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Imitation Improves Language Comprehension. Imitation verbessert das Sprachverständnis

von Sebastian Reinhardt (Autor)

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Zusammenfassung

2. Theoretische Grundlagen

3. Versuchsaufbau, Versuchsablauf, Ergebnisse
3.1 Methode: Ein neuer Dialekt
3.2 Methode: SRT und SNR als Messverfahren
3.3 Ablauf: Drei Phasen
3.4 Ablauf: Fünf Imitationsarten
3.5 Ergebnisse

4. Diskussion und Kritik
4.1 Signifikanz durch t-Test
4.2 Schlüsselwörter im Kontext
4.3 Semiphonetisches Transkribieren
4.4 Stichprobenziehung

5. Untersuchungen des Hörverständnisses in anderen Studien
5.1 Motorische Aktvierung beim Hörverständnis

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

Um die Lesbarkeit dieser Arbeit zu erleichtern, werden nach Möglichkeit die geschlechtsneut- ralen Formen verwendet. Wo dies nicht möglich scheint, werden die männlichen Formen mit * verwendet. Mit der Kennzeichnung * sollen Leser*innen jeglicher Identität und jeglichen Geschlechts einbezogen werden.

1. Zusammenfassung

In der Studie „Imitation Improves Language Comprehension“ von Patti Adank, Peter Haagort und Harold Bekkering (2010) wurde untersucht, ob bewusstes Imitieren eines un- bekannten Dialekts das Sprach-Hörverständnis1 verbessern kann.

Dazu wurden in einem Laborexperiment 120 Probanden* mit einem neuen, phonetisch künstlichen Dialekt ihrer Muttersprache Niederländisch konfrontiert. In zwei Phasen wurde mittels SRT und SNR die Erkennung von Schlüsselwörtern gemessen. Zwischen den beiden Phasen lag eine Trainingsphase, in welcher der Dialekt in verschiedenen Graden imitiert wurde, vom reinen Hören bis zum direkten, phonetischen Nachahmen.

Die Ergebnisse legen nahe, dass nur die direkte phonetische Imitation zu einem signifikant verbesserten Hörverständnis führt. Dabei kommt es scheinbar nicht auf die akustische Imi- tation an, sondern auf das motorische Nachahmen des Dialekts mit dem Sprechapparat.

Trotz einiger kritischer Punkte im Aufbau des Experiments bietet die Studie dadurch einen Anhaltspunkt, um ein oft beobachtetes Phänomen wissenschaftlich belegen zu können.

2. Theoretische Grundlagen

Die Studie ist durch die unterschiedlichen Fachbereiche der Autoren* interdisziplinär ange- legt. So arbeitet Adank als Sprachwissenschaftlerin, Haagort als Neurowissenschaftler und Bekkering als Kognitionspsychologe. Dementsprechend sind ihre für das Experiment zu- grunde gelegten Annahmen und Motivationen auch in diesen drei Bereichen anzusiedeln.

So ist die erste Annahme der Wissenschaftler*, dass Imitationen beim Verstehen helfen kön- nen. Dabei beziehen sie sich vor allem auf das sogenannte Spiegeln, welches Imitieren der Körperhaltung in sozialen Situationen beschreibt. Diese Imitationen könnten zwischen- menschlich Empathie aufbauen, was ein effizienteres Interagieren mit weniger Missver- ständnissen ermöglichen würde. Sie belegten diese Effekte u.a. mit Studien von Bandura (1977), La France (1979) und Chartrand & Bargh (1999).

Außerdem würde das Beobachten „unklarer“ Handlungen beim Beobachtenden kognitive Mechanismen auslösen, was wiederum zu einem besseren Verständnis der Handlung führen würde (vgl. u.a. Wilson & Knoblich, 2005). So könnten Handlungen des Gegenübers voraus- geahnt und Lerneffekte erzeugt werden.

Zweitens gingen Adank et al. davon aus, dass Menschen während eines Gesprächs nach einiger Zeit automatisch die Sprechgewohnheiten des Gegenübers nachahmten. Diese Be- obachtung wurde u.a. von Goldinger (1998) sowie von Delvaux & Soquet (2007) überprüft. Dabei würden laut Adank et al. „Intonationsmuster, Klarheit der Sprache, Sprechgeschwin- digkeit, regionaler Dialekt und Sprachstil“ imitiert (S. 1904). Diese Imitation ermögliche auch, phonetische und phonologische Variationen in Dialekten besser vorauszuahnen (vgl. ebd.).

Die Kombination dieser beiden Vorannahmen führt zur Theorie der vorliegenden Studie: Wenn das Imitieren einer unbekannten, körperlichen Handlung dabei helfen kann, diese Handlung zu verstehen, sollte dieser Effekt auch auf sprachliche Imitation übertragbar sein.

3. Versuchsaufbau, Versuchsablauf, Ergebnisse

3.1 Methode: Ein neuer Dialekt

Zur Überprüfung dieser Grundannahme entwickelten Adank, Haagort und Bekkering ein re- lativ komplexes Experiment. In diesem wurden 120 Probanden* mit einem neuen, künstli- chen Dialekt des Niederländischen konfrontiert, welchen Adank bereits für eine frühere Stu- die entwickelt hatte (vgl. Adank & Janse, 2010).

Dieser Dialekt ist existierenden Dialekten des Niederländischen ähnlich, aber für alle Pro- banden* unbekannt. So konnte das Hörverständnis aller Studienteilnehmer* unabhängig vom Herkunftsort getestet werden.

Die grammatikalischen Regeln des Niederländischen wurden erhalten. Die Aussprache von Vokalen wurde jedoch phonetisch variiert. So wurden etwa die Vokalqualitäten Länge und Gespanntheit geändert, wodurch z.B. lange, gespannte Vokale mit kurzen, ungespannten Vokalen getauscht wurden (s. Abbildung 1). Der zugrundeliegende Vokal blieb außer bei /u/ und Diphthongen derselbe. Die Diphthonge wurden vereinfacht und dadurch zu Monoph- thongen reduziert.

Wurde man diese Regel im Deutschen anwenden, ergabe sich in etwa folgendes Beispiel:

Aus ,der Ball flog Ober den aun"

/de.s bal flo:k y:be den tsaun/

wurde ,dar Bahl flock ubar d_!n Zun"

/de.s ba:l fbk vbe den tsun/.

Aile im Experiment verwendeten Satze wurden zuvor in diesem kunstlichen Dialekt aufgezeichnet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1:Vokalverschiebung vom Stan­ dard-Niederlandischen zum neuen, kunstlichen Dialekt.Links in orthographi­ scher Schreibweise,rechts in IPA.

(Adank et al., 2010)

3.2 Methode:SRT und SNR als Messverfahren

Urn das Horverstandnis bei diesem neuen Dialekt zu messen,verwendeten Adank et al. ei­ nen Speech Recognition Threshold-Test, kurz SRT. Diese naturalistischen Tests stammen ur­ sprunglich aus der Horgerateakustik und Audiometrie (vgl. Lee & Humes, 1993; McArdle, 2009) und untersuchen das Horverstandnis einzelner Silben, Worter oder ganzer Satze.

In der vorliegenden Studie wurde ein Satztest nach Plomp & Mimpen (1979) mitje mit vier zu erkennenden Schlusselwortern verwendet. lm oben verwendeten Beispiel konnten diese etwa ,Ball", ,flog", ,Ober" und ,Zaun" sein. Wahrend die Probanden* diese Satze im Vor­ und Nachtest horten, wurde ein sprachartiges Hintergrundgerausch unterlegt, das soge­ nannte Noise. Dessen Lautstarke bestimmte die Signal-to-Noise-Ratio (SNR),also das Ver­ haltnis von Hintergrundgerausch zu akustischen Stimuli.

Wiederholte ein Proband* drei oder vier der Schlusselworter in Standard-Niederlandisch, wurde die SNR gesenkt, d.h. das Noise urn Bruchteile eines Dezibels erhoht. Wurden zwei Worter korrekt wiederholt,blieb das Noise gleich;bei einem oder keinem erkannten Schlus­ selwort wurde das Noise verringert.Durch diese fur die Probanden* kaum wahrnehmbaren Veranderungen im Lautstarkepegel konnte das Horverstandnis in Dezibel gemessen werden.

3.3 Ablauf: Drei Phasen

Adank et al. unterteilten ihr Experiment in drei Phasen: Den Vortest, das Training und den Nachtest2. Die 120 Probanden* wurden in sechs gleichmäßige Gruppen je 20 Personen aufgeteilt.

Im Vortest wurde allen Probanden* aller Gruppen insgesamt 60 Sätze in dem beschriebenen künstlichen Dialekt vorgespielt. Der SRT-Wert wurde aller 15 Sätze ermittelt und ergab in Kombination mit dem SNR den Wert für das Hörverständnis eines Probanden* im Vortest.

Anschließend durchliefen die Gruppen 2 bis 6 das Training. Dabei wurden 100 zusätzliche Sätze mit unterschiedlich intensiven Methoden imitiert (s.3.4). Gruppe 1 („Baseline“) diente als Kontrollgruppe und durchlief nur Vor- und Nachtest. So sollten eventuelle Trainingsef- fekte allein durch den Vortest ausgeschlossen werden.

Im Nachtest wurde das Hörverständnis wie im Vortest, aber mit 60 neuen Sätzen, gemessen. Abschließend wurde das Nachtest-Ergebnis vom Vortest-Ergebnis subtrahiert. Die Ergeb- nisse konnten sowohl innerhalb einer Gruppe als auch zwischen den sechs Gruppen vergli- chen werden.

3.4 Ablauf: Fünf Imitationsarten

Die Gruppen 2 bis 6 durchliefen die 100 Sätze enthaltende Trainingsphase, wobei jede Gruppe eine andere Form der Imitation durchführte:

Gruppe 2 hörte die Sätze an. Die Probanden* durften nicht imitieren, sollten aber intensiv über die Sätze nachdenken. Damit wurde untersucht, ob sich das Hörverständnis allein durch gedachte Replikation verbessert.

Gruppe 3 sollte die Sätze in ihrem Heimatdialekt wiederholen, ohne den künstlichen Dialekt zu imitieren. Verfiel ein Proband* dabei ins Imitieren, wurde bis zu zwei Mal daran erinnert, nur zu wiederholen. Das ist meiner Meinung nach bei 100 Sätzen eine sehr geringe Erinnerungsquote.

[...]


1 Im weiteren Verlauf wird Sprach-Hörverständnis einfacher als „Hörverständnis“ bezeichnet.

2 Die Autoren* verwendeten die Begriffe „Pretest“ und „Posttest“. Diese habe ich durch „Vortest“, bzw. „Nachtest“ ersetzt, um Verwechslungen mit dem statistischen Pretest zu vermeiden.

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668937826
ISBN (Buch)
9783668937833
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v465011
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Linguistik Neurolinguistik Experimentelle Neurolinguistik Phonologie Semantik Sprachverständnis Imitation Language Comprehension

Autor

  • Sebastian Reinhardt (Autor)

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Titel: Imitation Improves Language Comprehension. Imitation verbessert das Sprachverständnis