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Arthurische Pferde. Der Ritter auf dem Prüfstand

Risse der symbiotischen Einheit von Reiter und Pferd in der Artusepik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 32 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die mittelalterliche Artus-Epik

3. Ritter und Pferde
3.1 Symbiose
3.2 Pferdeverlust

4. Textstellen
4.1 Erec und der getwerc
4.2 Iwein und Kalogrenant
4.3 Gawan und Gringuljete
4.4 Parzival – wild und unerfahren
4.5 Tristan, der Drache und der herrliche Ritter zu Pferd

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

König Artus – kaum eine andere Sagengestalt wird mit so vielen Mythen in Verbindung gebracht wie er. Dabei spielt er in den Werken, die zur Artusepik zählen, selten eine große Rolle. Es sind Erzählungen über die Ritter, die würdig genug waren, an seiner legendären Tafelrunde Platz zu nehmen. Seine Burg Camelot oder der Ort Avalon stehen für die in der Literatur besonders idealisierte höfische Welt und Ritterzeit mit dem nahezu perfekten Herrscher Artus. Daneben ist natürlich auch noch Artus' Schwert Excalibur zu nennen, welches wiederum unweigerlich mit dem legendären Zauberer Merlin in Verbindung steht. Der Stoff dieser Sage hat eine lange Tradition in Europa und wurde auf viele verschiedene Weisen adaptiert.

Im Fokus dieser Arbeit werden allerdings seine Tafelritter stehen. Die mittelalterliche Artusepik erzählt die Geschichte von mutigen Helden und ritterlichem Verhalten. Auf dem Weg ihrer Entwicklung werden die Ritter der Tafelrunde dabei immer wieder vor Probleme gestellt, deren souveräne Lösung ein gesteigertes Ansehen zur Folge haben wird und der charakterlichen Weiterbildung dient. Allerdings können diese Aufgaben situationsbedingt schwierig zu erledigen sein, wenn die Ritter in einem ungünstigen Moment mit ihnen konfrontiert werden. In dieser Arbeit soll der Fokus auf die Rolle des Pferdes als signifikante und identitätsstiftende Einheit gelegt werden.

In diesem Zusammenhang soll daher der Frage nachgegangen werden, wie ein Ritter handelt, wenn die Einheit aus Ritter und Pferd nicht eingesetzt werden kann. Dafür werden exemplarisch verschiedene Werke aus der Artusepik untersucht, um ein möglichst breites Spektrum an Untersuchungsmöglichkeiten zu bieten. Dabei soll auch die These überprüft werden, ob ein Ritter ohne Pferd schwach und überfordert ist.

Dazu wird in einem ersten Schritt der mittelalterliche Artusroman vorgestellt und wie er sich entwickelt hat. Ebenso wird ein kurzer Blick in verschiedene Epen geworfen und diese hinsichtlich ihrer Besonderheiten vorgestellt, die sich auch mit der künstlerischen Freiheit der Autoren befassen. Im Anschluss folgt eine Zusammenstellung der Entwicklung von Rittern und Pferden im Mittelalter und deren Auseinandersetzung zwischen der symbiotischen Beziehung und der Tragik des Pferdeverlustes. Danach werden verschiedene Textstellen, in denen die Ritter Situationen ohne ihr Pferd lösen müssen, analysiert. Dabei werden verschiedene Arten des Pferdeverlustes festgestellt und die individuellen Strategien untersucht. Zu vorgefundenen Positionen in der Sekundärliteratur wird Stellung genommen und versucht, diese einzuordnen. Danach findet im Fazit die Bewertung der Analyse statt, in der auch die Fragestellung beantwortet und die These überprüft werden. Abschließend wird ein Fazit gezogen, an dass sich ein Ausblick anschließt.

2. Die mittelalterlichen Artusromane

Als Chrétien de Troyes im 12. Jahrhundert den mittelalterlichen Artusroman begründete schuf er damit auch den höfischen Roman. Ihm ist es zu verdanken, dass „aus dem pseudohistorischen Arthurstoff die Zauberwelt der eigentlichen Artusdichtung“1 geworden ist. Sein Geschick, eine neue Welt zu erschaffen und ihre Möglichkeiten mit dem historischen Stoff in diesem Maße auszuschöpfen, hat Chrétien de Troyes in diese Position gehoben.2 Mit seinen Romanen wie Erec et Enide, Yvain, Lancelot oder auch Perceval 3 kreierte er die Welt um die Sagengestalt König Artus in seiner Burg Camelot und den Rittern der Tafelrunde.

Auf den Ursprung des Artusstoffes als keltisch-britische Geschichte von Geoffrey of Monmouth soll hier mit Blick auf die zu beantwortende Frage verzichtet werden.4

Der Erfolg und die Wirkkraft von Chrétiens Romanen zeigt sich auch in der wahrscheinlich noch zu seinen Lebzeiten beginnenden Adaption in das Mittelhochdeutsche. Bis in die heutige Zeit finden wir verschiedene Adaptionen bezüglich König Artus, des heiligen Grals, der Tafelrunde, des Zauberers Merlin, dem Schwert Excalibur oder der Burg Camelot 5, die ohne den zentralen Akteur Chrétien in diesem Ausmaße wohl nicht möglich gewesen wären.

Im Gebiet des heutigen Deutschland waren es Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach oder auch Gottfried von Strassburg, die durch ihre Übersetzungen und Texte im Bereich der Artusepik in Erscheinung traten.

Die Welt um König Artus und seine Ritter der Tafelrunde zeichnet sich durch ein idealisiertes und romantisches Bild der damaligen höfischen Welt aus. Damit sprechen Chrétien und auch die deutschen Verfasser von Artusepiken die Vorstellungskraft der damaligen Bevölkerung an. Denn der Mensch hat „von jeher das Bedürfnis [sich] […], das Idealbild dessen, was in der Gegenwart erstrebt wird, schon in ferner Vergangenheit als verwirklicht [...] vorzustellen“.6

Dabei ist die romantische Verklärung der Handlung zu Idealbildern nicht alleine Idee und Gedankengut der Autoren gewesen. Verschiedene Quellen werden dahingehend verstanden und untersucht, dass einflussreiche Gönner Auftragsarbeiten bestellten, oder dass die Erzählungen primär an die Herrschenden, die Könige und Fürsten, gerichtet waren.7

Hartmann von Aues Erec beruht auf Chrétiens Erec et Enide, wobei von Aue die Schwerpunkte anders setzt und sich die Geschichte von der französischen Vorlage stark unterscheidet. Da der Erec der erste höfische Roman seiner Art war, musste der Stoff ausführlich erklärt und beschrieben werden.

Nachdem der Ritter Erec durch den Peitschenhieb eines Zwerges im Beisein seiner Königin entehrt wurde, versucht er durch âventiure seine Ehre wieder herzustellen. In diesem Verlauf heiratet er, vergisst allerdings im Anschluss seine ritterlichen Pflichten durch sein verligen und ist abermals in âventiuren, um seine Ehre wieder herzustellen. In der vorliegenden Arbeit soll dabei auf die Szene mit der Entehrung durch den Zwerg eingegangen werden.

Iwein wurde von Hartmann von Aue zeitlich nach dem Erec adaptiert. Er konzentriert sich stärker am ursprünglichen Yvain Chrétiens 8 und fügt weniger Szenen mit rein erklärendem Charakter hinzu. Dadurch kommen die vielen märchenhaften Motive des ursprünglich aus dem Keltischen stammenden Stoffes besonders zur Geltung.9

„Der Stil der Bearbeitung zeigt, daß sich der Dichter durch seine Arbeit am ,Erec' in die weltliche Ausrichtung des Artusromans eingewöhnt hat, daß er grundsätzlich seiner Vorlage vertraut und auch bei seinem Publikum die Vertrautheit mit den Erzählungen von König Artus voraussetzt“10

Iwein erfährt von Kalogreants misslungener âventiure und löst diese im Alleingang. Er befürchtete, dass nach der Ankündigung König Artus, in zwei Wochen gemeinsam zum Ort der âventiure aufzubrechen, er nicht der Ritter sein wird, den König Artus für den entscheidenden Kampf auswählen wird. Währenddessen findet die Hochzeit mit Laudine statt. Kurz nach der Hochzeit bricht Iwein auf eine Turnierfahrt auf, gibt Laudine vorher jedoch das Versprechen innerhalb von Jahr und Tag zu ihr zurückzukehren. Iwein kehrt zu spät zurück und wird öffentlich von seiner Frau angeklagt, woraufhin er seine Ehre verliert, sich in den Wald zurückzieht und als Wilder lebt. Die Thematisierung der unbedingten Konsequenz von rechtlichen Fristen erscheint wie eine Orientierungshilfe für die damalige Bevölkerung und wird auch an anderen Stellen vermehrt beschrieben. 11

Auf seinem Weg zurück zu Hof besiegt er einen Drachen, um einen Löwen zu retten, der ihm fortan treu zur Seite steht und ihm zu dem Beinamen Löwenritter verhilft. Durch weitere âventiuren gelangt Iwen am Ende zu seiner Frau Laudine zurück.

Für die Hausarbeit wird die Episode von Kalogreant und Iweins Reaktion darauf genauer untersucht werden.

In Wolfram von Eschenbachs Parzival, der im Vergleich zu seiner französischen Vorlage deutlich umfangreicher ist und um viele Passagen erweitert wurde, wird auch die Geschichte des Ritters Gawan erzählt. Insgesamt dient Chrétiens Vorlage nur in Teilen als grobe Handlungsorientierung und ist somit sehr frei verfasst. Durch die Konzentration auf das Thema heiliger Gral finden viele Motive Anwendung auf Fragen der Existenz, des Glaubens oder der Religion.

Die Handlung begleitet zum einen den anfangs noch tölpelhaften Parzival auf seinen âventiuren, in denen er nicht immer glücklich agiert. Das Werk zeichnet dennoch eine Entwicklung Parzivals, die final sogar in der Gralsherrschaft mündet. Parallel dazu werden die âventiuren des schon zu Beginn ehrenhaften Ritters Gawan geschildert, der sich im Vergleich zu Parzival deutlich erfolgreicher zeigt. Für die Arbeit von Interesse ist eine Szene von Gawan mit seinem Pferd Gringuljete und eine Szene über Parzivals Mord an Ither. Seine Motive und Bestrebungen sollen dabei eingefangen werden.

Etwas problematisch ist die Einordnung von Gottfried von Strassburgs Tristan in den Bereich der Artusepik. Da die Artusromane eindeutig auf Chrétien zurückzuführen sind, kann Tristan definitiv nicht zu den klassischen Vertretern gezählt werden. Während man in den Artusromanen die idealisierte und märchenhafte Welt vorfindet, in der Tugend, Ehre und Gerechtigkeit vorherrschen oder angestrebt werden, scheint das Gesellschaftsbild in Tristan negativer beschaffen zu sein. 12 Daneben ist von Strassburgs Tristan-Variante eine kommentierte Ausgabe, die zum Werk dazugehört. Besonders schwerwiegend gegen eine Einordnung des Tristan in die Artusepik wiegt die nicht vorhandene Doppelwegstruktur. Das Erlangen und der zeitweise Verlust von ritterlichen Tugenden machen den Helden des Werkes erst zu einem erfolgreichen Ritter mit gestandener Ehre. 13 Gerade diese Doppelwegstruktur wird in den klassischen Artusromanen nach neueren Forschungen nicht unterstützt, da sie nicht ohne Abstriche angewendet werden kann.14 Eine ausführliche Diskussion zu diesem Konflikt soll an dieser Stelle nicht stattfinden, da diese Einordnung den Fokus von der eigentlichen Frage abwenden würde. Zur Positionierung sei an dieser Stelle jedoch kurz angemerkt, dass eine Struktur, die sich nur eingeschränkt auf die betreffenden Werke anwenden lässt, keinen Anspruch auf Generalisierung erheben kann, wenn eindeutige Grenzen nicht zu ziehen sind.15 Es gibt auf der anderen Seite auch viele Forschungen, die eine enge Verknüpfung zwischen dem Artusstoff und Tristan herstellen16. Entscheidend für die Einordnung des Tristan als zumindest Artus-verwandter Stoff liefert eine Erwähnung König Artus in von Strassburgs Text, als dieser in eigenen Kommentaren auf eine situative Ähnlichkeit zwischen den aktuellen Geschehnissen in Tristan mit einer Situation aus Artus und seiner Tafelrunde vergleicht. 17 T ristan, der mit seinen Gefühlen hadert und dessen Ende offen gestaltet ist, erlebt während seiner âventiuren eine Episode mit einem Drachen und einmal mit einem Riesen, bei denen sein Pferd jeweils umkommt. Für die Arbeit ist es interessant zu analysieren, wie sich dies auf sein Verhalten auswirkt.

3. Ritter und Pferde

Die Welt der Ritter war die Welt des Hofes. Im Hof selbst stieg der Ritter von seinem Ross und gab es in die Obhut der Stallknechte, die sich um es kümmerten. Daneben war die Welt des Ritters aber auch direkt mit der unhöfischen Welt verbunden, denn in dieser Welt wurden âventiuren gemeistert sowie Ehre und Ritterlichkeit unter Beweis gestellt. Allerdings gibt es einen erheblichen Unterschied zwischen dem Ritter, wie er in den mittelalterlichen Heldenepen erzeugt wurde, und dem eigentlichen, historischen Ritter.

Die ersten Ritter waren die fränkischen Panzerreiter unter Karl Martell.18 Sie dienten damals als Ergänzung der großen Heere an Fußsoldaten und repräsentierten einen eher niedrigen sozialen Stand.19 Auch unterschieden sie sich in ihrem Verhältnis zu den Herrschern nicht von den Fußsoldaten und waren vor allem in ihrer Anfangszeit nicht mit adeligem Personal besetzt.20 Die Panzerreiter zeichnete aus, dass neben dem Reiter auch das Tier eine Panzerung bekam. Auch in den literarischen tjosten waren Ritter und Pferd geschützt.21

Abgeleitet vom lateinischen Wort , eques; miles ' bedeutet das Wort , rîter ' nichts anderes als ,Reiter', was die besondere Stellung des Pferdes für den Ritter erklärt. 22 Einen Wandel durchlebte das Rittertum durch das Adjektiv ,ritterlich', welches in keinem kriegerischen oder militärischen Zusammenhang mehr stehen musste. An ihm orientieren sich Eigenschaftsbezeichnungen, die die literarischen Rittertugenden widerspiegeln. In den Anfangszeiten waren das vor allem die Bezeichnungen ,schön' oder ,stattlich', beispielsweise für Gewänder und andere Kleidungsstücke.23 Die Geschichte des Rittertums ist also unmittelbar mit dem Pferd verbunden24 und wird in der Literatur besonders durch die Tugenden ausgelebt, die mit ,ritterlich' assoziiert werden. Diese Tugenden waren nicht niedergeschrieben, sondern waren die Einhaltung verschiedener Wertevorstellungen, die sich vor allem auf christliche Motive und Weltoffenheit bezogen. In ihrer idealisierten Form und mit Blick auf den höfischen Ursprung galt ihre Einhaltung und Erfüllung als ein Zeichen besonderer Rechtschaffenheit. Mit Blick auf die Literatur lassen sich insbesondere die Minne, Tapferkeit, Demut und höfliches Auftreten als Handlungsmaximen erkennen.

Die historischen Panzerreiter entwickeln sich mit der Zeit zu einer elitären Gruppe, 25 was nicht zuletzt an den Kreuzrittern festgestellt werden kann. Auch entwickelte sich das Reiten auf einem geschmückten oder verzierten Pferd zu einem Symbol höfischen Lebens und Herkunft, womit insbesondere der Adel gemeint sein dürfte.26

Und nicht nur der Ritterbegriff wurde in seiner Tragkraft erweitert. Auch das Pferd erlebt verstärkt eine neue Rolle: „Kraft, Schönheit, Stolz, Schnelligkeit, Mut und Zorn: Ein ganzes Ensemble feudaler Tugenden wird auf das Pferd projiziert.“27 Im klassischen Sinne waren Pferde vor allem Transporttiere und halfen bei der Verfolgung während einer Jagd.28 Dies wiederum hat Einfluss auf das Verhältnis von Mensch und Tier in ihrem Zusammenspiel. Je nach Kulturstufe gibt es unterschiedliche „Konfigurationen von Mensch, Tier und Technik.“29 Ergibt sich aus dieser Trias für einen Bauer, dass er einen Ochsen sowie einen Pflug benötigt, lässt sich auch ein militärisches Gefüge aus Ritter, Lanze und Pferd seit dem Frühmittelalter erkennen.30

Es gibt also durchaus Unterschiede in der ritterlichen Welt am literarischen Hof und den historischen Bauern, die nebenher für ihre Herren als Soldaten, beritten oder zu Fuß, in die Schlacht ziehen mussten. Es ist aber nicht zu übersehen, dass Ritter und Pferd eine enge Verbindung miteinander haben und sich sogar erst durch ihr gemeinsames Auftreten in ihrer Funktion wahrnehmen können.

Nun soll auf zwei Formen von Rittern und Pferden eingegangen werden. Da wäre zum einen die Symbiose zwischen Reiter und Pferd, die schon in der Anfangszeit des Ritters entscheidend war, sowie die Verhaltensweisen des Ritters, nachdem ihm sein Pferd, welches ihn erst zum Ritter gemacht hat, abhanden gekommen ist.

3.1 Symbiose

Was wäre der Ritter ohne sein Ross? In der Artusepik zeigt sich die Verbindung von Reiter und Pferd zum Beispiel mit Bezeichnungen wie dem ,roten Ritter'. Damit ist nicht alleine der Reiter gemeint, sondern auch das Pferd und die Farbe ihrer Rüstungen und Panzerungen. Hier verschmelzen beide zu einer roten Kampfmaschine und treten so als Einheit auf.31

Ein Pferd reflektiert auch oft die Verhaltensweisen seines Besitzers und kann stellvertretend für gute oder schlechte Phasen stehen. So kann der Ritt eines Ritters auf einem krummen und kaputten Pferd demütigend wirken, da sie in ihrer Symbiose als unbeholfenes Duo auftreten und so kein beeindruckendes Bild abgeben, sondern eher lächerlich wirken.32

Die Symbiose zwischen Pferd und Reiter ist vor allem in der höfischen Etikette von großer Bedeutung. In einigen Werken haben Pferde keine besondere Beziehung zu ihren Besitzern und dienen ihnen nur als Mittel zum Zweck, sei es als Transportmittel oder als Grundbedingung zum Auftreten als Ritter, zum Beispiel bei einem tjost. So müssen sie

„[...] der höfischen Etikette gemäss auf die armen Rosse Rücksicht nehmen. Doch ist nicht etwa der Respekt vor dem Leben des Tieres, sondern die Furcht, einen Formfehler zu begehen, massgebend. Ein persönliches Verhältnis zwischen Ross und Reiter lässt sich an keiner Stelle dieses Epos feststellen, nur die geforderte Parallelität, die wenigstens auf eine symbolische Verbindung hindeutet. Letztere aber erklärt, warum beispielsweise das Vom-Pferd-Gestossen-Werden im Kampf als grobe Entehrung verstanden werden muss.“33

Diese Entehrung wiederum hängt eng mit den ritterlichen Tugenden zusammen. Ein Ritter verliert damit nicht nur sein Pferd, sondern ist meist auch gezwungen, die schwere Rüstung abzulegen. Aus dem eindrucksvollen, gepanzerten und bewaffneten Krieger hoch über den Köpfen der Menschen ist somit ein augenscheinlich einfacher Mann geworden. „Der Sturz des Pferdes zerstört die Einheit von Reiter und Pferd, die ein Zusammenspiel von Natur und Geist bezeichnet.“34

3.2 Pferdeverlust

Ganz basal ist ein Ritter nicht mehr in der Lage, sein ganzes Potenzial und Arsenal auszuschöpfen, wenn sein Pferd nicht mehr bei ihm ist. Das beginnt bei seiner schwerfälligen Rüstung, die im Fußkampf einen Nachteil darstellen kann, aber nicht muss.35 Grundsätzlich wird der Verlust des ritterlichen Schlachtrosses mit einem Ehrverlust gleichgesetzt.36 Mit diesem wird aber je nach Situation vollkommen verschieden umgegangen, wie die Textstellen zeigen werden.

Ein Pferd kann auf ehrenvolle Weise während eines Kampfes verloren gehen, da es zum Beispiel getötet wurde. Es gibt allerdings auch viele unehrenhafte Arten, ein Pferd einzubüßen, da wäre zum Beispiel der Fall

„Einen ebenbürtigen Gegner aus dem Sattel zu werfen und dann sein Pferd fortzuführen, entehrt ihn, weil der Verlust des Pferdes zum Ablegen der […] Rüstung zwingt, die zu Fuß kaum getragen werden kann.“37

Ohnehin wirkt ein Ritter ohne sein Pferd nicht mehr so besonders auf seine Umgebung, da er sich äußerlich, oder auch durch seine Höhe, von dieser nicht mehr so absetzt. Diese Momente fordern die Ritterlichkeit heraus. Aus diesem Grund dienen âventiuren oft der Wiederherstellung der eigenen Ehre, die zum Beispiel durch eine Niederlage, bei dem das Pferd fehlte oder nicht gewohnt eingesetzt werden konnte, entstanden ist.

Der Punkt ,Ritter zu Fuß' ist ebenfalls von Belang. „Das Zufußgehen tangiert das ritterliche [Selbstbewusstsein] schmerzlich, da der Ritter sich als Reiter versteht.“38 Die folgenden Textstellen befassen sich mit den Reaktionen der Ritter in Situationen, in denen die signifikante Einheit Ritter und Reiter nicht gewohnt eingesetzt werden konnte und der Ritter so eines entscheidenden Vorteils beraubt wurde, der Aktivierung seiner Geschicklichkeit mit der physischen Gewalt seines Pferdes.

4. Textstellen

4.1 Erec und der getwerc

König Artus zieht mit seinen Jägern in den Wald zur Jagd. Königin Ginover folgt dem Trupp und wird von Hofdamen begleitet, Erec schließt sich ihnen an und wird im Text beschrieben: diz was Êrec fil de roi Lac, / der vrümekeit und sælden phlac .39 Auf ihrem Weg sehen sie einen Ritter, der von einem Zwerg und einer jungen Frau begleitet wird. Die Königin wollte wissen, wer der Ritter sei und Erec bot sich an und fragte Ginover, ob er'z ervarn solde. 40 Ginover schickte jedoch eine Hofdame vor:

[...]


1 Brogsitter, Karl Otto: Artusepik, S. 43.

2 Vgl. ebd. S.42.

3 Der Roman Parzival war Chrétiens letzter Roman und blieb unvollendet.

4 Vgl. Schirmer, Walter F.: Die frühen Darstellungen des Artusstoffes, S.8.

5 Zum Beispiel durch Mark Twains: Ein Yankee am Hofe des König Artus, in Film und Fernsehen oder weiteren Büchern, vor allem durch die Gralssuche.

6 Rall, Hans: Zeitgeschichtliche Züge im Vergangenheitsbild mittelalterlicher, namentlich mittellateinischer Schriftsteller, S.11.

7 Vgl. dazu Breulmann, Julia: Erzählstruktur und Hofkultur: 147-149 und auch Mertens, Volker: commencer und finir bei Chrétien de Troyes und die Poetik des arthurischen Romans: 225-227. So ist zum Beispiel Chrétiens Werk Lancelot nach eigener Widmung im Auftrag der Gräfin Marie de Champagne verfasst worden.

8 Vgl. Schmid, Elisabeth (2010): Chrétiens ,Yvain' und Hartmanns ,Iwein', S. 135f.

9 Vgl. Krauß, Miriam: Einfache und komplexe Nebenfiguren im Artusroman, S. 2.

10 Schmid, Elisabeth (2010): Chrétiens ,Yvain' und Hartmanns ,Iwein', S. 135.

11 Vgl. Weigand, Rudolf Kilian: Rechtsprobleme in den Erzählungen Hartmanns von Aue, S. 852.

12 Vgl. Huber, Christian: Gottfried von Strassburg. Tristan.

13 Vgl. zum Beispiel Müller, Jan-Dirk: Mediävistische Kulturwissenschaft. Ausgewählte Studien, S. 234.

14 Vgl. zum Beispiel Schmid, Elisabeth (1999): Weg mit dem Doppelweg. Wider eine Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung, S. 69–85.

15 Vgl. ebd, S. 69-85. Besonders das Ende des Parzival-Stoffs lässt sich nicht in Einklang mit der Doppelwegstruktur bringen.

16 Vgl. Mc Donald, William C.: Arthur and Tristan. On the Intersection of Legends in German Medieval Literature.

17 Vgl. Bach, Daniela: König Artus trifft Tristan und Isolde: Der Artushof in den mittelhochdeutschen Tristandichtungen, S. 14.

18 Fleckenstein, Josef (1995): Rittertum, Sp. 872f.

19 Vgl. Bumke, Joachim (1977): Studien zum Ritterbegriff im 12. und 13. Jahrhundert, S. 136f.

20 Vgl. Bumke, Joachim (1986): Höfische Kultur, S. 65.

21 Vgl. Oeser, Erhard: Pferd und Mensch: die Geschichte einer Beziehung, S. 77f.

22 Vgl. Fleckenstein, Josef (2002): Rittertum und ritterliche Welt, S. 175.

23 Vgl. Bumke, Joachim (1986): Höfische Kultur,, S. 65-68.

24 Bumke, Joachim (1977): Studien zum Ritterbegriff im 12. und 13. Jahrhundert: S.128f.

25 Vgl. Friedrich, Udo: Menschentier und Tiermensch, S. 230.

26 Vgl. ebd., S. 231.

27 Vgl. ebd., S. 235.

28 Borgards, Roland: Tiere. Kulturwissenschaftliches Handbuch, S. 113.

29 Friedrich, Udo: Menschentier und Tiermensch, S. 231.

30 Vgl. ebd.

31 Vgl. Friedrich, Udo: Menschentier und Tiermensch, S. 238.

32 Vgl., ebd., S. 239.

33 Lewis, Gertrud Jaron: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan, S. 59.

34 Ackermann-Arlt, Beate: Das Pferd und seine epische Funktion im mittelhochdeutschen „Prosa-Lancelot“, S. 265.

35 Vgl. Gottfried von Strassburg: Tristan 1 und 2, V. 8966-908 und V. 15963- 16074, als Tristan ohne Pferd gegen einen Drachen und einen Riesen siegreich bleibt.

36 Vgl. Lewis, Gertrud Jaron: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan, S. 59.

37 Ackermann-Arlt, Beate: Das Pferd und seine epische Funktion im mittelhochdeutschen „Prosa-Lancelot“, S. 262f.

38 Ebd., S. 262.

39 Hartmann von Aue: Erec, V. 2-3.

40 Ebd., V. 20.

Details

Seiten
32
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668922549
ISBN (Buch)
9783668922556
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463372
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Mediävistik Artus Artusepik Epik

Autor

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Titel: Arthurische Pferde. Der Ritter auf dem Prüfstand