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Gescheiterte Hybridität in Hans Christian Andersens "Die kleine Seejungfrau". Der gescheiterte Versuch der Verbindung zweier Welten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1. Beschreibungen zweier Welten
2.2. Die Unvereinbarkeit dieser Welten

3. Der Verbindungsversuch der Seejungfrau
3.1. Alles, was sie hat geben können
3.2. Die personifizierte Hybridität
4.1. Vorahnungen ihres Scheiterns
4.2. Scheitern

5. Schluss

6. Bibliographie

1. Einleitung

Es liegt an Hans Christian Andersens Märchen, dass man sich heute unter einer Meerjungfrau ein Wesen vorstellt, dessen Leib in einem Fischschwanz endet. Andersen war nicht der Erfinder dieser Vorstellung, aber er hat sie so populär gemacht, dass sie auf die antiken und mittelalterlichen Nymphen zurückbezogen wurde. 1

Andersens „Die kleine Seejungfrau“ greift einen Mythos auf, der seit mehreren tausend Jahren in Literatur und Kunst vieler verschiedener Kulturen präsent ist. Die Figur der Wasserfrau bietet viele verschiedene Formen: Nixe, Sirene, Meerjungfrau, Undine, Melusine und Loreley2. Alle diese Realisierungen spielen auf „die Assoziation von Weiblichkeit und Wasser“ (Wich 15) an. Andersen jedoch prägte vornehmlich das Bild der Meerjungfrau, das wir heute kennen und inspirierte damit viele andere Werke – das wohl berühmteste ist Disneys Arielle. In den meisten anderen Version besitzen „die Fabelwesen, zumeist die weiblichen, eine erotische Anziehungskraft, die den unweigerlichen Untergang des Betörten freiwillig erscheinen lässt.“ (27). Andersens Seejungfrau jedoch wirkt kindlicher und unschuldiger. Dies verweist auf eine andere Sichtweise dieser Wesen. „Die Meerjungfrauen erscheinen als schutz- und erlösungsbedürftige Fabelwesen, die nur durch die Liebe eines Menschen aus dem Zustand der Seelenlosigkeit befreit werden können.“ (28). Ebendiese Sichtweise beschreibt die Essenz von Andersens Märchen. Die kleine Seejungfrau (die, zusätzlich bemerkt, keinen Namen besitzt und somit eine Beispielhaftigkeit bleibt) ist auf der Suche nach der Erlösung und dem Erlangen einer Seele. In der ersten Fassung von Andersen’s Märchen stirbt die kleine Seejungfrau und wird zu Schaum auf dem Meer, nachdem sie sich weigert, den Prinzen zu töten. Später wurde das Ende insofern umgeändert, dass sie eine zweite Chance auf eine unsterbliche Seele erhält, indem sie sich den Luftgeistern anschließt. Die kleine Seejungfrau verkörpert den tragisch gescheiterten Versuch, zwei Welten zu verbinden, die unvereinbar sind.

2.1. Beschreibungen zweier Welten

Bereits in den Beschreibungen der beiden Welten, zwischen denen Andersens Protagonistin wechselt, werden deren Unterschiede deutlich. Unter Wasser tritt besonders ein Vergleich hervor, bei dem immer wieder die Ähnlichkeit des Wassers mit Glas betont wird. Direkt zu Anfang beginnt die Beschreibung des Meerwassers, das „so blau [ist] wie die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas“3. Die Wände und Decken im Schloss des Meerkönigs sind aus Glas. Andersen spielt mit der „Tiefe der Farben und ihrer Kontrastierung und Nuancierung: feuerrot, dunkelblau, strahlendes Gold, […] der himmelblaue Schimmer, der Purpur der Sonne“ 4. In der Welt, aus der die kleine Seejungfrau kommt, liegt der Fokus auf Lebendigkeit: in der Unterwasserlandschaft gibt es „lebendige Blumen“ (Andersen 116) die aus den Wänden hervorwachsen und all dies lebt harmonisch zusammen.

Da wird uns die fremde Welt des Meeres vertraut gemacht durch eine Analogie: die Fische als Vögel der Tiefsee; da sehen wir uns selber um und entdecken uns, wie versunken in einem Traum, inmitten dieser noch irdischen Welt als Bewohner bereites jener ANDERSENschen Anderswelt, und schon sind wir vorbereitet, ohne weitere Überraschung […] den nächsten Satz zu vernehmen.5

Einzig das Torfmoor, in dem die Meerhexe lebt, hebt sich ab von dieser Harmonie und Lebensfreude. „Dort wuchsen keine Blumen, kein Seegras, nur der nackte, graue Sandboden“ (Andersen 128f.). An dieser Stelle greift der Autor mehrfach das Motiv des Todes auf, beispielsweise ist das Haus der Meerhexe „aus Knochen gestrandeter Menschen errichtet“ (Ebd.).

Bei der Beschreibung des Lebens über Wasser liegt die Betonung stark auf Pracht und Prunk. Direkt beim ersten Anblick ihres geliebten Prinzen fällt der kleinen Seejungfrau „all diese Pracht“ (121) auf. Besonders deutlich wird dies, als sie das Schloss erblickt, in welchem der Prinz lebt.

Dieses war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart gebaut, mit großen Marmortreppen, deren eine gerade in das Meer hinunterging. Prächtige vergoldete Kuppeln erhoben sich über dem Dache, und zwischen den Säulen, die um das ganze Gebäude herumgingen, standen Marmorbilder, die aussahen, als lebten sie. Durch das klare Glas der hohen Fenster sah man in die prächtigsten Säle hinein, wo kostbare Seidengardinen und Teppiche aufgehängt und alle Wände mit großen Gemälden geschmückt waren, so daß es ein wahres Vergnügen war, sie anzusehen. (125)

Im Königreich über Wasser scheint alles kostbar und wertvoll zu sein. Besonderen Reiz haben für die kleine Seejungfrau selbstverständlich die Dinge, die sie aus der Unterwasserwelt nicht kennt: „Eine überaus sinnliche, noch gänzlich unbekannte Entdeckung wartet dort auf das Mädchen: Dort droben duften die Blumen…“ (Drewermann, L iebe 65). Der Duft der Blumen und die wunderschönen grünen Wälder verzaubern die Protagonistin. Sie verliebt sich nicht nur in den Prinzen, sondern auch in seine Welt, die „ihr größer zu sein schien als die ihrige“ (Andersen 125f.).

2.2. Die Unvereinbarkeit dieser Welten

So märchenhaft Andersens Beschreibungen auch klingen, so lassen sie den Leser dabei jedoch nicht die Unvereinbarkeit dieser beiden Welten vergessen. Um ihren eigenen Raum als ihr Zuhause erkennen zu können, muss sie ihn erst verlassen und durch die Kontrastierung dieser beiden Welten wird die Herausbildung einer Norm für beide gewährleistet 6. Die kleine Seejungfrau und ihr Prinz sind durch „verschiedene Formen von Sozialisation geprägt“ 7. Sie ist streng betrachtet nicht einmal ein vollkommener Mensch und er ein Prinz, der in einem Schloss lebt. Die beiden inszenieren einen personifizierten Konflikt zwischen Natur und Kultur. Die Voraussetzungen für eine gegenseitige Liebe und glückliche Zukunft sind also von Beginn an wenig vielversprechend. Sie scheitern an dem, was Kraß die „Wesensdifferenz“ (Kraß 13) einer Martenehe nennt.

Wenn irgendein Mensch zur Erlösung einer „kleinen Meerjungfrau“ seinem ganzen Wesen nach vollkommen ungeeignet ist, so ist es dieser „Prinz“, der doch so vieles mit der „kleinen Meerjungfrau“ gemeinsam hat – bis auf ihren Ernst, bis auf ihre Traurigkeit, bis auf ihre Leidenschaftlichkeit, bis auf ihr Verlangen, in dem die Verzweiflung wohnt. 8

Der Prinz ist nicht der richtige, um der Meerjungfrau die Seele zu geben, die sie so sehnlich begehrt. Blind vor Liebe bemerkt sie nicht, wie aussichtslos ihr Unterfangen ist.

Lauscht man Andersens Darstellung der Harmonie unter Wasser, eines „Ozeans voller Farben, Formen, Lichter und Gärten aus versunkenen Schiffen, so übersieht man oft einfach, dass sich hier eine gespenstische Todeszone für den Menschen auftut“ (Wich 28). Die schwierigste und doch banale und naheliegende Erkenntnis in dieser Liebesgeschichte ist die, dass der Prinz bei der kleinen Seejungfrau unter Wasser nicht atmen kann. „Dort, wo die Geliebte wohnt, wartet der Tod […] und es gibt […] durchaus keine Verbindung zwischen hüben und drüben“ (Drewermann, Liebe 47). Diese Tatsache ist verheerend für das weitere Schicksal der Protagonistin: Es gibt keine Verbindung zwischen den Elementen, keinen Kompromiss für das Paar, keine Möglichkeit, es beiden recht zu machen. „Dort, wo eine „kleine Meerjungfrau“ lebt, kann ein „Mensch“ sich nur aufhalten unter Gefahr für sein Leben; und auch umgekehrt: Dorthin, wo die „Menschen“ zuhause sind, kann eine „Meerjungfrau“eigentlich niemals gelangen“ (53). Die einfachsten Prinzipien der Natur sorgen dafür, dass der Prinz nicht lebendig ins Reich der Meerjungfrau gelangen kann. Dies ist ihr nur zu schmerzlich bewusst, da sie ihn bereits zweimal in ihrem Element vor sich selbst retten musste (Drewermann, Seele 87). Da die kleine Seejungfrau weiß, dass ihr geliebter Prinz nicht zu ihr kommen kann, trifft sie eine Entscheidung.

3. Der Verbindungsversuch der Seejungfrau

Andersens kleine Seejungfrau ist schon von Natur aus ein hybrides Wesen. „In der oberen Hälfte mit einem schönen Frauenkörper versehen, endet die untere Hälfte in einem mit Schuppen bedeckten Fischschwanz“ (Wich 28). Durch Aufopferung, Einschränkung und Qual versucht sie, um ihrer Liebe willen, aus ihrer Hybridität eine Verbindung zwischen zwei Welten zu erzwingen.

[...]


1 Kraß, Andreas: Meerjungfrauen. Geschichten einer unmöglichen Liebe. Frankfurt am Main 2010. Hier: S.14

2 Wich, Franz: Das große Buch der Meerjungfrauen. Eine Reise in die Welt der Nixen, Wassermänner und Undinen. Halle 2009. Hier: S.9.

3 Andersen, Hans Christian: Märchen. Übersetzt von Eva-Maria Blüm. Leipzig 1975. Hier: S.115.

4 De Mylius, Johan: Der Preis der Verwandlung. Hans Christian Andersen und seine Märchen. Würzburg 2010.Hier: S. 173.

5 Drewermann, Eugen: Liebe, Leiden und Unsterblichkeit. Das Märchen von der Kleinen Meerjungfrau. Freiburg 1997.Hier: S.49.

6 Klugsberger, Theresia: Verfahren im Text. Meerjungfrauen in literarischen Versionen und myt hischen Konstruktionen von H. C. Andersen, H. C. Artmann, K. Bayer, C. M. Wieland, O. Wilde. Hg. v. Ullrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer. Nr.222. Stuttgart 1989. Hier: S.7f.

7 Böschenstein, Renate: Undine oder das fließende Ich. In: Irmgard Roebling (HG): Sehnsucht und Sirene. Pfaffenweiler 1992. S.101-131.Hier S.111

8 Drewermann, Eugen: Und gäbe dir eine Seele… Hans Christian Andersens Kleine Meerjungfrau tiefenpsychologisch gedeutet. Freiburg 1997.Hier: S.78f.

Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668923898
ISBN (Buch)
9783668923904
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461680
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Neuere Deutsche Literatur und Ihre Didaktik
Note
1,0
Schlagworte
Andersen Kleine Seejungfrau Meerjungfrauen Meer See Geschlechterrollen Wasser Märchen Wasserfrauen

Autor

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Titel: Gescheiterte Hybridität  in Hans Christian Andersens "Die kleine Seejungfrau". Der gescheiterte Versuch der Verbindung zweier Welten