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Chancen und Möglichkeiten berufsorientierter Elternarbeit in allgemeinbildenden weiterführenden Schulen

von Vanessa Burns (Autor)

Bachelorarbeit 2014 41 Seiten

Pädagogik - Erwachsenenbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1. Der Begriff „Elternarbeit“
2.2. Der Begriff „Berufsorientierung“
2.3. Die Familie als wichtigste Instanz im Berufsorientierungsprozess
2.4. Herausforderungen und Probleme der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrkräften – Ausgangsituation
2.4.1. Schwierigkeiten beim Übergang Primarstufe - Sekundarstufe
2.4.2. Defizite im Kontaktverhalten und Informationsaustausch
2.4.3. Bestehende Angebote zur Elternarbeit sprechen Eltern nicht an
2.4.4. Eltern aus bildungsfernen Schichten bzw. mit Migrationshintergrund
2.4.5. Elterneinfluss ist nicht immer positiv

3. Chancen und Möglichkeiten berufsorientierter Elternarbeit
3.1. Ziel berufsorientierter Elternarbeit
3.2. Aufgaben berufsorientierter Elternarbeit
3.3. Strategien berufsorientierter Elternarbeit
3.3.1. Entwicklung und Pflege einer Willkommenskultur
3.3.2. Aufsuchende Elternarbeit – Intensive und regelmäßige Kontakte zwischen Eltern und Lehrkräften
3.3.3. Aktivierende Elternarbeit – Kooperation zwischen Eltern und Lehrkräften
3.3.4. Netzwerkarbeit
3.4. Planung und Umsetzung berufsorientierter Elternarbeit
3.5. Good Practice - Modell: Das Stuttgarter Konzept für eine verbesserte Zusammenarbeit mit Eltern in der Berufsorientierung

4. Grenzen berufsorientierter Elternarbeit
4.1. Das Standardelement „Elternarbeit“ in dem neuen Übergangs-
system in NRW
4.2. Die Rolle der Lehrkräfte

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Chancen und Möglichkeiten berufsorientierter Elternarbeit in allgemein- bildenden weiterführenden Schulen

1. Einführung

„ Der Übergang von der Schule ins Berufsleben spielt eine zentrale Rolle für die Zukunftsperspektive junger Menschen. Daher ist die Förderung des individuellen Berufswahl- bzw. Studienwahlprozesses eine wichtige und zentrale Aufgabe der allgemeinbildenden Schulen.“ 1 Aufgrund des stetigen Wandels des Arbeits- marktes entstehen neue Berufsfelder und Studiengänge, die wiederum neue Anforderungen an die jungen Erwachsenen stellen.2 Daneben stehen die Jugendlichen bei dem Übergang Schule - Beruf vor der Herausforderung, aus einer Vielzahl an beruflichen Angeboten eine Entscheidung, im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten, zu treffen.3 Auch müssen sie sich mit neuen und veränderten Schwierigkeiten auf dem Ausbildungsmarkt auseinandersetzen, darunter verstärkte Konkurrenz sowie erhöhte Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen.4 Daher reicht es auf Seiten der Schule nicht mehr nur aus, durch die Vermittlung von kognitivem Wissen auf das Arbeitsleben vorzubereiten, sondern sie muss die Schülerinnen und Schüler beim Aufbau von Kompetenzen und Fähigkeiten in einer sich ständig veränderten Arbeitswelt unterstützen, um ihnen schließlich einen erfolgreichen Übergang in die weitere Ausbildung bzw. Bildung zu ermöglichen.5 Eine solche umfangreiche Unter- stützung kann nicht allein durch die Schulen geleistet werden, sodass weitere Partner bzw. Netzwerkinstanzen mit einbezogen werden müssen.6 Eine ganz besondere Rolle kommt dabei der Elternarbeit zu. Verschiedene Studien belegen, dass Eltern den größten Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder haben – einen größeren noch als Lehrkräfte, Altersgenossen und Berufsberater.7 Unter anderem kommt die Studie „Jugend und Beruf“ der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2005 zu dem Ergebnis, dass die Berufswahl einer der wenigen Bereiche ist, „in dem Jugendliche ihre Eltern noch um Rat fragen“ und „in dem sie ihnen noch Kompetenzen einräumen“.8 Ferner berichtet die Studie Berufswahl in Hamburg aus dem Jahr 2006:

„Der überragend starke elterliche Einfluss bleibt bestimmendes Faktum. Die Anstrengungen, Eltern zu möglichst kompetenten Begleitern der Berufszielfindung ihres Kindes zu machen und frühzeitig in den Wahlprozess einzubeziehen, müssen deshalb unvermindert fortgesetzt werden.“ 9

Daher ist es einer der zentralen Aufgaben der Schulen Eltern frühzeitig in den Berufsorientierungsprozess ihrer Kinder aktiv mit einzubeziehen, damit sie ihr Einflusspotential kompetent ihrem Kind gegenüber nutzen können. Zwar ist der Bereich der berufsorientierten Elternarbeit weniger gut erforscht, dennoch können Studien belegen, dass sich eine gute Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrkräften zumindest im Hinblick auf die Entwicklung der Leistungen und des Verhaltens von Schülerinnen und Schülern günstig auswirkt.10 Eine gute Elternarbeit während des Berufsorientierungsprozesses kann folglich auch für die berufliche Zukunft von Jugendlichen ein entscheidender Erfolgsfaktor sein.11 Eine enge und partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Instanzen ist dabei unverzichtbar, um die Schülerinnen und Schüler in ihrem beruflichen Werdegang zu unterstützen. Diese Kooperation ist allerdings nicht an jeder Schule selbstverständlich und benötigt Förderungsbedarf.12

Ziel dieser Arbeit ist es daher, Chancen und Möglichkeiten berufsorientierter Elternarbeit in allgemeinbildenden weiterführenden Schulen aufzuzeigen und zu hinterfragen inwieweit und mit welchen Strategien eine vertrauensvolle Elternarbeit konkret für den Übergang Schule - Beruf realisiert werden kann. Hierzu werden im ersten Teil der Arbeit theoretische Hintergrundinformationen gegeben. Diesbezüglich werden die beiden Begriffe „Elternarbeit“ und „Berufsorientierung“ definiert, ferner wird die Rolle der Familie für die Berufsorientierung betrachtet sowie Problemfelder und Schwierigkeiten der Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule untersucht. In einem zweiten Teil werden schließlich konkrete Ziele, Aufgaben und Strategien erfolgreicher Elternarbeit für eine gezielte Berufsorientierung aufgezeigt und veranschaulicht, inwiefern diese an den weiterführenden Schulen geplant und umgesetzt werden können.13 Hierzu wird im Anschluss ein Good-Practice Modell vorgestellt, um zu demonstrieren, wie berufsorientierte Elternarbeit gelingen kann. Anschließend werden die Grenzen berufsorientierter Elternarbeit anhand des neuen Übergangssystems Schule - Beruf in NRW sowie der Rolle der Lehrkräfte ermittelt. Zuletzt wird ein Fazit aus der Erarbeitung gezogen.

2. Theoretischer Hintergrund

2.1. Der Begriff „Elternarbeit“

Eine Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schulen ist sowohl im Grundgesetz, als auch in den Verfassungen der einzelnen Bundesländer gesetzlich vorgeschrieben und rechtlich verankert. So heißt es im Grundgesetz:

„Der staatliche Erziehungsauftrag der Schule, von dem Artikel 7,1 GG ausgeht, ist in seinem Bereich dem elterlichen Erziehungsrecht nicht nach-, sondern gleichgeordnet. Diese gemeinsame Erziehungsaufgabe von Eltern und Schule, welche die Bildung der eigenen Persönlichkeit des Kindes zum Ziel hat, lässt sich nicht in einzelne Komponenten zerlegen. Sie ist in einem sinnvoll aufeinander bezogenen Zusammenwirken zu erfüllen.“ 14

Trotz der negativ konnotierten Bedeutung des Begriffs der Elternarbeit wird im Folgenden an diesem festgehalten.15 Elternarbeit wird dabei nicht als alleinige Aufgabe der Schule betrachtet, sondern gemäß der gesetzlichen Verankerung als eine Kooperation zwischen Eltern und Schule, in der sich beide Instanzen als Partner auf gleicher Augenhöhe respektieren.16 Der Terminus beinhaltet zudem alle Formen der Kommunikation und Kooperation und schließt zugleich mögliche Problemzonen mit ein.17 Elternarbeit in der Schule geschieht dabei unter Offenlegung und Abstimmung des Erziehungsziels zwischen der Familie des Kindes sowie den Lehrkräften und dient dem Ziel, das Kind gemeinsam in seiner Entwicklung bzw. in seinem Berufsorientierungsprozess zu fördern.18

2.2. Der Begriff „Berufsorientierung“

Der Begriff „Berufsorientierung“ lässt sich aufgrund seiner vielfältigen Bedeutungsvariationen nur schwer erfassen. Je nachdem aus welchem Blickwinkel dieser Begriff betrachtet wird, werden unterschiedliche Aspekte hervorgehoben. So richten sich die unterschiedlichen Definitionen an Personen sowie Personengruppen (Berufswähler, Familie, Bundesagentur für Arbeit), beinhalten klare Zielangaben für den Berufswähler oder richten sich verstärkt an Schule und Unterricht.19

In der neueren Literatur wird Berufsorientierung als ein „lebenslanger Prozess der Annäherung und Abstimmung zwischen Interessen, Wünschen, Wissen und Können des Individuums auf der einen und Möglichkeiten, Bedarf und Anforderungen der Arbeits- und Berufswelt auf der anderen Seite“ definiert.20 Der Bereich der Berufsorientierung erfasst dabei in erster Linie Kinder und Jugendliche, die für den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt vorbereitet werden müssen. Hierfür müssen sie in ihrer Persönlichkeit gestärkt werden, damit sie später ihre eigene Lebensplanung gestalten können. Demgegenüber muss auch der Arbeitsmarkt berücksichtigt werden, indem die Jugendlichen für die in der Arbeitswelt relevanten Kompetenzen individuell gefördert werden. Berufs- orientierung muss sich dabei immer wieder den neuen Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt anpassen. Dazu muss sich die Schule sowohl an den Fähigkeiten des einzelnen Jugendlichen als auch an den Anforderungen der Arbeitswelt orientieren.21 Für diese Arbeit ist zudem wichtig, dass Berufsorientierung als eine kooperative Aufgabe mehrerer Akteure verstanden wird, denn neben den Jugendlichen wirken darüber hinaus deren Familien, die Schulen, die Beratungs- und Vermittlungsdienste der Arbeitsagentur sowie eine Vielzahl außerschulischer Instanzen an der Berufsorientierung mit.

2.3. Die Familie als wichtigste Instanz im Berufsorientierungsprozess

Als wichtigste Instanz im Sozialisationsprozess eines jeden Kindes gilt zweifelsohne die Herkunftsfamilie. Diese bildet in den ersten Lebensjahren das soziale Milieu, in dem das Kind aufwächst und erste Erfahrungen sowie Eindrücke von der Welt sammelt.22 Bereits zu dieser Zeit eignen sich Kinder von ihren Eltern Werte, Einstellungen und Kompetenzen an, die ihr gesamtes weiteres Leben prägen.23 So bestimmen beispielsweise die sozialen Kompetenzen der Familie die sozialen Fähigkeiten und Fertigkeiten des Kindes. Darüber hinaus wirken sich die in dem familiären Kontext erschaffenen Bildungsanreize sowohl auf das Lernverhalten als auch auf die Intelligenzentwicklung eines Kindes aus.24

„Nur sehr mühselig lassen sich die in den ersten Lebensjahren entwickelten Anschauungen später revidieren oder überformen.“25

Auch das Thema „Beruf“ spielt in den ersten Lebensjahren eines Kindes bereits eine zentrale Rolle. Innerhalb der Familie beginnt das Kind im Normalfall sein Bild über Arbeit und Beruf zu konstruieren. Es kommt dabei in Kontakt mit verschiedenen Berufen (Backen, Verkaufen etc.) und erfährt beispielsweise, wenn Eltern regemäßig zur Arbeit gehen.26 Durch Fragen entstehen Gesprächsanlässe, die die ersten Erfahrungen eines Kindes mit der Arbeitswelt prägen.27 „Der Stellenwert der Erwerbsarbeit im elterlichen Leben wird quasi automatisch in die kindliche Vorstellung des Erwachsenendaseins und damit in den eigenen Lebensentwurf transportiert.“28 Ab der Primarstufe entwickeln Kinder schließlich unterschiedliche Einstellungen und Verhaltensmuster gegenüber Ausbildung und Beruf bzw. Berufswahl, welche sich nicht nur in den schulischen Leistungen widerspiegeln, sondern auch den weiteren Verlauf des Berufswahlprozesses entscheidend mitbestimmen.29

Später entwickeln Jugendliche ihre Kompetenzen und Einstellungen nicht mehr nur allein durch das Elternhaus, sondern zusätzlich durch verschiedene Instanzen. (Schule, Peer-Group etc.). Die Familie behält dennoch bis ins Erwachsenenalter eine wichtige Rolle und ist eine verlässliche sowie stabile Bezugsinstanz bei essentiellen Entscheidungen bezüglich Bildungs- und Berufsfragen.30 Eltern üben einen entscheidenden Einfluss – ob bewusst oder unbewusst – auf die Kompetenz- entwicklung und auf die Bildungsentscheidungen ihrer Kinder aus.31 So bestimmt beispielsweise „die Art und Weise des elterlichen Umgangs mit den Heranwachsenden“ unter anderem die für die Berufs- und Lebensplanung wichtigen Kompetenzen (Planung, eigenverantwortliches Handeln etc.).32 Auch tragen die Eltern wesentlich zu dem Schulerfolg ihrer Kinder bei und folglich auch bei dem Übergang Schule - Beruf.33 Darüber hinaus entscheiden sie über Bildungsverläufe, indem sie den Übergang in die Sekundarstufe maßgeblich mitbestimmen.34 Zusätzlich wird das Kind durch die elterliche Beratung zwangsläufig auf einen vorbestimmten Weg geleitet.35 Eltern übernehmen insgesamt also die Rolle eines aktiven Unterstützers während des Berufsorientierungsprozesses. Sie sind sowohl Vorbild, Motivator, Berater, Impulsgeber und Arbeitnehmer, die ihren Kindern in dieser Phase beiseite stehen.

Demzufolge hängt der berufliche Werdegang eines Jugendlichen maßgeblich von der Herkunftsfamilie ab. Die Erfahrungen, die Kinder bzw. Jugendliche in ihrem familiären Umfeld sammeln, können sich sowohl positiv als auch negativ auswirken. Unter anderem heißt es bei Neuenschwander, dass Kinder aus einer Familie mit förderlich pädagogischer Orientierung bessere Voraussetzungen für den Berufswahlprozess mitbringen als Kinder aus schwierigen Umfeldern. Nicht zuletzt, weil sie durch anregende Freizeitaktivitäten in der Familie Fähigkeiten entwickeln können, die sie auf ihre berufliche Zukunft vorbereiten. Zudem können Kinder, deren Eltern auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sind, auf eine bessere Unterstützung seitens der Eltern hoffen.36

Kinder, die hingegen in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwachsen, haben von Beginn an schlechtere Startbedingungen, welches sich sowohl auf ihre individuelle Entwicklung, als auch den Berufswahlprozess auswirkt. Oftmals ist ihre soziale Umwelt von Motivationsarmut, Resignation, schlechter materieller Ausstattung und Perspektivlosigkeit gezeichnet.37 Noch vor dem Schuleintritt erfahren Kinder häufig einen unstrukturierten Alltag, „der von den Erwachsenen oftmals nicht optimal für Bildung und Erziehung organisiert werden kann“.38

Eltern, die seit längerer Zeit arbeitslos sind, können ihren Kindern zudem meist weniger Wissen und Informationen mitgeben, weiterhin fehlt ein Selbst- verständnis von Arbeit in der Entwicklung des Kindes bzw. Jugendlichen.39 Die Schule allein kann diese sozialen Diskrepanzen nicht kompensieren, sodass eine Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Eltern zwingend notwendig ist, um die Erfahrungen von Jugendlichen insbesondere aus problemhaften Lebenslagen zu neutralisieren und ihnen so eine Chance in ihrem beruflichen Werdegang zu ermöglichen.40 Dass diese Zusammenarbeit mit Problemen und Heraus- forderungen verbunden ist, wird im folgenden Abschnitt näher erörtert.

2.4. Herausforderungen und Probleme der Zusammenarbeit zwischen Eltern und

Lehrkräften – Ausgangssituation

Die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Lehrkräften bezüglich schulischer Berufsorientierung „scheitert häufig an den Akteurinnen und Akteuren selbst (Lehrkräfte wie auch Eltern), weil ein grundlegender Aufbau einer guten Zusammenarbeit an der jeweiligen Schule oft fehlt“.41 Trotz eines gewünschten bzw. erforderlichen partnerschaftlichen Verhältnisses zwischen beiden Instanzen, wird die bestehende Zusammenarbeit dennoch von beiden Seiten als problematisch eingestuft.42

Für dieses angespannte Verhältnis spielen zwei wesentliche Faktoren eine Rolle.43 Unter anderem die unterschiedliche Wahrnehmung der Zusammenarbeit von Eltern und Lehrkräften in der Sekundarstufe:

„Ein Viertel bis ein Drittel der Lehrkräfte schätzt die Atmosphäre günstiger ein als die Eltern. Diese Lehrkräfte laufen Gefahr, recht unrealistische Vorstellungen von der Beziehung zwischen Elternhaus und Schule zu entwickeln und es sich gewissermaßen in einer Scheinwelt bequem zu machen.“ 44

Die Einschätzungen der Lehrkräfte beziehen sich dabei größtenteils auf die Eltern, die sich aktiv einbringen und engagiert sind – Eltern, die sich weniger beteiligen, werden ausgeblendet.45 Zudem gibt es an den weiterführenden Schulen grundlegende Probleme in der Beziehung zwischen den Lehrkräften und Eltern, die im Folgenden näher ausgeführt werden.46

2.4.1. Schwierigkeiten beim Übergang Primarschule - Sekundarschule

Ein wesentlicher Grund, warum Probleme zwischen den beiden Instanzen Eltern und Schule entstehen, ist der Übergang von der Primarstufe in die Sekundarstufe. Nach dem Übertritt der Schülerinnen und Schüler ziehen sich viele Eltern größtenteils aus der Elternarbeit zurück. Nicht zuletzt, weil sich die organisatorischen Bedingungen bezüglich der Kooperation zwischen Eltern und Lehrkräften verändert haben. Durch das Fachlehrersystem gibt es eine Vielzahl an Lehrkräften, an die sich die Eltern wenden können. Ein regelmäßiger Informationsaustausch wird dadurch weitestgehend erschwert und eine Kooperation zwischen beiden Instanzen ist folglich nicht mehr gegeben. Darüber hinaus kommt erschwerend hinzu, dass die Sekundarschule meist eine größere räumliche Entfernung mit sich bringt und Eltern häufig wieder Teil- bzw. Vollzeit berufstätig werden. Auch Jugendliche stehen einer Elternarbeit ab der Sekundarstufe zunehmend kritisch gegenüber und erwünschen oft keine Kooperation. Eine solche Haltung beruht insbesondere darauf, dass Eltern und Lehrkräfte erst dann Kontakt aufnehmen, wenn Probleme entstehen.47

2.4.2. Defizite im Kontaktverhalten bzw. Informationsaustausch

Laut der PISA Studie aus dem Jahr 2006 fühlen sich deutsche Eltern im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich informiert. Lediglich 46 Prozent der Eltern in Deutschland versichern, regelmäßig nützliche Informationen über die Fortschritte ihres Kindes zu erhalten. Im internationalen Vergleich liegt der Durchschnitt bei 74 Prozent.48 Insbesondere hier können die seltenen Kontakte sowie der mangelnde Informationsaustausch zwischen Eltern und Lehrkräften verantwortlich gemacht werden. Gründe hierfür liegen unter anderem darin, dass der Kontakt zwischen Eltern und Lehrkräften lediglich im Rahmen von formellen Gesprächsanlässen wie Schulfesten, Elternabenden und Elternsprechtagen beschränkt bleibt. Ein informeller Austausch, beispielsweise über Anrufe, Emails oder zufällige Begegnungen, bleibt hingegen oftmals ungenutzt bzw. wird nur selten beansprucht. Darüber hinaus werden diese formellen Gesprächsanlässe seitens der Eltern häufig nur besucht, um ein ungünstiges Bild von ihnen bzw. dem Kind zu vermeiden. Der notwendige Informationsaustausch ist folglich nicht ausschlaggebend für ein Aufsuchen von Kontaktangeboten der Schule. Damit geht einher, dass Lehrkräfte häufig nicht ihrer Pflicht nachgehen, Eltern über die wichtigsten Dinge zu informieren. Insbesondere bezüglich der Berufsorientierung fehlt es Eltern häufig an Informationen, um ihre Kinder aktiv in dem Berufsorientierungsprozess zu unterstützen. Daneben erkundigen sich Lehrkräfte nur selten über das soziale Umfeld oder die Freizeitinteressen des Kindes bzw. Jugendlichen, sodass ein einseitiger Informationsfluss von den Lehrkräften zu den Eltern besteht und die Kommunikation auf wenige Themen beschränkt ist. Daraus resultieren schließlich ein Machtungleichgewicht zugunsten der Lehrkräfte und ein unzureichender Kenntnisstand über die einzelnen Familiensituationen. Auch ergreifen Lehrkräfte nur selten die Initiative, Kontakt zu den Eltern außerhalb der Institution Schule aufzusuchen. Vielmehr warten Lehrkräfte darauf, dass Eltern Kontakt zu ihnen aufbauen. Folglich entsteht der Eindruck, die Schule sei an dem Kontakt zu den Eltern nicht interessiert, sodass sich auf Seiten der Eltern ein Gefühl des Nicht-Willkommenseins einstellt. Darüber hinaus sind die seltenen Kontakte meistens defizitorientiert, da Eltern bzw. Lehrkräfte oftmals erst dann das Gespräch suchen, wenn Probleme auftreten. Ein vertrauensvolles Verhältnis kann so erst gar nicht aufgebaut werden. Vielmehr entwickeln sich auf Seiten der Eltern Hemmschwellen in der Kontaktaufnahme zu den Lehrkräften.49

2.4.3. Bestehende Formen der Elternarbeit sprechen Eltern nicht an

Trotz zahlreicher Möglichkeiten eine Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule zu gestalten, begrenzen sich diese Angebote an vielen Schulen lediglich

für die Welt von morgen, S.275. abgerufen am: 30.05.14. verfügbar unter: http://www.oecd.org/pisa/39728657.pdf auf unflexible Elternsprechtage und wenige Elternabende. Nur selten werden darüber hinaus weitere Projekte zur Berufsorientierung angeboten. Seitens der Schule bzw. Lehrkräfte wird das Interesse der Eltern, die bereits vorhandenen Angebote wahrzunehmen, bemängelt, auf der anderen Seite scheinen die vorhandenen Angebote und Konzepte nicht alle Eltern zu erreichen.50

[...]


1 Bertelsmann Stiftung, Bundesarbeitsgemeinschaft Schule Wirtschaft & MTO Psychologische Forschung und Beratung GmbH (Hrsg.). (2009). Leitfaden Berufsorientierung: Praxishandbuch zur qualifizierten Berufs- und Studienorientierung an Schulen (2. Auflage). Gütersloh: Bertelsmann Stiftung, S.9.

2 Vgl. Bertelsmann Stiftung u.a., 2009, S.9. Darüber hinaus begrenzen eigene Interessen, Herkunftsfamilien sowie Schichts- bzw. Geschlechtszugehörigkeiten die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt.

3 Vgl. Bertelsmann Stiftung u.a., 2009, S.7.

4 Vgl. Wissenschaftliche Begleitung des Programms „Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben“ (Hrsg.). (2008). Partner der Schule – Berufs- und Lebensweltvorbereitung: Beiträge von Berufs- orientierungsprojekten, Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben (2. Band). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S.1.

5 Vgl. Wissenschaftliche Begleitung des Programms „Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben“, 2008, S.2.

6 Lag diese Unterstützung früher in der Verantwortung der Eltern, wird diese Aufgabe heutzutage zunehmend von den Schulen übernommen, da sich viele Eltern bei der Berufsberatung aufgrund der komplexer werdenden Arbeitswelt überfordert fühlen. Vgl. Neuenschwander, M. (2013). Elternarbeit in der Berufsorientierungsphase. In T. Brüggemann & S. Rahn (Hrsg.), Berufsorientierung: Ein Lehr- und Arbeitsbuch (S.198-210). Münster: Waxmann, S.207.

7 Vgl. Beinke, L. (2002). F amilien und Berufswahl. Bad Honnef: K.H. Bock.

8 Prager, J. & Wieland, C. (2005). Jugend und Beruf: Repräsentativumfrage zur Selbst- wahrnehmung der Jugend in Deutschland, S.9. abgerufen am: 30.05.14. verfügbar unter: http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/Studie_Jugend_und_Beruf.pdf

9 Vgl. Arbeitskreis Einstieg (2006). Berufswahl in Hamburg 2006: Eine Umfrage unter Hamburger Schülerinnen und Schülern. S.7. abgerufen am: 30.05.14. verfügbar unter: http://www.schule-wirtschaft-hamburg.de/service/downloads/berufswahl-hamburg-2006.pdf Wie genau sich der Einfluss der Eltern auf die Berufswahl auswirkt, hat Beinke näher untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass ca. 50% der Jugendlichen an Haupt und Realschulen ihre Kenntnisse über den zukünftigen Beruf durch ihre Eltern erhalten und sich etwa 30-40 Prozent bei ihrer Entscheidung für einen Beruf von ihren Eltern beraten lassen. Vgl. Beinke, L. (2000). Elterneinfluss auf die Berufswahl. Bad Honnef: K.H. Bock.

10 Vgl. Neuenschwander, zit. nach Neuenschwander, 2013, S.205.

11 Vgl. Regionales Übergangsmanagement Marburg-Biedenkopf – Rahmenbedingungen für berufsbezogene (interkulturelle) Elternarbeit (o.J.), S.1. abgerufen am: 30.05.14. verfügbar unter: http://www.perspektive- berufsabschluss.de/downloads/Downloads_Projekte_Uebergangsmanagement/Uebergangsmanage ment_Marburg_RahmenkonzeptElternarbeit_11_2008.pdf

12 Analysen der PISA-Daten von 2003 ergaben, dass 53% der Schulen, die ihre Möglichkeiten bezüglich der Entwicklung und Sicherung ihrer Qualität wenig nutzen, sich auch kaum in der Elternarbeit engagieren. Auch schöpfen 15% aller Schulen, die über günstige Rahmenbedingungen verfügen, ihre Möglichkeiten der Elternbeteiligung nicht voll aus. Vgl. Senkbeil, M. (2005). Schulmerkmale und Schultypen im Vergleich der Länder. In PISA-Konsortium Deutschland (Hrsg.), PISA 2003: Der zweite Vergleich der Länder in Deutschland (S.299-321). Münster: Waxmann, S.304f.

13 Hierbei wird sich insbesondere auf das Werk von Werner Sacher „Elternarbeit als Erziehungs - und Bildungspartnerschaft“ bezogen.

14 BVerfGE34, 165ff. Urteil des Ersten Senats vom 6. Dezember 1972. abgerufen am: 30.05.14. verfügbar unter: http://lehrerfortbildung-bw.de/allgschulen/alle/elternarbeit/01_warum_elternarbeit/

15 Vgl. Stange, W. (2012). Erziehungs- und Bildungspartnerschaften – Grundlagen, Strukturen, Begründungen. In W. Stange, R. Krüger, A. Henschel, & C. Schmitt (Hrsg.), Erziehungs- und Bildungspartnerschaften: Grundlagen und Strukturen von Elternarbeit (S.12-39). Wiesbaden: Springer VS, S.13.

16 Vgl. Sacher, W. (2014). Elternarbeit als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft: Grundlagen und Gestaltungsmöglichkeiten für alle Schularten (2. Auflage). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, S.25.

17 Vgl. Stange, 2012, S.13.

18 Vgl. Sacher, 2014, S.25. Im Folgenden steht der Begriff „Eltern“ immer für die an der Erziehung beteiligten Personen. Dies umfasst sowohl Eltern aus traditionellen Familien, Alleinerziehende und Erzieherinnen oder Erzieher, die die Rolle eines Elternparts übernehmen.

19 Vgl. Schudy, J. (2002). Berufsorientierung als schulstufen- und fächerübergreifende Aufgabe. In J. Schudy (Hrsg.), Berufsorientierung in der Schule: Grundlagen und Praxisbeispiele (S.9-16). Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt, S. 9.

20 Butz, B. (2008). Grundlegende Qualitätsmerkmale einer ganzheitlichen Berufsorientierung. In Wissenschaftliche Begleitung des Programms „Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben“ (Hrsg.), Berufsorientierung als Prozess – Persönlichkeiten fördern, Schule entwickeln, Übergang sichern: Ergebnisse aus dem Programm „Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben“, Schule – Wirtschaft/ Arbeitsleben (5. Band) (S.42-62). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S.50.

21 Vgl. Bertelsmann Stiftung u.a., 2009, S.13-15.

22 Vgl. Walter, B. (2010). Die berufliche Orientierung junger Menschen: Untersuchungen zur Verantwortung von Gesellschaft und Pädagogik (Europäische Hochschulschriften 11). Frankfurt am Main: Peter Lang, S.110.

23 Vgl. Neuenschwander, 2013, S.198.

24 Vgl. Walter, 2010, S.110.

25 Walter, 2010, S.110.

26 Vgl. Walter, 2010, S.110-111.

27 Vgl. Michaelis, U. (2008). Strategische Einbeziehung von Elternkompetenz in die Berufsorientierung. In Wissenschaftliche Begleitung des Programms „Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben“ (Hrsg.), Berufsorientierung als Prozess. Persönlichkeit fördern, Schule entwickeln, Übergang sichern: Ergebnisse aus dem Programm „Schule Wirtschaft/Arbeitsleben“, Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben (5. Band) (S.237-257). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S.245.

28 Walter, 2010, S.111.

29 Vgl. Neuenschwander, M. (2008). Elternunterstützung im Berufswahlprozess. In D. Läge & A. Hirschi (Hrsg.), Berufliche Übergänge: Psychologische Grundlagen der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (S.135-153). Berlin: LIT, S.145-146.

30 Vgl. Walter, 2010, S.110.

31 Vgl. Stadt Mannheim (Hrsg.). (2011). Unterstützen und stärken: Gelingende Elternarbeit am Übergang Schule – Beruf, S.4. abgerufen am: 6.06.14. verfügbar unter: https://www.mannheim.de/sites/default/files/page/21727/gelingende_elternarbeit_am_uebergang_s chule_beruf.pdf

32 Vgl. Michaelis, 2008, S.245.

33 Vgl. Neuenschwander, 2013, S.201. Eltern beeinflussen durch ihr erzieherisches Handeln die Interessen ihrer Kinder. Daneben bestimmen sie das soziale Umfeld, in dem das Kind aufwächst (Wohn- und Lebensraum) und bedingen durch ihre materielle Ausstattung die schulische sowie berufliche Entwicklung ihrer Kinder. Vgl. Walter, 2010, S.113-114.

34 Vgl. Neuenschwander, 2013, S.202.

35 Vgl. Neuenschwander, 2013, S.203.

36 Vgl. Neuenschwander zit. nach Neuenschwander, 2013, S.201.

37 Vgl. Walter, 2010, S.64. „Die Ausstattung der Familie mit sozialem und kulturellem Kapital, die Existenz und Nutzbarkeit persönlicher Netzwerke sowie der Zugang zu wichtigen, karriererelevanten Informationen haben auf die bildungs- und beschäftigungsspezifische Entwicklung einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Jugendliche aus höheren sozialen Schichten und anregenden Sozialräumen können in dieser Hinsicht von besseren Ausgangsbedingungen profitieren." Walter, 2010, S.64.

38 Walter, 2010, S.214.

39 Vgl. Walter, 2010, S.65.

40 Vgl. Walter, 2010, S.215.

41 Michaelis, 2008, S.244.

42 Vgl. Michaelis, 2008, S.240.

43 Vgl. Michaelis, 2008, S.240.

44 Sacher zit. nach Michaelis, 2008, S.241.

45 Vgl. Erbeldinger, P., Wetzstein, T. & Hilgers, J. (2008). Eltern und Schule als Partner in der Berufsorientierung – Sichtweisen und Arbeitsmodelle. In Wissenschaftliche Begleitung des Programms „Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben“ (Hrsg.), Partner und Schule – Berufs- und Lebensweltvorbereitung: Beiträge von Berufsorientierungsprojekten, Schule – Wirtschaft/Arbeitsleben (2. Band) (S.51-75). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, S.60.

46 Vgl. Michaelis, 2008, S.241.

47 Vgl. Sacher, 2014, S.134. Dennoch lässt sich festhalten, dass die Jugendlichen Elternarbeit nicht vollkommen ablehnen. 70% der Schülerinnen und Schüler wünschen nicht, dass sich ihre Eltern aus den schulischen Angelegenheiten heraushalten. Vgl. Sacher zit. nach Sacher, 2008, S.9.

48 Vgl. OECD Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Hrsg.). (2007). PISA 2006 – Schulleistungen im internationalen Vergleich: Naturwissenschaftliche Kompetenzen

49 Vgl. Sacher, 2014, S.51-54.

50 Vgl. Landeshauptstadt Stuttgart (Hrsg.). (2011a). Zusammenarbeit mit Eltern in der Berufs-orientierung: Eine Handreichung für Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter/innen und (muttersprachliche) Schlüsselpersonen an Stuttgarter Haupt- und Werkrealschulen. Stuttgart, S.4.

Details

Seiten
41
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783668920507
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462569
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
chancen möglichkeiten elternarbeit schulen

Autor

  • Vanessa Burns (Autor)

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Titel: Chancen und Möglichkeiten berufsorientierter Elternarbeit in allgemeinbildenden weiterführenden Schulen