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Interkulturelle Kommunikation

Wie kann den kommunikationsbezogenen Differenzen und Gemeinsamkeiten verschiedener Kulturen in der sozialpädagogischen Praxis begegnet werden?

Hausarbeit 2018 26 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Interkulturelle Kommunikation“ aus einem Blickwinkel der Theorie: Theoretische Erläuterungen der Thematik
2.1 Kultur
2.2 Kommunikation
2.3 Interkulturalität und Kommunikation

3. „Interkulturelle Kommunikation“ aus einem Blickwinkel der Praxis: Praktische Darlegungen zur Thematik
3.1 Kulturspezifisches Kommunizieren bei interkulturellen Begegnungen
3.2 Die Herausforderungen des interkulturellen Kommunizierens: Potentiale und Problematiken

4. Präsenz von „interkultureller Kommunikation“ in der Sozialen Arbeit: Kompetenzen bei der Verständigung mit Menschen fremder Kulturen
4.1 Die Entwicklung von Interkultureller Kompetenz für eine adäquate Verständigung
4.2 Diversityorientiertes Lernen im Interkulturellen Training

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Guten Tag!“, „Hallo!“, „Grüß Gott!“Die zwischenmenschliche Begrüßungsfloskel von ca. 82, 8 Millionen Einwohner und Einwohnerinnen Deutschlands wird nach der selben Manier im Kontakt mit anderen gekennzeichnet, wie dies unter der Nutzung von unzählig weiteren Sprachen z.B. mit den Worten „Tungjatjeta“, „Servus“, „zdravei“, „goedendag“, „hi,“ „hyvää päivää “, „bonjour“, „გამარჯობა“ oder „grüezi“ in anderen Nationen und Kulturen der Welt „typischerweise“ von Tag zu Tag geschieht (So viele Menschen wie 2017; wikiHow [o.J] ). Jene fremdsprachigen Wendungen bei Konversationen stellen nicht nur einen festen Bestandteil des Kommunizierens in weiter Ferne dar, sondern lassen sich zunehmend innerhalb der dynamisch wandelnden Kultur Deutschlands als eine Komponente der Gegenwart ausmachen. Der Ursprung dieser Dynamiken liegt einerseits in dem multifaktoriellem Zusammenwirken von einem seit Mitte des 20. Jahrhunderts eintretenden Globalisierungsprozess des international expandierenden Welthandels und den mit Innovationen verbundenen Entwicklungen in den weltweiten Sektoren von Wirtschaft und Medien mit einem durch politische Bündnisse gezeitigten Tourismus von „boomenden“ Ausmaß innerhalb zahlreicher Kontinente (Losche und Püttker 2009: 14; Broszinsky-Schwabe 2017: IXff.,30; Kumbier und Schulz von Thun 2013: 11f.; Krämer und Quappe 2006: 22). Andererseits ist das auf dem gesamten Planeten vorzufindende Vorhandensein von Immigrationsund Emigrationsprozessen, welche nicht zuletzt auch immer wieder innerhalb der Historie Deutschlands Spuren hinterlassen: Neben dem Aufenthalt von Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen seit den fünfziger Jahren und einem Aufwachsen deren nachfolgenden Generationen in Deutschland, zeitigen die in jüngster Vergangenheit aufkommenden krisenhaften „Flüchtlingsströme“ große lokale Veränderungen (Broszinsky-Schwabe 2017: Vff.). Diese interkulturellen Begegnungen entsprechen einer noch nie zuvor da gewesenen Art von internationalem Kontakt mit neuen Rahmenbedingungen für den Verständigungsprozess und das Kommunizieren mit anders denkenden und sich „ungewöhnlich“ verhaltenden „Fremden“ anderer Ethnien und Kulturkreisen in einem von Multikulturalität gezeichneten Land insofern einhergeht, als dass sie sich auf unterschiedlichen Ebenen im lebensweltlichen Alltag und innerhalb von politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Sphären der Gesellschaft manifestiert. Im Rahmen dessen wird so ein Antreffen von Menschen anderer Herkunftsländer in der Nachbarschaft und dem Gemeinwesen, in Bildungseinrichtungen und der Arbeitswelt sowie innerhalb von Institutionen der Wirtschaft zur gängigen Realität in allen Regionen Deutschlands. Dies geht oftmals nicht nur mit Interesse und daraus resultierenden Potentialen einher, sondern löst gleichermaßen soziale Problematiken in Form von aufkommenden Ängsten, Konflikten und Aggressionen in der Bevölkerung aus (Losche und Püttker 2009: 8ff.; Borszinsky-Schwabe 2017: Vff.; Krämer und Quappe 2006: 22; Kumbier und Schulz von Thun 2013: 11f.). Eine Auseinandersetzung mit kulturspezifischen Kommunikationsformen und den fremden Kulturen zugrundliegenden Normen und Werten sowie die Entwicklung von geeigneten Kompetenzen stellen eine für alle Angehörigen der Gesellschaft geltenden „Herausforderung unserer Zeit“ (Kumbier und Schulz von Thun 2013: 11) dar, welche zu einem zentralen Erfordernis für gelingendes Miteinander und das interkulturelle Kommunizieren werden (Losche und Püttker 2009: 8ff.; Argyle 1975, zitiert in Losche und Püttker 2009: 97; Borszinsky-Schwabe 2017: Vff.; Krämer und Quappe 2006: 22; Kumbier und Schulz von Thun 2013: 11f.).

Im Hinblick auf das Tätigkeitfeld der Sozialen Arbeit stellt sich die Frage, wie den im sozialpädagogischen Kontakt mit Menschen anderer Kulturen aufkommenden spezifischen Differenzen und Gemeinsamkeiten während eines Kommunizierens adäquat entgegnet werden kann?

Die nachfolgende Hausarbeit enthält theoretische Erläuterungen zu den Themenfelder der Kommunikation und Kultur. Diese werden in einem darauffolgenden Kapitel anhand einer praktisch orientierten Darlegung als ein kulturspezifischen Kommunizieren im Rahmen interkulturellen Begegnungen zusammengeführt, das als wesentlicher Aus­gangspunkt für den Aneignungsprozess von Interkultureller Kompetenz in der Sozialen Arbeit fungieren kann.

2. „Interkulturelle Kommunikation“ aus einem Blickwinkel der Theorie: Theoretische Erläuterungen der Thematik

2.1 Kultur

2.1.1 Definitorische Darstellung des Begriffes

Der Begriff „Kultur“ ist mit von großer Komplexität und Heterogenität gekennzeichneten Auffassungen verbunden, welche keinen konformen Bedeutungsinhalt umschließen, sondern mit einer Vielfalt an differenten Definitionen innerhalb der alltäglichen Lebensbezüge und wissenschaftlichen Fachdiskursen einhergehen. Nachdem der Ausdruck ursprünglich als eine weitaus eng gefasstere Umschreibung für die Gegensätzlichkeit von Massenkultur, Kultur und Natur bis Ende der sechziger Jahre verwendet wurde, ging der Gebrauch während der darauffolgenden Jahrzehnten in einen mehr auf soziale und interaktionelle Akzentuierungen ausgeweitetes Begriffsverständnisses über. Dies führte u.a. dazu, dass der Begriff „Kultur“ heute oftmals je nach Perspektive, Intention und Zweck als gängiges Synonym für das begriffliche Darstellen von Kulturgütern, Normen und Konventionen bis hin zur Bestimmung von „typischen“ Lebensund Verhaltensweisen im Fachjargon genutzt und innerhalb von diversen der visuellen Simplifizierung dienenden Modellen der Kulturforschung wie z.B. dem Gleichnis von Hofstede in Abbildung 1 illustrierend dargestellt wird (Kopper und Kiechl 1991, zitiert in Losche und Püttker 2009: 12; Losche und Püttker 2009: 12; Krämer und Quappe 2006: 25ff.).

Abbildung 1: Das „Zwiebelmodell“ nach Hofstede

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Angelehnt an das sogenannte „Zwiebelmodell“ nach Hofstede (Krämer und Quappe 2006: 29f.), welcher die Metapher jenes Wurzelgemüses zur Darstellung der Komponenten und Bestandteile des Begriffsverständnisses verwendete, entsprechen Kulturen komplexartigen Gebilden, die sich aus mehreren Komponenten bzw. Schichten zusammensetzen: Im äußeren Bereich einer Kultur sind demnach sichtbare Symbolen, d.h. Gebäude, Kleidung und Institutionen enthalten, die zur Mitte hin mit der Historie einer Kultur korrelierende Helden sowie noch vernehmbaren Ritualen als kultureigene Vorgehensund Handlungsweisen (Praktiken) ergänzt und letztlich im Inneren durch basale Werte, welche das „unsichtbare Herz der Kultur“ (Krämer und Quappe 2006: 30) darstellen, in deren Existenz begründet werden (Krämer und Quappe 2006: 29f.).

Im Hinblick auf diese Komponenten kann der Begriff „Kultur“ nach Darlegungen des Psychologen Thomas aufgefasst werden als ,... ein universelles, für eine Gesellschaft, Organisation und Gruppe aber sehr typisches Orientierungssystem.' (Thomas 1993, zitiert in Losche und Püttker 2009: 13; Losche und Püttker 2009: 13ff.; Brück 2000, zitiert in Krämer und Quappe 2006: 26). Dieses komplexe und von relationalen Dynamiken bedingte Kultursystem setzt sich aus einer tradierten und auf gesellschaftlichen Übereinkünften beruhenden Korrelation von Sinnkonstruktionen, Konventionen, rituellen Wahrnehmungsund Verfahrensweisen sowie kulturspezifischen Urteilen und Meinungen zusammen, welche eine hohe normative Verbindlichkeit besitzt und dabei in jeder Sphäre der menschlichen Lebenswelt auch in Form von Subkulturen als prägende Einflussgröße absichtsvoll, wahrnehmbar und unbeabsichtigt sowie verdeckt realisierend auftritt (Kumbier und Schulz von Thun 2013: 10; Broszinsky und Schwabe 2017: 35f.; Kopper und Kiechl 1991, zitiert in Losche und Püttker 2009: 12; Losche und Püttker 2009: 12f.; Blom und Meier 2002, zitiert in Krämer und Quappe 2006: 26; Krämer und Quappe 2006: 25ff.). Die Wirkung einer solchen kulturellen Zugehörigkeit umschließt einerseits der Entwicklung einer Identität mit kulturellen Komponenten und den Erhalt eines normativ begründeten Zusammenschlusses jener „Kulturgemeinschaft“. Andererseits vollzieht sich die Konstituierung von maßgeblichen Orientierungspunkten, die auf der Verringerung der alltäglichen Vielfältigkeit hinsichtlich der Kategorisierung von Gegebenheiten und Problematiken sowie den hergestellten Routinen bezüglich meist unreflektiert eingesetzten Kommunikationsund Reaktionsweisen basieren (Losche und Püttker 2009: 12ff.; Krämer und Quappe 2006: 22ff.; Broszinsky-Schwabe 2017: 26).

2.1.2 Der Entwicklungsprozess von Kulturen und die menschliche Enkulturation

Im Rahmen eines individuell und kulturspezifisch verlaufenden Sozialisationsprozesses kann die Enkulturation eines Menschen als jener maßgebliche Entwicklungsabschnitt gemäß Hofstede (1991, zitiert in Losch und Püttker 2009: 24) beschrieben werden, welcher , die kollektive Programmierung des Geistes, die die Mitglieder einer Gruppe oder Kategorie von Menschen von einer anderen unterscheidet ' begründet (Buhl-Böhnert 2004, zitiert in Kumbier und Schulz von Thun 2013: 10; Krämer und Quappe 2006: 25f.). Der Hergang einer derartigen „kulturelle[n] Programmierung“ (Krämer und Quappe 2006: 26; Kumbier und Schulz von Thun 2013: 10) beginnt mit der Geburt eines Menschen als ein „Kulturgeschöpf“ (Losche und Püttker 2009: 28) und setzt bereits im Säuglingsalter als ein meist unterbewusst von statten gehendes Internalisieren von diversen Gesichtspunkten einer kulturspezifischen Gesamtheit aus Normen, Werten und Schemata ein (Losche und Püttker 2009: 20ff.; Kumbier und Schulz von Thun 2013: 10f.).

Abbildung 2: Das „Innere Team“ nach Kumbier und Schulz von Thun

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Individuen eignen sich die kulturellen Aspekte einer Gemeinschaft sowie diverse kulturell reglementierte Wahrnehmungs-, Verhaltensund Handlungsmuster über ein starkes Verinnerlichen in Form von so bezeichneten „ scripts “ (Broszinsky-Schwabe 2017: 44) mit fortschreitender Biographie an und verfügen ungefähr in einem Alter von sieben Jahren über die meisten Komponenten einer Kultur, welche sich anhand vielfältiger Persönlichkeits-anteile zeigen (Krämer und Quappe 2006: 26ff.; Losche und Püttker 2009: 8ff. ; Curt 1983, zitiert in Losche und Püttker 2009: 55; Broszinsky-Schwabe 2017: 35ff.; Kumbier und Schulz von Thun 2013: 10f.).

Abbildung 2: Das Modell „Das Innere Team“ nach Kumbier und Schulz von Thun

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jene in einer Person „innewohnenden“ Vielfalt der Persönlichkeitsanteile kann unter Anbetracht eines von Kumbier und Schulz von Thun (2013: 16ff.) dargestellten Modells mit der Vorstellung eines „Inneren Teams“ wie in Abbildung 2 verglichen werden, deren im Kontrast zu einander stehenden Mitglieder aufgrund einer durch die Sozialisationsbedingungen des Kultursystems bedingten differenten Gewichtung ähnlich einer ,inneren Mannschaftsaufstellung' (Kumbier und Schulz von Thun 2013: 16) kulturspezifischen Dominanzen, Randstellungen oder Ausschlüssen unterliegen. Dadurch kommen sie nur unterschiedlich in der äußeren Darstellung sowie im Bereich der inneren Befindlichkeiten zum Zuge. (Kumbier und Schulz von Thun 2013: 16f.).

Abbildung 3: Das Riemann-Thomann-Modell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Trotz dieser kulturspezifischen Differenzen finden sich feststellbare Gemeinsamkeiten, die in der basalen Präsenz von handlungsleitenden Zielrichtungen für alle Menschen in puncto Nähe und Zugehörigkeit, Distanzierung, Separation und Autonomie, Sicherheit und Kontinuität sowie Veränderung, Dynamik, Innovation und Fortschritt als eine vom jeweiligen kulturellen Kontext unabhängige Besonderheit vorliegen. Wie anhand des Riemann-Thomann-Modells in Abbildung 3 ersichtlich, tritt dieses universale Spezifikum je nach kultureller Prägung sehr different in Form von unterschiedlich fokussierten Zielrichtungen zu Tage und wird somit in verschiedener Weise für die Angehörigen eines Kulturkreises handlungs-leitend (Kumbier und Schulz von Thun 2013: 20ff.).

Im Rahmen dynamischer Wechselwirkungen mit ihrer sozialen Umgebung streben Menschen nach dem Erreichen jener Ziele und realisieren dabei unterbewusst die kulturell geprägten Denkund Handlungsmuster zur Vermeidung eines bei Abweichungen und Veränderungen aufkommenden Unbehagens, verwenden diese zur Bewältigung des lebensweltlichen Alltags und geben diese als „Kulturschöpfer“ (Losche und Püttker 2009: 28) an nachfolgende Generationen im Sinne eines kulturellen Vererbens von verschiedenen Anteilen innerhalb der Persönlichkeit weiter, weshalb Kulturen in ihrer Fassung auch Dynamiken und stetigen Wandlungen unterliegen (Krämer und Quappe 2006: 26ff.; Losche und Püttker 2009: 8ff. ; Curt 1983, zitiert in Losche und Püttker 2009: 55; Broszinsky-Schwabe 2017: 35ff.; Kumbier und Schulz von Thun 2013: 10f.).

2.1.3 Konzepte und Theorien: Differenzen und Gemeinsamkeiten von Kulturen

Im Rahmen des alltäglichen Sprachgebrauchs ist eine hinsichtlich der stetig wachsenden Vielfalt von Völkern und multikultureller Begegnungen unzulängliche und sehr allgemein gehaltene Differenzierung verschiedener Kulturen im Sinne von so bezeichneten ,Kulturkreisen' (Losche und Püttker 2009: 18) gängig, die so z.B. zur Separierung eines ,amerikanischen' (Losche und Püttker 2009: 18) Kulturkreises führen kann. Im Gegensatz hierzu wesentlich wissenschaftlich fundierter, erweisen sich einerseits die in den sechziger Jahren von Hall konzeptionalisierten Kulturdimensionen, die das Resultat von Forschungen zu Kontext-, Zeitund Raumkonzepten darstellen. Dementsprechend kann die Vielfalt von Kulturen gemäß des Vorliegens eines hohen oder geringen Kontextbezugs und der dabei erfolgenden Dichte des Informationsflusses kategorisiert werden, so dass z.B. Kulturen des Nahen Ostens anhand eines hohen Kontextbezugs und eines dichten Flusses von vielen mitgeteilten Informationen im Hinblick auf Länder wie Deutschland charakterisiert sind. Nach jenem Konzept wird ebenfalls die innerhalb von Kulturen vorherrschende Präsenz von monochronen oder polychronen Zeitverständnissen zur Typologisierung herangezogen. Liegen demzufolge nach Zeitplänen priorisierte, organisierte und geplante Handlungen und gemäß einer Reihenfolge erledigte Tätigkeiten zu einem bestimmten Zeitpunkt vor, handelt es sich um Kulturen mit einem monochronem Verständnis der Zeit, welche hierbei einem linearem Hergang entspricht und deshalb in maximaler Weise genutzt werden sollte. Ist im Gegensatz hierzu die Relevanz der sozialen Gegebenheiten für die Priorisierung von oftmals gleichzeitig stattfindenden Handlungen in einer Kultur ausschlaggebend, sind Termine von nachrangiger Bedeutung und Verspätungen beinahe alltäglich, dann wird Zeit als Kontext von Gegebenheiten unter Anbetracht eines polychronen Verständnisses erachtet (Losch und Püttker 2009: 23; Broszinsky-Schwabe 2017: 21). Die Gesamtheit von kulturellen Systemen lässt sich andererseits anhand eines auf empirischen Kenntnissen der siebziger Jahre beruhenden Modells nach Hofstede unter Betrachtung folgender vier Dimensionen kulturspezifischer Differenzen simplifizieren (Losch und Püttker 2009: 24ff.; Kumbier und Schulz von Thun 2013: 14):

(1) Dimension „ Machtdistanz “: Die Präsenz eines kulturell legitimierten Umgangs in Bezug auf Rangordnungen, Hierarchie und Status einer Struktur, welche in verschiedenen Kulturen differente Ausprägung findet (Losch und Püttker 2009: 24ff.).
(2) Dimension „ Kollektivismus versus Individualismus “: Die kulturspezifische Relevanz von sozialer Zugehörigkeit und Bindung in kollektivistischen, oftmals östlichen Kulturen, die im Gegensatz zu einer großen Bedeutung von Eigenverantwortung und emotionaler Distanzierung bei der Lebensbewältigung im Rahmen von individualistischen, meist westlichen Kulturen stehen (Losch und Püttker 2009: 25ff.; Lee u.a. 1992, zitiert in Losch und Püttker 2009: 53; Kumbier und Schulz von Thun 2013: 14; Broszinsky-Schwabe 2017: 21).
(3) Dimension „ Maskulinität versus Feminität “: Das geschlechtsspezifische Vorhandensein von kulturellen Zuteilungsbedingungen in Bezug auf Arbeit, Verantwortung und Positionen, welche sich angesichts eindeutig definierter, auf das Arbeiten fokussierte Rollen der maskulinen Kulturen oder in überlappenden und mehr auf den Vollzug des Lebens ausgerichtete Rollenverständnisse innerhalb femininer Gesellschaften realisieren (Losch und Püttker 2009: 25ff.).
(4) Dimension „ Unsicherheitsvermeidung “: Das auf der jeweiligen Kultur beruhende Ausmaß des Unwohlseins bei Eintritt fremdartiger Situationen mit unvorhersehbarem Ausgang, welches meist mit einem daraus resultierenden Vermeiden korreliert (Losch und Püttker 2009: 25).

Im Rahmen eines interkulturellen Kontakts zu Menschen anderer Kulturen ist ein nach Thomas konzeptionelles Verständnis der sogenannten „Kulturstandards“ (Losche und Püttker 2009: 13) unter Beachtung eines Risiko des Stereotypisierens von besonderer Relevanz, welche in Form von sich dynamisch wandelnder „Eckpfeiler“ (Losche und Püttker 2009: 19) bzw. als ,für Gruppen, Organisationen und Nationen typische Orien­tierungsmaßstäbe des Wahrnehmens, Denkens und Handelns' (Thomas 1991, zitiert in Losche und Püttker 2009: 19) innerhalb kultureller Zusammenhänge präsent sind. Diese treten als verschieden internalisierte „Richtlinien“ für das Verhalten und Handeln der Angehörigen einer Kultur sowie deren Wahrnehmung, Deutung und Umgang mit Dingen, Mitmenschen und Geschehnissen zu Tage und nehmen so Einfluss auf die Erfahrungen und den kommunikativen, verbalen Austausch mit anderen (Thomas 1991, zitiert in Losche und Püttker 2009: 19; Thomas 1993, zitiert in Losche und Püttker 2009: 13, Losche und Püttker 2009: 13ff.). In übertragener Weise können jene Richtgrößen und Standards sowie deren Gebrauch und Wirkungen anhand des „Werteund Entwicklungsquadrat“ nach Kumbier und Schulz von Thun (2013: 14ff.) in Abbildung 4 illustriert werden. Die diesem Modell zugrundliegende Annahme besteht darin, dass sich jeder Wert bei Präsenz einer exzessiven Orientierung bzw. Durchsetzung und Generalisierung zu einem Unwert entwickelt, welcher aus diesem Grund mit einem in Kontrast hierzu stehenden Wert ausgeglichen werden sollte. Das Bestehen einer solchen „dialektischen Balance“ (Kumbier und Schulz von Thun 2013: 14) kann zur Entwicklung einer positiven Realität führen (Kumbier und Schulz von Thun 2013: 14).

Abbildung 4: Das „Werteund Entwicklungs quadrat“ nach Kumbier und Schulz von Thun

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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Details

Seiten
26
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668915763
ISBN (Buch)
9783668915770
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461797
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Note
1,7
Schlagworte
interkulturelle kommunikation differenzen gemeinsamkeiten kulturen praxis

Autor

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Titel: Interkulturelle Kommunikation