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Zur Theorie sozialer Reproduktion nach Bourdieu

Warum nach Bourdieu die schulische Leistungsselektion nicht funktioniert

Seminararbeit 2016 16 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie der Schule nach Talcott Parsons

3. Bourdieu: Theorie sozialer Reproduktion
3.1 Das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital
3.2 Die Reproduktion des Klassensystems durch das Bildungswesen

4. Der leistungsfremde soziale Filter nach Rainer Geißler

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Eine der wichtigsten Funktionen, die ein Bildungssystem in einer modernen Leistungsgesellschaft zu erfüllen hat ist neben der „Platzierungsfunktion“ (Geißler 2011, S. 273, Erstauflage 1992), die „Auslese- oder Selektionsfunktion“ (ebd.). Das Bildungssystem hat dabei den Anspruch alle Bildungspartizipantinnen und Bildungspartizipanten formal gleich an ihren erbrachten Leistungen zu bewerten und eine Selektion nach Leistung durchzuführen. Die schulische Auslese stellt jedoch ob „gewollt, geduldet oder ungewollt [...] [immer auch eine] soziale Auslese“ (ebd.) dar. Die soziale Auslese ist damit zu erklären, dass das Bildungssystem bei seiner Leistungsbewertung den Einfluss „unterschiedliche[r] Ausstattung mit ökonomischen, kulturellen, sozialen und psychologischen Ressourcen der an Bildung beteiligten und die damit verbundenen Konsequenzen für soziale Ungleichheit“ (Kupfer 2011, S. 162) ausblendet. Dass die soziale Schicht der Schüler scheinbar einen enormen Einfluss auf ihre Bildungschancen und damit auf ihre Möglichkeiten der freien individuellen Entfaltung hat, steht im Konflikt mit dem Anspruch der Demokratie und dem Grundgesetz für Chancengleichheit zu sorgen (vgl. Geißler 2011, S. 273, Erstauflage 1992).

Vor allem, weil die soziale Auslese der angestrebten Chancengleichheit entgegensteht, ist sie ein aktuelles und oft diskutiertes Thema. Aktuellen Anlass zur Diskussion bieten des Weiteren die PISA-Studien, welche ergaben, dass das deutsche Schulsystem, was die Chancenungleichverteilung zwischen den sozialen Schichten betrifft, eine „unrühmliche Spitzenposition“ (Wenzel 2010, S. 60) im internationalen Vergleich einnimmt. In Deutschland besuchen demnach mehr als 50 Prozent der Kinder aus Familien der Oberschicht ein Gymnasium, während lediglich zehn Prozent der Kinder aus Arbeiterfamilien ein Gymnasium besuchen (vgl. ebd.). Da sich diese Hausarbeit allerdings hauptsächlich mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu und seiner Theorie der sozialen Reproduktion beschäftigt wird sich auch mit Schwerpunkt auf das Bildungswesen in Frankreich und nicht auf das deutsche Bildungssystem bezogen. Bourdieu spricht jedoch ebenfalls von einer „Illusion der Chancengleichheit im Bildungswesen Frankreichs“ (Kupfer 2011, S. 162).

Das Phänomen der sozialen Auslese wird von vielen Soziologen als »Reproduktion der Gesellschaft« beschrieben. Abgesehen von Pierre Bourdieu, auf welchem in dieser Hausarbeit der Fokus gelegt wird, beschreiben auch andere Soziologen, beispielsweise Raymond Boudon, Émile Durkheim und Rainer Geißler, wie genau diese Reproduktion der Schichten durch die Schule respektive Bildung funktioniert und erkennen, genau wie Bourdieu, einen engen Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Ungleichheit (vgl. Kupfer 2011, S. 160f.; Geißler 2011, S. 290f., Erstauflage 1992). Im Verlaufe dieser Hausarbeit soll jedoch von diesen Soziologen lediglich auf Rainer Geißler ausführlicher eingegangen werden.

Um die Frage zu klären warum nach Bourdieus’ Theorie der sozialen Reproduktion die schulische Leistungsselektion nicht funktionieren kann, wird im Folgenden zunächst auf die Theorie nach Parsons eingegangen, welcher die gegenteilige Auffassung vertritt, nämlich dass in der Schule gerecht nach Leistung selektiert wird. Erst im darauffolgenden Abschnitt wird Bourdieus’ Theorie näher erläutert, hier wird der Schwerpunkt dieser Arbeit liegen. Beginnen wird dieses Kapitel mit einer kurzen Einführung zur Person Bourdieus, darauf folgt ein ebenso kurzer Abriss über die Theorien Bourdieus. Im darauffolgenden Unterkapitel werden die unterschiedlichen Kapitalsorten nach Bourdieu benannt und ihr Zusammenhang mit der sozialen Reproduktion erläutert. Im sich daran anschließenden Unterkapitel wird Bourdieus Vorstellung der Reproduktion des Klassensystems durch das Bildungssystem erörtert. Im Anschluss daran wird mit Rainer Geißler die Sichtweise eines weiteren Sozialwissenschaftlers auf die soziale Ungleichheit im Bildungssystem gezeigt, in welchem vor allem auf den leistungsfremden Filter eingegangen werden soll. Vor allem aber sollen mit diesem Kapitel die Überschneidungen der Theorie von Bourdieu mit Geißlers Ansichten aufgezeigt werden. Zum Schluss wird ein Resümee gezogen, in welchem eine letzte kritische Auseinandersetzung mit Bourdieus’ Theorie zur sozialen Reproduktion vorgenommen werden soll. Außerdem sollen unter Berücksichtigung der gewonnenen Erkenntnisse Möglichkeiten zur Optimierung der bestehenden Ordnung zu Gunsten der Chancengleichverteilung im Bildungswesen dargelegt werden.

2. Die Theorie der Schule nach Talcott Parsons

Mit Talcott Parsons gehe ich in diesem Kapitel auf einen der bedeutendsten und einflussreichsten amerikanischen Soziologen ein. Er studierte in England sowie in Deutschland und nahm eine Lehrtätigkeit an der renommierten Harvard-Universität an (vgl. Baumgart 2008, S. 81). Er verfasste „zahlreiche grundlegende Arbeiten zur Theorie sozialer Systeme und sozialen Handelns“ (ebd.) und war bis zu seinem Tod praktizierender Soziologe, sodass er 1979 im Alter von 76 Jahren in Deutschland während einer Vortragsreise verstarb (vgl. ebd.). Erwähnenswert, bevor seine hier im Fokus stehende Theorie der Schule bearbeitet wird, ist außerdem dass seine spezifische Sicht auf die Gesellschaft sich deutlich von anderen Soziologen unterschied (vgl. ebd.).

Neben anderen Sozialisationsinstanzen wie Familie, Kirche, Peergroups und Vereinen ist die Schule, laut Parsons, in der Zeit von Schulbeginn bis zum Einstieg ins Erwerbsleben als die zentrale Sozialisationsinstanz zu sehen. Sie übernimmt die Aufgabe Kompetenzen und Fähigkeiten zu vermitteln, welche die Schülerinnen und Schüler für ihre spätere Rollenerfüllung in der Gesellschaft benötigen. Desweiteren beschreibt Parsons eine Art »Platzierungsfunktion« der Schule zur Verteilung von Rollen, die von den Individuen auf dem Arbeitsmarkt eingenommen werden (vgl. Parsons 1959, S. 99f.).

Parsons sieht genau wie andere Soziologen, dass ein Zusammenhang zwischen sozialem Status einer Schülerin/eines Schülers und ihren/seinen Erfolgsaussichten im Bildungssystem besteht. Besonders „der sozioökonomische Status der Familie, aus der das Kind stammt“ (ebd., S. 101), nehme seinen Einfluss auf den weiteren Werdegang des Kindes im Bildungssystem. So bezieht er sich auf eine Studie, durchgeführt an über 3000 Bostoner Oberschülern, welche ergab, dass lediglich 26 Prozent der Kinder, deren Väter untere Angestellte sind, den Wunsch äußern ein College zu besuchen, während 80 Prozent der Kinder von oberen Angestellten vorhaben ein College zu besuchen (vgl. ebd., S. 101). Aus dieser Studie ging klar hervor, dass der Werdegang der Kinder sich stark an der Beschäftigung des Vaters orientiert. Obwohl dies eigentlich als ein Argument für die Reproduktion der sozialen Schicht gesehen werden kann, wie Bourdieu sie beschreibt, kommt Parsons zu einem anderen Schluss.

Parsons sieht zwar die statistisch höhere Wahrscheinlichkeit für ein Kind aus der Oberschicht zu studieren und die niedrigere Wahrscheinlichkeit für ein Kind mit geringerem sozialen Status. Jedoch legt der soziale Status eines Kindes nach Parsons nicht den weiteren Werdegang eines jenen deterministisch fest (vgl. ebd.). Parsons misst der Gruppe von Schülern, die sich entgegen dieser »Norm« verhalten, nämlich jene Schüler, welche aus der Oberschicht stammen und nicht das College besuchen und jene, welche aus der Unterschicht stammen und das College eben doch besuchen, eine „erhebliche Bedeutung“ (ebd.) zu. Daraus schlussfolgert er, dass nicht nach sozialer Schicht selektiert wird, sondern, dass die entscheidende Selektion in der Schule eben doch auf Grundlage der erbrachten Leistung stattfindet (vgl. ebd.).

Die Leistung, nach der in der Schule bewertet wird, findet laut Parsons auf Grundlage eines Status statt, welcher in der Schule erworben wird und welcher nicht vom sozialen Status vorbestimmt sei. Dieser erworbene Status der Schüler wird „durch unterschiedliche Erfüllung der vom Lehrer gestellten Aufgaben »verdient«“ (ebd., S. 102).

Dass die Selektion der Schüler im wesentlichen nach Leistung funktioniert liegt laut Parsons an der Struktur, welche die Schulklasse hergibt. Diese beruht laut Parsons auf vier Merkmalen, welche die Funktion der Meritokratie1 gewährleistet:

„Das erste ist die anfängliche Gleichheit des Status der »Wettbewerber« nach Alter und Familiensituation, da die Nachbarschaft typischerweise weitaus homogener ist als die ganze Gesellschaft. Zweitens wird eine Reihe gemeinsamer Aufgaben gestellt, die im Vergleich zu anderen Aufgabenbereichen verblüffend undifferenziert sind. [...] Drittens gibt es die scharfe Polarisierung zwischen den Schülern in ihrer ursprünglichen Gleichheit einerseits und dem einzelnen Lehrer andererseits, der ein Erwachsener ist und die Welt der Erwachsenen »repräsentiert«. Und viertens gibt es einen verhältnismäßig systematischen Proze[ss] der Bewertung der Schulleistungen.“ (ebd., S. 103)

Zusammenfassend kann man sagen, dass Parsons an der Umsetzung der Meritokratie in der Schule glaubt. Parsons hält ein solches Verteilungs- und Selektionsprinzip, bei der in der Schule nach Leistung selektiert wird „für gut und in Form US-amerikanischer Grundschulen auch für realisiert“ (Kupfer 2011, S. 45).

3. Bourdieu: Theorie sozialer Reproduktion

Pierre Bourdieu, einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler, ist als Sohn eines Postbeamten in einem kleinen Dorf in den Pyrenäen Frankreichs geboren und aufgewachsen (vgl. Kupfer 2011, S. 80; Baumgart 2008, S. 199). 1951 wurde er an einer Eliteuniversität in Paris aufgenommen, dort beendete er sein Studium der Philosophie 1954 als Jahrgangsbester (vgl. Kupfer 2011, S. 80). Ab 1982 bis zu seinem Tod im Jahre 2002 war Bourdieu Mitglied der prestigeträchtigen Hochschuleinrichtung, dem Collège de France. In seinem 1979 erschienenen Buch »Die feinen Unterschiede« beschreibt er, wie wenig durchlässig die sozialen Schichten sind und nach welchen Regeln sich die Gesellschaft und deren soziale Schichten reproduzieren. Die zentrale Aussage Bourdieus ist die, dass die jeweilige soziale Position eines Individuums sein Handeln und seine Entfaltung in der Gesellschaft bestimmt (vgl. Baumgart 2008, S. 199; Zimmermann 1983, S. 208).

Bourdieu sagt, dass unsere Entscheidungen, die wir subjektiv als freie und selbstbestimmte Entscheidungen wahrnehmen, in Wirklichkeit von unseren sozialen Positionen in der Gesellschaft bestimmt werden. Diese schichtspezifische Sozialisation lasse sich nur bedingt beeinflussen (vgl. Zimmermann 1983, S. 206f.).

„Welche Vorlieben und welchen Geschmack wir haben, wie wir unsere Wohnung einrichten und welchen Kleidungsstil wir mögen, selbst unsere Art der Körperhaltung und –bewegung sind demnach Ausdruck unserer Position im sozialen Raum“ (Baumgart 2008, S. 199)

Kurz gesagt sind Individuen nach Bourdieu mehr oder minder Produkte ihrer sozialen Umwelt, ihr komplettes Handeln sei auf diese zurückzuführen.

3.1 Das ökonomische, kulturelle und soziale Kapital

Die von Bourdieu beschriebene Chancenungleichheit im Bildungswesen werde durch „Kapitalakkumulation“ (Bourdieu 1992, S. 217) begünstigt. Ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital werde „von einzelnen Aktoren oder Gruppen privat und exklusiv angeeignet“ (ebd.). Dieses Kapital sei vererbbar und so leiste es seinen Beitrag zur sozialen Reproduktion (vgl. ebd., S. 217f.). Bourdieu unterscheidet dieses Kapital wie angesprochen in drei Arten: Das ökonomische Kapital, das kulturelle Kapital und das soziale Kapital. Im Folgenden sollen diese drei Kapitalarten erläutert werden um ein näheres Verständnis über Bourdieus Vorstellung von der sozialen Reproduktion zu bekommen.

Unter ökonomischem Kapital versteht Bourdieu den materiellen Besitz einer Person oder Gruppe, dieses ist unmittelbar in Geld konvertierbar (vgl. ebd., S. 218). Die Weitergabe des ökonomischen Kapitals innerhalb der verschiedenen Milieus trägt laut Bourdieu dazu bei, dass unterschiedliche Milieus auch unterschiedliche Chancen im Bildungswesen haben (Bourdieu und Passeron 1971, S. 232-241).

Das kulturelle Kapital teilt Bourdieu wieder in drei Formen. Zum einen ist dort das kulturelle Kapital „in verinnerlichtem, inkorporiertem Zustand [Hervorhebung im Original]“ (Bourdieu 1971, S. 218) zu nennen. Dieses umfasst die dauerhaften Eigenschaften der Individuen. Da dieses verinnerlichte Kulturkapital untrennbar mit einer Person verbunden ist, kann es nicht in einer solch pragmatischen Form vererbt werden wie das ökonomische Kaptal (vgl. ebd., S. 220).

Ganz anders die nächste Form des kulturellen Kapitals, das „in objektiviertem Zustand [Hervorhebung im Original] , in Form von kulturellen Gütern, Bildern Büchern, Lexika, Instrumenten oder [ähnlichem]“ (ebd., S. 218) auftritt. Diese Form des kulturellen Kapitals sei ebenso gut, wie ökonomisches Kapital vererbbar (vgl. ebd., S. 222).

Als letzte von Bourdieu beschriebene Form des kulturellen Kapitals wäre das Kapital in „instrumentalisiertem Zustand“ (ebd., S. 218) zu nennen. Mit diesem Zustand wird die Objektivierung von bestimmten Kompetenzen von Individuen in Form eines Nachweises über eben diese Kompetenzen beschrieben. Bespiele hierfür wäre ein akademischer Titel oder sonstige schulische Zeugnisse über einen Abschluss (vgl. ebd., S. 222f.).

Auch wenn das kulturelle Kapital, abgesehen vom »objektivierten Zustand«, nicht direkt im Sinne von Geld vererbt werden kann, wird es doch „auf dem Weg der sozialen Vererbung weitergegeben, was freilich immer im Verborgenen geschieht und häufig ganz unsichtbar bleibt“ (ebd., S. 220). Daraus schlussfolgert Bourdieu, dass die „Übertragung von Kulturkapital zweifellos die am besten verschleierte Form erblicher Übertragung von Kapital ist“ (ebd., S. 221). Ob und inwieweit sich ein Individuum kulturelles Kapital aneignet, hängt laut Bourdieu von dem in seiner Familie verkörpertem kulturellen Kapital ab. Desweiteren ist festzuhalten, dass auch das ökonomische Kapital der Familie auf die kulturelle Entfaltung des Individuums einen Einfluss nimmt, denn durch ökonomisches Kapital kann die Zeit, die für die Aneignung kulturellen Kapitals benötigt wird, besser gewährleistet werden (vgl. ebd., S. 222).

Das soziale Kapital ist das dritte und letzte Kapital, das Bourdieu in seinen Werken anspricht, es umfasst „die Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind“ (ebd., S. 224). Diese Ressourcen bestehen also aus den Beziehungen eines Individuums und dem Kapital, „das diejenigen besitzen, mit denen er in Beziehung steht“ (ebd., S. 225). Diese Beziehungen sind nach Bourdieu ebenfalls vererbbar und aus ihnen können sich auch materielle Profite ergeben, wie beispielsweise „aus der Mitgliedschaft in einer erlesenen und angesehenen Gruppe“ (ebd., S. 225).

Was in diesem Kapitel deutlich werden sollte ist die Bedeutung, die Bourdieu der Vererbung dieser unterschiedlichen Kapitalarten innerhalb der familiären Milieus beimisst, bezüglich der sozialen Reproduktion.

3.2 Die Reproduktion des Klassensystems durch das Bildungswesen

Die „Ungleichheit der Bildungschancen [drückt sich] vor allem in der Tatsache aus, da[ss] die verschiedenen sozialen Klassen sehr ungleich [im Bildungssystem verteilt][...] sind“ (Bourdieu und Passeron 1971, S. 232). Die Chancen auf ein Hochschulbesuch ergeben sich aus der in der Schule durchgeführten Selektion, welche nach Bourdieu im starken Zusammenhang mit der sozialen Klasse steht (vgl. ebd.). Bourdieu ist der Auffassung, dass diese von der sozialen Herkunft abhängige Selektion in der Schule „bei den unterprivilegierten Klassen [...] ganz einfach zu Eliminierung [Hervorhebung im Original]“ (ebd.) führt. Im Gegensatz zu Parsons sind für Bourdieu die hoch signifikanten Unterschiede zwischen den sozialen Klassen, bezüglich der Wahrscheinlichkeit eine Hochschule zu besuchen, ein klares Indiz für die Reproduktion des Klassensystems durch das Bildungssystem. So spricht er von einer symbolischen Chance von weniger als fünf Prozent für Kinder aus unterprivilegierten Schichten eine Hochschule zu besuchen. Für Kinder mit Eltern aus dem Führungskader besteht hingegen eine bis zu 60 prozentige Chance auf eine Hochschule zu kommen (vgl. ebd.). Kinder werden also laut Bourdieu entsprechend ihrem sozialen Milieu auf einen bestimmten Werdegang hingeführt (vgl. ebd., S. 232f.).

Selbst wenn es Schüler aus unteren Schichten bis auf die Hochschule geschafft haben, hört hier der herkunftsbedingte Einfluss nicht auf. Denn der Erfolg im Studium ist nach Bourdieu abhängig von „schon vorhandene[m] intellektuelle[n] Handwerkszeug, kulturelle[r] Gewohnheiten oder finanzielle[r] Möglichkeiten“ (ebd., S. 236). Dieses intellektuelle Handwerk, beispielsweise eine intellektuelle Ausdrucksweise und kulturelle Gewohnheiten, wie Museumsbesuche werden, so Bourdieu, über die sozialen Milieus vermittelt und so können sich selbige über das Bildungssystem reproduzieren (vgl. ebd., S. 236-241).

[...]


1 Meritokratie meint hier den Umstand, dass sich Schülerinnen und Schüler im Bildungswesen durch erbrachte Leistung auszeichnen können und ausschließlich nach dieser bewertet werden.

Details

Seiten
16
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668938793
ISBN (Buch)
9783668938809
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v468442
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Reproduktion Bourdieu Schule Leistung Selektion Parsons Geißler Sozialer Filter

Autor

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Titel: Zur Theorie sozialer Reproduktion nach Bourdieu