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Das Politische an der Novelle "Mario und der Zauberer"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 24 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt

1 Einführende Bemerkungen zur Thematik

2 Entstehung der Novelle
2.1 Autobiographische Bezüge
2.2 Historische Einordnung der Novelle

3 Die Künstlerproblematik am Beispiel des Zauberers Cipolla

4 »Mario und der Zauberer«- eine politische Novelle?
4.1 Thomas Manns Faschismustheorie
4.2 Äußerungen von Thomas Mann zur Novelle
4.3 Rezeption der Novelle in Europa
4.3.1 Rezeption der Novelle in der Schweiz
4.3.2 Rezeption der Novelle in Frankreich
4.3.3 Rezeption der Novelle in England
4.3.4 Rezeption der Novelle in Italien
4.4 Politische Deutungsansätze der Novelle
4.5 Weitere Interpretationsansätze

5 Resümee

6 Literaturverzeichnis

1 Einführende Bemerkungen zur Thematik

Nach dem Erscheinen der Novelle »Mario und der Zauberer« im Jahr 1930 zeigten Kritiker immer wieder unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten der Novelle auf. Dabei stand und steht dauernd die Frage im Vordergrund, ob die Novelle politisch, d.h. unter Einbeziehung des Faschismus, ethisch oder doch einfach nur rein literarisch zu interpretieren ist. Selbst Thomas Mann hat sich nicht eindeutig zu dieser Problematik geäußert. In den ersten erschienenen Rezensionen wurden politische Aspekte allerdings noch nicht berücksichtigt.

In der vorliegenden Arbeit geht nun darum zu überprüfen, ob es sich bei der Novelle »Mario und der Zauberer« um eine politische Novelle handelt, wobei allerdings auch andere Interpretationsansätze mit einbezogen werden.

2 Entstehung der Novelle

2.1 Autobiographische Bezüge

Ebenso wie die meisten anderen Werke Thomas Manns trägt auch die Novelle »Mario und der Zauberer« starke autobiographische Züge. Die Novelle basiert auf eigenen Erfahrungen und Empfindungen, die Thomas Mann während eines Urlaubs in Italien machte.

Vom 31.08.- 13.09.1926 verbrachte Thomas Mann zusammen mit seiner Frau und seinen beiden jüngeren Kindern, Elisabeth und Michael, seinen jährlichen Sommerurlaub in Forte dei Marmi, einem Seebad nordwestlich von Pisa bei Viareggio.[1] Die Familie wohnte in der Pension Regina in Forte dei Marmi. Während dieses Urlaubs begegneten die Manns dem Hypnotiseur Cesare Gabrielli, der das Vorbild für den Zauberer Cipolla lieferte.

Der >Zauberkünstler< war da und benahm sich genau, wie ich es geschildert habe. Erfunden ist nur der letale Ausgang: (…) Die Schüsse waren nicht einmal meine Erfindung: Als ich von dem Abend hier erzählte, sagte meine älteste Tochter: >Ich hätt mich nicht gewundert, wenn er ihn niedergeschossen hätte<.[2]

Aber nicht nur der Zauberer basiert auf einem realen Vorbild. Auch die Wirtin der Pension, die in der Novelle Angiolieri heißt, geht auf die Wirtin der Pension Regina zurück. Weiterhin entspricht der Urlaubsort Forte dei Marmi dem Torre di Venere in »Mario und der Zauberer«. Der Beleg dafür findet sich in einem Brief an Hopkins, den Thomas Mann am 27.11.1930 schrieb:

Es ist alles richtig, wir waren im August-September 26 in Forte dei Marmi, das mit dem Torre di Venere der Novelle identisch ist. (…) In derselben Pension wohnten wie freilich nicht, sondern in einer anderen analog gelegenen, die Pensione Regina hieß. Der Name der Wirtin war Angela Querci, woraus mir in der Novelle Angiolieri geworden ist, und diese Dame hatte auch schon von der Novelle läuten hören und erkundigte sich danach. Ich habe es aber vorgezogen, eine Ausrede zu gebrauchen und ihr das Buch lieber nicht zu schicken.[3]

Auch seine beiden jüngsten Kinder, die er mit in den Urlaub nahm, finden sich in der Novelle wieder. Die Kinder haben in »Mario und der Zauberer« zwar keinen Namen, aber Elisabeth ist zu dem Zeitpunkt des Urlaubs genauso alt wie in der Novelle. Thomas Mann selbst übernimmt die Rolle des Erzählers in der Novelle.

Erst im Sommer 1929, d.h. drei Jahre später, schrieb Thomas Mann die Ereignisse in Forte dei Marmi nieder. In diesem Jahr verbrachte Thomas Mann seinen Sommerurlaub in dem Ostseebad Rauschen in Ostpreußen. Zu dieser Zeit arbeitete er gerade am »Joseph«, da er aber für die Weiterarbeit umfangreiches Material benötigte, das er auf die lange Reise nicht mitnehmen wollte, entschloss er sich während des Urlaubs eine Anekdote, die spätere Novelle »Mario und der Zauberer« zu schreiben, so konnte er auch im Strandkorb arbeiten.

Im Januar/ Februar 1930 schrieb Thomas Mann im „Lebensabriß“ dazu:

Da ich mich aber auf beschäftigungslose Erholung durchaus nicht verstehe und eher Nachteil als Nutzen davon erfahre, beschloß ich, meine Vormittage mit der leichten Ausführung einer Anekdote zu füllen, deren Idee auf eine frühere Ferienreise, einen Aufenthalt in Forte dei Marmi (…) zurückging: mit einer Arbeit also, zu der es keines Apparates bedurfte und die im bequemsten Sinn des Wortes aus der Luft gegriffen werden konnte.[4]

Thomas Mann fertigte zwar den größten Teil von »Mario und der Zauberer« in Rauschen an, konnte die Arbeit an der Novelle letztlich erst nach seiner Rückkehr nach München abschließen.

2.2 Historische Einordnung der Novelle

Zu der Zeit als Thomas Mann 1926 seinen Sommerurlaub in Forte dei Marmi verbrachte und auch noch drei Jahre später, als Thomas Mann 1929 »Mario und der Zauberer« schrieb, herrschte in Italien der Faschismus unter der Führung von Benito Mussolini[5].

Der italienische Faschismus unter Mussolini begann 1919 als dieser seine eigene politische Bewegung, die Fasci di combattimento gründete. Kennzeichnend für die damalige Zeit war die Unzufriedenheit vieler Menschen mit den Ereignisssen der Friedensverträge[6] ; in Italien herrschten politische und soziale Unruhen. Bis 1920 waren die faschistischen Bewegungen jedoch relativ bedeutungslos geblieben, aber durch das Scheitern der sozialen Offensive bekamen die faschistischen Bewegungen weiteren Zulauf. Der Aufstieg war aber nur möglich, weil die Staatsgewalt den faschistischen Terror nicht nur tolerierte, sondern ihn teilweise sogar unterstützte. So bekamen die Faschisten beispielsweise aus Angst vor einer Revolution, die von den Sozialisten ausgelöst werden konnte, vom Militär Waffen. Außerdem wurden angeklagte Faschisten von der Justiz strafrechtlich nicht belangt. Die faschistischen Organisationen sollten sozusagen als eine Art Schutzschild herhalten.

Bei den Parlamentswahlen im Mai 1921 erzielten die Faschisten nur einen äußerst mäßigen Wahlerfolg. Von den insgesamt 535 Abgeordneten erhielten die Faschisten lediglich 35 Abgeordnete.[7]

Im November desselben Jahres erfolgte zwei Jahre nach der Gründung der Fasci di combattimento die Umwandlung des Kampfbundes zur faschistischen Partei durch Mussolini.

Am 24. Oktober 1922 veranstalteten 40.000 faschistische Anhänger in Neapel eine gewaltige Militärparade auf der zum »Marsch auf Rom« aufgerufen wurde. Dieser »Marsch auf Rom«, mit dem Ziel, gewaltsam die Regierung zu übernehmen, fand am 27./28. Oktober statt. Um einen drohenden Bürgerkrieg zu verhindern, berief König Viktor Emanuel III. Mussolini am 29. Oktober zum Ministerpräsidenten. Zwei Tage später, am 31. Oktober 1922, übernahm Mussolini die Macht, zunächst aber nur in Form einer Koalitionsregierung mit konservativen, liberalen sowie christlichen Parteien.[8]

„Mussolinis Regierungsprogramm war im wesentlich eine Sammlung antidemokratischer Ressentiments, des Antiliberalismus und Zentralismus.“[9] Mit einer auf ein Jahr befristeten Vollmacht gründete Mussolini am 15. Dezember 1922 den faschistischen Großrat um damit die Umgestaltung des politischen Systems zu beginnen. Dieser Umwandlungsprozess war 1925 abgeschlossen, als die National faschistische Partei 1925 zur staatlichen Monopolpartei wurde. Das Ergebnis brachte die Abschaffung der Gewaltenteilung und der Pressefreiheit, das Verbot aller nichtfaschistischen Parteien, sowie die Gleichschaltung von Justiz und Verwaltung. „Das Führerprinzip wurde auf allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen eingeführt.“[10] Mussolini war der Diktator und nannte sich selbst »Duce«[11].

Ab 1926 wurde der Faschismus in Italien totalitär. Im Juni desselben Jahres fanden keine Wahlen mehr in den Provinzen und Kommunen statt und auch jegliche Form des Widerstands wurde verboten. 1929 kam es dann zur Gleichsetzung des Faschismus mit dem Staat.

In Deutschland zeichneten sich zur gleichen Zeit ähnliche Tendenzen ab. Zwar wurde im November 1923 die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, deren Vorsitzender Adolf Hitler war, nach einem gescheiterten Putschversuch verboten. Doch während seiner Haftzeit schrieb er das Buch »Mein Kampf«, das 1925/1926 erschien. „Er forderte den rassisch »gereinigten«, antisemitischen, antiliberalen und antimarxistischen Führerstaat, der »neuen Lebensraum« im Osten erobern müsse.“[12] Nach seiner Haftentlassung begann Hitler die NSDAP wieder aufzubauen. Bis 1929 blieben sie aber relativ bedeutungslos. Erst mit der Weltwirtschaftskrise bekamen sie mehr und mehr Anhänger, was sich in dem Wahlerfolg bei den Reichtagswahlen 1930 niederschlug, als die NSDAP nach den Sozialdemokraten zur zweitstärksten Partei aufstieg.

3 Die Künstlerproblematik am Beispiel des Zauberers Cipolla

Die Novelle beinhaltet nicht nur politische Aspekte, sie thematisiert auch die Künstlerproblematik mit der sich Thomas Mann bereits in anderen Werken mehrfach beschäftigt hat. So ordnet Zimmermann »Mario und der Zauberer« als Künstlernovelle zwischen »Tonio Kröger« und »Doktor Faustus« ein.[13]

Cipolla ist eine problematische Künstlerfigur, die die Elemente, die für Thomas Mann seit der Jahrhundertwende zur Künstlerpsychologie gehören, vereinigt. Er ist ein Künstlertyp, der gleichzeitig Dilettant und Hochstapler, Komödiant und Narziss, Herrscher und Verlierer ist.[14] Als Künstlerfigur steht er jedoch auch in der Nähe der Dekadenz, so dass man ihn ebenso als dekadenten Künstler bezeichnen kann. Die natürliche, vitale Kraft seines Körpers ist schon erschöpft. Aufgrund eines körperlichen Leidens, seine Gesundheit ist nicht die robusteste, kann man sagen, dass er körperlich verfallen ist. Um seine Spannkraft aufrecht zu erhalten und damit seine vitale Schwäche zu überwinden, trinkt und raucht er ununterbrochen während der Vorstellung, da er an sich selbst hohe Ansprüche stellt.

In Cipolla tritt das Wesen des Künstlers „als etwas tief Zweideutiges, tief Anrüchiges in Erscheinung, seine Arbeit wird ironisch als zweifelhafte Tätigkeit gewertet“[15].

Einerseits unterhält er das Publikum, andererseits erniedrigt und demütigt er es, indem er sein Publikum bzw. seine „Versuchspersonen“ willenlos macht. „Er manipuliert die Welt, wobei er weiß, dass die Welt auch ihn manipuliert. Er ist grausam und verständnisvoll, will durch die Illusion das Leben verbessern und zerstört es gleichzeitig.“[16]

In »Mario und der Zauberer« ist der Künstler auch gleichzeitig Politiker und in diesem besonderen Fall damit auch Faschist.

Insgesamt zeigt Thomas Mann am Beispiel des Zauberers Cipolla bestimmte Möglichkeiten des Künstlertums auf, die er schon lange gesehen hat und die gleichzeitig eine gewisse politische Gefährlichkeit demonstrieren.[17]

4 »Mario und der Zauberer«- eine politische Novelle?

4.1 Thomas Manns Faschismustheorie

In den meisten Staaten Europas war es um 1930 zu Bewegungen gekommen, die sich trotz erheblicher nationaler Unterschiede auf Mussolini beriefen und die sich relativ rasch als die Todfeinde der liberalen Ordnung herausstellten.[18]

Um die Unterschiede zwischen der Faschismustheorie von Thomas Mann und den anderen Faschismustheorien zu verdeutlichen, werde ich zunächst die Faschismustheorie von Thomas Mann darstellen und im Anschluss daran kurz auf die gängigen Faschismustheorien eingehen.

Thomas Mann vertritt eine ästhetisch-kulturpsychologische Faschismustheorie. Gebraucht er den Begriff Faschismus, so versteht er darunter eine internationale Erscheinung in den zwanziger und dreißiger Jahren in Europa. Somit ist für ihn auch der Nationalsozialismus in Deutschland ein Ableger des internationalen Faschismus. Bereits 1921, d.h. viel früher als die meisten, nimmt Thomas Mann den Nationalsozialismus als gefährliches Phänomen wahr und distanziert sich von ihm. Für ihn stellt der Nationalsozialismus „eine ethische Religion, völkisches Heidentum, romantische Barbarei“[19] dar. Im Nationalsozialismus fallen die Menschen in den irrationalistischen Erkenntnisverzicht zurück, da sie die Spannung zwischen Geist und Leben nicht mehr aushalten.[20] Spricht Thomas Mann im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus von romantischer Barbarei, so bedeutet „romantisch“ in diesem Kontext für ihn, dass die Sehnsucht nach der Irrationalität und Barbarei entsteht, wenn der Stand des Geistes hintergangen wird. Weiterhin unterscheidet er durch den Begriff der Perversion noch zwischen Irrationalität und Faschismus.

[...]


[1] vgl.Pörnbacher, K.: Thomas Mann. Mario und der Zauberer, S. 4.

[2] Pörnbacher, K.: Thomas Mann. Mario und der Zauberer, S. 26.

[3] Pörnbacher, K.: Thomas Mann. Mario und der Zauberer, S. 27.

[4] Wysling, H.: Dichter über ihre Dichtungen, S. 366.

[5] Benito Mussolini wurde am 29.04.1883 in Predappio (Provinz Forli) als Sohn eines Schmiedes und sozialistischen Lokalpolitikers geboren; auf seiner Flucht erschossen ihn Partisanen am 28.04.1945 in der Nähe des Comer Sees.

[6] Meyers Lexikonredaktion: Schlaglichter der Weltgeschichte, S. 381.

[7] vgl. Graff, Albert u.a. (Hrsg.): dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jh., S. 248.

[8] vgl. Graff, Albert u.a. (Hrsg.): dtv-Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jh., S. 248/24.

[9] Meyers Lexikonredaktion: Schlaglichter der Weltgeschichte, S. 382.

[10] ebd., S. 382.

[11] Duce del Fascismo

[12] Meyers Lexikonredaktion: Schlaglichter der Weltgeschichte, S. 406.

[13] vgl. Zimmermann, W.: Mario und der Zauberer, S. 288.

[14] vgl. Koopmann, H.: Führerwille und Massenstimmung, S. 272f.

[15] Zimmermann, W.: Mario und der Zauberer, S. 301.

[16] Koopmann, H.: Führerwille und Massenstimmung, S. 172.

[17] vgl. ebd., S. 175.

[18] Nolte, E.: Die faschistischen Bewegungen, S. 1.

[19] Kurzke, H.: Thomas Mann, S. 224.

[20] vgl. ebd., S. 224.

Details

Seiten
24
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638436243
ISBN (Buch)
9783638658744
Dateigröße
678 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46430
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1
Schlagworte
Mario Zauberer- Novelle Thomas Manns Novellen Erzählungen

Autor

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