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Bindung und Heimerziehung

Die Bindungstheorie im pädagogischen Kontext der Heimerziehung bei Kindern von 0-10 Jahren

Bachelorarbeit 2018 76 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Heimerziehung
2.1 Historischer Wandel
2.2 Rechtsgrundlagen
2.3 Ursachen für eine Unterbringung
2.4 Konzepte und Ziele
2.4.1 Die Erzieherin
2.4.2 Die Grundhaltung
2.4.3 Ziele der Heimerziehung
2.4.4 Der pädagogische Alltag
2.4.5 Die Freizeitgestaltung
2.4.6 Die Familienorientierung
2.5 Unterschied Familie/Heim
2.6 Zusammenfassung

3 Bindungstheorien
3.1 Entstehung und Begründer
3.2 Begriffsbestimmungen
3.3 Die Bedeutung von Bindungen
3.4 Grundlagen der Bindungstheorie
3.4.1 Ethologische und evolutionsbiologische Grundannahmen
3.4.2 Die Bindungsbildung
3.4.3 Neurobiologische Annahmen der Bindung
3.4.4 Innere Arbeitsmodelle
3.4.5 Die fremde Situation
3.4.6 Bindungsmuster
3.4.7 Feinfühligkeit als Merkmal der Bindungsqualität
3.5 Trennung
3.5.1 Verhaltensweisen und das Erleben bei Trennungen
3.5.2 Die Neurobiologie bei Trennung
3.5.3 Drei Phasen von Trauer bei Trennungserfahrungen
3.6 Zusammenfassung

4 Bindungen in der Heimerziehung
4.1 Die Kinder und ihre Bindung
4.2 Die Erzieherin-Kind-Bindung
4.2.1 Die Erzieherin in der Erzieher-Kind-Beziehung
4.2.2 Der Unterschied zwischen der Eltern-Kind und der Erzieher-Kind-Beziehung
4.3 Problemhintergründe
4.3.1 Der Personalwechsel
4.3.2 Übertragungs- und Loyalitätskonflikte
4.3.3 Konkurrenz zwischen Eltern und Erzieherinnen
4.4 Die Kontinuität der Bindungsmuster im Heim

5 Praxisbezug
5.1 Die Unterbringungsgestaltung
5.2 Möglichkeiten von Brischs Verständnis für das Setting Heim
5.3 Die Korrektur von Bindungserfahrungen
5.3.1 Das Modell nach H. Johnson
5.3.2 Die Bindungskorrektur als Ausgestaltungsmöglichkeit?
5.4 Bindungsgeleitete Ausgestaltungsmöglichkeit im Heim
5.4.1 Elternarbeit
5.4.2 Bezugsbetreuer
5.4.3 Lösungen bei Konflikten
5.4.4 Möglichkeiten bei Loyalitätskonflikten

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Formaler Hinweis

Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die Trennung zwischen weiblicher und männlicher Schreibweise verzichtet. Mit Erzieherin, Pädagogin oder Ähnlichem ist auch die männliche Form gemeint, wobei direkte Zitate eine Ausnahme bilden. Mit der Berufsbezeichnung der Pädagogin können auch ähnliche Berufsgruppen wie Sozial-, Kindheitspädagoginnen oder Erzieherinnen gemeint sein.

Die Begriffe Bindung und Beziehung werden in dieser Arbeit synonym benutzt, da die Unterscheidung der Begriffe für die Thematik keine Relevanz hat.

1 Einleitung

Durch die Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes hat sich ein Wandel in der Heimerziehung vollzogen, wobei die Fallzahlen der Heimerziehung, trotz weiteren ambulanten Settings, unverändert bei circa 70.000 im Jahr geblieben sind. Die Heimerziehung ist eine unverzichtbare und häufig angenommene Hilfeform der „Hilfen zur Erziehung“, die sowohl im Gesetz als auch im pädagogischen Alltag der Kinder- und Jugendhilfe eine große Stellung einnimmt (vgl. Teuber 2003, S. 7). Die Pädagoginnen in dieser Art von Institution arbeiten mit Kindern zusammen, die schon früh negative Bindungserfahrungen machen mussten. Die Aufgabe ist es, trotz Problemen wie dem Schichtdienst und der hohen Fluktuation, die Kinder auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten und sie mithilfe einer Erzieherin-Kind-Bindung zu begleiten (vgl. SGB VIII §34 S.2 Nr. 3). Da die in der Heimerziehung lebenden Kinder meist bindungsgeschädigt sind, soll in dieser Arbeit die Bindungstheorie im Kontext der Heimerziehung thematisiert werden.

In der Gesellschaft, der Literatur und im Studium ist die Arbeit der Heimerziehung häufig negativ besetzt, wobei das Gefühl erweckt wird, die Arbeit in der Heimerziehung ständig verteidigen zu müssen. Der Begriff „Heim“ ist durch Assoziationen wie dem Zuhause oder dem Wohlfühlen meist positiv besetzt, wobei jedoch die Heimerziehung bei vielen Menschen etwas Befremdliches hervorruft (vgl. Heidemann, Greving 2011, S. 24). Die Kritik wird erweitert durch die Erkenntnisse der Bindungstheorien, die darlegen, dass die Trennung von einem Elternteil für ein Kind weitreichende Folgen für die weitere Entwicklung haben kann. Durch die Verknüpfung des Wissens der Bindungstheorien mit dem Setting Heim folgt Kritik an der Heimerziehung auch durch die Fachwissenschaft (vgl. Schleiffer 2007, S. 9). Diese Verknüpfung von Bindungstheorien mit dem pädagogischen Alltag der Heimerziehung ist eine herausfordernde und aktuelle Aufgabe für die Pädagoginnen in der Heimpädagogik, womit die ständige Diskussion, Reflektion und Überarbeitung eine unerlässliche Bedingung ist. Nach Brisch (2009, S. 316) bestehen

für die Auswahl von Pädagogen […] und die Überprüfung der Eignung für diesen Beruf […] heute wenig einheitliche Maßstäbe. Die Fähigkeit oder auch die Möglichkeit, auf dem Boden einer sicheren Bindung Beziehungen einzugehen, könnte ein Auswahlkriterium sein, das vielleicht bis heute nicht ausreichend gewürdigt wird. (ebd.).

In einem universitär integrierten Praktikum in der Heimerziehung konnte ich dies auch konstatieren, und somit Brischs Aussage unterzeichnen, dass der Beziehungsaufbau und die Bindungstheorie kaum bis gar nicht Thema in Teamsitzungen oder Kleinteamarbeit war, obwohl diese eine der wichtigsten Thematiken in der Heimerziehung sein sollten.

Nach Rogers ist das Kind ein Produkt der sozialen Interaktion und somit auf Beziehungen angewiesen. Nur durch die Begleitung und bedeutungsvolle Beziehung durch einen „bedeutsamen Anderen“ (Mascenaere, Esser 2012, S. 77) sei die erfolgreiche Entwicklung des Kindes gegeben. Die Rolle des „bedeutsamen Anderen“ (ebd.) kann hierbei auch die Erzieherin über- und somit die Rolle einer verlässlichen und vertrauensvollen Beziehung einnehmen, die unverzichtbar für die Entwicklung des Kindes ist (vgl. ebd.).

Schleiffer elaboriert, dass die Schwierigkeit darin liege, die Bindungstheorien in die pädagogische Praxis zu integrieren, obwohl die Wichtigkeit der Einbeziehung durch die Erkenntnisse der Theorien von Bowlby, Rogers und Ainsworth bereits dargelegt wurde. Die Bindungstheorie hat nach Schleiffer (2002, S. 748) „zumindest den Boden mitbereitet […] für Heimreformen, durch die der traditionelle Anstaltscharakter der Heimerziehung weitgehend aufgehoben wurde“ (ebd.).

Durch das eben genannte Praktikum konnte ich eruieren, wie wichtig die Bindung zu den Kindern in einem Heim ist und, da sie die Grundlage für Erziehungsprozesse bildet, noch vor der Erziehung steht. Anhand meiner Erfahrungen in dem Praktikum konnte ich diese Bindung, den Bindungsaufbau und die Rahmenbedingungen für diesen Aufbau ständig kritisch reflektieren.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich somit schwerpunktmäßig mit der Anwendung der Bindungstheorien auf den Bereich der Heimerziehung in der Kindheit. In dieser Arbeit wird sich dahingehend mit folgenden Fragen beschäftigt:

-Wie können die Erkenntnisse der Bindungstheorien in der Heimerziehung genutztwerden und welche Position sollte sie im pädagogischen Alltag einnehmen?
-Welche Chancen bringen die Bindungstheorien und das Wissen derpädagogischen Fachkräfte über diese für den Umgang und den Beziehungsaufbaumit Kindern mit sich?
-Welche Auswirkungen haben der Alltag und die Probleme im Heim auf denBindungsaufbau mit den Kindern? Können die negativen Erfahrungen der Kinderdurch einen positiven Bindungsaufbau korrigiert werden?
-Wie sieht eine erfolgreiche Erzieherin-Kind-Bindung aus?

Es soll in dieser Arbeit die Relevanz der Bindungstheorien für den Alltag der Heimerziehung betont werden. Um die Verknüpfung der Themen Bindung und Heimerziehung und den Einbezug der Bindungstheorien in die Praxis zu verdeutlichen, sind zwei Theorieteile zu den einzelnen Themen unabdingbar.

Im zweiten Kapitel soll dem Leser ein Überblick über das pädagogische Feld der Heimerziehung gegeben werden. Eingeleitet wird die Arbeit von dem historischen Wandel und den Rechtsgrundlagen. Folgend werden die Ursachen für eine Unterbringung, die Konzepte und die Ziele dargelegt. Als Schlussbetrachtung folgt die Unterscheidung von Familie und Heim, worauf ein Fazit des ersten Kapitels folgt.

Im dritten Kapitel wird die theoretische Grundlage der Bindungstheorien dargelegt. Hierbei wird zunächst die Entstehung und Begründung erläutert, worauf die Grundlagen der Theorie folgen. Wichtig zu erwähnen ist die Trennung, was in Punkt fünf des Kapitels folgt, um die Auswirkung dieser festzustellen.

Durch die zwei theoretischen Teile kann im vierten Kapitel die Verknüpfung von Bindung und Heimerziehung folgen, wobei auf die Bindungen im Heim und den Problemhintergrund des Settings eingegangen wird.

Das letzte Kapitel handelt von der praktischen Umsetzung der vorherigen Kapitel im pädagogischen Kontext der Heimerziehung. Hierbei ist es wichtig, sich der Unterbringungsgestaltung und der Korrektur der Bindungserfahrungen zu widmen. Durch dieses Kapitel werden Implikationen für die Praxis aufgestellt.

Abschließend werden die Bindungstheorien und deren Anwendungsmöglichkeit im Kontext der Heimerziehung kritisch gewürdigt und es wird ein Fazit gezogen.

Die Themen Heimerziehung und Bindung und die Verknüpfung beider Themen mag ein sehr umfangreiches Feld sein, was in diesem Umfang nicht beschrieben werden kann. Ich bin mir bewusst, dass es zu den Themen Bindung und Heimerziehung natürlich umfangreichere Themenschwerpunkte und Literatur gibt. Ich werde jedoch in dieser Arbeit versuchen, die Thematik in den, meiner Meinung nach wichtigsten Facetten darzulegen. Das Alter ist in dieser Arbeit auf die Kindheitsphase von 0 – 10 beschränkt, da viele Erfahrungen im Praktikum mit der Altersspanne gemacht werden konnten und das Hinzuziehen des Jugendalters zu breit gefächert wäre.

2 Heimerziehung

Zunächst soll die Heimerziehung definiert werden, was durch die Diversität dieses Feldes nicht einheitlich möglich ist. Folgend sollen Definitionen von verschiedenen Autoren beleuchtet werden, welche für sich die Arbeitsfelder der Heimerziehung auf unterschiedliche Art hervorheben, wodurch die eben genannte Komplexität und Vielfältigkeit deutlich gemacht werden kann. Münstermann (1990, S.24) definiert Heimerziehung als einen konzeptuellen Begriff, bei welchem die pädagogische Konzeption von größerer Geltung ist als die Institution. Er definiert die Arbeit als einen Begriff welcher besagt:

[…] dass Kinder und Jugendliche mit einer als defizitär definierten Sozialisation - also mit einer bestimmten Biographie – an einem anderen Ort als in der Ursprungsfamilie zeitweilig oder langfristig erzogen werden sollen und diese Erziehung aus organisatorischen und pädagogischen Gründen im Kontext der Betreuung mehrerer Kinder und Jugendlicher geschehen soll; dass mehr als eine professionelle Betreuungsperson […] mit einem sozialpädagogischen Auftrag zur Erziehung von Kindern zur Verfügung steht. (ebd.).

Günder (2000, S. 14) legt in seiner Definition das Augenmerk auf die Lebenswelt der Kinder indem er beschreibt:

Heimerziehung und die sozialpädagogische Betreuung in sonstigen Wohnformen haben die zentrale Aufgabe, positive Lebensorte für Kinder und Jugendliche zu bilden, wenn diese vorübergehend oder auf Dauer nicht in ihrer Familie leben können. Die sehr differenzierten Institutionen der stationären Erziehungshilfe sollen lebensweltorientiert sein. Dies impliziert in der Regel eine ortsnahe oder zumindest regionale Unterbringung sowie die Unterstützung von Kontakten zum früheren sozialen Umfeld, vor allem aber zu der Herkunftsfamilie […]. Das Heim als positiver Lebensort soll frühere oftmals negative oder traumatische Lebenserfahrungen verarbeiten helfen, für günstige Entwicklungsbedingungen sorgen, den einzelnen jungen Menschen als Person annehmen und wertschätzen […] und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven unterstützen. (ebd.)

Die Heimerziehung als Tätigkeitsfeld ist in der Gesellschaft eher unbekannt und daher teilweise befremdlich und negativ besetzt. Mit Assoziationen wie der unfreiwilligen Unterbringung, schwierigen und verhaltensauffälligen Kindern sowie der fehlenden Individualität ist die Heimerziehung immer noch mit vielen Vorurteilen belegt. Seit der Heimkampagne in den 1960ern ist die Heimerziehung jedoch eine wichtige Komponente erzieherischer Angebote geworden und umfasst verschiedene Arten der Heimunterbringung. So kann nach Freigang und Wolf unter anderem von Heimgruppen, Außenwohngruppen und dem betreuten Wohnen gesprochen werden (vgl. Teuber 2003, S.8). Demnach gibt es ein differenziertes Angebot an Unterbringungsformen, wobei sichin dieser Arbeit auf die Kinder- und Jugendheime spezialisiert wird. Eine Eingliederung von Formen wie den heilpädagogischen Heimen oder Kinderdörfern wäre ein zu großer Umfang, da die verschiedenen Formen auch verschiedene Methoden und Klienten beinhalten. Viele Heime offerieren heute auch eine Binnendifferenzierung, was bedeutet, dass ein Haus mehrere Betreuungsformen beinhaltet. In dem klassischen Kinder- und Jugendheim leben Kinder, die durch Sozialisationsdefizite oder Erziehungsdefizite nicht bei ihren Eltern leben können. Die Heimerziehung generalisierend ist immer eine familienergänzende Hilfe und bietet Kindern, Jugendlichen und ihren Familien Hilfe, die Möglichkeit zur Entwicklung sowie die Möglichkeit der Beziehungsarbeit (vgl. ebd., S. 9).

Zunächst wird in diesem Kapitel die Heimerziehung in ihrem historischen Wandel betrachtet. Um die Rechtsgrundlagen zu verdeutlichen, wird in einem weiteren Punkt auf das Kinder- und Jugendhilfegesetz, insbesondere auf den Paragraphen 34, eingegangen. Zum Erfassen der Aufgabengebiete wird sich in Kapitel 2.3 mit den Ursachen einer Unterbringung und somit auch mit den Problemen der Kinder und Familien befasst. Weiterhin geht es um verschiedene Methoden und Ziele der Heimerziehung, um die pädagogische Arbeit verständlich zu machen. In einem letzten Punkt wird der Unterschied zwischen Familie und Heim aufgezeigt. Mit diesem Kapitel zwei wird durch die Darstellung von Entwicklungen, Methoden und Perspektiven eine von zwei theoretischen Grundlagen für diese Arbeit gelegt.

In dem Kapitel kann die Heimerziehung nicht allumfassend dargestellt werden. Dennoch werden von mir wichtig erscheinende Teilaspekte ausführlich beschrieben, sodass der Leser am Ende dieses Kapitels einen allgemeinen Zugang zur Heimerziehung hat. Ich spreche von der Heimerziehung als eine stationäre Institution, in welcher Kinder mittel- oder längerfristig aus verschiedensten Gründen leben. Ich schließe hierbei keine Kinder mit Behinderungen ein, da dies für den Rahmen dieser Arbeit zu weit ausgeholt wäre und weitere Aspekte aufwerfen würde.

2.1 Historischer Wandel

Die Historie der Heimerziehung kann beginnend bei den Waisenanstalten im 16. Jahrhundert, in welchen die Kinder als Arbeiter für den Hof eingesetzt wurden, referiert werden. Als eines der bedeutendsten ersten Waisenhäuser ist die 1698 von August Herrmann Francke gegründete Hallische Anstalt zu nennen. Dabei sollte die Erziehung auf Gott gerichtet sein, wobei die Kinder in lebenspraktischen Themen unterrichtet wurden (vgl. Günder 2007, S. 15). Durch die Folgen des 30-jährigen Krieges wurden die früher so genannten Anstalten überfüllt, was einer Kaserne von Kindern glich und „keine Freiheit zu eigener Entfaltung einräumte“ (Hegel 1968, S. 21). Trotz einiger Abschaffungen und Kritiken an Waisenhäusern und der besseren Überprüfung von Pflegefamilien, wurde 1840 in Hamburg von dem Prinzipal des Waisenhauses erklärt, dass unter bestimmten Voraussetzungen „die Waisenhäuser die beste Erziehungsanstalt für Waisen“ (Günder 2007, S. 17) seien. Durch die Zeit der Aufklärung und die Veränderung des Bildes vom Kind revolutionierte sich auch die Arbeit der Heime. Mithilfe der Gründung eines Armen-Erziehungshauses von Pestalozzi überwogen nun seine und Rousseaus Einstellung und somit eine kindorientierte Erziehung mit dem wichtigen Aspekt der Liebe zum Kind. Damit wollte Pestalozzi darstellen, dass die Institutionen den Wert der familiären und häuslichen Erziehung anerkennen und umsetzen müssten (vgl. Pestalozzi o.J., S. 93). Somit wurde Pestalozzi zum Begründer des Prinzips der Familie in der Heimerziehung (vgl. Günder 2007, S.18). Durch Pestalozzis Aussagen wurde der Umgang mit Kindern in der Heimerziehung geprägt, wobei die „zu lösende Aufgabe als eine pädagogische aufgefasst“ (Pädagogisches Handbuch 1885, S. 1209) wurde. Ein weiterer wichtiger Schritt im Wandel der Heimerziehung war die Rettungshausbewegung mit Johann Heinrich Wichern als relevantem Vertreter. Dieser gründete 1833 das Rauhe Haus in Hamburg, welches sich durch das Familienleben und die Förderung von Erziehung in kleinen Gruppen charakterisierte (vgl. Günder 2007, S. 19).

Im Dritten Reich wurde die Familienorientierung jedoch nicht berücksichtigt. Die Kinder wurden ideologisch und zum Nutzen des NS-Staates erzogen. Nach dem 2. Weltkrieg war es schwer, den vielen elternlosen Kindern gerecht zu werden, was Großgruppen und die Disziplin als Erziehungsmethode zur Folge hatte. Andreas Mehringer forderte nach der Nachkriegszeit erstmals wieder die Umsetzung des Familienprinzips mit kleinen Wohngruppen ein (ebd., S. 22). Auch die SOS-Kinderdorfbewegung verlangte in den 1970ern eine familienähnliche Unterbringung und die Auflösung von großen Institutionen. Die Auswirkung war eine Veränderung der gesamten Pädagogik und die Abschaffung der Heimerziehung in großen Gruppen. Durch die Kinderdorfbewegung wurde den Heimkindern außerdem ein positiver Rahmen mit einer Bezugsperson ermöglicht (ebd., S. 23).

Weiterhin wurden in den letzten 40 Jahren vorbeugende und alternative Maßnahmen zur Heimerziehung etabliert. Maßnahmen sind hierbei die Erziehungsberatung, die soziale Gruppenarbeit, der Erziehungsbeistand, die Familienhilfe oder die Erziehung in einer Tagesgruppe (vgl. KJHG, §28-32). Trotz dieser Maßnahmen und die Intention, Pflegefamilien zu privilegieren, ist die Heimerziehung ein wichtiger Bestandteil der pädagogischen Arbeit, da die Unterbringung in eine Pflegefamilie nicht immer die individuell beste Perspektive für ein Kind ist.

2.2 Rechtsgrundlagen

Das Kinder- und Jugendhilfegesetz, die Rechtgrundlage der Heimerziehung, ist im Jahr 1990 in Kraft getreten und hat nach dem Jugendwohlfahrtsgesetz ein Paradigmenwechsel vollzogen (vgl. Günder 2007, S. 40). Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) verdeutlicht mit der Überschrift „Recht auf Erziehung, Elternverantwortung, Jugendhilfe“ die Grundlagen, Zielsetzungen und Rechte junger Menschen. Hierbei heißt es:

„(1) Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.
(2)Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht derEltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihreBetätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
(3)Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1insbesondere

1.junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklungfördern und dazu beitragen, Benachteiligung zu vermeiden oderabzubauen,
2.Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung zuberaten und zu unterstützen,
3.Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen,9
4.dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen undihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zuerhalten oder zu schaffen“ (KJHG, §1).

In diesen Gesetzen stärkt das KJHG sowohl den Wert der Familie (Abs. 2) als auch das Recht des Kindes (Abs. 1), wobei die vordergründige Aufgabe die Förderung des Kindes ist. Dies wird durch die Hilfen zur Erziehung realisiert, wozu auch die Heimerziehung gehört. An dieser Stelle ist die Hilfe als ein Angebot mit einem rechtlichen Anspruch zu verstehen. Nach §27 Absatz 1 kann ein Erziehungsberechtigter Hilfe berufen, „wenn eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für seine Entwicklung geeignet und notwendig ist“ (ebd. §27). Die Heimerziehung ist in Paragraph 27 bis 35 erklärt und ist neben der Vollzeitpflege eine stationäre Erziehungshilfe, wobei vor der Heimunterbringung andere Hilfen (§ 28-32) vorausgehen. Diese anderen Leistungen sind

-28 Erziehungsberatung
-29 Soziale Gruppenarbeit
-30 Erziehungsbeistand, Betreuungshilfe
-31 Sozialpädagogische Familienhilfe
-32 Erziehung in einer Tagesgruppe

Die Angebote sind ambulante und teilstationäre Leistungen und legen den Fokus auf die Familie und die Unterstützung dieser bei der Stabilisierung ihrer Situationen (vgl. Günder 2011, S. 53). Reichen jene Angebote nach §1666a BGB nicht mehr aus, und ist dies geprüft, darf das Familiengericht den Eltern das Sorgerecht entziehen und nach §1666 einem Vormund übertragen (vgl. BGB, §1666).

Die Heimerziehung ist, wie in der Definition des Sozialgesetzbuches beschrieben, eine Hilfe über Tag und Nacht und soll mit pädagogischen Angeboten die Entwicklung der Kinder fördern. Dabei sollen darüber hinaus die Bedingungen der Herkunftsfamilie nach Möglichkeit verbessert werden, sodass das Kind in die Familie zurückkehren kann. Geschieht dies nicht, wird das Kind auf eine Pflegefamilie oder auf das längerfristige Leben in einer betreuten Wohnform vorbereitet. Nach §37 sollen die Eltern und das Kind einbezogen werden, wenn es um die Unterbringung geht, wobei die Wünsche des Kindes berücksichtigt werden sollen (vgl. Günder 2007, S. 45).

Wie Müstermann, Günder und andere Autoren hat auch das Sozialgesetzbuch eine Definition von Heimerziehung die wie folgt aussieht:

-34 Heimerziehung

„Hilfen zur Erziehung, in einer Einrichtung über Tag und Nacht oder in einer sonstigen betreuten Wohnform soll durch eine Verbindung von Alltagserleben und pädagogischen und therapeutischen Angeboten Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung fördern und entsprechend ihrem Alter und Entwicklungsstand sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie

1. Eine Rückkehr des Kindes in die Familie zu erreichen versuchen oder
2.Die Erziehung in einer anderen Familie oder familienähnlichenLebensform vorbereiten oder
3.Die Verselbstständigung des Jugendlichen fördern und begleiten“(KJHG, §34).

An dieser Stelle kann konstatiert werden, dass die Heimerziehung viele Möglichkeiten, Leistungen und Ausgestaltungsmöglichkeiten hat, um ihre Arbeit zu realisieren. Durch die in der Definition kursiv gedruckten Wörter soll diese Breite der Definition hervorgehoben werden. Die Betreuung über Tag und Nacht oder andere Wohnformen bieten Raum zur breiten Charakterisierung von verschiedenen Heimformen und somit auch verschiedenen Methoden und Klienten. Mithilfe der Verbindung von Alltagerleben und Angeboten wird ersichtlich, dass der Alltag der Kinder mit den Pädagoginnen vor den externen therapeutischen Angeboten steht. Die familienunterstützende Maßnahme wird abermals durch Absatz eins deutlich, womit sich Heimerziehung deutlich von den familienergänzenden Maßnahmen unterscheidet (vgl. Heidemann, Greving 2011, S. 30).

2.3 Ursachen für eine Unterbringung

Es ist wichtig festzustellen, dass ein Kind nicht ohne einen schwerwiegenden Anlass in einer Einrichtung der Heimerziehung untergebracht wird (vgl. Unzner 1999, S. 274). Durch das KJHG rückt der Erhalt der Familie als wichtiger Faktor in den Fokus. Erst wenn alternative externe Hilfen wie die Erziehungshilfe oder der Erziehungsbeistand nicht zu einer Verbesserung für das Kind beitragen und das Kindeswohl gefährdet bleibt, ist die Heimunterbringung eine notwendige Hilfe (vgl. Hamberger 1998, S. 200). In Kapitel 2.1 wurde dargestellt, dass die Ursache für eine Unterbringung außerhalb der Familie in der Vergangenheit hauptsächlich die Elternlosigkeit war, was jedoch zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht mehr der Fall ist und eine Ausnahme darstellt. Heute leben Kinder aus divergenten Gründen in Heimen, da sie für eine bestimmte Zeit oder längerfristig nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben wollen, können oder dürfen. Die Kinder stammen meist aus schwierigen Familienverhältnissen mit traumatischen Lebenserfahrungen und Erziehungsdefiziten. Die Familien weisen verschiedene Problemlagen, wenig Ressourcen und sozioökonomische Benachteiligung wie beispielsweise die Arbeitslosigkeit, auf (ebd., S. 207). Die häufigsten und schwerwiegendsten Indikatoren für eine Heimunterbringung sind Vernachlässigung, Misshandlung oder eine Sucht der Eltern. Ob die Kinder aus den genannten Gründen jedoch fremd untergebracht werden und wo, ist immer eine subjektive Entscheidung von verschiedenen Fachkräften, und ist nicht einheitlich in Gesetzen oder Richtlinien normiert (vgl. Freigang, Wolf 2001, S. 14). In Tabelle 1 vom Statistischen Bundesamt wird gezeigt, wo sich die Kinder vor einer Heimunterbringung befanden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Ursachen für eine Heimunterbringung können immer gesellschaftliche, individuelle und/oder familiäre Probleme sein. Dies zeigt das Forschungsprojekt JULE1, welches Gründe für eine Heimunterbringung tabellarisch darlegt. Die Tabelle wurde von mir dahingehend verändert, die Ursachen nach dem Prozentanteil zu ordnen, um eine bessere Lesbarkeit und Übersicht zu gewährleisten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Tabelle 2 ist deutlich sichtbar, dass die Störung der Eltern-Kind-Beziehung ein wichtiger Indikator für eine Heimunterbringung ist. Die Kinder erleben ihre Eltern hierbei nicht als konsistente oder einfühlsame Bezugspersonen, wobei dies die Ursache einer unsicheren Bindung sein kann. Wesentlich für diese Kinder ist eine Bindung, die auf Zuverlässigkeit, Sicherheit, Empathie und Konsistenz basiert (vgl. Unzner 1999, S. 275f.). Es führen jedoch nicht nur ausschließlich die im Vorangegangen Problemlagen dazu, dass ein Kind in einem Heim lebt. Neben den Problemlagen in der Familie gibt es weitere persönliche Probleme. Diese persönlichen Probleme resultieren jedoch meist aus ihrem Bezugssystem und treten dann in abweichendem Verhalten auf (vgl. Heidemann, Greving 2011, S. 65). Eklatant zu erkennen sind die negativen Beziehungsmuster innerhalb der Familie, die zu Problemen und zur Inanspruchnahme von Hilfe führen (vgl. Baur, Finkel, Hamberger et al 1998, S. 211).

2.4 Konzepte und Ziele

In der Literatur zur Heimerziehung ist auffallend, dass es keine universale Theorie der Heimerziehung gibt. Auch während meines universitären Praktikums in einem Heim schien keine allgemeine Konzeption von der Arbeit präsent zu sein. Gründe dafür könnten sein, dass Heimerziehung ein sehr breiter Bereich mit verschiedenen Formen von Institutionen ist und somit auch unterschiedlichen Aufgaben und Ziele hat. Die Aufgaben und Ziele sind so different, da diese kontinuierlich auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes hin konkretisiert sein müssen. Eine allgemeine Konzeption könnte zur Folge haben, dass nicht alle Facetten der Heimerziehung präzise dargestellt werden können. Singulär gibt es Methoden und Zielsetzungen in der Heimerziehung, die ein Leitfaden für Institutionen sein können (vgl. Günder 1989, S. 18). Meines Erachtens wäre eine Konzeption relevant für die Erzieherinnen, um sich an bestimmten Modellen anlehnen zu können und nicht konzeptionslos zu agieren. In der konzeptionslosen Arbeit sehe ich das Risiko, dass die Erzieherinnen ihr Handeln nicht reflektieren können und eigenmächtig sowie unklar agieren.

Somit kann in dieser Arbeit keine einheitlich beschriebene Konzeption von Heimerziehung erläutert werden. Alternativ werden allgemeine Ziele und Methoden beschrieben, die Themen einer Konzeption sein könnten. Neben den Zielen und den räumlichen Rahmenbedingungen des Heimes, sollte diskutiert werden, wie die Persönlichkeit der Erzieherin sein sollte, um positiv auf die Kinder einzuwirken, welche pädagogische Grundhaltung vorhanden sein sollte und wie Methoden in der Heimerziehung gestaltet sein könnten (ebd., S. 37). Die Ziele sind in der Heimerziehung ein wichtiger Faktor für das pädagogische Handeln, denn diese können sichtbar machen, ob sie zur gewollten Wirkung führen. Die Wirkung ist ein wichtiger Punkt der Heimerziehung denn, wäre Heimerziehung wirkungslos, wie wäre sie gegenüber Kindern und ihren Familien zu legitimieren, die gegen ihren Willen von ihr betroffen wurden, wie wären die Kosten gegenüber der Öffentlichkeit zu vertreten, wenn man nicht fraglos von einer – positiven - Wirkung von Heimerziehung ausginge? (Freigang 2003, S. 37).

Im Folgenden sollen die oben beschriebenen Bereiche, die meiner Meinung nach wichtige Aspekte einer Konzeption sein könnten, vorgestellt werden.

2.4.1 Die Erzieherin

Angesichts des fachlichen Personals in der Heimerziehung gibt es keine konvergenten Erwartungen oder Handlungsmöglichkeiten. Ersichtlich ist, dass Heimerzieherinnen kontinuierlich mit schwierigen oder verhaltensauffälligen Kindern arbeiten. Wo früher die Bereiche Autorität und Disziplin relevant für das pädagogische Handeln waren, ist es heute vielmehr eine „individuelle pädagogische Sichtweise“ (Günder 1989, S. 40). Fundamental zu erkennen ist, dass die Arbeit der Erzieherin mit dem Alltag der Kinder, und dadurch wiederkehrend mit der alltäglichen Arbeit von Eltern einer größeren Familie, zu tun hat (vgl. Heidemann, Greving 2011, S. 55). Nach Müller-Schöll und Priepke (1982, S.121) lassen sich die Aufgabenbereiche einer Heimerzieherin in drei Bereiche einteilen: „Organisator äußerer Lebensbedingungen, Verstärker [und] Modell für die praktische Alltagsbewältigung“. Dabei sind die Aufgaben unter anderem die Folgenden: Die Förderung des Kindes, die Förderung bei der Beschäftigung mit Gesellschaft und Umwelt, die Förderung der Entwicklung der Kontaktfähigkeit, die Verbesserung von Fähigkeiten, die Teilhabe in schulischen Angelegenheiten und die Förderung der Beziehung innerhalb der Gruppe und zwischen Eltern und Kind (ebd., S.122). Erzieherinnen in der Heimerziehung müssen, wie in allen pädagogischen Berufen, die eigene Persönlichkeit erheblich mit in die pädagogische Praxis integrieren, da die Förderung der Kinder viel die Förderung im normalen Alltag betrifft. So ist die Planung und Organisation des Alltags und des Tagesablaufs ein relevanter Bestandteil pädagogischer Arbeit. Demnach ist es bedeutsam, den Kinder ein Vorbild zu sein und ihnen echt entgegenzutreten. Dies inkludiert, dass sich eine Erzieherin im Heim sich selbst und ihre Normen wiederholt kritisch reflektieren sollte, um ihrer Rolle gerecht zu werden (vgl. Hanselmann, Weber 1986, S. 72). Auch die sogenannten Schlüsselqualifikationen, die relevanten Eignungen für das Gelingen des eigenen Lebens, sind zentral für die Heimerziehung. Viele von den sehr globalen Schlüsselqualifikationen, wie verschiedene Denk- und Lösungsmethoden (methodische Kompetenz), Gruppenstruktur erkennen (soziale Kompetenz), Empathie (emotionale Kompetenz) und Ähnliches, sind relevant für die Arbeit in der Heimerziehung (vgl. Heidemann, Greving 2011, S. 55 ff.). Günder (2011, S. 175) betont, dass die Aufgaben der Erzieherin sichtlich aus den „normalen Erziehungsangeboten herausfallen“ (ebd.). Dies begründet er durch die bedeutend geplante und individuelle Erziehung, deren Kinder mit einer zuvor falschen oder fragwürden Erziehung bedürfen (vgl. ebd.).

2.4.2 Die Grundhaltung

Auch die Grundhaltung und die schlussfolgernden Ziele sind nicht global beschrieben. Jedoch soll versucht werden, die Erziehungsvorstellung in einem Heim darzustellen.

Unter Erziehung werden soziale Handlungen verstanden, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten. (Brezinka 1975, S. 95).

Diese Definition von Erziehung könnte helfen, Ziele für die Heimerziehung abzuleiten. Da die Klienten der Heimerziehung jedoch aus schwierigen Lebensbedingungen stammen und große Schwierigkeiten zeigen, muss das Verständnis von Erziehung über die allgemeine Definition hinausgehen. Dies soll keine Stigmatisierung oder Etikettierung implizieren, es soll jedoch die individuelle und planvolle Förderung und Erziehung in den Heimen fokussieren. Außerdem muss durch die individuellen Bedürfnislagen der Kinder die Heilpädagogik und Therapie mit in die Erziehungsvorstellung integriert werden (vgl. Günder 1989, S. 49). Die Grundhaltung in der Heimerziehung sollte geprägt sein von einer positiven Einstellung und einer Annahme aller Kinder. Es ist relevant, die Kinder mit ihren Symptomen als wichtige Menschen an- und ernstzunehmen sowie auf schwierige Verhaltensweisen angemessen zu reagieren. Diese Verhaltensweisen sollte die Pädagogin nicht demoralisieren, sondern die Verhaltensweisen sollten in ihren Ursachen erkannt und das Kind professionell begleitet werden (ebd., S. 51). Wichtig erscheint es, das Kind ganzheitlich sowie ressourcenorientiert und nicht nur an den Symptomen orientiert zu betrachten. Verhaltenspädagogische Maßnahmen wie die Konditionierung des Verhaltens durch das Sanktionieren von negativen Verhalten ist bei Heimkindern keine geeignete Methode, da die Symptome zwar gelindert, die Ursache aber nicht bekämpft wird. Die Sanktionierung kann bei diesen Kindern zu weiteren Störungen führen, da sie ihren eigenen Trieben nicht nachkommen können (ebd., S. 53). Kinder sollen in der Heimerziehung lernen, dass es nützlich ist, sich und das eigene Verhalten zu revidieren. Dazu bedarf das Kind einer Orientierung an der Bezugsperson, deren Aufgabe es ist, diesen Prozess empathisch und echt zu begleiten (Bettelheim 1983, S.310).

2.4.3 Ziele der Heimerziehung

In der Heimerziehung sollte es allgemeine oder globale Erziehungsziele geben, die für alle Kinder gelten und in der Gruppe gefördert werden sollen. Jedoch sollten dann die individuellen Ziele nicht ausgeschlossen werden, die auf einer großen Bandbreite an Handlungsmöglichkeiten basieren. Dies kann pädagogische Einzelförderung, die Begleitung zu Therapien oder das Zeitnehmen für das Kind sein. Hierbei sollte eine Fachkraft die Hauptverantwortung haben, das gesamte Team jedoch instruiert sein. Die Bezugsperson hat die Aufgabe, die Förderung zu übernehmen und darauf zu achten, dass dies von den Kollegen weitergeführt wird, sobald ihre Schicht endet (vgl. Günder 1989, S.77). Die Erziehungsziele sollten sowohl bei internen Personen sowie denHeimmitarbeitern und den Eltern oder externen Personen wie den Lehrern des Kindes transparent und offen gelegt werden, um Störeffekte zu vermeiden (ebd., S. 80).

Einleitend wurden die globalen Ziele der Heimerziehung erwähnt, welche im Folgenden nach Jungmann und Reichenbach (2009, S. 88 ff.) prägnant dargelegt werden. Mit der Realisierung einer entwicklungsförderlichen Lernumwelt sollen die Erzieherinnen für eine adäquate Atmosphäre und Umgebung sorgen, in welchen das Kind sich frei entwickeln kann. Durch die Raumgestaltung in Bezug auf die Gruppe und das Alter können Ko-Konstruktionsprozesse erfolgen, in denen die Kinder voneinander lernen, wobei die Erzieherin die Kinder unterstützen und die Selbstbildungsprozesse fördern soll. Die Fachkraft kann dann im Dialog mit dem Kind Lernprozesse aktivieren und eine Beziehung aufbauen. In solch einem Gespräch kann wiederum auch die Problemlösekompetenz gefördert werden (ebd., S. 88-93).

2.4.4 Der pädagogische Alltag

Im Alltag der Heimerziehung sind die Aufgaben einer Erzieherin beispielsweise Haushaltspläne zu erstellen, Termine wahrzunehmen, Feiern zu planen, für die Kinder einzukaufen, Elternabende zu besuchen, die Gruppenkasse zu verwalten, schriftliche Arbeiten zu erledigen, Entwicklungsberichte zu schreiben, die Freizeit zu organisieren, den Kontakt mit den Eltern herzustellen, die Kinder zu wecken und sie zu Bett zu bringen und weitere alltägliche sowie pädagogische Aufgaben. Dies sollte in einem positiven und umgänglichen Gruppenklima erfolgen, was Teil der globalen Ziele ist (vgl. Günder 1989, S.81). Dabei bleibt verhältnismäßig wenig Zeit für die pädagogischen Prozesse, was dieFörderung der Entwicklung diffizil macht. Gründe hierfür könnten die nicht vorhandenen Planungen, Absprachen und Handlungsstrategien. Es erscheint also relevant, den pädagogischen Alltag erfolgreich zu konzipieren und zu kommunizieren, welche Fachkraft welche Aufgabe übernimmt, wobei auch die Kompetenzen und Fähigkeiten einzelner Erzieherinnen integriert sein können. Die persönlichen Kompetenzen sollte den Kindern offen gelegt werden, um die Erzieherin als Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen wahrzunehmen (ebd. S. 84). Relevant im pädagogischen Alltag ist der Begriff der Pädagogik, welche in den Alltag integriert sein muss. Dies ist vor allem wichtig, um das Kind in herkömmlichen Situationen zu beobachten und kennenzulernen. So kann bei alltäglichen Situationen, wie dem Kochen oder Abendessen, ein verständnisvolles Erzieher-Kind-Gespräch stattfinden, ohne dass das Kind sich beobachtet fühlt. Durch das Zusammenleben im Alltag kann die Erzieherin pädagogische Aspekte konstatieren, die zentral für das Kind und seine Förderung sind, ohne dabei in einem Therapeut-Klient-Verhältnis zu stehen (ebd., S. 85). Dies bedarf einer Sensibilität seitens der Erzieherin, solche Situationen zu registrieren und für pädagogische Handlungen zu nutzen. So können „belanglose Alltagshandlungen (…) eine bewusstere, eine pädagogische Dimension“ (ebd., S. 85) bekommen und die Gestaltung des Alltags kann dazu beitragen, die Kinder ganzheitlich zu fördern (vgl. Heidemann, Greving 2011, S. 159). Nach Wolf und Freigang (1982, S. 64) ist somit die „Pädagogik mehr als Therapie“ (ebd.). Es kann erkannt werden, dass der Alltag einer Gruppe in der Heimerziehung der einer Familie gleicht und die Handlungen der Erzieherinnen meist automatisiert sind. Wie schon artikuliert ist es jedoch von Relevanz, aus dem Alltag eine Pädagogik zu machen, den Alltag also zu „pädagogisieren“ (vgl. Heidemann, Greving 2011, S. 158). Dies ist von Bedeutung, da die dort lebenden Kinder häufig Entwicklungsdefizite aufweisen und der Alltag durch die unnatürlich zusammengestellte Gruppe mehr Planung bedarf als in einer Familie, wobei die Heimerziehung durch den Erziehungsauftrag eine öffentliche Erziehung ist (ebd., S. 159).

2.4.5 Die Freizeitgestaltung

Das Heim ist ein System, welches mit verschiedenen anderen Systemen, außerhalb des Heimes, vernetzt ist. Zwar verbringen die Kinder ihre Freizeit auch in ihrer Gruppe, dennoch ist es unabdingbar, die Bedürfnisse der Kinder auch durch außenstehende Systeme zu befriedigen. Die Freizeitgestaltung ist auch für die Erzieherinnen eine Aufgabe, da die im Heim lebenden Kinder oftmals nicht selbst die Motivation aufbringen, alternative Aktivitäten durchzuführen. Die Freizeit kann somit zum Ziel haben, den Kindern Erfahrungen mit der Gesellschaft und anderen Kindern zu ermöglichen. Die Aufgabe ist es demnach, die Teilnahme an externen Angeboten zu realisieren oder den Kindern innerhalb des Heimes die Kompetenzen zu vermitteln, die es für das Wahrnehmen solcher Angebote benötigt (vgl. Heidemann, Greving 2011, S. 83). Wie relevant es ist, die Angebote in den Alltag zu integrieren, zeigt Schauder mit den Worten:

Es ist daher zweifelsohne notwendig, dass ein Kind, welches soziale Kontakte ausschließlich über negatives Verhalten gestaltet, es erlernt, positive Zuwendungen über sozial adäquate Verhaltensweisen zu erzielen. (Schauder 1995, S. 32f.).

Dazu müssen selbstverständlich vom Träger die finanziellen, materiellen und personellen Ressourcen gegeben sein (vgl. Heidemann, Greving 2011, S. 88). Das Anbieten von Freizeit regt nicht nur dazu an, den Kindern zur Individualität zu verhelfen und mit ihnen zu interagieren, sondern es verhilft dabei, die Beziehung zu den Kindern aufzubauen.

[...]


1 Die JULE Studie wurde von Hans Thiersch an der Universität in Tübingen durchgeführt und vom Familienministerium finanziert.

Details

Seiten
76
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668922341
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462642
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Schulpädagogik, Elementarbildung und Didaktik der Sozialwissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Pädagogik Bindung Heimerziehung

Autor

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Titel: Bindung und Heimerziehung