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Das Fortleben des slawischen Kulturerbes im heutigen Deutschland

Essay 2019 8 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Essay

Das Fortleben des slawischen Kulturerbes im heutigen Deutschland

Vita Zeyliger-Cherednychenko

Migration ist ein Dauerthema in Deutschland und vielen anderen Staaten. Unermüdlich berichten Medien, diskutieren Menschen auf sozialen Medien und streitet die Öffentlichkeit und Politik darüber. Verständlicherweise ist die aktuelle Debatte über die ausgerufene „Flüchtlingskrise“ auf das Hier und Jetzt fokussiert, meist geht es um gegenwärtige Problemlösungen. Wie auch immer wir mit dem Thema umgehen und wie die Situation in einigen Jahren aussehen wird – eines ist klar: Einwanderung prägt ein Land nachhaltig. Die Migranten hinterlassen Spuren in der Kultur, Sprache und vielen anderen Bereichen des Einwanderungslandes. Auch die Kultur der Migranten wird wiederum beeinflusst, modifiziert und kann durch eine starke Integration oder gar Assimilation sogar verschwinden. Werfen wir einen Blick in die deutsche Geschichte, finden wir nicht nur zahlreiche Beispiele für Ein- und Auswanderung nach und aus Deutschland, sondern wir können auch die Spuren schon längst vergessener, vertriebener oder verschwundener Einwanderergruppen aufstöbern. Eines von diesen vielen Beispielen ist die Immigration westslawischer Stämme im Mittelalter. Auch über ein Jahrtausend, nachdem diese Stämme im heutigen Deutschland aktiv waren, lassen sich kulturelle Hinterlassenschaften dieser Kulturen finden. Gerade die Ortsnamen im Raum zwischen Oder und Elbe-Saale werfen die Frage auf, welche und wie viele Spuren die Einwanderung der westslawischen Stämme hinterlassen haben. Außerdem stellt sich die Frage, ob die Namen nicht sogar einen Rückschluss auf die Lebensweise dieser Immigranten zulassen.

Im sechsten Jahrhundert wanderten drei slawische Stammesgruppen in das Gebiet zwischen Oder und Elbe-Saal ein: die Sorben, Lutizen und Obodriten. Diese frühmittelalterlichen Wanderungsbewegungen (von 375 bis 568 n. Chr.) waren von blutigen Auseinandersetzungen geprägt. Die Stämme siedelten sich auf Gebieten an, die noch nicht vollständig von der germanischen Bevölkerung verlassen wurden. Anfangs, zwischen 6 bis 8 n. Chr., waren die Beziehungen zwischen Franken und Elbslawen weitgehend friedlich. Später fanden kriegerische Auseinandersetzungen statt: zuerst gegen Frankreich unter Karl dem Großen, anschließend gegen die beiden deutschen Feudalherren Heinrich I. und Otto I. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen war jeweils die Unterwerfung und Tributpflicht der Westslawen. Wie die beiden mittelalterlichen Chronisten Thietmar von Merseburg und Widukind von Corvey berichten, wurde das Christentum als Machtinstrument für die Expansion in die elbslawische Gebiete benutzt. Die Ausdehnung tributabhängiger Territorien erfolgte demnach unter dem Schleier der Christianisierung der „Barbaren“, wie die westslawischen Stämme genannt wurden. Die Unterwerfung der Stämme führt zu einer Assimilation der auf deutschem Gebiet angesiedelten Westslawen und brachte auch einen Schwund ihrer Kultur mit sich. Heutige Orts- und Landschaftsnamen im damaligen Siedlungsgebiet der Westslawen sind vermutlich slawischen Ursprungs. Welche Spuren haben die westslawischen Stämme also hinterlassen und inwiefern lassen sich diese überhaupt noch nachvollziehen?

Die elbslawische Besiedlung lässt sich gut durch die damalige Waldrodung rekonstruieren. Innerhalb weniger Generationen erschließen die westslawischen Stämme zahlreiche neue Siedlungsräume und roden dabei Waldgebiete. Diese reichen bald über das bewohnte Gebiet zwischen Elbe und Saale hinaus. Das Rodungswesen der mittelalterlichen slawischen Kultur schlägt sich in Ortsnamen, welche mit „roda“ und „rode“ enden, nieder. Dazu gehören Roda, Darlingerode, Lüttgenrode, Benzingerode, Wiederoda, Wernrode, Zauckerode, Hagenrode, Pfaffroda, Wöltingerode, Bettingerode, Golberode, Ulzigerode und Harkerode. Beim Ort Zauckerode hingegen ist die Wortherkunft umstritten. Vermutlich setzt sich der Name aus „sucha“ (trocken) und „vydra“ (Fischotter) zusammen und ist insofern ein Hinweis auf die mittelalterliche Tierwelt und nicht auf das Rodungswesen. Manche Rodungsnamen, wie etwa Wernigerode oder Petersroda, beziehen sich auf Personen – wie den Grafen von Wernigerode oder den Vornamen Peter. Interessanterweise sind einige Rodungsnamen deutsch-slawische Zusammensetzungen wie Alterode, Altenroda, Braunrode, Ritterode, Harzgeroda, Gernrode, Stadtroda, Überrode, Vatterode, Sitzenroda, Wallroda, Zeulenroda. Manchmal wird auch die Art der Rodung preisgegeben, wie bei Freiroda, Branderoda, Beilroda, Stangerode. Auch Zusammensetzungen zweier slawischer Begriffe sind üblich: Vockerode, früher Vogkenrode, bildet eine Kombination von „nässlich“, „durchnässt“, „Nässe“ (altslaw. „wogk“, „woch“; sorb. „włoha“) und Rodung. Vermutlich weisen sogar Ortsnamen mit „rath“ und „rott“ auf das Rodungswesen hin: Beispiele dafür sind die Orte Rathen, Rathenau, Rathenow, Rathmannsdorf sowie Rotterwitz und Rottelsdorf. Andere Quellen sehen in „rath“ die Verbindung zum deutschen Wort „Ratte“ und in „rott“ zu „rot“. Ferner sollen Ortsbezeichnungen mit „röd“ (Gröditz, Gröden), „riet“ (Rietschen) und „reuth“ (Beyreuth) ebenso Rodungsnamen sein. Sogar bei der sagenhaften Burg Rethra, ursprünglich Riedegost genannt, lässt sich über einen Bezug zur Rodung spekulieren. So kann „ried“ auf Waldrodung und „gost“ (obersorb. „hósć“) auf Gast hindeuten. Als Gegenargument dafür fungiert die Vermutung, Riedegast sei eine deutsch-sorbische Zusammensetzung, wobei „Ried“ ein „mooriges Gebiet“ im Deutschen meint.

Nicht nur für die Siedlungsgebiete selbst, sondern auch für Ackerflächen wurde gerodet. Thietmar von Merseburg spricht von den elbslawischen Gebieten als einem „blühenden“ Gau, wo Getreideanbau betrieben wird. Getreidesorten wie Roggen, Zwergweizen, Hafer, Weizen, Gerste, Hirse sowie technische Kulturen wie Flachs und Mohn werden von den Elbslawen angebaut. Der Gemüseanbau schlägt sich beispielsweise in den Ortsnamen Grochlitz (sorb. „hroh“) für Erbsen, Repitz und Reppnitz (sorb. „řepa“) für Rüben nieder. Auch Zwiebeln, Möhren, Hanf und Hopfen sind westslawischen Stämmen im Mittelalter bekannt. Die Landwirtschaftsprodukte sind Gegenstand der Tributzahlungen an die deutschen Feudalherren. Für den Ackerbau sind Geräte wie Sense, Sichel, Hackenpflug, Zoche, Hacke, Spaten, Rechen, Gabel, Dreschflegel, oder die Axt von Bedeutung. Einige finden sich in heutigen Ortsnamen wieder: Radewitz (sorb. „radlo“) steht für Hackenpflug, Kossa (altslaw. „kossa“) für Sense, Serpowe (sorb. „serp“) für Sichel, Seckeritz (sorb. „sekera“) für Axt, Luptin oder Lopatin (altslaw. „lopata“) für Schaufel. Auf eine bäuerliche Produktion weisen ebenso Ortsbezeichnungen wie Grauschwitz und Krauschwitz (obersorb. „grušovica“, „gruša“) für Birne, Birnenbaum, Gablenz (altslaw. „jablani“, obersorb. „jablon“) für Apfel, Apfelbaum hin. Landwirtschaftlichen Bezug zeigt gegebenenfalls auch der Ortsname Rattwitz, einerseits als Bezeichnung für Hackenpflug (radlo), andererseits für die Tätigkeit „Pflügen“ (altslaw. „orati“).

Nach der Rodung von Ackerbauflächen erfolgt die Waldweide, indem das Wirtschaftsgebiet durch Viehverbiss zusätzlich ausdehnt wird. Die Viehzucht ist – neben dem Ackerbau – für die Elbslawen sehr bedeutend. Es werden Rinder, Schweine, Gänse, Hühner, aber auch Zugtiere wie Ochsen und Pferde gezüchtet. Von der Pferdezucht zeugen Ortsbezeichnungen wie Connewitz, Cunnewitz, Cunnersdorf, Kunneritz, Kunnerwitz, Leipzig- Connewitz (altslaw. „kun“, „kon“, „konje“, „konjari“). Auch die Namen Koblenz, Köbeln, Köblitz entstammen dem slawischen Begriff für Stute (alslaw. „kobla“, „kobilice“, „koblicy“). Die Ochsenzucht spiegelt sich im Ortsnamen Wollin (altslaw. „woly“) wider. Der hauptsächliche Fleischlieferant ist das Rind, aber auch Kleinvieh und Geflügel finden bei den Elbslawen ihre Verwendung. Darauf deuten Ortsbezeichnungen wie Gaßlau, Caseritz (altslaw. „kosa“, „koslow“) für Ziege; Köstlitz (früher Koselitz), Coselitz, Kosel und Cosel (altslaw. „kozel“, „kozol“) für Bock, Kötteritzsch (früher Kokeritz) für Huhn (poln. „kokot“). Der Ort Thielitz, früher Telitz (altslaw. „telici“, „telka“, „telce“) weist auf Kalbverzehr hin. Die Viehzucht setzt das Austreiben der Tiere auf Feldern und Wiesen sowie Stallhaltung voraus. Das findet Niederschlag in den Ortsnamen Wigon und Wagun (sorb. „wohen“, „honic“) für Austreiben und Glewitz, früher Chlewitz (sorb. „chlěw“) für Stall.

Tributpflichtig für die Elbslawen sind nicht nur Produkte der Landwirtschaft und Viehzucht, sondern vor allem Honig (altslaw. „med“). Als vielbegehrte Produkte werden Honig, Wachs und Met zum Honigzehnt an den deutschen Feudaladel. Auf Bienenzucht deuten slawische Ortsnamen wie Milzau (altslaw. „milica“) für Biene und Uhlingen (altslaw. „uhl“) für Bienenstock hin. Zeidelwirtschaft äußert sich in Meden, Medovice, Medow, Medewitz, Medenitz, Medessen, Altmädewitz, Möditz, Magdeborn. Als Gegenargument kann angeführt werden, dass die Herkunft der Orte Medewitz (früher Mjedzojez, Mjedzwez) und Medessen aus der Bezeichnung für einen Bären (altslaw. „medvěd“, obersorb. „mjedwjedz“) hergeleitet werden kann.

In Anbetracht des Jagdwesens bei den mittelalterlichen Elbslawen ist dieses Argument plausibel. Die Jagd dient nicht nur der Fleischversorgung, sondern auch zur Gewinnung des wertvollen Fells als einem weiteren Bestandteil der Feudalrente. Ursprünglich besitzen alle Freien das Jagdrecht, was später zum Privileg der Oberschicht wird. Einige Ortsnamen deuten auf die Jagdausübung hin, wie Schwerin, früher Zuarina (polab. „zvěr“, .„zvěrin“) für Wild, Wilgehege und Gnetsch (sorb. „hnač“) für Jagen. Des Weiteren kann auch die Landschaftsbezeichnung Lovia (altslaw. „lov“, „lovit“, tschech. „lovište“) für den Thüringer Wald in Bezug auf Jagd und Fang gedeutet werden. Ursprünglich Loiba oder Lovba genannt, können die Begriffe mit Jagdwald, Wildnis oder Waldgebirge übersetzt werden. Ferner werden solche Namen wie Leuben, Leubnitz, Gottleuba hinsichtlich ihren gemeinsamen Wurzeln „lov“ als ein weiterer Hinweis auf das Jagdwesen gedeutet.

Für diese These findet sich das Gegenargument, welches Ortsnamen wie Leubnitz und Leuben (früher Luban) als Beleg für die Holzverarbeitung bei den mittelalterlichen Elbslawen sieht. Die Wortwurzel „leub“ (sorb. „lub“, „l’uben“, l’uběn“, rus. „лубянка“) meint biegsame Holzrinde, Sackleinen, Borke oder Bast. Diese wird oft für das Dachdecken oder zur Herstellung von Schuhen aus Bastfasern – in der Kiewer Rus‘ als „лапти“ bekannt –verwendet. Die Holzverarbeitung schlägt sich ebenfalls im Ortsnamen Driewitz (altslaw. „drěvo“) für Baum, Holz oder Wald nieder.

Das Jagdwesen erfüllt bei den westslawischen Stämmen eine wichtige Funktion als Rohstofflieferant für handwerkliche Tätigkeiten. So werden Knochen und Geweih e zur Anfertigung von einfachen Geräten, Schmucks oder Kämmen gebraucht. Der Wortstamm „rog“ bzw. „roch“ (sorb. „roh“, „rohi“ für Horn, Geweih) findet sich in den Ortsnamen Rochlitz (früher Rochelinci), Rogätz, Röglitz sowie Geißelröhlitz wieder.

Als ein weiterer Aspekt des altslawischen Handwerks ist die Keramik von Bedeutung. Die Erzeugung von Lehmgefäßen in verschiedener Größe findet ihren Niederschlag in Ortsnamen, die durch die Töpferei bekannt werden, wie Glinzig (früher Glinsk), Glienecke (früher Glinki) und Gleina (sorb. „glina“, altsorb. „hlina“ für Lehm).

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Details

Seiten
8
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346152893
ISBN (Buch)
9783346152909
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464256
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Schlagworte
deutschland fortleben kulturerbes

Autor

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