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Warum unterscheiden sich Reiseberichte und -führer in Bezug auf die jüdische Gemeinde Istanbuls?

Akademische Arbeit 2019 19 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Im Schatten einer Metropole

2 Geschichte türkischer Juden und deren Ethnien
2.1 Aschkenasim
2.2 Karäer
2.3 Sephardim

3 Reisebericht zu Zeiten des Byzantinischen Reiches
3.1 Benjamin von Tudela (1160 – 1173)
3.1.1 Benjamin von Tudelas Perspektive auf die jüdische Gemeinde Konstantinopels

4 Reisebericht zu Zeiten des Osmanischen Reiches
4.1 Dernschwams Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel (1553 – 1555)
4.1.1 Hans Dernschwams Perspektive auf die jüdische Gemeinde Konstantinopels

5 Reisebericht und -führer des 19. Jahrhunderts
5.1 Ludwig August Frankl in Konstantinopel (1856)
5.2 „Meyers Reisebücher“ in Konstantinopel (1898)
5.3 „Nach Jerusalem“ und „Meyers Reisebücher“ im Vergleich

6 Aktuelle Reise- und Stadtführer durch Istanbuls Stadtviertel
6.1 Balat – Westlich des Goldenen Horns
6.2 Beyoglu – Östlich des Goldenen Horns
6.3 Kuzguncuk – Am Ufer des Bosporus
6.4 Galata – Südosten des Goldenen Horns
6.4.1 Galata & Karaköy
6.5 Hasköy – Nordbereich des Goldenen Horns

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Im Schatten einer Metropole

Keine Überschrift präzisiert die Thematik idealer als die beiden Worte: „Bewußt unauffällig“1. Sei es politisch, kulturell oder religiös, die Jüdinnen und Juden Istanbuls vermeiden es willentlich nicht aufzufallen. Obwohl nach geschätzten Zahlen „weniger als 17.000“2 Bürger jüdischen Glaubens in Istanbul leben, erscheint die Gegenwart nur im Schatten. Aber nicht nur der Rückzug ins Abseits der Gesellschaft ist beträchtlich, sondern auch die stetige Abwanderung aus der Metropole. Ein Blick zurück in das Jahr 2010 gibt zur Erkenntnis, dass 21.000 Juden in Istanbul lebten und 24.000 in der Türkei.3 In diesen sieben Jahren reduzierte sich somit die jüdische Minderheit um mehr als 4.000 Gemeindemitglieder Istanbuls, und dies steigt stetig von Jahr zu Jahr. Ursachen sind vor al- lem der Rückschritt zum religiösen Idealismus und der Antisemitismus, welcher sich in den ver- gangenen Jahren entwickelte. Trotz dieser dramatischen Zustände für Minderheiten, ist es unbe- stritten, dass Istanbul eine Stadt heterogener Ethnien und deren Kultur ist, die erhalten blieb und bleiben soll. Keine Aussage definiert dies besser als die Sätze: „Ohne einheimische Juden und Christen kann Istanbul auf Dauer nur verlieren: seine Identität und seine Besonderheit. Für die Exis- tenz dieser Gruppen ist es aber nötig, dass die gesamte Gesellschaft nicht nur ihre Institutionen anerkennt, sondern ihnen auch in der Erinnerung den Platz gibt, der ihnen gebührt.“4

Die vorliegende Arbeit versucht, eine kritische Interpretation der Autoren von Reiseberichten und -führern in Bezug auf die jüdischen Volksgruppen Istanbuls darzustellen. Im Zentrum der histori- schen Reiseberichte und -führer steht nicht die Darstellung von genannten Erkenntnissen, sondern die Perspektive des Berichterstatters, und welche Intention sich dahinter verbirgt. Es wird hierbei hervorgebracht, wie jüdische und nicht-jüdische Reisende die dort ansässigen Juden wahrnehmen und betrachten. So müssen Differenzen bezüglich der stereotypischen Beschreibung dargestellt werden, um die rückschlüssigen Erkenntnisse der historischen Reiseberichte zu treffen. Des Wei- teren gilt es zu erläutern, dass sich auch die aktuelle Situation für Jüdinnen und Juden in den Rei- seberichten und -führern widerspiegelt. Nach diesen Aussagen gilt es die Frage zu stellen: Warum unterscheiden sich Reiseberichte und -führer in Bezug auf die jüdische Gemeinde Istanbuls?

Diese Frage soll in folgenden Schritten beantwortet werden. Vorerst wird die Geschichte der türki- schen Juden Istanbuls und deren Ethnie vorgestellt, um über die Thematik eine Grundstruktur zu erfahren. Folgend gilt es die Primärquellen chronologisch einzuordnen. Um die Aspekte zu analy- sieren gilt es die Erkenntnisse der Primärquellen mit der Sekundärliteratur zu vergleichen. Abschlie- ßend im Fazit findet die Frage ihre These, warum die jüdische Kultur Istanbuls unterschiedliche Darstellungen findet.

2 Geschichte türkischer Juden und deren Ethnien

Während der Zeiten des Byzantinischen Imperiums – 330 n. Chr. bis 1453 – wurde der jüdischen Bevölkerung verwehrt, innerhalb der Stadtmauer Konstantinopels zu leben. Sie wurde vertrieben und lebte in der Peripherie. Während „der gesamten grauenvollen byzantinischen Epoche“5 waren die Juden gezwungen zu konvertieren, Synagogen wurden zu Kirchen, und während der Kreuzzüge wurden nicht-christliche Bevölkerungsgruppen auch in Konstantinopel ermordet. Erst die Erobe- rung Konstantinopels vonseiten des Osmanischen Reiches – 1453 – erbrachte eine Wende der To- leranz gegenüber Juden.

Zum Ende des 15. und bis hinein in das 17. Jahrhundert erweiterte sich das Osmanische Reich Richtung Westen. Viele Juden aus den mittel- und osteuropäischen Ländern wanderten aus. Denn das Osmanische Reich bot „größere Toleranz und die besseren Chancen“6 als der christliche Wes- ten, und auch die freie Berufsauswahl war den Juden gewährt. Die gewährte Freiheit bestand aber nicht nur aus solidarischen Zügen vonseiten der osmanischen Regierung, sondern auch das wirt- schaftliche Interesse spielte eine Rolle. Für den Sultan war dies eine nützliche Agenda, da die Juden als „wirtschaftlich aktive und zugleich politisch zuverlässige Bevölkerung“7 bekannt waren. Aufgrund der militärischen Niederlagen des 17. und 18. Jahrhunderts erlebte das Osmanische Reich eine wirtschaftliche Degenerationsphase. Unter Diskriminierung, Selektion und Zwängen hatten die nicht-muslimischen Minderheiten von nun an zu leben.

„Die Situation verbesserte sich für die Juden 1839, als durch einen Erlass des Sultans Abdülmecid I. den Nichtmoslems die gleichen Rechte wie den Moslems zuerkannt und Grundsteuern gesenkt, sowie die diskriminierenden Kleidungsvorschriften abgeschafft wurden.“8 Zudem war es den tür- kischen Juden gewährt, unabhängig vonseiten des Staates ihre Gemeinden zu verwalten, Gesetze zu erlassen und mit Wahlen ihre autonome Regierung, Oberrabbiner, zu bestimmen.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstand eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Griechenland und der Türkei, die eine Vertreibungswelle auslöste. Aufgrund der militärischen Expansion der Türkei wurden griechische Bürger vertrieben und deren Wohnstätte zerstört. Gleiches galt für tür- kische Bürger, die in Griechenland lebten. Um dies zu schlichten, wurde im Jahre 1923 der „Vertrag von Lausanne“ geschlossen. Der neben der Grenzziehung der Länder und dem rechtmäßigen Völ- keraustausch zwischen Griechen und Türken zudem beinhaltete, dass die nicht-muslimischen Min- derheiten in der Türkei gleichberechtigt waren. Zudem durften die Minderheiten eigene Schulen und soziale Institutionen in Unabhängigkeit zum Staat leiten.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden nicht-muslimische Bürger mit einer zusätzlichen Steuer belastet, da diese nicht der Weltanschauung der türkischen Republik entsprachen.

Am 6. September 1955 begann der gewalttätige Pogrom von Istanbul. Auslöser war ein Anschlag auf das Geburtshaus von Mustafa Kemal Atatürk in Thessaloniki. Als Opfer von Gewalt, Raub und Schändung galten die nicht-muslimischen Minderheiten wie Armenier, Juden und insbesondere die Griechen. Es wurden Geschäfte, Friedhöfe und Schulen nicht-muslimischer Mitbürger gebrand- markt und zerstört. Von ehemals 200.000 jüdischen Bürgern lebten nach diesem Pogrom nur noch 45.000 in Istanbul.9 Im weiteren Verlauf des 20. und 21. Jahrhunderts folgten terroristische und gewalttätige Anschläge, insbesondere auf die Synagogen Neve-Shalom und Ahrida. Diskriminie- rungen, Aufmärsche mit Parolen und Gewalt von rechtsextremistisch-islamischen Bewegungen fin- den sich auch in den heutigen Tagen in Istanbul.

2.1 Aschkenasim

Aschkenasim ist eine jüdische Volksgruppe, deren ursprüngliche Heimat sich in den Ländern Mit- tel-, Nord- und Osteuropas findet. Vom 11. bis Mitte des 20. Jahrhunderts erzwangen Kreuzzüge, Pestepidemien und antisemitische Pogrome die jüdischen Glaubensgemeinschaften zur Flucht aus deren Heimat. Großteil der Aschkenasim wanderten jedoch in die Vereinigten Staaten von Amerika oder nach Australien und Israel aus. Als Muttersprache gilt Jiddisch. Es handelt sich hierbei um einen multilingualen Dialekt, welcher sich aus deutsch, hebräisch, romanisch und slawisch zusam- mensetzt. Sie bilden die größte Glaubensgemeinschaft des Judentums.

2.2 Karäer

Die jüdische Volksgruppe der Karäer findet ihren Ursprung im Osten des persisch-arabischen Rau- mes. Die erste Zuwanderungswelle nach Konstantinopel begann bereits im 11. Jahrhundert, als Konstantinopel noch Hauptstadt des Byzantinischen Reiches war. Die Muttersprache der Karäer war zunächst arabisch. Tätig waren die Karäer in Konstantinopel vorwiegend im Handelsgewerbe, und hatten somit einen Anschluss zu den griechischen Händlern des Byzantinischen Reiches. So galt von nun an Griechisch als Hauptsprache unter den Karäern. Wenige Jahre nach der Eroberung Konstantinopels durch Sultan Mehmed II., etwa Mitte des 15. Jahrhunderts, bestand das Interesse, die Karäer aus Gebieten der westlichen Peripherie des Reiches, unter anderem aus den Balkanstaa- ten, nach Konstantinopel einzuladen. Ziel war es, die bürokratischen Aufgaben der Verwaltung zu modernisieren, um sich von den griechischen Prinzipien der byzantinischen Zeit zu trennen. Anzumerken ist hierbei auch, dass die jüdische Gemeinschaft der Karäer in Konstantinopel von der geistlichen Herrschaft des Oberrabbiners abwandte. Die säkulare Unabhängigkeit vom jüdischen Glauben existiert bis heute und spaltet die Karäer von orthodoxen Juden.

2.3 Sephardim

Die ursprüngliche Heimat der Sephardim liegt auf der Iberischen Halbinsel. Aufgrund der Rücker- oberung durch das Königreich Spanien im Jahre 1492 wurde die nicht-christliche Bevölkerung ge- zwungen zu konvertieren oder abzuwandern. Die Abwanderung wurde jedoch nur gewährt, wenn der Betroffene auf sein Privateigentum verzichtete und es dem König überließ. So emigrierten die Juden in die Niederlande, nach Portugal, Nordafrika, Nordeuropa und vorwiegend in das Osmani- sche Reich. Die Auswanderung in das Osmanische Reich ermöglichte Sultan Bayezid II., da dieser die Städte seines Reiches als Zufluchtsorte anbot. Etwa „40.000 Juden“10 fanden somit in Konstan- tinopel ihre neue Heimat. Die zweite Vertreibungswelle erfolgte im Jahre 1513, da die Monarchie Portugals die Inquisition nicht-christlicher Völker in Gang setzte, die sich europaweit verbreitete. Erkenntlich an der sephardischen Gemeinde „ist das Judenspanisch, …, eine Sonderform des Spa- nischen“11, das bis in die heutige Zeit als muttersprachlicher Dialekt unter ihnen genutzt wird. Im Vergleich zu anderen jüdischen Konventionen gilt auch, dass die hebräische Sprache nur in Ver- bindung zu religiösen Aspekten verwendet wird. Die Sepharden bilden die größte jüdische Ge- meinde Istanbuls.

3 Reisebericht zu Zeiten des Byzantinischen Reiches

3.1 Benjamin von Tudela (1160 – 1173)

Der Spanier Benjamin von Tudela, jüdischer Kaufmann, reiste zu Zeiten des Mittelalters quer durch Europa über das Heilige Land, Palästina, bis hin zur Grenze des Perserreiches im Orient. Sämtliche Erkenntnisse dieser Reise notierte Benjamin von Tudela in seinem Bericht „Sefar Massa´ot“. Auf seiner Route lag auch die Stadt Konstantinopel, die im 12. Jahrhundert noch Hauptstadt des Byzan- tinischen Reiches war. Der Reichtum Konstantinopels sei unvergleichlich zu anderen Städten ge- wesen und beruhte auf den Einnahmen durch Zölle des Handelsgewerbes.12

Juden durften während der byzantinischen Epoche nur auf der östlichen Seite des Goldenen Horns, Pera, leben. Es lebten „2000 rabbanitische Juden und 500 karaitische“13 in Pera. Unter rabbanitische Juden sind die Romanioten zu verstehen, die ihren Ursprung in Griechenland haben. Vorwiegend übten Juden die Berufe „Seidenarbeiter, Kaufleute und Banquiers“14 aus. Das Leben der Juden zu diesem Zeitpunkt kann als grauenhaft beschrieben werden, da diese neben Diskriminierung und Gewalt auch Versklavung erfahren mussten.

3.1.1 Benjamin von Tudelas Perspektive auf die jüdische Gemeinde Konstantinopels Um Benjamin von Tudela zu erörtern, zählt vor allem das Motiv seiner Reise, nämlich „der impli- zite Vergleich von Lebenssituationen für Juden in christlicher beziehungsweise muslimischer Um- gebung.“15 So ergibt sich daraus, dass die Idee seiner Niederschrift darauf beruhte, das Leben der jüdischen Gemeinde im islamischen Orient mit dem seiner Herkunft, dem römisch-katholischen Spanien, zu vergleichen. Das Werk kann dadurch nicht als objektiv gestaltet betrachtet werden, da von Tudelas Reisebericht eine „wertende Tendenz“16 in sich trägt. Dies betrifft in seiner Darstellung auch die Hauptstadt Konstantinopel, Byzantinisches Reich, welche christlich geprägt war. Benja- min von Tudela hebt hervor, dass Juden dort weder freiheitlich noch gleichberechtigt leben durften. Insbesondere das Reitverbot der Juden in Konstantinopel, mit Ausnahme des jüdischen Leibarztes, welcher dem ägyptischen Sultan diente, galt als Signifikanz, dass das jüdische Volk unter muslimi- scher Herrschaft uneingeschränkter und freier leben konnte.17 Zudem wird erwähnt, dass die reichen Juden rechtschaffene und barmherzige Menschen waren, die sich streng an die Gesetze hielten, aber trotz dessen im römisch-katholischen Konstantinopel unterdrückt wurden.18

4 Reisebericht zu Zeiten des Osmanischen Reiches

4.1 Dernschwams Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel (1553 – 1555)

Der römisch-katholische Kaufmann, Hans Dernschwam von Hradiczin, stammt ursprünglich aus Böhmen, der heutigen Tschechischen Republik. Dernschwam von Hradiczin begleitete König Fer- dinand I. auf seiner Reise zu Sultan Süleyman I., welcher den Waffenstillstand verhandeln wollte. In seinem Tagebuch notierte Dernschwam die Geografie, das Bauwesen und Stadtviertel Konstan- tinopels sowie die Lebenskulturen der unterschiedlichen Glaubenskonventionen.

Anhand der Steuereinnahmen legt der Autor dar, dass im Jahre 1553 etwa 15.035 jüdische Männer in Konstantinopel ansässig waren.19 Nicht nur anhand der Steuereinnahmen ist die jüdische Ge- meinde zu erkennen, sondern auch nach deren Kleiderordnung. „Wie die Türken weiße Kopfbunde, also tragen die Juden gelbe. Etliche fremde Juden tragen noch die welschen schwarzen Barette, etliche, die Doctores oder Wundärzte sein wollen, tragen rote, spitzige, längliche Barette.“20 Auch innerhalb der jüdischen Gemeinde ist anhand der Kleidung ein Unterschied erkenntlich. Die Karäer, wohlhabende Juden, „haben die besten Häuser von Stein, tragen gute seidene oder damastene Klei- der, Männer und Weiber, und alle Weiber goldene Ketten“21 und seien daher auffällig, welcher Bevölkerungsklasse sie angehören. Das Vermögen beziehen die Karäer aus Vermietung von Häusern und Geldleihe, aber nur innerhalb der jüdischen Volksgenossen, denn die Karäer „leihen den Türken nichts“22. Da den Juden im Osmanischen Reich uneingeschränkter Handel gestattet war, zählten diese in Konstantinopel als stärkste Kaufleute. Zudem war den Juden die freie Berufswahl gewährt. So gab es auch viele Handwerker, die dem jüdischen Glauben angehörten. Insbesondere die Berufsgruppen „Goldschmiede, Steinschneider, Wundärzte, Barbierer, Spiegler, Färber, Tuch- macher, Seidenwirker, Goldspuler, Schneider, Probierer“23 wurden ausgeübt sowie Pharmazie, Me- dizin und das Druckereiwesen. Auch „Judenschulen sollen in Konstantinopel 42 oder mehr“24 ge- wesen sein.

4.1.1 Hans Dernschwams Perspektive auf die jüdische Gemeinde Konstantinopels

Der Autor Hans Dernschwam von Hradiczin hat eine stereotypische Perspektive auf die jüdische Konfession, welche zurückzuführen ist auf die antijüdische Perspektive der christlich-katholischen und protestantischen Kirche. Bereits das Grundmodell der Berichterstattung beruht auf „Antipa- thie“25 bezüglich der Konfession. Dernschwam von Hradiczin erwähnt zwar die Berufe, Wohnorte und Zahlen der in Konstantinopel ansässigen Juden, aber stellt diese dar als „ein Ungeziefer über einen Haufen“26. Er erwähnt zudem, dass deren Interesse am Leben in Konstantinopel nur darauf beruht, Handel oder Gewerbe zu betreiben. Laut dem Autor ließen sich die Juden in Spanien nicht aus Zwang konvertieren, sondern strategisch des Geldes wegen, welches die Juden in Konstantino- pel als Händler erwerben konnten.27 So lässt sich daraus erschließen, dass der Ansatz nicht der tatsächlichen Darstellung entspricht, denn „Beschreibungen hängen von den Intentionen des Autors ab“.28 Abgesehen von der Stereotypisierung gewährt dessen Reisebericht bereits einen Einblick in die solidarischen Veränderungen, welche durch das Osmanische Reich eingeführt wurden, und die sozialen Interaktionen und Strukturen Istanbuls im 16. Jahrhundert.

5 Reisebericht und -führer des 19. Jahrhunderts

5.1 Ludwig August Frankl in Konstantinopel (1856)

Der jüdische Mediziner und Schriftsteller Ludwig A. Frankl schrieb das Werk „Nach Jerusalem - Ein Reisebericht“, welches 1858 in Wien publiziert wurde. Seine Studienreise befasste sich mit den Charakterzügen der im Orient lebenden Juden. Die erfahrenen Kenntnisse dienten als Bestandteil zur Errichtung einer jüdischen Schule nach deutsch-österreichischen Lehrprinzipien, die Lämel- schule, in Jerusalem. „Die Grundlage für das deutsche Bildungswesen in Palästina wurde 1855 mit der Errichtung der Lämelschule in Jerusalem durch eine Wienerin Alisa Lift-Herz gelegt, in der den Kindern Liebe zum (österreichischen) Vaterland vermittelt werden sollte.“29

[...]


1 Schönborn (2006): Bewußt unauffällig. https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/bewusst-unauffaellig [20.03.2019].

2 Vgl. Judah/Lerner (2017): In Ankara leben nur noch 24 Juden. https://www.mena-watch.com/in-ankara-leben-nur-noch-24-juden/ [18.03.2019]

3 Vgl. Svatics, Oksan (2010): Jüdisches Istanbul. S. 53.

4 Neumann (2014): Istanbul. S. 107.

5 Svatics (2010): Jüdisches Istanbul. S. 24.

6 Lewis (2004): Die Juden in der islamischen Welt. S. 113.

7 Ebd., S. 113 – 114.

8 Grözinger (2011): Der Zauber des Orients?. S. 160.

9 Vgl. Svatics (2010): Jüdisches Istanbul. S. 53.

10 Ebd., S. 26.

11 Bossong (2016): Die Sepharden. S. 8.

12 Tudela (1858): Reisetagebuch des Rabbi Binjamin von Tudela. S. 8.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Pyka (2002): Das Judentum in der Welt des XII. Jahrhunderts und der Reisebericht („Sefar Massa´o“) des Benjamin von Tudela. S. 57.

16 Ebd., S. 71.

17 Vgl. Edb., S. 73.

18 Vgl. Ebd., S. 9.

19 Vgl. Dernschwam (2014): Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel und Kleinasien (1553/55). S. 107.

20 Ebd., S. 106.

21 Ebd., S. 109.

22 Ebd., S. 110

23 Ebd., S. 113.

24 Ebd., S. 110.

25 Ebd., S. 131.

26 Dernschwam (2014): Tagebuch einer Reise nach Konstantinopel und Kleinasien (1553/55). S. 106.

27 Vgl. Ebd., S. 111.

28 Bönisch-Brednich (2007): Reiseberichte. S. 131.

29 Sefi (2011): Vom Deutschen ins Hebräische. S. 52.

Details

Seiten
19
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668952812
ISBN (Buch)
9783668952829
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470609
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,3
Schlagworte
warum reiseberichte bezug gemeinde istanbuls

Autor

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