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Ankereffekte im Richterspruch und die Dauerhaftigkeit von Ankereffekten

Referat (Ausarbeitung) 2004 12 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Grundlagen
2.1. Definition Ankereffekt
2.2. Das Selective Accessibility Model

3. Ankereffekte im Richterspruch
3.1. Studie 1: Gibt es Ankereffekte im Richterspruch?
3.2. Studie 2: Spielt die Relevanz des Ankers eine Rolle?
3.3. Studie 3: Treten Ankereffekte bei erfahrenen Richtern auf?
3.4. Fazit Studien 1-3

4. Dauerhaftigkeit von Ankereffekten
4.1. Studie 1: Dauerhaftigkeit bei fiktivem Zielobjekt
4.2. Studie 2: Dauerhaftigkeit bei existierendem, aber seltenem Zielobjekt
4.3. Studie 3: Dauerhaftigkeit bei alltäglichem Zielobjekt
4.4. Fazit Studien 1-3

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Ankereffekten im Richterspruch und der Dauerhaftigkeit von Ankereffekten. Davor wird unter Punkt 2 erklärt, worum es sich beim Ankereffekt handelt, und anschließend das „Selective Accessibility Modell“ vorgestellt, das eine mögliche Erklärung für das Auftreten von Ankereffekten liefert.

2. Grundlagen

2.1 Definition Ankereffekt

Beim Ankereffekt handelt es sich um einen Urteilsfehler. Dabei werden numerischen Schätzungen einem zuvor unbewusst oder bewusst wahrgenommenen (Anker-)Wert angenähert (vgl. Mussweiler & Englich, 2001, S. 1535).

Das bekannteste Beispiel dafür lieferten Tversky & Kahnemann 1974: Sie fragten ihre Probanden zunächst, ob der Prozentanteil afrikanischer Staaten in der UNO höher oder niedriger als ein bestimmter Wert sei. Dieser Wert, der durch das Drehen eines Glücksrades festgelegt wurde, bildete den Anker. Anschließend wurden die Versuchspersonen gebeten, eine eigene Schätzung über den Anteil afrikanischer Staaten in der UNO abzugeben. Die jeweiligen Schätzungen der Teilnehmer lagen nahe der jeweiligen, zuvor durch das Drehen des Glücksrads festgelegten Ankerwerte (vgl. Mussweiler & Englich, 2001, S. 1535).

2.2 Das Selective Accessibility Model

Das Selective Accessibility Model liefert eine mögliche Ursache für das Entstehen des Anchoring (vgl. Mussweiler, 2001, S. 432).

Wird der Urteiler mit einem Ankerwert konfrontiert (wie z.B. „Ist die Elbe länger als 10.000 Meter?“), untersucht er zunächst die Möglichkeit, dass der tatsächliche Wert dem Anker entspricht (z.B. „ist die Elbe 10.000 Meter lang?“). Dazu wird Anker-konsistentes Wissen aufgerufen, wodurch dieses besser zugänglich wird. Bei der anschließenden Schätzung („Wie lang ist die Elbe?“) wird dann v.a. auf das zugängliche und somit Anker-konsistente Wissen zugegriffen: Ergebnis ist, dass der geschätzte Wert nahe am Ankerwert liegt.

3. Ankereffekte im Richterspruch

Es hat sich gezeigt, dass für ähnliche Straftaten unterschiedlich hohe Strafmaße verhängt werden. Neben den individuellen Merkmalen und Einstellungen des Richters kann dies aber auch an der Situation selbst liegen. Da Gerichtsurteile häufig unter Unsicherheit erfolgen, da z.B. Beweise uneindeutig sind, greifen auch Richter möglicherweise auf Urteilsheuristiken wie z.B. den Ankereffekt zurück.

Es werden Untersuchungen zu Ankereffekten von Mussweiler und Englich vorgestellt, in denen der Einfluss der Strafmaßforderung des Staatsanwalts auf das Urteil des Richters untersucht wurde (vgl. Mussweiler & Englich, 2001, S. 1535 f.).

3.1 Studie 1 : Gibt es Ankereffekte im Richterspruch?

Zunächst wurde untersucht, ob Ankereffekte bei Richtern, also Experten im Urteilen, auftreten.

Teilnehmer an der Studie waren 19 deutsche Richter mit einer durchschnittlichen Berufserfahrung von 9,34 Monaten (SD=10,52). Allen wurden dieselben Fallmaterialien zu einer vorgeblichen Vergewaltigung vorgelegt. Die Materialien enthielten Beschreibung des Tathergangs, Aussagen des Opfers, des Angeklagten, von Zeugen und Gutachtern, sowie entsprechende Gesetzestexte. Einer Hälfte der Probanden wurde erklärt der Ankläger habe 2 Monate Haft gefordert (Bedingung „niedriger Anker“), der anderen Hälfte er habe 34 Monate (Bedingung „hoher Anker“) gefordert.

Nach dem Durchlesen der Fallmaterialien wurden die Richter in einem Fragebogen aufgefordert anzugeben, welches Strafmaß sie erteilt hätten. In der Bedingung „niedriger Anker“ verhängten die Richter eine Strafe von M=18,78 Monaten, in der Bedingung hoher Anker hingegen M=28,7 Monate. Die unterschiedlichen Ergebnisse der beiden Bedingungen zeigen, dass das geforderte Strafmaß einen Einfluss auf das gesprochene Urteil des Richters hat.

Daneben mussten die Richter angeben, wie sicher sie sich bzgl. ihres Urteils fühlen[1]. Ihre (Un-)Sicherheit (hier M=4,53) hatte jedoch keinen Einfluss auf die Anlehnung des Urteils an den Ankerwert.

3.2 Studie 2 : Spielt die Relevanz des Ankers eine Rolle?

Nun könnte man annehmen, dass die Richter deshalb auf die Forderung des Staatsanwaltes zurückgreifen, weil sie ihn als Experten ansehen, der mit dem Fall vertraut ist.

Dies wurde in Studie 2 untersucht. Teilnehmer waren 48 Jura-Studenten kurz vor ihrem Abschluss. Es wurden die gleichen Materialien wie in Studie 1 verwendet, jedoch wurde in der Bedingung „niedriger Anker“ der Ankerwert auf 12 Monaten gesetzt, da eine Forderung von 2 Monaten sich als zu niedrig erwiesen hatte.

Es wurde eine weitere Bedingung eingeführt: Eine Hälfte der Probanden erhielt die Information, die Strafmaßforderung stamme von einem Informatikstudenten, ohne juristische Erfahrung und Wissen über den Fall (Bedingung „niedrige Relevanz“). Diese Forderung sollte von den Teilnehmern als wenig relevant für ihr Urteil angesehen und folglich nicht beachtet werden. Der zweiten Hälfte der Versuchspersonen wurde gesagt, der Staatsanwalt habe die entsprechende Strafe gefordert (Bedingung „hohe Relevanz“).

[...]


[1] Rating auf einer Skala von 1 bis 9, wobei 1 = sehr unsicher, 9 = sehr sicher.

Details

Seiten
12
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638439169
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46808
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Fachrichtung Psychologie
Note
1,7
Schlagworte
Ankereffekte Richterspruch Dauerhaftigkeit Ankereffekten Personenbeurteilung Praxis

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Titel: Ankereffekte im Richterspruch und die Dauerhaftigkeit von Ankereffekten