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Die Darstellung des Islam in der französischen und deutschen Online-Presse nach den Anschlägen in Paris und Brüssel

Eine diskurslinguistische Analyse

Bachelorarbeit 2016 65 Seiten

Medien / Kommunikation - Fachkommunikation, Sprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 . Einleitung

2 . Diskurslinguistik: Das theoretische Modell
2.1 Diskursebene
2.2 Akteursebene
2.3 Textebene

3 . Der Islamdiskurs auf Diskursebene
3.1 Frankreich
3.1.1 Zuwanderung nach dem Kolonialismus
3.1.2 Laïcité (Laizismus)
3.1.3 Islamophobie
3.2 Deutschland
3.2.1 Die Flüchtlings“krise“
3.2.2 Willkommenskultur: „Wir schaffen das!“
3.2.3 Islamophobie

4 . Der Islamdiskurs auf Akteursebene
4.1 Die Medien
4.2 Frankreich
4.2.1 Front National
4.2.2 Conseil Français du Culte Musulman
4.3 Deutschland
4.3.1 Alternative für Deutschland
4.3.2 Pegida
4.3.3 Zentralrat der Muslime in Deutschland
4.3.4 Die Türkei

5 . Der Islamdiskurs auf Textebene
5.1 Journalistische Darstellungsformen
5.1.1 Tatsachenbetonte (referierende) Darstellung
5.1.2 Meinungsbetonte Darstellung
5.2 Medienprofile und Korpusanalyse
5.2.1 Süddeutsche Zeitung
5.2.1.1 „Litanei der Ausgrenzung“
5.2.2 Le Monde
5.2.2.1 «La France sans les musulmans ne serait pas la France»

6 . Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Artikel „Litanei der Ausgrenzung“ aus SZ von Thomas Kirchner

2. Artikel „La France sans les musulmans ne serait pas la France“ aus Le Monde von Abdelkader Abderrahmane

3. Chronologie der Attentate 2015 in Paris und Brüssel

1. Einleitung

Unser Wissen über die Welt wird stark durch die Massenmedien geprägt und bestimmt. Was in den Medien dargestellt wird ist dabei oft nur ein Fragment des Gesamtbildes des Geschehens. Der Blick des Rezipienten wird manipuliert und je nach medialem Interesse in eine bestimmte Richtung gelenkt, wodurch ein Wissen konstituiert wird, das die Wahrnehmung verschiedenster Sachverhalte bestimmt. Ein Thema, das seit den Pariser und Brüsseler Anschlägen in den Jahren 2015 und 2016 in Europa besonders kontrovers diskutiert und in den Medien präsentiert wurde, ist der Islam und inwiefern er, wenn überhaupt, mit den Terroranschlägen in Verbindung gebracht werden kann. In Europa spielen bei dieser Diskussion besonders die Länder Frankreich und Deutschland durch die Kolonialgeschichte bzw. die aktuelle Flüchtlingssituation und die damit einhergehende Immigrationspolitik eine bedeutende Rolle, wobei in beiden Ländern aus verschiedenen Gründen ein bestimmtes Islambild existiert. Die Massenmedien haben zu diesem Bild beigetragen und durch ihr eng verknüpftes Nachrichtennetz eine hohe Anzahl an Informationen innerhalb kürzester Zeit nach den Attentaten in Umlauf bringen können, wobei eine Vermischung von „Islam“ und „Islamismus“ leicht auszulösen war. Inwieweit dies in der deutschen bzw. französischen Presse sprachlich geschehen ist, werde ich in dieser Arbeit anhand von zwei verschiedenen Online-Quellen diskurslinguistisch analysieren. Da es sich dabei aber um einen sehr kleinen Analysekorpus handelt, kann diese Arbeit kein vollständiges Untersuchungsinstrumentarium darstellen und soll daher lediglich typische linguistische Merkmale der beiden Quellen herausstellen und deutlich machen, wo sich die Texte bzw. Autoren im Diskurs positionieren. Als „typisch“ bezeichne ich an dieser Stelle die in den Medien rekurrierende Lexik, die auf das Sprachthema der Darstellung des Islam Einfluss nimmt, sowie transtextuelle, kulturell verankerte Merkmale, die u.a. auf dem konstituierten Wissen der Medien basieren. Um dies zu klären, steht daher nicht nur das „Was“, sondern auch primär das „Wie“ im Vordergrund der Analyse, woraus sich folgendes Erkenntnisinteresse ergibt:

Wie werden das Islambild und das damit verbundene kollektive Wissen der Gesellschaft in der deutschen und französischen Presse sprachlich dargestellt?

Zu beachten ist dabei, dass nicht die Diskursinhalte allein eine Aussage über die Haltung gegenüber dem Islam formulieren, sondern sprachliche Strukturen diese Inhalte hervorbringen und sie im Diskurs positionieren. Nachdem ich demnach zunächst die diskurslinguistische Theorie mit den Analysevorschlägen nach Jürgen Spitzmüller und Ingo H. Warnke vorstelle, werde ich im Anschluss auf die für die Diskursanalyse relevanten soziopolitischen und -kulturellen Hintergründe bzgl. Deutschland, sowie auch Frankreich eingehen und schließlich exemplarische Belege auf der sprachlichen Ebene aus den ausgewählten Online-Artikeln für die Elemente des Diskurses herausarbeiten. Die Ergebnisse werde ich daraufhin in einem zusammenfassenden Abschlusskapitel mit Hinblick auf die Ausgangsfrage, sowie mit dem Wissen, dass die Resultate nur zu einem geringen Maß aufgrund des kleinen Korpus repräsentativ sind, prüfen.

2. Diskurslinguistik: Das theoretische Modell

Diskurslinguistik ist bis heute ein wissenschaftlicher Bereich, der viel diskutiert und immer wieder neu ausgelegt wird. Dies liegt an seiner Vielschichtigkeit und der unterschiedlichen Vorgehensweisen, die besonders von der Thematik und dem Erkenntnisinteresse der Diskursanalyse abhängen. Der Begriff Diskurs selbst beinhaltet dabei bereits eine definitorische Schwierigkeit. Jürgen Spitzmüller und Ingo H. Warnke haben in ihrer Arbeit „Diskurslinguistik. Eine Einführung in Theorien und Methoden der transtextuellen Sprachanalyse“ (2011) mehrere Analyseansätze zusammengetragen und eine flexibel anwendbare Methodik herausgearbeitet, um die Gründe und Voraussetzungen für eine Aussage genauer zu untersuchen. Dabei stützen sie sich in weiten Teilen auf das strukturalistisch geprägte, diskurslinguistische Konzept nach dem französischen Philosophiehistoriker Michel Foucault. Es ist per Definition laut Spitzmüller und Warnke ein „Formationssystem von Aussagen, das auf kollektives, handlungsleitendes und sozial stratifizierendes Wissen verweist“ (2011, 9/ B), wobei sie ebenfalls betonen, dass Foucault selbst den Diskursbegriff nur in Teilen genau erklärt, dieser also größtenteils undefiniert bleibt. Diskurse gehen folglich aus gesellschaftlichen Thematiken und raumzeitlichen Bedingungen hervor, weshalb sich die Diskurslinguistik also gleichermaßen mit den Zusammenhängen zwischen Sprache und Gesellschaft, sowie mit den damit verbundenen möglichen Machtstrukturen im Diskurs und der Konstituierung von Wissen beschäftigt (vgl. ebd.). Dies ist ebenfalls der Punkt, in dem sich die Diskurslinguistik von der reinen Textlinguistik unterscheidet: Es geht ihr „sehr viel stärker […] um kulturell verankerte Muster sprachlichen Handelns“ (ebd., 8). Eine Diskursanalyse kann demnach aufgrund dieser Komplexität nicht ausschließlich aus der Untersuchung sprachlicher Zeichen von Texten bestehen, sondern muss interdisziplinär transtextuelle Aspekte herausarbeiten und diese bei der linguistischen Analyse berücksichtigen, sowie auch Beachtung für sprachliches Handeln finden. In der Diskurslinguistik existiert dafür jedoch kein universales Analyseprinzip. Je nach Zweck und Interesse muss ein analyserelevantes Methodensystem für den Zugang zum Diskurs gewählt werden (vgl. ebd., 121). So existieren neben dem linguistischen Ansatz bspw. Modelle, wie die ethnografische Methode, die das Wissen der Leser für das Textverständnis untersucht, oder die praxisorientierte Methode, die mithilfe von Interaktions- und Gesprächsanalysen die Produktion von Sinnzusammenhängen in sozialen Handlungsfeldern betrachtet (vgl. ANGERMÜLLER 2007, 186/ B). Der sprachorientierte Ansatz untersucht hingegen mit quantitativen und qualitativen Methoden den Sprachgebrauch verschiedener Diskursteilnehmer und seine Funktion im sozialen Kontext. Dennoch, so stellen Spitzmüller und Warnke heraus, basieren generell wichtige Ausgangspunkte und Ideen für die Diskursanalyse auf denen von Michel Foucault, obgleich die beiden Linguisten diese auch mit denen von anderen Theoretikern vervollständigen, ersetzen bzw. kontrastieren. Die Analysegegenstände und die zentralen diskurslinguistischen Phänomene können laut Diskurslinguistischer-Mehr-Ebenen-Theorie (DIMEAN) auf drei verschiedenen Ebenen betrachtet werden: auf der transtextuellen Ebene (Diskursebene), der Akteursebene und der intratextuellen Ebene (Textebene). Dabei ist es außerdem wichtig, das eigene linguistische Interesse für den Diskurs einzugrenzen, um die Analyse für die eigene Fragestellung zu spezifizieren (vgl. SPITZMÜLLER; WARNKE 2011/ B). Dennoch soll betont sein, dass die drei Ebenen in jedem Fall interagierend betrachtet werden müssen und durch die Einteilung lediglich bestimmte diskursrelevante Aspekte erkennbar werden sollen (vgl. ebd., 187). Außerdem bilden die hier dargestellten Analyseebenen ein Exempel und können daher laut Spitzmüller und Warnke prinzipiell erweitert werden.

2.1 Diskursebene

Auf der Diskursebene wird auf die Sprachstrukturen samt ihrer Funktionen über die Textgrenze hinaus geschaut. Spitzmüller und Warnke empfehlen hierfür eine Vielzahl an Aussagen verschiedener Akteure in unterschiedlichen Texten, die eine übereinstimmende Struktur und gleiche Handlungsbezüge aufweisen (vgl. 2011, 188). Im Rahmen dieser Arbeit werde ich daher meinen kleinen Analysekorpus bzgl. der Ergebnisse berücksichtigen.

Auf der Diskursebene bzw. transtextuellen Ebene wird zum einen die Intertextualität , also der Bezug zwischen den Texten einschließlich der Gesamtheit all ihrer sprachlichen Phänomene, als primärer und erklärungsmächtigster Zugang für das transtextuelle Verständnis gesehen (vgl. ebd.). Unterschieden wird dabei zwischen typologischer Intertextualität und referenzieller Intertextualität. Ersteres besteht im Falle einer textuellen Mustervorgabe, wie sie bspw. in juristischen Texten Verwendung findet (vgl. ebd., 188f.). Werden demnach die Inhalte der verschiedenen Texte in Form von Artikeln oder Paragraphen präsentiert, so handelt es sich um eine typologische Intertextualität. Referenziell intertextuell sind Texte dann, wenn konkrete Bezüge zu Prätexten im Text selbst hergestellt werden, die allerdings häufig nur schwer zu belegen sind (Beispiel nach ebd.). Um also diese Art von Intertextualität zu erkennen, wird eine genaue Detailanalyse auf intratextueller Ebene vorausgesetzt, um musterhaft auftretende Phänomene in Einzeltexten herauszustellen und auf den Gesamtdiskurs hin zu analysieren (vgl. ebd.).

Ein weiterer Analyseaspekt auf der Diskursebene ist die Rahmenanalyse (engl.: frame analysis), d.h. die kognitionslinguistische Schematheorie nach Gregory Bateson ([1955] 2000), die Mitte der 1970er Jahre ihren Zugang zur Linguistik fand (vgl. SPITZMÜLLER; WARNKE 2011, 92/ B). Dabei wird davon ausgegangen, dass Menschen ihr Alltagswissen schematisch, also in wissensstrukturierenden kognitiven Mustern organisieren, wobei Rahmen bzw. (engl.) Frames eine spezielle Form von Schemata bilden (vgl. ebd.). So werden bestimmte, örtlich gebundene Situationen, die als zusammengehörig empfunden werden, in Frames abgespeichert (vgl. ebd.). Fraas (2000/ B) führt diese Schematheorie insofern aus, als dass sie davon ausgeht, dass Frames ermöglichen, das Wissen bzw. einen dargestellten Sachverhalt vorab zu strukturieren und damit Zusammenhänge schneller zu erkennen. Dadurch werden für komplexe Szenarien aufgrund von Erfahrungswissen, das auch als default values bezeichnet wird, weniger sprachliche Daten benötigt (vgl. SPITZMÜLLER; WARNKE 2011, 93/ B). Die Stellen, an denen die default values kognitiv eingesetzt werden, werden als Slots bezeichnet (vgl. z.B. ebd.).

Bei der Rahmenanalyse können bspw. Kookkurrenzen von Wörtern im Text betrachtet werden. Dabei handelt es sich um gängige Wortverbindungen, bei denen semantische Zusammenhänge einen bestimmten Rahmen bilden und dadurch ein dementsprechend geprägtes Diskursbild hervorrufen können (vgl. ebd.). Steyer (2004, 98f./ B) macht dabei allerdings darauf aufmerksam, dass die Ordnungssysteme, nach denen die Kookkurrenzen analysiert werden, von Analyst/in zu Analyst/in unterschiedlich ausfallen können und daher als Interpretation zu verstehen sind. Kookkurrenzen können aber auch aus idiomatischer Prägung heraus ohne spezifisch inhaltlichen Bezug auftauchen (vgl. BUBENHOFER 2008, 410/ B). In jedem Fall können aber das gemeinsame Vorkommen von und die semantische Beziehung zwischen Wörtern in Diskursen kulturell geprägtes Wissen und eventuelle Stereotype deutlich machen (vgl. SPITZMÜLLER; WARNKE 2011, 94/ B).

Auch Topoi können bei der linguistischen Diskursanalyse auf interessante transtextuelle Merkmale aufmerksam machen und hängen dabei eng mit der Untersuchung von Frames zusammen. Bei einem Topos handelt es sich laut Wengeler (2003/ B) um die Beschreibung argumentativen Hintergrundwissens und argumentativer Muster bzw. auch um sog. „inhaltlich spezifizierte Schlussregeln“ der Argumentation eines Textes. Darüber hinaus seien diese „alltagslogisch“ und nicht zwangsläufig wahrheitsgemäß (vgl. WENGELER 2007, 167/ B). Hermanns (1994/ B) versteht darüber hinaus einen Topos „als den sprachlich expliziten Ausdruck gewohnheitsmäßiger Gedanken“ (zit. n. WENGELER 2003, 248/ B), die sich im Denken und in der Sprache manifestieren. Anhand der Topoi können daher ebenfalls historisch geprägtes Kollektivwissen und gesellschaftliche Denkmuster herausgestellt werden.

Eine weitere Methode für das Herausfiltern von vorausgesetztem Wissen von Rezipienten ist die Suche nach diskurssemantischen Grundfiguren . Wie der Name schon sagt, markieren sie die kohärente Diskurssemantik eines Textes und werden als Strukturierungselemente verstanden, die in verschiedenen Diskurstexten auftreten und als Schemata von Wahrnehmung und Bewertung arbeiten können (vgl. SPITZMÜLLER; WARNKE 2011, 84/ B). Busse (1997/ B) bezeichnet z.B. Isotopieketten1, Präsuppositionen, Namen und Wörter als Grundfiguren, wobei deutlich wird, dass ganz verschiedene Sprachphänomene auf das Vorwissen und das Bewerten von Sachverhalten der Rezipienten hinweisen können. Des Weiteren kann durch die d iskursiven Grundfiguren auch deutlich werden, dass die innere Diskursstruktur nicht zwangsläufig mit der thematischen Textstruktur übereinstimmt, sondern diskursübergreifende Zusammenhänge hervortreten können (vgl. ebd., 20). Bezüglich der Formulierungen von Zugehörigkeit bestimmter diskursbeteiligter Gruppen oder Gesellschaften können indexikalische Ordnungen bzw. die Sozialsymbolik in der Sprache untersucht werden, wobei Wortfelder, Kollokationsmuster etc. für sozialsymbolische Werte und somit auch für das Selbstverständnis einer Gesellschaft stehen können (vgl. SPITZMÜLLER; WARNKE 2011, 193/ B). In diesem Zusammenhang kann bspw. besonders das Pronomen wir auf soziale Milieus und diskursive Positionen hindeuten. Ein bekanntes Thema stellt dabei z.B. die Geschlechtergleichheitsdebatte dar, bei der auf die Vermeidung des generischen Maskulinums geachtet wird (vgl. Beispiel ebd.).

Um eine Diskursthematik vollständig greifen zu können, spielt auch die Historizität , also die Geschichtlichkeit des Sachverhalts und ihre Effekte auf die sprachlichen Formen, eine prägende Rolle. So entstehen zentrale identitätsbildende Annahmen im Diskurs erst durch historisch geteiltes Wissen, weshalb Aussagen immer auch in kontextueller Abhängigkeit von historischen Bedingungen betrachtet werden müssen (vgl. ebd., 194f.). Historizität kann sich bspw. durch Verweise auf Traditionen oder Entwicklungen zeigen oder aber lediglich durch die geschichtliche Prägung des Diskurses deutlich werden (vgl. ebd.).

Schließlich bilden die Ideologien, Gouvernementalitäten und Mentalitäten einen weiteren (möglichen) diskursorientieren Analyseschritt innerhalb der Diskursebene. Unter einer Ideologie verstehen Spitzmüller und Warnke „Werthaltungen jeglicher Art als Gesamtheit von Zielvorstellungen des sozialen Handelns“ (2011, 196). Diese spielen dabei in den gesellschaftlichen Machtstrukturen eine bedeutende Rolle (vgl. ebd.). Sie werden daher besonders in Strukturen der Gouvernementalität, im Sinne von „kulturell verankerter Formen der Machtausübungen durch Führung“ (ebd. 196f.) deutlich. Bei den Mentalitäten handelt es sich um ein Konzept, das Spitzmüller und Warnke als „unscharf“ (2011, 197), jedoch in Anlehnung an vorangegangene Definitionsansätze als „Formen und Inhalte des Denkens von Diskursgemeinschaften“ (ebd.) bezeichnen.

2.2 Akteursebene

Neben den sprachlichen Phänomenen ist es außerdem wichtig zu wissen, wer am Diskurs beteiligt ist, d.h. genauer, zu wissen, wer spricht bzw. schreibt. Spitzmüller und Warnke wählen dafür den Oberbegriff Akteur , mit dem sie Handelnde, wie Sprecher/innen, Hörer/innen, Sender/innen und Empfänger/innen usw. abdecken, wobei es sich nicht immer zwangsläufig um einen personalen Akteur handeln muss (vgl. 2011, 172). So können auch bspw. Institutionen, Parteien und Medien als Diskursakteure fungieren (vgl. ebd.). Dabei nehmen die Akteure eine Vermittlungsposition ein, in der sie zwischen Text und Diskurs Aussagen filtern und daher eng mit den beiden Ebenen verbunden sind (vgl. ebd.). Da diese Vermittlung stark an soziale Entwicklungen gebunden ist und man das diskursive Feld so weit wie möglich eingrenzen sollte, muss ein Filter über die Zugehörigkeit einzelner Texte zum Diskurs entscheiden, wobei die Filterung in zwei Richtungen funktioniert: zum einen über Diskursregeln, anhand derer entschieden wird, was distribuiert, kommentiert oder ausgelassen wird, und zum anderen über die diskursive Prägung eines Textes2 (vgl. ebd.). Zu den Diskursregeln gehören die Kontrolle und die Selektion als externe bzw. interne Ausschlussselektion, die dafür sorgen, dass nur bestimmte Aussagen im Diskurs gemacht werden können, sowie die interne hierarchische Organisation des Diskurses als Prozedur der Verknappung und schließlich die Kanalisierung, wodurch man versucht, den Diskurs auf bestimmte Teilnehmer zu beschränken (vgl. ebd.). Mit diesem Text-Diskurs-Filter bestimmen Akteure also darüber, „was diskursiven Status erlangt und was nicht“ (ebd., 174). Für die akteursorientierte Analyse empfehlen Spitzmüller und Warnke die Unterscheidung der Ebenen Interaktionsrollen , Diskurspositionen und Medialität. Ersteres bezeichnet dabei die Rolle, die die Akteure im interaktionalen Diskurs einnehmen (vgl. ebd.). Dem Akteur des Sprechens bzw. Schreibens wird darüber hinaus die Rolle des Produzenten3 zugeschrieben, wobei zwischen dem Akteur der Äußerung, der Formulierung und der Beauftragung unterschieden wird (vgl. ebd.). Die Seite des Hörers bzw. des Lesers nimmt schlussfolgernd die Rezipientenrolle ein, bei der ebenfalls eine Unterscheidung zwischen autorisierten und nicht- autorisierten Hörer/innen und Lesern/Leserinnen gemacht wird (vgl. ebd., 176). Durch eine Analyse dieser Ebene können ebenfalls eventuell versteckte Diskursakteure herausgestellt und identifiziert werden, was einen differenzierten Aufschluss über den Diskurs und seine Beteiligten gibt.

Bei der Untersuchung von Diskurspositionen werden die sozialen Positionen der handelnden Akteure genauer betrachtet, durch die die diskurslinguistische Relevanz von Aussagen herausgestellt werden kann (vgl. ebd., 177). Spitzmüller und Warnke schlagen für die Vielzahl an verschiedenen Gründen für eine Aussage Analysekategorien vor, auf die ich im Folgenden kurz eingehen werde. Eine Kategorie bildet z.B. der Vertikalitätsstatus, bei der sozial bedingte Wortschätze im Diskurs beleuchtet werden (vgl. ebd., 178). So ist bspw. der ‚Laie‘ bzw. der ‚Experte‘ mit der ‚Gemein-‘ bzw. der ‚Fachsprache‘ ein häufiges Merkmal (vgl. Beispiel ebd.).

Anhand des Vertikalitätsstatus können ebenfalls Rückschlüsse auf die Wissensdimensionen gezogen werden, wie es z.B. das ‚Laien-‘ bzw. ‚Expertenwissen‘ im eben genannten Beispiel zeigen (vgl. ebd.).

Ein weiteres Analysekonzept stellt das Voice-Konzept nach Blommaert (2007/ B) dar. Darunter wird „die Fähigkeit, sich in bestimmten Situationen ‚Gehör‘ zu verschaffen, also das selbst gesteckte kommunikative Ziel zu erreichen“ (SPITZMÜLLER; WARNKE 2011, 111/ B) verstanden. Dies ist dabei viel mehr an Positionen als an Inhalte gebunden, was besonders im politischen Kommunikationsbereich deutlich wird (vgl. ebd.).

Einen ebenfalls soziolinguistisch orientierten Analyseansatz bilden die Ideology brokers , anhand derer man autoritäre Positionen im Diskurs erkennen kann. Es geht dabei um die Art und Weise, wie „die Durchsetzung eigener Meinungen und Werte […] im Diskurs persönlichen Gewinn verspricht“ (ebd., 179), wobei u.a. auf Äußerungen über und Verweise auf Autoritäten, sprachliche Strategien der Bewertung und die Einbringung des Akteurs geachtet werden kann (vgl. ebd.). Dies kann anhand eines einzelnen Akteurs deutlich werden, aber auch in einer Diskursgemeinschaft , in der Akteure agieren können um ihre Positionen zu stützen (vgl. ebd.). Von großem Interesse ist dabei auch, auf welchem Weg auf unterschiedliche Gruppen im Diskurs Bezug genommen wird und mit welchen Ausdrücken sie in Verbindung gebracht werden, was erneut auf geteiltes diskursives Wissen hindeuten kann (vgl. ebd. 181f.).

Im selben Zusammenhang hat auch die Machtanalyse eine diskurslinguistische Bedeutung. Dazu gehört die Analyse von sozialer Stratifizierung , d.h. sozialer Schichten, die den Zugang der Beteiligten und ihre Möglichkeiten der Partizipation am Diskurs herausstellen können (vgl. ebd., 182). So können bspw. Armut, Bildungsstand, soziale Isolation u.Ä. Einfluss auf die Einnahme von Interaktionsrollen haben (vgl. Beispiele ebd.).

Eine vierte analytische Dimension nimmt die Medialität von Aussagen im Diskurs ein. Dabei geht es um das Medium, an das eine Aussage gebunden ist und das ihre Wahrnehmung und ihren Geltungsanspruch grundlegend mitgestaltet (vgl. ebd., 56). Es können hierbei unterschiedlichste Formen als Medium fungieren, wobei die Sprache an sich im Fokus des diskurslinguistischen Interesses liegt. Prinzipiell definieren Spitzmüller und Warnke ein Medium „als ein Hilfsmittel zur Herstellung, Übertragung, Versinnlichung oder Speicherung von Zeichen“ (2011, 183) und unterscheiden es insofern von der Medialität, als dass diese zusätzlich „die Wahrnehmung von und Erwartungen an bestimmte Formen der Vermitteltheit (‚Medialitätserwartungen‘) umfasst“ (ebd.). Da Medien also den Zugang zum Diskurs leiten, wirken sie als bedeutungsvolle Akteure, die ihre Texte durch unterschiedliche Kommunikationsformen realisieren können und welche dabei durch spezifische situative und mediale Merkmale gekennzeichnet sind (vgl. ebd. 2011, 185 und ebd. 2007, 37). Es wird außerdem zwischen folgenden sich wechselseitig bedingenden Kategorien der Kommunikationsform unterschieden: phonisch/graphisch, synchron/asynchron, monologisch/dialogisch und distanzsprachlich/nähesprachlich, sowie auch Sprachvarietäten, wie z.B. Fachsprache, Bildungssprache, Dialekte usw. Berücksichtigung finden (vgl. ebd. 2011, 185). Während also geklärt wird, wer eine Aussage macht, muss in jedem Fall auch überprüft werden, mit welchen dieser situativen Parameter die Aussage getroffen wird und wo sie sich sozial verortet (vgl. ebd.)

2.3 Textebene

Bei der Analyse der Textebene gibt es eine Vielzahl an Analysekategorien, wobei ich an dieser Stelle auf die für mich arbeitsrelevanten Aspekte eingehen will und weitere Kategorievorschläge Spitzmüllers und Warnkes nur kurz benennen möchte.

In einer linguistischen Diskursanalyse sind transtextuelle Phänomene, d.h. Phänomene auf Diskursebene, in erster Linie an Mikroanalysen gebunden, wobei die Aussage4 die kleinste Diskurseinheit bildet (vgl. ebd., 137). Diese ist Teil eines Textes, der somit aus einer Vielzahl von Aussagen besteht (vgl. ebd.). Bei der Analyse auf der Mikroebene kann man nun wortorientiert oder propositionsorientiert vorgehen. Ersteres bezieht sich dabei nach Spitzmüller und Warnke auf Wörter, die „nicht nur zentrale Bausteine unserer Weltaneignung und Weltgestaltung, sondern auch basale Elemente von Aussagen und als solche prominente Einheiten der diskurslinguistischen Analyse“

sind (2011, 139). Bei der wortorientierten Analyse können ebenfalls bestimmte Konzepte mit Bezügen zu historischen, politischen oder gesellschaftlich relevanten Umständen durch die Schlagwortanalyse herausgestellt werden. Spitzmüller und Warnke schreiben den Schlagwörtern, bei denen es sich oft um Begriffe in Form von Nomina handelt, eine diskursmarkierende Bedeutung zu (vgl. ebd., 143), welche Hermanns zusätzlich als meinungs- und willensbildend bezeichnet (vgl. 1994, 12/ B zit. n. SPITZMÜLLER; WARNKE 2011, 143/ B). Burkhardt (1998, 103/ B) stellt für die Schlagwortforschung dazu ein kategorisches Schema für die Unterscheidung spezieller Schlagwortarten auf, bei dem z.B. zwischen wertenden Hochwertwörtern und Stigmawörtern differenziert wird, worauf ich in Kapitel 5 an entsprechender Stelle der Analyse noch einmal genauer eingehen werde. Darüber hinaus bilden auch Schlüsselwörter eine analytische Kategorie, die nach Liebert (vgl. 2003, 59f./ Z) folgende Merkmale aufweisen: zum einen drücken sie das Selbstverständnis und die Ideale einer Gruppe bzw. einer Epoche aus, zum anderen enthalten sie eine dominante, kontextuelle und konnotative Bedeutung. Darüber hinaus sind Schlüsselwörter neben ihrer großen Bedeutungsvielfalt umstritten und diskursbestimmend.

Okkasionalismen oder auch Ad-hoc-Bildungen weisen auf eine weitere mögliche Analysegruppe hin, bei denen es sich um kontextuelle Wortneubildungen handelt, die die Einstellungen des Sprechers bzw. Schreibers zum Ausdruck bringen können (vgl. SPITZMÜLLER; WARNKE 2011, 144/ B). Verwendung finden diese häufig in massenmedialen Texten, in denen sie dann allerdings selten bis einmalig genutzt werden und den Stil des Textes prägen (vgl. ebd.).

In der propositionsorientierten Analyse wird die lexikalische Analyse, die sich größtenteils auf Nomina jeglicher Form konzentriert, mit der Auseinandersetzung des Satzinhalts einer Aussage erweitert (vgl. ebd., 147). In einer Aussage existiert zum einen eine Referenz, d.h. etwas oder jemand, auf das bzw. den Bezug genommen wird, und zum anderen eine Prädikation, d.h. etwas wird ausgesagt, woraus sich zusammen eine Proposition ergibt (vgl. ebd., 146). Häufig treten Propositionen in Form von generischen Aussagen auf, bei denen konzeptuelle Kennzeichnungen ethnischer Gruppen erstellt werden (vgl. ebd., 147), wie im Beispiel: „Der Deutsche ist pünktlich.“ Der Definitartikel „Der“ und die Verbform „ist“ stellen in diesem Fall die generische Aussage über Deutsche her.

Propositionen werden bspw. in die Klassen Implikaturen und Präsuppositionen im Rahmen der Inferenzanalyse, Metaphernlexeme, Rhetorische Tropen und Figuren und Syntaktische Muster kategorisiert (vgl. ebd.). Da Texte sich auf mentale Aspekte, wie Wissensbestände, beziehen und dadurch erst kohärent werden, ist es wichtig, sich das implizit thematisierte Wissen in der Mikrostruktur des Textes genauer anzusehen (vgl. ebd.). Präsuppositionen deuten dabei auf vorausgesetztes Wissen für die Gültigkeit der Aussage hin, während Implikaturen „ergänzbare Satzinhalte“ beschreiben (ebd.). Bei den Metaphernlexemen handelt es sich um die Verwendung von metaphorischen Morphemkonstituenten in Wortform, deren Bedeutung und metaphorischer Charakter allerdings nur im Kontext betrachtet deutlich werden (vgl. ebd., 153). Ein Beispiel wäre hier „Flüchtlings strom “, wobei das Lexem –strom den metaphorischen Teil bildet. Während das Metaphernlexem als eine Form der Bedeutungsübertragung bereits einen rhetorischen Tropus darstellt, gibt es eine Vielzahl an weiteren rhetorischen Mitteln, mit denen Aussagen gestaltet werden können (vgl. ebd.). Aufgrund dieser hohen Anzahl werde ich daher im Analyseteil an entsprechender Stelle auf die in den Artikeln beobachteten Tropen und Figuren eingehen.

Eine weitere, allerdings sehr breit gefächerte Analyseklasse der propositionsorientieren Untersuchung bilden die syntaktischen Muster , die als „wiederkehrende Satz- oder Teilsatzstrukturen“ bezeichnet werden können (ebd., 156). Da sie sich auf alles beziehen, was sprachlich musterhaft erscheint, können sie auf viele Aspekte im Text angewandt werden und so einen bedeutenden Beitrag zur Diskursanalyse in Bezug auf implizit vorausgesetztes Wissen liefern (vgl. ebd.).

Über die Mikroanalyse hinaus weist der Text an sich in seiner Makrostruktur diskursbedeutende Merkmale auf, weshalb neben dem wort- und propositionsbasierten Ansatz auch die textorientierte Analyse von Bedeutung ist. Hierbei können z.B. die Kategorien Textsorte, Textfunktion, Themenentfaltung, Isotopie- und Oppositionslinien, Lexikalische Felder und Metaphernfelder Berücksichtigung finden. Während die Textsorte eher im Bereich der Textlinguistik verankert ist, hat sie dennoch insofern eine diskursive Bedeutung, als dass sie kommunikationsrelevante Merkmale aufweist, die intratextuell festzumachen sind und ebenfalls von transtextueller Bedeutung sein können (vgl. ebd., 160). Textsorten lassen sich außerdem von Textfunktionen ableiten (vgl ebd.). Diese können narrativ, deskriptiv, propagandistisch, appellativ, deklarativ etc. sein und sprachliche Effekte mit sich ziehen, die auf der Mikrostruktur des Textes deutlich werden (vgl. ebd., 161).

[...]


1 Isotopiekette ist der lexikalische Ausdruck für die semantische Kohärenz eines Textes (siehe Kapitel 2.3).

2 Spitzmüller und Warnke merken dabei an, dass prinzipiell jeder Text durch einen Diskurs geprägt ist (vgl. 2011, 173).

3 Spitzmüller und Warnke übernehmen diese Bezeichnung in Anlehnung an Goffman (1979; 1981) und Adamzik (2002), weisen aber darauf hin, dass nicht immer genau ein Produzent einer Aussage festgelegt werden kann und sie daher den Begriff kritisch betrachten (vgl. 2011, 175).

4 N. Bubenhofer (2007) definiert eine Aussage dabei als ein Gefüge aus Satzsubjekt und Prädikat(en), welche zusammen eine Zeichenfolge bzw. einen Satz bilden. Dabei bleibe ein Satz ein grammatikalisches Abstrakt, solange er nicht im Sinne der Äußerungstheorie im Akt des Sprechens, Schreibens oder Lesens geäußert und im Kontext betrachtet werde.

Details

Seiten
65
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668924574
ISBN (Buch)
9783668924581
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464179
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)
Note
1,0
Schlagworte
Islam Diskurslinguistik Französisch Deutsch

Autor

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Titel: Die Darstellung des Islam in der französischen und deutschen Online-Presse nach den Anschlägen in Paris und Brüssel