Lade Inhalt...

Die politische Lyrik Walthers von der Vogelweide. Papst- und Kirchenkritik im "Unmutston"

Hausarbeit 2019 15 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politik als zentrales Thema in den Sangsprüchen Walthers von der Vogelweide
2.1. Die Politische Lyrik des Mittelhochdeutschen
2.2. Der „Unmutston“ als politische Lyrik
2.3. Manifestierung der Papst- und Kirchenkritik im „Unmutston“

3. Der Gebrauch von Ironie als sprachliches Mittel der Kritik
3.1. Ironische Sprachverwendung
3.2. Ironische papst- und kirchenkritische Äußerungen Walthers im „Unmutston“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Walther von der Vogelweide, einer der bekanntesten und bedeutendsten Lyriker des Mittel- alters, gilt als schärfster Kritiker der römischen Kirche vor Luther. Bedenkt man hierbei, dass Luther aufgrund seiner kirchenkritischen Thesen, die sich auf den Ablasshandel bezie- hen, für vogelfrei erklärt wurde, sodass er ins Exil gehen musste, stellt sich die Frage, wie Walther seine Dichtungen überleben konnte. Kritisch äußert sich dieser vor allem über die Reichs- und Kirchenpolitik und wird aufgrund seiner stark politisch angehauchten Lyrik als Polemiker bzw. „politische[r] Agitator“ 1 rezipiert. Zu den bekanntesten politischen Dich- tungen Walthers von der Vogelweide gehört der „Unmutston“, dessen Strophen und insbe- sondere die Opferstockstrophen, gegen die Kirche und den Papst polemisieren. Hierbei be- dient sich Walther besonders des Stilmittels der Ironie zum Zweck der Entlarvung. Diese Ironie, welche von „unten nach oben gerichtet ist“, wie Althoff betont, werde in literari- schen Dichtungen nur sehr selten verwendet, da „dergestalt gegen die Rangordnung zu agie- ren, […] wohl zu gefahrvoll [war].“ 2

Im Rahmen dieser Arbeit soll nachgewiesen werden, dass der „Unmutston“ Walthers von der Vogelweide, welcher als einer der politischsten Töne des Sangspruchdichters gilt, Papst Innozenz den III. sowie die römische Kirche durch die Bezichtigung verschiedener Vergehen, die im Christentum als hochgradig sündhaft angesehen werden, kritisiert. Weiter- hin wird argumentiert, dass besonders das Stilmittel der Ironie einen großen Stellenwert in der Kritik Walthers einnimmt.

2. Politik als zentrales Thema in den Sangsprüchen Walthers von der Vogelweide

Neben Lebens- und Hoflehre, Religiosität sowie der Fahrendenexistenz ist die Politik ein zentraler Schwerpunkt der Sangsprüche Walthers von der Vogelweide. Dabei bezieht sich seine politische Lyrik inhaltlich auf zwei Themenschwerpunkte: „Reichsangelegenheiten und kirchliche Belange“ 3, wobei Letztere sowohl die Institution Kirche als auch den Klerus und den Papst umfassen. Da der „Unmutston“ Forschungsgegenstand dieser Arbeit ist, liegt der Fokus ausschließlich auf der Kirchenpolitik, welche von Walther, wie die Analyse in Kapitel 2.3. zeigt, scharf kritisiert wird. Burdach geht sogar so weit, die in diesem Ton ent- haltenen antiklerikalen Sangspruchstrophen als „Kriegssprüche gegen Rom und die römi- sche Klerisei“ 4 zu bezeichnen.

Um eine Grundlage für die nachfolgende Analyse zu schaffen, wird zunächst geklärt, was im literaturwissenschaftlichen Sprachgebrauch unter dem Terminus ‚politische Lyrik‘ ver- standen wird sowie deren zentrale Merkmale im „Unmutston“ untersucht. Im Anschluss wird gezeigt, wie sich die Papst- und Kirchenkritik in diesem Ton Walthers von der Vogel- weide manifestiert, wobei auf die verschiedenen Strophen eingegangen wird.

2.1. Politische Lyrik des Mittelhochdeutschen

Die Definition des Terminus ‚politische Lyrik‘ sowie die Zuschreibung zentraler, übergrei- fender Merkmale gestalten sich in der Literaturwissenschaft als problematisch, da „das Mit- telhochdeutsche […] weder einen Begriff für ‚Lyrik‘ noch für ‚politisch‘ [kennt]“, weil es damals noch keine „systematische Poetik“ gab. Somit handelt es sich bei dem „Terminus ‚politische Lyrik‘ [um] eine Schöpfung der Literaturwissenschaft.“ 5

Mitunter werde sogar gänzlich auf eine Definition „notgedrungen verzichtet“ 6 , entgegen der Notwendigkeit einer solchen, da man Padberg zufolge unmöglich eine gewisse Unschärfe und Willkür vermeiden könne.7 Trotz dessen gelingt es Müller, zentrale Merkmale politi- scher Lyrik herauszuarbeiten. Zu allererst müsse politische Lyrik „eine politische Tendenz der Gegenwart [verfolgen], indem sie zu bestimmten Ereignissen Stellung [nimmt], die so- zial[e] Verhältnisse besprechen [und] gewisse Zustände schildern“ 8 , wobei diese Tendenz, die politische Meinung, welche vertreten wird, eindeutig sein muss. Weiterhin sei es von enormer Wichtigkeit, dass damit eine Wertung einhergehe, wobei „aktuelle und bestimmte Ereignisse, Probleme, Orte und Personen der geistlichen und weltlichen Macht“ 9 einer

Beurteilung unterzogen werden. Hierbei besteht zum einen die Notwendigkeit der Aktuali- tät, was bedeutet, dass ein „Gegenwartsbezug“ 10 gegeben sein muss, da politische Lyrik wirken soll, um „Meinungen [ zu] verändern, Propaganda [zu] betreiben [und] politische Vorgänge [zu] beschleunigen oder auf[zu]halten“ 11 und zum anderen, dass „Personen und Ereignisse beim Namen genannt werden“ 12 , da politische Lyrik immer konkret ist.

2.2. Der Unmutston als politische Lyrik

Die Strophen des „Unmutstons“, welche „überwiegend kritisch-polemisch ausgerichtet sind“ 13, wenden sich nach Brunner „mit treffsicherer Aggressivität gegen die Politik der Kirche“ 14 und haben somit eine antiklerikale Tendenz. Der Gegenwartsbezug wird herge- stellt, indem Walther sich auf bestimmte aktuelle Ereignisse der Zeit bezieht und sowohl diese, als auch die daran beteiligten Akteure namentlich benennt.

Im Fokus der Kritik Walthers von der Vogelweide steht besonders Papst Innozenz III., wel- cher „sich als Anführer der Christenheit und oberster Herrscher der christlichen Welt“ 15 betrachte und Padberg zufolge „als einer der mächtigsten Päpste im Mittelalter gelten“ dürfe16. Jedoch wurde ihm vermehrt unterstellt, dass er sein „Amt zu einer Art Weltherrschaft ausbauen woll[e]“ 17 , indem er die Macht seines Amtes ausnutzt und die Bevölkerung aus- beutet. In diesem Zusammenhang wird ebenfalls „die im April 1213 ergangene Opferstock- verordnung [als] Finanzierungsmaßnahme für den Fünften Kreuzzug“ 18 durch Papst Inno- zenz von Walther stark kritisiert.

Da politische Lyrik wirken soll, stellt sich nun die Frage, ob dies beim „Unmutston“ der Fall ist. Hierbei muss angemerkt werden, dass dies in der Literaturwissenschaft noch diskutiert wird, da keine objektiven Beweise vorliegen. Aus Thomasins „Welschen Gast“ geht jedoch hervor, dass besonders die Opferstockstrophen Wirkung gezeigt haben sollen. Dieser be- zeichnet Walther darin als „‘ehrenwerte[n] Mann‘, […] der Tausende verführt [haben soll], so daß sie der Weisung Gottes und des Papstes nicht nachgekommen sind“ 19 , also keine finanziellen Mittel zur Unterstützung des Kreuzzuges beitrugen.

2.3. Manifestierung der Papst- und Kirchenkritik im Unmutston

Bei den thematischen Schwerpunkten der „antikurialen und antiklerikalen Sprüche im ‚Un- mutston‘“ 20 handelt es sich sowohl um den Papst als auch die Kirche und den Klerus, wobei ihnen sündhafte Schandtaten vorgeworfen werden: „Simonie (Ämterkauf), Veruntreuung von Opfergeldern, ausschweifender Lebenswandel, Unehrlichkeit, Doppelzüngigkeit und Betrügereien“ 21, wie im Folgenden anhand einzelner Strophen des „Unmutstons“ dargelegt werden wird.

Gleich zu Beginn der Strophe L 33,21 kritisiert Walther den Zustand der römischen Kirche unter Papst Innozenz III., indem er sagt: „Der stuol ze Rôme ist nû <alrêst> berihtet rehte, als hie vor bî einem zouberaere Gêrbrehte“ 22 und damit den Papst mit dem Zauberer Gerbrecht vergleicht. Hierbei bedient er sich der Gerbrechtsage, nach welcher dieser, „der als Silvester II. von 999 bis 1003 den päpstlichen Stuhl innehatte […], ein Bündnis [mit dem Teufel]“ 23 eingegangen sei. Während Walther Gerbrecht gleich darauf zugesteht, lediglich sein eigenes Leben der Verderbnis geweiht zu haben, sagt er über Innozenz III.: „sô will sich dirre und alle kristenheit ze valle geben“ (L 33,21) und unterstellt ihm damit, dass dieser den Untergang des gesamten Christentums zu verantworten habe, wobei er „sich und die Welt zugrunde [richte].“ 24 Dieser direkte Vergleich mit Gerbrecht, welcher angeblich in Verbindung mit dem Teufel gestanden habe, impliziert weiterhin, dass auch Innozenz III. ein „Verbündete[r] des Teufels“ und somit ebenfalls der Zauberkunst bewandert sei.

[...]


1 Brunner, Horst und Sigrid Neureiter-Lackner. Walther von der Vogelweide. Epoche - Werk - Wirkung. Mün- chen: Beck 2009. S. 178.

2 Althoff, Herd und Christel Meier: Ironie im Mittelalter. Hermeneutik – Dichtung – Politik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2011. S. 94-95.

3 Padberg, Susanne: Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet. Walthers Kirchenkritik im Unmutston. Bochum: Verlag für Wissenschaft und Kunst GbR Herne 1997. S. 16.

4 Burdach, Konrad: Der Kampf Walthers von der Vogelweide gegen Innozenz III. und gegen das vierte La- teranische Konzil. In: Zeitschrift für Kirchengeschichte 55, 1936. S. 484.

5 Padberg, Susanne: Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet. Walthers Kirchenkritik im Unmutston. Bo- chum: Verlag für Wissenschaft und Kunst GbR Herne 1997. S. 14.

6 Ehnert, Rolf: Möglichkeiten politischer Lyrik im Hochmittelalter. Bertran de Born und Walther von der Vogelweide. Bern: Herbert Lang 1976. S.1.

7 Vgl. Padberg, Susanne: Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet. Walthers Kirchenkritik im Unmutston. Bochum: Verlag für Wissenschaft und Kunst GbR Herne 1997. S.15.

8 Müller, Ulrich: Untersuchungen zur politischen Lyrik des deutschen Mittelalters. Göppingen: Kümmerle 1974. S. 7.

9 Ebd. S. 8.

10 Müller, Ulrich: Untersuchungen zur politischen Lyrik des deutschen Mittelalters. Göppingen: Kümmerle 1974. S. 6.

11 Padberg, Susanne: Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet. Walthers Kirchenkritik im Unmutston. Bo- chum: Verlag für Wissenschaft und Kunst GbR Herne 1997. S.16.

12 Müller, Ulrich: Untersuchungen zur politischen Lyrik des deutschen Mittelalters. Göppingen: Kümmerle 1974. S. 8.

13 Scholz, Manfred Günther: Walther von der Vogelweide. 2. Auflage. Stuttgart: Metzler 2005. S. 79.

14 Brunner, Horst und Sigrid Neureiter-Lackner. Walther von der Vogelweide. Epoche - Werk - Wirkung. München: Beck 2009. S. 174.

15 Padberg, Susanne: Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet. Walthers Kirchenkritik im Unmutston. Bochum: Verlag für Wissenschaft und Kunst GbR Herne 1997. S. 48.

16 Ebd. S. 47.

17 Jedin, Hubert: Handbuch der Kirchengeschichte. Band 3: Die mittelalterliche Kirche. Vom kirchlichen Frühmittelalter zur gregorianischen Reform. Freiburg, Basel und Wien: Herder 1968. S. 176.

18 Padberg, Susanne: Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet. Walthers Kirchenkritik im Unmutston. Bo- chum: Verlag für Wissenschaft und Kunst GbR Herne 1997. S. 228.

19 Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide. Göppingen: Kümmerle Verlag 1993. S. 184.

20 Brunner, Horst und Sigrid Neureiter-Lackner. Walther von der Vogelweide. Epoche - Werk - Wirkung. München: Beck 2009. S. 174.

21 Cormeau, Christoph: Walther von der Vogelweide. Leich, Lieder Sangsprüche. Berlin: de Gruyter 1996. S. 64. Im Folgenden wird dieser Text unter Angabe der Strophe L zitiert.

22 Nix, Matthias: Untersuchungen zur Funktion der politischen Spruchdichtung Walthers von der Vogelweide. Göppingen: Kümmerle Verlag 1993. S. 205.

23 Neumann, Friedrich: Walther von der Vogelweide und das Reich. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 1 (1923) S. 522.

24 Padberg, Susanne: Ahî wie kristenlîche nû der bâbest lachet. Walthers Kirchenkritik im Unmutston. Bo- chum: Verlag für Wissenschaft und Kunst GbR Herne 1997. S. 174.

Details

Seiten
15
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783668920965
ISBN (Buch)
9783668920972
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463606
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Schlagworte
lyrik walthers vogelweide papst- kirchenkritik unmutston

Autor

Zurück

Titel: Die politische Lyrik Walthers von der Vogelweide. Papst- und Kirchenkritik im "Unmutston"