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Der Faschismus des "État francais" - Der "État francais" im Faschismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 17 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Vorwort

2. Einleitung

3. Illegalität und Betriebsunfall

4. Motive des Verdrängens

5. Schwierigkeiten in der Beurteilung des Vichy-Regimes

6. Die Version des „legalen Regimes mit illegitimem Ursprung“

7. Geschichtlicher Rückblick: Vom Kriegsbeginn bis zum Waffenstillstand
7.1 Compiègne und Montoire
7.2 Frankreichs Sonderstellung und seine Ausbeutung
7.3 Antiliberale und korporatistische Reformen
7.4 Vichy und Berlin als Vertragspartner

8. Die Entstehung des „État français“ – Bruch und Kontinuität

9. Ideologische Ausrichtung: Katholizismus, „dérive fasciste“,

10. Feindbild Antisemitismus

11. Führer oder Riege von Protagonisten? Führerkult? Massenbewegungen, Einheitspartei

12. Entwicklungstendenzen des Vichy-Staates

13. Markante Merkmale des Vichy-Staates; Diskussionsgrundlagen

14. Bibliographie

1. Vorwort

Diese Arbeit entstand im Rahmen eines Seminars, das sich mit dem Für und Wider der Faschismusforschung als eigenständige und nicht in der traditionellen deutschen Totalitarismusforschung aufgehende Disziplin auseinandersetzte. Dreh- und Angelpunkt der Diskussionen war die Herausstellung von „originär faschistischen“ Bestandteilen verschiedener rechtsautoritärer, vermeintlich faschistischer Bewegungen oder Regimes als Begründung derer Spezifizität, bzw. die Unmöglichkeit der Festlegung eines „Katalogs“ von Spezifika. Rückt beispielsweise der Antisemitismus als zentrales Charakteristikum von Faschismus ins Blickfeld, dann erweist sich manches im Vichy-Frankreich als „faschistischer“ als im Italien Mussolinis.

Diese Arbeit will nicht beantworten ob Vichy faschistisch war, sondern: welche Phänome des Vichy – Staates haben Analogien in anderen faschistischen Bewegungen Europas. Die Abgrenzung zum Totalitarismusbegriff kann und soll hier nicht geleistet werden. Es sollen aber bestimmte Merkmale offen gelegt werden, die dann für die Beantwortung der Frage, was denn Faschismus sei, herangezogen werden können – nicht im Umfang einer eigenen Bestandsaufnahme sondern im Anführen von Einschätzungen von Autoren wie Altwegg, Sternhell und anderen. Beleuchtet werden soll dabei das frühe Vichy (1940-42), weil sich in dieser Zeit des relativ größeren Gestaltungsspielraums des Regimes die autochthonen Anteile besser aufzeigen lassen.

2. Einleitung

Die Frage nach der Spezifizität des französischen Faschismus und ob denn überhaupt von Faschismus gesprochen werden kann wird von einer zweiten Frage überlappt: von der Frage nach dem autochthonen Charakter des „Faschismus“, welche auch in die Frage nach der Handlungsfreiheit des Vichy-Frankreich führt. In der traditionellen vom Staat monopolisierten Geschichtsdeutungs- und Erinnerungskultur wird die Illegitimität[1] und Fremdbestimmung des Regimes hervorgehoben – und die Frage nach dem Wesen und den Ursprüngen des Faschismus auf französischem Boden als überflüssig erachtet. Eine auch offiziell beförderte Differenzierung in der Geschichtsdeutung begann erst mit dem Ende der Ära Mitterand, dessen „hellbraune Vergangenheit“[2] dies möglicherweise verhinderte. Wenn Michèle Cointret-Labrousse beispielsweise die späte französische Auseinandersetzung damit begründet, dass erst die Ergebnisse der deutschen Forschung abgewartet werden mussten, dann zeigt das den starken Widerwillen, „Faschismus“ in französischen Kategorien denken zu wollen und gleichzeitig reduziert sich die Faschismusforschung auf den Abgleich mit dem deutschen „Muster“, ein Vorgehen, was zwingend Frankreich entlastet, dabei die Frage nach Wesen und Ursprung von Faschismus in Frankreich weitestgehend unbeanwortet lässt.

3. Illegalität und Betriebsunfall

«Le régime de Vichy est-il un accident de l’histoire française né d’une défaite des armes? Participe-t-il pleinement au fascisme européen? Ou bien trouve-t-il ses racines dans l’idéologie française, comme le croient B-H. Lévy et Zeev Sternhell, et la matrice du fascisme existe-t-elle dans la république et dans la société française?»[3]

Den scheinbar unbefangenen Fragen geht die Antwort eigentlich schon voraus: Vichy war ein Betriebsunfall, die Regierung eine Marionette, ein verbrecherisches Regime, das konterrevolutionär dahingehend war, dass es die universellen republikanischen Werte der „France éternelle“ verraten habe, in diesem Verrat kann Vichy nicht Teil der französischen Geschichte sein, denn es wurde nicht durch „réceptivité“ möglich gemacht, sondern ausschließlich durch die militärische Überlegenheit des III. Reichs. In dieser Argumentation muss jede entstehungskausale Verbindung III. Republik – „État français“ verneint werden. Da es aber zahlreiche – und nicht nur personale – Bindeglieder gibt (und auch Vichy konzipiert sich ja als Gegenentwurf zur III. Republik und genießt wenigstens einige Zeit breite Unterstützung), die Cointet-Labrousse auch nicht leugnen kann, kommt sie zu höchst widersprüchlich Schlussfolgerungen:

„Le régime de Vichy est né d’un accident militaire interprété par les conservateurs comme un jugement de Dieu après un siècle et demi D’erreurs politiques et sociales. Il n’est nullement la conséquence d’un combat ancien et d’une longue aspiration (...) Les français ... abasourdies par le triomphe de l’Allemagne ne pensaient plus que la République était le meilleur régime d’Europe[4]. (...) Les moments heureux, les fiertés collectives étaient oubliés au profit des rancoeurs qui préparaient la voie à tous ceux qui voyaient dans le suffrage universel et le capitalisme libéral, les sources de la décadence française. (...)Il y a substitution, sous le choc des relations internationales, d’un régime à un autre sans relation de cause à effet“

Die Rhetorik der prinzipiellen Illegalität knüpft an die traditionelle Geschichtsdeutung an, deren zunächst gaullistische Lesart im Nachkriegsfrankreich schon 1940 definiert wird.

„Frankreich durchläuft die schlimmste Krise seiner Geschichte. Seine Grenzen, sein Weltreich, seine Unabhängigkeit, ja seine Seele sind von Zerstörung bedroht. (…)Es gibt keine wirkliche französische Regierung mehr. In der Tat ist das Gebilde in Vichy, das diesen Namen zu tragen vorgibt, verfassungswidrig und dem Eindringling hörig. Geknechtet, wie es ist, ist dieses Gebilde nichts anderes und kann nichts anderes sein als ein von den Feinden Frankreichs gegen die Ehre und Interessen des Landes benutztes Instrument“ (de Gaulle in Brazzaville 27.10.40).

Da Vichy aber weit davon entfernt war, ausschließlich die Befehle Hitlers auszuführen[5], fällt die Frage der Mitverantwortung schwer. Symptomatisch für die Widersprüchlichkeit ist die Unmöglichkeit der Begriffsbestimmung. Dem „Krieg ohne Namen“ (Algerien) ging schon ein „Staat ohne Namen“, ein „Gebilde“ voraus.

4. Motive des Verdrängens

Schon kurz nach der Besatzung beginnt der Streit um die staatlich-historischen Kontinuität und den daraus ableitbaren Repräsentationsanspruch. Nicht nur de Gaulle, auch Pétain nimmt für sich in Anspruch, die „France éternelle“ zu repräsentieren. Nach 1944 stellt de Gaulle die „années noires“ bewusst in einen größeren, positiv Sinn stiftenden, Zusammenhang (1914-1944, la „guerre de trente ans“). In dieser Epoche der Dekadenz habe Frankreich nicht zur eigenen Stärke zurückgefunden sondern sich in inneren Streitigkeiten zersetzt. (mit diesem Motiv verknüpft de Gaulle geschickt die Ablehnung der Machtansprüche der „inneren“ linken Résistance, und beschwört die Herstellung von Einheit und Stärke, wie er sie später mit der V. Republik verwirklicht). In der Ablehnung der III. Republik findet er sich auf einer Linie mit seinem Ziehvater Pétain, der royalistischen und der katholischen Rechten und wertet so (ungewollt) die Verankerung Vichys in der französischen Geschichte auf. De Gaulle wollte, dass die Épuration entschieden durchgeführt würde, aber zeitlich nur sehr begrenzt, um das Kapitel schnell abzuschließen. Die Motive des Verdrängens waren vor allem außenpolitisch motiviert:

- Priorität des Aufbaus Frankreichs und seiner Grandeur und Unabhängigkeit erfordert die Unterstützung aller. Eine Auseinandersetzung mit 1940-44, die über eine Épuration hinausgeht, alte Grabenkämpfe wiederbelebt, schwächt Frankreich. Bewusste Förderung des Résistance – Mythos[6].
- Außenpolitisch hat sich F. mit viel Entgegenkommen der USA und der SU in die Reihe der Sieger eingereiht. Gefahr der Diskreditierung.
- Im neuen Spannungsfeld des Kalten Krieges wird die Résistance in ihrer historisch-ideologischen Dimension zu einer innenpolitischen Waffe. Den Slogan „d’une résistance à l’autre“ beanspruchen sowohl Regierung als auch der marxistische Teil der Opposition, vor allem der PCF („le parti des fusillés“), dessen Mitgliederzahl bezeichnenderweise erst nach 1945 in nur einem Jahr von 400.000 auf 1 Million anstieg.[7]
- Die wirtschaftliche Not im Nachkriegsfrankreich ist immens groß. Ähnlich wie in den westlichen Besatzungszonen nehmen die Alltagssorgen einen größeren Raum ein als Vergangenheitsbewältigung.

5. Schwierigkeiten in der Beurteilung des Vichy-Regimes

Vichy ist die „Blessure dans la conscience historiques des francais“. Die Einordnung in die faschistische oder totalitaristische Kategorien sind umso schwerer, als dass innere und äußere Entwicklungen zusammenfallen: „Vichy est la confluence de toute l’histoire francaise antérieure et du choc d’une guerre eurpoéenne“. Interessant und aussagekräftig muss also der Kristallisationspunkt aus beidem sein: Die Bruchstelle zwischen III Republik und „État français“. Zwei Fragen gehen deshalb der Frage nach dem „Faschismus“ des „État français» voraus:

a) Die Frage der Entstehung des „État français»

- War Vichy nur ein Betriebsunfall, ausgelöst durch die militärische Niederlage?
- Ist die These der Illegalität unanfechtbar?
- Oder war dessen Matrix schon in der III. Republik angelegt, also kein isolierter Vorfall, sondern gesellschaftlich-politisch, institutionell und personell dort verankert. Überwiegen die Brüche oder die Kontinuitäten?
- Gibt es in den kurzen Vichy-Jahren so etwas wie eine innere Entwicklung, die die Betriebsunfall-These schwächen würde?
- Gibt es Verbindungen zwischen dem „État français“ und der IV. Republik?

b) Die Frage nach der Autonomie des „État français“ bzw. seiner Abhängigkeit vom Deutschen Reich.

- Wie groß war der Verhandlungsspielraum der frz. Regierung?
- Konnte sie in irgendeiner Form die deutsche Frankreichpolitik beeinflussen?
- Arbeiteten Justiz, Verwaltung, Polizei noch überwiegend unabhängig?
- „Die kriegerischen Ereignisse sind der Hintergrund, den man keinesfalls vergessen darf, wenn man Vichy verstehen will“[8], aber befreien die Automatismen des Krieges von Verantwortung, wenn auch die Handlungs-Spielräume enger werden ?

6. Die Version des „legalen Regimes mit illegitimem Ursprung“

Frankreichs Umgang mit Vichy bewegt sich zwischen Verdrängung und einseitiger Interpretation einerseits und der Unmöglichkeit, Vichy historisch negieren zu können, andererseits. Diese Ambivalenz drückt sich in Formeln aus wie dieser:

„Vichy war ein legales Regime mit einem illegitimem Ursprung.“

[...]


[1] Dabei wird die Meßlatte der Legalität in anderen Abschnitten der Geschichte nicht besonders hoch angelegt. Das Second Empire – obwohl per Staatsstreich ins Leben gerufen – ist Teil der allgemeinen „Geschichtspflege

[2] Vgl. Altwegg, Republik, 23.

[3] Cointet-Labrousse, Vichy, 9

[4] In einem Atemzug werden alle Feinde benannt und gleichzeitig behauptet, sie wäre aber keinesfalls „mal aimé“.

[5] Bei den Verhandlungen, die zu den „Pariser Protokollen“ führten, zeigte sich z.B deutlich ein französischer Verhandlungsspielraum.

[6] (Selbst Sartre, einer der Protagonisten einer – vielleicht unfreiwilligen - Geschichtsumdeutung spricht von den 30 Mio. Pétainisten und einerrelativen Bedeutungslosigkeit der Résistance) „Man darf angesichts seiner Wirkung die Frage stellen, bis zu welchem Grad Sartre eben auch den ideologischen Überbau für die erfolgreiche Verdrängung der Kriegs- und Kollaborationszeit nach 1945 lieferte. – jedenfalls konnte sich die Öffentlichkeit mit ihm umso leichter identifizieren, als er wie die große Mehrzahl der Franzosen in der Résistance tatsächlich kein Held war (in Gegensatz zu Camus, Malraux, Aragon). Für die Résistance lieferte Sartre eine nachträgliche Hymne – für die Zögerer und die Unentschiedenen gleichzeitig ein höchst ambivalentes Rechtfertigungstheorem, welches – den moralischen Diskurs theoretisierend, psychologisierend und intellektualisierend – einfache Antworten verkomplizierte und insgesamt dadurch eine Entfremdung des einzelnen von seiner Vichy – Vergangenheit herstellte, und eine komfortable Distanz zur eigenen Verantwortlichkeit.

[7] Vgl. Altwegg, Republik, 99

[8] Baruch, Vichy-Regime, 14

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638439381
ISBN (Buch)
9783638866514
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46842
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Otto-Suhr-Institut
Note
2,0
Schlagworte
Faschismus

Autor

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