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Der Geistertanz. Ein Krisenkult mit der Hoffnung auf Erlösung und Freiheit

Hausarbeit 2018 14 Seiten

Kulturwissenschaften - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Erster Geistertanz von 1870

3.Zweiter Geistertanz von 1890

4.Charakteristika der Geistertanzbewegung

5.Fazit

6.Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„My children, my children. The wind makes the head-feathers sing […]. When I met him approaching […] I then saw the multitude plainly. […] I take pity on those who have been taught, […] because they push on hard. Says our father […]. Father now I am singing it […]. That loudest song of all […]. That resounding song.” (Mooney, 1965, S.214ff)

So lauten einige Strophen aus dem Geistertanzlied der Arapaho, einem nordamerikani- schen Indianervolk (vgl. Mooney, 1965, S.214). „Dieses Lied […] bezieht sich auf eine Trance-Vision eines Tänzers, der den Messias an der Spitze der gesamten Geisterarmee vorrücken sah.“ (Hatoum, 1994, S.4). Der Geistertanz war ein religiöser Krisenkult, wel- cher ein letztes Aufbäumen der amerikanischen Ureinwohner gegen die Unterwerfung und Zerstörung der indianischen Lebensgrundlagen und Stammeskulturen innerhalb der USA darstellte.

Um das Jahr 1890 herum nahm in der Pine Ridge Gegend der Einfluss der spirituellen Bewegung des Geistertanzes überhand, weswegen sich die US-amerikanische Regierung Sorgen um die Folgen dessen machte.1 Die schnelle Verbreitung des Geistertanzes lag an den sehr schlechten Verhältnissen in den Reservate, ausgelöst durch die Landesüber- nahme und Gesetzesänderungen der US-amerikanischen Regierung (vgl. Hatoum, 1993, S.4). „Die Ursache dafür, daß der Geistertanz so schnell übernommen wurde, lag vor allem in der Hoffnung auf Vertreibung aller Nichtindianer (durch übernatürliche Kräfte) und auf die Rückkehr der Toten und Tiere, besonders der Büffel, deren plötzliches Ver- schwinden binnen weniger Jahre einer ganzen Kultur die Existenzgrundlage raubte. Es war, kurz gesagt, die Hoffnung auf die Wiederherstellung der „alten Lebensweise“ vor der europäischen Besiedlung“ (Ebd.). Ziel dieser Bewegung war die Erschaffung einer neuen gesellschaftlichen Form, welche durch eine übernatürliche Säuberung oder mittels Gewalt heraufbeschworen werden sollte (vgl. Mühlmann, 1964, S.54).

Nun stellt sich die Frage, wie genau die Geistertänze abliefen und welche Merkmale sie trugen. Wer hatte die Idee und wie verbreitete sich diese in den Reservaten? Wie sahen die Geistertanzbewegungen aus? Gab es bestimmte Charakteristika für die Bewegung und unterschieden sich diese in den zwei Geistertänzen?

In dieser Arbeit soll versucht werden, Antwort auf diese Fragen zu finden in Form einer Darstellung der Geistertänze von 1870 und 1890. So werden zunächst die beiden Geis- tertänze beschrieben und veranschaulicht. Dann werden die Charakteristika und Gemein- samkeiten bzw. Unterschiede der Geistertanzbewegungen zusammengefasst und im An- schluss in einem abschließenden Fazit noch einmal Stellung zu dem Geistertanz genom- men.

2. Erster Geistertanz von 1870

Der erste und auch weniger bekannte Geistertanz hatte seinen Ursprung in der Walker Lane Reservation, heute im Bundesstaat Nevada in der Nähe von Kalifornien bei dem Stamm der Paiute (vgl. Mooney, 1965, S.2ff). 1869 erlebte der als Seher und Prophet geltende Wodziwob (oder auch Tävibo) ein spirituelles Trance Erlebnis und begann die Vernichtung aller Nichtindianer zu predigen (Ebd.). Er prophezeite, dass die alten Zeiten und mit ihnen die indianische Lebensweise zurückkehren würden, sowie auch die Toten, welche versprachen, dass sich die Erde wieder in ein Paradies verwandeln sollte und die weißen Eroberer verschwinden würden. Des Weiteren prophezeite Wodziwob die Ver- nichtung aller Weißen durch ein großes Erdbeben, in dem alle Indianer und Nichtindianer verschluckt werden und aus dem nur die Indianer nach drei Tagen wieder auferstehen sollen (vgl. Mooney, 1965, S.661ff). Außerdem werden neben den Weißen auch alle Nichtindianer vernichtet, die nicht an seine Prophezeiung glauben (Ebd.).

“Our fathers are coming, our mothers are coming, they are coming pretty soon. You had better dance. Never stop for a long time. Swim. Paint in white and black and red paint. Every morning wash and paint. Everybody be happy.“ - Wodziwob 2

So lautet ein Teil der Predigt von Wodziwob, in der er berichtet, dass die Toten auf dem Weg sind und bald ankommen, und dass sich alle vorbereiten sollen, denn bald werden sie schon sehr glücklich sein.

Wodziwob übte den ersten Geistertanz um 1870 aus und wies seine Anhänger auf, nachts in einem Kreis zu tanzen. Das Ritual ähnelte älteren Traditionen der Paiute. Obwohl viele seiner Mitmenschen Angst vor dem Tot hatten, folgten sie seiner Führung, da sie aufgrund von Epidemien, Dürren und Kriegen viele ihrer Familienmitglieder verloren. Wodziwob prophezeite deren Rückkehr. Der erste Geistertanz verbreitete sich in der Gegend des Großen Beckens und verschwand in den umliegenden Reservaten nach einigen Jahren. Dennoch schufen viele Stämme ihre eigenen Elemente und Interpretationen des Tanzes, und die ursprüngliche Prophezeiung wurde mit deren Verbreitung durch andere ergänzt. Die Rückkehr der Toten traf jedoch nie ein und der erste Geistertanz endete somit im Jahre 1872.2

Michael Hittman schrieb 1973, dass drei Funktionen des Geistertanzes von 1870 zu er- kennen sind (vgl. Jorgensen, 1986, S.660ff). Als erste Funktion sieht er die Zeremonie als einen Heilritus an, da Wodziwob behauptete, dass durch die Ausführung des Geister- tanzes die verstorbenen Familienmitglieder zurückkehren würden. Als zweite Funktion sieht Hittman die zunehmenden Nahrungsriten, welche schon immer Grund für die zir- kelartigen Tänze waren. Die dritte Funktion des Geistertanzes von 1870 waren die Trau- erriten, was bedeutet, dass Wodziwob den sogenannten „Cry Dance“ einführte, welcher von den Fish Lake Valley Paiute stammte. So führte Wodziwob den „Round Dance“ und den „Cry Dance“ zusammen, welcher dann später als Geistertanz bekannt werden sollte (Ebd.). Joseph G. Jorgensen schreibt 1986, dass die Paiute „Trauerzeremonien und Ein- äscherungen zur Ehre der Verstorbenen praktizierten“ (Jorgensen, 1986, S.660). Des Weiteren schreibt er, dass die Paiute die Walker Lane Zeremonien abhielten, um die To- ten zurückzuholen. So ist es nur verständlich, dass man den Prophezeiungen von Wodzi- wob Glauben schenkte, da diese zu den religiösen Vorstellungen der Paiute passten.

Im zeremoniellen Geistertanz bildeten Frauen und Männer einen Kreis, hielten sich an den Händen und bewegten sich rhythmisch zu dem Schlag der Trommeln und sangen dabei die vorgeschriebenen Geistertanzlieder, welche eine Folge von monotonen Be- schwörungen darstellten (vgl. Mooney, 1965, S.185ff). Um den Kreis in Bewegung zu setzen, machten alle Beteiligten gleichzeitig Seitwärts-Bewegungen. Diese monotone rhythmische Trommelbegleitung, die gleichförmigen Bewegungen und die immer glei- chen liederartigen Beschwörungen, verbunden mit der Erschöpfung der Tanzenden, führ- ten dann dazu, dass dadurch der tranceartige Zustand erreicht wurde, in dem die Lebenden die Welt der Toten betreten konnten. Die damit verbundene Verschmelzung beider Wel- ten würde letztlich dazu führen, dass die Toten zurückkehren konnten (Ebd.).

So wird also deutlich, dass der Geistertanz von Wodziwob inszeniert wurde und, verbun- den mit der Hoffnung der Paiute und den anderen Indianer-Stämmen auf eine bessere Zeit und ein besseres Leben, sich schnell verbreitete und Anklang fand. Die religiösen Ge- meinsamkeiten zwischen den Vorstellungen der Paiute und den Prophezeiungen unter- stützten den starken Glauben an Wodziwob und die schnelle Verbreitung des Geistertan- zes.

3. Zweiter Geistertanz von 1890

Zwanzig Jahre, nachdem der erste Geistertanz gescheitert war, kehrte dieser um 1890 herum zurück. Der Ursprung lag wieder in der Walker Lake Reservation als ein schama- nistisch ausgebildeter Mann namens Wovoka, oder auch Jack Wilson, am 1. Januar 1889 während einer Sonnenfinsternis eine Vision hatte, dessen Inhalt denen aus dem ersten Geistertanz ähnelten (vgl. Mooney, 1965, S.4ff).

Einige Quellen besagen, dass Wovoka der Sohn von Wodziwob war, jedoch wird dies in der Literatur auch bestritten (vgl. Jorgensen, 1986, S. 660). Wovoko wurde 1858 in West- Nevada geboren und wuchs auch dort auf. Er interessierte sich sehr für die „Native Ame- rican spirituality“, da er, wie einige Quellen besagen, seinem Vater Wodziwob schon früh bei den traditionellen spirituellen Zeremonien half.3 Er lebte nach dem Tod seines Vater bei der Wilson Familie, weswegen er sich selber den Namen Jack Wilson gab, um weni- ger Schwierigkeiten mit den „weißen Menschen“ zu haben. Von diesen lernte er viel über das Christentum, sodass er sowohl den christlichen Glauben als auch den Schamanismus der Paiute in sich trug. „Wovoka entwined and shaped shamanism and Christianity into the structure and principles of the 1890 Ghost Dance. Performing the dance would bring about restoration of native life, complete with the return of ancestors, the buffalo, and peace with the white man.”3 So war das Ziel des zweiten Geistertanzes ähnlich wie schon 1870: Wiederherstellung der ursprünglichen Lebensweise der Ureinwohner, Rückkehr der toten Vorfahren und Büffel und Frieden mit dem „weißen Mann“. So verkündete Wo- voka in einer seiner Predigten:

[...]


1 https://www.history.com/topics/native-american-history/wounded-knee (zuletzt aufgerufen am 29.08.18)

2 Informationen stammen von der offiziellen US-amerikanischen Webseite des Geistertanzes: http://www.ghostdance.us/history/history-wodziwobbio.html (zuletzt aufgerufen am 29.08.18)

3 Informationen stammen von der folgenden Webseite über die US-amerikanische Geschichte: https://www.u-s-history.com/pages/h3770.html (zuletzt aufgerufen am 30.08.18)

Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668902879
ISBN (Buch)
9783668902886
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463194
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,7
Schlagworte
geistertanz krisenkult hoffnung erlösung freiheit

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Titel: Der Geistertanz. Ein Krisenkult mit der Hoffnung auf Erlösung und Freiheit