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Hintergründe und Auswirkungen von Zwangsheirat in Deutschland

von Heidi Graf (Autor)

Hausarbeit 2018 16 Seiten

Ethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zwangsheirat und arrangierte Ehe– eine schwierige Abgrenzung
2.1. Unterschied Zwangsheirat und arrangierte Ehe ist marginal

3 . Fallbeispiel 15 jährige Yosma
3.1. Rechtliche Aspekte der Zwangsehe
3.2. Medizinische Folgen der Zwangsehe
3.3. Ethische Grundprinzipien anhand der Zwangsehe
3.3.1. Die Würde des Menschen
3.3.2.Verantwortung gegenüber Menschen
3.3.3.Toleranz, Akzeptanz und Anerkennung gegenüber Menschen
und Kultur
3.3.4.Ethisches handeln im Sinne von Gerechtigkeit
3.3.5.Solidarität zu den Hilfe suchenden

4 . Schlussbetrachtung.

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Man erwartet nicht, wie verbreitet die Zwangsehe in Deutschland ist. Das Bundesfamilienministerium schätzt, dass jährlich 3000 Mädchen in Deutschland betroffen sind. Das sind jedoch nur die Mädchen die den Weg zu einer Beratungsstelle gefunden haben, die Dunkelziffer ist weitaus höher. Diese Form der Gewalt gegen Menschen kommt in den verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen vor und können nicht pauschal einer bestimmten Kultur oder Religion zugeordnet werden. Durch Werte und Vorstellungen getragen, geschehen unter der Berufung auf Tradition, massive Menschenrechtsverletzungen. Die Bundesregierung hat 2011 ein Gesetz gegen Zwangsverheiratung verabschiedet, dies betrifft jedoch nur standesamtlich geschlossene Ehen. Die meisten Zwangsehen werden jedoch durch religiöse Zeremonien geschlossen und diese fallen damit nicht als gesetzeswidrig auf. Neben der Zwangsehe ist auch die arrangierte Ehe ein Thema. Bei der arrangierten Ehe können die Betroffenen zwischen einigen möglichen Partner, die von Eltern oder Verwandten vorgeschlagen werden, auswählen. Diese müssen einigen Vorgaben der Eltern entsprechen, wie die gleiche Nationalität, die gleiche Religion und zum Beispiel aus dem selben Dorf kommen. Dies fällt aufjedenfall auch unter einen Zwang (vgl. Peters, 2015, online). Man fragt sich warum Eltern, das Ihren Kindern antun? Was stecken für Motive dahinter? Zum einen wollen die Eltern die Familienehre sicherstellen, dass Ihre Tochter als Jungfrau verheiratet wird. Mit einer frühen Heirat soll einem westlich erlebtem Lebensstil entgegen gewirkt werden und somit die Familienehre gewahrt bleiben. Oftmals soll durch eine erzwungene Verwandtenehe die Familie gestärkt werden. Die ideale Braut ist nach den traditionellen Vorstellungen einiger Kulturen eine Kusine väterlicherseits, denn eine Heirat innerhalb einer Familie oder Gesellschaft bedeutet deren Stärkung. Es soll auch die Bindung zur Herkunftsregion und zur alten Heimat aufrechterhalten und gestärkt werden. Auch gibt es wirtschaftliche Motive, es soll Verwandten und Bekannten ein besseres Leben in einem europäischen Land ermöglicht werden, eben durch Familiennachzug und Immigration. Manche Eltern wollen durch die Verheiratung ein möglichst hohes Brautgeld und das eigene wirtschaftlich, materielle Leben absichern. Auch spielt die Erlangung der Staatsbürgerschaft bzw. des Aufenthaltsrechts in einem Land mit höherem Lebensstandard eine große Rolle. Bei allen Motiven soll immer die kulturelle Identität erhalten bleiben (vgl. Eade, 2003).

Im Rahmen dieser Arbeit soll der Unterschied zwischen arrangierter Ehe und Zwangsverheiratung aufgezeigt werden. Anhand eines Fallbeispiels werden die rechtlichen, medizinischen und ethischen Aspekte aufgezeigt, die mit einer Zwangsehe einhergehen.

2. Zwangsheirat und arrangierte Ehe– eine schwierige Abgrenzung

Auf den ersten Blick scheint relativ klar, was Zwangsheirat ist: wenn eine Frau oder ein Mann durch psychischen oder physischen Druck gegen den eigenen Willen zur Ehe gezwungen werden. Man spricht von einer Zwangsheirat (Zwangsverheiratung, Zwangsehe) wenn die nicht auf „freien Willen“ beider Partner aufbaut. Dies bedeutet , dass sich eine Person zur Heirat gezwungen fühlt, weil es mit dem Widerstreben kein Gehör findet oder sich nicht traut sich zu widersetzen, weil psychischer Druck, sowie emotionale Erpressung von den Forcierenden eingesetzt werden. Deutlich schwieriger ist offensichtlich die Abgrenzung zur arrangierten Ehen. Es sind sich die meisten Autorinnen und Autoren einig, dass der Übergang zwischen arrangierten und erzwungenen Ehen fließend ist , doch wie weit die beiden Phänomene auseinander liegen bzw. wie nah sie einander stehen, darüber gehen die Meinungen deutlich auseinander (vgl. Straßburger, 2003, S. 72-73). Entsprechend unterschiedlich fällt die Bewertung arrangierter Ehen aus. Arrangierte Ehen seien im Grunde genommen immer auch erzwungen, lautet das eine Argument. Das andere hingegen, dass sich arrangierte Ehen gerade dadurch unterscheiden, dass sie nicht erzwungen sind, sondern auf dem freien Willen beider Ehepartner beruhen. Dreh und Angelpunkt ist in beiden Fällen der freie Wille: Wird er beeinträchtigt oder kommt er zum Tragen?

2.1. Unterschied Zwangsheirat und arrangierte Ehe ist marginal

Ein junges Beispiel für die Auffassung, dass der Unterschied zwischen Zwangsehen und arrangierten Ehen lediglich minimal sei findet sich im Positionspapier der Bundesfachkonferenz Zwangsverheiratung (Buko) 2017. Das Positionspapier fasst die Ergebnisse des Fachaustausches zusammen.

Dort steht zunächst:„Eine Ehe darf nur im freien und vollen Einverständnis der künftigen Ehegatten geschlossen werden …D. h. Zwangsheirat ist eine Menschenrechtsverletzung“ (Positionspapier, 2017, S.3). Diese Aussage dürfte unumstritten sein, doch etwas weiter unten heißt es dann: „Über Zwangsheirat hinaus gibt es in Deutschland auch Tatbestände, deren Einordnung als Zwangsverheiratung teilweise streitig ist: Imamehe, Kinderehe, Arrangierte Ehe, Ehen in Abwesenheit der Brautleute. Nichts desto trotz müssen diese Tatbestände ebenfalls als Bestandteil häuslicher Gewalt behandelt werden. Denn bei allen hier genannten Tatbeständen wird den jungen Frauen mit Migrationshintergrund unter dem Deckmantel und im gesellschaftlich geschützten Bereich der Ehe das Recht auf persönliche Freiheit abgesprochen.“ (ebd, S. 3). Hier wird die arrangierte Ehe als „Tatbestand“ bezeichnet, der jungen Frauen das Recht auf persönliche Freiheit abspricht, sodass sie so wie Zwangsehe als „Bestandteil häuslicher Gewalt“ behandelt werden soll. Der Unterschied zwischen arrangierter und erzwungener Ehe ist demnach winzig. So argumentiert auch Necla Kelek. Zwischen einer arrangierten Ehe und einer Zwangsehe gibt es für sie keinen wesentlichen Unterschied, das Ergebnis sei nämlich dasselbe. Wenn das Mädchen oder der Junge die Möglichkeit haben, den von den Eltern ausgesuchten Partner abzulehnen, spricht man von einer arrangierten Ehe. Wenn die Partner ungefragt oder gegen ihren Willen verheiratet werden , ist es eine Zwangsehe (vgl. Kelek, 2005, S. 221 f.). Kelek zeichnet ein Bild von arrangierten Ehen, bei der die Betroffenen keine Wahl haben. Im Grunde könnten die Eheleute theoretisch in letzter Minute ein Veto gegen die Eheschließung einlegen, jedoch sind die betroffenen meist so erzogen, dass sie an der freien Entfaltung der Persönlichkeit gehindert wurden, sodass sie keine freie Entscheidung treffen könnten und den Eltern nicht widersprechen würden (vgl. ebd, S. 223- 224). Im Rahmen der Hausarbeit ist somit die arrangierte Ehe der Zwangsehe gleichgesetzt.

Zwangsheirat steht sicherlich mit kulturellen Traditionen in Zusammenhang, kommt jedoch in den unterschiedlichsten religiösen und ethnischen Gesellschaften vor. Auch sind die verschiedensten Schichten betroffen, es betrifft reiche und arme Familien. Die Auswirkungen der Zwangheirat auf die Mädchen und jungen Frauen sind fatal. Der Geschlechtsverkehr innerhalb der erzwungenen Ehe wird wie ständig wiederkehrende Vergewaltigungen wahrgenommen. Meist müssen angefangene Ausbildungen oder die Schule abgebrochen werden, da dadurch die Abhängigkeit zum Ehemann steigt. Es ist eindeutig eine Menschenrechtsverletzung, wenn die Eheschließung der Ehepartner durch massiven Druck, Androhung oder Anwendung von Gewalt vollzogen wird. Dies stellt einen massiven Verstoß gegen Artikel 16 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte dar, der festlegt, dass die Ehe nur aufgrund der freien und vollen Willenserklärung der zukünftigen Ehegatten geschlossen werden kann (vgl. Coomaraswamy, 2005, S.24 ff.). Anhand eines Fallbeispiels wird dies sehr deutlich.

3. Fallbeispiel von der Beratungsstelle „Orient Express“ vom März 2014

„Yosma war 15 Jahre alt, die älteste von drei Schwestern, sie besuchte die Handelsschule. Seit einem Jahr merkte sie, dass zu Hause irgendwas für sie geplant wurde. Sie hatte keine Ahnung, was. Yosma konnte sich auch nicht vorstellen, wie schlimm es für sie letztlich sein würde. Sehr oft hörte sie zu Hause den Namen ihres Cousins Ahmet, und, dass er in den Sommerferien nach Deutschland kommt und irgendeine Hochzeit stattfinden würde. Wer sollte heiraten? Vielleicht Ahmet? Aber er war doch noch sehr jung, nicht wahr? Nein, ganz sicher nicht er, er war erst 16. Im Juni vor dem Besuch aus der Türkei wurde für Yosma viel eingekauft. Sie war begeistert, aber auch irgendwie verwirrt und irritiert. Einen Tag bevor der Besuch aus der Türkei kam, kam die jüngste Schwester zu ihr. Sie war sehr traurig und sie fragte Yosma, warum sie nach dem Sommer nicht mehr in dieser Wohnung bleiben dürfe. Die fünfjährige Schwester begann zu weinen. Yosma lachte und sagte natürlich würde sie weiter hier wohnen. Wo denn sonst? Und was sollten diese komischen Fragen?

Bald kamen viele Verwandte aus der Türkei, die Yosma noch nie im Leben gesehen hatte. Alle waren da. Alle sagten, dass Yosma noch schöner und reifer geworden sei. Reif wofür?

Am nächsten Tag weckte die Mutter sie auf. Sie sollte aufstehen. Die Mutter sagte ihr, dass es der glücklichste Tag für sie sei, weil sie nun Ahmet heiraten würde.

Panik! Yosma wollte nicht heiraten. Sie war noch sehr jung, hatte Angst. Niemand hörte sie. Der Vater hatte sie dem Sohn seines Bruders vor zwei Jahren bereits versprochen. Es würde geschehen, weil es geschehen musste. Sie weinte. Sie versuchte, Widerstand zu leisten. Dann wurde sie geschlagen ...

Yosma heiratete unter Zwang, wurde krank. Jeden Tag wurde sie vom Vater geschlagen, weil sie mit Ahmet nicht ins Bett ging um die Ehe zu vollziehen. Sie war sehr krank. Die Mutter brachte sie schließlich nach Hause zurück. Nach einer Woche ging Yosma allein zum Jugendamt, erzählte ihre Geschichte. Die zuständige Sozialarbeiterin rief bei uns in der Frauenberatungsstelle Orient Express an.

Es wurde ein Hausbesuch vereinbart und mit der Mutter gesprochen. Das führte zu nichts, Yosma wurde in einem Heim untergebracht. Durch eine Rechtsanwältin wurde die Ehe annulliert. Der Vater verstieß seine Tochter. Nach wiederholten langen Gesprächen mit der Mutter konnten wir sie davon überzeugen, dass ihre Tochter Yosma keine andere Wahl hatte, als die Wohnung zu verlassen. Trotz aller Drohungen des Vaters hat die Mutter jetzt noch immer Kontakt mit der Tochter.

Yosma ist jetzt 17 und wohnt noch immer in einem Heim. Sie sieht aus, als wäre sie schon 30 Jahre alt. Aber sie ist ledig und sehr stolz, weil sie weiß, dass der Vater das Gleiche mit ihren Schwestern nicht mehr versuchen kann. Sie hat es geschafft, eine bisher nicht hinterfragte Tradition in der Familie zu durchbrechen, auch wenn sie dafür mit ihrer Jugend bezahlen musste und die psychischen Folgen lebenslange Spuren hinterlassen werden.“(Fallbeispiel von der Beratungsstelle Orient Express vom März 2014)

3.1.Rechtliche Aspekte der Zwangsehe

Nach einigen spektakulären Fällen im Kreise türkischer Migranten, die auch durch das Buch „Die fremde Braut“ von Necla Kelek ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerufen wurden, wird über die Einführung eines besonderen Straftatbestands für Zwangsheirat diskutiert. Die Zwangsheirat verletzt verschiedene Menschenrechte. Zwangsverheiratung ist in Deutschland verboten. Anhand einiger Gestze die unten aufgeführt sind, wird dies am Fallbeispiel verdeutlicht.

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Details

Seiten
16
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668909137
ISBN (Buch)
9783668909144
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v462546
Institution / Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Zentrale – Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Zwangsheirat Zwang Ethik Ethisches Verständnis Hausarbeit 2. Semester Islam Kinderehe arrangierte Ehe Zwangsehe

Autor

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    Heidi Graf (Autor)

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