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Medienmythen und Informationssysteme: "Star Wars" als Gegenstand der medialen Berichterstattung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 46 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Vorgehensweise
2.1 Niklas Luhmann: Systemtheorie der Massenmedien
2.2 Roland Barthes: Semiotische Mythologie

3. Phase der informativen Nichtinformation

4. Phase der Reprogrammierung

5. Der Mythos vom Fortschritt

6. Realitätskonstruktion durch Casting-Mythen

7. Phase des Hype

8. „Schockwellen der Enttäuschung“

9. Phase der skeptischen Antizipation

10. Mythos vom besseren schlechten Film

11. Schlussbemerkung

12. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Was wir über [...] die Welt [...] wissen, wissen wir aus den Massenmedien.“ (Luhmann 1996, 9) Das gilt auch für Filme. Insofern kann das, was wir über einen spezifischen Film wissen, an einer Untersuchung seiner Darstellung in den Medien festgestellt werden – es sei denn, wir sehen den Film tatsächlich selbst. Doch bis es dazu kommt, wurde der Film bereits einer Themenkarriere ausgesetzt, die ihn selbst innerhalb des medialen Zeichensystems zu einem Mythos hat werden lassen, der die Lesung des Textes Film und damit die Rückkopplung in das System der Medien grundlegend beeinflusst.

Ein Film – und in diesem Zusammenhang insbesondere die Teilmenge der Filme, die unter dem Begriff „Blockbuster“ zusammengefasst werden[1], da es zu ihren Kennzeichen gehört, in den Medien (omni)präsent zu sein – produziert im Laufe seiner Medienkarriere ein bestimmtes Wahrnehmungsbild, das allerdings nicht statisch ist, sondern sich mehreren Veränderungen ausgesetzt sehen und dementsprechend in verschiedene Phasen unterteilt werden kann: Konstitutiv für jede einzelne dieser Phasen ist nicht nur der Referent der jeweiligen Meldung (z.B. Besetzungsliste, Einspielergebnis, Anekdote etc.), sondern insbesondere eine damit einhergehende Wertung, die auf vielschichtige Weise mit den Tatsachenaussagen verwoben ist.

In diesem Zusammenhang ist ein erstaunliches Maß an Homogenität festzustellen, mit dem „die Medien“ oder „die Presse“ ihre Meldungen produzieren und das sie so zu einer Art Meinungskollektiv werden lässt, das stets ein kohärentes Bild seines Objektes liefert. Der nahe liegende Verdacht ist, dass die gesellschaftliche Wahrnehmung des Films damit bewusste oder unbewusste Konstruktion ist und dementsprechend die Rezeption als Abbild dieser Konstruktion der Manipulation ausgeliefert sein könnte.

Evident ist, dass der Film auf paratextueller Ebene seine eigene Narration produziert, die nur entfernt mit dem Film als Gegenstand verknüpft zu sein scheint und die Frage aufwirft, welchen Regeln oder Motivationen diese folgt. Niklas Luhmann beschreibt in „Die Realität der Massenmedien“ die Medien als ein autopoietisches System, das seine aneinander anschließenden Operationen über den binären Code Information/Nichtinformation auswählt. Darauf aufbauend gilt es zu untersuchen, was den Informationswert der jeweiligen Meldung festlegt und inwiefern dieser selbstreferenziell in der andauernden Berichterstattung aufrecht erhalten wird. Einen Manipulationsverdacht weist Luhmann zurück, da das System der Massenmedien zu dieser Unterscheidung gezwungen ist, und deshalb wird die Frage nicht sein, ob die jeweilige Meldung in einem erkenntnistheoretischen Sinne als wahr oder falsch zu beurteilen ist, sondern warum sie als Information behandelt und in das System integriert wird.

Um diese Untersuchung vorzunehmen, wird es von Vorteil sein, die jeweilige Information als Objekt innerhalb eines semiotischen Systems zu analysieren: Die Meldung, sofern sie nicht simple Feststellung ist, produziert demzufolge eine mythische Wahrnehmung. Analog zu Roland Barthes’ Analyse des Mythos stellt die Berichterstattung über einen Film ein Zeichen eines Zeichens dar und lässt den Film als Referenzobjekt dieses Systems zunehmend verschwinden – das System der Medien produziert ein Bild eines Films, der, seiner Geschichte beraubt, eine alternative Geschichte erhält und dieser gleichsam ausgesetzt wie ausgeliefert wird.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich zwei aktuelle und in direktem Zusammenhang stehende Blockbuster –Star Wars: Episode I – The Phantom Menace(USA 1999, George Lucas)[2]und sein NachfolgerStar Wars: Episode II – Attack of the Clones(USA 2002, George Lucas)[3]– als Gegenstand der medialen Kommunikation chronologisch von ihrer ersten Wahrnehmung in der Presse, über ihre werbewirksame Periode, der Phase ihrer kritischen Rezeption bis darüber hinaus beobachten und untersuchen, wie sich diese Wahrnehmung verändert, was die Gründe für diese Veränderungen sind, warum sie auf eine bestimmte Weise wahrgenommen werden und in welchem Verhältnis diese Wahrnehmung zu einer ungewollten oder forcierten Konstruktion eines Images steht. Ausgangspunkt dafür soll die These sein, dass die individuelle Wahrnehmung des Films nicht Produkt seiner Rezeption, sondern die Rezeptionswahrnehmung Produkt eines komplexen intermedialen Wechselverhältnisses ist.

2. Zur Vorgehensweise

Wie bereits angekündigt wird sich meine Analyse des Blockbusters als Gegenstand der Filmpublizistik insbesondere auf zwei theoretische Methoden stützen: die Systemtheorie der Massenmedien nach Niklas Luhmann und die semiotische Untersuchung des Mythos bei Roland Barthes. Insofern ist es sinnvoll, die Kernaussagen dieser Theorien vorwegschickend zu betrachten.

2.1 Niklas Luhmann: Systemtheorie der Massenmedien

Mit dem Begriff Massenmedien bezeichnet Luhmann eine Menge von Verbreitungseinrichtungen, die ihre Mitteilungen in großer Zahl zu vervielfältigen und zu übermitteln in der Lage sind und deren Kennzeichen es ist, Informationsfluss nur in eine Richtung, vom System der Medien zu den Adressaten, zuzulassen.[4]Diese Eigenschaft hat die Ausdifferenzierung und operative Schließung des Systems zur Folge. Nach Luhmann (1996, 13) kommt es zu einer Realitätsverdopplung: Zum einen besteht die „reale Realität“ der Medien aus den „in ihnen ablaufenden, sie durchlaufenden Kommunikationen“; zum anderen konstruieren sie eine zweite Realität, nämlich das, „wasfür sieoderdurch sie für andereals Realitäterscheint.“ (Luhmann 1996, 14) Als beobachtende Systeme sind sie zudem genötigt, zwischen Fremdreferenz und Selbstreferenz zu unterscheiden, denn die anschlussfähigen Kommunikationen betreffen es entweder selbst oder etwas anderes.[5]

In dem Aspekt der Realitätskonstruktion einen Manipulationsverdacht zu vermuten, ist allerdings nicht angebracht, denn: „Sie können nicht anders. Sie können [...] nicht einfach sich selber für die Wahrheit halten. Sie müssen folglich Realität konstruieren, und zwar im Unterschied zur eigenen Realität noch eine andere.“ (Luhmann 1996, 15-16)

Die entscheidende Frage ist demnach nicht: „Wieverzerrendie Massenmedien die Realität [...] ?“, sondern: „Wie konstruieren Massenmedien Realität?“ (Luhmann 1996, 20) Für die folgende empirische Untersuchung ergibt sich daraus die Frage: Warum konstruieren sie gerade diese Realität (und nicht eine andere)?

Der in dieser Arbeit betrachtete Teilbereich der Massenmedien, die Filmpublizistik, kann als „Thema der Kommunikation“ bezeichnet werden. Themen repräsentieren die Fremdreferenz und dienen der strukturellen Kopplung des Systems mit anderen Gesellschaftsbereichen.[6]„Auf thematischer Ebene kommt es [...] zu einer laufenden Abstimmung von Selbstreferenz und Fremdreferenzinnerhalb der systemeigenen Kommunikation“ (Luhmann 1996, 28), was dazu führt, dass ein Thema, wie in diesem Beispiel ein ganz bestimmter Film, einer „Themenkarriere“ (ebd.) ausgesetzt wird. Informationen, die mit einem bestimmten Thema in Zusammenhang stehen, werden prinzipiell als anschlussfähig betrachtet und sind demzufolge funktionalisiert. Dabei ist ein möglicher Wahrheitswert dieser Information nicht von Bedeutung; jedes Gerücht, und sei es auch erfunden, kann der Kommunikation operativ dienlich sein.

Die Anschlussfähigkeit dieser Operationen beurteilt das System mithilfe eines binären Codes: dem Code von Information/Nichtinformation. Der positive Wert dieses Codes, die Information, bezeichnet die Operationen, die an die Kommunikation des Systems anschließen können. Um Umweltkomplexität zu reduzieren, d.h. die unendliche Menge potenzieller Information in Nichtinformation umzuwandeln und damit einem infiniten Regress zu entgehen, stehen dem System eine Vielzahl selektiver Mittel zur Verfügung.

Für die folgende Untersuchung ist die Beobachtung dieser Unterscheidung von Information und Nichtinformation von zentraler Bedeutung. Dabei spielt es keine Rolle, eine Verzerrung oder Verfälschung seitens der Medien nachzuweisen; prinzipiell kann jede Meldung als potenziell oder reell falsch in einem wahrheitstheoretischen Sinne aufgefasst werden. Die Frage ist, was den Informationscharakter einer spezifischen Nachricht ausmacht.

Ein weiterer Punkt, der für diese Arbeit von Bedeutung ist: Es wird davon ausgegangen, dass an dem konkreten Beispiel – der Berichterstattung über einen bestimmten Film – der Status des Beobachters zweiter Ordnung in dem Moment aufgegeben wird, da der Beobachter den jeweiligen Film sieht (und damit zum Beobachter erster Ordnung wird). Das gilt sowohl für den Rezipienten als auch für den Filmkritiker. Insofern das Ziel der Filmpublizistik damit als eine der kritischen Meinungsbildung interpretiert werden kann, ist für die folgende Betrachtung einer impliziten oder expliziten Wertigkeit jeder Information/Nachricht besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Systemtheorie allein kann eine solche Untersuchung nicht leisten. Sie beurteilt den Informationscharakter einer Nachricht wertfrei, insbesondere da – daran führt kein Weg vorbei – das Hinterfragen der Motivation für die Unterscheidung allenfalls Spekulation sein kann. Dort, wo es zu einer solchen Unterscheidung kommt, wollen wir die semiotische Mythologie Roland Barthes’ verwenden.

2.2 Roland Barthes: Semiotische Mythologie

Die Systemtheorie beurteilt den Informationswert eines Objektes danach, ob es an die Kommunikation des Systems anschließen und sie damit aufrecht erhalten kann. Der Mythos dagegen „wird nicht durch das Objekt seiner Botschaft definiert, sondern durch die Art und Weise, wie er diese ausspricht.“ (Barthes 1964, 85)

Die Semiotik (oder Semiologie) unterscheidet drei Begriffe: das Bedeutende, das Bedeutete und „dasZeichen, das die assoziative Gesamtheit der ersten beiden Termini ist.“ (Barthes 1964, 90) In Barthes’ paradigmatischem Beispiel ist der Rosenstrauß ein Bedeutendes für Leidenschaft (das Bedeutete). Die funktionalisierte Verknüpfung der beiden, die verleidenschaftlichten Rosen, bildet das Zeichen, das auf diese Weise mit Sinn aufgeladen wird.[7]

Auch im Mythos findet sich dieses Schema wieder, allerdings auf einer höheren Ebene: Der Mythos „ist ein sekundäres semiologisches System.“ (Barthes 1964, 92) Was im System der einfachen Sprache ein Zeichen ist, entleert sich im System des Mythos seines Sinnes und wird wieder Bedeutendes, das auf ein neues Bedeutetes referiert. Im Mythos sind demnach zwei semiotische Systeme enthalten: das linguistische System der Sprache, das Barthes die Objektsprache nennt, und der Mythos selbst, die Metasprache.[8]

Charakteristisch für das Zeichen im System der Sprache ist, dass es einen geschichtlichen Wert besitzt und als Zeichen einen Sinn darstellt, der zunächst für sich selbst steht. Doch der Mythos bemächtigt sich dieses Sinnes, entledigt ihn seiner Geschichte und macht ihn wiederum zu einer reinen Form.[9]„Der Sinn enthielt ein ganzes Wertsystem: eine Geschichte, eine Geographie, eine Moral, eine Zoologie, eine Literatur. Die Form hat diesen Reichtum entfernt: ihre neue Armut verlangt nach einer sie auffüllenden Bedeutung. [...] Doch der entscheidende Punkt bei alledem ist, dass die Form den Sinn nicht aufhebt; sie verarmt, sie entfernt ihn nur, sie hält ihn zur Verfügung.“ (Barthes 1964, 97)

Die neu erworbene Form richtet sich nun voll und ganz auf den Begriff, das Bedeutete des Mythos. Der Begriff versieht das Bild mit einer neuen Geschichte, einer Intention für den Mythos. Sein Inhalt ist allerdings „konfus, aus unbestimmten, unbegrenzten Assoziationen gebildet. [...] Der Begriff antwortet sehr streng auf eine Funktion, er hat eine Tendenz.“ (Barthes 1964, 99)

Auf diese Weise ergibt sich das Zeichen im System des Mythos: die Bedeutung, welche die Kombination von Form und Begriff, und damit den Mythos selbst, markiert. Problematisch ist der Mythos, weil er fortlaufend den Sinn entleert und mit einer neuen Bedeutung überlagert, deren Funktion und Motivation es ist, den Sinn zu deformieren, ihn zu instrumentalisieren. Auf diese Weise offenbart sich der Mythos: Dadurch, dass er das einfache Zeichen der Objektsprache gewissermaßen exploitiert, es verarmt und ihm einen Wert zuweist, zeigt er sich in seiner „konstitutiven Doppeldeutigkeit [...] als eine Nachricht und zugleich als eine Feststellung.“ (Barthes 1964, 105) Dies vollbringt der Mythos, indem er seinen Begriff nicht offen darstellt, wie es die scheinbar wertfreie Nachricht behauptet, sondern ihn in eine naturalisierte Aussage hüllt, welche „nicht als Motiv, sondern als Begründung gelesen wird.“ (Barthes 1964,113)

Die Filmpublizistik nährt sich zu einem großen Teil aus Mythen. Das gesamte Starsystem, Klatschspalten und Anekdotensammlungen sind in hohem Maße von Aussagen durchdrungen, die „als Begründung gelesen“ werden. Die Systemtheorie verurteilt diese Mechanismen nicht, und dies soll auch hier nicht geschehen. Doch stellt sich die Frage, was das System der Medien zum Aufstellen und Verfolgen bestimmter Mythen motiviert. Die Annahme liegt nahe, dass die Unterscheidung von Information/Nichtinformation nicht nur eine der Willkür, sondern eventuell selbst eine mythische sein könnte.

3. Phase der informativen Nichtinformation

Die nun folgende Untersuchung setzt sich mit den FilmenThe Phantom MenaceundAttack of the Clonesals Gegenstand der medialen Kommunikation auseinander. Diese Filme sind deshalb ausgewählt, weil sie den Kriterien der zu beweisenden These in bestmöglichem Sinne entsprechen: Nicht nur, dass ihre Präsenz in den Medien Ausmaße besitzt, die ihnen häufig die Bezeichnung eines Medienereignisses oder kulturellen Phänomens angedeihen lässt, sondern weil ihre Themenkarriere ein sich ständig veränderndes Bild des MedienmythosStar Warsentwirft.

Streng genommen beginnt die Medienkarriere derEpisode Imit der Ankündigung von George Lucas, seinem ErfolgsfilmStar Wars(USA 1977, George Lucas) mitThe Empire strikes back(USA 1980, Irvin Kershner) ein Sequel folgen zu lassen, das im Vorspann die Bezeichnung „Episode V“ trägt und somit auf drei weitere Filme verweist, die zeitlich vor dem nun neu betiteltenStar Wars: Episode IV – A New Hopeangesiedelt sind.[10]Die offizielle Ankündigung umfasst tatsächlich noch ganze neun Filme, von denen die zunächst fertig gestellte Original-Trilogie den Mittelteil bilden soll. Angaben zum Inhalt der Prequel-Trilogie verweisen auf die Jugendjahre des Anakin Skywalker / Darth Vader und dessen Wandlung vom Jedi-Ritter zum Bösewicht. Weitere Informationen zur Handlung existieren vorläufig nicht, stattdessen speisen sich die Gerüchte durch Hinweise aus den Filmen: Lukes Bemerkung zu den Klonkriegen ausA New Hopeund Obi-Wans Schilderung von Anakins Wechsel auf die dunkle Seite inReturn of the Jedi(USA 1983, Richard Marquand). Hinzu kommen insbesondere zwei Passagen aus den Romanen der entsprechenden Filme: Der Prolog zu „Krieg der Sterne“ enthält einen kurzen Abriss über die Machtergreifung des Kaisers[11]und der Umwandlung der Republik in das Imperium;[12]in einem Abschnitt aus „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ wird dezidiert die Verwandlung Anakins in Darth Vader beschrieben.[13]Weitere Andeutungen betreffen vor allem Lizenz-Produkte wie Romane und Comics, die allerdings nicht als repräsentativ angesehen werden können, da Lucas ihre Inhalte nie offiziell bestätigte und, wie sich rückblickend herausstellt, die Filme in signifikanter Weise von den darin dargestellten Ereignissen abweichen.[14]

Nach der Fertigstellung vonReturn of the Jedi1983 beschließt Lucas, vorerst keine neuenStar Wars-Filme zu produzieren, um seinem expandierenden Firmenimperium vermehrte Aufmerksamkeit zu schenken.[15]Im folgenden Zeitabschnitt bleibt die Pre-/Sequel-Trilogie ein stets präsentes Gerücht, das allenfalls in Fankreisen kommuniziert wird und deshalb auch hier nicht näher betrachtet werden soll. Dennoch bleibt die Tatsache ihres Ausbleibens im medialen Gedächtnis existent: So publiziert die „Cinema“ im Mai 1994 eine mit „Hollywoods Geheimprojekte“ (o.V. 1994, 29-30) überschriebene Titelstory über die sich angeblich in Planung befindende Prequel-Trilogie.

An diesem Umstand zeigt sich eine Eigenschaft der Massenmedien, die Luhmann als „Paradox“ bezeichnet: Die „Information, etwas sei keine Information“ (Luhmann 1996, 37) kann demzufolge auch als informativ bewertet werden. Die Information kennzeichnet dabei die eigentliche Nichtinformation, dass etwas – die Produktion der Filme – nicht passiert ist. Die prinzipiell unendliche Menge an Nichtinformation wird damit umgewandelt in potenzielle Information und führt das System direkt in einen infiniten Regress, der das Aufstellen weiterer Selektionskriterien notwendig macht. Ausschlaggebend für diesen Mechanismus ist die Funktionalisierung der Information: Hat ein Thema der Kommunikation seinen Weg in das mediale Bewusstsein und damit in sein Gedächtnis gefunden, so gilt es einerseits zwar als veraltet und wird demnach nicht erneut reproduziert, kann aber in seiner Reflexivität, der Feststellung, dass es eben (überraschenderweise?) nichts Neues zu berichten gibt, aufrecht erhalten und reintegriert werden. Die Reintegration, das soll hier nur angedeutet werden, verfährt dabei nach einem mythischen Prinzip: Die Tatsache, dass nichts Neues zu berichten ist, wird dadurch verschleiert, dass so getan wird, als wäre das etwas Neues, beziehungsweise in der Ankündigung einer Ankündigung darauf hingewiesen wird, dass unter Umständen in absehbarer Zeit etwas Neues zu berichten anstünde.[16]

Das noch ausstehend zu benennende Selektionskriterium ist die Programmierung.[17]Als Objekt und funktionalisiertes Thema hält sichStar Wars, wenn auch nur intervallhaft und zu dieser Zeit in abnehmender Gewichtung, im Gedächtnis der Medien und das, obwohl ein schnelles Vergessen zu deren grundlegenden Attributen zählt. Ein Vergessen wäre zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich auch endgültig eingetreten, weswegen ein Hinweis auf die Marketingstrategien angebracht ist, die angewandt wurden, umStar Warsals Thema in den Medien zu aktualisieren.

[...]


[1]Mit dem Terminus „Blockbuster“ wird eine bestimmte Art von Film bezeichnet, die ganz bestimmten Kriterien des auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Prinzips des High Concept gehorcht. Einige davon sind: Der Plot des Films muss in wenigen Worten zusammengefasst und vor allem auch verstanden werden können, sowie ganz bestimmte Erwartungen bei der Zielgruppe schüren; er ist ikonographisch wiedererkennbar, etwa durch einen Star oder ein Logo; die Idee des Films muss einfach kommunizierbar sein, z.B. durch Vergleiche mit anderen Filmen, über Genrecodes, die „persona“ eines Stars etc. Eine ausführliche Begriffsklärung in dem hier verwendeten Sinne findet sich in Wyatt 1994.

[2]Star Wars: Episode I – The Phantom Menace

Star Wars: Episode I – Die dunkle Bedrohung. USA 1999. 133 Min.

R, B: George Lucas. K: David Tattersall S: Ben Burtt, Paul Martin Smith. M: John Williams.

D: Liam Neeson (Qui-Gon Jinn), Ewan McGregor (Obi-Wan Kenobi), Natalie Portman (Queen Amidala), Jake Lloyd (Anakin Skywalker).

Im Folgenden auch alsThe Phantom MenaceoderEpisode Ibezeichnet. Auf Inhalt und Figuren der Filme wird hier nicht näher eingegangen, da sie als bekannt vorausgesetzt werden.

[3]Star Wars: Episode II – Attack of the Clones

Star Wars: Episode II – Angriff der Klonkrieger. USA 2002. 143 Min.

R, B: George Lucas. B: Jonathan Hales. K: David Tattersall. S: Ben Burtt. M: John Williams.

D: Ewan McGregor (Obi-Wan Kenobi), Hayden Christensen (Anakin Skywalker), Natalie Portman (Padmé Amidala).

Im Folgenden auch alsAttack of the ClonesoderEpisode IIbezeichnet.

[4]Vgl. Luhmann 1996, 10

[5]Gleichsam sind die Operationen des Systems immer dem System selbst eingeschrieben und nicht der Umwelt, auch wenn der Term „Fremdreferenz“ anderes vermuten lassen könnte. Andernfalls wäre nicht von einem operativ geschlossenen System zu sprechen. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil es von vornherein die Annahme ausschließt, die Medien würden oder könnten auch nur Wirklichkeit, „so wie sie ist“, abbilden; stattdessen konstruieren sie eine zweite Wirklichkeit.

[6]Vgl. Luhmann 1996, 28-29

[7]Vgl. Barthes 1964, 90-92

[8]Vgl. die Graphik in Barthes 1964, 93

[9]Vgl. Barthes 1964, 96

[10]Für diese neue Form der Fortsetzung, die in ihrer Chronologie nicht wie üblich nach, sondern vor dem ersten Film angeordnet ist, wurde speziell der Begriff „Prequel“ geprägt. Vgl. hierzu Schwenger 2002, 135

[11]Sowohl im Film als auch im Roman wird das englische „Emperor“ seiner ursprünglichen Bedeutung entsprechend mit „Kaiser“ übersetzt. Erst inThe Empire strikes backwird die Bezeichnung „Imperator“ verwendet.

[12]Vgl. Lucas 1976, 9

[13]Vgl. Kahn 1983, 479-484. Aus diesem Abschnitt speisen sich primär die momentanen Gerüchte bezüglich der 2005 erscheinendenEpisode III.

[14]Einen ausführlichen Überblick über die in Fankreisen kommunizierten Gerüchte und Spekulationen gibt Peinkofer 1998a.

Zwei Publikationen sind in diesem Zusammenhang hervorzuheben: In dem in Fankreisen sehr populären Roman „Das letzte Kommando“ wird ein weit reichender Bezug zu den Klonkriegen hergestellt, der aber von Lucas inAttack of the Clonesnicht aufgegriffen wird.

Auch die Herkunft „Boba Fetts“, die in den gleichnamigen Comics in Zusammenhang mit den Klonkriegen gebracht wird, deckt sich nicht mit den Ereignissen aus dem später entstandenen Film. Interessant ist hierbei ein als Rückkopplung zu interpretierender Effekt: Die ernorme Popularität der Figur verleitete Lucas wohl dazu, sie in die Prequels zu integrieren – wenn auch nicht auf die zunächst vermutete Weise.

[15]Vgl. Peinkofer 1999, 20

[16]Kurioserweise befindet sich in demselben Artikel – sogar auf derselben Seite – ein Verweis aufIndiana Jones IV, der das Stadium der „Ankündigung einer Ankündigung“ bis heute inne hat.

[17]Vgl. Luhmann 1996, 37

Details

Seiten
46
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638438810
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46746
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Medienmythen Informationssysteme Star Wars Blockbuster Mythos Medien Niklas Luhmann Roland Barthes Postklassisches Hollywood

Autor

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Titel: Medienmythen und Informationssysteme: "Star Wars" als Gegenstand der medialen Berichterstattung