Lade Inhalt...

Die Reinmar-Walther Fehde

Seminararbeit 1998 21 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die verschiedenen Schaffensperioden in Walthers Werk

3. Zur Motivation der Fehde: Stellenrivalität oder literarische Konzeption?

4. Lieder der Reinmar-Fehde
4.1 Walthers „Schachlied“ (L 111,23)
4.2 Das Sumerlaten -Lied (L 72,31)

5. Die beiden Reinmar-Nachrufe (L 82,24 und L 83,1)

6. Schlusswort

1. Einleitung

Die sogenannte Dichterfehde zwischen Walther von der Vogelweide und Reinmar dem Alten gehört wohl zu den interessantesten und gleichermaßen umstrittensten Themen der mittelhochdeutschen Literaturgeschichte. Das Fehlen von biographischen Verbindlichkeiten[1] auf Seiten beider Dichter beschränkt die Forschung auf einen intertextuellen Vergleich der erhaltenen Schriften. Einige Fragen kommen in diesem Zusammenhang zum Vorschein: Wo ereignete sich die Fehde? Läßt sich die Fehde genau datieren, gibt es die Möglichkeit, unterschiedliche Fehde-Phasen herauszustellen? Welche Lieder der beiden Dichter können in den Fehden-Kontext einbezogen werden? Diese Fragen setzen nun freilich die Existenz einer Fehde voraus. Auch solche Meinungen aber, die die Existenz einer Fehde infragestellen und eher von einer Rivalität der beiden Dichter sprechen[2], werden von mir berücksichtigt.

Zunächst werde ich kurz auf den Versuch der Herstellung einer stilistisch-chronologischen Ordnung[3] der Waltherschen Schaffensperioden Bezug nehmen, da diese in engem Zusammenhang zu der Fehde gesehen werden[4]. Desweiteren wird die zentrale Frage nach der Motivation der Fehde gestellt. Handelte es sich um einen Konflikt, der auf unterschiedlichen Minnekonzeptionen von Reinmar und Walther basierte oder gab die Rivalität um eine Stelle als Hofsänger in Wien den Ausschlag für die Fehde? Die unterschiedlichen Thesen sollten dabei auf ihre Prämissen hin überprüft werden, etwa, ob die Annahme von Reinmars Stellung als Hofsänger in Wien überhaupt aufrechtzuerhalten ist angesichts der mangelhaften biographischen Überlieferungen[5].

Weiterhin soll diskutiert werden, inwiefern das Bild von Reinmar als konventionellem Hofsänger der hohen Minne und die Vorstellung von Walther als einem Erneuerer und Überwinder des Ideals der hohen Minne gerechtfertigt sind. Hierbei wäre u.a. die althergebrachte Vorstellung der Polarität der beiden Dichter, wie sie von Burdach geprägt wurde[6], kritisch zu beleuchten. Neuere Ansätze sehen in der angeblichen poetischen Gegensätzlichkeit eher ein spekulatives Erzeugnis der Literaturwissenschaft[7].

Im Zentrum der Textanalyse stehen das „Schachlied“ Walthers (L 111,23)[8], welches als Parodie auf ein Lied von Reinmar (MF 159,1) angesehen wird, sowie die beiden Reinmar-Nachrufe von Walther (L 82,24 und 83,1). Das „Sumerlaten“-Lied Walthers (L 72,31) oder die Frauenpreisstrophe aus Reinmars „großem Preislied“ (MF 165,10) werden in diesem Kontext berücksichtigt.

2. Die verschiedenen Schaffensperioden in Walthers Werk

Da in den Liederhandschriften des Mittelalters keine Datierungen der Texte zu finden sind, war die Literaturwissenschaft seit jeher bemüht, das Werk eines Dichters in eine chronologische Ordnung zu fassen. Besonders in der Walther-Forschung ist dies meiner Meinung nach in besonderem Ausmaß geschehen. Gegen die im 19. Jahrhundert verbreitete Auffassung, Walthers Minnelieder seien Ausdruck wirklicher Erlebnisse, wandte Burdach m.E. zurecht ein: „Fast alle höfischen Minnesänger (...) wollen ein ihrer Imagination vorschwebendes Ideal im Leben verwirklichen, statt das Leben in ein poetisches Bild zu verwandeln.“[9]

Bei der Frage nach der Reihenfolge der Lieder wurde daraufhin die künstlerische Form thematisch. So gilt von Kraus als ein Vetreter derer, die eine Chronologie nach stilistischen Merkmalen aufstellen: 1. Frühe Lieder, 2. Die Lieder der Reinmar-Fehde, 3. Mädchenlieder oder Lieder der niederen Minne, 4. Lieder der neuen hohen Minne , 5. Alterslieder[10].

Bevor entschieden werden kann, ob diese Einteilung plausibel ist, sollte geklärt werden, welche Minnebegriffe den jeweiligen Schaffensperioden zugrundeliegen. Nach Birkhan ist sich die Waltherforschung darin einig, „daß im Bereich Waltherschen Minnedenkens drei Minnebegriffe (...) in Erscheinung treten.“[11] Dies wären hohe, niedere und ebene Minne (bzw. „neue hohe Minne“), wobei die Grundhaltung der hohen Minne „das unerwiderte Werben um die Minne der überhöhten Frau [ist], die der niederen Minne das Erlebnis der liebenden Hingabe des ländlichen Mädchens an den Sänger“ und die der ebenen Minne die „Erfahrung der Liebeserwiderung seitens der Dame im Rahmen der höfischen Normen“[12]. Welche Konsequenzen lassen sich nun aus der Gewinnung dieser drei Minnebegriffe für ein Verständnis der Walther-Biographie unter besonderer Berücksichtigung der Reinmar-Fehde ableiten?

Zunächst einmal muß festgestellt werden, daß Reinmar als der Vertreter der hohen Minne schlechthin gilt. So beschreibt Bumke den Einfluß Reinmars auf die Geschichte des Minnesanges: „Gewiß hat Reinmar mit seinen Liedern des Frauenpreises und des höfisch stilisierten Dienstes den bedeutendsten Beitrag zur Geschichte des Minnesangs geleistet.“[13]

Im allgemeinen wird angenommen[14], daß Walther in den achtziger und frühen neunziger Jahren des 12. Jahrhunderts Schüler von Reinmar am Wiener Hof gewesen ist. In dieser Zeit dürfte Reinmars Minnekonzeption (hohe Minne) mit derjenigen Walthers mehr oder weniger übereingestimmt haben. Die erste Fehde folgt im Zeitraum von 1195 bis 1198, bis Walther den Wiener Hof schließlich verläßt bzw. verlassen muß und einige Jahre als fahrender Sänger wirkt. Seine erste Rückkehr an den Wiener Hof und damit eine zweite Reinmar-Fehde wird auf das Jahr 1203 festgelegt, in dieser Zeit findet Walther zu einer neuen Minneauffassung. Es schließen sich eine weitere Wanderzeit, in der die Lieder der niederen Minne bzw. die Mädchenlieder entstehen, sowie eine abermalige Rückkehr an den Wiener Hof um 1205 kurz vor Reinmars Tod an. In der Zeit des dritten Wien-Aufenthalts kommt es zu der letzten Reinmar-Fehde und zu Walthers Konzeption der neuen hohen Minne. Walthers endgültigem Abschied aus Wien um 1208 folgt die Spätzeit mit weiteren Liedern der hohen Minne.

Es ist jedoch zu prüfen, ob das Fundament, auf welches diese Chronologie gebaut ist, nicht etwas zu brüchig ist. Ranawake macht einen ersten Einwand indem sie behauptet, daß eine geradlinige Wandlung in Walthers Minneanschauung „die Vortragssituation des Berufssängers Walther nicht in Betracht“ ziehe[15]. Die Autorin argumentiert, daß ein Sänger immer ein breitgefächertes Repertoire bei seinen Darbietungen gehabt haben müße, da eine bestimmte Erwartungshaltung des Publikums bestanden habe. Lieder der hohen Minne wären dabei vermutlich während seiner gesamten beruflichen Laufbahn vorgetragen worden[16]. Weiterhin macht die Autorin geltend, daß gerade Vielfältigkeit und Variation den Rang eines Künstlers ausmachen. Walthers künstlerische Vielfalt (Lieder der hohen Minne, Mädchenlieder, religiöse Lieder, politische und didaktische Sprüche, Bitt-, Dank-, und Scheltstrophen) habe es Walther erlaubt, mehrere Themen nebeneinander vorzutragen[17]. Insgesamt vertritt die Autorin also die These des Nebeneinanders verschiedener Gattungen, die natürlich im Gegensatz steht zu der These des strikten Nacheinanders.

Vermutlich ist es heute nicht mehr zu entscheiden, welche Theorie dabei den Vorrang hat. Beide Theorien sind von zu vielen Voraussetzungen abhängig: Auf der einen Seite wird die Abhängigkeit einer Schaffensperiode von einer bestimmten Minnekonzeption, vorausgesetzt, auf der anderen Seite wird die Vortragssituation vieleicht überbewertet. Die einzige Lösung erscheint mir daher in einer Synthese der beiden Positionen zu liegen, da eine zu enge Verflechtung von Biographischem und Werk eines Künstlers in der Literaturwissenschaft per se Gefahren in sich birgt.

3. Zur Motivation der Fehde: Stellenrivalität oder literarische Konzeption?

Im folgenden Abschnitt soll ein Blick auf die verschiedenen Ansätze geworfen werden, die Gründe für die Dichterfehde benennen. Auch hier herrscht in der Literaturwissenschaft weitestgehend Uneinigkeit. Eine naheliegende Erklärung scheint die These von einer Stellenrivalität der beiden Dichter am Wiener Hof zu liefern. Nun ist es aber durchaus umstritten, ob Reinmar überhaupt eine Stelle am Wiener Hof gehabt hatte. Für diese These scheinen zwei „Zeugnisse“ zu sprechen: Zum einen die sogenannte „Witwenklage“ Reinmars (MF 167,31), zum anderen Walthers Klagen um den wünneclîche[n] hof ze Wiene (L 84,10)[18]. Die Witwenklage, die Reinmar als Hofdichter anläßlich des Todes Leopolds V. gedichtet haben soll, ist jedoch in ihrer dreistrophigen Fassung aus „Des Minnesangs Frühling“ in keiner Handschrift so überliefert[19]. Der in der ersten Strophe des Liedes beklagte herre Liutpolt muß zudem nicht zwingend mit Herzog Leopold von Österreich gleichgesetzt werden, da es zum Zeitpunkt des Todes von Leopold V. (31. Dezember 1194) auch andere Träger des Namens gegeben hat[20]. Schweikle gibt desweiteren zu Bedenken, daß der Gedichtanfang Siu jehent, der sumer der sî hie darauf hinweise, daß Todesfall und Textentstehung zeitlich mehrere Monate auseinanderliegen. Sollte Reinmar tatsächlich Hofpoet zu Wien gewesen sein, dann hätte er das Gedicht vermutlich zu einem früheren Zeitpunkt geschrieben, außerdem hätte er das Gedicht nicht als Rollenlied verfaßt. Schweikle ist daher der Ansicht, daß zeitliche Distanz und das Stilmittel des Rollenlieds (also lyrische Distanz) darauf hinweisen, daß Reinmar sich lediglich im Sommer 1195 in Wien aufhielt[21].

[...]


[1] Vgl. etwa: Günther Schweikle: Die Fehde zwischen Walther von der Vogelweide und Reinmar dem Alten. Ein Beispiel germanistischer Legendenbildung. In: ZDA 115 (1986) S. 235-253, hier S. 237ff.

[2] Vgl. Silvia Ranawake: Gab es eine Reinmar-Fehde? Zu der These von Walthers Wendung gegen die Konvention der hohen Minne. In: OGS 13 (1982). S. 7-36.

[3] Vgl. Joachim Bumke: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. Bd. 2. München 1990. 441 S., hier S. 126.

[4] Vgl. Ranawake, S. 9ff.

[5] Günther Schweikle hat m.E. einleuchtend gezeigt, daß die besagte Annahmen auf sehr wackligen Füßen steht, da die Altgermanistik die wenigen historischen Daten „durch Phantasien überwuchern läßt.“ Schweikle, S. 237.

[6] Vgl. Konrad Burdach: Reinmar der Alte und Walther von der Vogelweide. Leipzig 1880. 234 S., bes. S. 9f. u. S. 125f.

[7] So etwa Helmut Tervooren: Reinmar und Walther. Überlegungen zu einem autonomen Reinmar-Bild. In: Hans-Dieter Mück (Hrsg.): Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1989. S. 89-105.

[8] Abkürzungen: L: Die Gedichte Walthers von derVogelweide. Herausgegeben von Karl Lachmann. Dreizehnte, aufgrund der zehnten, von Carl von Kraus bearbeiteten Ausgabe, neu herausgegeben von Hugo Kuhn. Berlin 1965. und MF: Des Minnesangs Frühling. Unter der Benutzung der Ausgaben von Karl Lachmann und Moritz Haupt, Friedrich Vogt und Carl von Kraus bearbeitet von Hugo Moser und Helmut Tervooren. 38., erneut revidierte Auflage. Stuttgart 1988.

[9] Burdach, S. 24.

[10] Vgl. Bumke, S. 126.

[11] Helmut Birkhan: Reinmar, Walther und die Minne. Zur ersten Dichterfehde am Wiener Hof. In: Beitr. 93 (1971) S. 168-212, hier S. 187.

[12] Birkhan, S. 187f.

[13] Bumke, S. 123. Bumke betont allerdings, daß eine zu einseitige Einschätzung der Reinmarschen Lyrik fehlschlagen müße, da eine alte Streitfrage nach der Anzahl der Lieder Reinmars noch nicht geklärt sei. Schreibt man ihm auch solche Lieder zu, die in den Handschriften nicht unmittelbar unter seinem Namen überliefert sind, so verändert sich das Gesamtverständnis des Dichters. Für seine Lyrik ist dann gerade eine ausgesprochene Vielfalt charakteristisch. Vgl. ebd. Auch H. Tervooren stellt m.E. überzeugend heraus, daß ein allzu geschlossenes Reinmar-Bild zurückzuführen ist auf eine „Manipulation der Überlieferung“. Vgl. Tervooren, S. 91f.

[14] Der folgende chronologische Abriß entstammt einer übersichtlichen Zusammenfassung von S. Ranawake. Die Autorin sebst sieht die Chronologie allerdings sehr kritisch. Vgl. Ranawake, S. 10f.

[15] Ranawake, S. 11.

[16] Ranawake, S. 11.

[17] Ranawake, S. 11.

[18] Vgl. Schweikle, S. 237ff.

[19] Vgl. Schweikle, S. 238.

[20] Vgl. Schweikle, S. 238.

[21] Vgl. Schweikle, S. 239.

Details

Seiten
21
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638439688
ISBN (Buch)
9783640351008
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46882
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Germanistisches Institut
Note
sehr gut
Schlagworte
Reinmar Fehde

Autor

Zurück

Titel: Die Reinmar-Walther Fehde