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Der Einfluss von Deutschrap auf die Identitätsbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Masterarbeit 2018 123 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Abkürzungsverzeichnis

II. Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Eine Einführung in die HipHop-Kultur
2.1 HipHop in den USA
2.2 HipHop in der BRD
2.3 Deutschrap
2.3.1 Charakteristische Merkmale und Themenfelder
2.3.2 Gesellschaftlicher Diskurs

3 Identität und Identitätsentwicklung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund
3.1 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
3.2 Identitätsbildung im Jugendalter
3.3 Identitätsbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

4 Deutschrap und Identität – Bedeutung von Musik für die Identitätsentwicklung von Jugend lichen
4.1 Die Rolle der Musik im Leben Jugendlicher
4.2 Die Rolle von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Deutschrap
4.3 Identifikationsmöglichkeiten im Deutschrap
4.4 Schlussfolgerung für die Untersuchung

5 Forschungsdesign
5.1 Qualitative Sozialforschung
5.2 Sampling
5.3 Das Leitfadeninterview
5.4 Die Interviewdurchführung
5.5 Transkription
5.6 Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

6 Analyse der Interviewergebnisse
6.1 Biographische Aspekte der befragten Jugendlichen: „Irgendwas zwischen allem“
6.2 Bedeutung von Musik für Jugendliche: „Musik bestimmt mein Leben“
6.3 Rapper und ihr identitätsstiftendes Potenzial: „Der hat einfach genau mein Style“
6.4 Materialismus und Erfolg als Vorbildfunktion: „allein die 40K Rolli“
6.5 Peergroups, Zugehörigkeit und Abgrenzung: „Wenn die jetzt Schlager oder so hören wü rden, (…) dann würde ich mich ja auch nicht mit denen identifizieren“ 52
6 .6 Einstellung zu Deutschrap: „Wenn man die nicht als Beispiel nimmt, dann ist das OK“

7 Diskussion

8 Fazit und Ausblick

III. Literaturund Quellenverzeichnis

IV. Diskografie

V. Anhang

I. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

II. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Zusammenhänge zwischen Musik und Entwicklungsaufgaben (vgl. Münch 2002, S.73)

Tabelle 2 Kodierleitfaden nach Mayring (2000)

1 Einleitung

Die Identitätsentwicklung bei Jugendlichen stellt eine besondere Lebensphase dar. Jugendliche befinden sich während dieser Zeit in einem kontinuierlichen Prozess, bei dem sie sich sozial verorten und Entwicklungsaufgaben bewältigen müssen. Zur Unterstützung bedienen sich Jugendliche an „soziokulturelle[n] Orientierungsmuster[n]“, anhand denen sie sich identifizieren, sich zugehörig fühlen und sich abgrenzen können (vgl. Müller et al. 2002, S.9). Verschiedene Studien haben aufgezeigt, dass insbesondere die Musik und Medien als soziokulturelle Unterscheidungsmerkmale fungieren und Jugendlichen zur Orientierung in der Gesellschaft verhelfen können. Auch Müller et al. untersuchte den Einfluss von Musik und Medien auf die Identitätskonstruktion von Jugendlichen und kam zu dem Entschluss, dass Jugendliche durch die „Integration“ und durch die „Distinktion“ in Jugendkulturen, eine Identität entwickeln (2002, S.16).

In der Bundesrepublik ist insbesondere der Deutschrap eine beliebte Musikrichtung vieler Jugendlicher, die an Popularität stetig zunimmt. Dass Deutschrap in Deutschland immer mehr Jugendliche anspricht, belegen die Ergebnisse (siehe Anhang – Material 1) der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) aus dem Jahr 2016 (vgl. Weiß 2018). Laut den Anteilen des Gesamtumsatzes der Musikindustrie hat sich HipHop innerhalb von neun Jahren verfünffacht, wobei anzunehmen ist, dass der Anteil in den letzten zwei Jahren weiterhin angestiegen ist (vgl. Weiß 2018). Darüber hinaus belegen MusikStreamingportale, wie beispielsweise Spotify, dass unter den meist gestreamten Künstlern mehrere Deutschrapper vorzufinden sind (vgl. ebd.). Dass erfolgreiche Serien, wie „4 Blocks“, Rapper wie Massiv oder Veysel als Schauspieler hinzuziehen, verdeutlicht erneut, welche Präsenz Deutschrap derweil in Deutschland angenommen hat. Deutschrap gewinnt zunehmend an Popularität, gleichzeitig polarisiert das Musikgenre. Die umstrittenen Thematiken im Deutschrap, wie die Gewaltverherrlichung oder die Schwulenund Frauenfeindlichkeit, sind Auslöser für zahlreiche Skandale und werden in den Medien regelmäßig kritisch diskutiert. Ein aktuelles Beispiel hierzu bietet der AntisemitismusSkandal um Kollegah und Farid Bang im April dieses Jahres, woraufhin der Musikpreis „Echo“ abgeschafft wurde. Trotz negativen Schlagzeilen sprechen die Rapper Jugendliche an, denn die Musik bietet ihnen unterschiedliche identitätsstiftende Bezugspunkte an.

Gemäß dem Titel „ Der Einfluss von Deutschrap auf die Identitätsbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund “ liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit darin zu untersuchen, inwiefern sich der Deutschrap auf die Identitätsbildung der Jugendlichen auswirkt. In vielen wissenschaftlichen Publikationen wird der Zusammenhang zwischen Deutschrap und Migranten hergestellt und große Identifizierungspotenziale Jugendlichen mit sogenanntem Migrationshintergrund zugesprochen. Darunter fallen laut der Definition des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Personen, die „selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist“. Vor diesem Hintergrund ist das Ziel dieser Arbeit, identitätsstiftende Merkmale von Deutschrap und den Rappern zu identifizieren und die scheinbar besondere Rolle dieser Gesellschaftsgruppe zu erörtern. Mit Hilfe einer qualitativen Untersuchung soll das Ziel erreicht und mögliche Erklärungsmuster festgestellt werden. Als Erhebungsinstrument liegt das problemzentrierte Leitfadeninterview nach Witzel (2000) zugrunde.

Die Arbeit setzt sich insgesamt aus einem theoretischen und einem empirischen Teil zusammen. Zur Einführung in das Thema beginnt die Arbeit mit einem theoretischen Überblick über die Grundlagen der HipHop-Kultur. Darüber hinaus wird die Etablierung von HipHop in der BRD und seine Entwicklung zum derzeitigen kommerziellen Produkt „Gangsta-Rap“ aufgezeigt. Um die medial verbreiteten Diskurse untersuchen zu können, bieten die historischen Analysen sowohl von der amerikanischen als auch von der deutschen Perspektive ein Grundverständnis für Erklärungsansätze und ist demnach von hoher Wichtigkeit. Im zweiten Kapitel werden die Entwicklungsaufgaben nach Havighurst (1948) und theoretische Ansätze zum Identitätsbegriff vorgestellt. Das dritte Kapitel dient zur Vernetzung beider Themenblöcke. In diesem Kapitel wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung die Musik und insbesondere der Deutschrap für die Identitätskonstruktion von Jugendlichen einnimmt und inwiefern der Migrationshintergrund dabei relevant ist. Der theoretische Teil schließt mit einer Schlussfolgerung für die Untersuchung. Nachdem der theoretische Rahmen gesetzt wird, wird das Forschungsdesign im vierten Kapitel vorgestellt, welches das methodische Vorgehen detailliert aufführt. Anschließend werden die Ergebnisse der Interviews im fünften Kapitel dargestellt und im Hinblick auf die theoretischen Überlegungen analysiert. Eine Diskussion der Erkenntnisse erfolgt im sechsten Kapitel. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Untersuchung und einem Ausblick für weitere Forschungen im siebten Kapitel.

2 Eine Einführung in die HipHop-Kultur

2.1 HipHop in den USA

Die Wurzeln der HipHop-Kultur liegen in den New Yorker Stadtbezirken Harlem und der Bronx. In den 1970er Jahren waren diese Stadtteile durch die dort vorherrschenden sozioökonomischen Bedingungen geprägt. Im Zuge der Deindustrialisierung blieben die afroamerikanischen und hispanischen Gemeinschaften in den verfallenen Gebieten der Stadt, während diejenigen, die sich einen Umzug in die wohlhabenderen Gegenden leisten konnten, diese verließen (vgl. Verlan & Loh). Die Marginalisierung dieser Bevölkerungsgruppen wurde zudem durch eine hohe Arbeitslosenquote begleitet, die wiederum zu einer Zunahme von Gewalt, krimineller Banden und zu Drogenproblemen führte. Das daraus resultierende Ghetto gilt bis heute als der Ausgangspunkt für die HipHopKultur und insbesondere für den Inhalt vieler Raptexte (vgl. ebd). In dieser Phase der Aussichtslosigkeit, entwickelten die jungen Generationen kreative Ausdrucksformen, die sich zu den vier Elementen der HipHop-Kultur etablierten und zu der heutigen Definition von HipHop größtenteils beigetragen haben. Die vier Elemente umfassen das DJing, Graffiti bzw. das Writen, Breakdance und den Rap. Mittlerweile wurden die vier Elemente um das des Knowledge erweitert, welches das Wissen über die Fähigkeiten beinhaltet (vgl. Burkhard 2013, Güler Saied 2012).

Graffiti und DJing entstanden in den 1970er Jahren zwar parallel, jedoch unabhängig voneinander. Graffiti, welches eine „künstlerische Form sich in der Öffentlichkeit zu platzieren und auf sich aufmerksam zu machen“ (Güler Saied 2012, S. 21) bedeutet, prägt die urbanen Stadtbilder vieler Großstädte. Sie erstrecken sich von einfachen Namenskürzel der Künstler bis hin zu anspruchsvollen Kunstbildern. In ihren Kunstwerken können die Writer sowohl mit anderen Künstlern als auch mit der Gesellschaft in Interaktion treten. Für viele Jugendliche hat speziell diese Kunstform einen besonderen Reiz, da er anders als die anderen Elemente illegal ist und somit als rebellisch gilt (vgl. Burkard 2013). Die 1970er Jahre repräsentieren ferner ein Jahrzehnt, dass für die Disco-Szene bekannt ist. In diesem Zusammenhang fanden viele so genannten Block Parties auf den Straßen oder in Parks statt. HipHop-DJs (Disc Jokeys) grenzten sich von den herkömmlichen DJs zu dieser Zeit insofern ab, dass sie unterschiedliche Musikstile vermischten, anstatt sie übergangslos abzuspielen und mit dem Vorund Zurückdrehen der Schallplatten neue Sounds kreierten (vgl. Güler Saied 2012). Unter diesen DJs sind insbesondere Kool Dj Herc, Afrika Bambaataa und Grandmaster Flash als die Pioniere der HipHop-Kultur hervorzuheben. Zu der neu kreierten Musik und den sogenannten Breaks tanzten die B-Boys und B-Girls Breakdance. Um die feiernden Menschen weiterhin zum Tanzen zu animieren, kamen rhythmische Sprechgesänge der MCs (Master of Ceremonies) zum Einsatz. Im Laufe der Zeit wurden die Texte immer ausgereifter und mit diversen Stilmitteln verfeinert, so dass sich der heutige Rap entfalten konnte (vgl. ebd.). Die Elemente teilen einen Wettbewerbscharakter und basieren auf der Idee des Battlens, was so viel bedeutet, wie sich untereinander „zu messen“. Antreiber dieser Idee war Afrika Bambaataa, der die Organisation „Zulu Nation“ gründete, die das Ziel der Gewaltlosigkeit verfolgte. Afrikaa Bambaataa forderte seine Anhänger dazu auf, Konflikte auf kreativer statt auf gewaltsamer Ebene zu lösen, welches vor allem im Breakdance und im Battlerap wiederzufinden ist (vgl. ebd.). Die Hauptmotivation für das Praktizieren der Elemente lag zu dieser Zeit vorwiegend „in dem Streben nach Anerkennung, Bekanntheit und Spaß“ (Burkard 2013, S.18), finanzielle Aspekte dahingegen waren nicht von großer Bedeutung (vgl. ebd.).

Obwohl der Rap als letztes Element entstand, ist er das Element, das die höchste mediale Aufmerksamkeit erhält. Demnach sind es hauptsächlich Rapper, die die HipHop-Kultur aktuell in der Öffentlichkeit repräsentieren und der Begriff HipHop oft mit HipHop-Musik bzw. Rap assoziiert wird (vgl. Burkhard 2013). Der erste medial erfolgreiche Rap-Song war „Rappers Delight“ von Sugarhill Gang, der mit seiner Partystimmung die Rap-Musik sowohl für die Medien als auch für die Plattenfirmen interessant machte. Erst mit der Veröffentlichung des Liedes „The Message“ von Grandmaster Flash and the Furious Five verlagerte sich die bis dahin dominierende Partymusik auf einen gesellschaftlich-politischen Diskurs (vgl. Güler Saied 2012). Demzufolge rückte das Leben in den Ghettos der Großstädte in den Vordergrund. Umstände, wie die Repression durch Polizisten, die Zunahme an Gewaltdelikten und des Drogenkonsums sowie die Bildung von kriminellen Banden, die in den sogenannten „Hoods“ zum Alltag vieler afroamerikanischer Bewohner gehörten, wurden verstärkt in den Texten der Rapper artikuliert (vgl. Kelley 1996).

Parallel, jedoch unabhängig zu den Entwicklungen in den New Yorker Stadtteilen, zeigte die Deindustrialisierung Mitte der 1980er Jahren ihre Folgen auch an der Westküste der USA. Hier setzten sich Rapper mit den Folgen der Deindustrialisieung innerhalb ihrer Raptexte unter der Bezeichnung „Gangster-Rap“ auseinandersetzten. Mit der Veröffentlichung des Albums OG (Original Gangsta) von dem Rapper Ice-T im Jahr 1991 wurde Gangsta-Rap zum ersten Mal in den Medien präsent. Im Jahr 1992 gewann mit dem Eintreten der Los Angeles Riots, nachdem weiße Polizisten in Folge von starker körperlicher Gewalt an einen afroamerikanischen Bürger freigesprochen wurden, sowohl in den Medien als auch in der Politik an noch größerer Aufmerksamkeit (vgl. ebd.). Die Kritik an die polizeiliche Unterdrückung ist vor diesem Hintergrund eines der zentralen Themen, auf die der US-amerikanische Gangsta Rap zurückgreift (vgl. Kelley 1996).

Mit dem in den 1980er Jahren verstärkten Auftritt des Gangsta-Rap in den Mainstream Medien wurde dieser durch die Musikindustrie zunehmend kommerzialisiert. Die Vermittlung von umstrittenen Themen, wie Sexismus, Rassismus und Homophobie, rückten in das Bewusstsein der Bevölkerung und führten zu vielen gesellschaftlichen Diskussionen (vgl. Güler Saied 2012). Obwohl diese Themen bereits ein fester Bestandteil der amerikanischen Kultur waren, wurden die Rapper von den Massenmedien z. T. für diese Umstände verantwortlich gemacht (vgl. Kelley 1996). Als ein Grund dafür ist hervorzuheben, dass für die Musikindustrie nicht mehr das Verkaufen der Musik im Vordergrund stand, sondern vielmehr das Vermarkten von Images, das größtenteils zur Erzeugung der Stereotype über schwarze Männer beitrug. Die Inszenierungen von drogendealenden Gangstern und Zuhältern führte zu einem enormen kommerziellen Erfolg und beförderte den HipHop zu einem milliardenschweren Geschäft (vgl. Güler Saied 2012). Hieraus resultiert, dass Rapper mittlerweile ausschließlich Musik produzieren, die den Wünschen und Erwartungen des Massenmarktes entsprechen (vgl. Kelley 1996). Das Zeitalter der Kommerzialisierung des HipHop ist auch unter dem Namen „Golden Era des Rap“ (Güler Saied 2012, S.36) bekannt. Während dieser Zeit breitete sich die HipHopKultur auf globaler Ebene aus und gewann insbesondere in Frankreich und in der BRD an hoher Popularität (vgl. ebd.).

2.2 HipHop in der BRD

Durch Breakdanceund Gangster-Filme wie „Wild Style“ wurde HipHop Mitte der 1980er global bekannt und verbreite sich in dieser Goldenen Era in kürzester Zeit auf der ganzen Welt. Obwohl sie ihren Ursprung in den USA hat, wird HipHop je nach Lokalität neu aufgefasst und unterschiedlich interpretiert. In Deutschland begeisterte HipHop insbesondere Jugendliche aus Einwandererfamilien, die im Zuge der Gastarbeiteranwerbung in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen (vgl. Güler Saied 2012).

Verlan und Loh (2015) fassen die Entwicklung von HipHop in Deutschland unter dem Aspekt der Repräsentationen der Akteure in der HipHop-Kultur zusammen. Die erste Phase, welche sich zeitlich zwischen den Jahren 1985 und 1991 verorten lässt, repräsentiert HipHop als ein globales Phänomen. Das Phänomen HipHop erfolgte nicht über die Medien, sondern fand nur innerhalb der Fangemeinschaften statt. Die Mitglieder der Jugendkultur trafen sich überregional zu sogenannten Jams, bei denen der Spaß am DJing, Breakdancen, Sprühen und am Battlerappen im Vordergrund stand. Die ethnische Herkunft spielte hierbei keine Rolle, denn die HipHopper sahen sich einer globalen Kultur zugehörig, die weit entfernt von einer nationalgeprägten Auslegung war.

Zwischen den Jahren 1992 und 1999 neigte sich das globale Verständnis mit dem Erfolg der HipHop Gruppe Die Fantastischen Vier dem Ende zu. Die von den Medien häufig rezipierten Pioniere des Deutschen HipHop lösten mit ihrer Musik unter dem Label „Neuer Deutscher Sprechgesang“ ein großes Interesse bei den Medien aus und erschlossen einen neuen Konsumentenmarkt für Bürger aus mittelständischen Milieus. Der mediale Erfolg des deutschsprachigen Sprechgesangs wurde zudem größtenteils durch die Vereinigung Deutschlands verstärkt, da zu dieser Zeit das Verlangen nach deutschem Nationalbewusstsein besonders hoch war. Obwohl zu Beginn der 1990er Jahre Rap-Musik von Künstlern mit Migrationshintergrund bereits auf deutscher Sprache vertreten war, wurde ihre Musik kommerziell kaum herangezogen (vgl. Güler Saied 2012). Vereinzelt tauchten Rapstücke von Künstlern aus Einwandererfamilien in den Medien auf, jedoch nur vor dem Hintergrund ihrer ethnischen Herkunft und nicht aufgrund ihrer künstlerischen Talente (vgl. Güler Saied 2012). Diese Umstände führten dazu, dass die Begeisterung junger migrantischer HipHopper am deutschsprachigen Sprechgesang allmählich verschwand. Parallel dazu verschwanden mit dem kommerziellen Erfolg des Deutschrap auch die Elemente der HipHop-Kultur und mit ihnen rückten auch die Jams immer weiter in den Hintergrund.

Nach der Jahrtausendwende bis in das Jahr 2007 dominierten Rapper wie Bushido, Azad, Kool Savas und Eko Fresh die HipHop-Branche in Deutschland. Diese Künstler widersprachen den Vorstellungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft, denn sie repräsentierten sich als die von der Gesellschaft gefürchteten „Gangster“ aus Brennpunktviertel. Das Image des bedrohlichen dunkelhaarigen Fremden wurde zusätzlich durch die medial verbreiteten – hauptsächlich negativ konnotierten – Diskurse über den Straßenrap nach den Anschlägen vom 11. September verstärkt (vgl. Verlan & Loh 2015). Der deutsche Gangsta-Rap entwickelte sich mit dem Label „Aggro Berlin“ zu einem enorm erfolgreichen Musikmarkt. Die Texte wurden zunehmend provokant und durch zahlreiche Skandale medial durchgehend präsent. Ähnlich wie in den USA stand zu dieser Zeit nicht die ethnische Herkunft des Rappers im Vordergrund, sondern die sozialen Verhältnisse, aus denen dieser stammte (vgl. ebd.). Des Weiteren war diese Zeitphase von Raptexten gekennzeichnet, in denen die Rapper sich gegenseitig „dissten“ (vom Englischen disrespect), was so viel bedeutet wie, sich gegenseitig verbal zu beleidigen und zu bedrohen. Beispielsweise veröffentliche der Rapper Eko Fresh 2004 seinen Song „Die Abrechnung“, in dem er u.a. seinen Rapper Kollegen Kool Savas „disst“, der wiederum mit seinem Track „Das Urteil“ auf die Androhungen reagiert. Hier wird der für den HipHop typischen „Call and Response“ Charakter deutlich (Güler Saied 2012, S.73). Gleichzeitig kehrte die BattleIdee des amerikanischen HipHoppers Afrika Bambaataa zurück, allerdings in abgewandelter Form. Obwohl seine Ursprungsintention war, Auseinandersetzungen gewaltfrei zu lösen, haben die sogenannten „Diss-Songs“ u.a. in Deutschland eher zu der Erzeugung von Konflikten geführt (vgl. Verlan & Loh 2015).

Ab dem Jahr 2008 lässt sich der Deutschrap zunehmend unter dem Aspekt des Nationalchauvinismus betrachten, welcher sich als „der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Gruppe“ (ebd., S.98) definieren lässt. Rapper mit Migrationshintergrund begannen immer mehr die ethnische Herkunft in ihren Raptexten zu artikulieren. Verdeutlicht wird dies vor allem in den Videoclips, in denen unterschiedliche Nationalflaggen im Hintergrund vorgeführt werden (vgl. Verlan & Loh 2015). Darüber hinaus gibt es einige Rapper, die bereits in ihren Künstlernamen den Bezug zu ihrer ethnischen Herkunft repräsentieren, wie z.B. Kurdo oder Du Maroc. Der Chauvinismus lässt sich dennoch nicht nur auf jene Künstler aus Einwandererfamilien beschränken. Der Rapper Fler betont beispielsweise in seinem Lied „Fremd im eigenen Land“ seinen Stolz deutscher Herkunft und somit ein Teil einer starken Nation zu sein. Mit dem Nationalchauvinismus geht gleichzeitig auch die Ablehnung anderer kultureller oder religiöser Zugehörigkeiten einher. Der Antisemitismus, beispielsweise, ist bis heute noch ein umstrittenes Thema, mit dem die Rap-Szene konfrontiert ist (vgl. ebd.).

Ab dem Jahr 2010 und mit Ende des Aggro Berlin Labels, lässt sich eine neue Entwicklungsphase von Deutschrap erkennen. Der Rap wird melodisch und inhaltlich vielfältiger. Mit dem Erfolg des Albums „Raop“ von Cro, welcher im Titel schon auf die Verschmelzung der Musikstile Rap und Pop hindeutet, kam eine Kontroverse in der RapSzene hervor. Ähnliches trifft auch auf den Rapper Casper zu, der verschiedene Genre miteinander kombiniert. Sowohl inhaltlich als auch melodisch betrachtet, lässt sich ein Wandel von klassischen „migrantischen Gangsta-Rap“ zu einem immer mehr radiotauglichen Stil erkennen. In den letzten Jahren hat sich der Deutschrap parallel zum Gangsta-Rap zudem in Richtung Trap entwickelt, welches ein weiteres Subgenre des HipHop ist. Vertreter dieser Szene sind Rapper, die aktuell die deutschen Charts erobern, wie Nimo, Ufo361 oder Rapper der KMN Gang. Charakteristisch für diese Phase ist, dass die Stimmen der Rapper durch stimmverfremdende Effekte unterlegt werden. Der Rap wird mit Gesang ergänzt, der mit dem sogenannten Autotune und den elektronischen Beats die Raplieder von den klassischen Gangsta Songs abgrenzt (vgl. o.V., 2017).

Der Wandel des HipHop in der BRD lässt sich insofern zusammenfassen, dass zu Beginn der HipHop mit all seinen Elementen als globale Jugendkultur in Deutschland vertreten war. Mit der Zeit nahmen nationale und ethnische Bezugspunkte eine immer wichtigere Rolle ein, welches sich vor allem durch die Überzahl der Rapper aus Einwandererfamilien bemerkbar macht. Grundsätzlich hat der deutsche HipHop nichts mehr mit der ursprünglichen Kultur des HipHop gemeinsam. Das Gefühl der Zugehörigkeit einer globalen Kultur verschwindet zunehmend. Im Vordergrund steht der kommerzielle Rap, der die Anhänger der Rap-Szene von den ursprünglichen Botschaften des Old School-HipHop befremdet. Auf der anderen Seite zählt Deutschrap mittlerweile zu der populärsten Musikrichtung deutscher Jugendlicher. Die Künstler sind erfolgreiche Unternehmer, die Images durchdacht vermarkten und den Jugendlichen Identifikationsmöglichkeiten anbieten.

2.3 Deutschrap

2.3.1 Charakteristische Merkmale und Themenfelder

Wie sich bereits aus dem vorherigen Kapitel schlussfolgern lässt, unterliegt der Deutschrap und die thematischen Inhalte einem ständigen Wandel. Hinsichtlich der letzten Entwicklungen ist der größte Teil des Deutschrap gleichzusetzten mit dem Gangstaoder Straßen-Rap, dessen Themenfelder sich wie ein roter Faden durch zahlreiche Raptexte ziehen. Die Themenfelder sind grundlegend für die Entstehung gesellschaftlicher Diskurse aber auch für das Identifikationspotenzial. Um Wiederholungen in den folgenden Kapiteln zu vermeiden, werden die Themenfelder lediglich kurz angerissen.

Eines der Hauptelemente des Gangsta-Rap ist die eigene Lebensgeschichte darzustellen. Sich selbst zu thematisieren und dabei die eigene soziale oder ethnische Herkunft, die gesellschaftlichen Barrieren, den Kampf um Anerkennung sowie weitere Ereignisse aus dem eigenen Leben zu beschreiben, bilden dabei das Fundament für die Inhalte der Raptexte (vgl. Fröhlich & Roder 2017). Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie und die Selbstdarstellung beschränkt sich dabei nicht nur auf die Texte, sondern erfolgt zudem überwiegend über die Selbstrepräsentation auf sozialen Medien (vgl. ebd.).

Rapper thematisieren ihr Leben auf der Straße und greifen dabei oftmals auf ihr eigenes Wohnviertel zurück. In den Raptexten wird das eigene Viertel oft mit dem Ghetto gleichgesetzt, indem Drogen und Kriminalität zum Alltag der Einwohner gehören. Die Hervorhebung des eigenen Viertels dient der Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft, die als ein weiterer dominanter Faktor hervorzuheben ist. Sie erzählen von Ausgrenzungspraktiken und Fremdheitserfahrungen, welche die Beibehaltung und Hervorhebung der eigenen Kultur in den Raptexten verstärkt (vgl. Seeliger 2017). Auf diese Weise stellen sie Differenzen zwischen ihnen und der Mehrheitsgesellschaft her (vgl. Güler Saied 2012). Auf der anderen Seite werden Stereotypen und Klischees reproduziert, die zu dem kommerziellen Erfolg des Gangsta-Rap beitragen.

Die Betonung des eigenen Lebensweges bezweckt außerdem die Einhaltung des „keeping it real“-Prinzip im HipHop. Dass bedeutet, dass eine gewisse Authentizität bzw. Realness gewährleistet werden soll, indem Rapper einen bestimmten Erfahrungswert mit sich bringen (vgl. Güler Saied 2012). Vor dem Hintergrund der Realness geraten einige Rapper, wie z.B. Kollegah, in eine Situation, in der sie sich für abweichende Lebenswege rechtfertigen müssen, wie studiert zu haben oder aus gutem Elternhaus zu stammen (vgl. Ernsing 2015). Auch Sido oder Bushido werden kritisiert, da sie durch ihren Erfolg nicht mehr den Gesellschaftsverlierer verkörpern. Aus diesem Grund integrieren sie Verse wie „Scheiß egal wie viel Geld ich schon verdient hab/ Ich bleib für immer dieser Junge der gedealt hat“ (Bushido – Alles verloren), „Denn egal wohin du gehst / Es kommt drauf an, wo du herkommst“ (Sido – Mein Block), um zu betonen, dass sie trotz des Erfolges, ihre Vergangenheit nicht vergessen haben und legitimieren auf dieser Weise ihre Authentizität.

Wohlgemerkt ist der Erfolg ein weiteres wichtiges Themengebiet in den Texten der Rapper. Infolgedessen heben sie mehrmals ihren Lebenslauf von der sozialen Unterschicht bis hin zum erfolgreichen Großverdiener hervor. Dabei betonen sie den sozialen Aufstieg ohne fremde Hilfe und bloß aus Eigenverantwortung erreicht zu haben (vgl. Ernsing 2015). In den Texten sowie in den sozialen Netzwerken vermitteln Rapper Werte wie „Authentizität und Ehrlichkeit, Maskulinität, Luxus und Erfolg, (…) aber auch Selbstverantwortung sowie die Unabhängigkeit von klassischen Institutionen (beispielsweise dem Bildungssystem, der Polizei oder anderen staatlichen Institutionen)“ (Fröhlich & Roder 2017, S.139). Hinzukommt, dass Rapper Materialismus und Wettbewerb auf einer exzentrischen Art und Weise verbreiten (vgl. Bendel & Röper 2017). Beispielsweise propagiert der Rapper Capital Bra für die Luxusmarke Gucci in seinem Song von 2017 „Nur noch Gucci“ und UFO361 wirbt in seinem Song „Balenciaga“ für das Modeunternehmen. Generell ist eine Zunahme der Erwähnung von Designermarken oder Luxus-Automarken in den Raptexten zu beobachten. So rappt z.B. Shindy über den Panamera Flow , Farid Bang und Fler über den Mercedes AMG und Raf Camora über den Maserati. Die von den Rappern vermittelnden Werte drücken „das Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung“ (Bendel & Röper 2017, S.107) aus, die eng mit einer „Überkompensation“ (ebd.) verknüpft ist. Das bedeutet, dass ein Individuum gerade dann das Bedürfnis hat, das gesellschaftliche Ideal zu erfüllen, wenn ihm die gesellschaftliche Anerkennung vorenthalten wird. Aus diesem Grund dominieren selbstaufwertende Verse (Boasten) und die Überhöhung der eigenen Person in zahlreichen Raptexten, die nicht das Ziel verfolgen sich von den unteren sozialen Klassen abzugrenzen, sondern vielmehr von jeder einzelnen Person (vgl. Ersing 2015). Die Überhöhung des Selbst wird ferner durch das eigene Erscheinungsbild verstärkt. Körperliche Selbstoptimierung durch Muskelmasse wird beispielsweise in allen drei Teilen des Albums „Jung, brutal, gutaussehend“ der Rapper Kollegah und Farid Bang gepredigt. Bereits der Titel des Albums suggeriert die Botschaft, dass eine kräftige Statur erstrebenswert ist, um sich abzuheben und überlegen zu sein.

Das Männlichkeitskonzept spielt infolgedessen eine signifikante Rolle in den Bildwelten des Deutschrap. Ähnlich wie im US-amerikanischen Gangsta-Rap herrscht eine Assoziationskette zwischen Gewalt, Härte und Männlichkeit, die in kommerzialisierter Form durch dieselben Muster repräsentiert werden: muskulöse Rapper mit Tattoos, Drogen, und Waffen (vgl. Güler Saied 2012, S.76). Die Hypermaskulinität wird genau wie beim amerikanischen Hiphop durch die Figur des Zuhälters verkörpert, dennoch ist die Bildfigur des „Hustlers“ in Deutschland nicht derart ausgeprägt, wie in den USA. Trotzdem bedienen sich viele Rapper an den Attributen des Zuhälters, um ihre Machtposition zu demonstrieren und ihre Imagebildung als „harter Gangster“ zu verstärken. Der „Gangsta“ lehnt die Verweiblichung bzw. Entmännlichung ab, welches sich anhand der schwulenund frauenfeindlichen Texte bemerkbar macht. Darüber hinaus lässt sich die „Härte“ in den vulgären Wortwahlen der Rapper entnehmen, welche auf CDs mit dem Vermerk „explicit Lyrics“ signalisiert werden. Je brutaler und bedrohlicher die Wortwahl, desto mehr entsprechen die Subjekte dem Anforderungsprofil eines „Gangsters“ (vgl. Scharenberg 2001).

Letztendlich ist das, was Gangsta-Rap ausmacht nicht die musikalische Komponente, sondern hauptsächlich das Attribut „Gangsta“, das diesem Genre zugeschrieben wird. Das Attribut beschreibt dabei lediglich ein soziales Konstrukt, das gesellschaftlich produziert und reproduziert wird (vgl. Behrens 2017). Vor diesem Hintergrund ist zu hinterfragen, ob die Themen tatsächlich der Authentizität dienen, oder ob sich die Rapper eine „aufmerksamkeitsökonomische Kompetenz“ (ebd., S.292) angeeignet haben, um ihre Inszenierung geschickt zu vermarkten.

2.3.2 Gesellschaftlicher Diskurs

Rap-Musik und insbesondere der Gangsta-Rap wird in den Medien überwiegend in einem negativen Kontext diskutiert. Skandale, wie die „Auschwitz-Zeile“ der Rapper Farid Bang und Kollegah, bieten Kritikern eine Angriffsfläche und den Medien zahlreiche neue Schlagzeilen. Angesichts der in den letzten Jahren veröffentlichten Artikel und den begrifflichen Zuschreibungen zu dem Thema Deutschrap lassen sich folgende negative Kernaussagen zusammenfassen: Deutschrap ist gewaltverherrlichend, Deutschrap ist diskriminierend und Deutschrap wird von „bösen Ausländern“ unternommen, die die Jugend und moralische Werte verderben. Dem gegenüber stehen Oppositionen, die behaupten, dass Rap als eine Art künstlerisches Ausdrucksmittel gesehen werden müsse.

Eines der meist diskutierten Themen in der Rap Szene ist, dass Rap gewaltverherrlichend sei. Es wird angenommen, dass Jugendliche, die die gewalttätigen Texte hören, ebenfalls dazu animiert werden Rapper und ihre Handlungen zu imitieren. Diese Annahme beruht auf dem Glauben, dass das Konsumieren von gewaltsamen Inhalten, ähnlich wie bei Videospielen, zu gewalttätigen Verhaltensweisen führt (vgl. Güler Saied 2012). Obwohl bislang keine Studien den direkten Zusammenhang zwischen dem Konsumieren und dem Handeln von Gewalttaten bestätigen konnten, kann ein negativer Einfluss dennoch nicht ganz ausgeschlossen werden. Obwohl die Gewaltbereitschaft in verschiedenen Szenen präsent ist, wie z.B. bei Hooligans oder Rechtsrockern, wird Gewalt zumeist in Verbindung mit Rap gebracht. Die Studie von Carrie B. Fried bestätigt, dass der Zusammenhang zwischen Gewalt und Rap-Musik eine weitverbreitete Assoziation ist. Sie fand heraus, dass ein Country-Song mit dem Text eines Rap-Liedes von den Probanden als weniger gewaltsam empfunden wurde, als derselbe Text in einem Rap-Song (vgl. Rose 2008). Das Vorurteil kann dadurch zu Stande kommen, dass Medien Rap-Musik oft in Kombination mit Gewaltszenen verwenden. Beispielsweise wird Rap oft als Hintergrundmusik bei Filmausschnitten, wie z.B. in Gefängnissen oder Ghettos, gespielt, die Assoziationen mit Gewalt hervorrufen und folglich unbewusst den Zusammenhang verstärken. Auch Schlagzeilen wie beispielsweise „Rapper-Krieg“1 tragen zu solchen Vorurteilen bei. Darüber hinaus werde Rap-Musik als gewaltverherrlichend kritisiert, weil viele Kritiker die Texte wortwörtlich nehmen und viele Verse aus dem Kontext heraus bewerten. Dabei würden sie nicht mit einbeziehen, dass Rapper bewusst in diese Inszenierung investieren, um der Anforderung der street credibility gerecht zu werden (vgl. Rose 2008). Generell dient die Inszenierung und Vermarktung des Gewaltprodukts der Unterhaltung der Gesellschaft.

Neben der Kritik an der Gewaltverherrlichung wird auch zunehmend über Diskriminierungspraktiken von Frauen und Homosexuellen medial diskutiert. Es ist eindeutig erkennbar, dass die Rap-Szene eine männerdominierte Musikrichtung darstellt. Diese Dominanz macht sich in Raptexten insofern bemerkbar, dass Personen, die dem Männlichkeitskonzept widersprechen degradiert werden. Die Hervorhebung von „patriarchalischen Machtstrukturen“ (Kelley 1996, S.216) fallen in diesem Kontext unter den amerikanischen „Pimp Style“ (vgl. ebd.). Frauen werden mit herabwürdigenden Bezeichnungen, wie „Bitch“, „Pussy“ oder „Hoe“, etikettiert und als sexuelles Statusobjekt illustriert. Aber auch von weiblichen Rapperinnen wird das Konzept der „Bitch“ aufgegriffen; nur anders als bei ihren männlichen Kollegen, benutzten sie den Begriff, um ihre „Selbstbestimmung und Sinnlichkeit“ (Bifulco & Reuter 2017, S.163) zu betonen und um die Machtstrukturen der Männer zu verunsichern. Im deutschsprachigen Raum polarisiert beispielsweise die Rapperin und ehemalige Prostituierte Schwesta Ewa und führt zu neuen Diskursen in der männerdominierten Rap-Szene. Durch ihr feministisches Empowerment zeigt sie, dass Eigenschaften wie Härte und Gewalt nicht durch das biologische Geschlecht ableitbar sind, wodurch sie das „Weiblichkeitsideal im Rap“ (Bifulco & Reuter 2017, S.70) herausfordert. Die herabwürdigende Haltung gegenüber Frauen entstehe insofern durch die Angst, die Kontrolle auf das weibliche Geschlecht zu verlieren (vgl. ebd.). Verteidiger dieser Anschuldigung argumentieren, dass der Rap Sexismus nicht erfunden hat, sondern Sexismus vielmehr ein systematisches Problem der westlichen Kultur sei. Tatsächlich ist die Rap-Musik nicht die einzige Branche, in der Frauen objektiviert werden. Dies bedeutet aber keineswegs, Sexismus zu akzeptieren (vgl. Rose 2008).

Seit den Skandalen der umstrittenen Textzeilen „Und ticke Kokain an die Juden von der Börse“ von Haftbefehl im Jahr 2014 oder „Mein Körper definierter als von AuschwitzInsassen" von Farid Bang und Kollegah im Jahr 2017 steht Deutschrap unter der Kritik antisemitisch zu sein. Antisemitische Anschuldigung gab es bereits in früheren Jahren im Deutschrap, jedoch werden diese seit dem großen Erfolg der Rapper in den Mainstream Charts verstärkt beleuchtet. In vielen Texten wird zwar die Abneigung gegen Juden nicht explizit genannt, trotzdem erfolgen die antisemitischen Analogien auf struktureller Ebene. So bedienen sich Rapper beispielsweise an Klischees, indem sie negative Bezüge zum Bankenzins oder Verschwörungstheorien herstellen (vgl. Nowotny 2016). Es gibt allerdings nicht nur diverse Zeilen, die antisemitische Analogien beinhalten, sondern auch politische Sichtweisen zum Nahostkonflikt, die für Aufsehen sorgen. Beispielsweise starten die Rapper Fard und Snaga ihren Song „Contraband“ mit „Pro Mudschaheddin, pro Palestine“ und kritisieren später die „Politik aus Tel Aviv“. Diese Kritik an der israelischen Regierung sollte dennoch nicht mit dem Antisemitismus gleichgestellt werden. Vielmehr kann die Haltung gegen Israels Politik darauf zurückgeführt werden, dass viele Deutschrapper dem muslimischen Glauben angehören und aus diesem Grund für Palästina sympathisieren. Auch beim Betrachten der ganzen Strophe des Liedes „0815“ von Farid Bang und Kollegah lässt sich neben der Ausschwitzzeile zusätzlich folgende Verse finden: „Diese Syrer vergewaltigen dein Mädel, Bitch“. Hieran wird deutlich, dass die beiden Rapper generell provokante Textzeilen verwenden, um ihr Image als Störenfriede der Gesellschaft zu untermauern und um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen.

Folglich sollte die gesellschaftliche Kritik am Deutschrap hinterfragt werden. Denn wie bereits erwähnt, stellen die Themen Inszenierungen dar, die Rapper bzw. Plattenfirmen bewusst einsetzten, um die Verkaufszahlen zu erhöhen. Dennoch sollte berücksichtigt werden, dass kein Medium solch einen großen Einfluss auf Jugendliche hat wie die RapSzene. Rapper integrieren gewaltverherrlichende und/oder sexistische Inhalte bewusst in ihre Texte und tragen somit zu der Glorifizierung dieser bei und verstärken auf dieser Weise den Zuwachs und dessen Aufrechterhaltung. Auf der anderen Seite bedienen sie sich gezielt an den gesellschaftlichen Diskursen, weil Rapper, wie Kollegah und Farid Bang bewusst provozieren und sich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen wollen. „Popular Culture is always a culture of conflict, it always involves the struggle to make social meanings that are in the interest of the subordinate and that are not those preferred by the dominant ideology“ (Fiske 1993, S.3). Deutschrapper beabsichtigen Störenfriede der deutschen Gesellschaft zu sein und das macht sie gerade für Jugendliche attraktiv. So können die Rapper für mehrere Skandale verantwortlich sein, sie werden dennoch von ihren Fans honoriert und mit etlichen Musikpreisen, wie beispielsweise mit dem Echo, ausgezeichnet (vgl. Behrens 2017).

3 Identität und Identitätsentwicklung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

3.1 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter

Hurrelmann & Quenzel (2013, S.5) verweisen auf die Besonderheit der Jugendphase in der Identitätsentwicklung eines Individuums, denn diese Lebensphase biete „große Freiräume für die Gestaltung der Lebensführung“. Die Jugendphase lässt sich nicht einheitlich definieren, da unterschiedliche Faktoren, wie z.B. biologische Gegebenheiten oder das Alter, zur Bestimmung von Jugend herangezogen werden können. In der sozialwissenschaftlichen Jugendforschung wird Jugend hinsichtlich der „gesellschaftlichen Bedingungen des Heranwachsens“ (Scherr 2009, 17) definiert und an das Konzept der Entwicklungsaufgaben von Robert J. Havighurst (1948) angeknüpft.

Das Konzept der Entwicklungsaufgaben beschreibt Anforderungen, die aus biologischen Veränderungen, Erwartungen des sozialen Umfelds sowie Erwartungen vom Individuum an sich selbst resultieren. Nach Havighurst’s Konzept erstrecken sich die Entwicklungsaufgaben vom Säuglingsbis zum Erwachsenenalter, was bedeutet, dass jeder Mensch in seinem Leben konstant mit der Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben konfrontiert ist. Für das Jugendalter, welches Havighurst zwischen 12 und 18 Jahren einordnet, werden zentrale Anforderungen aufgelistet, wie z.B. den Aufbau von sozialen oder sexuellen Beziehungen, die Integration in Peergruppen, die frühe Entwicklung der Selbstständigkeit und Selbstverantwortlichkeit, die Vorbereitung auf das Berufsund das Erwachsenenleben, die politische Orientierung sowie die Identitätsentwicklung. Ein Entwicklungsbedarf besteht dann, wenn für Jugendliche eine Abweichung zwischen dem aktuellen Zustand und dem gewünschten Zustand bezüglich der Bewältigung einer Aufgabe herrscht. Wie Jugendliche den Entwicklungsbedarf kompensieren, kann von Fall zu Fall variieren. Durch eine Vielzahl an Möglichkeiten bearbeiten Jugendliche die Entwicklungsaufgaben ganz unterschiedlich (vgl. Münch 2002). In dem Konzept der Entwicklungsaufgaben wird stark von einer klar festgelegten Übergangsphase ausgegangen. Allerdings ist die Jugendphase in der modernen Gesellschaft gekennzeichnet durch einen uneinheitlichen und nicht homogenen Verlauf, so dass sich bestimmte Entwicklungsaufgaben zeitlich verschieben können und teilweise nicht ganz definierbar sind (vgl. ebd.).

3.2 Identitätsbildung im Jugendalter

Die Jugendphase ist geprägt von Veränderungen der Persönlichkeit und damit einhergehenden Krisen. Die Identitätsbildung stellt eines der wichtigsten Prozesse im Jugendalter dar, da sie für die Zukunftsorientierung grundlegend ist. Grundsätzlich handelt es sich bei der Identität um die „Herstellung einer Passung zwischen dem subjektiven ‚Innen‘ und dem gesellschaftlichen ‚Außen‘, also zur Produktion einer individuellen sozialen Verortung“ (Keupp 2009, S.3). Das bedeutet, dass die Identitätsbildung in einem Wechselverhältnis zwischen dem Selbstverständnis und den Fremdzuschreibungen der Gesellschaft steht. Hierin wird der „Doppelcharakter“ (ebd.) ersichtlich, denn einerseits soll das Individuum etwas Einzigartiges und Individuelles darstellen, andererseits soll es sich den Normen und Erwartungen der Gesellschaft anpassen. Dies bedeutet aber nicht, dass das Individuum bei der Identitätsbildung vermeintliche Widersprüche auflösen muss, vielmehr ist die sinnvolle Vereinigung der unterschiedlichen Faktoren für eine gelungene Identitätsentwicklung entscheidend (vgl. Suna 2013). In diversen diskursiven Zusammenhängen ist der Begriff Identität häufig als Ich-Identität, Geschlechtsidentität oder teilweise als nationale oder kulturelle Identität wiederzufinden. Dies verdeutlicht, dass Identität als Sammelbegriff für unterschiedliche Sachverhalte genutzt wird und aus diesem Grund zu unklaren Konzeptionen führen kann.

Um den Rahmen dieser Arbeit einzuhalten, werden im Folgenden die Theorien vorgestellt, die den Identitätsbegriff anhaltend geprägt haben und für das Verständnis dieser Arbeit grundlegende Erklärungsansätze bieten. Zu den grundlegenden Identitätskonzepten gehört das Modell der psychosozialen Entwicklungsstufen von Erik H. Erikson (2017). Erikson vertritt die Ansicht, dass der Mensch einem lebenslangen einheitlichen, stabilen und kontinuierlichen Identitätsprozess ausgesetzt ist und diesen in verschiedenen Entwicklungsphasen chronologisch durchläuft. Dabei geht er von einer homogenen traditionellen Gesellschaft aus, in der es geregelte Strukturen gibt. Demgegenüber stehen die Konzepte, wie z.B. die Theorie der Patchwork-Identität von Heiner Keupp (1999) oder Giddens (1991), die den Identitätsbegriff in Folge von postmodernen Umstrukturierungen neu konzipiert haben. Erikson’s Modell wurde hinsichtlich des von ihm angenommenen kontinuierlichen Durchlaufen der Stufen bis hin zu einem stabilen Erwachsenenalter kritisiert. Er ginge von einer kontinuierlichen und berechenbaren Gesellschaft aus, in die sich das Individuum zweifellos einbinden könne. Dabei kritisiert Keupp, dass gegenwärtige gesellschaftsprägende Faktoren, wie die Individualisierung, Pluralisierung, Digitalisierung und Globalisierung in dem Modell nicht miteinbezogen werden. Das bedeutet, dass angesichts der ganzen neuen gesellschaftlichen Strukturen ein Individuum nicht eindeutig einer von Erikson vorgeschlagenen Entwicklungsstufe zuzuordnen ist (vgl. Keupp 2009).

Derweil wirken sich vielfältige Umgebungsfaktoren auf den Menschen aus, so dass der Begriff Identität von den neueren Auffassungen als „aktiver und reflexiver Identifikationsprozess mit der Umwelt“ (Suna 2013, S.50) verstanden wird. Der Jugendliche ist somit aktiv in seiner Identitätsentwicklung involviert, indem er die Informationen aus seiner Umgebung aufnimmt, nach Bedeutung filtert und sie für seinen Identifikationsprozess bewertet (vgl. ebd.). Der Jugendliche versucht dadurch seine soziale Rolle in der Gesellschaft zu finden und sich zu positionieren. Hall (1994, S.196) sieht die soziale Verortung durch Identifizierungsprozesse als Erweiterung des Identitätskonzepts. Identität und Identifikation sind infolgedessen eng mit der Frage nach Zugehörigkeit verbunden. In der sozialpsychologischen Forschung wird der Zusammenhang zwischen Identität und Zugehörigkeit oft unter der Social Identity Theory verstanden, nach der Menschen in verschiedenen sozialen Gruppen, denen sie zugehören (Ingroups), unterschiedliche Identitäten aufweisen. Während sie Ähnlichkeiten zu den Ingroups herausstellen, grenzen sie sich von Fremdgruppen (Outgroups) ab (vgl. Zander & Hannover 2013). Die Identifikationsbildung über die Gruppe erweist sich insbesondere für Jugendliche als wichtiger Faktor (vgl. ebd.).

Zusammengefasst stellen Identifikationsprozesse mit der Umwelt, die der sozialen Positionierung dienen und demnach die Identifikationsbildung über die Ingroup ermöglichen die Grundlagen der Identität dar.

3.3 Identitätsbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Der Identitätsbegriff in der Migrationsforschung stellt ein umstrittenes Thema dar, da der Begriff meist geprägt von einer Defizitperspektive ist. Die Identitätsfrage bei Migranten wird regelmäßig unter dem Gesichtspunkt eines Kulturkonfliktes bzw. unter einem scheinbaren Modernisierungsrückstand diskutiert. Der Fokus liegt dabei auf ethnische bzw. kulturelle Unterschiede, die den Identitätsbegriff deshalb umstritten machen, da durch den Fokus auf das „Fremde“ die Herstellung einer ethnischen oder kulturellen Identität überhaupt erst möglich wird (vgl. Rosen 2011).

Einem Individuum wird aufgrund verschiedener beobachtbarer Merkmale wie z.B. das Aussehen oder die Sprache, ein unterschiedlicher ethnischer Hintergrund zugeteilt (vgl. Huxel 2014). Menschen ohne Migrationshintergrund hingegen werden nach Lutz und Wenning (2001) als „nicht-ethnisch“ oder als die „dominante Gruppe“ bezeichnet. Hierin wird deutlich, dass sich die ethnische Identität als ein Produkt von „Fremd und Selbstzuschreibungen“ (Huxel 2014, S.72) ergibt. Der Begriff wird dementsprechend stets mit einer Zuschreibung vom Anderssein in Zusammenhang gebracht und als Grund für andersartige Handlungsbzw. Lebensweisen gesehen. Rosen (2011) führt dies weiter aus und argumentiert, dass sowohl die kulturellen Differenzen als auch die kulturellen Identitätskonzepte zur „Legitimation für politische und soziale Ausgrenzungspraktiken“ (Rosen 2011, S.20) genutzt werden. Dennoch merkt sie an, dass kulturelle Aspekte eine „lebensweltliche Bedeutung“ für Menschen mit Migrationshintergrund aufweisen, weshalb Unterschiede dennoch einen zentralen Stellenwert in der Identitätsforschung einnehmen. Vor diesem Hintergrund betont Rosen (vgl. ebd.), dass sowohl die Praxis als auch empirische Forschungen kulturelle Differenzen mitberücksichtigen sollen, da Identitätskonstruktionen auf kulturelle Bedingungen zurückzuführen sind.

Die Identitätsentwicklung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (JMH) 2 erfolgt wie bei allen anderen Heranwachsenden über die Bewältigung der jugendtypischen Entwicklungsaufgaben (vgl. Hurrelmann & Quenzel 2013). Anders als bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund spielen bei JMH in der Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben und in der Identitätsbildung die kulturelle Herkunft eine zentrale Rolle, denn diese wird als orientierender Bezug genutzt (vgl. Streek-Fischer 2016). Mit stark bestehenden Kulturdifferenzen kann der Jugendliche von entgegengesetzten kulturellen Normensystemen geprägt sein, die den Prozess der Identitätsfindung erschweren. Verstärkt wird diese Destabilisierung durch einen niedrigen Bildungserfolg oder bei schlechter Integration in die Gesellschaft (vgl. ebd.). Durch unterschiedliche kulturelle Normsystemen können JMH in eine „Rollenkonfusion“ geraten, die ihnen die soziale Verortung erschwert.

Durch die widersprüchlichen Werte und Normen, sind JMH mit einem Lebensgefühl des „in between“ oder des „zwischen zwei Stühlen sein“ konfrontiert. Die ethnische Herkunft der Familien von Jugendlichen wird insbesondere dann als zentraler Bezugspunkt für die Identitätsfindung herangezogen, wenn ihnen die soziale Integration in die Gesellschaft nicht gelingt. Diese Jugendlichen sind „leicht verführbar“ (Streek-Fischer 2016) und der Gefahr ausgesetzt, sich in die Richtung eines delinquenten Lebensstiles oder eines Lebens in Parallelwelten zu entwickeln (vgl. ebd.). JMH werden in medialen Diskursen oftmals mit Attributen wie delinquent oder kriminell in Zusammenhang gebracht. Auch andere meist negativ konnotierten Eigenschaften werden JMH zugeschrieben, die zu einer konstruierten Identität von JMH beisteuern. Güler Saied fasst dieses Phänomen wie folgt zusammen: „Die konstruierten Identitäten, die vermeintlich die Jugendlichen repräsentieren, beruhen nicht auf selbst gewählten Repräsentations-Konzepten der Jugendlichen, sondern sind eine zugeschriebene Kategorisierung der hegemonialen Mehrheitsgesellschaft“ (2012, S.151).

Für das Verständnis dieser Arbeit ist die ausgesonderte Präsentation der Identitätsentwicklung von JMH besonders wichtig. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass sich die vorliegende Arbeit mit der Musik als Identitätsmedium von JMH beschäftigt, welche nicht zwingend auf ethnische Unterschiede zurückzuführen ist. Aus diesem Grund bietet der Begriff der kulturellen bzw. kollektiven Identität im Rahmen dieser Arbeit eine angemessenere Ausdrucksweise. Diese Identität kann ebenfalls die ethnische Identität umfassen (vgl. Günay 2001, S.10), sie bezieht sich jedoch nicht nur auf kulturelle Differenzen. Vielmehr ist die kulturelle Identität „die Identifikation von jemanden mit etwas (…), bezeichnet also ein spezifisches, kognitiv und affektiv geprägtes Verhältnis von Personen zu einem Identifikationsobjekt“ (Nissen 2004, S.21). Günay (2001, S.10) fügt hinzu, dass zur kollektiven oder kulturellen Identität insbesondere religiöse, nationale oder ethnische Identitäten herangezogen werden, aber dass auch das Geschlecht, die jeweilige Generation sowie die sozioökonomische Herkunft identitätsbestimmende Faktoren darstellen können. Die Konstruktion kultureller bzw. kollektiver Identitäten geht mit dem Kampf um Anerkennung einher:

„Wie und als was sich jemand selbst verstehen will und kann, hängt in ganz entscheidendem Maße davon ab, was die anderen Mitglieder seiner (familiären und kulturellen) Bezugsgemeinschaft in ihm sehen. Anerkennung und Identität erweisen sich also als unmittelbar korrelative Begriffe“ (Rosa 2007, S.52).

4 Deutschrap und Identität – Bedeutung von Musik für die Identitätsentwicklung von Jugendlichen

4.1 Die Rolle der Musik im Leben Jugendlicher

In Bezug auf die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben und der Identitätskonstruktion nehmen Medien zunehmend eine unterstützende Rolle ein. Durch die strukturellen Veränderungen in der Gesellschaft und die damit einhergehenden Unsicherheiten vieler Jugendlicher, sind diese auf der Suche nach identitätsbestärkenden Symbolen. Diese Symbole finden sie insbesondere in der Musik wieder. Die Musik stellt eines der beliebtesten medialen Freizeitbeschäftigung vieler Jugendlicher dar (vgl. JIM Studie 2017). Demnach ist es nicht verwunderlich, dass Jugendliche eine zentrale Zielgruppe der Konsumgesellschaft bilden und sich dadurch viele Unternehmen an den Interessen der Jugendlichen orientieren (vgl. Zehentmair 2013). Darüber hinaus zeigen viele Studien, dass die Musik für Jugendliche hinsichtlich der Lebensraumgestaltung und der Kommunikation mit Gleichaltrigen einen hohen Stellenwert einnimmt (vgl. Auhagen 2014). Inzwischen dient die Musik nicht mehr allein der Unterhaltung, sondern wird zunehmend als Ausdrucksform für politische oder sozial(kritische) Grundhaltungen verwendet. Vor diesem Hintergrund hat die Musik einen enormen Einfluss auf diverse Lebensreiche und wirkt sich letztendlich auch auf die Identitätsbildung von Jugendlichen aus (vgl. Zehentmair 2013).

Die Identitätsentwicklung durch die Musik basiert an erster Stelle auf der Bildung eines eigenen Musikgeschmacks, die laut Auhagen (2014) bereits im Grundschulalter eintritt. Da der Musikgeschmack oftmals emotional geprägt ist, kann sie als eine emotionale Komponente der Ich-Identität angesehen werden (vgl. Oerter 2014). Statistische Befunde zeigen zudem auf, dass die im Jugendoder frühem Erwachsenenalter bevorzugte Musik das gesamte Leben lang anhält (vgl. ebd.). Die Identität wird von der Musik vollständig bestimmt, wenn sich das Individuum dazu entscheidet, die Musik beruflich zu integrieren (vgl. Oerter 2014)., wie z.B. als Mitglied einer Band oder als Rapper.

Wie bereits im Kapitel 3.2 herausgestellt wurde, sind Jugendliche während ihrer Jugendphase mit der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben konfrontiert. Zur Bearbeitung dieser Aufgaben nutzen Jugendliche Medien, wie die Musik. Der Umgang mit der Musik lässt sich auf die Entwicklungsaufgaben übertragen. Folgende Tabelle, entnommen aus Münch (2002, S.73) veranschaulicht den Zusammenhang zwischen der Musik und den

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Zusammenhänge zwischen Musik und Entwicklungsaufgaben (Münch 2002, S.73)

Hieraus lässt sich die Frage ableiten, weshalb Musik solch eine Einflussmacht auf Jugendliche hat. Die Musik bietet eine Menge an Funktionen für die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen. Zunächst verschafft die Musik den Jugendlichen eine Art Leitfaden, anhand dessen sie ihre Persönlichkeit bzw. ihre Identität entwickeln können. Die Musik ermöglicht ihnen infolgedessen ihre Wünsche zu äußern, Ziele zu setzen und sich zu politischen oder gesellschaftlichen Themen zu positionieren.

Jugendliche fühlen sich durch die von ihnen bevorzugten Musik verstanden, denn die Künstler sprechen das aus, was die Jugendliche selbst bekümmert.

Außerdem können die Musiker als Vorbilder fungieren, an denen sich die Heranwachsenden orientieren. Die Jugendlichen können sich zudem mit den Musikern identifizieren und ihr Selbstbild über die Musik entwickeln. Dadurch wird eine Identität erzeugt, die den Jugendlichen dabei unterstützt, sich gesellschaftlich zu verorten (vgl. Müller et al. 2002). Sie haben das Bedürfnis sich einer Gruppe mit Gleichgesinnten zugehörig zu fühlen und gleichzeitig den Wunsch sich dadurch von anderen Gruppen oder Personen, wie z.B. von den Eltern oder anderen Gleichaltrigen, abzugrenzen (vgl. Zehenmair 2013). Laut Lehmann (2014) ist die Distinktion der Ausgangspunkt für die Identitätssuche, denn sowohl anhand sozialer Integration als auch anhand der Distinktion wird mithilfe der Selbstinszenierung in dem sozialen Kontext Identität konstruiert (vgl. Müller et al. 2002). Die besondere Rolle von Musik als Mittel der Distinktion und der Verortung in der Gesellschaft haben Forschungsergebnisse der Studien von Lazarsfeld (1932), Bourdieu (1979) und Schulze (1992) bestätigt.

Die soziale Verortung erfolgt zum Teil über den Musikgeschmack. Dies verdeutlicht die Studie von Rentfrow und Gosling von 2003, die bestätigt, dass der Musikgeschmack als bedeutsamster Indikator für die Wahrnehmung und Beurteilung fremder Personen gilt. Die jugendlichen Testpersonen der Studie schrieben Personen anhand ihres Musikgeschmackes bestimmte soziale Eigenschaften zu. Auch Lehmann (2011) erklärt die Musikpräferenz als Maßstab für die Beurteilung anderer, die anschließend für die eigene Positionierung genutzt wird. Jugendliche, die gleiche Musikpräferenzen teilen, treten einer bestimmten Jugendkultur oder -szene bei. Innerhalb dieser Jugendkulturen werden bestimmte identitätsstiftende Merkmale, wie z.B. Verhaltensweisen, Sprache und Kleidungsstile, von den Mitgliedern angeeignet und nach außen hin präsentiert, um Außenstehenden zu zeigen, als welche Person sie angesehen werden möchten (vgl. Müller-Bachmann 2002).

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Musik eine immense Auswirkung auf Jugendliche hat. Dies wird insbesondere durch die leichtzugänglichen Musikangebote gefördert. Die Künstler begeistern die Jugendliche mit ihren Inhalten, die meist aus leichtverständlichen Texten bestehen. So ermöglichen sie nicht nur den Zugang zu ihrer Musik, sondern bieten den Jugendlichen zusätzlich identitätsstiftende Möglichkeiten an (vgl. Zehentmair 2013). Diese Wirkung zeigen insbesondere Musikrichtungen, wie der Rechtsrock oder der Rap.

4.2 Die Rolle von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Deutschrap

HipHop bzw. Rap bietet eine Vielfalt von Identifikationsmöglichkeiten, weshalb diese Jugendkultur bzw. Musikrichtung besonders beliebt bei Jugendlichen ist. Bereits bei der Etablierung von HipHop in Deutschland in den 1980er Jahren stieß diese auf große Popularität bei jungen Migranten, da sie sich mit den marginalisierten Gruppen in den USA identifizieren konnten (vgl. Güler Saied 2012). Die hohe Präsenz der Migranten in der HipHop-Kultur ist der Grund, weshalb HipHop auch oft als „Ausländerbzw. Migrantenkultur“ bezeichnet wurde (Menrath 2003, S.225). Auch heute wird die Rap-Szene durchaus von Künstlern mit Migrationshintergrund dominiert, was sich ebenfalls auf die Zuhörerschaft übertragen lässt. Nachdem die HipHop Kultur von dem Label „neuer deutscher Sprechgesang“ in den 1990er Jahren abgelöst wurde, verschwand allmählich die Identifizierung der JMH mit Deutschrap, so dass sich der Musikkonsum hauptsächlich auf den US-Rap beschränkte. Erst nach dem großen Erfolg des Labels Aggro Berlin wurde die deutsche Sprache als Rap Sprache von Jugendlichen akzeptiert und zur Identifikation genutzt (vgl. ebd.).

Die Rapper, die sich selbst als Gangsta darstellen, sprechen JMH an, denn für sie wirken diese echt und authentisch (vgl. Zehentmair 2013). Die von anderen Personen oftmals kritisierten Texte hinsichtlich der Gewaltverherrlichung und Vulgarität, macht den GangstaRap für die Jugendlichen umso attraktiver, da sie sich auf dieser Weise von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen können (vgl. ebd.). Deutschrap stellt eine Art „Rebellion gegen die Moralund Wertvorstellungen der eigenen Eltern“ (Güngör 2008) dar. Außerdem hat diese Gesellschaftsgruppe durch die gemeinsam geteilte Kultur die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen (vgl. Güngör). Verlan und Loh (2015) unterstützen diese Annahme, indem sie das Identifikationspotenzial des Gangsta-Rap für JMH damit begründen, dass es in der Gesellschaft keine „Migrantenkultur und Artikulation von Interessen von Migranten“ (ebd., S.37) gäbe und der Gangsta Rap diese Identitätslücke fülle. Anhand ihrer Inhalte und Stilmittel kreieren sie eine gemeinsame Identität, die von JMH angenommen wird. Elflein (1996) begründet die Attraktivität von Rap für JMH, genauer gesagt für türkischstämmige Jugendliche, mit dem Wettbewerbscharakter im HipHop. Er behauptet, dass der Wettbewerbscharakter auf die türkischen Männlichkeitskonzepten von Ehre und Anerkennung zurückzuführen sei und ein dauerhafter Wettkampf innerhalb der türkischen Freundesgruppen bestehe. Allerdings ist diese Annahme nicht ganz überzeugend, da nicht alle türkischstämmigen Jugendliche diesen „Männlichkeitskonzepten“ befolgen und außerdem die Attraktivität von Rap durchaus in der Identifikation mit den Erfahrungen der Rapper liegt, als in einem Wettbewerbscharakter.

4.3 Identifikationsmöglichkeiten im Deutschrap

Menrath (2001) fand in einem Interview mit dem deutschen HipHopper Torch heraus, dass der primäre Identifikationsfaktor das „Nicht Deutsch“ sein ist . Denn was die Rapper mit Migrationshintergrund und die JMH gemeinsam haben ist die prägende Erfahrung einer Fremdzuschreibung. Sie fühlen sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen und mit einer negativen Identität des Kanaken behaftet. Deutschrap nimmt die negativ behaftete Identität des Kanaken auf und transformiert sie in eine neue kollektive Identität, die jene Jugendliche umfasst, die denselben alltäglichen Herausforderungen aufgrund ihres Migrationshintergrundes ausgesetzt sind (vgl. Verlan & Loh 2015) und zeigt diese neu kreierte Identität sichtbar nach außen (vgl. Menrath 2001).

Als Herausforderungen in der Mehrheitsgesellschaft lassen sich beispielsweise Diskriminierungsaspekte nennen, wie z.B., dass männliche JMH keinen einfachen Zugang zu Diskotheken haben. Zentral für die Identifizierung mit Deutschrap ist somit die Erfahrung „den selben Kampf kämpfen zu müssen“ (Menrath 2003, S.232). Vor diesem Hintergrund greifen Rapper oftmals auf ihre „harte“ Vergangenheit zurück, indem sie beispielsweise Bezüge zur Schule und zu ihrer sozialen Herkunft herstellen. Nur wenige erfolgreiche Deutschrapper, wie Xatar oder Kollegah, weisen einen hochqualifizierten Schulabschluss auf. Die meisten, und davon hauptsächlich Rapper mit Migrationshintergrund haben die Schule abgebrochen und lehnen Bildungseinrichtungen ab. Dabei erzählen sie von schlechten Erfahrungen mit LehrerInnen, von denen sie keine Anerkennung erhalten haben und die sie bei ihrer Erfolg-Prozedur aufgehalten haben. Dass sich JMH bildungsbenachteiligt fühlen, wurde bereits in mehreren Studien herausgestellt. Folglich bieten die schulischen Erfahrungen der Rapper zentrale Bezugspunkte zum Alltagsleben vieler JMH.

Betroffene der Bildungsbenachteiligung sind von einer Perspektivlosigkeit bedroht, die nicht nur aufgrund der geringen Bildungserfolge resultiert, sondern sich vielmehr aus den schlechten sozioökonomischen Umständen, aus denen sie stammen, ergibt. Die sozioökonomische Herkunft der Rapper wird vor allem durch Brennpunktviertel repräsentiert. Seit dem Erfolg von Sidos „Mein Block“, werden Brennpunktviertel als Identifikationsräume verkörpert. Das Märkische Viertel, in dem Fall, steht für eine gescheiterte Gesellschaft, die sich deutlich von den in „Einfamilienhäuser“ lebenden Bürgern abgrenzt. Das Rappen über das eigene Viertel scheint der einzige Ort zu sein, von dem das authentische Sprechen zugelassen wird (vgl. Kleiner & Nieland 2015). Jugendliche, die selbst in diesen oder ähnlichen Vierteln aufgewachsen sind, kennen die Verhältnisse und können die Inhalte der Raptexte besser nachvollziehen. Dabei muss das eigene Viertel noch nicht einmal einem Brennpunktort oder einem Ghetto gleichkommen; viel entscheidender ist die Wahrnehmung des eigenen Viertels als „Ghetto“, aufgrund ähnlich vorherrschender Lebensbedingungen (vgl. ebd.). Grundsätzlich dient die Großstadt als Hauptkulisse in den Musikvideos aber auch in den Erzählungen der Rapper. Es werden urbane Symbole, wie z.B. Hochhäuser oder Bahnhöfe einer Stadt präsentiert, die Aufenthaltsorte vieler Jugendliche darstellen. Meist werden diese Orte mit bestimmten sozialen (das „Abhängen“ mit Freunden) oder kriminellen (das Verkaufen von Drogen) Handlungen in Verbindung gebracht. Das in den Rapliedern vermittelte urbane Lebensgefühl lässt sich auf jede Großaber auch Kleinstadt übertragen, denn in jeder Stadt gibt es für Jugendliche identitätsstiftende Orte, die genau das präsentieren, was die Rapper beispielweise über das Märkische Viertel erzählen. Auch die Darstellung von delinquenten Handlungen in den urbanen Orten wirkt sich besonders attraktiv und verlockend auf das junge Publikum aus, denn wie Seeliger (2018) erklärt, lassen sich darin „latente eigene Fantasien verwirklichen“.

Durch das Thematisieren der scheinbaren Perspektivlosigkeit ist es umso attraktiver für Jugendliche mitzuerleben, wie Rapper die Armut durchbrechen und aus ihnen erfolgreiche Berühmtheiten werden. Durch die Hervorhebung ihres sozialen Aufstieges und Reichtums, leben sie den Jugendlichen einen erstrebenswerten Lebensstil vor, nämlich durch finanzielle Unabhängigkeit das Leben zu genießen und sich alles leisten zu können. Rapper wollen beweisen, dass sie durch eigenständige und unabhängige Arbeit zu diesem Erfolg gelangt sind, weshalb sie von Jugendlichen große Anerkennung erhalten (vgl. Seeliger & Dietrich 2017). Rapper werden als Vorbilder und Idole betrachtet, denn durch die Zurschaustellung der Statussymbole erwecken sie den Eindruck, auch mit niedrigen schulischen oder soziökonomischen Voraussetzungen zukünftig erfolgreich zu werden (vgl. Zehentmair 2013). Somit ist nachvollziehbar, weshalb viele Deutschrap hörende Jugendliche, RapperSein als Berufswunsch in Betracht ziehen.

Ein weiteres identitätsstiftendes Mittel im Deutschrap ist die Sprache, die sich an der Ausdrucksweise auf der Straße bedient. Die obszöne Wortwahl sowie die vulgären Beleidigungen wirken auf Außenstehende als grenzwertig, doch für Jugendliche stellt die sogenannte Straßensprache die Art und Weise ihrer Artikulation dar. Die Identifikation mit der Sprache wird zusätzlich durch die „Migrantenstraße“ verstärkt. Bereits in den 1980/1990er wurden die Herkunftssprachen der Gastarbeiterkinder, wie z.B. Türkisch oder Italienisch, in Rap Liedern genutzt. Diese Lieder wurden aber überwiegend von denjenigen konsumiert, die diese Sprache verstehen konnten (vgl. Seeliger 2018). Heutzutage tauchen einzelne ausländische Begriffe in den Raptexten auf, die für alle Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund zugänglich sind. Der Rapper Haftbefehl ist bekannt für die Etablierung ausländischer Begriffe in die Alltagssprache der Jugendlichen. Diesen Sprachgebrauch bezeichnet er als „Kanakis“, den er in seinem gleichnamigen Song vorstellt. „Das ist kein Deutsch, was ich mache, ist Kanakis“ heißt es in seinem Intro. Begriffe wie „Azzlack“, „Chabos“ oder „Babo“ hat er bereits erfolgreich in den deutschen Jugendsprachgebrauch integriert. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Deutschrap eine Fülle von identitätsstiftenden Merkmalen beinhaltet. Insbesondere der Gangsta-Rap stellt durch seine „Härte“ Abgrenzungsmöglichkeiten bereit, die für die Identitätsbildung von Jugendlichen entscheidend sind. Gangsta-Rap ermöglicht es den Jugendlichen sich von Erwachsenen oder Gleichaltrigen abzugrenzen und Ähnlichkeiten zu Gleichgesinnten herauszustellen. Seeliger & Dietrich (2018, S.18) fassen die Identitätskonstruktion von JMH durch den Gangsta-Rap wie folgt zusammen: „Es geht nicht um Versöhnung und Dialog mit der Gesellschaft, sondern um die Etablierung von Gegenidentitäten als Reaktion auf mangelnde Integrationsleistungen moderner Gesellschaften“.

4.4 Schlussfolgerung für die Untersuchung

Angesichts der aufgeführten theoretischen Grundlagen wurde dargelegt, dass die HipHopKultur sowie das wichtigste Element Rap einen zentralen Einflussfaktor auf die Identitätsbildung vieler JMH haben. Deutschrap gibt den Jugendlichen einen Rückhalt, der ihnen die Erarbeitung einer kulturellen bzw. kollektiven Identität ermöglicht. In den Raptexten werden verschiedene Bezugspunkte zur Lebenswelt dieser Jugendlichen dargeboten, mit denen sie sich identifizieren können. Sie können diese Bezugspunkte als Orientierung für die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben nutzen und auf diese Weise ihre soziale Positionierung in der Gesellschaft finden. Die Deutschrapper, können als Vorbilder angesehen werden, die sowohl eine soziale als auch eine politische Orientierung verstärken können. Seitdem Deutschrap zunehmend in den Mainstream Charts vorzufinden ist, tauchen vereinzelt häufiger Diskussionen über die Beeinflussung der Deutschrapper auf die Jugend auf – meist in einem negativen Kontext. Vor diesem Hintergrund scheint die empirische Untersuchung einen wichtigen Beitrag zu leisten, um herauszufinden, wie die Identitätsentwicklung von JMH beeinflusst wird und welche Rolle dabei der Migrationshintergrund spielt. Die Unvoreingenommenheit in der empirischen Forschung soll mögliche Klischees oder Vorurteile und mögliche Potenziale von Deutschrap aufdecken.

[...]

1 Die Schlagzeile bezieht sich auf die gewalttätigen Vorfälle vor einer Bar des Rappers Xatar in Köln 2016. Vermeintlich handelte es sich um einen Streit zwischen den beiden Rappern Xatar und KC Rebell. Sie selber waren aber zu dem Zeitpunkt nicht vor Ort anwesend, weshalb die Schlagzeile fraglich ist.

2 Jugendliche mit Migrationshintergrund werden aus Lesbarkeitsgründen im Folgenden mit JMH abgekürzt.

Details

Seiten
123
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668971974
ISBN (Buch)
9783668971981
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465448
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
Jugend Jugendliche Hiphop Rap Einfluss Identität Identitätsbildung Musik Kultur Migrationshintergrund Deutschrap
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Titel: Der Einfluss von Deutschrap auf die Identitätsbildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund