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Über Antonius Wolfs "Disziplin und Disziplinierung"

Essay 2016 4 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Essay

Disziplin und Disziplinierung

Dieser Essay behandelt den Artikel „Disziplin und Disziplinierung“ von Antonius Wolf aus dem Jahre 1987. Der Autor stellt darin die Bedeutung von Disziplin im pädagogischen Kontext dar und obwohl der Text vor fast 30 Jahren verfasst wurde, besitzt er auch heute noch seine Wichtigkeit. Er gibt verschiedene Betrachtungsweisen der Disziplin wieder und arbeitet daraufhin eine für ihn gültige Definition und Begriffserklärung aus. Zuletzt wird seine Sicht mit einigen Beispielen unterlegt und Wolf zeigt die ideale Verhaltensweise eines Erziehers/einer Erzieherin oder eines Lehrkörpers auf. Ich möchte mich im Folgenden mit diesem Essay kritisch befassen und sowohl positive als auch negative Standpunkte beziehen, um schließlich entscheiden zu können, ob ich der dargestellten Meinung zustimme oder nicht. Zuerst möchte ich auf die Punkte eingehen, die mich an diesem Artikel gestört haben.

Wolf stellt zwar klar, dass es verschiedene Definitionen von Disziplin gibt und jeder etwas anderes darunter versteht, gibt aber direkt im Anschluss eine für ihn allgemein richtige Definition an. Dies sehe ich als problematisch an, da er zuvor selbst noch feststellte, dass es unterschiedliche Sichtweisen gäbe und man keine eindeutige Definition von Disziplin beziehungsweise von Disziplinierung aufstellen könne. Da es ohne eine zumindest als Arbeitshypothese aufgestellte Definition jedoch fast unmöglich wäre, sich weiter mit diesem Thema zu befassen geschweige denn einen Artikel zu verfassen, kann dieser Kritikpunkt entkräftigt werden. Für Wolf bedeutet Disziplin das bei einer sachlichen/sittlichen Ordnung gemäße Handeln und Disziplinierung sieht er als „Prozeß (sic!) der Vermittlung bzw. Aneignung von Disziplin, d.h. Aufbau einer eigenen inneren Ordnung des Edukanden in Entsprechung zu bzw. Auseinandersetzung mit vorgegebenen Ordnungen.“1

Außerdem formuliert Wolf genaue Grenzen, was falsches und was richtiges Verhalten in einer Situation sei. Schülerinnen und Schüler2 sind individuelle Wesen und daher kann ein Verhalten, was bei einem Individuum zur gewünschten Wirkung führt bei einem anderem eine komplett unterschiedliche haben. Anleitungen für Verhalten sollten immer situations- und auch charakterbedingt dargestellt werden und mit der Bemerkung, dass es das eine richtige Verhalten nicht gibt.

Des Weiteren gibt sich der Autor etwas gutgläubig in der Annahme, dass sobald SuS selbst ihre Regeln bestimmen und diese möglicherweise schriftlich festgehalten werden, sie diese Regeln auch befolgen.3 In gewisser Weise ist der Aufsatz in diesem Punkt ein Kind seiner Zeit und spiegelt reformpädagogischen Idealismus der 1980er Jahre wider, der inhaltlich und pragmatisch aber möglicherweise zu kurz gedacht ist: Weil es wie bei jedem Kollektiv auch bei einer Klasse mit 30 SuS fast unmöglich ist, Regeln zu finden, die von allen im gleichen Maße als gut oder richtig bewertet werden, könnten sich einzelne SuS denken, dass die aufgestellten Regeln gar nicht ihre eigenen seien, sondern die von anderen und sie sich folglich nicht daran halten müssten.

Nun möchte ich im Folgenden darauf eingehen, was mir an dem Artikel gut gefallen und mir neue Erkenntnisse und Einsichten verschafft hat.

Wolf stellt heraus, dass Disziplin einzeln betrachtet den Lernbetrieb eher lähmt als fördert, nur als einheitliches in die Pädagogik und Erziehung eingebundenes Element kann Disziplin sinnvoll und produktiv sein. Disziplin kann „nur im Zusammenhang mit der ganzen Erziehung und nur stufenweise gelingen.“4

Überdies bemerkt er, dass auch die Familie und äußere Faktoren und Umstände eine große Rolle bei der Disziplinierung, also der Herausbildung von Disziplin und Selbstdisziplin eine Rolle spielen. Der Lehrkörper sollte alles in seiner/ihrer Macht stehende tun um einen positiven Einfluss auf die SuS zu haben, jedoch kann er/sie nicht alleine für eine funktionierende Erziehung verantwortlich gemacht werden, da Außerschulisches nicht in seinen/ihren Bereich fällt.

Zusätzlich fügt Wolf an, dass äußere Faktoren eine große Rolle im Gefüge einer Klasse spielen. Er führt dazu das Bespiel an, dass die SuS eine Klausur geschrieben haben und sich in der folgenden Stunde nicht konzentrieren können. Auch den Lösungsvorschlag, nämlich den SuS fünf Minuten Zeit zu geben um sich über die Klausur auszutauschen, sehe ich als sehr gelungen an, um dem zwangsläufigen Druck, den eine Prüfungssituation und Leistungsabfrage mit sich bringt, einen Verarbeitungsraum entgegenzusetzen, der es erlaubt, den Ausschlag der Erregungskurve nach oben wieder abzusenken. Dies scheint mir sehr konstruktiv und einfühlsam, weil es den SuS ermöglicht "runterzukommen" um daraufhin wieder aufnahme- und leistungsfähig zu sein, was für alle Beteiligten befriedigender und zielführender ist.

Des Weiteren sollten Extreme laut dem Autor vermieden werden. Ohne ein Mindestmaß an Disziplin ist ein geregelter und geordneter Unterricht nicht möglich, aber eine zu sehr ausgeprägte Selbstdisziplin kann auch schädlich für das Individuum und den Lernerfolg sein. Das heißt, das sobald Selbstdisziplin in Drill und Zwang ausarten, keine positiven Errungenschaften daraus hervorgehen können.

Disziplin muss über einen längeren Zeitraum erworben werden, also ist Disziplin nicht eine Eigenschaft, mit der man bereits geboren wird, sondern eine Eigenschaft, die sich entwickeln muss. Dieser Erwerb der Disziplin ist wichtig für den Selbstumgang und auch für das Lernen, da Disziplin immer vom Individuum selbst ausgehen und nicht von außen erzwungen werden sollte.

Der Lehrkörper sollte stets mit beispielhaftem Verhalten vorangehen, da der Mensch ein visuell lernendes Wesen und somit die größte Lernquelle das Nachahmen von Vorgeführtem ist. Das vom Lehrer/von der Lehrerin Gesagte sollte sich nicht von dem jeweiligen Verhalten unterscheiden, da der Lehrkörper sonst schnell unglaubwürdig und nicht mehr ernst genommen wird.

Außerdem meint Wolf, dass Disziplin in einem Bereich auch einen positiven Einfluss auf Disziplin in anderen Bereichen haben kann. Wenn SuS in einem sportlichen Feld hart und diszipliniert trainieren, so hat dies auch eine Wirkung auf zum Beispiel den schulischen Bereich, wo nun disziplinierter gelernt werden kann. Wie bereits erwähnt, hat Disziplin nur einen positiven Effekt, wenn sie nicht isoliert, sondern als Teil einer ganzheitlichen Erziehung und Pädagogik betrachtet wird und nimmt als solcher auch Einfluss auf zahlreiche unterschiedliche Bereiche. So wird nicht nur die schulische Persönlichkeit der SuS betrachtet, sondern der komplette Mensch einbezogen.

Zusammenfassend möchte ich anmerken, dass der Artikel „Disziplin und Disziplinierung“ von Antonius Wolf meine Vorstellungen von Disziplin gut widerspiegelt und ich mit dem dargestellten mehrheitlich gleicher Meinung bin. Die Tatsache, dass der Autor seine Argumente mit Beispielen verdeutlicht, macht den Artikel sehr anschaulich. Einzig dass Wolf mit seinen Aussagen eine allgemeingültige Anleitung für richtiges Verhalten geben möchte, stört mich etwas, da jede Situation von so vielen unterschiedlichen Faktoren abhängt, dass es keine solche Vorschrift geben kann.

Literatur:

Wolf, Antonius (1987): Disziplin und Disziplinierung. In: Pädagogische Welt. Monatsschrift für Unterricht und Erziehung. 41. Jg., 2/1987, S. 58-61

[...]


1 Wolf (1987, S. 58)

2 Im Folgenden mit SuS abgekürzt.

3 Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass dies nicht der Fall ist. In der neunten Klasse wollte meine Lehrerin einen Klassenvertrag aufstellen, den jeder auch unterschreiben sollte. Nun wurde bei jeder kleinen Störung darauf hingewiesen, dass die störenden SuS doch einen Vertrag unterschrieben hätten, der gegen das gezeigte Verhalten gerichtet war. Das hatte jedoch nur kleinen bis gar keinen Erfolg.

4 Wolf (1987, S. 58)

Details

Seiten
4
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668916685
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462673
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
Schlagworte
Disziplin Disziplinierung Amtonius Wolf

Autor

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