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Welche Auswirkungen hat humanoides Verhalten bei Tieren auf Menschen?

Hausarbeit 2018 14 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Menschliches Handeln bei Tieren
2.1 Begriffsdefinition von ‚Handeln‘
2.2 Anwendung auf Zootiere
2.3 Interaktion
2.4 Auswirkungen auf das Artenwissen
2.5 Auswirkungen auf das Artenschutzengagement
2.6 Folgen für Zoos

3. Fazit

1. Einleitung

Der Film ‚Shape Of Water‘ hat bei der diesjährigen Verleihung der Academy Awards in Los Angeles vier Oscars gewonnen, unter anderem den Preis als bester Film. Darin geht es um ein humanoid wirkendes Tier, eine Mischung aus Mensch und Amphibie, das in einem Labor zur Schau gestellt und untersucht wird. Dabei versuchen sich unterschiedliche Mitarbeiter des Labors auf unterschiedliche Arten dem Wesen zu nähern: Gewaltsame Domestizierung, wissenschaftliche Untersu- chung und Kommunikation. Letztere führt dazu, dass sich das Tier auf seine ‚Ge- sprächspartnerin‘ einlässt, woraus eine innige, sogar amouröse, Mensch-Tier- Beziehung entsteht. Der Umgang mit der Kreatur erinnert teils an herkömmliche Tiergärten oder Aquarien, wo ebenso unterschiedliche Zugänge zu den Tieren ge- sucht werden, teils mit Gewalt, durch Konditionierung oder schlicht durch das Ein- sperren der Tiere, teils mit Forschung und dem Aspekt Bildung, um mehr über eine Spezies zu erfahren, aber auch der Bereich der Mensch-Tier-Kommunikation ist in Zoos omnipräsent, nicht zuletzt dadurch, dass Menschen häufig den Willen zeigen, mit Tieren zu reden oder mit ihnen zu interagieren. Im oben genannten Film scheint es, als würde die Faszination für das Tier dadurch entstehen, dass es von äußerlichen Merkmalen her sehr dem Menschen gleicht und in der Lage zu sein scheint, Zeichensprache zu erlernen, was eine Interaktion mit ihn ermöglicht.

Die recht junge Disziplin der Human-Animal-Studies zeigt ein wachsendes Interesse auch aus wissenschaftlicher Sicht an der komplex scheinenden Beziehung zwischen Mensch und Tier. Aus soziologischer Perspektive lassen sich ebenfalls interessante Erkenntnisse in diesem Bereich gewinnen. In der folgenden Arbeit soll, wie bereits durch den Bezug auf den Film angedeutet, der Frage nachgegangen werden, ob es Auswirkungen auf das Artenwissen, beziehungsweise die Bereitschaft zur intensiveren Beschäftigung mit einem Tier hat, wenn sich dieses ‚menschlich‘ zu verhalten scheint. Auch auf die Folgen für die Bereitschaft der Besucher, sich für Tierschutz zu engagieren, wie es von Organisationen wie beispielweise der World Association of Zoos and Aquariums (WAZA) angestrebt wird (vgl. WAZA 2015), wird eingegangen. Dabei stehen die Tiere im Zoo im Vordergrund, da dies ein Ort ist, an dem die Faktoren Bildung und Artenschutz als erklärte Ziele gelten und der Zoo „der paradigmatische Begegnungsraum zwischen Menschen und Tieren schlechthin“ (Speitkamp 2017, S.21) ist.

Zuerst werden die Aspekte Handeln, Interaktion und Kommunikation aus soziolo- gischer Sicht näher betrachtet. Anschließend werden diese drei Faktoren auf die Tierwelt bezogen, um anschließend mögliche Erklärungsansätze dafür zu finden, wie oder ob sich humanoides Verhalten bei Tieren auf die Menschen auswirkt, im Hinblick auf Bildung und Artenschutzengagement.

2. Menschliches Handeln bei Tieren

Um darauf eingehen zu können, wie sich menschliches Handeln bei Tieren aus- drückt, muss vorab geklärt werden, was aus soziologischer Sicht ‚Handeln‘ bedeu- tet, um dann zu erörtern, welche ‚menschlichen‘ Verhaltensweisen bei Tieren er- kennbar sind. Hierfür wird zuerst eine Definition des Begriffes ‚Handeln‘ nach Max Weber vorgenommen.

2.1 Begriffsdefinition von ‚Handeln‘

„‚Handeln‘ [Hervorhebung im Original] soll [...] ein menschliches Verhalten (ei- nerlei ob äußeres oder innerliches Tun, Unterlassen oder Dulden) heißen, wenn und insofern als der oder die Handelnden mit ihm einen subjektiven S i n n [Hervorhebung im Original] verbinden" (Weber 2002, S.1).

Hierbei muss noch genauer darauf eingegangen werden, was unter dem Begriff ‚subjektiv gemeinter Sinn‘ zu verstehen ist. Weber geht es dabei nicht um einen objektiv richtigen Sinn, sondern um einen, vom Individuum selbst ‚bestimmten‘ Sinn. Hierbei spielen also andere Personen außer dem Handelnden selbst keine Rolle. Es geht lediglich um ein Verhalten, das sich nur dem Handelnden erschließen muss, also „ein tätiges Verhalten von Menschen, das sich auf Objekte richtet“ (Bahrdt 1994, S.31) und nicht auf andere Personen bezogen ist. Ein konkretes Bei- spiel hierfür wäre das Öffnen einer Tür, um aus dem Haus zu gehen, da es für die Handelnde Person subjektiv sinnvoll ist, die Türklinke nach unten zu drücken.

Eine erweiterte Form des Handelns ist nach Max Weber das ‚soziale Handeln‘, „welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf das Ver- halten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (Weber 2002, S.1). Die Definition nach Weber ist jedoch nicht das, was gemeinhin als soziales Handeln verstanden wird, wie zum Beispiel ein Akt aus Nächstenliebe, wenn man einer blinden Person über die Straße hilft. Bei Weber geht es nicht um eine ‚gut gemeinte‘ Tat, sondern darum, dass sich das Handeln bewusst auf andere Menschen bezieht. So kann es beispielsweise auch ein Schlag ins Gesicht des Nachbarn sein, der nach Weber als soziales Handeln gilt, obwohl es der gängigen Auffassung von ‚sozial‘ wohl eher widerspricht.

Wenn man sich mit dem Begriff ‚Handeln‘ beschäftigt, ist es unabdingbar auch auf den Begriff ‚Verhalten‘ einzugehen, da letzterer sozusagen als Grundlage für das Handeln betrachtet werden kann, wie Weber durch die Definition des Handelns schon deutlich macht (vgl. Weber 2002, S.1). Verhalten ist demnach solange bloßes Verhalten bis ihm ein subjektiver Sinn zugeschrieben wird. So lässt sich sagen, dass das Verhalten jenes ‚Tun‘ umfasst, mit dem das Individuum keinen Sinn verbindet. Hierzu kann man wohl Reflexe wie das Gähnen oder das Blinzeln zählen.

2.2 Anwendung auf Zootiere

Nachdem der Begriff ‚Handeln‘ nun ausreichend erklärt wurde, ist es jetzt an der Zeit, die Frage zu stellen, inwiefern Tiere ‚handeln‘. Wie im vorherigen Kapitel wird auch hierbei ‚Verhalten‘ von ‚Handeln‘ abgegrenzt. Die Schwierigkeit besteht darin, dass man als von außen betrachtender Mensch, dem Tier einen subjektiv gemeinten Sinn unterstellen muss, um diesen Unterschied abzeichnen zu können. Man kann also nur vermuten, ob ein Tier seinem Verhalten gerade einen Sinn beimisst oder nicht. Jedoch lässt sich wohl auch im Tierreich sagen, dass ‚Tätigkeiten‘ wie Blinzeln oder Gähnen eher bloßes ‚Verhalten‘ sind als eine Handlung.

Zum Handeln könnte man, um den von Weber für Menschen definierten Begriff auf Tiere anzuwenden, das Fressen einer Banane im Bezug auf Affen nennen, dessen Sinn die Nahrungsaufnahme ist, oder auch das schlichte Gehen vom einen Eck des Geheges zum anderen. Welcher Sinn dieser Handlung zugrunde liegt, bleibt jedoch im Verborgenen. Soziales Handeln wäre in der Tierwelt zum Beispiel das Lausen, um bei den Affen zu bleiben, oder das Revierverteidigen unter den Raubtieren, deren Handlungen sich in diesem Fall auf andere Tiere beziehen, indem sie sie pflegen oder verscheuchen.

Dass das Interesse seitens der Zoobesucher steigt, wenn sich die Tiere nicht nur ‚verhalten‘, sondern ‚handeln‘, darauf deutet auch die Aussage von Susan Chin, der Vizepräsidentin der Planung und des Designs des Bronx Zoos, in Irus Bravermans Text „Looking at Zoos“ hin. Darin sagt sie: „[People] want to see animals and they want to see them doing stuff, living their lives“ (Braverman 2011, S.822) Man kann also davon ausgehen, dass mit ‚doing stuff‘ nicht etwas Lapidares wie gähnen oder blinzeln gemeint ist, sondern Dinge wie, Laufen, Fres- sen oder Schwimmen.

Hierzu haben Forscher um Joanne D. Altman 1996 eine aussagekräftige Studie durchgeführt. Sie versuchten zu messen, wie intensiv sich Besucher mit den Tieren auseinandersetzen in Abhängigkeit von deren Aktivität. Dabei ging es um das Bä- rengehege im Philadelphia Zoo, indem Eisbären, Brillenbären und Lippenbären leben. Die Gespräche der Leute vor dem Bärengehege wurden dabei aufgezeichnet und gleichzeitig das Verhalten der Bären gefilmt. Dies wurde kategorisiert in ‚aktiv‘, ‚inaktiv‘, ‚herumgehen‘ und ‚nicht sichtbar‘. Auch die Tonbandaufnahmen unterteilten die Forscher in verschiedene Kategorien: (1) tierbezogene Gespräche, wie beispielweise Aussagen über das Erkennen von An- oder Abwesenheit des Bären, wenn die Besucher ihre Aufmerksamkeit komplett auf das Tier legen oder das Tier direkt ansprechen, (2) generelle, nicht tierbezogene Gespräche unter Besuchern, (3) Aussagen über irgendeine Handlung des Bären und (4) andere Aussagen, wie emotionale Ausrufe oder die Beschreibung des Geheges (vgl. Altmann 1998).

Die Forscher gingen davon aus, dass das Interesse für die Bären größer wird, wenn die Tiere aktiv sind. Im Bezug auf die Eisbären wurde diese Annahme bestätigt, da die Besucher deutlich mehr über das Tier sprachen, wenn dieses aktiv war. Jedoch zeigten die Ergebnisse bei den anderen beiden Bärenarten ein differenzierteres Bild. „Animal behavior was not a frequent topic of conversation except in the presence of active polar bears“ (Altmann 1998, S.18). Wenn der Lippenbär herum ging oder nicht sichtbar war, sprachen die Leute eher über nicht-tierbezogene Themen. Beim Brillenbären zeigte sich, dass es keine Rolle zu spielen scheint, ob er aktiv, inaktiv oder nicht sichtbar ist. Die tier- und menschenbezogenen Gespräche wurden davon nicht beeinflusst.

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Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668910935
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v464116
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
welche auswirkungen verhalten tieren menschen

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