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Systemtheoretischer Begriff der Öffentlichkeit: Öffentlichkeit und öffentliche Meinung als Medium der Kommunikation

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung

2. Begriffliche Vorbestimmungen
2.1 Wo zeigt sich die Öffentlichkeit?
2.2 Die Beobachtung und die Beobachtung von Beobachtern

3. Öffentlichkeitsbegriff bei Luhmann
3.1 Öffentlichkeit als systeminterne Umwelt der gesellschaftlichen Teilsysteme
3.2 Öffentliche Kommunikation der gesellschaftlichen Funktionssysteme
3.3 Das Medium der Öffentlichkeit

4. Ausprägungen öffentlicher Kommunikation
4.1 Die Massenmedien als Formgeber einer Realität zweiter Ordnung
4.2 Die Selbstbeobachtung der Politik durch die öffentliche Meinung
4.3 Öffentliche Meinung und die Bereitstellung von Aufmerksamkeit

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Spricht man von der Öffentlichkeit, ist damit zumeist die Akkumulation von Meinungen einer Vielzahl von Mitgliedern einer Gesellschaft gemeint. Auch ist damit der Gedanke der Latenz verbunden. Nach dieser Auffassung gäbe es eine öffentliche Meinung, die latent im Volk vorherrscht und die erst dann zum Vorschein kommt, wenn zum Beispiel bestimmte politische Entscheidungen zur Disposition stehen. Auch folgert man aus einzelnen Protestbewegungen, wie dem Boykott von Tankstellen, dass die öffentliche Meinung das alles integrierende Moment der modernen Gesellschaft ist. Die öffentliche Meinung dient dann, insbesondere gegenüber der Politik, als Absicherungsmechanismus, durch den (moralische) Fehlentscheidungen kritisiert und in der Folge korrigiert werden können.

Die Vorstellung einer latenten Öffentlichkeit verstellt jedoch den Blick auf das, was aufgrund der Selektionsweise der Massenmedien tatsächlich latent bleibt, nämlich Äußerungen und Sachverhalte, die nicht thematisiert wurden. Und die Vorstellung der integrierenden Funktion der öffentlichen Meinung, zum Beispiel in Bezug auf eine Kontrollfunktion gegenüber der Politik, verdeckt die Modernität der Gesellschaft, die auch gerade darin liegt, dass die Kontrollfunktion nur ein Thema unter vielen ist, mit dessen Hilfe sich die Gesellschaft selbst beschreibt.

Doch mit Öffentlichkeit kann man auch noch weitaus mehr verbinden. Dies reicht von rechtlichen Begriffen, die sich beispielsweise auf den Zugang zu bestimmten (öffentlichen) Orten beziehen, über kommunikationswissenschaftliche bis hin zu psychologischen und soziologischen Ansichten. Dabei wird beispielsweise die Öffentlichkeit als Maßstab beziehungsweise als Kontrollinstanz für die Psyche des Einzelnen gesehen[1] oder auch als Diskurs[2] zur Einsicht zum Besseren. Häufig wird Öffentlichkeit schließlich als etwas gesehen, das durch die Massenmedien erzeugt oder doch zumindest von ihnen manipuliert wird.

Öffentlichkeit lässt sich kaum auf den Punkt bringen. Es scheint für jeden Bereich der Gesellschaft eine eigene Öffentlichkeit zu geben. Eine politische Öffentlichkeit, eine rechtliche, eine Öffentlichkeit der Psyche sowie eine Öffentlichkeit von gesellschaftlichen Gruppierungen und auch die Massenmedien haben etwas mit Öffentlichkeit zu tun. Es scheint zudem wenig gewinnbringend, feststellen zu wollen, was nun die eigentliche Öffentlichkeit sei, da es sich dann wieder nur um einen Blickwinkel, eine Sichtweise der Öffentlichkeit handeln würde.

Eine Vorgehensweise, die genau das vermeidet, die also nicht nach der Einheit des Begriffs sucht, sondern die vielmehr die Differenzen mit in sich aufnimmt, ist die systemtheoretische Sichtweise. Anhand der systemtheoretischen Konzeption wird deutlich, dass unter den Bedingungen der Moderne es nicht mehr möglich und auch nicht mehr nötig ist, die “Öffentlichkeiten” zu der „einen“ Öffentlichkeit zu integrieren. Öffentlichkeit, die hier verstanden wird als systeminterne Umwelt der gesellschaftlichen Teilsysteme und zwar der Funktionssysteme Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, etc. oder auch der Organisationen und den gesellschaftlichen Interaktionen, bildet keine Einheit. Dadurch, dass kein System, gerade auch nicht die Politik, in diesem Sinne die Möglichkeit hat, exklusiven Anspruch auf öffentliche Kommunikation zu erheben, wird jedoch Aufmerksamkeit zum Problem. Wenn jeder sagen kann, was er will, hört niemand mehr zu.

Ziel dieser Arbeit ist es, den systemtheoretischen Begriff von Öffentlichkeit bei Niklas Luhmann darzustellen, um damit die Voraussetzungen angeben zu können, die für eine sinnvolle Systematisierung der unterschiedlichen „Öffentlichkeiten“ nötig wären. Es wird dabei zu zeigen sein, wie Öffentlichkeit bei ihm als ein Medium zu verstehen ist, mit dessen Hilfe trotz hoher Unwahrscheinlichkeit dennoch Aufmerksamkeit und damit Anschlusskommunikation für die öffentliche Kommunikation der jeweiligen Teilsysteme der Gesellschaft sichergestellt wird.

Durch die Massenmedien wird das Medium voraussetzbar. Es zeichnet sich dadurch aus, dass es vorhergehende Kommunikation voraussetzt und gleichzeitig Bedingung für darauf folgende Kommunikation ist. Anhand dieser Konzeption wird deutlich, wie die Gesellschaft ein Medium verwendet, das ihrer eigenen Selbstbeobachtung dient. Und gerade darin liegt die Modernität der Gesellschaft. Anhand des Mediums Öffentlichkeit setzt sie sich in die Lage, sich selbst zu Beobachten.

Um Luhmanns Konzeption der Öffentlichkeit zu verdeutlichen, werde ich in diesem Zusammenhang insbesondere auf die Funktion der Massenmedien und der öffentlichen Meinung eingehen. Die Selbstbeobachtung der Politik erfolgt durch die öffentliche Meinung. Sie ist ein Medium, bestehend aus Elementen, welche wie andere Medien auch, durch die Massenmedien zu Formen umgewandelt und wieder aufgelöst werden, womit das Medium sich selbst reproduziert. Die Massenmedien benötigen die Politik, da hier ständig neue Nachrichten nachgeliefert werden, und umgekehrt benötigt die Politik die Massenmedien, da diese das Aufmerksamkeitspotential bereitstellen. Die Funktion der öffentlichen Meinung als Selbstbeschreibung der Politik ist letztlich die Bereitstellung von Aufmerksamkeit für bestimmte Themen.

Anhand dieser Konzeption der Öffentlichkeit als systeminterne Umwelt der sozialen Systeme lassen sich dann auch Prämissen angeben, unter denen die Selbstbeobachtung der Gesellschaft erfolgt, womit Begriffsverwirrungen in Bezug auf das, was jeweils mit „Öffentlichkeit“ gemeint ist, geklärt werden können.

2. Begriffliche Vorbestimmungen

2.1 Wo zeigt sich die Öffentlichkeit?

Wie schon erwähnt, bricht Luhmann mit einem Konzept der öffentlichen Meinung, als eine Akkumulation von Gedanken in den Köpfen der Menschen. Auf der Suche nach dem Ort an dem Öffentlichkeit sich bildet und beobachtet werden kann, trifft man für gewöhnlich auf den Staat und auf Menschen, die in diesem Staat leben und sich ihm nach Möglichkeit alleine oder in Zusammenschlüssen gegenüberstellen, wenn er nicht richtig funktioniert.[3] Man wird sagen, dass Öffentlichkeit der Ausdruck von Meinungen ist, die in der Gesellschaft oder auch nur innerhalb einer Gruppe von Menschen vorherrschen. Will man also wissen, wie die aktuelle Öffentlichkeit aussieht, so muss man sich die Meinungen der Mitglieder der Öffentlichkeit ansehen. Die Vorstellung, dass Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Meinung denken, welche für spätere Handlungen oder Aussagen ausschlaggebend sein sollen, erscheint jedoch sehr abwegig. Meinungen kann man kaum über die Zeit hinweg als stabil betrachten und es ist auch schwer vorstellbar, dass Meinungen ohne einen Kontext durchweg gedacht werden (Luhmann 1992, S. 77). Zudem sind Gedanken nicht beobachtbar und eine Kommunikation bedeutet immer etwas anderes als die „Vorgänge im Kopf“. Folgt auf einen Gedanken eine Kommunikation, so richtet sich die Aufmerksamkeit des Sprechers nicht mehr auf den Gedanken, sondern auf das Gesprochene. Damit ist der Zeitpunkt des Gedanken beim Sprechen immer schon verpasst.

Dazu Luhmann:

„Würde man auf Einstellungen bzw. Meinungen im Sinne einer psychischen Disposition abstellen, käme man nach all dem auf das merkwürdige, wenn nicht paradoxe Konstrukt einer stets latenten Öffentlichkeit. Und man müsste zugeben, dass es keine Operationen gibt, mit denen dieses Paradox aufgelöst und Öffentlichkeit psychisch zu Tage gefördert werden könnte.“ (ebd., S.78).

So ein Konzept einer latenten Öffentlichkeit kann nicht erklären, was mit den Meinungen passiert, sobald sie ausgesprochen werden, und damit auch nicht, woher letztlich die Öffentlichkeit kommt. Luhmann klammert folglich eine psychische Referenz aus und begreift Öffentlichkeit als ein „rein kommunikatives Phänomen“ (ebd., S.78). Damit kommt er auch zu folgender Definition von Öffentlichkeit und hier zu öffentlicher Meinung: Öffentliche Meinung ist „das Resultat von (öffentlicher) Kommunikation, das zugleich als Prämisse weiterer (öffentlicher) Kommunikation dient.“ (ebd., S.78).

Der Blick richtet sich nicht auf meinende Menschen, sondern auf Resultate von Kommunikation, die als Vorgabe aufgefasst werden können, für daran anschließende Kommunikation. Das schließt nun weitaus mehr ein, als normalerweise unter Öffentlichkeit verstanden wird. Auch das Börsentreiben, die Ankunft und Abflugzeiten in den Wartehallen der Flughäfen alles, was öffentlich kommuniziert wird, kann damit zur Öffentlichkeit gezählt werden. Öffentliche Meinung ist damit bei Luhmann auch als eine Teilöffentlichkeit neben anderen „Öffentlichkeiten“ zu verstehen.[4] Man kann dann nicht mehr sagen, wo die eigentliche Öffentlichkeit ist und wie sie aussieht. Eine scharfe Abgrenzung ist von vornherein gar nicht (mehr) möglich. Aber, so Luhmann, auch gar nicht nötig, solange man nicht nach der Struktur der Öffentlichkeit, sondern nach ihrer Funktion fragt.

Das entspricht auch der Theorieanlage der Systemtheorie. Der Ausgangspunkt ist nicht eine Struktur, wie zum Beispiel ein Organismus, dessen Ziel es ist, sich selbst zu erhalten, und den man als Außenstehender benennt und damit zu erfassen glaubt.[5] Der Ausgangspunkt ist Komplexität. Die Komplexität der Welt ist der Grund für das Entstehen von selbstreferentiellen, operativ geschlossenen sozialen Systemen. Selbstreferentiell, weil sie eigene Operationen verwenden, um die Welt zu begreifen und geschlossen, weil sie sich nur in der Isolation, in der Abgrenzung zu ihrer Umwelt als Einheit begreifen können. Sie unterscheiden nach eigenen Maßgaben und reduzieren damit die Weltkomplexität auf eine handhabbare Eigenkomplexität (Luhmann 1998, S.134-135).

Es stellt sich daher auch nicht die Frage, was der Inhalt einer öffentlichen Kommunikation eines sozialen Systems ist, sondern wie das entsprechende System Komplexität reduziert. Es stellt sich nicht die Frage, ob das, was kommuniziert wird, richtig oder falsch, wahr oder unwahr, angemessen oder unangemessen ist, sondern nur, wie das beobachtete System zu den Ergebnissen kommt, zu denen es kommt, mit welchen Prämissen vorausgesetzt wird, was Voraussetzung ist für das Kommunizieren. Nicht das „Was“ ist also entscheidend, sondern das „Wie“.

Um die Frage klären zu können, wie das kommunikative Phänomen öffentliche Meinung funktioniert, ist es daher nötig, sich zu verdeutlichen, mit Hilfe welcher Operationen es die eigene Autopoiesis betreibt, wie sich das soziale System öffentliche Meinung als Teilsystem der Öffentlichkeit schließt und damit selbst am Laufen hält.

Um zu klären, wie nun Öffentlichkeit bei Luhmann zu verstehen ist, muss zunächst geklärt werden, was sozusagen das empirische Anschauungsmaterial ist. Dazu dient der Begriff der Beobachtung.

2.2 Die Beobachtung und die Beobachtung von Beobachtern

Soziale Systeme zeichnen sich durch die Fähigkeit der Beobachtung aus. Menschen, also psychische Systeme können beobachten, aber auch soziale Systeme, wie Organisationen sind dazu in der Lage. Bei der Beobachtung treten immer zwei Komponenten auf: Die Unterscheidung und die Bezeichnung.

Das Unterscheiden ist zu verstehen als eine grundlegende Operation, ein Vorgang der geschieht, ohne dass der Unterscheidende im selben Moment beobachtet, also unterscheiden kann, wie er unterscheidet (Luhmann 1992 WdG, S.80). Um etwas unterscheiden zu können, muss es auch schon immer etwas geben, das unterschieden wird. Die rekursive Vernetzung einer Vielzahl von Beobachtungsoperationen ist somit die Voraussetzung des Unterscheidens (Luhmann 1992, S.79). Eine Kommunikation schließt immer an den Sinn einer vorhergehenden Kommunikation an. Deshalb wird eine Information auch nicht von einem Sender übertragen zu einem Empfänger, es geht vielmehr darum, dass Information auf beiden Seiten aus einem übereinstimmenden Repertoire selegiert wird (Luhmann 1990, S.173).

[...]


[1] Auch wenn es dadurch zu einem Verschweigen der Meinung komme, welche sonst die „Mehrheitsmeinung“ hätte sein können. Dazu: Elisabeth Noelle-Neumann 2001, Die Schweigespirale. Öffentliche Meinung – unsere soziale Haut. 6. erw. Neuauflage, München Langen Müller Verlag.

[2] Vergleiche dazu Jürgen Habermas 1990. Strukturwandel der Öffentlichkeit. Frankfurt am Main. Suhrkamp.

[3] Vergleiche zum Beispiel die Definition von Öffentlichkeit in: Karl-Heinz Hillmann (1994) Wörterbuch für Soziologie, 4. veränderte Auflage Kröner- Verlag Stuttgart

[4] Dazu weiter unten mehr

[5] Vergleiche dazu Luhmann 1998, S.61-62. Die Einheit der Form, also die Einheit einer Unterscheidung wie z.B. Massenmedien/Umwelt der Massenmedien ist nicht beobachtbar, ist das ausgeschlossene Dritte, solange man mit Hilfe dieser Unterscheidung beobachtet. Verwendet man die Unterscheidung, sieht man sich entweder als System oder als Umwelt, aber niemals gleichzeitig als Beides. Die Theorie geht also zunächst nicht von Einheit und Struktur, sondern von Differenz und Unterscheidung aus.

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638434874
ISBN (Buch)
9783638802420
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46254
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Kommunikationswissenschaften
Note
1
Schlagworte
Systemtheoretischer Begriff Meinung Medium Kommunikation Theorien

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