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Die vier Körpersäfte im Bartholomäus. Antiker Ursprung und Fortschreibung der Vier-Säfte-Lehre

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. EINFÜHRUNG IN DIE VIER SÄFTE-LEHRE
2.1. DIE KRANKHEITSBILDER IM BARTHOLOMÄUS
2.1.1 ZU DER PERSON DES BARTHOLOMÄUS
2.2 DIE HARNSCHAU ZUR BESTIMMUNG VON KRANKHEITEN
2.3. DIE SONDERSTELLUNG DES BLUTES

3. FAZIT

Literaturverzeichnis

1. EINLEITUNG

In meiner Seminararbeit zum Thema ‚Die Vier Säfte-Lehre im Bartholomäus‘ möchte ich mich mit der Thematik ebengenannter Lehre in der Medizinhandschrift ‚Bartholomäus‘, eines der bekanntesten medizinischen Schriftstücke aus dem 15ten Jahrhundert und Prototyp der später folgenden Arzneibücher befassen. Dabei möchte ich zuerst einen kleinen Überblick in die Elementen-Lehre im Allgemeinen und ihre Entwicklung von der Antike bis zum Mittelalter geben und dann im weiteren Verlauf näheren Bezug auf das vorliegende Werk nehmen. Ich möchte in dieser Arbeit vor allem auch hervorheben, inwieweit sich das im Bartholomäus Geschriebene mit dem Inhalt anderer Werke über die Vier Säfte-Lehre deckt, wo es Unterschiede gibt und wie groß und bedeutend diese Unterschiede sind. Weiterhin ist es mein Ziel zu überprüfen, inwieweit sich der Bartholomäus als Medizinbuch in Bezug auf seinen Inhalt auf die Vier-Säfte-Lehre beruht und in welchem Maße sich die Schrift auf die altertümliche Lehre bezieht und oder ob sie diese verändert wiedergibt.

Ich beziehe mich zum größten Teil auf die von Franz Pfeiffer veröffentlichte Edition des Bartholomäus und studiere dessen Inhalt auf die antiken Vier-Elemente-Lehre, um sie im Anschluss mit dem zu vergleichen, was Derschka, Gloning, Schmid und Schnell über jene Lehre herausgefunden habe. Primäres Ziel ist es, Informationen verschiedener Literatur zum Thema Humoralmedizin und die Elementenlehre zu vergleichen, um damit einen allgemeinen Einblick in die Thematik geben und diese später im Bartholomäus untersuchen zu können. Da sich der Bartholomäus als Medizinhandschrift mit verschiedenen Krankheitsbildern beschäftigt und Behandlungsvorschläge für diese gibt, möchte ich vor allem auch untersuchen, inwieweit die beschriebenen Krankheiten mit den Temperamenten der Humoralcharakterologie in Verbindung gebracht werden können, wo es Unterschiede gibt und worauf diese zurückführen könnten. Da es viel zu lange dauern würden, das komplette Schriftstück zu analysieren, beschränke ich mich vor allem auf das Harntraktat zu Beginn des Bartholomäus, das sich über die Seiten 127-134 erstreckt, sowie ein paar einzelne Rezepte des Rezeptars auf den Seiten 144-158.

2. EINFÜHRUNG IN DIE VIER SÄFTE-LEHRE

Grundlage für die Humoralpathologie, eine Lehre der Antike, bei der man das Gleichgewicht beziehungsweise Ungleichgewicht, das Mischverhältnis und den Zustand der Körpersäfte, humores, untersuchte, ist die Vier-Säfte-Lehre, ein altertümliches Konzept zum Bestimmen von Krankheiten anhand allgemeiner Vorgänge im Körper und ihr Zurückführen auf die verschiedenen im Körper produzierten Körpersäfte. Diese da wären das Blut (s anguis), der Schleim (phlegma), die Grüne beziehungsweise Gelbe Galle (cholera) sowie die schwarze Galle (melancholia). (Schnell 2003: 260).

Laut dieser Lehre soll ein jeder Mensch ein individuelles Mischverhältnis der vier Körpersäfte, auch „humorale Komplexion“ genannt, besitzen, das den Gemütszustand sowie das Temperament eines jeden Menschen beschreibt. (Derschka 2013: 15)

Diese vier Temperamente bilden im Regelfall ein harmonisches Gleichgewicht und sind in allen Menschen in einem verschiedenen Mischungsverhältnis enthalten, wobei es jedoch Akzentverschiebungen geben kann, die eines der Temperamente deutlicher hervorstechen lassen können, während die zwei benachbarten Temperamente mitschwingen und das Gegensätzlichste in den Hintergrund tritt. Wird dieses harmonische Gleichgewicht jedoch in irgendeiner Art gestört, führt das bei einem Menschen zu Krankheiten, die je nach Temperament und Art der Störung unterschiedlich ausgeprägt sein können. (Derschka 2013: 15)

Die vier Temperamente, von denen die Rede sind, sind der Choleriker, der Phlegmatiker, der Melancholiker und Sanguiniker. (Derschka 2013: 15) Diesen vier Gemütszuständen teilte der griechische Arzt Hippokrates von Kós1 folgende Elemente zu: dem Choleriker das Feuer, dem Phlegmatiker das Wasser, dem Sanguiniker die Luft und dem Melancholiker die Erde. Später übertrug der ebenfalls griechische Arzt Galenos von Pergamon2, häufiger bekannt unter dem Namen Galen, die vier Temperamente auf die im Körper vorhandenen Körpersäfte. Er teilte dem Sanguiniker das Blut, dem Phlegmatiker den Schleim, den Choleriker die Gelbe Gallenflüssigkeit und dem Melancholiker die Schwarze Gallenflüssigkeit zu. Später wurden den Temperamenten immer mehr Aspekte hinzugefügt, sodass man heute breite Tabellen zu diesem Thema anlegen kann, deren Spalten mit Informationen zum Wesen, der Eigenschaften, der Altersstufe, der Jahreszeit, der Farbe, das Organ, die Tugend beziehungsweise Untugend, die Tageszeit oder sogar das Wappentier befüllbar sind.

Besonders die vier Jahreszeiten, die vier Lebensalter des Menschen, die vier Körpersäfte und die vier Elemente im Kosmos bilden eine Analogie, auf der die die Säftelehre ihre Plausibilität bezieht. (Derschka 2013: 15). Auch Die Aspekte Farben und Geschmack spielen später noch eine maßgebliche Rolle bei den im Bartholomäus beschriebenen Krankheiten. Später fügte man den oben genannten Kategorien zudem noch Qualitäten3 hinzu, unter die man die Eigenschaften versteht, auf die die Zustände der jeweiligen Elemente zurückzuführen: das Feuer ist warm und trocken, die Luft ist warm und feucht, das Wasser ist kalt und feucht und die Erde kalt und trocken. (Derschka 2013: 15) Zudem soll der Naturphilosoph Alkmaion von Kroton4 diesen Qualitäten zwei weitere hinzugefügt haben: das Bittere und das Süße. Laut Alkmaion von Kroton sorgt, ebenso wie eine den Körpersäften, eine Gleichberechtigung dieser Qualitäten , isonomia, oder eine gleichmäßige Mischung, symmetros krasis, für die Gesundheit des Menschen. (Derschka 2013: 15)

Diese Eigenschaften spielen im Bartholomäus vor allem im Harntraktat eine übergeordnete Rolle und dienen der Beschreibung der Symptome verschiedener Krankheiten sowie der Ursachenfindung. Auf ein paar jener Krankheitsbilder möchte ich im Folgenden eingehen.

2.1. DIE KRANKHEITSBILDER IM BARTHOLOMÄUS

2.1.1 ZU DER PERSON DES BARTHOLOMÄUS

In dieser Hausarbeit möchte ich mich insbesondere mit der Bartholomäus-Edition von Franz Pfeiffer aus dem Jahre 1863 eingehen, der die deutsche Übersetzung der lateinischen Schrift aufgearbeitet hat. Besonders die Seiten 127-34 und 144-158 sind für diese Arbeit relevant. Bevor ich näher auf die Krankheiten und das Harntraktat eingehe, möchte ich noch kurz ein paar wichtige Hintergrundinformationen zu dem vorliegenden Schriftstück geben. Der Bartholomäus ist zurückzuführen auf den griechischen Arzt Bartholomäus von Salerno, der zudem als Lehrer an der Schola Medica Salernitana, eine der ältesten europäischen Universitäten und neben Toledo auch eine der bekanntesten Übersetzungsschulen Spaniens, unterrichtete. Sein Hauptwerk war die im ersten Viertel des 13ten Jahrhunderts erschienene Practica (Bartholomaei) 5 , ein in drei Traktate gegliedertes Medizinhandbuch, das ursprünglich in Lateinisch verfasst, später aber auch in anderen Sprachen übersetzt wurde. Diese Schrift gilt als Basis des vorliegenden Admonter Bartholomäus, der wahrscheinlich von einem deutschen gleichnamigen Arzneibuchverfasser aus dem 12ten Jahrhundert verfasst wurde, der sich die Practica (Bartholomaei) als Quelle nahm und sich an dieser orientierte. Der Admonter Bartholomäus ist ein ebenfalls in drei Teile gegliederter Kodex und enthält neben dem eigentlichen Arzneibuch auch Texte aus der Practica (Bartholomaei) und eine Rezeption. Das Arzneibuch selbst ist ein Versuch Ortolf von Baierlands6, mehr als 400 verschiedene medizinische Texte und Rezepte ins Deutsche zu übersetzen und so das lateinische Medizinwissen auch nach Deutschland zu bringen. Auch er befasste sich dafür unter anderem mit Salerner Schriften. Weiterhin enthält die Schrift neben verschiedenen Traktaten, wie der zu Beginn sehr ausführliche Harntraktart einen großen Rezeptteil, der überwiegend dem Schema ‚von Kopf bis zum Fuß‘ folgt, auch Texte, die Ratschläge und Lösungsansätze für kosmetische oder gynäkologische Probleme geben, sich mit Frauenkrankheiten und der vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung beschäftigen, Texte über die Wundheilung, verschiedene Fieberarten und sogar Leitfäden zum Erkennen von Lebens- oder Todeszeichen. Tatsächlich enthält die Schrift aber auch Informationen zu Themen, die wenig bis gar keinen Bezug zur Humanmedizin haben. Oft ist ein Text so aufgebaut, dass er erst die Symptome einer Krankheit beschreibt, diese dann benennt und am Ende gegeben falls Behandlungsvorschläge gibt.

2.2 DIE HARNSCHAU ZUR BESTIMMUNG VON KRANKHEITEN

Nun möchte ich näher auf den Inhalt des Bartholomäus eingehen. Der relevante Teil zur Vier-Säfte-Lehre beginnt in der Pfeiffer-Edition auf Seite 127. Hier verweist der Verfasser den Leser zuerst einmal auf Bartholomäus von Salerno und erklärt, dass diese Schrift auf dessen Practica (Bartholomei) basiert und lediglich ein Versuch ist, sein Wissen ins Deutsche zu übertragen. Dann setzt er den Leser über die Beschaffenheit eines jeden Menschen in Kenntnis: „Ein igelich mensch der ist geschaffen ûz den vier elementis: ûz der erde, von dem lufte, von dem wazer, von dem fiure.“ (Bartholomäus: 127). [Ein jeder Mensch ist geschaffen aus den vier Elementen: aus der Erde, der Luft, dem Wasser und dem Feuer] Hier werden also die vier bereits erwähnten Elemente genannt und im nächsten Satz den ebenfalls schon einmal erwähnten Qualitäten zugeteilt. So heißt es, dass der Mensch die Wärme und Hitze vom Feuer, die Feuchte vom Wasser, die Kälte vom Wind und die Trockenheit von der Erde bezieht. Als nächstes werden diesen Elementen Farben und Zustände zugeordnet: rot für die Hitze und weiß für die Kälte. Außerdem werden Dinge bei Trockenheit klein und dünn und bei Feuchte dick. Der Verfasser rät nun, sich an die Farbe und den Zustand der Harnflüssigkeit zu orientieren, wenn man herausfinden möchte, an welcher Krankheit ein Mensch leidet. Dabei ordnet er zu Beginn die Beschaffenheit der Harnflüssigkeit einem Temperament zu. Roter, dicker Harn steht für einen kräftigen Leib, steht also sinnbildlich für den Sanguiniker, dünner und roter Harn hingegen für den Choleriker. Weißer und dicker Harn steht für den Phlegmatiker und weißer und dünner Harn für den Melancholiker. Im nächsten Schritt beschreibt der Verfasser ein Verfahren, mit dem man sich die Harnflüssigkeit genauer ansehen kann: dafür nimmt man ein durchsichtiges Glasbehältnis, das nach oben hin enger zuläuft, füllt dieses mit der Harnflüssigkeit und stellt es über Nacht abgedeckt an einem Ort, wo der Harn vor Licht und Kälte beziehungsweise Wärme geschützt ist, ab, um den Harn dann am nächsten Tag zu beschauen. Dieser Vorgang nannte sich Harnbeschauung oder Uroskopie und wurde von Ärzten seit der Antike regelmäßig praktiziert, da sie als das wichtigste diagnostische Mittel der Humanpathologie galt. Anhand der Färbung des Harns ließen sich so Diagnosen aufstellen. An dieser Stelle muss aber ausdrücklich betont werden, dass man nicht immer richtige Schlüsse aus diesem Verfahren ziehen konnte, da Harn, der oft tagelang rumstand oder nicht selten sogar mit sich geführt wurde, um ihn einem Harnbeschauer zu überbringen, mit der Zeit auf natürliche Weise die Farbe verändern konnte. Beispielsweise durch Bakterienbefall. Der Grund für beispielsweise roten Harn konnte daher ganz unterschiedlichen Umständen zugrunde liegen und war kein auszureichender Indikator für Blut im Harn. Der Verfasser des Bartholomäus ging jedoch, wie viele Ärzte seinerzeit, genau davon aus und beschreibt, dass eine rote Färbung der Harnflüssigkeit Hinweise für eine schwere Erkrankung, zumeist im Kopfbereich, stünde. Auch blauer Harn soll dafür ein Anzeichen sein, aber auch für dieses Phänomen gibt es verschiedene Ursachen. Eine davon ist eine Resorptionsstörung der Aminosäure Tryptophan. Tatsächlich gab es eine Menge Gründe, die zur damaligen Zeit eine Verfärbung des Harns bewirken konnten, ohne dass eine Krankheit Auslöser dafür war. Sogar der Verzehr mancher Lebensmittel wie Rote Bete fällt in diesen Umstand. Ohne die heute Möglichkeiten war es jedoch nicht möglich, herauszufinden, was die Ursache einer Färbung war, also beriefen sich die Menschen auf das, was sie kannten: Blut ist rot, also musste es folglich daran liegen. Auch den anderen Körpersäften hatte man Farben zugeteilt, die in Verbindung mit Krankheiten immer auf ebenjenen Körpersaft zurückzuführen waren: die Gelbe Galle war gelb, die Schwarze Galle schwarz und der Schleim weiß. Es ist also nicht verwunderlich, dass auch der Verfasser, der ja selbst als Arzt praktizierte, sich darauf berief. Er weitete diese Diagnosen sogar aus und übertrug sie abermals auf die vier uns schon bekannten Temperamente. Beispielsweise soll blauer Harn typisch für den Choleriker sein und für eine starke Schädigung des Hirnes stehen. Er soll von der Colerica rubeus, in dem das Wort Choleriker sogar schon enthalten ist , kommen, von der der Verfasser sagt, sie liege an einer gewissen Stelle um Kopf und damit vermutlich ein bestimmtes Organ darstellen könnte. Dünner Harn mit einer weißen Umrandung hingegen ordnet er dem Phlegmatiker zu und lokalisiert den Ursprung der Krankheit im Halsbereich. Wie eben schon erwähnt, wird dem Schleim die Farbe Weiß zugeordnet. Auch hier ist also eine Verbindung zur Humoralpathologie erkennbar. Dazu möchte ich anmerken, dass man das Temperament des Phlegmatikers seit jeher mit dem Drüsensystem verbindet. Da sich im Halsbereich die Schilddrüse befindet und diese bekanntlich Ursache einiger Krankheiten sein kann, die unter anderem auch Symptome wie Rastlosigkeit oder Konzentrationsschwäche aufweisen, könnte man auch hier eine hier eine Verbindung zu dem von Hippokrates von Kôs benannten phlegmatischen Element herstellen. Laut diesem gelten Phlegmatiker als desinteressiert, träge und interessenlos. Zudem neigt der Phlegmatiker nicht selten zu Drüsenerkrankungen, die wiederum oft den Hormonhaushalt betreffen und dadurch die Wesenszüge des Erkrankten beeinflussen können. In diesem Beispiel stimmt die Diagnose im Bartholomäus tatsächlich mit der Säftelehre überein.

[...]


1 460-375. v. Chr.

2 129-216 n. Chr.

3 Zurückführbar auf den griechischen Philosophen Zenos von Elea (490-430. v. Chr) (Derschka XX: 15)

4

5 Practica (Introductiones et experimenta in practicam Hippocratis, Galieni, Constantini, graecorum medicorum)

6

Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668924383
ISBN (Buch)
9783668924390
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463967
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,7
Schlagworte
körpersäfte bartholomäus antiker ursprung fortschreibung vier-säfte-lehre

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