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Über die Wahrnehmung von Wirklichkeit und die Wirklichkeit der Medien

Seminararbeit 2005 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Massenmedien allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Höhlengleichnis, Platon, um 600 v. Chr
1.1. Kurze Zusammenfassung
1.2. Thematik
1.3. Symbolik

2. Auseinandersetzung der modernen Kunst mit dem Höhlengleichnis, zwei Beispiele
2.1. Film: „The Truman Show“ von Peter Weir
2.2. In der bildenden Kunst: „Alles Lüge“, Installation von Hannes Nehls,

3. Über die menschliche Wahrnehmung

4. Die Realität als Produkt der Medien

5. Beziehung Medium – Wirklichkeit

Schlusswort

Quellenverzeichnis

Einleitung

Wirklichkeit ist ein hochkomplexes Gefüge und Geschehen, sodass man sie nie abschliessend beschreiben kann. Und doch haben wir tagtäglich mit ihr zu tun und müssen lernen, mit ihr umzugehen[1], ohne zu wissen, ob Wirklichkeit so ist, wie wir sie erkennen und empfinden und ob es überhaupt eine allgemein gültige Realität gibt. Auch unsere Medien gehen täglich mit ihr um.

Die Frage, was Wirklichkeit ist, ist eine Frage, wie die nach dem Sinn des Lebens, die den Menschen wahrscheinlich seit jeher beschäftigt hat.

Wir sehen die Welt, wie sie unseren Augen erscheint. Heinrich von Kleist schrieb am 22. März 1801 in einem Brief an Wilhelmine von Zenge:

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört.“

Wie der Begriff des Wahrnehmens schon sagt, empfinden wir das, was wir mit unseren Sinnen aufnehmen als das Wahre, also als die Wirklichkeit. Demnach hat die Frage, was die Wirklichkeit ist, sehr viel mit unserer Wahrnehmung zu tun, also auch damit, ob unsere Wahrnehmung nicht nur eine Projektion oder ein Abbild der Wirklichkeit ist.

In meinem Vortrag vom 11. November 2004 im Proseminar „Die Ästhetik der Projektion“ sprach ich über die Thematik des Höhlengleichnisses. In Platons Hohlengleichnis geht es darum, dass das, was wir als die Realität ansehen , eigentlich nur Abbild des Wahren ist. Die folgende Arbeit ist eine weiterführende Auseinandersetzung mit selbigem Thema. Ich werde deshalb einen grossen Teil meines Vortrags nochmals einfliessen lassen. Im Anschluss werde ich anhand eines Beispiels zeigen, wie die moderne Kunst dieser existentiellen Frage nachgeht. Weiterführend beschäftigen mich folgende Fragen:

Wie lassen sich unsere heutigen Medien in Bezug auf Wirklichkeit, Realität, definieren? Zeigen die Medien Realität oder manipulieren sie diese? Übernehmen sie eine Wirklichkeit abbildende oder Wirklichkeit vermittelnde Funktion? Stimmt die These, dass wir in der heutigen Zeit unsere Wirklichkeit vermehrt über die Medien definieren?

1. Das Höhlengleichnis, Platon, um 600 v. Chr.

1.1. Kurze Zusammenfassung

Menschen wohnen in einer unterirdischen Höhle. Sie kehren dem Eingang den Rücken zu und da sie gefesselt sind, sehen sie nur die ihnen gegenüber liegende Wand. Hinter ihnen, im Eingang, erhebt sich eine hohe Mauer. Hinter dieser Mauer bewegen Gestalten mit Gegenständen, die über die Mauer hinaus ragen, vorbei. Da hinter diesen Gestalten ein Feuer brennt, werfen die von ihnen getragenen Gegenstände Schatten auf die Höhlenwand.

Die Schatten sind das einzige, was die Höhlenbewohner sehen. Sie halten diese folglich für das einzige, was es gibt.

Einer der Gefangenen befreit sich aus der Gefangenschaft. Er dreht sich zum Licht und zu den Gegenständen. Er wird vom grellen Licht, wie auch vom Anblick der scharfen Umrisse der Figuren geblendet– er hat bisher ja nur ihre Schatten gesehen. Wenn er sich an das Neue gewöhnen würde, würde er zum ersten Mal Farben und scharfe Konturen sehen. Er würde die Sonne am Himmel sehen und begreifen, dass die Sonne die Dinge im „richtigen Licht zeigen“ und weshalb das Feuer in der Dunkelheit Höhle bewirkt, dass er nur Schattenbilder sieht.

Er geht zurück in die Höhle und versucht, den anderen Höhlenbewohnern klarzumachen, dass die Schatten an der Höhlenwand nur Nachahmungen des Wirklichen sind. Niemand glaubt ihm. Sie zeigen auf die Höhlenwand und sagen, das, was sie da sähen, sei alles, was es gebe und schlagen ihn schlussendlich tot.

1.2. Thematik

Die Höhlenbewohner sehen die Schatten, sehen diese jedoch nicht als Schatten. Sie kommen nicht auf die Idee, dass diese nur Abbild der Realität sind und nicht die Wirklichkeit selbst. Sie geben sich mit den Schatten zufrieden. Es liegt nicht in ihrem Wesen weiter zu hinterfragen, ob das, was sich ihnen zeigt auch das Seiende ist.

Einem Höhlenbewohner wurden die Fesseln abgenommen. Das bis anhin offen Gezeigte wird hinterfragt. Das bis zu diesem Zeitpunkt Gesehene, die Schatten, wird stehen gelassen und der Entfesselte wendet sich dem neu Gezeigten, den Dingen selbst zu.

Der Entfesselte beurteilte vorerst die Schatten als das Wahrere.

Man kann behaupten, dass der Mensch grundsätzlich immer das als wahr empfindet, was er mit seinen Sinnen wahrnehmen kann, darauf verweist auch die etymologische Bedeutung des Wortes wahr-nehmen. Deshalb heisst es schliesslich etwas „wahrnehmen“, weil wir das, was wir mit unseren Sinnen aufnehmen, als „wahr“ empfinden.

Der Entfesselte will in seine verstraute Welt der Schatten zurück, weil er sie für das Seiendere hält. Sie vermittel t ihm das Gefühl, sich in einer gewohnten Umgebung zu bewegen. Der Mensch ist von Natur aus Neuem gegenüber eher skeptisch eingestellt.

Die Befreiung von der Unwissenheit schlägt fehl. Der Befreite will wieder zurück und in seine Fesseln gelegt werden. Er fürchtet sich vor dem Neuen und Unbekannten.

Der Aufstieg verlangt Arbeit und Anstrengung und bereitet Mühe und Leiden. Unumgänglich ist ein langsames Vertrautwerden. Vorerst ist der einstige Höhlenbewohner absolut überfordert, bis er langsam mit dem Licht und seinem neuen Standort vertraut wird. Er will nun nicht mehr zurück, weil er das Schattenhafte des Höhlendaseins einsieht und den Schein des Daseins dort durchschaut.

Die Folge der Entfesselung ist die Erkenntnis, d.h. das Erfassen des Wahren, bezogen auf die Welt und das Selbst.

Was Platon im Höhlengleichnis schildert, ist der Weg von den unklaren Vorstellungen zu den wirklichen Ideen hinter den Phänomenen der Natur. Er hielt alle Phänomene in der Natur für blosse Schattenbilder der ewigen Formen oder Ideen.

Das Leben in der Höhle könnte man symbolisch als eine Krankheit bezeichnen . Der Aufstieg in die Welt oberhalb der Höhle als deren Heilung. Eine Krankheit kann jedoch nur geheilt werden, wenn sie als solche diagnostiziert wird.

1.3. Symbolik

Die Höhle soll die Welt, unsere Welt, symbolisieren. Das Feuer ist als unsere Sonne zu verstehen. Erst unsere Sonne lässt uns unsere Welt sehen. Ohne sie würden wir nur die dunkle Höhlenwand sehen. Sie ist es, die Licht, folglich Struktur, ins Dunkel bringt, uns einen Baum als Baum erkennbar macht. Wie Heidegger[2] erklärt, lässt erst das Licht den Blick hindurch zu einem für ihn sichtbaren Gegenstand. Die Dunkelheit stelle ich mir in diesem Zusammenhang immer als Vorhang vor, der , sobald Licht ins Spiel kommt , „gelichtet“ wird, d.h. das Licht ermöglicht (Durch-) Sicht.

Die Schatten stehen für das Seiende, die Dinge, die wir sehen und mit denen wir zu tun haben.

Wir sind die Gefesselten, die an die Selbstverständlichkeit gebunden und von dieser geleitet sind und die annehmen, dass das, was sich uns offen zeigt, die Wirklichkeit darstellt.

Alles, was ausserhalb der Höhle ist, ist der Ort der Ideen. Diese Ideen sind das Seiende. Die Ideen sind zudem unvergänglich und unveränderlich. Das Schöne z.B., ist nun der Grund dafür, dass die einzelnen Dinge, die schön sind, genau dies sind. Eine Rose ist etwa deshalb schön, weil sie an der Idee des Schönen Teil hat. Die Idee ist der Anblick dessen, als was sich etwas seiend zeigt. Diese Anblicke sind es, worin das einzelne Ding als das und das sich präsentiert präsent und anwesend ist.

Der Anblick, die Idee, gibt also das, als was ein Ding anwesend ist, d.h. was ein Ding ist, -sein Sein an. Die Idee ist also nichts anderes als das Verständnis, dass ein Buch ein Buch ist und dass wir es als Buch erkennen. Auch wenn sich jedes Buch von allen anderen ein wenig unterscheidet, erkennen wir trotzdem alle als Bücher.

2. Auseinandersetzung der modernen Kunst mit dem Höhlengleichnis, zwei Beispiele

2.1. Film: „The Truman Show“ von Peter Weir

Jeden Augenblick des Tages, vom Augenblick seiner Geburt an, seit dreißig Jahren, ist Truman Burbank nun schon der unwissentliche Star der längsten, beliebtesten Dokumentar-Soap in der Geschichte. Die Bilderbuchstadt Seahaven, die er seine Heimat nennt, ist in Wirklichkeit ein gigantisches Tonstudio. Trumans Freunde und seine Familie, alle, die ihm begegnen, sind in Wirklichkeit Schauspieler. Er erlebt jeden Augenblick seines Lebens vor Tausenden von schamlos laufenden, versteckten TV-Kameras[3]. Die Welt, in der Truman lebt, wird von Christoph, dem Erfinder der „Truman Show“, regiert und inszeniert. Alles, was Truman erlebt, alle Menschen, die er trifft, wurden von Christoph ausgewählt. Christoph bestimmt, wie Trumans Welt aussieht und was in ihr geschieht. Trumans Wissen beruht also auf Dingen, die er von anderen Menschen erzählt bekommt.

Seine Erfahrungen und sein Wissen sind direkt mit den Schatten der Höhlenbewohner in Platons Höhlengleichnis vergleichbar. Weder die Höhlenbewohner noch Truman können ihre Schatten beeinflussen, andere Menschen bestimmen ihre Realität, ohne dass die Betroffenen davon wissen.

2.2. In der bildenden Kunst: „Alles Lüge“, Installation von Hannes Nehls, 2003

Hannes Nehls, der 1998 bis 2003 an der Universität der Künste Berlin visuelle Kommunikation studierte, befasste sich in seiner Diplomarbeit mit dem Thema des Höhlengleichnisses von Platon.

Hannes Nehls Installation „Alles Lüge“ verweist auf Platons Höhlengleichnis, indem sie mit der elementaren, bildlichen Erfahrung, mit der Konfrontation des Menschen mit dem eigenen Schatten, spielt.

Es geht Nehls darum zu zeigen, dass dem Menschen seine eigene Umwelt als Wirklichkeit erscheinen muss, weil er sich sonst unsicher und unwohl fühlt.

Er zeigt, wie einfach der Mensch getäuscht und manipuliert werden kann, weil er ein Sicherheitsbedürfnis hat. Der Mensch dem vertrauen zu können, was er kennt und mit seinen Sinnen aufnehmen kann.

Wie schon erwähnt geht es bei „Alles Lüge“ um die Konfrontation von Menschen mit ihrem eigenen Körperschatten. Den eigenen Körperschatten erkennen die Menschen seit je als das einfachstes, ursprünglichstes Abbild des eigenen Körpers. Wir kennen das Wesen unseres Schattens: Er zeigt uns unsere Gestalt in Form einer dunklen Silhouette. Diese verhält sich im Normalfall zeitgleich genau so, wie wir es tun. Was aber, wenn sich unser Schatten plötzlich verselbstständigt?

Eine Person tritt vor eine weisse Wand und wird von hinten, durch verschiedene Scheinwerfer hell beleuchtet. Die Person steht vor ihrem Schatten, der sich über eine bestimmte Zeitspanne normal, so wie wir es von ihm erwarten, verhält: Er zeigt eine dunkle Silhouette der Gestalt der Person, die vor der Wand steht und bildet alle Bewegungen der Person zeitgleich ab.

Nach einer Weile verselbstständigt sich der Schatten: Die Bewegungen des Schattens erscheinen vom Original, dem Betrachter, losgelöst und ohne realen Ursprung. Der echte Schatten wird mit Hilfe von Software, Datenprojektoren, Infrarotscheinwerfern und infrarotempfindlichen Videokameras so simuliert, dass er manipulierbar wird und sich die zeitliche Ebene verschieben lässt. Die Bewegungen des Schattens hinken jetzt sozusagen denen der Person hinterher. Auf diese subtile Weise werden die nahtlosen Übergänge zwischen Fakt und Fiktion medialer Perzeption reflektiert

Die Installation arbeitet mit dem Bild, das dem Menschen am nächsten ist, dem eigenen Abbild in Form des eigenen Schattens. Sie bewirkt im Menschen eine Entfremdung von sich selbst und bricht einen Teil seiner natürlichen Erfahrung. Man kann sagen, sie greift in unsere alltägliche Sicherheit ein. Wie ich schon am Anfang erwähnt habe, fühlt sich der Mensch nur in dem wohl und sicher, was er kennt und nimmt das als seine Wirklichkeit oder Realität an. Es geht im Leben sehr viel darum, mit den Dingen erfahren zu werden, sodass sie einen nicht mehr überraschen. Umso mehr bringt es ausser Fassung, wenn die Dinge, wie in diesem Fall beispielsweise der eigene Körperschatten, nicht so reagieren, wie wir es gewohnt sind. Diese neue, ungewohnte Erfahrung kann den Betrachter verwirren und verärgern. Der Mensch ist eigentlich ein fürchterliches Gewohnheitstier. Und genau diesen Punkt untersucht die Installation, indem sie an unserer Erfahrungs- und Erwartungswelt rüttelt, sodass sich der Betrachter wahrscheinlich unbewusst fragt „aber das geht doch gar nicht, das ist unmöglich, so hab ich das nie erlebt, also kann es nicht sein...

[...]


[1] Doelker, Christian: „Wirklichkeit“ in den Medien; Verlag Klett&Balmer GmbH, Zug, 1979

[2] Martin Heidegger, Philosoph, 1889 - 1976

[3] Auszug aus Zusammenfassung von http://movies.uip.de/truman-show/epk/index.html

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638435949
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46395
Institution / Hochschule
Universität Basel
Note
1,5
Schlagworte
Wahrnehmung Wirklichkeit Medien

Autor

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Titel: Über die Wahrnehmung von Wirklichkeit und die Wirklichkeit der Medien