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Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Kontexten am Beispiel der Odenwaldschule

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 19 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Begriffsklärung: Sexualisierte Gewalt

2 Der Fall Odenwaldschule
2.1 Pädagogisches Konzept
2.2 Sexualisierte Gewalt an den Schülern
2.3 Begünstigungen für die sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule
2.3.1 Die Odenwaldschule als Alleinstellungsmerkmal und der damalige Zeitgeist
2.3.2 Das System Becker

3 Andreas Huckele

4 Die Aufdeckungsarbeiten: Der Stein und das Wasser

5 Gesellschaftliche Konsequenzen der Aufdeckung

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Jahrzehntelang besaß die Odenwaldschule einen hervorragenden Ruf – eine reformpädagogische Vorzeigeinstitution mit elitärem Klientel. Jeder, der auf der OSO war - sowohl Schüler als auch Lehrer – war Stolz, auf dieser berühmten Schule gewesen zu sein“ (Röhl 2011).

An der Odenwaldschule wurden seit den 1960er Jahren bis in die 1990er Jahre mindestens 132 Schüler missbraucht. Keiner der Täter wurde je für seine Verbrechen verurteilt. Der Missbrauch ist rechtlich über die Jahre hinweg verjährt, die emotionalen Wunden der Betroffenen bestehen jedoch weiterhin. Die vorliegende Arbeit versucht Antworten auf folgende Fragen zu finden:

Wie konnte es zu diesen Vorfällen in einem solchen Ausmaß kommen?

Warum dauerte es über 30 Jahre, bis die Vorfälle öffentlich bekannt wurden?

Welche Konsequenzen können daraus gezogen werden?

Der erste Teil widmet sich der terminologischen Klärung des Fachbegriffes sexualisierte Gewalt. Danach wird das Konzept der Odenwaldschule vorgestellt und die Vorfälle der sexualisierten Gewalt benannt. Im Anschluss daran wird die Frage geklärt, welche Strukturen die Missbrauchsfälle begünstigten. Historische Dokumente weisen darauf hin, dass Schüler bereits kurz nach der Gründung des Internats von Lehrern sexuell belästigt wurden (vgl. Stark 1998, S.371f). Im Zuge der Aufdeckungsarbeiten 2010 stellte sich heraus, dass die Häufung der Missbrauchsfälle in die Amtszeit des Schulleiters Gerold Becker fällt (1972-1985) und er somit als einer der Haupttäter betrachtet wird (vgl. Burgsmüller/Tilmann 2010, S.24), weshalb diese Arbeit sich auf die Vorfälle im Zeitraum der 1970er und 1980er begrenzt. Im Fokus des darauffolgenden Abschnitts steht Andreas Huckele, ein ehemaliger Schüler der Odenwaldschule und Opfer sexualisierter Gewalt seitens Becker, der von 1981 – 1988 an der Odenwaldschule war. Als Grundlage dessen dient sein Buch Wie laut soll ich denn noch schreien? das bis 2011 unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers herausgegeben wurde. Auf die Konsequenzen der Aufdeckungsarbeiten bezieht sich der vorletzte Abschnitt. Zum Ende der Arbeit werden die wichtigsten Ergebnisse noch einmal zusammengefasst und abschließend noch offen gebliebene Fragen erörtert.

In der vorliegenden Arbeit wird, zur Erleichterung des Leseflusses, bei Personenangaben die männliche Form verwendet. Diese schließt die weibliche Form selbstverständlich mit ein.

1 Begriffsklärung: Sexualisierte Gewalt

Da keine einheitliche Definition von sexualisierter Gewalt vorliegt, kommt es immer wieder zu inhaltlichen Verwirrungen im Diskurs darüber, ausgelöst durch unklare Sprache und schwammige Begrifflichkeiten. Daher sollten zunächst einmal die Begriffe definiert werden.

„Sexueller Missbrauch von Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird oder der das Kind auf Grund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Macht- und Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen“ (kein-raum-fuer-missbrauch 2013).

In dieser Definition wird deutlich, dass ein Kind niemals Schuld trägt, egal, ob es sich körperlich wehrt, oder es aufgrund verschiedener Unfähigkeiten nichts gegen die Belästigung tun kann. Hervorzuheben ist, dass die Täter (aber auch Täterinnen!) Macht- und Autoritätspositionen ausnutzen, weshalb der Terminus sexuell irreführend ist. Nicht nur die Organisation kein-raum-für-missbrauch verwendet den Ausdruck des sexuellen Missbrauchs, auch in der Literatur ist er oft zu lesen. Sogar das deutsche Grundgesetz bedient sich des Begriffs des sexuellen Missbrauchs, der nach §§174-184 StGB eine Straftat darstellt. In der Hausarbeit wird der Begriff der sexualisierten Gewalt verwendet, da dieser Terminus das Thema genauer beim Namen nennt. Die anderen, noch gebräuchlicheren Ausdrücke sind ungenau und wecken falsche Assoziationen. Bei sexueller Gewalt tritt die Schwierigkeit auf, dass sexuell das zugehörige Eigenschaftswort zu Sexualität ist. Dieses ist positiv konnotiert und widerspricht der ausgeübten Macht der Täter. Bei dem Terminus sexualisierter Gewalt liegt der Schwerpunkt auf Gewalt, da diese in erster Linie vom Täter dem Opfer gegenüber ausgeübt wird, was auf unterschiedliche Art und Weise passieren kann:

„Gewalttätigkeiten und Grenzüberschreitungen können physisch sein (schlagen), psychisch (demütigen) oder emotional (Manipulation). Wird eine der drei Varianten der Grenzüberschreitungen mit scheinbarer Sexualität aufgeladen, handelt es sich um sexualisierte Gewalt“ (Huckele 2014, S.205f).

Diese Definition wird durch die des Vereins Wendepunkt erweitert und mit Beispielen verdeutlicht:

„Sexuelle Handlungen sind zum Beispiel der Gebrauch sexualisierter Worte, Blicke oder Gesten, das Berühren oder Streicheln der Genitalien der Kinder, das Veranlassen von Berührungen am eigenen Körper, um sich sexuell zu befriedigen, Fotografieren eines Kindes nackt oder in aufreizenden Posen, Masturbieren vor einem Kind, Zungenküsse oder Pornos zeigen. Weitere Formen sind Kinderprostitution und Kinderpornografie. In schweren Fällen kommt es zu oralem, genitalem oder analem Eindringen in den Körper“ (BZgA 2014, S.7).

2 Der Fall Odenwaldschule

Zum besseren Verständnis der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule, wird das pädagogische Konzept dargestellt und daraus folgend die begünstigenden Bedingungen für sexualisierte Gewalt erläutert.

2.1 Pädagogisches Konzept

Die Odenwaldschule war ein Internat im hessischen Ober-Hambach und galt lange Zeit als eine reformpädagogische Vorzeigeschule mit exzellentem Ruf. Im Zuge der Landerziehungsheimbewegung wurde sie 1910 gemeinsam von Paul Geheeb und seiner Frau Edith Geheeb gegründet (vgl. Reble 1999, S.316). Sie war ein Teil der Protestbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Europa, die als Gegenreaktion auf die Industrialisierung und durch diese hervorgerufenen gesellschaftlichen Veränderungen entstand. Seit 1949 war die Schule in freier Trägerschaft und musste sich somit finanziell selbst unterhalten (vgl. Geheeb 1930a, S.26).

„Werde, der du bist“ war der Leitgedanke der Schule, der den Schülern ermöglichen sollte, ihren individuellen Lernwegen und ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung nachgehen zu können. Der Klassenverband und auch die Jahrgangsklassen wurden aufgelöst und die Schüler sollten den Unterricht, so weit wie möglich, selbst gestalten und so zu ihrem Abschluss gelangen. Neben den staatlich anerkannten Abschlüssen wie Haupt-, Real- Fachoberschule und Abitur, bestand auch die Möglichkeit, parallel eine berufliche Ausbildung zu erwerben (vgl. Rietzschel 2014).

Mit seinem neuen Konzept wollte Geheeb das Verhältnis von Schülern und Lehrern grundlegend ändern und auf gegenseitigem Respekt und Dialog aufbauen, jenseits von Autorität, Gehorsamkeit und Unterordnung. In der Schulordnung legte er fest, dass es „eine freie Gemeinschaft, in der die verschiedenen Generationen unbefangen miteinander umgehen und voneinander lernen können“ geschaffen werden solle (Huckele 2013, S.114).

Die meisten Schüler der Odenwaldschule lebten im Internat in familienähnlichen Wohngruppen von sechs bis zwölf Personen gemeinsam mit einem Lehrer zusammen. Der Lehrer als Familienoberhaupt war stets zuständig für seine Wohngruppe und diente den Kindern als Ansprechpartner. Er kümmerte sich um die verschiedensten Anliegen der Kinder, plante die Wanderwochen (die einer Klassenfahrt ähnelten) und schrieb auch die Familienberichte (vgl. ebd. 2013, S.30).

2.2 Sexualisierte Gewalt an den Schülern

Zwischen den Jahren 1965 und 1998 wurde Schülern der Odenwaldschule sexualisierte Gewalt angetan. Bis heute haben sich knapp 132 Opfer persönlich gemeldet und 20 Täter sind namentlich bekannt. Über 30 Jahre haben die Betroffenen geschwiegen, aber noch immer gibt es viele, die nicht darüber sprechen. Der Opferverein Glasbrechen e.V. geht von einer weit höheren Dunkelziffer aus, nach Einschätzungen sollen weitere 500 Schüler betroffen sein. „Die Dokumentation bleibt unvollständig“ (Zeit 2014) erklärten im März 2010 zwei Juristinnen im Abschlussbericht, die um Hilfe der Aufklärung gebeten wurden. „Wir wissen um ein fortbestehendes Dunkelfeld“, sagte Burgsmüller (ebd. 2014).

2.3 Begünstigungen für die sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule

Es handelte sich also nicht um Einzelfälle, vielmehr hatte der Missbrauch System und dauerte über Jahrzehnte an. Im Folgenden geht die Hausarbeit der Frage nach, wie es möglich war, dass die sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule so lange geduldet, vertuscht und geleugnet werden konnte.

2.3.1 Die Odenwaldschule als Alleinstellungsmerkmal und der damalige Zeitgeist

Die Täter wussten sich zu schützen und nutzten die Grauzonen ihrer Berufsfelder. Sie fielen gar nicht oder nur positiv auf und galten auch meist als herausragende Pädagogen. Sie ließen keinen Verdacht aufkommen, da sie immer dem Bestreben nachgingen, die Institution in einem besonderen Licht darzustellen, dementsprechend gab es auch keine Vorsichtsmaßnahmen und somit geriet der Missbrauch an der Schule außer Kontrolle (vgl. Oelkers 2016, S.520).

Die Stimmung war geprägt vom Zeitgeist der 1968er Jahre im Zusammenspiel mit fehlender Kontrolle und Autorität. Schon im Alter von zwölf Jahren hatten einige Jugendliche ihren ersten Vollrausch erlitten und gerieten in die Alkoholabhängigkeit. Die Erwachsenen waren in Kenntnis dessen und begünstigten diese Strukturen, indem sie den Schülern halfen, sich Alkohol zu beschaffen, oder gemeinsam mit ihnen konsumierten. Der Umgang mit Alkohol und Drogen wurde öffentlich und exzessiv zelebriert (vgl. Huckele 2013, S.25).

Viele Begebenheiten waren so ausgelegt, dass sie den Interessen der Erwachsenen dienten und nicht denen der Kinder so auch die Einführung in die Liebe von Kindern. Die Internatsfamilien waren Orte, in denen Pädosexuelle die Schüler in die Knabenliebe einführten und es mit dem Recht auf Sexualität bei Kindern begründeten, getreu der Spät-68er (vgl. Giesecke 2010).

2.3.2 Das System Becker

Es ist ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren, die die sexualisierte Gewalt an der Odenwaldschule begünstigten, wobei das Vorgehen Gerold Beckers einer expliziten Betrachtung bedarf.

Er war ein einflussreicher, charismatischer Mann und vor allem ein guter Redner. Als Schulleiter konnte Becker Maßnahmen ergreifen, um sich selbst vor zu vielen Mitwissern zu schützen (vgl. Deutscher Depeschendienst 2010). Beispielsweise prahlte er einmal damit, „wie Hinweise des staatlichen Schulamts in Heppenheim auf Einhaltung der Schulgesetze vom Kultusminister abgebügelt wurden“ (vgl. Huckele 2013, S.62f), als ein Foto eines Alkoholexzesses nach außen gelangte. Seine Kontakte waren breitgestreut und die meisten Menschen verfielen seinem Charme. Beckers Auftreten begünstigte sein perfides System, welches sich durch Abhängigkeiten im höchsten Maße erklären lässt.

Becker – Schüler

Er hatte ein gutes und vertrautes Verhältnis zu seinen Schülern. Gemeinsam lebte er mit ihnen unter einem Dach, teilte Dusche und Toiletten mit ihnen und holte offenbar gezielt Kinder zu sich, die er sich zu Diensten machen könnte (vgl. Kaufmann 2010). Die Schüler hatten keinen, bzw. nur wenigen Kontakt nach außen und meist ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern. Becker kam das sehr gelegen, er war ihr Ansprechpartner zu jeder Tageszeit. Dadurch hatte Becker ein rundum geschlossenes System geschaffen. Die Schüler trauten sich nicht, untereinander über das Geschehene zu sprechen (vgl. Bartsch/Verbeet 2010). Gingen Schüler nicht auf ihn ein, schrieb Becker schlechte Familienberichte, oder ihnen drohte der Schulverweis unter Anschuldigung falscher Tatsachen (vgl. Huckele 2013 S.68). „Es gab ein Mädchen, das über den Missbrauch von Schulkameradinnen berichtet hat, ihr wurde nicht geglaubt“ (Kaufmann 2010). Sie musste die Schule ohne Schulabschluss verlassen, da Becker sie des Drogenkonsums beschuldigt hatte.

Becker – Eltern

Da die Kinder den größten Teil ihrer Zeit auf der Odenwaldschule verbrachten und nur wenig Kontakt zu ihren Eltern halten konnten, waren auch die Eltern von Becker abhängig. Wurden Eltern misstrauisch, sagte Becker: „Bei uns hat Ihr Kind eine kleine Chance, Abitur zu machen, keine große, aber eine kleine" (Huckele 2013, S.29). Daraufhin trauten sich die wenigsten Eltern Widerspruch einzulegen, da sie den Wunsch hatten, dass ihr Kind einen Schulabschluss erreichte.

Becker – Lehrer

Besonders zu betonen ist die „pädosexuelle Verschwörung“, die Becker in der Odenwaldschule geschaffen hat (Füller 2011). Er hatte ein regelrechtes Nest von Pädosexuellen für Pädosexuelle geschaffen. Er lotste Gleichgesinnte an die Schule, die in vielen Fällen nicht einmal Lehrer waren, unter dem Motto „Wir brauchen Typen, normale Lehrer gibt es überall“ (ebd. 2011). Nur bei ihm hatten sie eine berufliche Chance. Mit deren Anstellung verschaffte er den Lehrern Ruhm und Ehre in der Gesellschaft. Es wurden Lehrer mit Berufsverbot, ohne Staatsexamen, aber auch Menschen ohne pädagogische Ausbildung angestellt. Der Ausstieg aus der Odenwaldschule hätte für Viele das berufliche Aus bedeutet. Ende der 70er Jahre wurden nur wenige Lehrer eingestellt. Demzufolge waren sie erpressbar und die Vorfälle wurden lange nicht öffentlich gemacht (vgl. Huckele 2013, S.55f).

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Details

Seiten
19
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668944374
ISBN (Buch)
9783668944381
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v469841
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,0
Schlagworte
Odenwaldschule Sexualisierte Gewalt Sexueller Missbrauch Institutionelle Gewalt Andreas Huckele Me Too Missbrauch Aufklärung Öffentlicher Disskurs Reformpädagogik

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Titel: Sexualisierte Gewalt in pädagogischen Kontexten am Beispiel der Odenwaldschule