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Soziale Netzwerkarbeit: Konzepte der Unterstützung beim Knüpfen von Netzwerken

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 25 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das soziale Netzwerk – Eine Definition
2.1 Die historische Entwicklung der sozialen Netzwerkforschung
2.2 Unterscheidungsmöglichkeiten im Netzwerkmodell
2.2.1 Primäre Netzwerke
2.2.2 Sekundäre Netzwerke
2.2.3 Tertiäre Netzwerke
2.3 Netzwerkanalyse: Morphologische und interaktionale Kriterien

3. Die Bedeutung sozialer Netzwerke in der Gesellschaft

4. Bedeutung sozialer Netzwerke in der Sozialen Arbeit

5. Das Konzept der „Sozialen Unterstützung“

6. Netzwerkorientierte Interventionen – Eine Definition
6.1 Die Kernelemente praxisbezogener Netzwerkarbeit

7. Konzepte sozialer Netzwerkarbeit
7.1 NetzwerkBeratungen
7.2 Empowerment
7.3 Vernetzung sozialer Dienste
7.4 Netzwerkorientierte Gemeinwesenarbeit
7.5 Soziale Netzwerkarbeit als Unterstützungsmanagment

8. Techniken sozialer Netzwerkarbeit
8.1 Netzwerkkarte
8.2 Netzwerkbrett
8.3 NetzwerkKonferenz

9. Soziale Netzwerkarbeit – Ein Ausblick für die Soziale Arbeit

10. Literaturverzeichnis

11. Internetquellen

1. Einleitung

Der deutsche Wohlfahrtsstaat steht heute in seiner bislang größten Krise. Die mangelnde Finanzierbarkeit des Sozialstaates bedroht vor allem eines – die sozialen Leistungen.

Mit Problemen wie steigende Arbeitslosigkeit und Armut haben sich viele der zentralen Vorraussetzungen für die Sozialpolitik geändert. Auf die soziale Arbeit kommt daher ein steigender Legitimationsdruck zu. Zum einen muss sie möglichst schnell zeigen, dass sie auf die mehr oder weniger neuen Problemlagen mit gültigen Handlungskonzepten antworten und adäquate Lösungswege aufzeigen kann. Zum anderen muss sie vor allem auf Grund der knappen öffentlichen Kassen beweisen, dass sie effizient und effektiv arbeitet.

Die Krise des Wohlfahrtsstaates hat das Interesse an den salutogenen Kräften der sozialen Netzwerke und auch der institutionellen Vernetzung in diesem Zusammenhang noch gesteigert.

In der heutigen gesellschaftlichen Realität ist es für viele Menschen einfach unmöglich, sich selber ein stabiles soziales Netzwerk aufzubauen, was zu einer vermehrten Isolation und Anonymität führt. Die soziale Netzwerkarbeit soll hier als Möglichkeit dienen, die Versorgungslücken zu schließen, die die primären, aber auch die sekundären Netzwerke zunehmend hinterlassen. Ihre Aufgabe ist es, den Menschen zu helfen, ihre sozialen Probleme zu lösen. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Diese Arbeit beschäftigt sich zunächst mit der Definition sozialer Netzwerke und geht dann kurz auf die Bedeutung sozialer Netzwerke für die Gesellschaft und für die Soziale Arbeit ein. Des Weiteren behandelt sie das in diesem Kontext wichtige Konzept der Sozialen Unterstützung. Die Netzwerkinterventionen und die Konzepte der sozialen Netzwerkarbeit werden im Folgenden dann definiert. Danach werden kurz einige wichtige Techniken der sozialen Netzwerkarbeit skizziert. Den Abschluss bildet ein Ausblick für die Soziale Arbeit.

Ich werde in dieser Arbeit nicht auf die Deprofessionalisierungsdebatte eingehen, die auch viel mit der sozialen Netzwerkarbeit zusammenhängt, weil dies den Rahmen sprengen würde.

2. Das soziale Netzwerk – Eine Definition

Ein soziales Netzwerk bezeichnet die Einbindung des Individuums in die ihn umgebende soziale Umwelt. Familie, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, Betriebe und Behörden kennzeichnen eine räumliche, eine funktionale und vor allem eine soziale Verbindung zwischen den Menschen. In ihrer Gesamtheit bilden diese sozialen Verbindungen ein komplexes Gerüst einer Menge miteinander verknüpfter Menschen, Organisationen und auch Orten – ein Netz eben.

Es existiert ein individuelles Netzwerk, also die subjektive Verbindung zu Familie, Freunden, Arbeitskollegen oder Organisationen.

Außerdem gibt es das organisierte Netzwerk, also die Verbindungen von Organisationen, Institutionen oder Initiativen zu anderen Einrichtungen, Behörden, Zeitungen oder etwa zur Politik. Diese Verbindungen charakterisieren das jeweilige individuelle Netzwerk der Institution, was wiederum Einfluss auf die Handlungsmöglichkeiten der Institution nimmt.[1]

Die Darstellung eines Netzwerkes innerhalb der sozialen Arbeit ermöglicht es, komplexe soziale Strukturen aufzuzeigen und Vergesellschaftungsprozesse und –formen zu beschreiben und zu untersuchen.

2.1 Die historische Entwicklung der sozialen Netzwerkforschung

Die Ursprünge der sozialen Netzwerkforschung finden sich schon in der formalen Soziologie Georg Simmels. In seinem Werk „Soziologie: Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ von 1908 beschäftigte er sich mit der „Kreuzung sozialer Kreise“.[2] Hier analysierte er unter anderem, dass „[…] die Zahl der verschiedenen Kreise […], in denen der Einzelne steht, […] einer der Gradmesser der Kultur [ist].“[3] Schon vorher benutzte Simmel in einem seiner Aufsätze den Begriff Netzwerk. Er unterstellte, dass „[…] jedes soziale Element in das Sein und Tun jedes anderen verflicht [ist] und so das äußere Netzwerk [einer Gesellschaft] zustande bringt.“[4]

Den Begriff des „Netzwerks sozialer Beziehungen“ verwendete der Anthropologe Alfred R. Radcliffe-Brown 1940 das erste Mal.[5] Radcliffe-Brown war ein Vertreter des Strukturfunktionalismus. Er konzentrierte sich auf „[…] aktuell existierende Beziehungen […], die verschiedene Menschen miteinander verbinden, [als] Netzwerk sozialer Beziehungen.“[6]

Erst 1954 schließlich prägte John A. Barnes den Begriff des „sozialen Netzwerks“ im Zusammenhang mit einer Studie über eine Gemeinde auf der norwegischen Insel Brennes.[7] Er stellte fest, „[…] dass sich das soziale Leben […] als Muster von interaktiven Beziehungen darstellen ließ […]“.[8] Es diente „[…] der gegenseitigen Unterstützung [und] Unterhaltung […]“.[9] Anhand eines Fischernetzes symbolisierte er die verschiedenen Beziehungen, in die Menschen eingebunden sind.[10]

Inzwischen scheint die Netzwerkforschung ihren Platz in den Wissenschaften gefunden zu haben. Zumindest beschäftigen sich seit Jahren Wissenschaften wie die Kommunikationswissenschaft, die Anthropologie, die Soziologie, die Psychologie und die Sozialpädagogik mit der Netzwerkforschung.[11] Das leicht verstehbare Bild der sozialen Netzwerke eignet sich einfach gut als Übersicht komplexer Zusammenhänge und als Darstellungsmöglichkeit alltäglicher sozialer Beziehungen.

2.2 Unterscheidungsmöglichkeiten im Netzwerkmodell

Innerhalb der wissenschaftlichen Netzwerkforschung gibt es viele verschiedene Differenzierungsmöglichkeiten, um die Art der sozialen Kontakte zu definieren und in ihrer Bedeutung aufzuzeigen.

Die moderne Netzwerkforschung konzentriert sich überwiegend auf das partiale Netzwerk.

Das partiale Netzwerk stellt eine Extraktion aus dem totalen Netzwerk dar, gebunden an bestimmte Kriterien.

Innerhalb der Analyse partialer Netzwerke ist die Erhebung egozentrierter Netzwerke die häufigste Form, das heißt, es geht vorrangig um das soziale Netzwerk einer einzigen Person. Es gibt verschiedene Typen egozentrierter Netzwerke, das primäre, das sekundäre und das tertiäre soziale Netzwerk, die im Folgenden erläutert werden sollen.[12]

2.2.1 Primäre Netzwerke

Primäre Netzwerke werden auch als mikrosoziale Netzwerke bezeichnet, da sie mikrosoziale Lebensbereiche betreffen. Das heißt also, der Begriff bezieht sich auf die Familie, Verwandte, Freunde, Nachbarn oder Arbeitskollegen als soziales Netzwerk.

Ein primäres Netzwerk ist ein „lokal-gemeinschaftliches Netzwerk“[13]. Die Individuen werden entweder hineingeboren oder wählen die Mitglieder ihres primären Netzwerkes selber. Die Mikrowelt gliedert sich hinsichtlich des sozialen Netzwerkes in vier Bereiche:

1. Familiäres Netzwerk: Das familiäre Netzwerk bezieht sich im Grunde auf die Kernfamilie, also Eltern und/oder Kinder und/oder die jeweiligen Geschwister. Es ist damit meistens das kleinste und auch dichteste Netzwerk sozialer Beziehungen.
2. Verwandtschaftliches Netzwerk: Zum verwandtschaftlichen Netzwerk zählt man die Großeltern bzw. die Enkel, Tanten, Onkel, Cousinen und Verwandte dritten und vierten Grades.
3. Nachbarschaftliches Netzwerk: Das nachbarschaftliche Netzwerk bezieht sich auf die Kontakte und sozialen Beziehungen zu anderen Menschen im näheren Wohnumfeld.
4. Freundschaftliches Netzwerk: Zu dem freundschaftlichen Netzwerk zählen alle selbst gewählten sozialen Beziehungen, die auf Grund nachbarschaftlicher, schulischer, beruflicher oder sonstiger sozialer Kontakte im Leben einer Person entstanden und für diese Person von Bedeutung sind.

2.2.2 Sekundäre Netzwerke

Sekundäre Netzwerke, auch makrosoziale Netzwerke genannt, gelten als „global-gesellschaftliche“[14] Netzwerke, in die Individuen hineinsozialisiert werden und die das Alltagsleben der Menschen entscheidend prägen. Bei sekundären Netzwerken handelt es sich überwiegend um Organisationen und Bürokratien, denn zu der hier betroffenen Makrowelt zählen alle privat marktwirtschaftlichen und alle öffentlich organisierten Netzwerke.

Unter marktwirtschaftlich institutionellen Netzwerken versteht man in diesem Zusammenhang Firmen oder Betriebe der Industrie oder der Dienstleistung, die auf dem Markt agieren und dem Prinzip von Angebot und Nachfrage unterliegen.

Unter öffentliche institutionelle Netzwerke fasst man alle politischen, infrastrukturellen und sozialstaatlichen Dienstleistungen, die über Steuern getragen und den Bürgerinnen und Bürgern angeboten werden.

2.2.2 Tertiäre Netzwerke

Tertiäre Netzwerke werden auch als mesosoziale Netzwerke bezeichnet. Ihre Bedeutung ist in den letzten Jahren sehr gestiegen. Sie wirken oft als vermittelnde Instanz zwischen den primären und den sekundären Netzwerken. Die tertiären Netzwerktypen sind sehr unterschiedlich und weitläufig. Zu ihnen gehören beispielsweise Selbsthilfegruppen, intermediäre professionelle Dienstleistungen und Nichtregierungsorganisationen.

2.3 Netzwerkanalyse: Morphologische und interaktionale Kriterien

Unterschieden wird innerhalb der Forschung zwischen morphologischen, also strukturellen, und interaktionalen Kriterien eines Netzwerkes.

Morphologische Kriterien:

1. Größe: Die Größe sozialer Netzwerke wird durch die Zahl der zugehörigen Personen bestimmt. Diese Personen werden einem sozialen Netzwerk durch bestimmte Kriterien zugeordnet. Bei primären Netzwerken sind dies oft Kriterien wie Wichtigkeit oder regelmäßiger Kontakt.
2. Erreichbarkeit: Erreichbarkeit bezeichnet in der Regel, wie schnell und unmittelbar festgelegte Mitglieder eines sozialen Netzwerkes erreicht werden können.
3. Dichte: Die Dichte eines sozialen Netzwerkes wird definiert durch die Anzahl der tatsächlich vorhandenen Beziehungen einer Person im Vergleich zu den möglichen Beziehungen. Eine Clique sollte beispielsweise eine Dichte von 100 % aufweisen.
4. Reichweite: Reichweite beschreibt die tatsächliche Größe eines sozialen Netzes, also wie viele Personen an dem Netzwerk eines Individuums beteiligt sind.

Interaktionale Kriterien:

1. Inhalt: beschreibt die sozialen Inhalte, die die einzelnen Mitglieder eines Netzwerkes miteinander verbindet. Diese Beziehungen können entweder uniplex oder multiplex sein. Ist die Beziehung zum Kollegen nur rein beruflicher Natur, ist sie uniplex, umfasst sie allerdings auch gemeinsame Freizeitunternehmungen, so ist sie multiplex.
2. Direktheit: bezieht sich darauf, ob eine Beziehung einseitig oder wechselseitig ist.
3. Dauer: sagt aus, wie lange eine Beziehung innerhalb eines sozialen Netzwerkes existiert.
4. Intensität: bezeichnet, ob eine Beziehung stark oder schwach ist, also die Intensität der emotionalen Bindung.
5. Häufigkeit: bezieht sich auf die Regelmäßigkeit oder auch Unregelmäßigkeit der Kontakte innerhalb eines sozialen Netzwerkes.

[...]


[1] Laireiter, Anton; Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung: Konzepte, Methoden, Befunde; Verlag Hans Huber; Bern; 1993; S.16-20

[2] Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus-Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998, S.27

[3] Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus-Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998, S.27

[4] Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus-Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998, S.26

[5] Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus-Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998; S.65

[6] Laireiter, Anton; Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung: Konzepte, Methoden, Befunde; Verlag Hans Huber; Bern; 1993, S.46

[7] Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus-Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998; S.65

[8] Röhrle, Bernd; Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung; Psychologie Verlags Union; Weinheim; 1994; S.10

[9] Röhrle, Bernd; Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung; Psychologie Verlags Union; Weinheim; 1994; S.10

[10] Keupp, Heiner; Röhrle, Bernd; Soziale Netzwerke; Campus Verlag, Frankfurt am Main; 1987, S.12

[11] Laireiter, Anton; Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung: Konzepte, Methoden, Befunde; Verlag Hans Huber; Bern; 1993, S.47

[12] Laireiter, Anton; Soziales Netzwerk und soziale Unterstützung: Konzepte, Methoden, Befunde; Verlag Hans Huber; Bern; 1993, S.17

[13] Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus-Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998; S.70

[14] Bullinger, Hermann; Nowak, Jürgen; Soziale Netzwerkarbeit: eine Einführung für soziale Berufe; Lambertus-Verlag; Freiburg im Breisgau; 1998; S.82

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638437141
ISBN (Buch)
9783638658867
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46546
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
2,0
Schlagworte
Soziale Netzwerkarbeit

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