationen sowie Unterschriftensammlungen oder Demonstrationen (Sauer, 2016, S. 256). Das Wählen repräsentiert zwar weiterhin die omnipräsenteste politische Beteiligungsform, nichtsdestominder hat sie jedoch im Hinblick auf die Expansion anderer politischer Einflussformen an Bedeutung verloren (Gabriel, 2013, S. 383). Ein negativer Trend bezüglich politischer Partizipationsformen lässt sich seit einiger Zeit in Deutschland feststellen. Insbesondere die Wahlbeteiligung der Bürger sinkt seit den 1980er Jahren. So erreichte diese bei der Bundestagswahl im Jahr 1972 ihren Höhepunkt mit circa 91% Wahlbeteiligung. Während in den Jahren 2009 und 2013 hingegen die Teilnahmequote bei lediglich etwa 70% lag (Vetter & Remer-Bollow, 2017, S. 186). Dieses Phänomen wird in der Literatur oftmals mit dem Begriff „Politikverdrossenheit“ in Verbindung gebracht, der die wachsende Unzufriedenheit mit politischen Sachverhalten und der damit einhergehenden zunehmenden Antipathie gegen Politik und politische Aktivitäten beschreibt (Maier, 2000, S. 13-14; Hadjar & Becker, 2007, S.411).

In einer Gesellschaft sollte eine gleichmäßige Partizipation aller Bürger existieren, da die gleichwertige Berücksichtigung von Präferenzen und Interessen aller Gesellschaftsmitglieder zu den Grundlagen einer Demokratie gehören (Roller & Rudi, 2008, S. 251). Es erscheint als notwendig, alle Menschen in einer Gesellschaft in die Entscheidungsfindung mit einzubeziehen, da ansonsten die Qualität der Demokratie darunter leidet (Roth, 2017, S. 243). Diesbezüglich wurde in empirischen Untersuchungen wiederholt festgestellt, dass Menschen mit einem höheren sozioökonomischen Status, d.h. einer höheren Ressourcenausstattung sowie hohen kognitiven Kompetenzen, ihre politischen Partizipationsrechte stärker ausnutzen als Bürger mit einem geringeren sozioökonomischen Status (bspw. Verba et al., 1995; Roller & Rudi, 2008). Eine derartig strukturell hervorgerufene, ungleiche Perzeption der Partizipationsrechte trägt das Risiko, dass die politischen Entscheidungsträger sich in einem größeren Umfang an den Bedürfnissen, Interessen und Präferenzen der sozioökonomisch Höhergestellten orientieren. Daraus resultiert eine Politik, die zugunsten dieser Bürger agiert, wohingegen die Bedürfnisse und Interessen der Personen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Hintergrund nicht in den politischen Entscheidungsprozess einbezogen werden (Schlozman, 2002, S. 438; Verba, 2003, S. 663-667; Verba & Nie, 1987, S. 127). Durch diese divergente politische Partizipation innerhalb einer Bevölkerung kann ein Ungleichgewicht entstehen, das zu einer Deformierung der Wünsche, Ansprüche und Interessen der Gesamtbevölkerung beiträgt. Aus diesem Grund ist die politische Partizipation unter anderem sowohl eine integrations- als auch eine demokratiebedeutende Frage (Müssig & Worbs, 2012, S. 10). Der kulturelle, religiöse und sprachliche Wandel in den letzten Dekaden, der größtenteils durch die steigende Zuwanderungsrate initiiert wurde, stellt die Gesellschaft und die Politik vor weitere Herausforderungen. Gerade in einer divergenten Gesellschaft ist es von Bedeutung sich auf die entstandene Heterogenität einzulassen und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, 2010, S. 9-10). Die Europäische Kommission (2005, S. 37) sieht dabei vor allem in der politischen Partizipation Chancen für eine erfolgreiche Integration.

Der thematisierte Rückgang an politischer Partizipation und die ungleichmäßige Beteiligung innerhalb einer Gesellschaft führen zu der Frage, aus welchen Gründen manche Personen politisch partizipieren während andere Personen dieses nicht tun. Mit der Beantwortung dieser Frage befasst sich die Partizipationsforschung bereits seit geraumer Zeit. In zahlreichen nationalen und internationalen Untersuchungen stellt die Begründung für die Beteiligung an politischen Aktivitäten einen der zentralen Untersuchungsschwerpunkte dar. Dabei konnte festgestellt werden, dass auf die politische Partizipation verschiedene Einflussfaktoren einwirken (Steinbrecher, 2009, S. 15-18). Einen der zentralsten Einflussfaktoren stellt in unterschiedlichen Untersuchungen die Bildung dar. Die Beziehung zwischen politischer Partizipation und Bildung gilt als eine der stärksten und etabliertesten Relationen in der Partizipationsforschung. Individuen mit einem höheren Bildungsniveau beteiligen sich politisch stärker als Individuen mit einem geringen Bildungsgrad (Persson, 2013, S. 13). Jede Form politischer Beteiligung benötigt eine gewisse individuelle kognitive Kompetenz, die eine Teilnahme an politischen Aktivitäten ermöglicht. Folglich ist die politische Aktivität bei Personen mit höherer Bildung stärker ausgeprägt (Hadjar & Becker, 2007, S. 414). Bildung gilt weiterhin als einer der essentiellsten Bestandteile einer stabilen Demokratie. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Bildung die Bürger zu Partizipation in demokratischen Prozessen anregt und ihnen das Wissen und die notwendigen Kompetenzen vermittelt, politische Grundsätze zu verstehen und zu akzeptieren (Wolfinger & Rosenstone, 1980, S. 102; Dee, 2004, S. 1698). Ohne ein Minimum an Bildung und Wissen sowie die Akzeptanz von Werten innerhalb einer Gesellschaft, ist eine stabile Demokratie nicht möglich (Friedman, 2002, S. 86).

Die Problemstellung verdeutlicht, dass die politische Partizipation eine wichtige Rolle in einer demokratischen Gesellschaft spielt und darüber hinaus eine ungleiche Beteiligung sowie Teilhabe besteht. Daraus folgt eine hohe Relevanz der Untersuchung von zentralen Einflussfaktoren auf die politische Beteiligung. Diese insbesondere durch die Bildung bzw. dem sozioökonomischen Status beeinflusst (bspw. Verba et al., 1995). Ziel dieser Arbeit ist daher die Untersuchung des Einflusses von Bildung auf verschiedene Dimensionen politischer Partizipation in Deutschland. Dieser Zusammenhang soll weiterhin unter Berücksichtigung zusätzlich erschlossener Einflussfaktoren überprüft werden. Nachdem in verschiedenen Untersuchungen (bspw. Persson, 2013; Hadjar & Becker, 2007) bereits nachgewiesen wurde, dass ein Zusammenhang zwischen politischer Beteiligung und Bildung besteht und dieser für einzelne Dimensionen betrachtet wurde, soll in dieser Arbeit eine Analyse der Effekte von Bildung auf mehrere Dimensionen erfolgen. Z.B. betrachtet Persson (2013) den Einfluss von Bildung auf traditionelle Formen wie Wahlen oder Parteiarbeit. Hadjar & Becker (2007) beschränken sich dagegen nur auf unkonventionelle Partizipationsformen. Des Weiteren erfolgt eine Prüfung der vergangenen Forschungsergebnisse an einem aktuelleren Datensatz. Zudem wurde in bisherigen Studien (bspw. Lüdemann, 2001; Persson, 2013; Hadjar & Becker, 2007) größtenteils nur der schulische Bildungsabschluss betrachtet, wohingegen in dieser Arbeit auch der berufliche Bildungsabschluss mit einbezogen wird. Als Methodik wurde die Zusammenhangsanalyse gewählt, die mithilfe eines vorliegenden Datensatzes und der Software SPSS5 durchgeführt wird. Um das Ziel dieser Arbeit zu erreichen, wird eine lineare multiple Regressionsanalyse durchgeführt.

Aus den genannten Kriterien leitet sich die Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit ab: Stellt Bildung auch weiterhin einen bedeutsamen Einfluss auf die politische Partizipation dar?

Um eine Übersicht über den Aufbau der Arbeit zu geben, wird in Abbildung 1 eine Grafik zur Veranschaulichung dargestellt. Nach der Einleitung im ersten Kapitel beginnt die vorliegende Arbeit in Kapitel 2 mit einer Bestimmung des Begriffes „Politische Partizipation“ sowie einer Darstellung der Strukturen und Formen politischer Beteiligung. Anschließend werden in Kapitel 3 Erklärungsfaktoren politischer Partizipation beleuchtet und darauf aufbauend ein theoretisches Erklärungsmodell politischer Partizipation hergeleitet sowie Hypothesen formuliert. Kapitel 4 beschäftigt sich mit der Erläuterung des forschungsmethodischen Vorgehens. Dieses setzt sich aus einer Beschreibung der Datengrundlage, der Zusammensetzung der betrachteten Stichprobe, einer Operationalisierung der abhängigen und unabhängigen Variablen sowie einer Darstellung der gewählten Analyseverfahren zusammen. Im Anschluss daran werden in Kapitel 5 zunächst die aufgestellten Hypothesen bivariat getestet, um folgend, unter Einbezug aller aufgestellten Erklärungsfaktoren, durch die lineare multiple Regressionsanalyse überprüft zu werden. Kapitel 6 führt daraufhin die Evaluation und Diskussion der Schätzergebnisse an. Das abschließende Kapitel 7 bildet das Fazit der Arbeit mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse sowie einem Ausblick auf zukünftige Untersuchungsmöglichkeiten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Aufbau der Arbeit

2 Theoretischer Hintergrund

Bevor eine Identifizierung der Erklärungsfaktoren von politischer Partizipation möglich ist, muss zunächst einmal, der Partizipationsbegriff und darüber hinaus spezifischer, der Terminus der politischen Partizipation, wie er im Rahmen dieser Arbeit verstanden werden soll, definiert werden. Des Weiteren soll, basierend auf dieser Definition, der für die Untersuchung relevante Partizipationsbereich begrenzt und strukturiert werden.

2.1 Politische Partizipation

Der Begriff der Partizipation kann aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. In diesem Kapitelabschnitt erfolgt daher eine Darstellung verschiedener Definitionen von Partizipation.

Im Gegensatz zu einigen anderen Sprachen stellt der Begriff Partizipation in der deutschen Sprache einen Fachterminus dar. Dieser wird aus den lateinischen Wörtern „partem capere“ abgeleitet und heißt übersetzt „einen Teil (weg-)nehmen“ (Moser, 2010, S. 73). Eine weitere Ableitung kann ebenfalls aus dem lateinischen Wort „participare“ erfolgen, das übersetzt „teilnehmen, teilhaben“ bedeutet (Poier, 2003, S. 101). Partizipation stellt eine autarke, aktive Teilnahme der Bevölkerung an gesellschaftlichen und politischen Geschehnissen dar. Dieses impliziert somit eine obligatorische Bedingung für eine Demokratie, in der die Partizipation ein Menschenrecht ist, das nicht von demographischen Variablen abhängt. In diesem Sinne ist Partizipation als eine Vertretung und Umsetzung von Interessen sowie als die Selbstverwirklichung eines Individuums durch Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu interpretieren (Spiegel, 2007, S. 151-152; Hartig & Wolff, 2013, S. 17). Die politische Partizipation gehört mit der kulturellen Partizipation zu den bedeutendsten Dimensionen gesellschaftlicher Partizipation. Die politische Beteiligung beruht auf unterschiedlichen politischen Aktivitäten und kann anhand von verschiedenen Attributen verstanden werden (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2016, S. 211).

In ihrer Partizipationsleiter6 erstellte Sherry Arnstein (1969, S. 217) ein Stufenmodell zur politischen Partizipation, das in ergänzter Version in Abbildung 2 dargestellt ist. Das Partizipationsmodell beinhaltet acht Stufen. Stufe eins und zwei stellen den Bereich der „Nicht-Beteiligung“7 dar. Darauf folgt die „Scheinbeteiligung“8 mit den Stufen drei bis fünf. Erst ab den Stufen sechs, sieben und acht kann nach Arnstein von „politischer Partizipation“9 gesprochen werden. Die unteren beiden Stufen der „Nicht-Beteiligung“ beginnen mit der Manipulation. Auf dieser Stufe werden Bürger von den sogenannten „Powerholders“, d.h. Machthabern, manipuliert und können auf dieser Stufe keine eigenen Bedarfe formulieren. Die Bezeichnung der Stufe als Manipulation basiert darauf, dass den Bürgern eine Partizipation vorgeschlagen wird, ohne dass sie selber mitgestalten oder Anteil an der Entscheidung haben. Die zweite Stufe der „Therapie“ beschreibt den Fall, dass ein bestimmter Bedarf der Menschen als Anlass gesehen wird, umfangreiche Aktivitäten zu induzieren. Diese sollen den Bürgern dabei helfen mit diesem Bedarf umzugehen anstatt einen Kampf gegen die Ursache dieses Bedarfes einzuleiten. „Informieren“ bildet die dritte Stufe der Partizipationsleiter und gehört zur Kategorie der „Schein-Partizipation“. Diese Phase stellt z.B. das reine Informieren über Möglichkeiten und Rechte dar und ist eine wichtige Vorstufe der Partizipation. Des Weiteren zählt die vierte Stufe der „Konsultation“ zur sogenannten „Schein-Partizipation“ und beschreibt das Kenntnisnehmen der Interessen und Bedürfnisse der Bürger. Diese Stufe bleibt jedoch bei einer Scheinbeteiligung, wenn diese Interessen nicht zu einer anschließenden Berücksichtigung und Einbeziehung führen. Zur darauffolgenden fünften Stufe der „Beschwichtigung“ zählen für Arnstein bspw. die Mitbestimmung in Projekten in der Anfangsphase, jedoch kein Mitbestimmungsrecht in der Endphase. Ab Stufe sechs der „Partnerschaft“ kann Arnstein zufolge, von Partizipation gesprochen werden. Hierbei wird die gleichrangige Einbindung in Abstimmungsprozesse dargestellt. Mit der siebten Stufe der „Bevollmächtigung“ wird den Bürgern eine Mehrheit bei Abstimmungen oder ein Vetorecht eingeräumt. Die letzte und höchste Stufe, die „Bürgerkontrolle“, stellt die eigenverantwortliche Leitung eines Programmes oder einer Institution dar (Arnstein, 1969, S. 218-223). Arnstein geht demnach davon aus, dass Partizipation eine konkrete Beteiligung an einem Entscheidungsprozess ist und das bloße Informieren darüber nicht unter politischer Partizipation fällt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Partizipationsleiter

(Eigene Darstellung in Anlehnung an Arnstein, 1969)

Auch Max Kaase sieht die politische Partizipation als eine zielgerichtete Aktivität. Für ihn werden „unter politischer Beteiligung […] in der Regel jene Verhaltensweisen von Bürgern verstanden, die sie alleine oder mit anderen freiwillig mit dem Ziel unternehmen, Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen.“ (Kaase, 2003, S. 495). Essentiell ist hierbei, dass diese Tätigkeiten das Ziel der Beeinflussung politischer Sachverhalte haben müssen. Handlungen, die unbeabsichtigt politische Nachwirkungen mit sich bringen oder das bloße diskutieren mit Mitmenschen über politische Themen, stellen keine politische Partizipation dar. Auch das Informieren über Politik durch bspw. Medien weist noch keine Partizipation auf (Hansen, 2009, S. 10). Diese Form der Definition bezieht sich auf einen instrumentellen Partizipationsbegriff. Bei dieser Auffassung des Begriffs sind verschiedene Merkmale, wie sie bspw. in der oben aufgeführten Definition von Kaase vorkommen, von Bedeutung. Ein Merkmal stellt die Funktion der Individuen als Bürger und nicht als Politiker dar. Zudem bezieht sich politische Beteiligung auf konkrete politische Tätigkeiten, die auf freiwilliger Basis geschehen müssen. Ein viertes Merkmal bildet der Bezug auf das gesamte politische System und nicht die Einschränkung auf spezielle Stadien oder Bereiche. Diese Charakteristika stellen in der Diskussion die wesentlichen Merkmale politischer Partizipation dar (Van Deth, 2009, S. 143-144).

Spiegel (2007, S. 152) definiert die politische Partizipation ähnlich wie Kaase als „Teilhabe, Beteiligung, Mitgestaltung an politischen Entscheidungen. […] Tätigkeiten, die Bürger und Bürgerinnen freiwillig mit dem Ziel unternehmen, Entscheidungen auf den verschiedenen Ebenen des politischen Systems zu beeinflussen.“

Ein weiteres Verständnis stellt der normative Partizipationsbegriff dar. Dieser sieht Partizipation als Ziel und Wert an und nicht nur als bloßes Mittel zum Zweck (Schultze, 1995, S. 398). Diesem normativen Verständnis nach, stellt Partizipation einen relevanten Bereich humaner Entwicklung dar. Dabei wird nicht nur der politische Bereich, sondern eine umfangreiche Beteiligung in allen Teilen der Gesellschaft, wie z.B. der sozialen Teilhabe, eingeschlossen (Hoecker, 2006, S. 6). Eine weitere Definition wird von Verba et al. (1995, S. 38) angeführt, die politische Partizipation als Aktivität ansehen, die die Absicht oder den Effekt hat, das Handeln der Regierung zu beeinflussen. Dieses kann entweder direkt durch die Einflussnahme auf die Erstellung und Implementierung von öffentlichen Ordnungen oder indirekt durch den Einfluss auf die Auswahl von Personen, die diese Ordnungen entwerfen, erfolgen. Die angeführten Aktivitäten stellen z.B. Wählen, Aktivitäten in politischen Parteien, Demonstrationen, politischer Konsum oder politische Onlineaktivitäten dar (Persson, 2013, S. 14).

Die Ziele politischer Partizipation in einer demokratischen Gesellschaft können zusammengefasst werden als Beeinflussung von Personen in Regierungen, Mitsprache in der Regierung und die Entwicklung einer Haltung oder eines Willens. Diese Ziele können auf unterschiedliche Weise und durch unterschiedliche Partizipationsformen erreicht werden. In den letzten Dekaden vollzog sich eine Entwicklung und Ausweitung dieser Partizipationsformen (Van Deth, 2009, S. 141-145). Um die 1950er und 1960er Jahre restringierte sich das politische Partizipationsverhalten größtenteils auf die Beteiligung an Wahlen oder politischen Organisationen. In der heutigen Zeit können Bürger dagegen auf ein polymorphes Sortiment an unterschiedlichen Partizipationsmöglichkeiten zugreifen (Gabriel, 2013, S. 383). Im Folgenden Abschnitt werden diese Möglichkeiten dargestellt und strukturiert.

2.2 Formen und Dimensionen politischer Partizipation

Da es eine Vielzahl verschiedener Formen politischer Partizipation gibt, wurden im Laufe der Partizipationsforschung diesbezüglich Systematisierungen vorgenommen. Dazu wurden in den letzten Jahrzehnten unterschiedliche Taxonomien politischer Partizipation konstruiert. Zum einen gibt es die Unterscheidung zwischen verfassten und nicht-verfassten Formen, die sich nach dem institutionellen Kontext der Partizipationsform richtet (Hoecker, 2006, S. 9-10). Als verfasst werden demnach Taten bezeichnet, die in einem definierten institutionellen Zusammenhang, bspw. im Grundgesetz, verankert sind. Nicht-verfasst sind dagegen Aktivitäten, die in einem impulsiven Prozess der Mobilisierung außerhalb eines institutionalisierten Kontextes eintreten (Kaase, 2003, S. 496). Zum anderen gibt es die Differenzierung zwischen legal und illegal, welche nach dem Rechtsstatus der politischen Teilhabe fragt (Hoecker, 2006, S. 9-10). Als legal werden gesetzmäßige Formen der Partizipation bezeichnet, wohingegen illegal alle nicht-gesetzmäßigen Partizipationsformen darstellen. Bei illegalen Beteiligungsformen wird darüber hinaus noch zwischen gewaltlosen und gewaltsamen Handlungen differenziert (Kaase & Neidhardt, 1990, S. 8-14).

Des Weiteren gibt es noch eine dritte Klassifikation zwischen konventioneller und unkonventioneller Beteiligung, welche den Grad der öffentlichen Anerkennung widerspiegelt (Hoecker, 2006, S. 9-10). Konventionell sind Partizipationsformen „ […] die mit hoher Legitimitätsgeltung auf institutionalisierte Elemente des politischen Prozesses, insbesondere die Wahl bezogen sind.“ (Kaase, 1992, S. 148). Als unkonventionell hingegen werden alle Partizipationsformen bezeichnet, die „ […] auf institutionell nicht verfasste unmittelbare Einflussnahme auf den politischen Prozess abstellen.“ (Kaase, 1992, S. 148). Aus funktionaler Perspektive differenzieren sich Partizipationsformen über den Grad der transferierten Informationen. Durch bspw. Petitionen oder Demonstrationen können konkrete inhaltliche Mitteilungen und Prämissen an politische Akteure gesendet werden. Diese Art der Partizipation zielt auf eine direkte Einflussnahme politischer Entscheidungen ab. Partizipationsformen wie die Teilnahme an Wahlen, zielen hingegen auf eine indirekte Einflussnahme hin und transferieren in erster Linie keine inhaltlichen Mitteilungen (Hansen, 2009, S. 12). Unkonventionelle Aktivitäten sind, speziell bei jüngeren Personen, eher als Ergänzung anstatt Ersetzung der konventionellen Formen anzusehen (Gavray, Fournier & Born, 2012, S. 405).

Das politische Partizipationsmodell von Uehlinger (1988) teilt politische Partizipation in die „Staatsbürgerrolle“, „problemspezifische Partizipation“, „partei­orientierte Partizipation“, „ziviler Ungehorsam“ und „politische Gewalt“ auf. In Tabelle 1 ist diese Unterteilung mit einer Ergänzung der oben genannten Klassifikationen und Dimensionen politischer Partizipation sowie konkreten Beispielen der jeweiligen Partizipationsform aufgeführt. Zu der Staatsbürgerrolle werden ubiquitäre Formen politischer Partizipation gezählt, wie bspw. das Wählen. Der Einfluss des Bürgers auf die politische Entscheidungsfindung ist bei dieser Form indirekt und eher gering. Die Parteiorientierte Partizipation umfasst die Beteiligung innerhalb einer Partei, die durch eine Ideologie geleitet ist. Diese beiden Formen zählen zur verfassten und konventionellen Dimension politischer Partizipation. Die problemspezifische (bzw. problemorientierte) Partizipation oder Protestaktivitäten schließt die Formen politischer Aktivität ein, die auf die Beeinflussung eines speziellen politischen Problems abzielen. Das Spektrum dieser Aktivitäten ist weitläufig und umfasst z.B. Unterschriftensammlungen oder politische Demonstrationen. Weitere konkrete Beispiele können der Tabelle 1 entnommen werden. Das Wahrnehmen einer dieser Aktivitäten hängt jeweils vom situativen Kontext und von der Problemstellung ab. Diese Formen der politischen Partizipation fallen unter die Dimension der nicht-verfassten unkonventionellen Partizipation, die sich auf einer legalen Ebene abspielt. Zur illegalen, nicht-verfassten und unkonventionellen Dimension gehört zum einen der gewaltlose zivile Ungehorsam, wie z.B. verbotene Demonstrationen oder Besetzungsaktionen. Diese Formen zielen darauf ab, Politiker zu einer gewünschten Entscheidung zu nötigen. Zum anderen fällt unter diese Dimension die politische Gewalt, die durch gewaltsame Aktivitäten gegen Personen oder Sachen zur Zielerreichung geprägt ist (Uehlinger, 1988, S. 129-130). Unkonventionelle Partizipationsformen haben einen geringeren Institutionalisierungsgrad, sind eher protestorientiert und provozierender (Hadjar & Becker, 2007, S. 413).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Typologisierung politischer Partizipation

(Eigene Zusammenstellung in Anlehnung an Decker, Lewandowsky & Solar, 2013, S. 39; Steinbrecher, 2009, S. 155)

In der vorliegenden Arbeit werden Einflussfaktoren der konventionellen Partizipationsform „Staatsbürgerrolle“, ausgedrückt durch die Wahlbeteiligung und der unkonventionellen legalen Form der „Protestaktivitäten“ untersucht. Über diese wird im folgenden Kapitelabschnitt ein Überblick geschaffen. Eine Untersuchung aller politischen Partizipationsformen würde den Rahmen der vorliegenden Arbeit überschreiten.

2.2.1 Wahlen

Wie schon im vorherigen Kapitelabschnitt dargestellt, zählen Wahlen zur konventionellen politischen Partizipation. Sie symbolisieren ein maßgebliches Charakteristikum einer demokratischen Gesellschaft, da Bürger durch die Beteiligung an Wahlen ihre Macht auf responsive Vertreter des Volkes transferieren. Diese verfügen daraufhin über die bindende Entscheidungsmacht über politische Beschlüsse. Die Stimmabgabe ist wiederum auch für die gewählten Vertreter bindend, da sie sich dem Willen der Wähler beugen müssen. Die Voraussetzungen von Wahlen sind im Grundgesetz verankert und werden spezifischer in Wahlgesetzen der Bundesrepublik, Bundesländer und Gemeinden detailliert festgelegt (Vetter & Remer-Bollow, 2017, S. 171). Eine Voraussetzung für Wahlen ist, dass sie sich in regelmäßigen Zeitintervallen vollziehen müssen. Dadurch kann gewährleistet werden, dass die gewählten Repräsentanten die Bedürfnisse und Interessen des Volkes beachten, weil sie sonst bei einer Wiederwahl nicht mehr gewählt werden würden. Außerdem müssen die Wahlgrundsätze allgemein, unmittelbar, frei, gleich sowie geheim sein. Zu den wichtigsten Wahlen zählen die Bundestagswahl, die Landtagswahl, die Europawahl und die Kommunalwahl (Decker, Lewandowsky & Solar, 2013, S. 40-42; Vetter & Remer-Bollow, 2017, S. 43).

Die Wahlbeteiligung ist unter den politischen Beteiligungsformen die populärste. Dieses ist vor allem durch die Kosten-Nutzen-Relation zu begründen. Der Abstand zwischen Wahlen in spezifischen Zeitintervallen, induziert einen geringeren Aufwand für die Bürger (Decker et al., 2013, S. 40-41).

2.2.2 Protestaktivitäten

Anhand Tabelle 1 wird ersichtlich, dass die Protestaktivitäten unter die unkonventionelle legale politische Partizipation verordnet wird. Zu diesen Aktivitäten zählen bspw. Unterschriftensammlungen, Beteiligung an öffentlichen Diskussionen und genehmigten Demonstrationen, kritischer Konsum, die Mithilfe in Bürgerinitiativen und die Beteiligung an Online-Protesten. Die Beteiligung an Unterschriftensammlungen stellt von den genannten Aktivitäten die populärste dar (Decker et al., 2013, S. 82-83). Charakteristisch für protestorientierte Formen ist hierbei, dass sie eine Missbilligung oder Uneinigkeit bezüglich politischer Entscheidungen und Institutionen beinhalten. Diese Missbilligung muss publik zum Ausdruck gebracht werden und sich an die politische Allgemeinheit richten. Darüber hinaus können Proteste auch auf gesellschaftliche Probleme abzielen (Vetter & Remer-Bollow, 2017, S. 152; Decker et al., 2013, S. 85).

Anders als bei den konventionellen Beteiligungsformen, erfolgt die Nutzung der Protestaktivitäten in Wellen, d.h. dass die Stärke der Mobilisierung phasenartig variiert. Bspw. die Studentenproteste Ende der 1960er Jahre, die Resistenz gegen Atomkraft Anfang der 1980er Jahre, die Proteste gegen Xenophobie zu Beginn der 1990er Jahre sowie die Demonstrationen gegen die Sozialreformen in den 2000er Jahren kennzeichnen starke Mobilisierungsphasen (Decker et al., 2013, S. 84-85).

3 Erklärungsmodell politischer Partizipation

Neben der Strukturierung und Einordnung der unterschiedlichen Partizipationsformen zählt die Frage nach den Erklärungsfaktoren politischer Partizipation zu den bedeutendsten Themen der Partizipationsforschung (Van Deth, 2009, S. 152). Ziel dieses Kapitels ist es, die Rolle der Bildung für die betrachteten politischen Partizipationsformen zu ergründen und weitere Erklärungsfaktoren zu identifizieren. Daher soll, im Hinblick auf die Forschungsfrage, ein Erklärungsmodell politischer Partizipation10 erarbeitet werden, das den Stellenwert der Bildung im Kontext anderer Einflussfaktoren einordnet und die theoretische Ausgangsbasis dieser Arbeit darstellt. Die folgende Darstellung wird nach inhaltlichen Gruppen von Einflussfaktoren zusammengefasst, wodurch Wiederholungen vermieden werden, die bei einer Betrachtung verschiedener Erklärungsmodelle auftreten könnten (Steinbrecher, 2009, S. 56). Diese Zusammenfassung der Einflussfaktoren orientiert sich an dem von Verba, Schlozman und Brady im Jahr 1995 entwickelten „Civic Voluntarism Model“, das verschiedene Erklärungsmodelle kombiniert und sich dadurch in der Partizipationsforschung als Standarderklärungsmodell bewährt hat. „ Mit den sozioökonomischen, kognitiven und organisatorischen Ressourcen umfasst das Erklärungsmodell die Faktoren, die es Individuen ermöglichen, politisch aktiv zu werden. “ (Gabriel, 2013, S. 394). In einer Vielzahl von unterschiedlichen Untersuchungen bezüglich politischer Partizipation spielen die Hauptfaktoren des Civic Voluntarism Model, wenn auch nicht explizit dem Modell zugeordnet, eine zentrale Rolle (Armingeon, 2007; Gabriel, 2013; Gabriel 2004; Lüdemann, 2001). Aufgrund dessen wird das Modell ebenfalls in der vorliegenden Arbeit als Orientierung verwendet und zusätzlich um weitere Einflussfaktoren anhand von Literatur- Reviews ergänzt. In einem ersten Schritt wird zunächst das Civic Voluntarism Model vorgestellt, gefolgt von den gruppierten Einflussfaktoren und der jeweiligen aufgestellten Hypothese. Werden in der Erarbeitung differierende Einflüsse des jeweiligen Faktors auf die Wahlbeteiligung und die Protestaktivitäten festgestellt, ergeben sich zwei Hypothesen für einen Einflussfaktor.

3.1 Civic Voluntarism Model

In einer Studie aus dem Jahr 1972 entwickelten Verba und Nie zunächst das sozioökonomische Standardmodell (SES) politischer Partizipation, das in der Partizipationsforschung als richtungsweisend angesehen wurde und eine Basis für weitere Forschungen darstellte (Steinbrecher, 2009, S. 58). Verba und Nie identifizieren, dass der sozioökomische Status, ausgedrückt durch Bildung, Einkommen und Beruf, einen großen Einfluss auf die politische Partizipation ausübt. Bürger mit einem höheren sozialen und ökonomischen Status partizipieren mehr in politischen Angelegenheiten als Personen mit einem geringeren sozioökonomischen Status. Dies kann dadurch begründet werden, dass Individuen mit einem höheren Status auch dementsprechend höhere Kompetenzen, Ressourcen und ein höheres politisches Bewusstsein aufweisen. Außerdem sind sie offener für Gespräche mit anderen partizipierenden Personen über politische Sachverhalte (Verba & Nie, 1987, S. 125-137). Im Rahmen des SES blieb jedoch unklar, wie die politische Partizipation und der sozioökonomische Status theoretisch miteinander verknüpft sind (Brady, Verba, Schlozman, 1995, S. 272).

Aus diesem Grund wurde das sozioökonomische Standardmodell in den 1990er Jahren von Verba und seiner Forschergruppe kritisch reflektiert und zum Civic Voluntarism Model 11 weiterentwickelt. In diesem Modell soll die theoretische Verknüpfung zwischen sozioökonomischem Status und politischer Partizipation stärker erklärt werden. Das CVM konstatiert Faktoren der Motivation und soziale Beziehungen sowie individuelle Ressourcen wie Zeit, Geld und sogenannte Civic-Skills12, d.h. kommunikative und organisatorischen Kompetenzen (Van Deth, 2009, S. 153; Verba et al., 1995, S. 281-282). In ihrer Untersuchung betrachten Verba, Schlozman und Brady die Gründe, warum Personen nicht wählen gehen oder andere politische Partizipationsformen nutzen. Sie nennen dafür drei Grundannahmen: “because they can't”, “because they don't want to”, “because nobody asked” (Verba et al., 1995, S. 269). Dafür identifizieren sie drei Konstrukte, die die politische Beteiligung beeinflussen. In Abbildung 3 sind diese drei zentralen Einflussfaktoren als Persönliche Ressourcen (they can’t), die politische Involvierung (they don’t want to) sowie die politische Rekrutierung (nobody asked) mit ihrem jeweiligen Kausalpfad und der originalen Bezeichnung dargestellt. Die persönlichen Ressourcen sagen aus, ob eine Person die nötigen Ressourcen besitzt, partizipieren zu können. Die politische Involvierung hingegen beschreibt, ob eine Person partizipieren will. Die politische Rekrutierung umfasst die Integration in soziale Netzwerke, in denen Individuen zur politischen Teilnahme mobilisiert werden (Verba et al., 1995, S. 269; Brady et al., 1995, S. 271).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Civic Voluntarism Model

(in Anlehnung an Verba et al., 1995, S. 269)

In den nachfolgenden Abschnitten erfolgt eine Erarbeitung eines Erklärungsmodells politischer Partizipation gruppiert nach den drei zentralen Faktoren des CVM sowie weiteren Kontrollvariablen.

3.2 Ressourcen

Die nötigen persönlichen Ressourcen eines Individuums, die bereits im SES identifiziert wurden, werden nach Verba et al. (1995, S. 271) noch einmal in die drei Unterpunkte Geld, Zeit und Civic Skills gegliedert. Die sogenannten Civic Skills setzen sich dabei aus kommunikativen und organisatorischen Kompetenzen zusammen. Die persönliche Ausstattung eines Individuums mit Ressourcen stellt die wichtigste der drei Erklärungsfaktoren politischer Partizipation dar, denn ohne die erforderlichen Ressourcen können auch die anderen Faktoren keine Wirkung zeigen. Die individuellen Ressourcen entscheiden weiterhin darüber, ob eine Person an politischen Aktivitäten teilnehmen kann. Des Weiteren konstatieren Verba und dessen Forschergruppe, dass die Messung der Ressourcen mit einer höheren Validität und Reliabilität erfolgen kann, als bei der Messung der anderen Faktoren. Zudem lässt sich ein ressourcenbasiertes theoretisches Modell leichter interpretieren (Verba et al., 1995, S. 270). Je höher die persönliche Ressourcenausstattung eines Individuums, desto niedriger sind die Handlungskosten ihrer politischen Beteiligung. Der Grenznutzen der Ressourcenausstattung nimmt demnach ab und indiziert, dass ressourcenstarke Personen mehr partizipieren als ressourcenärmere Personen (Verba et al., 1995, S. 287). Individuen, die nicht über eine nötige Mindestmenge an Ressourcen verfügen, können dementsprechend auch weniger politisch partizipieren (Hansen, 2009, S. 16).

Die Ressource Geld wird gemäß Verba et al. (1995, S. 289) anhand des Einkommens gemessen. Finanzielle Verhältnisse sind diesbezüglich von Bedeutung für die politische Partizipation, da es unmöglich ist, einen Beitrag für eine Kampagne oder andere politische Zwecke zu leisten, ohne ein verfügbares Einkommen zu haben. Eine Geldspende impliziert zwar, dass alle Individuen auf den gleichen finanziellen Betrag verzichten, jedoch stellt diese Aufwendung eine größere Belastung für Personen mit einem geringeren Budget dar. Das führt dazu, dass Individuen mit einem geringeren Budget, die Kosten dieser Partizipationshandlung als höher wahrnehmen (Steinbrecher, 2009, S. 58; Verba et al., 1995, S. 289). Einkommensunterschiede sind zudem verbunden mit anderen sozioökonomischen und einstellungsbezogenen Unterschieden. Wohlhabendere Personen weisen meist ein höheres Bildungsniveau, eine stärkere Interaktion mit Mitmenschen in sozialen und politischen Gruppen sowie eine ausgeprägtere politische Einstellung auf (Milbrath & Goel, 1977, S. 98). Darüber hinaus beeinflusst das Einkommen die politische Partizipation durch die Versorgung von grundlegenden Ressourcen und hilft den sozialen Status zu erhöhen (Persson, 2010, S. 6). Ein Einfluss auf die Wahlbeteiligung kann dahingehend festgestellt werden, dass ein höheres Einkommen auch positive Effekte auf die Zufriedenheit und Zuversichtlichkeit bezüglich des politischen Regimes aufweist und somit die Unterstützung dessen gefördert wird (Walther, 2017, S. 177). Schäfer (2010a, S. 140/149) stellt zudem einen Zusammenhang zwischen einem höheren Einkommen und einer höheren Demokratiezufriedenheit fest. Diese beeinflusst wiederum eine höhere Beteiligung an Wahlen. Die folgende Hypothese lässt sich demnach ableiten:

Hypothese 1: Je höher das persönliche Einkommen, desto stärker ist die politische Partizipation dieser Person.

Die zweite Ressource Zeit ist von Bedeutung für die politische Beteiligung, da eine politische Aktivität Zeit kostet und deswegen mit Freizeitaktivitäten oder beruflichen Tätigkeiten konkurriert (Steinbrecher, 2009, S. 58). Die Ressource Zeit kann jedoch aufgrund der Gegebenheiten des Datensatzes nicht in die Analyse mit einbezogen werden und wird daher nicht als Einflussfaktor berücksichtigt.

Die sogenannten Civic Skills, d.h. die kommunikativen und organisatorischen Kompetenzen, können im Gegensatz zu Geld und Zeit durch politische Partizipation sogar vergrößert werden. Individuen mit höheren kognitiven Kompetenzen fällt es leichter an politischen Handlungen teilzunehmen, da der Aufwand für sie geringer erscheint als bei Personen mit schwächeren kognitiven Fähigkeiten. Die Civic Skills sind keine subjektiven Kompetenzen, sondern werden objektiv gemessen. Z.B. werden kommunikative Fähigkeiten anhand eines guten Vokabulars oder der Fähigkeit zu kommunizieren gemessen. Eine Person, die bspw. über gute verbale Kompetenzen verfügt – wie ein umfangreiches Vokabular, die Fähigkeit ein Argument zu formulieren und zu artikulieren – fühlt sich selbstsicherer diese Fähigkeiten auch in politischen Prozessen anzuwenden. Civic Skills werden über die gesamte Lebensdauer einer Person, besonders im häuslichen Bereich und in der Schule, angeeignet. Gerade die Schule erweist sich als ein wichtiger Faktor. In verschiedenen weltweiten Untersuchungen über die politischen Aktivitäten von Bürgern wird eine enge Beziehung zwischen Schulbildung sowie Bildung allgemein und politischen Aktivitäten festgestellt (Verba et al., 1995, S. 271/304-305).

In der Partizipationsforschung stellt der Zusammenhang zwischen Bildung und politischer Partizipation eine der etabliertesten Beziehungen dar (Persson, 2013, S. 13). Nach Dalton (2008, S. 86) herrscht zwischen Bildung und fast jeder politischen Partizipationsform ein starker Zusammenhang. Auch Hoskins, d’Hombres und Campbell haben herausgefunden, dass eine höhere Anzahl von Jahren im Bildungssystem einen positiven Effekt auf das Engagement bei Protestaktivitäten, Parteimitgliedschaften und Wahlen ausübt. Bezüglich der Protestaktivitäten erweist sich Bildung in ihrer Untersuchung sogar als stärkster Einflussfaktor. Ferner haben sie festgestellt, dass vor allem die Hochschulbildung den stärksten Einfluss auf Protestaktivitäten aufweist (Hoskins, d’Hombres & Campbell, 2008, S. 397-398). Schäfer (2009, S. 2) konstatiert nach den Berechnungen von ALLBUS 2008 zufolge, dass Menschen aller Altersgruppen mit einem hohen Bildungsgrad angeben, häufiger wählen zu gehen als Menschen mit einem niedrigen Bildungsniveau. Auch für unkonventionelle Partizipationsformen, worunter die protestorientierten Aktivitäten fallen, lässt sich eine Verzerrung13 zwischen den Bildungsniveaus feststellen. Personen mit einem hohen Bildungsniveau partizipieren auch bei dieser Beteiligungsform deutlich stärker (Schäfer, 2010b, S. 4). Zu einem ähnlichen Schluss kommt Memoli (2016, S. 137) bei seiner Untersuchung von unkonventionellen Partizipationsformen, die unter anderem Protestaktivtäten umfasst. Er stellt fest, dass die Wahrscheinlichkeit zur Teilnahme an diesen Formen mit zunehmenden Bildungsgrad steigt.

Die Gründe für den nachweislichen Einfluss von Bildung auf politische Partizipation sind facettenreich. Zum einen steigert Bildung die Partizipation direkt durch die Entwicklung von politikrelevanten Kompetenzen und die Vermittlung von Informationen über Politik. Dieses hat außerdem Auswirkungen auf das politische Interesse, bürgerschaftliche Normen und die politische Wirksamkeit14, die einen Anstoß zur Partizipation geben können. Die schulische Ausbildung fördert das Vertrauen, dass ein potentieller Partizipant die politischen Entscheidungen beeinflussen kann und auch die nötigen Kompetenzen zur Partizipation aufweist (Verba et al., 1995, S. 305; S. 13; Persson, 2013, S. 13; Jackson, 1995, S. 280). Ferner unterstützt schulische Bildung Bürger dabei, politische Sachverhalte und Möglichkeiten zu verstehen und zu evaluieren sowie politisches Nachdenken zu erleichtern (Armingeon, 2007, S. 362). Zusätzlich weist ein hohes Bildungsniveau einen großen Einfluss auf das politische Interesse eines Individuums auf. Personen mit einem hohen Bildungsniveau demonstrieren gleichsam ein stärkeres Interesse an politischen Sachverhalten. Diese Steigerung des politischen Interesses geht mit der höheren politischen Kompetenz und einer höheren Reflexionsfähigkeit einher. Das politische Interesse ist wiederum besonders für die Teilnahme an protestorientierten Formen politischer Partizipation von Bedeutung, da hierbei eine stärkere Involvierung in politische Angelegenheiten essentiell ist (Hadjar & Becker, 2006, S. 13/29; Milbrath & Goel, 1977, S. 46). Daneben erhöht Bildung die politische Wirksamkeit (Political Efficacy) und somit die Kompetenz sich mit komplexen politischen Angelegenheiten auseinandersetzen zu können. Die durch Bildung initiierte Political Efficacy hat zudem positive Auswirkungen auf das politische Interesse. Dadurch spielt die politische Wirksamkeit ebenfalls eine Rolle bei unkonventionellen Beteiligungsformen. Somit fungiert das politische Interesse als eine Art Konnektiv zwischen der Relation von Bildung, politischer Wirksamkeit und politischer Beteiligung (Vetter, 1997, S. 26-27; Hadjar & Becker, 2007, S. 415-416).

Des Weiteren tangiert Bildung die politische Partizipation in indirekter Weise. Mit höherer formaler Bildung geht ein stärkeres politisches Interesse, eine stärkere Beschäftigung mit Wahlen, ein größeres Vertrauen in die Rolle als Bürger sowie eine tiefere Verpflichtung ein guter Staatsbürger zu sein, einher (Lewis-Beck, Jacoby, Norpoth & Weisberg, 2008, S. 102). Personen mit einem hohen Bildungsstand haben zudem eine höhere Wahrscheinlichkeit eine lukrative Arbeit zu finden und die Möglichkeit, relevante politische Fähigkeiten bspw. auf der Arbeit, in der Kirche oder in Freiwilligenorganisationen zu entwickeln (Verba et al., 1995, S. 304-305). Folglich fördert ein hoher Bildungsgrad den sozialen Status einer Person. Die Relation zwischen politischer Partizipation und Bildung kann deswegen auch durch den sozialen Status, d.h. der Position einer Person in der Gesellschaft, ausgedrückt werden. Ein hohes Bildungsniveau kann Individuen zu einer prestigeträchtigen Erwerbstätigkeit und dadurch zu einem höheren Vermögen verhelfen. Diese Indikatoren platzieren Personen mit einem hohen sozialen Status in angesehene soziale, wirtschaftliche und politische Netzwerke, die partizipationsfördernd wirken. Innerhalb dieser Netzwerke steigt die Wahrscheinlichkeit zu politischen Aktivitäten rekrutiert zu werden. Demnach befinden sich Personen mit einem niedrigen Bildungsgrad außerhalb solcher Rekrutierungsnetzwerke, welches zu einer Verringerung ihrer Partizipationswahrscheinlichkeit führt (Kam & Palmer, 2008, S. 613; Persson, 2013, S. 19). Für sozial eingebundene Personen würden nicht-monetäre Kosten für die Nichtbeteiligung an Wahlen anfallen, weil bspw. andere Gruppenmitglieder einen großen Wert auf Wahlbeteiligung legen. Das bedeutet, die Vorteile des Wählens und die Kosten des Nichtwählens sind höher bei sozial eingebundenen Personen. Überdies kann auch ein höheres Bildungsniveau direkt die Kosten politischer Beteiligung senken, indem es die Kompetenzen der Informationsverarbeitung steigert und somit die Kosten der Informationsbesorgung und der Beschäftigung mit politischen Sachverhalten reduziert. Zudem verstärkt die Zugehörigkeit in bildungshomogenen Gruppen das politische Interesse (Franklin, 2004, S. 51; Hadjar & Becker, 2006, S. 14). Dieses deutet darauf hin, dass die Eingebundenheit in bildungshomogenen und sozialen Netzwerken einen Einflussfaktor auf die Partizipationsform der Wahlbeteiligung hat. Außerdem ist anzumerken, dass die gleiche Menge an Bildung auf der Individualebene einen anderen Einfluss auf politische Partizipation hat als auf dem allgemeinen gesellschaftlichen Bildungsniveau. In einer Gesellschaft mit einem niedrigen Bildungsniveau, ist demnach ein niedrigeres individuelles Bildungsniveau notwendig, um eine zentrale Position in einem sozialen Netzwerk zu erlangen. In Gesellschaften mit einem hohen Bildungsniveaustandard wird höhere Bildung benötigt, um einen hohen sozialen Status zu erzielen (Persson, 2013, S. 19).

Ein weiterer Faktor, durch den die Rolle der Bildung für die politische Partizipation erklärt werden kann, ist die Fortdauer im Bildungssystem. Wenn Personen höhere Bildungsinstitutionen besuchen, repräsentiert dies einen längeren Verbleib im Bildungssystem. Dadurch wird eine Entfernung von der sozialen Herkunft und eine höhere Integration in ein partizipationsnahes Umfeld herbeigeführt (Hadjar & Becker, 2007, S. 435). Das Bildungssystem und besonders die Bildungsinstitutionen nehmen darüber hinaus eine Sozialisationsfunktion ein. In der Schule wirken zahlreiche unterschiedliche Einflüsse auf Individuen ein, wie z.B. die Curricula, Lehrpersonen und Mitschüler, Schulbücher, der „heimliche Lehrplan“15, Schulorganisation sowie Klassen- und Schulklima. Eine „demokratische“ Unterrichtsweise, d.h. die Schüler zur aktiven Beteiligung motivieren, kann einen positiven Effekt auf politische Aktivitäten auswirken, da dieser Unterrichtsstil zu mehr Vertrauen in die politischen Kompetenzen und in die politische Wirksamkeit führt. Zur politischen Sozialisation können zudem auch die jeweiligen Curricula beitragen, in denen die Lernziele für die Fächer Politik, Geschichte, Sozialkunde etc. verankert sind und partizipationsrelevante Kompetenzen fördern. Die Schule stellt somit den einzigen Sozialisationsfaktor dar, der absichtlich auf politische Erziehung abzielt. Dabei wird nicht nur politisches Wissen vermittelt, sondern auch Charakteristika eines politisch mündigen Bürgers. Diese umfassen bspw. die Entwicklung von Kompetenzen zur kritischen Evaluation von politischen Einrichtungen und Prozessen sowie politischen Akteuren. Zudem werden die Unterstützung des politischen Systems sowie die Akzeptanz von demokratischen Werten übermittelt und das Engagement zur politischen Partizipation gesteigert. Die Schule hat daher eine wichtige Sozialisationsfunktion zur Bildung der politischen Persönlichkeit eines Menschen (Schmid, 2004, S. 39-48). Bildungsinstitutionen können Individuen daher auch zu politisch relevanten Normen, die später dazu ermutigen wählen zu gehen, sozialisieren. Zudem werden die Schüler dahingehend erzogen, zu glauben, dass es die Pflicht eines guten Bürgers ist, wählen zu gehen (Kam & Palmer, 2008, S. 616; Jackson, 1995, S. 285). Die in schulischen Institutionen vermittelten demokratischen Werte und Verhaltensweisen können nachweislich die politische Beteiligung fördern. Umso stärker sich Schüler an politischen Aktivitäten in der Schule beteiligen, umso engagierter ist ihr Verhalten außerhalb schulischer Institutionen. Unter anderem das Diskutieren mit Lehrpersonen über politische Themen kann zu einer Teilnahme an politischen Treffen oder Diskussionen außerhalb der Schule führen. Daneben können z.B. Tätigkeiten als Klassensprecher später zu politischen Aktivitäten wie Wahlkampfteilnahmen führen (Gaiser, Krüger, de Rijke & Wächter, 2016, S. 32). Dem Europarat zufolge soll die Zielsetzung politischer Bildung in der Schule sein,

„Lernende durch die Vermittlung von Wissen, Kompetenzen und Verständnis sowie der Entwicklung ihrer Einstellungen und ihres Verhaltens zu befähigen, ihre demokratischen Rechte und Pflichten in der Gesellschaft wahrzunehmen und zu verteidigen, den Wert von Vielfalt zu schätzen und im demokratischen Leben eine aktive Rolle zu übernehmen, in der Absicht, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fördern und zu bewahren“. (Europarat, 2010, S. 6)

Die Lernprozesse in der Schule haben zudem positive Effekte auf die angesprochenen kognitiven Kompetenzen von Individuen, die wiederum die Partizipation beeinflussen. Für die politische Partizipation sind besonders die steigenden verbalen und kognitiven Kompetenzen, die mit höherer Bildung einhergehen, von Bedeutung. Vor allem Sprachkenntnisse sind für das Verstehen und Unterhalten über Politik entscheidende Fähigkeiten. Personen mit hohen verbalen und kognitiven Kompetenzen können politische Botschaften leichter verstehen und damit ihre eigenen politischen Ansichten artikulieren. Darüber hinaus soll die schulische Ausbildung politisches Wissen steigern und ein besseres Verständnis des politischen Systems vermitteln. Personen, die verstehen wie das politische System funktioniert, verstehen auch die Bedeutung der politischen Beteiligung in diesem System (Persson, 2013, S. 16). Politik stellt einen diffizilen Teil der Gesellschaft dar, der nur schwer fassbar ist. Um die Komplexität der Politik zu verstehen, ist eine eingehende Auseinandersetzung durch reflexive Lernprozesse notwendig (Reinhardt & Tillmann, 2002, S. 50). Schulische Institutionen, die auf einen niedrigen Schulabschluss ausgelegt sind, können solche Lernprozesse nur schwer realisieren (Lange, Onken & Slopinski, 2013, S. 35).

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person einen höheren Bildungsgang einschlägt, ist zudem abhängig von zahlreichen Faktoren wie den Eigenschaften der Eltern16, individuelle Fähigkeiten, Intelligenz, Persönlichkeit und Veranlagungen. Dieselben Faktoren, die Individuen antreiben höhere Bildung anzustreben, können auch zur politischen Partizipation motivieren. Kognitive Kompetenzen sind sowohl genetisch veranlagt als auch durch soziale Umstände entwickelt. Eltern können ihren Kindern genetische Veranlagungen vererben, die daraufhin den Bildungsweg bestimmen. Weiterhin kann die Einstellung gegenüber kognitiven Aktivitäten sowohl den Bildungsweg als auch politische Partizipation erklären. Personen, die sich an kognitiven Aktivitäten erfreuen, zeigen demnach eher Interesse an politischen Sachverhalten (Kam & Palmer, 2008, S. 614-615). Die vermeintlich wichtigste Weise, durch die Eltern den Bildungsabschluss und folgend die Partizipation beeinflussen, ist die Weitergabe von Werten. Eltern vermitteln ihren Kindern grundlegende Haltungen bezüglich des Lebens und der Bildung durch ihre Worte und intendierten Taten sowie durch unbewusste Handlungen. Überdies können Eltern z.B. als Vorbild zur Nachahmung fungieren, indem sie ein bestimmtes Bildungsniveau erreichen oder Engagement in politischen Aktivitäten zeigen. Höher gebildete Eltern weisen eine größere Wahrscheinlichkeit auf, sich aktiv politisch zu beteiligen und charakterisieren dadurch politische Partizipation als erstrebenswertes Verhalten (Kam & Palmer, 2008, S. 614-615; Jennings & Niemi, 1968, S. 177). Bspw. Hillygus (2005, S. 36) stellt diesbezüglich eine positive Relation zwischen dem Bildungsniveau der Eltern und der politischen Beteiligung einer Person fest.

In der bisherigen Forschung kann ebenfalls ein Unterschied zwischen schulischer und beruflicher Bildung identifiziert werden, der z.B. bei Van de Werfhorst untersucht wird. Dieser konstatiert, dass Personen mit einer beruflichen Ausbildung eine niedrigere Bildung in allgemeinen Kompetenzen, die wichtig für bürgerliche Partizipation sind, erhalten. Berufliche Bildung ist darauf ausgelegt, Individuen auf ihren Beruf vorzubereiten, indem sie berufsbezogene Kompetenzen vermittelt. Dabei werden Kompetenzen, wie Lese- und Schreibfähigkeiten sowie kommunikative Fähigkeiten, die eine aktive Partizipation fördern, vernachlässigt. Ferner haben Personen mit beruflicher Bildung andere Netzwerke mit unterschiedlichen Gewohnheiten und Normen bezüglich Partizipation als Personen mit Allgemeinbildung oder Hochschulqualifikationen (Van de Werfhorst, 2007, S. 12). Überdies wurde in anderen Untersuchungen ebenfalls festgestellt, dass Personen mit einer beruflichen Ausbildung eine geringere Partizipationswahrscheinlichkeit aufweisen als Personen mit Allgemeinbildung (Westholm, Lindquist & Niemi, 1990; Quintelier, 2008; Persson, 2012). Weiterhin ist eine Teilnahme an Wahlen und anderen politischen Aktivitäten unter anderem auch von der Studienrichtung abhängig. Personen, die z.B. Sozialwissenschaften oder ähnliches studieren, zeigen eine höhere Tendenz sich politisch zu beteiligen als bspw. Personen, die Naturwissenschaften studieren (Hillygus, 2005, S. 38).

[...]


1 Aufgrund der Lesbarkeit werden in dieser Arbeit die Termini politische Partizipation, politische Beteiligung, politische Aktivität und politische Teilhabe/Teilnahme bedeutungsgleich verwendet.

2 Ebenfalls aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit das generische Maskulinum verwendet. Sämtliche personenbezogenen Aussagen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

3 Dieses wird auch als „elektorale Partizipation“ bezeichnet.

4 Diese Formen werden „nicht- elektorale Partizipation“ genannt.

5 SPSS steht für Superior Performing Software System und ist ein umfangreiches Programm zur statistischen Analyse von Daten (Eckstein, 2012, S. 2).

6 Im Original „Ladder of Citizen Participation“.

7 Im Englischen: Nonparticipation.

8 Im Englischen: Tokenism.

9 Im Englischen: Citizen Control.

10 Wenn im Folgenden von dem Oberbegriff „politischer Partizipation“ gesprochen wird, inkludiert dies sowohl die Wahlbeteiligung als auch die Protestaktivitäten.

11 Im Folgenden wird das Civic Voluntarism Model mit „CVM“ abgekürzt.

12 Der englische Begriff wird hier weiterhin verwendet, da keine angemessene Übersetzung besteht.

13 Eine Verzerrung beschreibt in diesem Fall den Unterschied in der Partizipationsbereitschaft zwischen höherer und niedriger Gebildeten.

14 Die politische Wirksamkeit wird auch Political Efficacy genannt. Dieser Faktor wird im weiteren Verlauf der Arbeit noch genauer erläutert.

15 „Das Stichwort Heimlicher Lehrplan verweist auf schulische Sozialisationsprozesse, die in curricularen Vorgaben nicht explizit ausgewiesen sind, die aber für die Lernerfahrungen und die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen qualitative Bedeutung haben.“ (Kandzora, 1996, S. 71).

16 Ausgedrückt durch z.B. Bildungsgrad, Beruf und Einkommen.

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Titel: Wie wirkt sich Bildung auf die politische Partizipation aus? Formen und Einflussfaktoren des politischen Engagements