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Postmoderne Ansätze: Konstruktivismus

Hausarbeit 2005 15 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Die konstruktivistische Epistemologie

2. Sozialkonstruktivismus

3. Konstruktivismus, Sprache und Wissenschaft

4. Qualitative Feldforschung aus konstruktivistischer Sicht

5. Fazit

6. Literatur

7. Erklärung

1. Einleitung: Die konstruktivistische Epistemologie

Zwei große Denkschulen durchströmen seit jeher die Epistemologie (= Erkenntnistheorie), auf deren Grundlage wissenschaftliche Forschungen angestellt werden.[1] Auf der einen Seite finden wir den Realismus, der mit dem Materialismus und dem Objektivismus stark einhergeht. Für ihn typisch ist der (Aber-?)Glaube an die Macht der Zahlen und Messungen, an das entweder-oder, an das messbare, klassifizierbare und analysierbare Gute wie Schlechte, an Standardisierbarkeiten, und vor allem, dass die Welt samt ihrer Werte und Bedeutungen außerhalb von uns und unabhängig von uns existiert, so wie sie uns eben erscheint. Seit Anbruch der postmodernen Ära hat der Konstruktivismus mit dieser Sichtweise signifikant gebrochen: Er vereint subjektivistische und idealistische Strömungen, die epistemologische Objektivität hat hier abgedankt. Denn der Konstruktivismus erkennt in Objekten nur noch rein subjektiv konstruierte Erfindungen, und zwar die verschiedensten in einer schier unendlichen Anzahl, und behauptet: Die eine, objektive Wirklichkeit gibt es nicht! Aber warum Erfindungen? Wir können die Welt nur über Reize empfangen, für welche wir auch Sinne entwickelt haben. Wir verfügen über taktile, olfaktorische, optische und akustische Sinnesrezeptoren, die auf äußere Reize reagieren, und welche sie an das Gehirn weitervermitteln – allerdings in rein quantitativer Form, die etwas über die Intensität der Reize aussagt, und nicht aber über ihre Qualität. Erst in den hinteren Regionen des Gehirns setzt die Übersetzung qualitativ neutraler Reize in die Erfindung von bedeutungsvollen und begrifflich erklärbaren Konstruktionen ein.[2] Alles, was unsere äußere Welt hiermit erklärt, sind versprachlichte Beobachtungen, ist „Prosa“[3], die wiederum voll und ganz durch die sinnlichen und geistigen Strukturen ihrer jeweiligen Beobachter konstruiert und damit erfunden wurden; die Wahrheit wird damit nicht verleugnet, sondern einfach nur nicht bewiesen, da sie nicht so gesehen werden kann, wie sie wirklich ist (epistemologischer Solipsismus). Eine Metapher Watzlawicks möge die konstruktivistische Denkweise veranschaulichen:

„Ein Kapitän, der in dunkler, stürmischer Nacht eine Meeresenge durchsteuern muss, deren Beschaffenheit er nicht kennt, für die keine Seekarte besteht und die keine Leuchtfeuer oder andere Navigationshilfen besitzt, wird entweder scheitern oder jenseits der Meeresenge wohlbehalten das sichere offene Meer wiedergewinnen. Rennt er auf die Klippen auf und verliert Schiff und Leben, so beweist sein Scheitern, dass der von ihm gewählte Kurs nicht der richtige Kurs durch die Enge war. Er hat sozusagen erfahren, wie die Durchfahrt nicht ist. Kommt er dagegen heil durch die Enge, so beweist dies nur, dass sein Kurs im buchstäblichen Sinne nirgends anstieß. Darüber hinaus aber lehrt ihn sein Erfolg nichts über die wahre Beschaffenheit der Meeresenge; nichts darüber, wie sicher oder wie nahe an der Katastrophe er in jedem Augenblick war: er passierte die Enge wie ein Blinder. Sein Kurs passte in die ihm unbekannten Gegebenheiten; er stimmte deswegen aber nicht, wenn mit stimmen das gemeint ist, was von Glasersfeld darunter versteht: dass der gesteuerte Kurs der wirklichen Natur der Enge entspricht. Man kann sich leicht vorstellen, dass die wahre Beschaffenheit der Meeresenge vielleicht wesentlich kürzere, sicherere Durchfahrten ermöglicht.“[4]

Die philosophische Grundausrichtung des Konstruktivismus findet sich heute in den verschiedensten Wissenschaften: Kunst und Literatur, Psychologie und Didaktik, Politikwissenschaft und Soziologie, und erstaunlicherweise sogar in der Mathematik wieder. In unserem Fall wollen wir uns jedoch der soziologischen Variante: dem Sozialkonstruktivismus annähern, da insbesondere gesellschaftliche/kulturelle Fragen die zentralen Aspekte unserer studentischen Migrationsthematik ausmachen werden. Die Wahrnehmung ihrer Umwelt, die Konstruktionen der sozialen Wirklichkeiten unserer Interviewpartner sollen dabei unser Untersuchungsgegenstand sein.

2. Sozialkonstruktivismus

Der Sozialkonstruktivismus wurde mit dem Erscheinen des Buches „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (1966) von Peter L. Berger und Thomas Luckmann etabliert. Es wurde die Frage aufgeworfen, in welcher Weise gesellschaftliche Phänomene erzeugt, internalisiert, institutionalisiert und schließlich auch über die Weitergabe an Folgegenerationen traditionalisiert werden. Konstruktivistisch lauten die Antworten etwa folgendermaßen: Individuelle, vorerst rein subjektive Konstruktionen und ihre daraufhin kommunizierte Annäherung/Abgleichung untereinander schaffen gemeinschaftliche Konstruktionen wie z.B. Werte und Normen. Diese gemeinschaftlichen Konstruktionen sind dabei als ein ewiger Prozess zu verstehen, da alles dynamisch ist und nichts so bleibt wie es ist, gerade weil die einzelnen, individuelle Subjekte einer Gemeinschaft ihre Wirklichkeiten immer wieder modifizieren oder erweitern, also neu erfinden.[5] Der Mensch wird einerseits immer in eine bereits konstituierte Kultur hineingeboren, die seine Denkstrukturen in eine gewisse Abhängigkeit von bereits konstruierten Grundannahmen, Mustern, Kategorien, Schemata, Begriffen und Worten bringt. Er internalisiert diese Grundstrukturen schon im frühesten Kindesalter (durch die elterliche Erziehung), während er das Sprechen, Lernen und die Zuweisung von Begriffen erlernt.[6] Die Menschen sind jedoch nicht nur von den bereits konstituierten Konstruktionen abhängig, da diese erstens niemals absolut sein können (weil ja nur aus Erlebtem konstruiert und ohne Anspruch auf Wahrheit) und da sie zweitens prinzipiell autonom konstruieren, woraus dann auch unterschiedliche Meinungen oder auch Rechtsauslegungen zu ein und dem selben Thema resultieren, die wiederum immer nur subjektiv verstanden werden können – und für sich gesehen immer wirklich, aber niemals wahr sind. Abhängigkeit und prinzipielle Autonomie bedingen sich gegenseitig: Ohne individuelle Autonomie kann keine gemeinschaftliche Einigkeit erzeugt werden, und ohne zivilisatorische Abhängigkeit würde ein Mensch alleine niemals in seinem Leben die geistigen Strukturen und Begriffe (wie z.B. die Vorstellung von Raum und Zeit, die Sprache oder die Grundbegriffe des Verstandes, welche aber ebenfalls nur Konstrukte sind) entwickeln können, die für die Bildung weiterer Konstruktionen unabdingbar sind. Denn nur indem der Erkennende diese Vorstellungen erst auf die Empfindungen, die ihm seine Sinne vermitteln, anwendet, kann er seine Wirklichkeit in einem aktiven Prozess konstruieren. Unsere Wahrnehmungsbegriffe erhalten wir dabei von unserem spezifischen kommunalen System, so dass wir letztendlich durch unsere eigenen Augen schauen, aber mit den Augen des Kollektivs sehen. Und warum wirkt unsere Wirklichkeit so stabil? Von Glasersfeld begründet dies schlicht damit, dass wir uns unsere Wirklichkeit durch die kombinierte Komplexität von früher Erlebtem und neu Erlebtem schon unerschütterlich stabil konstruiert haben.[7]

[...]


[1] Vgl. Albertine Devilder: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Bochum 2001, http://www.boag.de

[2] Vgl. Heinz von Foerster: Das Konstruieren einer Wirklichkeit. In: Paul Watzlawick (Hg.): Die erfundene Wirklichkeit. München 1981, S. 43ff.

[3] Ebd., S. 39f.

[4] Paul Watzlawick (Hg.): Die erfundene Wirklichkeit. München 1981, S. 14f.

[5] Vgl. Christian Hennig: Konstruktivismus, Modellierung und Datenanalyse. Ein fiktives Gespräch. Bochum 2000, http://www.boag.de

[6] Vgl. Georg W. Oesterdiekhoff: Traditionales Denken und Modernisierung. Jean Piaget und die Theorie der sozialen Evolution. Opladen 1992, S. 49ff.

[7] Vgl. Ernst von Glasersfeld: Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: Paul Watzlawick: Die erfundene Wirklichkeit. München 1981, S. 28

Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638435130
ISBN (Buch)
9783640756506
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46289
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Geographisches Institut
Note
1
Schlagworte
Postmoderne Ansätze Konstruktivismus Empirische Methoden Kulturgeographie

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Titel: Postmoderne Ansätze: Konstruktivismus