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Prostitution in der Frühen Neuzeit

Marginalisierung der Prostitution in der Frühen Neuzeit - von der selbstbewussten Prostituierten zur verfolgten Hure

Hausarbeit 2005 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A Einleitung

B Indikatoren der gesellschaftlichen Integration der Prostitution
I Einrichtung der Frauenhäuser
II Anerkennung der Prostitution durch die Kirche
III Anerkennung der Prostitution durch die Obrigkeit
IV Teilnahme der Prostituierten am gesellschaftlichen Leben

C Indikatoren der gesellschaftlichen Ausgrenzung
I Ambivalente Stellung zur Prostitution
II Räumliche Trennung
III Kleiderordnung

D Gründe und Folgen der Änderung der Einstellung zur Prostitution
I Prostitution und Syphilis
II Prostitution und die neuen reformatorischen Moralvorstellungen
III Prostitution als Kriminaltat

E Schluss

Literaturverzeichnis

A Einleitung

Meine Arbeit möchte die Marginalisierung und Kriminalisierung der Prostituierten in der Gesellschaft vom späten Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit ins Blickfeld rücken. Das bedeutet nicht nur, den Wandel der öffentlichen Wahrnehmung auf die Prostitution zu thematisieren, sondern auch das Vorgehen gegen die Prostitution aufzuzeigen. Meine zentrale These ist, dass Prostituierte im späten Mittelalter zwar von der Gesellschaft verachtet wurden, aber trotzdem integriert waren. In der Frühen Neuzeit wurden Prostituierte nicht nur ausgegrenzt, sondern kriminalisiert. Dabei ist die entworfene These von Peter Schuster zentral, die die Entwicklungslinien des Moralsystems erläutert: „Mitteleuropa erlebte im 16. Jahrhundert ein goldenes Zeitalter der öffentlichen und privaten Moral‘, das eine Epoche des ‚sittliche[n] Niedergang[s] im Laufe des 15. Jahrhunderts‘ ablöste.“[1]

Die Art, wie die mittelalterliche Gesellschaft über Prostitution dachte, ist im Allgemeinen nur schwer zu beschreiben. Sie unterscheidet sich nicht nur regional – von Stadt zu Stadt und zeitlich, sondern sogar gegenüber der einzelnen Prostituierten. Die fahrende Frau wurde in der Regel stärker diskriminiert als die Dirne des städtischen Frauenhauses.[2]

Zunächst werden Indikatoren angeführt, die die Einbindung der Prostitution zeigen. Darauf folgen solche, an Hand derer sich die Distanzierung und die damit verbundene Marginalisierung der Dirnen aufzeigen lässt. Laut Peter Schuster wurde die um 1500 geschehene Wende nicht durch die Reformation hervorgerufen, jedoch war es für sie möglich darauf aufzubauen.[3] Mit der Frage, warum es zu dieser Wende kam und was die Änderung der Einstellung der Menschen zur Prostitution verursachte, beschäftige ich mich dann im letzten Teil. Somit wird der Wandel von der selbstbewussten Prostituierten zur verfolgten Hure deutlich dargelegt.

Der Begriff Prostituierte und der der Dirne werden in dieser Arbeit synonym benutzt. Der Begriff der Hure soll dagegen deutlich von der Ausgrenzung und Verfolgung der Dirnen zeugen.

Bis zu den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts erschienen zur Geschichte der Prostitution nur einige nennenswerte Publikationen, wie zum Beispiel Iwan Blochs umfassendes Werk „Prostitution“ oder Fuchs quellennahes Werk zum Problem der Prostitution. Außerdem ist die von Karl Büchner aufgestellte These vorzubringen, „es habe einen Frauenüberschuß in den mittelalterlichen Städten gegeben“. Diese Interpretation bietet nämlich die Möglichkeit, „die Existenz von Prostituierten zu erklären, ohne die ‚bürgerliche‘ Doppelmoral in Frage zu stellen“.[4] Nach diesen wissenschaftlichen Arbeiten wurde die Sexualgeschichte durch die populärwissenschaftliche Bearbeitung der Geschichte der Prostitution abgelöst.

Nachdem die deutsche Geschichtswissenschaft durch die internationale Forschung beeinflußt wurde, zog das Thema Prostitution erneut ein. Hier legten Leah L. Otis und Jacques Rossiaud empirische Arbeiten vor. Rossiaud stellte als erster die Frage nach den Vorstellungen, die der mittelalterlichen Organisation der Prostitution zugrunde lagen. Im Bezug zur Geschlechtergeschichte muß man die Forschung von Lyndal Roper beachten, weil sie auf weiße Flecken und einseitige Perspektiven aufmerksam gemacht hat. Sie betont, „dass die Existenz eines öffentlichen Bordells für die darin lebenden Dirnen und die Stadtbewohnerinnen keineswegs sexuelle Freiheit bedeutete“.[5]

Ebenfalls gab sie zu bedenken, „dass hinter der Einstufung einer Frau als Dirne Werturteile stehen, die von Vorstellungen über ein angemessenes Verhalten des weiblichen Geschlechts gespeist sind“.[6] Die Gender Forschung machte deutlich, dass das Verhältnis der Geschlechter nicht biologisch, sondern sozial bedingt ist.

Für meine Arbeit habe ich als Grundlage die Forschung von Beate Schuster und Peter Schuster benutzt, die die neusten Ergebnisse zu diesem Thema gebracht hatten. Die meisten Ansätze zur Geschichte der Prostitution interpretieren die Entwicklung aus der Perspektive einer „Makrogeschichte“, durch die sie die weltlichen Veränderungen fassen wollen.

B Indikatoren der gesellschaftlichen Integration der Prostitution

Auf die Frage, ob Prostituierte im späten Mittelalter als Rebellinnen oder Opfer einzustufen sind, müssen beide Optionen negiert werden. Die Prostituierte war eine in die städtische Gemeinschaft eingegliederte selbstbewusste Bürgerin, die eine wichtige Funktion im städtischen Leben hatte. Norberg zufolge war die Prostituierte im Europa des späten Mittelalters und der Renaissance nicht nur geduldet, sondern allgemein akzeptiert und institutionalisiert.[7]

B I Einrichtung der Frauenhäuser

Die fahrenden Frauen suchten häufig Städte auf, weil sie dort mehr Arbeit fanden. Einerseits war Beate Schuster zufolge der Rat in manchen Städten davon wenig angetan. Ein Beispiel findet sich hierzu in Hannover, wo die Dirnen im 14. Jahrhundert eine vom Rat festgelegte Summe Geld erhielten, vorausgesetzt, dass sie weiterzogen.[8] Andererseits duldete man sie bei besonderen Anlässen, vor allem bei Messen und Jahrmärkten. Obwohl sie beaufsichtigt und separiert wurden, waren diese Frauen keine ungebetenen Gäste.[9] Gegen ihre Integration spricht allerdings, dass sich der städtische Rat nach derartigen Veranstaltungen bemühte, die Prostituierten wieder aus der Stadt zu treiben. Diese versammelten sich aber häufig am Rand der Stadt und trugen so dazu bei, dass sich die Ausbildung einer städtischen Organisation der Prostitution beschleunigte.[10] Folglich wurde in den zahlreichen Städten gegen Ende des 14. und am Anfang des 15. Jahrhunderts ein Frauenhaus gegründet. Damit wurde beabsichtigt Zucht und Ehrbarkeit zu fördern. In der Argumentation der Zeitgenossen galt es als weniger schlimm, wenn Männer ihren Trieb bei Dirnen auslebten, da dadurch Jungfrauen und ehrbare Frauen geschützt würden. Hier wird auch das ordnungspolitische Interesse sichtbar.[11] Wunder zufolge kann man die Institution der Prostitution mit der lebenslangen Ehelosigkeit der besitzlosen ländlichen Leute und der langjährigen Ehelosigkeit der jungen Kaufleute und Handwerksgesellen erklären. Die Prostitution wurde institutionalisiert und durch die Einrichtung der Frauenhäuser unter die Kontrolle der städtischen Obrigkeit zum Schutz der Bürgertochter vor männlicher Aggression gestellt.[12]

B II Anerkennung der Prostitution durch die Kirche

„Was könnte man anführen, dass schädlicher wäre, als Dirnen, Kuppler und die anderen Vertreter dieses verderbten Gesindels? Aber entferne die Dirnen aus der menschlichen Gesellschaft: du wirst alles durch die sexuellen Leidenschaften durcheinander bringen. Setze sie an den Platz der verheirateten Frauen und du wirst alles durch Unheil und Schande entehren.“[13] In diesem Sinne schätzte Augustinus im 5. Jahrhundert die Prostitution ein. Thomas von Aquin nahm diese Idee im 13. Jahrhundert auch auf, wobei diese Formulierung die Einstellung der Amtskirche zur Prostitution prägte und ebenso auch die gesellschaftlichen Normen während des Mittelalters. Die Duldung der Prostitution wurde auch vom Papst Pius II. im Jahr 1462 empfohlen, als ihn der Böhmenkönig Georg Podiebrad um Verbot der Prostitution bat. Aber nicht der gesamte Klerus teilte diese Meinung. Geistliche neigten entweder zu großer Toleranz oder zu bedingungsloser Verdammung, so auch Berthold von Regensburg, ein entscheidender Gegner der Prostitution, dessen negatives Denken in der Forschung oft erwähnt wird.[14]

[...]


[1] Schuster Peter, 1992, S. 155

[2] Lömker-Schlögell, 1990, S. 79

[3] Schuster Peter, 1992, S. 155

[4] Schuster Beate, 1995, S. 20

[5] Schuster Beate, 1995. 27

[6] Ebd.

[7] Norberg, 1993, S. 476

[8] Schuster Beate, 1995, S. 44

[9] Schuster Beate, 1995, S. 51

[10] Schuster Beate, 1995, S. 53

[11] Schuster Peter, 1992, S. 41f

[12] Wunder, 1992, S. 59

[13] Lömker-Schlögell, 1990, S. 72

[14] Lömker-Schlögell, 1990, S. 72

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638434409
ISBN (Buch)
9783638791199
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46200
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,5
Schlagworte
Prostitution Frühen Neuzeit

Autor

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Titel: Prostitution in der Frühen Neuzeit