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Zu "Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes" von Dr. P. J. Möbius

Über die Angst vor der gebildeten Frau um 1900

Ausarbeitung 2019 25 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bildungsgeschichtlicher Hintergrund/ Frauenbewegung

3. Über den Autor

4. Das Buch „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes
4.1. Dr. Möbius antwortet seinen Kritikern

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im vergangenen Jahr 2018 feierten wir in Deutschland 100 Jahre Frauenwahlrecht. 1918 erstritt sich die Frauenbewegung das Recht zu wählen und damit die politische Partizipation. So wurde eine Realisierung echter Demokratie ermöglicht, die alle Bürgerinnen und Bürger beteiligt (vgl. Hille/ Radde, 2018, S. 1). In diesem Zusammenhang steht auch der Kampf der bürgerlichen Frauenbewegung in Deutschland. Sie setzten sich dafür ein, dass Frauen gleichberechtigt zum Studium zugelassen werden, akademische Abschlüsse erwerben und in Berufszweigen der Wissenschaft, des Staatswesens und der Wirtschaft arbeiten können. In vielen Ländern der Welt hatten Frauen bereits seit Jahrzehnten Zugang zum Universitätsstudium. In Deutschland um 1900 durften sie nur als Gasthörerinnen am akademischen Leben teilnehmen. Die Debatte um die Zulassung der Frauen zu einem Universitätsstudium erreichte in diesen Jahren ihren Höhepunkt. Eine breite Front aus Wissenschaftlern, Gelehrten und Vertretern anderer Berufsstände formierte sich gegen die zahlreichen Verfechter/innen eines Zugangs zum Universitätsstudium für Frauen. Schriften und wissenschaftliche Begründungen wurden verfasst, um zu zeigen, dass Frauen von Natur aus nicht dazu bestimmt sind, geistig tätig zu werden. Die traditionelle bürgerliche Werteordnung beinhaltete ein Ehe- und Familienideal, welches aufgrund naturhaft unterschiedlicher Geschlechtscharaktere, die Trennung der Arbeits- und Lebenssphären von Frauen und Männern vorsah. Immer mehr Frauen lehnten sich gegen diese Rollenverteilung auf, vor allem der bürgerliche Teil der Frauenbewegung verschrieb sich dem Kampf für eigene Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten (vgl. Kruse, 2012).

Aus heutiger Sicht urteilten die Männer in abschätziger Weise über die Leistungsfähigkeit und das geistige Vermögen der Frauen. Sie sprachen ihnen nicht nur Urteilsvermögen, Menschenkenntnis und die geistige Kraft ab, sie degradierten sie zu Anhängseln der Männer und einzig fähig, Ehefrau, Hausfrau und Mutter zu sein. Sie beschworen allerlei Gefahren, die entstünden, sollten Frauen eine akademische Laufbahn einschlagen. Nicht nur der Rückgang der Gattung, der Untergang der Nation aufgrund gebildeter und moderner Frauen, wurden als Teufel an die Wand gemalt.

„[…] daß die Natur selbst der Frau ihren Beruf als Mutter und als Hausfrau vorgeschrieben hat, und daß Naturgesetze unter keinen Umständen ohne schwere Schädigungen, welche sich im vorliegenden Falle besonders an dem nachwachsenden Geschlecht zeigen würden, ignoriert werden können.“ (Planck in Stein, 1985, S. 225)

„[…] und dass sie alles thun, was in ihren Kräften steht, um im Interesse des menschlichen Geschlechtes die widernatürlichen Bestrebungen der „Feministen“ zu bekämpfen. Es handelt sich hier um die Gesundheit des Volkes, die durch die Verkehrtheit der „modernen Frauen“ gefährdet wird.“ (Möbius, 1905, S. 25)

Es drängt sich beim Lesen dieser gegnerischen Argumentationen der Eindruck auf, es ginge den Herren nicht nur um das Wohl des Volkes und um die Bewahrung wissenschaftlicher Güte, sondern letztendlich um die Hoheit und die Macht des Mannes, die durch studierende Frauen in Gefahr geraten.

„Das deutsche Volk hat anderes zu thun, als gewagte Versuche mit Frauenstudium anzustellen. Sorgen wir vor allem, daß unsere Männer Männer bleiben!“ (Giercke in Stein, 1985, S. 219)

„Es handelt sich nicht bloß darum, daß die Frauen, die einen männlichen Beruf ergreifen, ihrer natürlichen Aufgabe ganz oder teilweise entfremdet werden. Vielmehr verdrängt jede solche Frau zugleich einen Mann.“ (ebd., S. 217)

Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit einer dieser Schriften. Dr. J. P. Möbius, ein Neurologe und Psychiater, schrieb 1900 den Essay „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“. Er reiht sich damit in die Riege der Gegner des Frauenstudiums ein. Sein Essay umfasst 29 Seiten Erklärungen über die geistige Unfähigkeit der Frauen und wurde in mehreren Auflagen um Erläuterungen des Autors und Leserbriefe, sowohl zustimmende als auch gegnerische, erweitert und herausgegeben.

Die hier vorliegende Arbeit wurde in fünf Kapitel aufgeteilt. Nach der Einleitung zeichnet das zweite Kapitel den bildungsgeschichtlichen Hintergrund, sowie die Einordnung der Frauenfrage in den Diskurs um die Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium. Das dritte Kapitel stellt in Kurzform den Autor der hier zu behandelnden Schrift vor und das viertel Kapitel gibt einen ausführlichen Einblick in die Gedankenwelt und in die Argumentation des Dr. Möbius. In Kapitel 4.1. wird anhand eines fiktiven Interviews Dr. Möbius mit seiner kritischen Leserschaft konfrontiert. Abschließend wird in Kapitel fünf ein Fazit gezogen.

2. Bildungsgeschichtlicher Hintergrund/ Frauenbewegung

„Die Zeit um 1900 stellt in Bezug auf das Verhältnis von Wissenschaft und Geschlecht eine Zeit des Wandels dar. Der Status Quo des formalen Ausschlusses von Frauen aus der Wissenschaft wurde massiv in Frage gestellt.“ (Heinsohn, 2005, S. 79)

„Die Erfahrung geistiger wie materieller Not, die sog. Frauenfrage, hatte in vielen Ländern zu Bündnissen geführt, in denen Frauen für ihr Recht auf Bildung und Arbeit stritten.“ (Kersting in Mietzner et. al., 2007, S.124) Daher konnten in den Vereinigten Staaten Frauen bereits seit 1850 studieren, in der Schweiz seit 1865 und im übrigen Europa wurde im Zeitraum zwischen 1870 und 1890 den Frauen der Zugang zum Studium möglich. Damit stand Deutschland als letztes Bollwerk eines erbitterten Widerstands gegen das Frauenstudium da und erst im Zeitraum zwischen 1900–1908 wurde Frauen hierzulande der Zugang zum Studium und damit zur Erlangung eines akademischen Grades ermöglicht (vgl. Bickel, 2001). Dem vorangegangen waren viele Initiativen und Forderungen der Frauenbewegung und Teile des Diskurses stellten Fragen zum Wesen der Weiblichkeit, zur gesellschaftlichen Bestimmung von Männern und Frauen und des Status der Wissenschaft dar (vgl. Heinsohn, 2005, S. 79f). Erst seit den 1880iger Jahren wurde die Frage weiblicher Beteiligung zu einem öffentlichen und politischen Gegenstand. Das liberale Bürgertum schuf im Zuge der Aufklärung öffentlich-städtische Bildungseinrichtungen, die aber nur den Jungen offenstanden und die bürgerliche Frau wurde auf die häuslich-kulturelle Sphäre festgelegt. Die „Bestimmung“ der Frau als Hausfrau, Gattin und Mutter, der die sich durchsetzende Trennung von Produktion und Reproduktion, Öffentlichkeit und Privatheit, blieb der Grundtenor der Gegner eines Frauenstudiums (vgl. Vahsen, 2008).

„Wenn sich die Frauen,‟ sagt unter anderen Bogumil Goltz, „durch Literatur, durch populäre Naturwissenschaften und allerlei andere Schulkünste den göttlichen Instinkt beirren (d.h. wenn sie etwas lernen) so wird die Corruption der menschlichen Geschichte vollzählig sein.‟ (Goltz, S. 4. in Dohm, 1876)

Dem traditionellen Rollenverständnis und der Verteilung von Arbeits- und Produktionsprozessen widersprachen akademisch gebildete Frauen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts wurden die Rollen von Mann und Frau in der sich formierenden bürgerlichen Gesellschaft neu festgelegt. Anthropologische Merkmale wurden zum Anlass genommen, um auf die – zu unterscheidende – charakterliche Veranlagung von Mann und Frau und auf ihr Verhältnis zueinander hinzuweisen. Dabei galten die Geschlechtsunterschiede als ‚naturgewollt‘, und die Frau stellte lediglich eine Ergänzung zum Mann dar (vgl. Lehnert in Meyer, 1998, S. 8). Eine lebenslange Berufsarbeit stand nur den Männern frei, die Frauen sollten sich mit ihrer Rolle in der Familie identifizieren (vgl. Hoffmann, 2011, S. 111).

„Die gesellschaftliche Norm der „Weiblichen Andersartigkeit” bildete die Rahmenbedingungen für die persönliche Entwicklung von Frauen und blieb auch noch im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts erhalten.“ (ebd., 1998, S. 8)

War Europa im 18. Jahrhundert noch in viele feudalistisch regierte Länder und Staaten zerstückelt, stellte die Französische Revolution von 1789 dieses Modell in Frage und politische und gesellschaftliche Strukturen gerieten in Auflösung. Die Revolution brachte die Idee der Menschenrechte und verschiedene Demokratie-Konzepte hervor. Gab es zu Beginn des Zeitalters der Aufklärung im Verlaufe des 18. Jahrhundert noch die Forderung nach der gebildeten und gelehrten Frau, wurde dies zum Ende des Jahrhunderts durch den "natürlichen Geschlechtscharakter" der Frau abgelöst. Die Frauen verloren ihren Subjekt-Status, sowie ihre Mündigkeit und Autonomie. Die ihnen zugewiesenen "natürlichen Geschlechtseigenschaften" wie Tugend, Sittsamkeit und Fleiß befähigten sie zur Ausübung ihrer natürlichen Rolle als Ehefrau und Mutter. Diese Rollenverteilung sorgte für die Trennung der gesellschaftlichen Räume. Demnach stand die Öffentlichkeit dem Mann zu, dagegen war der Ort der Frau das Haus (vgl. Vahsen, 2008). Nach Max Runge ist das Weib an ewige Gesetze gebunden und will Gattin und Mutter sein (vgl. Runge in Heinsohn, 2005, S. 100).

„Das Haus, die Ehe und die Familie als die „natürlichen Wirkungsstätten des Weibes“ sind die gesellschaftlichen Institutionen und Orte, an die Frauen mit dem weiblichen Berufskonzept gebunden gesehen wurden. Universität und Wissenschaft lagen dagegen außerhalb dieser „weiblichen“ Räume. (Heinsohn, 2005. S. 101)

Die Französische Revolution mit ihrem Gedankengut und der Formulierung der Menschenrechte bildeten den Ursprung des Feminismus. Menschenrechte, die nur als Männerrechte daraus hervorgingen, sollten für die Frauen weitergedacht und erkämpft werden (vgl. Bäumer in Hopf, 1997, S. 20).

„[…] Menschenrechte haben kein Geschlecht.“ (Dohm, 1876)

Im Zuge der Revolution in Deutschland um 1848 bildeten sich viele Frauenvereine und stellten damit den Beginn der Frauenbewegung dar. Mit der Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ 1865 formulierten die Vertreterinnen vor allem die Forderung nach einem gleichen Recht auf Bildung und Arbeit. Höhere Mädchenbildung fand im häuslichen Unterricht statt, während hingegen für die Jungen um 1800 die Gymnasialbildung etabliert wurde (vgl. Vahsen, 2008). Die Gründerinnen des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF), Louise Otto Peters und Auguste Schmidt stehen für die organisierte Frauenbewegung (vgl. Hopf, 1997, S. 21). Zu den anvisierten Zielen des Vereins gehörten die „erhöhte Bildung des weiblichen Geschlechts und die Befreiung der weiblichen Arbeit von allen ihrer Entfaltung entgegenstehenden Hindernissen.“ (Otto-Peters 1890 in Gerhard, 2018, S. 54) In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts spaltete sich die deutsche Frauenbewegung in einen proletarischen und in einen bürgerlichen Zweig. Die bürgerlichen Frauen kämpften für eine Verbesserung der Stellung der Frau innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung und vertraten den Grundsatz der politischen Neutralität. Während hingegen die proletarische Frauenbewegung sich mit den Männern organisierte, um die proletarische Revolution zu erreichen. Ihr ging es vor allem um die Verbesserung der Situation der Arbeiterinnen, denen sie durch karitative Maßnahmen halfen (vgl. Hopf, 1997, S. 21f).

Die Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium, die Verbesserung der Mädchenbildung, die gesellschaftliche Anerkennung der Berufstätigkeit bürgerlicher Frauen und familienrechtliche Bestimmungen, stellten die Hauptthemen der bürgerlichen Frauenbewegung dar.

„Es sei denn, daß der Erwerb wissenschaftlicher Bildung, die Befriedigung geistiger Bedürfnisse, nicht ein Menschenrecht, sondern nur ein Männerrecht wäre. Oder ist jenes Bedürfnis nur bei Männern naturgemäß, bei Frauen aber krankhaft?“ (Soden in Stein, 1985, S. 213)

Ganz in diesem Sinne verfassten die Frauenvereine immer wieder Petitionen an den Reichstag und die Landtage, um die Situation der Frau zu verbessern. Die bürgerliche Frauenbewegung hatte verschiedene Flügel, der Hauptflügel der „Gemäßigten“ wurde von Helene Lange und im Anschluss von Gertrud Bäumer angeführt. Im Vordergrund ihrer Arbeit standen stets die Forderungen nach einem gleichen Recht auf Bildung und Arbeit. 1890 wurde von Helene Lange der Allgemeine Deutsche Lehrerinnenverein gegründet, in den Folgejahren vervielfältigte sich die Zahl der Lehrerinnenvereine.

„Signalwirkung kam dabei der Initiative von Helene Lange zu, die 1889 in Berlin die ersten „Realkurse für Frauen" einrichtete, die sie 1893 in vierjährige Gymnasialkurse umwandelte.“ (Felschow, 2013)

Als weitere wichtige Forderung galt der freie Zugang zum Arbeitsmarkt für Frauen aus der Mittelschicht, der ihnen von vielen Männern aus verschiedenen Bereichen und aus vielfältigen Gründen verwehrt wurde (vgl. Hopf, 1997, S. 24). Als Lösungsvorschlag der „Frauenfrage“ wurden hierzu weibliche Assistenzberufe und sogenannte weibliche Berufe vorgeschlagen. So könnten in Not geratene „höhere Töchter“ ihren Lebensunterhalt in Erwerbsarbeit erwirtschaften, ohne den Männern in ihren Berufszweigen zur Konkurrenz zu werden. Dabei wurde an der bestehenden Geschlechterordnung und an der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung festgehalten. Erwerbsarbeit durfte nicht dem weiblichen Geschlechtscharakter schaden, daher sollten Frauen Tätigkeiten ausüben, die ihrer natürlichen Rolle als Hausfrau und Erzieherin der Kinder, nahelagen (vgl. Heinsohn, 2005, S. 109). In diesem Zusammenhang etablierten sich soziale Berufe als „Frauenberufe“ (vgl. Hopf, 1997, S. 24). Die Aktivitäten der Frauenbewegungen führten letztendlich zu Erfolgen und Gesetzesänderungen. Zu nennen wären hier die Vereinsfreiheit um 1908, das Immatrikulationsrecht um ca. 1900–1909 und das Wahlrecht um 1918 (vgl. Greven-Aschoff, 2011 in Dehnavi, 2016). Gegen die massiven Vorurteile konservativer Bildungspolitiker und Vertreter bestimmter Berufsgruppen - darunter Ärzte, Anwälte, Gymnasiallehrer- und Hochschulprofessoren, gelang es der Frauenbewegung, sich den Zugang zum Frauenstudium zu erstreiten. Vor allem Mediziner setzten sich seit den 1870iger gegen das Eindringen von Frauen in die bislang männlich dominierte Universitäts- und Berufswelt ein (vgl. Felschow, 2013).

In diesen Zusammenhang ist auch die in den nächsten Kapiteln besprochene Schrift „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ von Dr. J. P. Möbius zu setzen.

3. Über den Autor

Paul Julius Möbius wurde im Januar 1853 in Leipzig als Sohn des Pädagogen Paul Möbius geboren. Möbius besuchte die Thomanerschule in Leipzig und studierte anschließend Theologie und Philosophie und ab 1873 auch Medizin in Leipzig, Jena und Marburg (vgl. Steinberg, 2005, S. 24ff). Er promovierte 1873 zum Dr. phil. und vier Jahre später zum Dr. med. Im Jahr 1877, kurz nachdem er die Approbation erhielt, trat Möbius dem Sächsischen Sanitätskorps bei und durchläuft hier die militärärztliche Laufbahn (vgl. ebd., S. 33). Er arbeitete als Neurologe und Psychiater und war von 1883 bis 1893 Dozent für Neurologie an der Universität in Leipzig. Nach Rückgabe der Lehrberechtigung führte er als wissenschaftlich hoch angesehener Nervenarzt freiberuflich seine Praxis weiter (vgl. ebd., S. 41). Als Herausgeber der „Schmidtschen Jahrbücher für die gesammte Medicin“ 1886 stieg er zu einem der einflussreichsten Kritiker der medizinischen Fachpresse auf. Hysterie, Epilepsie, Tabes und Morbus Basedow gehörten zu seinen Wissenschaftsbereichen, so wie die Niederschrift von Pathographien berühmter Männer (vgl. Bickel, 2001)

4. Das Buch „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“

1900 erschien die erste Ausgabe der umstrittenen Schrift von Dr. Möbius, welches in Folge vielfach aufgelegt wurde und ihm, den bis dahin nahezu Unbekannten, große Aufmerksamkeit zu Teil werden ließ. Auf dem Höhepunkt der Diskussion in Deutschland, ob Frauen zum (Medizin-) Studium zugelassen werden dürfen, stellte seine Schrift einen weiteren Streitpunkt unter Anhängern und Gegnern dar. Dabei ist seine Schrift Teil von mehreren Beiträgen zum Themenkreis der Geschlechtsunterschiede und kann nur verstanden werden vor dem Hintergrund der Debatte um das Frauenstudium in Deutschland zwischen 1865 und 1908 (vgl. Bickel, 2001).

Das kleine Buch gliedert sich in zwei Teile und einen Anhang aus Leserbriefen. Im ersten Teil geht es Möbius um die Erklärung des weiblichen Schwachsinnes. Der zweite Teil enthält weiterführende Erläuterungen und im Anhang finden sich zustimmende und gegnerische Besprechungen seiner Schrift, sowie Auszüge aus College- und Damenbriefen.

„Das Weib ist kärglicher mit geistigen Fähigkeiten versehen als der Mann und büsst sie eher wieder ein. Dieser Zustand ist von vornherein und unabänderlich. Die Gleichmacherei führt zum Schaden der Gesellschaft, denn sie beeinträchtigt nicht nur die Gesundheit des Weibes, sondern auch Beschaffenheit und Zahl der Kinder.“ (Möbius, 1905, S. 8)

Um seine Ansichten bezüglich der geistigen Beschaffenheit des Weibes wissenschaftlich zu untermauern, erwähnt Möbius das Werk von C. Lombroso und G. Ferrero „Das Weib als Verbrecherin und Prostitutirte“, die ebenfalls eine männliche Überlegenheit propagieren.

„Bei den niederen Thieren ist die Ueberlegenheit des weiblichen Geschlechts über das männliche — an Körperkraft und Grösse — sehr verbreitet; sie wird sogar noch bei einigen Vogelarten gefunden. Wenn man jedoch allmählich in der zoologischen Skala höher steigt, so sieht man, wie sich nach und nach das Männchen dem Weibchen nähert und es schliesslich überholt, bis endlich unter den Säugethieren das männliche Geschlecht ohne Ausnahme die Oberherrschaft besitzt.“ (Ferrero/Lombroso, 1884, S. 13)

Nach dem Studium verschiedener Werke zu Körperbau und anderen körperlichen Merkmalen, kommt Möbius zu dem Schluss, „[…], dass für das geistige Leben außerordentlich wichtige Gehirnteile, die Windungen des Stirn- und Schläfenlappens, beim Weibe schlechter entwickelt sind als beim Manne und dass dieser Unterschied schon bei der Geburt besteht.“ (Möbius, 1905. S.15)

„Körperlich genommen ist, abgesehen von den Geschlechtsmerkmalen, ist das Weib ein Mittelding zwischen Kind und Mann, und geistig ist sie es, wenigstens in vielen Hinsichten, auch.“ (ebd., S. 14)

Für das Ausführen verschiedener Tätigkeiten bescheinigt er der Frau weniger motorische Fähigkeiten und glaubt, die Geschicklichkeit der Frau sei eine Legende, da sobald Männer frauentypische Tätigkeiten (Weiberarbeit), wie bspw. das Schneidern, übernehmen, sie insgesamt wesentlich bessere Arbeit leisten. Seiner Meinung nach ist die Geschicklichkeit eine Leistung der Gehirnrinde und hier findet sich die Verschiedenheit der geistigen Fähigkeiten, da Männer einen größeren Kopf und somit auch ein ausgeprägteres Gehirn besitzen (vgl. ebd. S. 17). Die Frau hat einen größeren Instinkt als der Mann.

„Der Instinkt nun macht das Weib thierähnlich, unselbstständig, sicher und heiter. […] Mit dieser Thierähnlichkeit hängen sehr viele weibliche Eigenthümlichkeiten zusammen. Zunächst der Mangel des eigenen Urtheils.“ (ebd. S.16)

Er unterstellt den Frauen aus diesem Grunde eine streng konservative Sichtweise und die Abneigung gegen alles Neue. Sollte es nur Weiber auf der Welt geben, die wie die Tiere immer dasselbe tun, würde es keinerlei Fortschritt geben und das menschliche Geschlecht sich nicht weiterentwickeln. Denn der Fortschritt und die Entwicklung geht nur vom Manne aus, die Frau hängt ihm dabei wie ein Klotz am Bein. Sie hemmt die Männer, da sie Gut und Böse nicht zu trennen vermag und auch sonst keinerlei Urteilsfähigkeit besitzt. Sie handelt aus Instinkt, besitzt aber nicht die Fähigkeit zu individuellem Denken, läuft jeder Mode nach und handelt nur aus persönlichem Interesse (vgl. ebd. S. 18f).

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668933958
ISBN (Buch)
9783668933965
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464928
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg – Erziehungswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
essay über schwachsinn weibes möbius angst frau

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