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Die Organisation des mentalen Lexikons eines Bilingualen. Integriertes Ganzes oder gespaltenes System?

Hausarbeit 2017 15 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das mentale Lexikon als integriertes Ganzes oder als gespaltenes System?
2.1 Einführung in die Zweisprachigkeit
2.2 Das mentale Lexikon als integriertes Ganzes
2.3 Das mentale Lexikon- ein gespaltenes System

3. Fazit

4. Anhang

1. Einleitung

Das Thema der Mehrsprachigkeit nimmt heutzutage immer mehr an Bedeutung zu. Es werden circa sechs- bis siebentausend verschiedene Sprachen in der Welt gesprochen. Hierbei lässt sich noch unterscheiden zwischen Sprachen, die in vielen verschiedenen Ländern gesprochen werden und jenen, die landesspezifisch oder sogar nur regional auftreten. Im Hinblick auf das Beherrschen einer Sprache fällt auf, dass einige Individuen nicht nur einer Sprache mächtig sind, sondern meist noch eine oder mehrere weitere beherrschen. Es ist für die nachfolgenden Untersuchungen unwichtig, ob die zweite Sprache ebenso eine Muttersprache des Sprechers ist oder, ob die Sprache z.B. erlernt wurde wie im schulischen Kontext. Die Psycholinguistik setzt sich mit der menschlichen Sprache näher auseinander und interessiert sich deshalb unter anderem auch für die Zweisprachigkeit oder Mehrsprachigkeit. Unter diesen Aspekten beäugt sie diverse Phänomene. Sie legt ein Augenmerk auf die unterschiedlichsten Sprachen und untersucht die Entwicklung von zweisprachigen Kindern, den Erwerb einer weiteren Fremdsprache bei bislang einsprachigen Individuen und vieles mehr. Durch diverse Theorien und Studien ist es uns möglich zu verstehen wie ein Mensch eine Sprache erlernen und wie er sie anwenden kann. Es ist des Weiteren aber auch durchaus möglich, dass ein Sprecher durch Krankheiten oder Unfälle seine Sprachkenntnisse verliert.1

Im weiteren Verlauf der Arbeit soll das mentale Lexikon eines Individuums näher thematisiert werden, da dieses einen wesentlichen Bestandteil im Sprachverarbeitungsprozess darstellt und bei den Psycholinguisten in manchen Fragen Diskussionen anregt. Nach dem allgemeinen Verständnis fungiert das mentale Lexikon als Speicher für das Wortwissen eines Sprechers. Da eine Vielzahl der Menschen nicht nur einer Sprache, sondern meist eben auch einer zweiten, dritten oder mehreren Sprachen mächtig sind, kommt die Frage auf, „wie sich das gelernte Sprachmaterial im Gehirn organisiert, d.h. ob die beiden Sprachen in einem einzigen System oder in zwei Systemen repräsentiert werden.“2 Wenn ein Individuum die deutsche Sprache beispielsweise als Muttersprache beherrscht und zusätzlich die spanische Sprache erlernen möchte, so soll untersucht werden, ob das Spanische separat vom Deutschen abgespeichert wird oder die beiden Sprachen miteinander verbunden sind. Außerdem soll geklärt werden wie ein multilingualer Sprecher unterscheiden kann, welche Sprache er benutzt. Wie greift dieser Sprecher auf die Sprache zurück? Wovon ist der Gebrauch der einen oder anderen Sprache abhängig? Zur Klärung der gestellten Fragen werden diverse Modelle hinzugezogen, wie z.B. das Bilingual-Interactive-Activation-Modell nach Dijkstra und van Heuven oder im Gegenzug das Revised-Hierarchical-Modell nach Kroll und Steward. Diese beiden Modelle werden gegenübergestellt, da sie eine andere Auffassung vertreten, wie Sprachen im mentalen Lexikon organisiert sind. Natürlich sollen nicht nur diese in die Untersuchungen mit einfließen, sondern auch weitere Theorien und Phänomene des Sprachgebrauchs, um zu schauen, welche Positionen vertreten werden, demnach, ob sie für ein integriertes ganzes Lexikon oder für ein gespaltenes System plädieren.

2. Das mentale Lexikon als integriertes Ganzes oder als gespaltenes System?

2.1 Einführung in die Zweisprachigkeit

Ein Individuum, welches zunächst eine Sprache beherrscht, nämlich seine Muttersprache, auch L1 genannt, verfügt über Tausende Wörter, die im mentalen Lexikon abgespeichert sind. Damit der Sprecher sich innerhalb von Sekunden äußern kann, muss er auf seinen Wortschatz irgendwie zurückgreifen können. Es ist daher nur annehmbar, dass die Wörter systematisch im Gehirn strukturiert sind, sonst wäre ein Zugriff von wenigen Millisekunden überhaupt nicht möglich. Das Wissen, welches ein Sprecher zu einem bestimmten Wort hat, muss darüber hinaus auf verschiedenen Ebenen repräsentiert werden. Dies lässt sich anhand folgenden Beispiels konkreter zeigen: nehmen wir das Wort „rot“. Der Sprecher weiß, dass „rot“ eine Farbe ist, Kirschen rot sind und die Farbe meist mit der Liebe assoziiert wird. Für dieses Wissen gibt es die Ebene, auf der lexikalisch-syntaktische Eigenschaften zu den verschiedenen Wörtern eines Sprechers abgespeichert sind. Des Weiteren muss es Ebenen im Lexikon geben auf denen die Semantik, Grammatik und Phonologie eines Wortes auftreten. Da ein Muttersprachler in seiner geäußerten Sprache kaum Fehler macht, ist zudem anzunehmen, dass die zuvor genannten Ebenen eng aneinander liegen und miteinander womöglich verbunden sind. Die Psycholinguisten haben diesbezüglich viele Sprachverarbeitungsmodelle entwickelt, die es uns möglich machen zu verstehen, wie auf Sprache zugegriffen werden kann. Der niederländische Psycholinguist Willem Levelt entwarf einst ein Netzwerkmodell, indem es drei Ebenen gibt: Zum einen die konzeptuelle Ebene, die Lemma Ebene und die Wortform-Ebene. Die Hauptaussage des Modells liegt im lexikalischen Zugriff eines Wortes. Laut Levelt müssen für den Zugriff auf das Wort „Informationen auf der Lemma- und auf der Lexem-Ebene abgerufen werden. Es kann auf die Lexem-Ebene, die die phonologischen Informationen zu einem Wort beinhaltet, erst dann zugegriffen werden, wenn der Zugriff auf die semantischen und morpho-syntaktischen Informationen der Lemma-Ebene abgeschlossen ist. Nur dann ist es dem Sprecher möglich, das gesuchte Wort gemäß des Diskurses einzusetzen.

Die genannten Informationen der Lemma- und Lexem-Ebene sind in Knoten zusammengefasst. „Diese Knoten werden dann aktiviert, wenn eine bestimmte Aktivierungsschwelle überschritten wird. Dabei ist zu beachten, dass nicht alle Knoten eine gleich starke Aktivierungsenergie benötigen: Hochfrequente Wörter benötigen weniger Aktivierungsenergie und werden schneller aktiviert.“3 Es ist also davon abhängig, wie oft oder wie selten ein Wort von einem Sprecher verwendet wird. Der gezeigte Effekt, wird auch Frequenzeffekt genannt.

Zwischen den oben genannten Knoten bestehen natürlich auch Verbindungen zueinander. Aitchison entwickelte zu den Verbindungen Ordnungsprinzipien, die sich in den folgenden Beispielen widerspiegeln.

Im Anhang wurde ein Versuch der Darstellung des Netzwerkmodells nach Collins und Loftus beigefügt. Zu sehen sind mehrere Wörter aus verschiedenen Worteinheiten wie Substantive und Adjektive, die miteinander verbunden sind. Gehen wir einmal näher auf die Adjektive ein. Man sieht im Zentrum der Abbildung das Adjektiv „rot“ stehen. Möchte ein Sprecher auf das Adjektiv „rot“, welches als Farbe charakterisiert ist, zugreifen, so werden auch andere Farben wie z.B. gelb oder grün aktiviert. Nach dem Ordnungsprinzip von Aitchinson liegt eine Koordination vor, da gelb, grün und unser Beispiel rot zur selben Gruppe gehören. Sie gehören etwa alle zur Gruppe der Farben. Den Oberbegriff, der der Gruppe soeben gegeben wurde, wird auch als Hyperonym bezeichnet. Es ist zudem ersichtlich, dass die Farben eine kurze Verbindung zueinander haben und man deshalb sagen kann, dass sie enger miteinander verwandt sind.4 Auffallend ist weiterhin, dass nicht nur Farben mit dem Adjektiv „rot“ verbunden sind, sondern auch Gegenstände, die der Sprecher mit der Farbe „rot“ assoziiert. So verbindet der Sprecher, wie in Abbildung 1 im Anhang zu erkennen ist, mit der genannten Farbe Kirschen oder Feuer. Darüber hinaus weiß der Sprecher, dass Kirschen bei den Obstsorten verordnet werden und denkt an weitere Sorten, wie z.B. Birnen. Greift ein Sprecher demnach auf ein bestimmtes Wort aus seinem Sprachgebrauch zu, so ist damit auch die Aktivierung weiterer Begriffe zu diesem auslösenden Wort verbunden. All diese Beziehungen fügen sich im semantischen Netzwerk zusammen.

Alleine schon der Aufbau des mentalen Lexikons eines Einsprachigen zeigt sich als riesiges und komplexes Netzwerk und ist womöglich beim Bilingualen noch komplizierter und komplexer aufgebaut. Wie kann man sich denn nun die Repräsentation von Wörtern aus zwei Sprachen vorstellen? Inwiefern sind diese abgespeichert? Wie kann der Sprecher auf seine Sprachen zurückgreifen?

Die Abspeicherung der Wörter im mentalen Lexikon eines bilingualen Sprechers scheint bei den Psycholinguisten immer wieder Diskussionen hervorzurufen. Es wurden bereits viele Theorien und Modelle entwickelt, mit denen erklärt werden soll, ob die Sprachen eines einzelnen Sprechers in einem gemeinsamen Lexikon abgespeichert werden oder sich die Sprachen getrennt voneinander im Gehirn befinden.

Mit Sicherheit kann man mittlerweile davon ausgehen, dass bei bilingualen Individuen ein gemeinsames semantisch-konzeptuelles System vorliegt, indem die Sprachen miteinander verbunden sind. Diese Behauptung wird vor allem durch die sogenannten cross-linguistischen Priming-Effekte gestärkt, mit denen „der Einfluss der Wortverarbeitung auf die zeitgleiche Verarbeitung eines anderen Wortes bezeichnet“5 wird.

Es „wird kontrolliert, wie ein Vorreiz (in diesem Fall ein Wort aus einer bestimmten Sprache) die Reaktionszeit bei der Verarbeitung eines Zielreizes (eines Wortes aus einer anderen Sprache) beeinflusst.“6 Zum besseren Verständnis soll zunächst das folgende Beispiel anhand des spanischen Wortes pájaro (=Vogel) genügen. Der Sprecher wird zunächst einfach mit diesem Wort konfrontiert. Danach wird das englische Wort dog (=Hund) hinzugezogen. Aufgrund des zusätzlichen Wortes aus der englischen Sprache wird der Sprecher feststellen, dass pájaro und dog zwei belebte Gegenstände sind. Aufgrund dieses Beispiels wurde zudem bestätigt, dass das Erlernen einer weiteren Sprache einfacher erfolgt, wenn bereits Sprachkenntnisse einer anderen Sprache vorhanden sind. „Die [...] Daten von Priming-Experimenten bei Mehrsprachigen weisen eher auf eine sprachübergreifende, gemeinsame Repräsentation oder jedenfalls auf eine parallele Aktivierung hin als auf eine sprachspezifische.“7 Die Ergebnisse aus dieser Untersuchung bestätigen, dass es einen „Zugriff auf ein einzelsprach-übergreifendes konzeptuelles Wissen gibt.“8

2.2 Das mentale Lexikon als integriertes Ganzes

Zunächst soll von der Annahme ausgegangen werden, dass es ein integriertes Lexikon gibt, in dem alle Sprachen, die ein Individuum beherrscht, gespeichert sind.

Dafür spricht zum einen das Bilingual-Interactive-Activation-Modell (BIA-Modell) von Dijkstra und van Heuven. Dieses Modell nimmt Bezug auf die Verwendung der Sprachen eines Bilingualen und untersucht, wie der Zugriff auf eine der Sprachen erfolgt. Geschieht der Zugriff auf die L1 oder L2 bewusst? Kann der bilinguale Sprecher diesen kontrollieren? Ein Vorgänger zu dem BIA-Model stellt das Interactive-Activation-Modell (IA-Modell) nach McClelland und Rumelhart dar. Das Model setzt sich aus drei Ebenen zusammen, die dazu beitragen, dass auf die diversen Sprachen des Bilingualen in der jeweiligen Sprechsituation zugegriffen werden können. Die Ebenen enthalten Buchstabenkennzeichen, Buchstaben und Wörter der jeweiligen Sprachen. Im BIA-Modell wird im Nachhinein noch die sprachbezogene Ebene hinzugefügt, „auf der geregelt wird, welche Sprache gewählt und welche gehemmt wird.“9 Das heißt es werden beide Sprachen zunächst gleichzeitig aktiviert und dann eine der beiden „unterdrückt“. „Die Stärke der Aktivierung hängt jedoch u. a. vom Kompetenzniveau in der jeweiligen Sprache ab.“10 Zur Veranschaulichung des Gesagten, soll das Modell im Anhang nochmal dargeboten werden. Wie in der Abbildung 2 zu sehen ist, bestimmen mehrere Knoten das Modell. Es werden z.B. die Rechtschreibung und die Semantik eines Wortes jeweils in einem extra Knoten dargestellt. Oben links sind die Sprachen L1 und L2 zu sehen, welche sich einen Knoten gemeinsam teilen. Das gemeinsame Abbilden der Sprachen in einem Knoten, steht folglich dafür, dass diese in einem gemeinsamen integrierten Lexikon innerhalb des Gehirns gespeichert sind.

[...]


1 Vgl. Montrul 2013: S. 134.

2 Storck 1999: S. 29.

3 Vgl. Niebuhr-Siebert 2014: S. 48.

4 Vgl. Bosshardt 1986: S. 134.

5 Niebuhr-Siebert 2014: S. 49.

6 Lutjeharms 2006: S. 6.

7 Lutjeharms 2006: S. 7.

8 Niebuhr-Siebert 2014: S. 50.

9 Niebuhr-Siebert 2014: S. 50.

10 Niebuhr-Siebert 2014: S. 50.

Details

Seiten
15
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668928664
ISBN (Buch)
9783668928671
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464997
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Schlagworte
organisation lexikons bilingualen integriertes ganzes system

Autor

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Titel: Die Organisation des mentalen Lexikons eines Bilingualen. Integriertes Ganzes oder gespaltenes System?