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Die Ausprägung der Gattung des Bildungsromans bei Hermann Hesses 'Siddhartha. Eine indische Dichtung.'

Seminararbeit 2005 19 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Siddhartha“ als Werk der Neoromantik – Einordnung in die Literatur- und Gattungsgeschichte

3. Die Gattung Bildungsroman
3.1. Die Schwierigkeit einer eindeutigen Gattungsbestimmung
3.2. Die Geschichte des Bildungsromans
3.3. Konstante Grundmerkmale der Gattung Bildungsroman

4. „Siddhartha. Eine indische Dichtung.“ - Textanalyse
4.1. Der Sohn des Brahmanen/ Bei den Samanas
4.2. Gotama/ Erwachen
4.3. Kamala/ Bei den Kindermenschen/ Sansara
4.4. Am Flusse/ Der Fährmann
4.5. Der Sohn/ Om
4.6. Govinda

5. Schluss

Bibliographie

1 Einleitung

Der Roman „Siddhartha. Eine indische Dichtung.“ von Hermann Hesse entstand zwischen 1919 und 1922 in der Schweiz und trägt stark neoromantische Züge. Hesse verarbeitet darin die Erlebnisse seiner Indienreise (1911) und setzt sich mit dem Buddhismus und fernöstlichen Philosophien auseinander.

Das Werk erreichte eine hohe Auflage, wurde in viele Sprachen übersetzt und weltweit rezipiert; besonders auch in Asien.

Wie viele andere Romane Hesses zeigt auch „Siddhartha“ eine große Affinität zum Bildungsroman, einer Romanform, die den Lebensweg eines jungen Menschen beschreibt, der Klarheit über sich und die Welt gewinnen will und sich dabei mit verschiedenen Realitätsbereichen auseinander setzt.[1]

Im Folgenden werde ich untersuchen, inwiefern es sich bei diesem Roman tatsächlich um einen Bildungsroman handelt.

An die Lokalisierung des Werkes in der Literatur- und Gattungsgeschichte sowie im Gesamtwerk Hesses wird sich eine gattungstypologische Definition des Bildungsromans, auch in seinem historischen Kontext, anschließen. In diesem Zusammenhang werde ich allgemeine Kriterien und Merkmale des Bildungsromans aufzeigen, die im Anschluss als Grundlage für die eigentliche Untersuchung des Textes herangezogen werden.

Abschließend kann auf der Basis der vorangegangenen Textanalyse eine Entscheidung in der Frage über die Zugehörigkeit von „Siddhartha“ zur Gattung des Bildungsromans getroffen werden.

2.„Siddhartha“ als Werk der Neoromantik - Einordnung in die Literatur- und Gattungsgeschichte

„Siddhartha. Eine indische Dichtung.“ erschien 1922. Zwischen der Niederschrift des ersten (1919) und des zweiten (1921) Teils lag eine fast einjährige Pause, in der sich Hesse einer psychoanalytischen Behandlung bei Carl Gustav Jung unterzog.

Hermann Hesse wurde 1877 in Calw (Würtemberg) geboren und starb 1962 in Montagnola (Schweiz). Durch die Missionstätigkeit seiner Eltern und Großeltern in Indien beeinflusst, beschäftigte sich Hesse schon seit seiner frühen Jugend mit fernöstlichen Religionen und Philosophien.[2]

Das Gesamtwerk des Autors wurde stark von der Romantik beeinflusst: oft betont er die Innerlichkeit seiner Romanfiguren und beschwört mittels Landschaftspoesie, Künstler- und Landstreicherromanen sowie in Traum- und Märchenmotiven die Einheit von Mensch und Natur als Gegenentwurf zu der als bedrückend empfundenen urbanisierten Zivilisation.

Der Roman entstand unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, der in seiner Grausamkeit das abendländische Selbstbewusstsein erschütterte und die literarischen Tendenzen Hesses noch verstärkte: wie andere Neoromantiker seiner Zeit steht er der zivilisierten Kultur pessimistisch gegenüber und betont oft einen stark ästhetisch geprägten Individualismus. Dabei dient die Figur des Künstlers oft als musterhafte Präfiguration des „neuen Menschen“, der sich aus der sozialen Wirklichkeit in die innerweltliche Lebenstotalität zurückzieht und versucht, eine „höhere“ Realität zu erschließen. Rational-objektive Reflexion wird zugunsten des spontanen, subjektiven und empfindungsstarken Lebensvollzugs negiert. Die Vermassung und die sozialen Nivellierungstendenzen der expandierenden Industriegesellschaft stehen der propagierten Einheit des Individuums mit der zivilisationsfernen, freien Natur als Alternativentwurf konträr gegenüber.

In diesem Zusammenhang wird literarisch oft der Lebensweg eines jungen, meist introvertierten Menschen beschrieben, der versucht, das eigene Ich als Voraussetzung der Persönlichkeitsentfaltung zu erkennen und dessen Potentialität zu entfalten. Der Protagonist befindet sich dabei im Spannungsfeld zwischen Naturnähe, Individualität und dem Streben nach Harmonie mit der Umwelt. Die Gattung des Bildungsromans wird diesem Anliegen aufgrund der besonderen Strukturmerkmale in besonderer Weise gerecht. Hesse selbst bedient sich ihrer recht häufig: neben „Siddhartha“ können auch „Peter Camenzind“(1904), „Demian“(1919), „Der Steppenwolf“(1927), „Narziss und Goldmund“(1930) sowie „Das Glasperlenspiel“(1943) als Bildungsromane angesehen werden.

Auch die Verwendung von Stoffen und Motiven indischer Philosophien und des Buddhismus stimmen mit dem romantischen Bedürfnis nach Rückzug in die Innerlichkeit bei gleichzeitigem Streben nach Harmonie mit der Umwelt überein.

3. Die Gattung Bildungsroman

3.1. Die Schwierigkeit einer eindeutigen Gattungsbestimmung

Eine Gattung stellt „ein Ordnungsschema mit systematischem Anspruch (dar), das zum Text in der Relation einer Zuordnung steht.“[3] Sie ist somit ein Konstrukt der Literaturwissenschaft, das von „unterschiedlichen formalen, strukturellen und thematischen Kriterien bestimmt“[4] ist und der Systematisierung und Interpretation literarischer Texte dient. Die Reinform der Gattung wird man aus diesem Grund in einem konkreten Text nie finden. Dies erschwert die eindeutige Zuordnung einzelner Texte zu einer bestimmten Gattung.

Die Definition einer literarischen Gattung unterliegt historischen Veränderungen. In Abhängigkeit von der jeweiligen Literaturepoche und den Zeitumständen wandeln sich die Kriterien, die eine Gattung kennzeichnen.

Zur Gattungsbestimmung ist es also erforderlich, die Geschichte des Bildungsromans zu betrachten.

3.2. Die Geschichte des Bildungsromans

Das Vorhandensein eines formbaren, selbstreflexiven Individuums ist die wichtigste Voraussetzung für jeden Bildungsprozess und damit auch für die Entstehung der Gattung Bildungsroman. Generell wird dabei die personale Ich- Identität. Durch Einsicht in die eigenen Möglichkeiten und Grenzen kann das Individuum zu einem Bewusstsein der freien Übereinstimmung mit sich selbst gelangen. Aufgrund dieser Voraussetzungen entstand die Gattung erst im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung. Sie entwickelte sich aus den Formen der Autobiographie, des Reiseromans sowie des Schelmenromans, die den ersten individualisierenden Tendenzen im 16. und 17.Jahrhundert Ausdruck verliehen.

Im 18. Jahrhundert befand sich die ständisch-feudale Gesellschaftsordnung in Auflösung. Gleichzeitig emanzipierte sich das Bürgertum durch zunehmenden wirtschaftlichen Aufschwung im Zusammenhang mit dem Merkantilismus, der ihm neue Arbeits- und Einflussbereiche erschloss. Trotzdem blieben den Bürgern auch weiterhin jegliche politische Rechte verwehrt, so dass persönliche Entfaltung nur im beruflichen und privaten Bereich möglich war. Die weiterhin bestehenden tradierten Normen und Werte wurden als problematische Fremdbestimmung empfunden. Mit der Säkularisierung des christlichen Weltbildes ging der Verlust der metaphysisch-teleologischen Seinsordnung einher. Das Bürgertum befand sich auf der Suche nach einem neuen Leitbild zur Bestimmung der persönlichen Identität. Die Bildungsidee dieser Zeit ist somit durch das Ideal der glücklichen Entfaltung des Individuums und gleichzeitig durch die Forderung nach gesellschaftlicher Integration desselben gekennzeichnet. Der erste Bildungsroman, „Die Geschichte des Agathon“ von Christian Martin Wieland, der diese Identitätssuche im Spannungsfeld von privater Innerlichkeit und sozialer Wirklichkeit thematisiert, entstand 1766/1767.

Ein Versuch, die Gattung Bildungsroman zu definieren, erfolgte 1820 erstmals durch Karl Morgenstern. Für ihn wurde sie vor allem durch Lebenserfahrung und innere Entwicklung des Autors geprägt, die dieser im Werk darstellen würde. Nach seiner Ansicht stand die Förderung der Bildung des Lesers durch das positive Beispiel des Helden im Vordergrund. Diese Definition blieb jedoch uneindeutig und setzte sich nicht durch.

Das Bildungsideal der Klassik war die Entwicklung von Humanität und Vollkommenheit als Antwort auf die tiefe Entfremdung vor der bestehenden Wirklichkeit gekennzeichnet. Das Spannungsverhältnis zwischen Ich und Umwelt vertiefte sich. Trotzdem blieb der Einzelne auch hier auf soziale Zusammenhänge bezogen. Das humanistische Ideal erfordert den Austausch mit anderen. Paradigmatisch für den klassischen Bildungsroman stehen „Wilhelm Meisters Lehrjahre“(1795/1796) und „Wilhelm Meisters Wanderjahre (1829) von Goethe. Auf der Grundlage dieser Romane erfolgte auch eine einflussreiche Gattungsbestimmung durch Dilthey (1870): Die Bildung des Autors beziehungsweise des Lesers sind für ihn nicht entscheidend, im Vordergrund steht vielmehr die Erzählung einer „Bildungsgeschichte“, in der sich ein junger Mensch in Auseinandersetzung mit der Realität seiner selbst und seiner Aufgabe in der Gesellschaft bewusst wird. Diese Definition beeinflusste die nachfolgenden Bildungsromane nachhaltig und war maßgebend für die literaturwissenschaftliche Forschung bis heute.

[...]


[1] Vgl. Gallmeister, Petra: Der Bildungsroman, in: Knörrich, Otto: Formen der Literatur, Stuttgart ²1991,S. 38

[2] Auch in anderen Werke verarbeitete er ähnliche Stoffe, so zum Beispiel im Reisebericht „Aus Indien“(1913)

[3] Corbineau-Hoffmann, Angelika: Einführung in die Komparatistik, Berlin 2000, S. 138f.

[4] ebd. S.139

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638438384
ISBN (Buch)
9783638779173
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46698
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Schlagworte
Ausprägung Gattung Bildungsromans Hermann Hesses Siddhartha Eine Dichtung ProSeminar

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