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Wie nehmen Afrodeutsche sich im Alltag wahr? Selbstwahrnehmung und Ausgrenzungserfahrungen

Bachelorarbeit 2018 48 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Afrodeutsche/Schwarze Deutsche
2.1.1 Ursprung
2.1.2 Eingrenzung des Begriffs
2.2 Wie die reziproke Dynamik von Anerkennungsbeziehungen zu einem besseren Verstandnis der Erlebniswelt Afrodeutscher beitragen kann
2.2.1 ZurTheorie

3. Methodisches Vorgehen
3.1 Teilnarrative (biographische) Interviews
3.1.1 Sampling und Durchführung

4. Die Erfahrung der Divergenz in der Verortung als „Deutsch"
4.1 Wenn das Deutschsein ausgeklammert wird
4.1.1 Die Frage nach der Herkunft
4.1.2 Ausschluss aus der „Deutschen Norm"- Nicht typisch Deutsch!
4.2 Die Erfahrung des Othering
4.2.1 Gleichsetzung mit Fremden und Vorurteile
4.2.2 Rassistische Beleidigungen und Mobbing
4.2.3 Ein Mangel an Solidaritat
4.3 Selbstverortung als „Deutsch"/ Deutsche Zugehörigkeit
4.3.1 Selbstverortung alsTeil der Mehrheitsgesellschaft
4.3.2 Ablehnung von politisch-aktivistischen Kategorisierungen
4.3.3 Die Bewertung der eigenen gesellschaftlichen Position und der Umgang mit fehlender Anerkennung

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literatur- und Filmverzeichnis

1. Einleitung

In einem Artikel von Spiegel Online (Facebook-Hetze wegen Werbeplakat, 2018, 31. Marz) geht es um die Veröffentlichung eines Plakats im Februar 2018, dass von der Krankenkasse DAK, in Zusammenarbeit mit der Werbeagentur BBS, realisiert wurde und ein junges Deutsches Paar als angehende Eltern abbildet. Es handelt sich dabei um Philip Awounou, ein junger afrodeutscher[1] Journalist und seine Freundin, eine weiRe Deutsche. Innerhalb von kürzester Zeit lost das Plakat bei einigen Menschen einen Sturm der Entrüstung und eine Reihe wüster rassistischer Beschimpfungen auf verschiedenen Onlineplattformen aus. Philip wird darin als Mörder, Vergewal- tiger, Neger und mit anderen schlimmen Beleidigungen betitelt (ebd.). Er wird au- Rerdem als invasiver Migrant[2] dargestellt. Die AfD missbraucht das Plakat für ei­gene Zwecke und teilt es auf der eigenen Seite mit hetzerischem Titel: „Teilen! - Flutung unseres Landes mit Migranten - Die Krankenkassen freut es"(ebd.). Dies ist nur ein Beispiel von vielen, in welchem Afrodeutsche aufgrund ihrer Hautfarbe als fremd bezeichnet werden und damit zugleich als Nicht-Deutsch geiten. In diesem Fall handelt es sich um ein Extrembeispiel, das mit einem offen verbalisierten Ras- sismus und Fremdenfeindlichkeit[3] einhergeht. Oft sind die Linien an denen eine

Ausgrenzung Afrodeutscher stattfindet subtiler und man kann davon ausgehen, dass diese strukturell bedingt sind und in vielen Fallen von den Ausgrenzenden nicht willentlich beabsichtigt. lm Kern geht es immer um die Frage was Deutsch ist und wer sich legitimer Weise dazuzahlen darf und wer nicht. Es geht um eine soziale Identitat (vgl. Sökefeld 2012: 43f.; Petersen 2008: 224), namlich die eines deut- schen Kollektivs, das über Mitgestaltungsrechte an gesellschaftlichen Entscheidun- gen bestimmt, über die Verteilung von Ressourcen und ebenso darüber über wel- che Merkmale eine positive Identitat[4] und Zugehörigkeit fixiert werden kann (vgl. Petersen 2008: 224). Es geht also konkret um Inklusions- und Exklusionsmerkmale in der Definition des ethnisch Deutschen. Ein weit verbreitetes Inklusionsmerkmal ist die weiRe Hautfarbe, obwohl es Teile der Bevölkerung gibt, die dieser Beschrei- bung nicht entsprechen. Afrodeutsche sind ein Beispiel dafür. In der Psychologie gibt es den Begriff der Überexklusivitat[5], der dieses Phanomen gut beschreibt. Das heiRt sie werden falschlicherweise als fremd kategorisiert und damit nicht als Deut­sche anerkannt. Dies kann dazu führen, dass sie in ihren sozialen Rechten beschnit- ten werden. Die Auswirkungen dieser Lebenssituationen auf die Gefühlswelt von Afrodeutschen wurde in verschiedenster Literatur ausführlich beschrieben (vgl. Mi­chael, Theodor 2014; Hügel-Marshall, Ika 1998; Ayim, May 2005; Otoo, Sharon Dodua 2012; Chebu, Anne 2016; u. m.). So haben Schwarze deutsche Wissenschaft- ler/innen aus verschiedenen Disziplinen in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass es eine zunehmende Auswahl an Büchern zur Afrodeutschen Geschichte gibt. Dazu gehören Historiker/innen, Erziehungswissenschaftler/innen, Literaturwissen- schaftler/innen, Psychologen und im allgemeinen Kulturwissenschaftler/innen. Die Arbeiten von Anette Mbombi (2011) und Julia Digoh (2008), in welchen es um die Themen Zugehörigkeit und Identitat geht kommen meiner Arbeit inhaltlich am nachsten, bearbeiten jedoch eine andere Fragestellung und liegen wiederrum ei- nige Jahre zurück. Besonders in den letzten zehn Jahren hat sich in der Öffentlich- keit vieles verandert, zum Beispiel ist die Medienprasenz und das Bewusstsein für Afrodeutsche gestiegen[6]. Obwohl es seit dem Auftauchen einer neuen Schwarzen Bewegung der 80er Jahre in Deutschland zunehmend Plattformen gibt, die sich für die Sichtbarkeit und die Rechte Schwarzer[7] Menschen in Deutschland einsetzten, ist ein grower Teil Afrodeutscher weder miteinander vernetzt, noch in einer dieser Organisationen[8] politisch aktiv. Die für diese Arbeit Befragten Afrodeutschen sind noch in einem durch Isolation gepragten weiBen Umfeld aufgewachsen und man­che sogar zeitweise in nahezu vollstandiger Abwesenheit anderer Schwarzer Men­schen. Es zeigte sich, dass sie sich nicht als strategisch essentialisierte Gruppe be­trachten und aktuell auch nicht den Wunsch verspüren eine aktive Identitatspolitik zu betreiben. Ihnen geht es eher um die individuelle Anerkennung als Deutsche Person, nicht aber explizit als Schwarze Person. Sie sehen sich bereits weitgehend von der Gesellschaft akzeptiert und mochten Ungerechtigkeiten durch die De­monstration von Gleichheit begegnen und nicht durch neue differentielle Katego- rien. In dieser Arbeit soil es daher um die Frage gehen, wie Afrodeutsche sich selbst hinsichtlich alltaglicher Ausgrenzungserfahrungen in der Gesellschaft wahrneh- men. Dabei soil ein Fokus daraufgelegt werden, ob sie sich selbst als vollwertige Mitglieder eines deutschen Kollektivs begreifen und wie sie dabei mit der Erfahrung einer von auBen signalisierten Unverbindlichkeit über die eigene Zugehörigkeit um- gehen. In anderen Worten: Können sich Afrodeutsche selbst hinsichtlich ihrer Er- fahrungen als anerkannt betrachten?

Dazuwurden insgesamt fünf Afrodeutsche nach ihren Lebenserfahrungen und ihrer Meinung bezüglich der eigenen Anerkennung in Deutschland befragt. lm ersten Teil der Arbeit wird zunachst auf die Herkunft und Beweggründe der Nutzung des Be- griffs Afrodeutsch eingegangen. lm Anschluss wird das methodische Vorgehen be- schrieben, das die Grundlage dieser fünf Interviews darstellt. Dort wird ausführlich dargelegt, weshalb eine möglichst offene Interviewmethode wichtig ist, um ein un- verfalschtes Meinungsbild der Befragten einzufangen. Angelehnt an das Konzept der Anerkennung nach Axel Honneth wird dann geschaut welche dieser Erfahrun- gen im Alltag dazu führen, dass sie sich nicht als gleichberechtigte Deutsche be­trachten können. lm Laufe dieses Prozesses bilden sich Kategorien heraus, die im Zusammenhang mit der Erfahrung der Exklusion stehen, sowie über die Einschat- zung ihrer eigenen gesellschaftlichen Stellung. Zum Schluss werden die Ergebnisse der Analyse in einem Zusammenhang dargestellt und in einem Fazit mit Aussichten für die Zukunft bewertet.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Afrodeutsche/ Schwarze Deutsche

2.1.1 Ursprung

Afrodeutsche ist genauso wieSchwarze Deutsche ein Begriff aus der Neuen Schwar- zen Bewegung[9] der 1980er Jahre. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Deutschland noch nicht als Einwanderungsland verstanden und leugnete bereits vorhandene Multi- kulturalitat, sowie Rassismus in der Gesellschaft (May, Oguntoye, Schultz 2016: 10; vgl. Zinflou 2007: 55). Um auf die Schwarze Minderheit in der überwiegend weiRen Bevölkerung aufmerksam zu machen und für ihre Daseinsberechtigung in Deutsch­land einzustehen, formten sich im Laufe der Jahre verschiedene Initiativen. Die wohl bekannteste von ihnen ist die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD). Sie unterstützen Schwarze Menschen in ihrem Alltag und machten durch Öf- fentlichkeitsarbeit auf ihre Lebensumstande aufmerksam (ebd.: 12). Als positive Ei- genbenennung sollte die Bezeichnung, die zunachst afro-deutsch geschrieben wurde, die zuvor zum Teil als negativ konnotierten Begriffe wie Mischling, Mulatte oder Farbige ersetzen (ebd.: 20). Dieser Begriff ermöglichte es die eigene Identitat positiv auszudrücken und diese gleichzeitig als Deutsch einzuordnen. Mit einer deutschen Identitat ist auch die Forderung nach sozialerTeilnahme und Mitbestim- mung einfacher hervorzubringen. (ebd.: 20). Mit dem Begriff Afrodeutsch sollte es nicht um eine weitere Abgrenzung nach Herkunft und Hautfarbe gehen, sondern um eine Behelfsbezeichnung zur Beschreibung von Differenzen. Nichts desto trotz steht er in Verbindung zu Konzepten von Empowerment und Identitatspolitik. Meis­tens werden Afrodeutsch und Schwarze Deutsche synonym verwendet.

2.1.2 Eingrenzung des Begriffs

Afrodeutsche ist in erster Linie eine Bezeichnung einer Gruppe von Menschen mit deutscher Mutter und einem afrikanischen oder afroamerikanischen Vater gewe- sen (vgl. May, Oguntoye, Schultz 2016: 20). Mit schnell gewonnenem Verstandnis über die Gemeinsamkeit der sozialen Stellung in einer weiBen deutschen Gesell- schaft, wurde der Begriff für eine gröBere Gruppe zuganglich gemacht (ebd.) Afro­deutsch ist dann zur Bezeichnung für Menschen deutscher und afrikanischer Ab- stammung oder afrikanischer Abstammung und deutscher Staatsbürgerschaft ge­worden. Es gibt Gründe den Begriff Afrodeutsch für diese Arbeit zu verwenden. Der banalste ist sein deskriptiver Gehalt. Zum einen, verweist Afrodeutsch durch das Prafix Afro auf afrikanische Wurzeln, unter der Berücksichtigung der deutschen Wurzeln, also auch das Deutschsein einer Person im ethnischen Sinne. Zum ande­ren verweist er auf einen visuell wahrnehmbaren Unterschied phanotypischer Art zur weiBen Bevölkerung. Dabei bleibt die Verbindung und da mit Zugehörigkeit zum Deutschen durch das -Suffix „deutsch" bestehen. Afrodeutsch ist zu einer Selbst- bestbezeichnung geworden, die bereits von Personen der Öffentlichkeit und in Me- dien genutzt wird und sich somit ein Stück weit etabliert hat. Gleichzeitig weist er eine gewisse Ambivalenz auf, denn er beinhaltet die Abgrenzung Afrodeutsche ge- genüber weiBen Deutschen. Diese Abgrenzung hat bei drei von fünf Befragten die- ser Arbeit eher Skepsis hervorgerufen. Eine Person wurde nicht direkt dazu befragt und vier von fünf waren das erste Mal mit der Bezeichnung konfrontiert. Sie rea- gierten unterschiedlich auf die Hervorhebung Afro-. So Widersprüchlich seine Wir- kung ist, so kompliziert ist es die gesellschaftlichen Annahmen über das Deutsche und Nicht-Deutsche aufzuzeigen. In jeder Diskussion über diesen Begriff sollte da- her seine Geschichte berücksichtigt werden und welche Errungenschaften er für Schwarze Menschen in Deutschland gebracht hat (z.B. Afrodeutsche Geschichts- schreibung). Da die Befragten sich noch nicht intensiv mit der afrodeutschen Ge­schichte auseinandergesetzt haben, soil dieser Punkt berücksichtigt werden. Warum habe ich nicht den Begriff Schwarze Deutsche gewahlt und wo ist der Un- terschied zwischen beiden Begriffen? Schwarze Deutsche wird oft synonym zum Begriff Afrodeutsche verwendet. 1st Afrodeutsche eher als positive Selbstbezeich- nung gemeint und ein Hinweis auf einen afrikanischen Vorfahren, verweist Schwarze Deutsche eher auf die Erfahrung des Schwarzseins (Saha Kamta 2014: 53). Obwohl die Frage nach der Anerkennung von Afrodeutschen mit der Erfahrung des Schwarzseins zusammenhangt, steht es in der eigenen Wahrnehmung der Befrag­ten nicht permanent im Zentrum, sondern ist ein Faktor, der von auBen an sie her- angetragen wird. Darüber hinaus bezeichnen sich viele von ihnen nicht als ganz Schwarz, sondern sehen sich in einem mittleren Verhaltnis zwischen Schwarz und weiB. Auch wenn sie in Deutschland als Schwarze gesehen werden, relativieren sie die eigene Erfahrung gegenüber Menschen mit dunklerer Haut, als weniger inten­siv. Insofern möchte ich beide Begriffe benutzen. Schwarze Deutsche nur dann, wenn die bewusste Erfahrung des Schwarzseins hervorgehoben werden soil.

2.2 Wie die reziproke Dynamik von Anerkennungsbeziehungen zu einem besseren Verstandnis der Erlebniswelt Afrodeutscher beitragen kann

Das Konzept der Anerkennung hat im vergangenen Jahrzehnt an Popularitat ge­wonnen und wird in den verschiedensten Disziplinen diskutiert. Es ist ein ursprüng- lich in der Philosophie, bzw. Sozialphilosophie besprochenes Konzept, dass auch in der Psychologie, den Erziehungswissenschaften und den Sozialwissenschaften breit diskutiert wird. Nach Einschatzung der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kul- turanthropologie (DGSKA) gab es bisher einen geringen Widerhall des Konzepts der Anerkennung in der Ethnologie, weshalb 2017 eine Tagung zum Thema: Ethnologie der Anerkennung: Neue Perspektiven auf Identitat und Zugehörigkeit stattfand (DGSKA 2017). Anknüpfend an die erneute Auseinandersetzung mit dem Konzept, möchte ich mich in dieser Arbeit an den Gedankengang Axel Honneths in seiner Theorie der Anerkennung anlehnen und mit Hilfe dieser gedanklichen Stütze die Erlebniswelt Afrodeutscher Personen verstandlich machen.

Die Reziprozitat von Kommunikationsbeziehungen ist dabei der Grundgedanke hin- sichtlich des Verstandnisses von Anerkennungsbeziehungen. Dieses wechselseitige Verhaltnis begründet letztendlich gesellschaftstragende kollektive Handlungsnor- men. Die gegenseitige Legitimierung des Handelns pragt die sozialen Umgangsfor- men aus denen eine prozessuale soziale Stellung resultiert. lm Laufe des gesamten Vorgangs werden die Mitgestaltungsrechte an gesellschaftlichen Entscheidungen ausgehandelt. lm Hinblick auf die Forschungsfrage, ob Afrodeutsche sich als voll- wertige Mitglieder eines deutschen Kollektivs verstehen, kann das Konzept helfen die dynamischen Prozesse zu verstehen, die dazu führen sich als Teil eines deut­schen Kollektivs zu identifizieren oder sich durch Kontrastierung[10] von ihm ausge- schlossen zu erfahren.

Es geht um die Frage der Reprasentativitat des Deutschen und um Deutungshohei- ten in Bezug auf kulturelle Prozesse. In diesem Fall heiBt das konkret ob Afrodeut­sche sich als gleichberechtige Deutsche erfahren oder nicht, lm Unterschied zum Zugehörigkeitsbegriff soil hier mit dem Anerkennungsbegriff der Fokus auf Erfah- rungen liegen, die das Gefühl der Unverbindlichkeit über die eigene Zugehörigkeit verursachen. Damit ist konkret gemeint, dass Personen in Bezug auf ihr Zugehörig- keitsgefühl keine Gewissheit darüber haben, ob ihre Selbstverortung auf Zuspruch trifft. Es geht also weniger um das Gefühl entwurzelt zu sein, als vielmehr um die Erfahrung dieses Zugehörigkeitsgefühl dementiert und damit ihr Deutschsein wie­der abgesprochen zu bekommen. In wie fern können Afrodeutsche sich demnach als anerkannt im Hinblick auf ihre deutsche Zugehörigkeit als anerkannt betrach­ten? Aus den Erfahrungen und insbesondere den Ablehnungserfahrungen von Af- rodeutschen soil rekonstruiert werden, ob sie sich als sozial gleichberechtigtes und legitimes Mitglied der Gesellschaft verstehen. Anhand der Interviews wird dann der Zusammenhang zwischen den Erfahrungen der Befragten und der eigenen Ein- schatzung und gesellschaftlichen Positionierung deutlich. Ihre Einschatzung ist letztlich eine Interpretation dessen, was den Befragten durch wechselseitige Inter- aktion vermittelt wird.

2.2.1 Zur Theorie

Die zuvor genannte Theorie der Anerkennung nach Axel Honneth ist angelehnt an Hegel's Kampf um Anerkennung. In seinem neusten Buch Anerkennung - Eine eu- ropaische Ideengeschichte ist die Besonderheit des deutschen Verstandnisses des Begriffs der Anerkennung gut auf den Punkt gebracht. Es ist beschrieben, dass in Deutschland

„ [...] das innerhalb der sozialen Gemeinschaft um seine Selbstbestim- mung ringende Subjekt: Der individuelle Akteur angetrieben vom Inte­resse, sich als ein vernunftfahiges Subjekt zu verwirklichen, [...] darauf an- gewiesen [ist], an den Reaktionen seines Gegenübers in Erfahrung zu brin- gen, dass er zur Bestimmung seines Handels aus Vernunftsgründen tat- sachlich in der Lage ist; dazu aber ist er nur fahig, wenn er seinerseits ge- genüber diesem Anderen auf die Durchsetzung seiner natürlichen An- triebe verzichtet und ihm derart moralische Rücksichtnahme entgegen- bringt." (Honneth 2018: 186f.)

Der Anerkennungsprozess, wie es in diesem Beispiel noch einmal aufgezeigt wird, ist kein linearer Vektor, sondern ein wechselseitiger und mehrgerichteter Prozess. Das einzelne Subjekt ist in einem sozialen Gefüge im wechselseitigen Prozess auf seine Gegenüber angewiesen. Dabei muss es sich in einer sozialen Interaktion da­rauf verlassen können, dass es von seinem Gegenüber (sei es ein anderes Subjekt, Subjekte oder eine Institution) in seinem Handeln bestatigt und somit anerkannt wird. Das Gegenüber wiederrum verzichtet dabei ein Stück weit auf seine eigenen Ziele, indem es moralische Rücksichtnahme zeigt, also achtet. Die zentrale Idee ist, dass die Wechselseitigkeit von Kommunikationsbeziehungen die Autorisation von Selbst- und Mitbestimmung in einem sozialen Gefüge regelt. Dabei handelt es sich um einen andauernd reziproken Prozess. Am Ende ist es das Zusammenwirken vie- ler, die eine moralisch kollektive Handlungsnorm schafft und zur Mitgestaltung ei­ner gemeinsamen Lebenspraxis berechtigt (vgl. Honneth 2018: 199). Bei der Frage, ob Afrodeutsche sich als anerkanntes Mitglied des kollektiven Deutschen[11], erfah- ren, geht es darum, inwiefern sie die Möglichkeit haben zu Fragen bezüglich ihrer selbst und der Gesellschaft mitzubestimmen. Es geht darum, ob sie in anderen Worten gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft sind. Bei Honneth ist der Prozess der wechselseitigen Anerkennung die Bedingung für eine Gesellschaft, die sich durch soziale Gerechtigkeit auszeichnet und die Entwicklung eines selbstbestimm- ten Wesens zulasst. Erfahrt beispielsweise eine afrodeutsche Person im Umgang mit anderen wiederholt Ablehnung, so ist sie weder befahigt eine selbstbewusste Identitat als Individuum auszubilden, noch dazu in der Lage eine kollektive Identitat anzunehmen. Es entsteht also das BiId aus dem Kollektiv eines durch bestimmte Merkmale definierten Gefüges ausgeschlossen zu sein.

Die fortlaufende Analyse richtet sich demnach auf Alltagssituationen in welchen Af­rodeutsche in der Kommunikation mit ihrer menschlichen Umwelt Ablehnung auf- grund ihrer Afrodeutschen Existenz erfahren.

3. Methodisches Vorgehen

3.1 Teilnarrative (biographische)Interviews

[12] Ziel der Interviews war es zum einen ein Meinungsbild der befragten Personen be­züglich ihrer Anerkennung in der Gesellschaft zu erfragen und zum anderen anhand ihrer Lebensgeschichte nachvollziehen zu können, wie sie zu diesem gekommen sind. Dazu wurden sie gebeten ihre Lebensgeschichte und alle dazugehörigen für sie wichtigen Erfahrungen als Schwarze Deutsche unter Berücksichtigung der Aner­kennung zu erzahlen. Auf diese Art konnte ein umfassendes Bild der einzelnen Per­son gezeichnet werden und wie sie zu ihren Ansichten gekommen sind. Eine Hal- tung im Erwachsenenalter kann beispielsweise das Resümee aus Kindheits- oder Jugenderfahrungen sein und durch die Erzahlung dieser Erfahrung erst plausibel werden. Damit das Ziel eines möglichst unverfalschten Meinungsbildes erreicht werden konnte, war es umso wichtiger den Befragten so viel offenen Raum wie möglich für ihre Erzahlungen zu geben. Bohnsack (2000: 22) hat es wie folgt be- schrieben:

„Allen offenen Verfahren ist gemeinsam, daB diejenigen, die Gegenstand der Forschung sind, die Strukturierung der Kommunikation im Rahmen des für die Untersuchung relevanten Themas so weit wie möglich über- lassen, damit diese ihr Relevanzsystem und ihr kommunikatives Regelsys- tem entfalten können und auf diesem Wege die Unterschiede zum Rele­vanzsystem der Forschenden überhaupt erst erkennbar werden."

Die Befragten hatten dadurch die Möglichkeit wichtige und pragende Erfahrungen zu erzahlen und sich selbst zu positionieren. Besonders in dieser Arbeit war es von Bedeutung eine solche Vorgehensart zu wahlen. Durch meinen eigenen Afrodeut- schen Hintergrund bestand eine groBe Gefahr darin, durch gezielte Fragestellun- gen, Antworten zu evozieren, welche die eigenen Erfahrungen wiederspiegeln und bestatigen. Zum Vorteil wurde mein afrodeutsches Sein jedoch in der Elinsicht, dass die verbesserte Nachvollziehbarkeit der Erfahrungen zu mehr Verstandnis des Er- zahlten beigetragen haben und Informationen schneller verarbeitet werden konn- ten, was sich positiv auf den Nachfrageteil auswirkte. Auch die Befragten neigten dadurch zu groben Umschreibungen, auf die im Detail konkret eingegangen wer­den musste.

Damitdie Befragten nicht direkt versuchen Einfluss auf die Beantwortung der Frage zu nehmen, habe ich ihnen das Konzept hinter dem Anerkennungsbegriff nicht er- klart. Damit sind sie von einer umgangssprachlichen Definition ausgegangen, nach der Anerkennung Achtung oder Respekt bedeutet. Dadurch konnte ich einen Text- korpus generieren, der die Information zur Beantwortung meiner Forschungsfrage enthalt. Die genutzte Interviewform orientierte sich theoretisch an der Inter- viewstrategie[13] eines narrativen Interviews, in dem die Befragten aus eben darge- legten Gründen das „monologische Rederecht" (Kruse 2014: 154) besitzen und die­ses behalten, bis die erste Spontanerzahlung endet (vgl. ebd.). Sobald die Sponta- nerzahlung endet, folgt eine Nachfragephase, in der ein erneuter Redefluss ange- strebt ist oder detaillierte Nachfragen zum erweiterten Verstandnis des Gesagten

erfolgen soil. In der Umsetzung ist diese Verfahrensweise hauptsachlich gelungen. In einem von fünf Interviews hat mein Gefühl darüber, dass der Befragte unsicher ist, zu einer haufigen Einmischung in die Erzahlung geführt, sodass es zu einem Frage- und Antwortspiel gekommen ist. Da es sich um das letzte Interview handelte ist davon auszugehen, dass es sich um einen Nachlassigkeitsfehler im Zuge einer beginnenden Routine handelt.

Weiterhin sind die gewonnenen Erzahlungen bereits als Deutungen zu berücksich- tigen und können nicht die wirklich erlebte Geschichte wiedergeben (vgl. Kruse 2014: 154). Deshalb ist es wichtig eine Balance zwischen dem was die Befragten in ihren eigenen Worten erzahlen und dem was dadurch mittransportiert wird zu fin- den, ohne dabei die Botschaft zu verfalschen. Es besteht sonst schnell die Gefahr die Interpretation und die Erfahrung der Befragten zu übergehen, die im Zentrum dieser Arbeit stehen.

3.1.1 Sampling und Durchführung

Induktives Stichprobensampling und Zusammensetzung

Für diese Arbeit ist keine besondere Zielgruppe hinsichtlich der Herkunft der Eltern oder der Herkunft eines Elternteils, des Wohnorts oder des Alters vorgesehen, so lange die Definition Afrodeutsch hinreichend erfüllt ist. lm Gegenteil birgt eine mög- lichst heterogene Gruppe einen umfassenderen Einblick in mögliche Interpretatio- nen auch hinsichtlich zeitgebundener gesellschaftlicher Veranderungen. Die teil- narrativ (biographische) Interviewform erhalt ohnehin eine Prozesskomponente, in der sich zwei unterschiedliche zeitliche Entwicklungen bemerkbar machen. Einmal andert sich das Selbstverstandnis der Befragten im Laufe ihres Alterwerdungspro- zesses und zum anderen verandern sich gesellschaftliche Bedingungen im Laufe der Zeit, was sich in den Erfahrungen der Befragten wiederspiegelt. So ist die Erfahrung von Afrodeutschen vor den 90er Jahren eine andere als die Erfahrung Afrodeutscher im Laufe der 90er Jahre.

Die Auswahl der Personen erfolgte induktiven und fand nahezu willkürlich statt. Eine Ausnahme bildete die Geschlechterauswahl.

[...]


[1] Afrodeutsch genauso wie Schwarze Deutsche wird in dieser Arbeit fortlaufend kursiv geschrieben, um darauf hinzuweisen, dass es sich trotz seiner beschreibenden Elemente um politische Konzepte handelt, die in der deutschen Schwarzen Geschichte einer positiven Identitatsbildung dienten und noch immer dienen.

[2] Die Bezeichnung invasiverMigrant ruft durch die Vokabel „invasiv" das Bild eines organischen Körpers hervor, in welchen eingedrungen wird. Das Wort stammt aus dem medizinischen Bereich und bezeichnet in erster Linie den Prozess des Eindringens von Krebszellen (als krankhaft behan­delt) in gesundes Gewebe. Versteht man die Vokabel „invasiv" als Fachbegriff der Biologie oder des Militars, wird ebenfalls ein bedrohliches Eindringen oder Einfallen einer Gruppe oder Art in eine andere bezeichnet. Es impliziert ein bedrohliches Szenario, in welchem eine vorhandene Gruppe sich gegen eine als bedrohlich eingeordnete Gruppe behaupten muss. Die Reaktionen der AfD und ihrer Anhanger auf dieses Plakat sind unterschiedlich und lassen sich mit diesem Bild sehr gut zusammenfassen. Denn Philip Awounou wird als Bedrohung („Mörder", „Vergewaltigter") wahrgenommen, als Nicht-Deutsch und nicht-dazugehörig beschrieben („Kanake", „Migrant", „Ne­ger", „Afro-Moslem-Flüchtling") und hinzukommend als NutznieRer und Eindringling in ein funktio- nierendes System gewertet („Das ist nicht mehr mein Heimatland", „Freut sich der Kollege über seinen deutschen Pass?"). AuRerdem wird er als unerwünscht eingestuft („Drecksgesindel", „Zum Kotzen"). Diese Reaktionen stehen nicht nur in Verbindung mit seiner Person, sondern in Verbin- dung seiner Person als werdender Vater eines Kindes mit einer weiRen und als deutsch wahrge- nommenen Frau.

[3] Obwohl Philip Awounou nicht fremd ist trifft ihn Fremdenfeindlichkeit, da er als fremd bezeichnet wird. Oft wird der Begriff Fremdenfeindlichkeit genutzt, um von eigentlichem Rassismus abzulen- ken. Anstatt Rassismus offenzulegen, kann dann der Vorwand genutzt werden, jemand erscheine fremd und die Einstellung richte sich lediglich auf die ungewollte Herkunft, Religion, Sprache oder Kultur.

[4] Eine positive oder negative Bewertung der eigenen Gruppe kann nur über den Vergleich mit an­deren Gruppen erfolgen. Um die eigene Gruppe als positiv von der Fremdgruppe abzugrenzen wer­den Vergleichsdimensionen herangezogen, welche die eigenen Wertekonnotationen im Vergleich positiv hervorhebt.

[5] Überexklusivitat ist ein von dem Sozialpsychologen Tajfel (1969) gepragter Begriff und beschreibt den Vorgang, in dem Eigengruppenmitglieder falschlicherweise als Fremde kategorisiert werden.

[6] Zum Beispiel die Dokumentation Afro.Deutschland, die Reportage "Ich bin Schwarz!": Das neue Selbstverstandnis von jungen Schwarzen in Deutschland oder das Video eines literarischen Youtube Kanals Frag eine Afro-Deutsche: Übersensibel?.

[7] Schwarz groB geschrieben ist die politisch korrekte und selbstgewahlte Bezeichnung für Schwarze Menschen. (Sow 2009:20) Er soil verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmus- ter handelt und nicht um eine reale Eigenschaft.

[8] Die erste und bekannteste Organisation ist die Initiative Schwarze Menschen (ISD) in Deutsch­land.

[9] Ich werde nachfolgend alles was ich für wichtig halte und eine besondere Bedeutung beinhaltet in kursiver Schrift hervorheben.

[10] Vgl. Sökefeld zu Identitat 2012:47.

[11] Mit dem kollektiven Deutschen ist eine deutsche Identitat gemeint. Das heifêt ein Zusammenspiel von Merkmalen, die eine Identifizierung als Deutsch zulassen und durch die sich Individuen einer sozialen Lebensgemeinschaft zugehörig fühlen.

[12] Die Interviews entsprechen nicht ganz den Anforderungen eines biographischen Interviews. Sie enthalten aber biographische Elemente.

[13] Kruse (2014: 155) betont, dass das Narrative Interview genau genommen keine Interviewform, sondern vielmehr eine Interviewstrategie darstellt.

Details

Seiten
48
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668951525
ISBN (Buch)
9783668951532
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v470031
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,8
Schlagworte
afrodeutsche alltag selbstwahrnehmung ausgrenzungserfahrungen

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