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Die Bedeutung der Faszienbehandlung in der Sport- und Schmerztherapie

Facharbeit (Schule) 2017 18 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportmedizin, Therapie, Prävention, Ernährung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Faszienforschung von der Vergangenheit bis in die Gegenwart

3. Anatomisch-physiologische Grundlagen
3.1 Begriffsklärung und Definitionsannährung
3.2 Aufbau der Faszien
3.3 Unterteilung der Faszien
3.4 Funktionen der Faszien

4. Das Tensegrity-Modell

5. Faszienbehandlung in der Sport- und Schmerztherapie
5.1 Ziele der Faszienbehandlung
5.2 Behandlungsmethoden in der Schmerztherapie
5.3 Trainingselemente in der Sporttherapie

6. Fazit und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Wagen wir einen Blick zurück in die Zeit vor der Technisierung. Damals gab es Bauern, die verschiedene Tätigkeiten mit sehr abwechslungsreichen Bewegungsabläufen ausübten. Bedingt durch das Tageslicht und die unterschiedlichen Witterungsverhältnisse entstand in der Regel ein gesundes Verhältnis zwischen körperlicher Belastung und hinreichenden Ruhephasen zur Erholung. Das machte diese Landwirte zu einem Teil der Berufsgruppe mit den höchsten Lebenserwartungen. Schauen wir im Gegensatz dazu auf die Tätigkeiten in der heutigen Arbeitswelt, so stellen wir fest, dass der Großteil der Beschäftigungen im Sitzen an einem festen Arbeitsplatz verrichtet werden. Sogar auf den Feldern, wo einst das Korn mit der Hand geerntet wurde, fahren nun landwirtschaftliche Maschinen die Ernte ein. Dieser Wandel blieb nicht ohne Folgen, denn durch die körperliche Passivität beim Arbeiten treten zunehmend mehr gesundheitlich Beschwerden in Form von Bewegungseinschränkungen und Verspannungen auf, die zu Schmerzen und Unwohlsein führen. Die Antwort der Pharmaindustrie: eine schnelle Problemlösung durch das Bekämpfen der Symptome. Der eigentlichen Ursache der Schmerzen, die dabei häufig in gestörten Faszien liegt, wird in den meisten Fällen keine Aufmerksamkeit geschenkt. Langfristig ein fataler Fehler. Denn was die damaligen Landwirte letztendlich von uns unterscheidet ist, dass sie bereits durch die alltäglichen Bewegungen ihre Faszien intakt gehalten haben, wodurch für eine sehr gute körperliche Leistungsfähigkeit, aber allen voran für eine gesunde Bewegungsökonomie gesorgt wurde.

Diese Seminararbeit gibt eine Übersicht über die neusten Erkenntnisse zur Beschaffenheit und Funktion der Faszien und verbindet diese mit dem Mehrwert für die Sport- und Schmerztherapie. Dabei werden überblicksweise verschiedene Behandlungsmethoden, sowie Trainingselemente aus der Sporttherapie vorgestellt, die die Funktionsfähigkeit des Fasziengewebes wiederherstellen, erhalten oder optimieren können.

2. Faszienforschung von der Vergangenheit bis in die Gegenwart

In der Geschichte der Sportwissenschaften tauchte der Begriff der „Faszie“ erstmals durch Andrew Taylor Still, dem Begründer der Osteopathie, auf. So äußerte er sich bereits im Jahre 1899 überaus begeistert zu dem praktikablen Wert der Faszien:

„Die Seele des Menschen mit all ihren Strömen puren Lebenssaftes scheint in den Faszien des Körpers zu fließen. [...] Ich kenne keinen Teil des Körpers, der es den Faszien als Forschungsfeld gleichtun kann. Ich glaube, dass sich beim Studium der Faszien mehr reichhaltige und goldene Einsichten auftun werden, als bei irgendeinem anderen Aspekt des Körpers“ – A.T. Still (1899)1

Wie aus diesem Zitat eindeutig hervorgeht schrieb er schon in jener Zeit dem Bindegewebe einen zentralen Stellenwert für die körpereigenen Prozesse zu. Aus diesem Grund richtete er auch bei der Erforschung nach dem Ursprung von Krankheiten seinen Blick auf die Faszien.2 Allerdings war er seiner Zeit weit voraus und so blieb er bis Mitte des 20. Jahrhunderts einer der wenigen Personen, denen die Faszien ein Begriff waren. Nichtsdestotrotz wurden erste Studien zu diesem Thema veröffentlicht, an denen sich die Biochemikerin Ida Pauline Rolf während ihren Forschungsarbeiten zunächst an der Columbia-Universität in der Stadt New York, später am Rockefeller-Institut orientierte. Ende der 1960er-Jahre eröffnete sie ihr eigenes Ausbildungsinstitut. Hier lehrte sie ihren Schülern die Faszie als Grundlage und Organ der körpereigenen Struktur zu betrachten, sowie die gezielte Behandlung des Fasziennetz durch manuelle Körperarbeit. Diese Methode bezeichnet man bis heute als „Rolfing“. Über mehrere Sitzungen hinweg wurde die sogenannte „strukturelle Integration“ eingesetzt. Diese beruht auf der Grundannahme, dass der Mensch durch die Faszienbehandlung mit der Hand freier Atmen, sich mit mehr Leichtigkeit bewegen und ohne künstliche Anspannung gestreckt gehen kann.3 Dennoch wurde auch durch Ida Rolf dem Fasziengewebe noch nicht wirklich die erwartete Aufmerksamkeit geschenkt. Die führenden Anatomen, Mediziner und Physiologen richteten in den Folgenden Jahrzehnten ihren Blick auf die Gesetzmäßigkeiten des Kraft- und Ausdauertrainings, sowie die verschiedenen Dehntechniken.

Dies änderte sich Anfang der 90er Jahre. An den Faszien wurde zunehmend mehr Interesse bekundet und so wurde im Jahre 1991 die „European Rolfing Association“ (ERA) gegründet. Dieser Verein fördert wissenschaftliche Arbeiten zu Wirkungen und Wirkungsmechanismen von Rolfing in diversen Bereich, wie beispielsweise der Gesundheitsförderung.4 Forschungsdirektor ist bis heute der deutsche Humanbiologe und Faszienforscher Dr. Robert Schleip, der wie sich im weiteren Verlauf zeigen wird, federführend zum Durchbruch der Faszienforschung verhalf. Kurz vor der Jahrtausendwende wies auch der osteopathische Anatom Frank Willard bei der Konferenz der Cranial Academy in Indiana darauf hin, dass man die Faszien als eigenständiges System betrachten muss und nicht als Hüllmaterial für wichtige Gewebe.5 2007 kam der Durchbruch für die wirkungsvolle Forschung um die Faszien.

Genauer gesagt auf dem ersten Weltkongress zur Faszienforschung an der Harvad Medical School in Boston. Bei dem von Robert Schleip und anderen Forschern organisierten Kongress kamen erstmals Biologen, Wissenschaftler und Therapeuten zusammen um sich über neue Erkenntnisse rund um das Bindegewebe auszutauschen.6 Insbesondere die Rede von dem Biomechanik-Experten Dr. Serge Gracovetsky schied das Publikum. Er sagte sinngemäß übersetzt, dass der menschliche Körper beim Anheben einer Last schlichtweg explodieren würde, falls man sich nur an den Muskeln orientiert ohne die Faszien zu berücksichtigen.7 Bis heute finden regelmäßig – so auch 2018 in Berlin – Kongresse statt, die das Ziel einer interdisziplinären Zusammenarbeit verfolgen, wie beispielsweise zwischen Schulmedizinern und Forschern auf dem Gebiet der Faszien. Durch den Zugriff auf moderne Gerätschaften ist man im Gegensatz zu den Vorreitern des 19. und 20. Jahrhunderts nun auch im Stande belegbare und nicht nur subjektive Aussagen über Faszien zu treffen. Und so herrscht in zwischen auch Konsens darin, dass man den Faszien eine entscheidende Rolle in unserem Bewegungsapparat zuschreiben kann. Darüber hinaus wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Studien veröffentlicht die unter anderem belegen, dass gestörte Faszien oft die Ursache für Volkskrankheiten, wie Rückenschmerzen sind. Durch zunehmend mehr Publikationen und dem Einsatz der Faszienrolle im Profisport, egal ob in der NBA oder Bundesliga, ist die Faszienbehandlung seit ein paar Jahren auch aus dem Breitensport und dem Fitnessbereich nicht mehr wegzudenken.

3. Anatomisch-physiologische Grundlagen

3.1 Begriffsklärung und Definitionsannährung

Der Begriff Faszie kommt aus dem Lateinischen (lat. „fascia“) und bedeutet so viel wie „Band“ oder „Bündel“.8 Es handelt sich hierbei um ein umhüllendes und verbindendes Spannungsnetzwerk das den gesamten Körper durchzieht. Trotz unterschiedlicher Auffassungen, welche Strukturen neben den Muskelhüllen zu den Faszien gehören, ist man sich darüber einig, dass es sich um bindegewebsartige Strukturen handelt, die aus der extrazellulären bzw. interzellulären Matrix zusammengesetzt sind.9 In einer älteren Definition nach de Marées kann man lediglich das muskelumhüllende Gewebe, als das myofasziale System, den Faszien zuordnen.10 Inzwischen herrscht allerdings Konsens darin, dass Faszien neben der Muskulatur auch alle anderen Strukturen des menschlichen Körpers, wie Knochen oder Organe umgeben. Im Zuge des weltweit ersten Faszienkongress 2007 wurde von den Initiatoren auch der Faszienbegriff neu definiert. Seither hat man sich darauf geeinigt die Begriffe „Faszien“ und „Bindegewebe“ gleichbedeutend zu gebrauchen. Und so werden auch in dieser Arbeit die beiden Begriffe weitgehend synonym verwendet, während in der Medizin auch Blut, Knochen und andere Gewebe zu dem Bindegewebe gehören.11

3.2 Aufbau der Faszien

Die Faszien bestehen im Wesentlichen aus vier Komponenten. Dem Kollagen, dem Elastin, der wässrigen Grundsubstanz und den Fibroblasten.

Kollagen ist ein Strukturprotein und bildet die festen Fasern des Bindegewebes. Deshalb ist es für die Faszie auch maßgeblich formgebend. Sogar Teile der menschlichen Knochen finden bei der desmalen Osteogenese (Ossifikation) ihren Ursprung in diesem faszinierenden Skleroprotein. Es gibt 28 verschiedene Kollagentypen, davon sind allerdings nur vier häufig vertreten. Bei den mechanischen Eigenschaften ist besonders die hohe Zugfestigkeit von Bedeutung. So ist Kollagen dehnbar und dennoch, um einen anschaulichen Vergleich zu liefern, reißfester als Stahl. Als zweites Strukturprotein findet sich E lastin im Fasziengewebe. Die wichtigste Eigenschaft, welche dieses Eiweiß besitzt steckt hierbei schon im Namen: die Elastizität. Elastin ist dehnbar wie Gummi und kann dabei nahezu die doppelte Länge annehmen. Durch den sogenannten „Memoryeffekt“ nimmt es nach jeder Verformung wieder seine ursprüngliche Form an. Speziell für formverändernde Körperteile, wie unserer Haut oder der Blase ist dieses Charakteristikum äußerst wichtig. Produziert werden diese beiden Strukturproteine in den Bindegewebszellen. Das sind Fibroblasten, die im ganzen Fasziengewebe verteilt vorkommen. Die Faserproduktion ist dabei nicht zufällig, sondern exakt abgestimmt auf den Nutzen an den Körperstellen sowie die individuelle körperliche Aktivität. Deshalb werden bei Personen die Muskeln aufbauen auch mehr Fasern produziert, die den Muskeln Unterstützung leisten. So wird durch Dehnung eher die Produktion von Kollagenfasern angeregt, durch dynamische Bewegungen eher die Produktion von Elastinfasern.12 Diese Eigenschaft bezeichnet man als belastungsreaktiv. Des Weiteren besitzen sie die Möglichkeit untereinander mit anderen Fibroblasten durch das Ausscheiden von Enzymen und Botenstoffen zu kommunizieren. Zu finden sind die Bindegewebszellen in der wässrigen Grundsubstanz, die die gesamte Faszie umgibt und so die verschiedenen Zellen und Fasern miteinander verbindet. Sie besteht neben den Bindegewebszellen zu etwa zweidritteln aus Wasser sowie Eiweiß- und Zuckermolekülen, die das Wasser binden. Diese Zusammensetzung vereinigt Merkmale von Flüssigkeiten und Festkörpern. Wasser ist dabei für ein gesundes Gleiten der Faszie nötig, desgleichen für eine angemessene Durchfeuchtung der Faszie. Auch fungiert es als Transportmedium der Wahl für die Versorgung und den Abtransport von Stoffwechselprodukten und Immunzellen.13 Für den Wassergehalt der Faszie ist mitunter das Verbindungsprotein Hyaluron (auch bekannt als Hyaluronsäure) verantwortlich, denn sie besitzt die Fähigkeit im Verhältnis zu ihrer Masse 6000-mal mehr Wasser zubinden.14 Und genau aus diesem Grund ist sie auch unter den Kosmetikern ein weit verbreitetes Mittel zum Einsatz gegen Falten. Zusammengefasst bezeichnet man den gesamten Komplex, bestehend aus der Grundsubstanz und den Fasertypen Kollagen und Elastin, als extrazelluläre Matrix.

3.3 Unterteilung der Faszien

In unserem Körper findet sich eine Vielzahl von verschiedenen Bautypen des Bindegewebes. Denn abhängig von der Funktion an der jeweiligen Körperstelle ist die Matrix aus den eben beschriebenen Bestandteilen in unterschiedlichen Anteilen zusammengesetzt. Im Folgendem wird auf die einzelnen Faszientypen näher eingegangen.

Den größten Anteil des Bindegewebes macht das lockere, faserige Bindegewebe aus. In ihm ist viel wässrige Grundsubstanz enthalten. Da dieses Netz im Vergleich zu den anderen Faszientypen sehr weitmaschig ist, eignet es sich ideal zur Polsterung der unteren Hautschichten. Auch füllt es die Zwischenräume um die Organe im Bauch. In Kontrast dazu steht das parallelfaserige Bindegewebe mit einem hohen Kollagengehalt. Hierbei machen die parallel in eine Richtung ausgerichteten Fasern diesen Bindegewebstyp besonders strapazierbar gegen Zugkräfte. Aufgrund dieser Eigenschaft bildet dieser Typus Bänder, Sehnen, die dünnen Schichten um jeden Muskel sowie die festen, organumhüllenden Kapseln um sich von anderen Organen abgrenzen zu können. Anders als das parallelfaserige Bindegewebe besteht das elastische Bindegewebe naheliegender Weise zu einem hohen Anteil aus dem Strukturprotein Elastin und findet sich in häufig gedehnten Organen wieder. Einen weiteren Bautyp stellt das r etikuläre Bindegewebe dar. Dieses besteht aus einer Kollagenart, die äußerst dünne Fasern bilden kann. Zu finden ist es in den Lymphknoten und der Milz aber auch in frischen Narben. Viele Fasern mit dichten Kollagenbündel, wenig wässriger Grundsubstanz und noch weniger Elastin bilden zusammen das unregelmäßige Bindegewebe. Diese Zusammensetzung kann ihre Fasern in die entsprechende Zugrichtung ausrichten. Das macht sie besonders widerstandsfähig. Die Hirn- und Lederhaut besteht beispielsweise aus dieser Bindegewebsart. Die letzte und uns wohl am bekannteste Faszienart ist das spezielle Bindegewebe. Aus diesem besteht das Fettgewebe. Charakteristisch ist hierbei, dass es aus weniger Grundsubstanz und Kollagen besteht als den spezialisierten Fettzellen, den sogenannten Adipositen, die von Elastinfasern umgeben sind. Nicht nur Fett, sondern auch Wasser wird in diesen Zellen gespeichert. Das Fettgewebe hat dabei ganz existenzielle Funktionen. Es polstert nicht nur wie das lockere, faserige Bindegewebe Organe, sondert dient auch der Energiespeicherung und dem Kälteschutz. Desgleichen formt es Körperstellen, wie das Gesäß oder die weibliche Brust.15

[...]


1 Vgl. Schleip in Deutsche Zeitschrift für Osteopathie S.10

2 Vgl. Speece, S.23

3 Vgl. Schwind, S.18f

4 Vgl. Forschung – European Rolfing Association (AI)

5 Vgl. Speece, S.23

6 Vgl. 2007 Congress Overview (AI)

7 Vgl. Schwind 2014, S.24

8 Vgl. Tempelhof (1), S. 8

9 Vgl. Mohr, S.1

10 Vgl. de Marées, S.30ff

11 Vgl. Schleip, S. 19

12 Vgl. Oellerich, S. 20

13 Vgl. Oellerich, S.21

14 Vgl. Hass: Hyaluronsäure für Gelenk und Haut (AI)

15 Vgl. Schleip, S.22ff

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668923942
ISBN (Buch)
9783668923959
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v463050
Note
1,0
Schlagworte
Sport Sporttherapie Schmerztherapie Faszien Blackroll Faszientraining Faszienrolle Faszienbehandlung Tensegrity Tensegrity-Modell Bindegewebe Schleip

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