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Ökonomisierung der Hochschulbildung. Abkehr vom Humboldtschen Bildungsideal

Hausarbeit 2014 14 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Bologna Prozess

3. Das Humboldt’sche Bildungsideal

4. Ökonomisierung von Bildung

5. Vergleich des Diplom und Magister mit dem Bachelor-/Mastersystem

6. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Fünfzehn Jahre sind vergangen, seit der Bologna Prozess von 29 europäischen Bildungsministern angestoßen wurde. Dieser beinhaltet die Schaffung eines europäischen Hochschulraumes und zielt insbesondere auf die Förderung von Mobilität, von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und von Beschäftigungsfähigkeit ab. Der Bologna Prozess ist die größte Reform der Bildungspolitik im europäischen Raum, die sich für Studierende in Deutschland besonders durch die Umstellung vom Diplom und Magister auf das Bachelor/Master-System ausgewirkt hat und die noch lange nicht abgeschlossen ist.

Mit Beginn des Prozesses erschienen auch zahlreiche Kritiker, die ein breites Interessenspektrum repräsentieren und von Studierenden, Professoren über Hochschulrektoren, Politikern, Gewerkschaften und Journalisten zu weiteren beteiligten oder begleitenden Gruppen reichen. Besonders stark werden die Ökonomisierung von Bildung und die Abkehr vom Humboldt’schen Bildungsideal1 kritisiert.

Diese Hausarbeit will die hervorgebrachte Kritik zusammentragen und überprüfen. Dies soll anhand eines Vergleiches des Diplom- und Magisterabschlusses mit den neuen Bachelor- und Masterabschlüssen geschehen. Dabei soll auf die Struktur, die Ziele und die tatsächliche Ausprägung der Abschlüsse eingegangen werden. Insbesondere soll eine Wandlung zur „universitären Berufsausbildung“ und die Abkehr vom Humboldt’schen Bildungsideal geprüft und im Fazit bewertet werden. Auch die Anzahl verschiedener Studiengänge bzw. deren Variation und Möglichkeit der individuellen Gestaltung der Inhalte soll in Hinblick auf das von Humboldt propagierte „autonome Individuum“, welches die Hochschule hervorbringen soll, betrachtet werden.

Als weiterer Kritikpunkt soll die Ökonomisierung von Lehre und Forschung aufgenommen werden, welche sich durch eine steigende Zahl an Drittmitteln und Stiftungslehrstühlen bemerkbar macht. Die daraus entstehenden Konsequenzen, sowie der Einfluss auf und die Vereinbarkeit mit freier, unabhängiger Forschung werden diskutiert und bewertet. In der Literatur lassen sich zahlreiche Veröffentlichungen zur Bologna-Reform finden. Abgrenzend zu diesen erhebt diese Hausarbeit nicht den Anspruch die Bologna Reform vollständig zu erfassen, Mängel in ihrer Struktur und/oder Umsetzung aufzuzeigen sowie Vor- und Nachteile zu diskutieren und die als Ganzes zu bewerten. Vielmehr möchte sie untersuchen, ob die Humboldt’schen Bildungsideale in der heutigen Hochschulbildung noch anzutreffen sind oder durch eine „Ökonomisierung von Bildung untergraben werden. Die überwiegende Assoziierung dieser Ökonomisierung mit der Bologna-Reform verbindet diese Hausarbeit mit weitere Aspekte wie der Drittmittelförderung privater Interessenten an Hochschulen.

Der Aufbau der Arbeit gliedert sich in drei Teile, welche im Folgenden zur hbersicht dargelegt werden.

Zunächst wird der Bologna Prozess vorgestellt und seine Ziele, Fortschritte und Hauptkritikpunkte beschrieben. Hierbei wird vor allem auf die für deutsche Studierende erfolgten Umstellungen in der Lehre im Vergleich zum Diplom und Magister eingegangen (2. Kapitel).

Anschließend wird der Begriff des Humboldt’schen Bildungsideals eingeführt und seine Bedeutung im heutigen Kontext diskutiert und dargelegt (3. Kapitel).

Der Hauptteil der Ausarbeitung befasst sich mit der titelgebenden Fragestellung, ob eine Abkehr vom Humboldt’schen Bildungsideal hin zu einer ökonomisierten Bildung, welche sich in einer „universitären Berufsausbildung“ und einer durch die Wirtschaft beeinflussten Forschung zeigt, tatsächlich vorliegt. Dafür wird erläutert was unter dem Begriff „Ökonomisierung von Bildung“ im wissenschaftlichen Diskurs verstanden wird und die für diese Arbeit relevanten Aspekte näher beleuchtet (4. Kapitel).

Des Weiteren werden die Strukturen und Ziele der neuen Bachelor- und Masterabschlüsse beschrieben und ihre Kompatibilität, im Vergleich zu den Diplom- und Magisterabschlüssen, mit dem Humboldt’schen Bildungsideal überprüft (5. Kapitel).

Im Fazit werden die erarbeiteten Erkenntnisse zusammengefasst und abschließend bewertet. Dabei wird zunächst geprüft, ob die anfangs genannten, kritisierten Aspekte tatsächlich vorliegen und anschließend dargelegt wie diese inhaltlich zu bewerten sind. In diesem Zusammenhang soll auch dargestellt werden, wie dieser Wandel in Bezug auf die deutsche und europäische Vorreiterrolle in der Aufklärung einerseits und vor dem Hintergrund einer zunehmenden Globalisierung andererseits zu bewerten ist. Zum Abschluss soll die Möglichkeit einer stärkeren Rückbesinnung auf das Humboldt’schen Bildungsideal in der Hochschulpolitik erörtert werden und ein Versuch unternommen werden, die zu erwartenden zukünftigen Entwicklungen aufzuzeigen (6. Kapitel).

2. Der Bologna Prozess

Der Bologna Prozess geht auf die im Jahre 1998 von den vier größten EU-Staaten, Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Italien, getroffene „Gemeinsame Erklärung zur Harmonisierung der Architektur der europäischen Hochschulbildung“2, auch Sorbonne Deklaration genannt, zurück. Ziel war die Schaffung eines zweigliedrigen Studiensystems und die Vergleichbarkeit und Anerkennung von Studienleistungen sowie die Mobilität von Studierenden und Lehrenden zu erhöhen.

Ein Jahr später wurde die Schaffung eines Europäischen Hochschulraums3 und die damit verbundenen Vorhaben konkretisiert und ausgebaut. 29 Staaten unterzeichneten am 19. Juni 1999 in Bologna eine umfassende Erklärung unter dem Titel „Der Europäische Hochschulraum. Gemeinsame Erklärung der Europäischen Bildungsminister“ deren Umsetzung als BolognaProzess bekannt ist. Hauptziele der Erklärung sind die:

- Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse, auch durch die Einführung des Diplomzusatzes (Diploma Supplement).  Einführung eines zweistufigen Systems von Abschlüssen (undergraduate / graduate).
- Einführung eines dem European-Credit-Transfer-System (ECTS) ähnlichen Leistungspunktesystems.
- Förderung der Mobilität von Studierenden, Lehrern, Wissenschaftlern und Verwaltungspersonal durch hberwindung von Mobilitätshemmnissen.
- Förderung der europäischen Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung im Hinblick auf die Erarbeitung vergleichbarer Kriterien und Methoden;
- Förderung der europäischen Dimensionen im Hochschulbereich.4

Zusammenfassend lassen sich drei Kernziele hervorheben, die Förderung von Mobilität, von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und von Beschäftigungsfähigkeit. Diese sollten bis zum Jahre 2010 umgesetzt werden. Jedoch handelt es sich hier um keine rechtlich bindende Vereinbarung was im Folgenden zu einer stark variierenden Geschwindigkeit bei der Umsetzung durch die einzelnen Staaten führte, sodass eine vollständige Umsetzung bis zum Jahre 2010 nicht gelungen ist. Zur weiterführenden Abstimmung und hberprüfung der Reformfortschritte werden alle zwei Jahre Folgekonferenzen abgehalten auf denen die Bildungsminister von mittlerweile 47 unterzeichnenden europäischen Staaten das weitere Vorgehen festlegen. Festzuhalten ist, dass der Bologna-Prozess keine Initiative der Europäischen Union ist, diese jedoch an den Konferenzen als Institution teilnimmt und die Umsetzung strukturell und finanziell unterstützt. Obwohl der Bologna-Prozess weiterhin unvollendet ist, stellt er die größte Strukturreform im europäischen und deutschen

Hochschulsystem dar. Die Teilnahme der meisten europäischen Staaten darunter alle EU- Länder, sowie die Anlehnung an das angelsächsische System, wie es auch in den USA, Kanada und den Commonwealth-Staaten existiert, macht deutlich, „[a]us dem Bologna-Prozess wird sich kein europäisches Land ausklinken können. Es wird sonst abgehängt und auf ein Abstellgleis im Niemandsland gestellt. Möglich ist nur die Bearbeitung der Folgen[…].5 Die Bedeutung der Reform zeigt sich auch anhand der großen Anzahl der involvierten Personen und Institutionen. Der geschaffenen „Europäischen Hochschulraum“ umfasst circa 20 Millionen Studierende, 1.5 Millionen Lehrende und Forscher an 4.000 Hochschulen.6

Die stärksten spürbaren Auswirkungen finden sich in Deutschland, neben der Einführung der Modularisierung des Studiums mit den entsprechenden ECTS-Punkten (European Credit Transfer and Accumulation System), in der Umstellung auf das zweistufige Studiensystem der Bachelor- und Masterabschlüsse. Gleichzeitig stellen diese auch die am häufigsten und stärksten kritisierten Veränderungen dar. Das mag auch daran liegen, dass hier die Umstellung bereits vollständig (ECTS) oder zumindest überwiegend (Umstellung auf Bachelor und Master7 ) vollzogen wurde.

Daher wird im 5. Kapitel vertiefend auf diese eingegangen und ein kurzer Vergleich mit den vorherigen Diplom- Magisterabschlüssen vorgenommen.

3. Das Humboldt’sche Bildungsideal

Friedrich Wilhelm von Humboldt (*22. Juni 1767 in Potsdamm; 8 April 1835 in Tegel) gilt als prägende Figur für das universitäre System in Deutschland. Er wurde 1808 im preußischen Innenministerium Leiter der „Sektion des Kultus und des öffentlichen Unterrichtes“ und nutzte dies um seine Vorstellungen (Humboldt’sche Bildungsideale) in eine Bildungsreform einfließen zu lassen. Er stellte sich eine ganzheitliche Ausbildung vor, die Sprachen, Allgemeinbildung sowie philosophische Aspekte beinhalten sollte. Dieses ambitionierte Vorhaben wird vor dem Hintergrund seiner eigenen, äußerst umfassenden und vielseitigen Ausbildung unter anderem in Sprachen, Naturwissenschaften, Staatstheorie und Philosophie, verständlich. Zentrale Begriffe des Humboldt’schen Bildungsideals sind das „autonome Individuum“ und das „Weltbürgertum“8

[...]


1 In mancher Literatur findet sich der Begriff des „Humboldt’schen Universitätsideal“, beide sind kongruent zu verwenden͘

2 Sorbonne Erklärung, Paris, Sorbonne, 25͘ Mai 1998͘

3 Europäische Bildungsminister͘ Der Europäische Hochschulraum͘ Gemeinsame Erklärung der Europäischen Bildungsminister 1999 S͘ 2͘ auf www͘bmbf͘de

4 Vgl͘ Ebd͘ S͘ 3-5͘

5 Richard Münch, kademischer Kapitalismus͘ Über die politische Ökonomie der Hochschulreform, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2011, S͘ 341͘

6 www͘bmwfw͘gv͘at (Österreichisches Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft)

7 Vgl͘ www͘destatis͘de zeigt das über 88% aller Studiengänge einen Bachelor oder Master als bschlussziel aufweisen, dazu kommen die kirchlichen bschlüsse sowie Staatsexamen͘ Die alten Diplom und Magister bschlüsse streben nur noch 2% aller angebotenen Studiengänge an͘

8 Nicht zu verwechseln mit dem politischen Konzept der Weltbürgerschaft, welches die bedingungslose nerkennung „sozialer Rechte“ Weltweit für alle Menschen fordert͘

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668941038
ISBN (Buch)
9783668941045
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465878
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Ökonomisierung Bildung Hochschulbildung Humboldt Ökonomisierung von Bildung Ökonomisierung von Hochschulbildung Bologna Bologna Prozess Verschulung Ökonomisierung der Lehre Ökonomisierung der Forschung

Autor

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Titel: Ökonomisierung der Hochschulbildung. Abkehr vom Humboldtschen Bildungsideal