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Die Umsetzung des Wahrheitsanspruches in den Reden bei Polybios

Hausarbeit 2016 13 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Polybios und sein Konzept des historiographischen Gebrauchs von Reden

3. Umsetzung des Wahrheitsanspruches bei Reden
3.1 Reden des Scipio Africanus und des Hannibal
3.2 Polybios als moglicher Zeuge von Reden
3.3 Reden vor Polybios' historiographischer Tatigkeit

4. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitiiiig

Polybios von Megalopolis wird neben Herodot und Thukydides oft zu wichtigsten Historikern der Antike gezahlt. Schon die geschichtlichen Ereignisse und Strukturen, die durch ihn uberliefert sind, machen ihn bedeutend, aber daruber hinaus spielt auch die von ihm selbst umfangreich offengelegte Methodik eine zentrale Rolle: Universalgeschichte, Ursachenforschung und Wahrheitsverpflichtung sind nur einige Aspekte. Allerdings sind hat sich der Blick auf einige Techniken, die einem antiken Geschichtsschreiber als angebracht oder sogar notwendig erschienen, im Laufe der Jahrhunderte so sehr verandert, dass ein modemer Historiker ihre Verwendung nicht nur ablehnt, sondem geradezu danach forschen muss, wie diese denn uberhaupt zu verstehen seien. So wunderte auch schon der Polybios-Forscher Frank Walbank: „It would not occur to a modern historian to insert in his work versions of speeches delivered, or reputedly delivered, by historical characters.1 Die Art und Weise, wie die Reden, die durch Polybios uberliefert sind, zu interpretieren seien, muss also erst erschlossen werden, auch wenn er an verschiedenen Stellen auf sein historiographisches Konzept ihrer Verwendung zu sprechen kommt. Diese Arbeit hat das Ziel, nach einer kurzen Zusammenfassung seiner theoretischen Vorsatze fur die Uberlieferung der Reden, vor allem die praktische Umsetzung des Wahrheitsanspruches zu uberprufen.

Zweck dieser Untersuchung ist es, den hermeneutischen Zugang zu den Reden in den Historien zu erleichtern, und einen Beitrag zu der Erforschung der Frage zu leisten, inwiefem sich Polybios an die Regeln seiner eigenen Methodik hielt. Denn obwohl Polybios dieses Mittel der Uberlieferung verhaltnismaBig wenig nutzte, sind in seinem Gesamtwerk noch etwa 50 Reden erhalten2, die somit eine Fulle an Informationen bergen, die nicht zu vernachlassigen ist. Wie diese allerdings zu interpretieren sind und welche Erkenntnisse aus ihnen zu ziehen sind, ist keine einfache Frage und nicht unumstritten.

Dabei hat es bereits mehrere Untersuchungen zu den Reden in den Historien gegeben, die sich allerdings eher mit deren Funktionen beschaftigten: So schrieb Pedech, dass sie fur Polybios einen historischen Wert hatten, weil er sie selbst als bedeutende Handlung erachtete, der auBerdem die besondere Eigenschaft innewohne, oft weitere Ereignisse zu initiieren oder als deren Katalysator zu dienen.3 Daneben steht die Position Wiaters, demzufolge Reden fur Polybios eher ein „positioning towards the past in order to influence the future“ und damit als Teil des wechselwirkenden Verhaltnisses zwischen dem Ereignis und dem Handelnden seien.4 Bezuglich ihrer Echtheit ist die Diskussion uber die Agelaos-Rede zu nennen5 und vor allem ein Aufsatz Walbanks, der sich hauptsachlich mit stilistischen Fragen beschaftigt.6 Daneben bleibt die Uberprufung der Authentizitat von Reden im Allgemeinen aber weitestgehend ein Desiderat, zu dem mit dieser Arbeit Zugang geschaffen werden soil.

Dazu wird im nachsten Kapitel erst Polybios selbst vorgestellt und sein historiographisches Konzept von Reden erklart, bevor im folgenden Abschnitt die tatsachliche Umsetzung des Wahrheitsanspruches untersucht wird. Dabei werden verschiedene Reden unter Berucksichtigung textimmanenter Informationen, historischer Tatsachen und Forschungsmeinungen auf Authentizitat gepruft. AbschlieBend werden Schlusse aus den neu gewonnen Erkenntnissen gezogen und der Versuch unternommen, ein Ergebnis zu formulieren.

2. Polybios und sein Konzept des historiographischen Gebrauchs von Reden

Polybios entstammte einer angesehenen Familie aus Megalopolis im Achaiischen Bund und bekleidete in der ersten Halfte des 2. Jahrhunderts im Alter von etwa 30 Jahren das Amt des Hipparchen. Als er nach dem Dritten Makedonisch-Romischen Krieg als eine von 1000 Geiseln nach Rom gelangte, kam er dort, bekannt durch seine schriftstellerischen Leistungen, bald in Kontakt mit den Scipionen und genoss ein gewisses Ansehen. Nach 17 Jahren kehrte er in seine Heimat zuruck und spielte dort weiter eine wichtige Rolle in der Politik. Auch blieb er weiterhin in engem Kontakt mit Rom und begleitete Scipio Aemilianus nach Karthago und moglicherweise auch nach Numantia. Neben seinem Hauptwerk, den fragmentarisch uberlieferten Historien, schrieb er eine Biographie des achaiischen Staatsmanns Philopoimen und zwei nicht mehr erhaltene Abhandlungen, eine uber den numantischen Krieg, Bellum Numantium, die andere, Taktika, mit militargeschichtlichem Inhalt.7

Diese Arbeit befasst sich ausschlieBlich mit den Reden in den Historien. Um deren methodische Konzeption zu verstehen, ist es zunachst einmal wichtig zu wissen, dass Polybios nicht einer von wenigen antiken Historikern war, der Reden in seinen Schriften verwendete, sondem dass sie ein so weit verbreitetes Mittel waren, dass sie als damals etablierte Konvention bezeichnet werden konnen.8 So formuliert Ziegler: ,,Seit Thukydides diente sie dazu, die geistigen Grundlagen des historischen Geschehens in der Form der Darlegung durch den Mund der fuhrenden Manner zu entfalten.“9 Der Frage, wie genau Polybios die Reden einzusetzen gedachte, widmete dieser keinen eigenen Abschnitt oder dieser ist nicht uberliefert. Um dennoch einen ubersichtlichen Einblick daruber zu erhalten, werden hier die uber sein Werk verteilten AuBerungen diesbezuglich zusammengestellt und nach inhaltlichen Gesichtspunkten sortiert. Als solche eignen sich die methodischen Prinzipien, an denen sich der Historiker orientierte und die Beruhrungen mit diesem Thema haben:

Auf die Ursachenforschung und wie bei der historiographischen Verwendung von Reden an sie angeknupft werden sollte, kommt der Geschichtsschreiber bei seiner Kritik an Timaios zu sprechen: So heiBt es, dass es die Aufgabe der Geschichte sei, „den Grund zu erforschen, weshalb eine Handlung oder MeinungsauBerung Erfolg hatte oder nicht“.10 Daraus resultiert auch ein Wert fur das teleologische Geschichtsbild des Polybios, denn „erst wenn man die Grunde und Ursachen hinzufugt, wird das Studium der Geschichte fruchtbringendA11

Vor allem aber sein immer wiederkehrender Anspruch, so wahrheitsgetreu wie moglich zu schreiben, ist unverkennbar auch bei seiner Konzeption des Gebrauchs von Reden zu erkennen: Den Geschichtsschreibern stehe es an, „das tatsachlich Gesagte durch moglichst sorgfaltige Erkundung festzustellen und mitzuteilen“ und sich daruber hinaus auf „die entscheidendsten, durchschlagendsten Gesichtspunkte und Arguments zu beschranken.12 Damit wird der Vorsatz beschrieben, durch Selektion nur das Essentielle der Reden zu ubermitteln und trotzdem nicht nur SinngemaBes, sondern den wirklichen Wortlaut zu bewahren. Daraus wird auch die Ablehnung fiktiver Reden als historiographisches Mittel deutlich, die er ebenfalls bei seiner Kritik an Timaios zur Sprache bringt.13 Allerdings war sich Polybios bewusst, dass auch er nicht unfehlbar ist14, jedoch beteuerte er, dass Irrtumer nicht absichtlich geschahen, sondern dem Umfang und dem universalen Charakter seines Werkes geschuldet seien.15

3. Umsetzung des Wahrheitsanspruches bei Reden

Somit sind folgende Aspekte des polybianischen Wahrheitsanspruches bei Reden festgestellt worden: inhaltliche Richtigkeit, Bemuhung um Wiedergabe des tatsachlichen Wortlauts und Beschrankung auf Wesentliches. In diesem Kapitel wird untersucht, inwiefern der Autor sich selbst an diese Prinzipien hielt. Selbstverstandlich kann diese Frage nicht endgultig sondern nur annaherungsweise beantwortet werden und es besteht die Gefahr, durch eine zu einseitige Auswahl der zu untersuchenden Textstellen zu falschen Schlussen zu kommen. Um das zu vermeiden, werden Reden aus vollig unterschiedlichen Stellen der Historien untersucht, die auch in ihren zeitlichen und geographischen Kontexten variieren.

Die Analyse der Reden beginnt mit einem Abschnitt, der die Notwendigkeit einer kritischen Betrachtung der Reden in den Historien und damit auch dieser ganzen Arbeit vor Augen fuhrt. Dazu eignen sich die AuBerungen zweier wichtiger Akteure, die mehrfach zu Wort kommen: Scipio Africanus und Hannibal. Zugunsten eines differenzierten Blickes wird anschlieBend ein Perspektivwechsel untemommen. Wurden vorher Ereignisse vor Polybios' Lebzeiten untersucht, die auch weit von dessen Heimat entfernt geschahen, richtet sich dann das Augenmerk auf deren Gegenpol - namlich solche, bei denen Polybios hatte Zeuge sein konnen. Um die Erkenntnisse dieser beiden Abschnitte besser bewerten zu konnen, lohnt sich die Analyse aus einem dritten Blickwinkel: So wird sich der letzte Teil dieses Abschnitts abermals mit Reden beschaftigen, die vor Polybios' historiographischer Tatigkeit standen, die aber in ganz anderen Kontexten stehen als jene Hannibals und Scipios.

[...]


1 Walbank, Frank W.: Speeches in Greek Historians, in: Selected papers: studies in Greek and Romanhistory and historiography, hg. v. dems., Cambridge [u.a.] 1985, S. 242.

2 Ziegler, Konrat: „Polybios“, in: RE Bd. 21, Stuttgart [u.a.] 1952, Sp. 1527.

3 Pedech, Paul: La methode historique de Polybe (Collection d’etudes anciennes), Paris 1964, S. 254-302.

4 Wiater, Nicolas: Speeches and Historical Narrative in Polybius’ Histories. Approaching Speeches in Polybius, in: Stimmen der Geschichte. Funktionen von Reden in der antiken Historiographic, hg. v. Dennis Pausch, Berlin [u.a.] 2010, S. 67-107.

5 Deininger, Jurgen: Bemerkungen zur Historizitat der Rede des Agelaos 217 v. Chr. (Polyb. 5, 104), in: Chiron 3 (1973), S. 103-108; Morkholm, Otto: The Speech of Agelaus at Naupactus 217 B. C., in: Classica et mediaevalia 28 (1967), S. 240-253.

6 Walbank: SpeechesinGreekHistorians.

7 Meister, Klaus: Die griechische Geschichtsschreibung: von den Anfangen bis zum Ende des Hellenismus, Stuttgart [u.a.] 1990, S. 154f.

8 Walbank: Speeches in Greek Historians, S. 259.

9 Ziegler, Konrat: Polybios, Sp. 1524.

10 Polyb.XII,25b,l.

11 Polyb.XII,25b,2.

12 Polyb.XXXVI,l,7.

13 Polyb.XII,25b,l.

14 Polyb.XVI,14,6.

15 Polyb.XVI,20,9.

Details

Seiten
13
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668917125
ISBN (Buch)
9783668917132
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463096
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Institut für Klassische Altertumskunde
Note
1,3
Schlagworte
Reden Hermeneutik Agelaos Historiographie historiographisch Rede Methodik methodisch Timaios Scipio Hannibal Karthago punisch punische Krieg Kriege Trebia authentisch Authentizität Zama Tyche Aemilianus Cato Gulussa Megalopolis Aratos Phylarchos Antike Altertum antik

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