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Herrscherkult im Zeitalter des Augustus

Seminararbeit 2005 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Wer oder was ist ein Gott?
2.2. Gründe für eine Ablehnung göttlicher Ehrung in Rom und Italien
2.3. Octavian als Beschützer römischer Tradition
2.4. Überlieferungen von einer Duldung göttlicher Ehrungen in Rom und Italien
2.5. Die Haltung des Augustus zur göttlichen Überhöhung seiner Person
2.6. Vorraussetzungen einer kultischen Verehrung des Princeps in Rom
2.7. Der Augustuskult als Loyalitätsreligion
2.8. Die Etablierung des Geniuskultes in Rom
2.9. Die Ausdehnung des Augustuskultes auf Italien

3. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jener wird immer ein Gott mir sein, und an seinem Altare

Wird aus unserem Stall ein Lamm ihm, ein zartes, geopfert.“[1]

In diesen zwei kurzen Zeilen findet sich möglicherweise ein erstes Indiz für eine Verehrung Octavians, des späteren römischen Princeps Augustus, als Gott. Der Ausspruch stammt aus der ersten Ekloge Vergils aus dem Jahre 41. Darin berichtet ein Hirte einem anderen Hirten davon, dass ihm sein Hof zurückgegeben worden sei und er dies einem Gott verdanke. Nach der Schlacht bei Philippi, bei der die republikanischen Kräfte unter Cassius und Brutus ausgeschaltet worden waren, wurde Octavian mit der wenig Dank versprechenden Aufgabe betraut, die Veteranen mit Land zu versorgen.[2] Von den dafür notwendigen Enteignungen waren mindestens achtzehn Städte in Italien betroffen. Zu den wenigen Ausnahmen, die gemacht wurden, zählte unter anderem das Landgut des Vaters von Vergil. Dies macht es nicht unwahrscheinlich, dass Vergil mit dieser Szene aus der ersten Ekloge ein Gefühl von Dankbarkeit und Verehrung gegenüber Octavian zum Ausdruck bringen wollte.

Setzt man diese Vermutung als zutreffend voraus[3], wird ersichtlich, welche Motive und Intentionen einen Menschen in der Antike dazu bewegt haben könnten, in einem anderen Menschen einen Gott zu sehen und ihn als solchen zu verehren. Die Erkenntnis, dass Emotionen von Dankbarkeit und Zustimmung ein wesentliches konstitutives Element der kultischen Verehrung des ersten Princeps Augustus waren, soll im folgenden behilflich sein bei der Untersuchung der Fragestellung, ob sich Augustus entgegen der Überlieferung der Quellen auch in Rom und Italien bereits zu seinen Lebzeiten als Gott verehren ließ und auf welche Weise sich die Vorraussetzungen, Bedingungen und Formen einer göttlichen Verehrung in Rom und Italien von denen in den Provinzen des Ostens unterschieden. Hinsichtlich der Frage nach einem Herrscherkult im kernrömischen Gebiet selbst ist die Quellenlage äußerst widersprüchlich und die moderne Forschung zerstritten. Ich möchte im folgenden versuchen, ohne mich gänzlich auf die eine oder anderen Seite zu schlagen, einen Kompromiss zwischen den scheinbar konträren Aussagen der Quellen herbeizuführen und herauszustellen, dass die Frage, ob sich Augustus in Rom und Italien als Gott verehren ließ, weder mit einem klaren Ja noch mit einem klaren Nein beantwortet werden kann, sondern dass hier mehr differenziert werden muss.

Zu diesem Zweck sollen einerseits die religiösen, politischen und kulturellen Vorraussetzungen und Notwendigkeiten einer göttlichen Verehrung in Rom und andererseits die Hindernisse beleuchtet und diskutiert werden, die eine Übertragung des östlichen Provinzialkultes im Stile hellenistischer Königsverehrung auf Rom unmöglich gemacht oder erschwert hätten.

2. Hauptteil

2.1. Wer oder was ist ein Gott?

Um zu einer Beantwortung der Frage zu gelangen, ob und in welcher Form sich Octavian/Augustus als Gott verehren ließ, ist es notwendig, zuallererst einen Definitionsversuch des antiken Verständnisses eines Gottes zu wagen, das heißt der Frage nachzugehen, welche Qualitäten, Attribute und Charakteristika einen Gott nach antikem Verständnis zu einem solchen machen und wie sich die Interaktion und Kommunikation der Menschen mit einem Gott in der kultisch-religiösen Praxis äußert. Manfred Clauss hat dies zutreffend zusammengefasst: Ein Gott ist, „wer eine Weihinschrift – mit der Formel v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito) oder sacrum – erhält; wer einen Altar erhält; wer einen heiligen Hain erhält; wer einen Tempel erhält; wer einen Priester erhält; wer ein Opfer – eine immolatio – erhält; wer mit anderen Göttern zusammen verehrt wird; wer Gott genannt wird.“[4] Ausgehend von diesen wichtigsten Bestandteilen kultischer Interaktion, die einen Gott erst zu einem solchen machen, wird eine differenzierende Beantwortung der Frage nach einer kultischen Verehrung des Octavian/Augustus wesentlich erleichtert, indem untersucht wird, zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort und in welcher Kombination die von Clauss zusammengefassten Stichpunkte auf Octavian/Augustus zutreffen.

2.2. Gründe für eine Ablehnung göttlicher Ehrung in Rom und Italien

Die beiden wichtigsten literarischen Quellen, die übereinstimmend von einer entschiedenen Zurückweisung göttlicher Ehrungen durch Octavian/Augustus in Rom bzw. Italien berichten, sind die Werke „Romaika Historia“ des Cassius Dio und „De Vita Caesarum“ des Sueton. Cassius Dio überliefert: „Er befahl den dort wohnenden Römern, die beiden Gottheiten zu verehren, während er den Nichtrömern, von ihm Hellenen genannt, gestattete, ihm selbst heilige Bezirke zu widmen, den Bewohnern von Asia in Pergamon, den Bithyniern in Nikomedeia. [...] Denn weder in der Hauptstadt selbst noch im übrigen Italien hat je ein Kaiser, mochte er auch noch so hohe Anerkennung verdienen, einen derartigen Schritt gewagt;“[5] Was aber mag für Octavian/Augustus dagegen gesprochen haben, einen solchen Schritt zu wagen, auch in Rom und Italien die Errichtung ihm selbst geweihter Tempel zuzulassen und sich damit als Gott verehren zu lassen? Dahlheim sucht die Gründe hierfür darin, dass in Rom die religiösen, politischen und sozialen Vorraussetzungen für die Verehrung eines Menschen als Gott zu seinen Lebzeiten einfach nicht gegeben waren und die Vorstellungen der römischen Staatsreligion und der mores maiorum keinen ausreichenden Nährboden boten für „einen Brückenschlag zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Bereich“[6]. Sowohl die Vorstellungen des religiösen Vollzugs, als auch die republikanischen Ämter, die Augustus seit 27 v. Chr. übernommen hatte und auf denen seine machtvolle Position ganz wesentlich basierte (das imperium proconsulare und die 23 v. Chr. übernommene tribunicia potestas z.B.), als auch das römische Klientelwesen, in dessen Rahmen Augustus sich zum Patron des römischen Volkes machte, wären laut Dahlheim mit „jeder sakralen Überhöhung seiner Person“ nicht zu vereinbaren gewesen.

2.3. Octavian als Beschützer römischer Tradition

Doch müssen es auch ganz praktische Erwägungen gewesen sein, die Augustus davon abhielten, auch in Rom göttliche Ehren anzunehmen. Der Erfolg Octavians während der Auseinandersetzung mit Antonius, seinem Kontrahenten im Streit um Caesars politisches Erbe, beruhte vor allem auf Propaganda. Octavian diskreditierte ihn als einen Feind römischer Größe und Würde und als eine Gefahr für die Traditionen des römischen Volkes und schürte somit Ressentiments gegen ihn in Rom. Dabei berief er sich auf Berichte aus dem Osten zurückgekehrter römischer Bürger und das Testament Antonius´, welches Caesarion, den Sohn Caesars und Kleopatras, als legitimen Erben Caesars bestimmte und vorsah, dass bestimmte Gebiete und Provinzen an seine und Kleopatras Söhne weitervererbt werden sollten.[7] Antonius veranstaltete nach dem Sieg über die Caesarmörder Cassius und Brutus bei Philippi einen Triumphzug durch die ganze Provinz Asia und wurde dort von der Bevölkerung als Gott und als neuer Dionysos gefeiert: „Als er in Ephesos einzog, gingen Frauen als Bakchantinnen, Männer und Knaben als Satyrn und Pane kostümiert vor ihm her, von Efeu und Thyrsosstäben, vom Klang von Saiteninstrumenten, von Schalmeien und Flöten war die Stadt erfüllt, und ihn selber priesen sie als Dionysos den Freudenbringer, den Huldreichen.“[8] So unternahm er auch weiterhin eine Selbststilisierung als orientalischer Gottkönig und eine Annäherung an Dionysos-Osiris.[9] Da auch die Berichte von Antonius Streben nach göttlichen Ehrungen Octavian die nötigen Mittel an die Hand gaben, um ihn bei der römischen Bevölkerung und vor dem Senat als Verräter römischer Tradition zu diffamieren, wäre es für ihn widersprüchlich und verhängnisvoll gewesen, selbst eine Form der göttlichen Überhöhung, zumindest wie sie Antonius betrieben hat, anzustreben. Auch Ross-Taylor hält es für wahrscheinlich, dass Antonius Octavian dazu veranlasst hat, sich an römische Verfahrensweisen zu halten.[10] Er hatte allerdings auch gar keine andere Wahl, denn alles andere hätte seine propagandistische Strategie gegen Antonius zunichte gemacht und seine im Zuge dessen eingenommene Rolle unterminiert.

Octavian nahm also in Abgrenzung zu Antonius bewusst eine Rolle als Hüter und Bewahrer römischer Tradition ein. Er war sich dessen bewusst, dass bereits Caesar zu verantwortungslos und unvorsichtig mit den Sitten der Vorfahren umgegangen war und diese durch die Aufnahme unter die Staatsgötter nach seinem Tode genug missachtet worden waren. So lässt es sich z.B. auch erklären, weshalb er 36 nach seinem Sieg über Sextus Pompeius und Lepidus das Amt des pontifex maximus ablehnte.[11] Obwohl bereits Caesar dieses Amt innehatte und Octavian es deshalb als Teil seines politischen Erbes beanspruchte, überwogen seine Bedenken, die mores maiorum, die Sitten der Vorfahren zu missachten, gemäß derer das Amt des pontifex maximus seinem Träger auf Lebenszeit übertragen wurde. Sueton berichtet davon, dass Augustus sogar die silbernen Statuen, die man ihm zu Ehren früher in Rom aufgestellt hatte, einschmelzen ließ und aus ihrem Erlös dem Palatinischen Apollo goldene Dreifüße weihte.[12] Auch dies entsprang seinem Zögern, allzu viele Ehrungen anzunehmen und damit römische Bräuche zu verletzen. Übereinstimmend mit Cassius Dio überliefert ebenfalls Sueton von einer generellen Zurückweisung göttlicher Ehrungen in Rom selbst: „Tempel ließ er sich, obwohl er wusste, dass es an der Tagesordnung war, sogar für Prokonsuln welche zu beschließen, dennoch in keiner Provinz bauen, es sei denn, sie wurden für ihn zusammen mit der Göttin Roma geweiht. Denn in der Stadt wies er diese Auszeichnung ganz entschieden zurück;“[13]

2.4. Überlieferungen von einer Duldung göttlicher Ehrungen in Rom und Italien

Obwohl sich die althistorische Forschung weitestgehend auf die Aussagen Suetons und Cassius Dios beruft, gibt es auch Quellen, deren Auskünfte denen von Sueton und Cassius Dio konträr gegenüberstehen. Tacitus berichtet in seinen Annales immerhin von der Absicht des Augustus, sich als Gott verehren zu lassen: „Nichts hat er den Göttern an Ehrungen vorbehalten, da er in Tempeln und im Götterbild durch Eigenpriester und Priester verehrt werden wollte.“[14] Der römische Geschichtsschreiber Aurelius Victor gibt im „Liber de Caesaribus“ hinsichtlich der Frage nach einem tatsächlich existierenden Augustuskult in Rom schon präziser Aukunft: „Demgemäß weihte man ihm wie einem Gott in Rom und in allen Provinzen, in den volkreichsten Städten, zu Lebzeiten und nach seinem Tode Tempel, Priester und Priesterkollegien.“[15] Hier ist also nicht nur die Rede vom Willen, sich verehren zu lassen, sondern auch von der praktischen Umsetzung durch Weihung von Tempeln im gesamten Imperium. Allerdings ist Kritik an der Zuverlässigkeit der Überlieferungen von Tacitus und Aurelius Victor angebracht. Bei Tacitus schwingt unüberhörbar ein polemischer Unterton mit und Aurelius Victor, dessen „Liber de Caesaribus“ etwa 360 n. Chr. entstand, schrieb aus einer zeitlichen Distanz von mehr als drei Jahrhunderten heraus und machte nicht nur die Zeit des Augustus, sondern die gesamte Kaiserzeit bis Constantius zum Gegenstand seines knappen historiographischen Werkes. Damit ist die Glaubwürdigkeit dieser beiden Quellen bereits zu Genüge in Frage gestellt.

[...]


[1] Verg., ecl. 1, 7-8

[2] W. Eck, Augustus und seine Zeit, München, 2003, S. 20-21

[3] L. Ross-Tayler, The Divinity Of The Roman Emperor [im folgenden lediglich mit “Divinity” abgekürzt], Philadelphia, 1975, S. 111

[4] M. Clauss, Deus Praesens. Der römische Kaiser als Gott [im folgenden ohne Untertitel angegeben], in: Klio, Bd. 78, 1996, S. 402-403

[5] Cass. Dio 51, 20, 7-8

[6] W. Dahlheim, Geschichte der römischen Kaiserzeit, München, 2003, S. 22

[7] L. Ross-Tayler, Divinity, S. 137-138

[8] Plut., Ant. 24

[9] L. Ross-Tayler, Divinity, S. 121-130

[10] ebd., S. 133

[11] L. Ross-Taylor, Divinity, S. 133

[12] Suet. Caes. 52

[13] ebd.

[14] Tac., ann. 1, 10, 6

[15] Aur. Vict., Caes. 1, 6

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638438421
ISBN (Buch)
9783656581000
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46702
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Seminar für Alte Geschichte
Note
1
Schlagworte
Herrscherkult Zeitalter Augustus

Autor

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Titel: Herrscherkult im Zeitalter des Augustus