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Erarbeitung der Beziehungsvorstellung des lyrischen Ichs im produktionsorientierten Verfahren

Unterweisung / Unterweisungsentwurf 2018 21 Seiten

Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thema der Unterrichtsreihe:

2. Thema der Unterrichtsstunde:

3. Stundenziel:

4. Teilziele:

5. Tabellarische Darstellung der geplanten Unterrichtsreihe:

6. Verlaufsplan

7. Begründung zentraler Aspekte der Unterrichtskonzeption

8. Quellenverzeichnis

9. Anhang

1. Thema der Unterrichtsreihe:

Identitätssuche und Fremdheitserfahrungen in lyrischen Texten – analytischer sowie handlungs- und produktionsorienterter Umgang mit lyrischen Texten im thematischen Zusammenhang

2. Thema der Unterrichtsstunde:

„und wärst du ein Stern/ich knallte dich vom Himmel ab“ – Erarbeitung des problematischen Beziehungskonzepts des lyrischen Ichs in Ulla Hahns Gedicht Bildlich gesprochen im produktionsorientierten Verfahren.

3. Stundenziel:

Die SuS können das problematische Beziehungskonzept des lyrischen Ichs erläutern, indem sie sich im produktionsorientierten Verfahren mit Hahns Gedicht auseinandersetzen und die fehlende Strophe des Gedichts verfassen. (Texte – Rezeption/Produktion)

4. Teilziele:

Die SuS können erste Assoziationen zum Gedicht benennen, indem sie diese anhand des Lesevortrags durch die Lehrperson formulieren. (Texte – Rezeption)

Die SuS können die Form, die sprachlichen Besonderheiten sowie das Beziehungskonzept des Gedichts benennen und begründen, indem sie das Gedicht aspektorientiert analysieren.

(Texte – Rezeption)

Die SuS können das sich in der Radikalität steigernde Beziehungskonzept des lyrischen Ichs erläutern, indem sie das Gedicht durch das Verfassen der fehlenden Strophe unter Berücksichtigung ihrer Arbeitsergebnisse vervollständigen. (Texte – Produktion)

Die SuS können über die Interpretation des Beziehungskonzepts des lyrischen Ichs reflektieren, indem sie die Ergebnisse ihrer Mitlernenden vor dem Hintergrund ihrer Arbeitsergebnisse kriteriengeleitet evaluieren. (Texte – Produktion)

Eventualziele:

Die SuS können über das problematische Beziehungskonzept des lyrischen Ichs reflektieren, indem sie sich mit einer thematisch unpassenden Strophe kritisch auseinandersetzen. (Texte – Rezeption)

Die SuS können über das problematische Beziehungskonzept des lyrischen Ichs reflektieren, indem sie dazu kritisch Stellung nehmen. (Texte – Rezeption)

5. Tabellarische Darstellung der geplanten Unterrichtsreihe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1

6. Verlaufsplan

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

7. Begründung zentraler Aspekte der Unterrichtskonzeption

Der Schwerpunkt dieser Unterrichtsstunde liegt auf der Erarbeitung des Beziehungskonzepts des lyrischen Ichs in Ulla Hahns Gedicht Bildlich Gesprochen im produktionsorientierten Verfahren. Nachdem sich die SuS durch das Formulieren von Assoziationen dem Unterrichtsgegenstand angenähert haben und in Orientierung an den Bearbeitungsschwerpunkten ein erstes Textverständnis erlangt haben, vertiefen sie dieses, indem sie die fehlende Strophe anhand ihrer Arbeitsergebnisse formulieren. Durch die anschließende Präsentation der Ergebnisse reflektieren sie nicht nur ihre Produkte, sondern erweitern durch die Auseinandersetzung mit den Versionen ihrer Mitschüler/innen ggf. ihr Textverständnis.

Daher ist diese Unterrichtsstunde, in der sich die SuS im produktionsorientierten Verfahren mit dem Gedicht auseinandersetzen, von besonderer Bedeutung. Denn die Fähigkeit, ein Verständnis für einen lyrischen Text entwickeln zu können, ist für die Lernenden aus bildungsinstitutioneller Sicht im Hinblick auf die Qualifikationsphase relevant, da sie sich dort mit der Erschließung diverser lyrischer Formen auseinandersetzen.2 Zudem kann der Umgang mit literarischen Texten über ihre Schulbildung hinaus im gesellschaftlichen und kulturellen Leben von Nutzen sein.3 Dadurch, dass die SuS durch das Lesen des Gedichts die subjektive Lebenserfahrung eines lyrischen Ichs erfahren, ziehen sie sich „über einen Identifikationsprozess selbst hinein in eine Auseinandersetzung mit eigener und fremder Subjektivität“4. Somit trägt der Umgang mit lyrischen Texten zur „Identitätsfindung und zum Fremdverstehen“5 bei. Die Arbeit mit lyrischen Texten aus der Epoche der Neuen Subjektivität, der auch Ulla Hahns Gedicht Bildlich gesprochen zugeordnet wird, zeigt den SuS einen deutlichen Lebensweltbezug auf. Denn die dafür charakteristische „lyrische Ich-Akzentuierung“6 sowie die Thematiken „Augenblick, Alltag und gerade Erlebtes und Erfahrenes“7 lassen die Lernenden sich mit dem Gedicht identifizieren. Durch das Verfassen der Strophe wird die Kreativität und Imaginationsfähigkeit der Heranwachsenden gefördert, womit sich die Stunde auch an einem der zentralen Leitziele des Literaturunterrichts nach Kaspar Spinner (1999) orientiert.8

Diese Unterrichtsstunde lässt sich sowohl in den schulinternen als auch in den Kernlehrplan einordnen. Denn die Lernenden erweitern ihre Kompetenzen im Bereich der Rezeption sowie im Bereich der Produktion. Ersteres erlangen sie zum einen durch die implizite Analyse und Interpretation des lyrischen Textes als Grundlage für die produktionsorientierte Aufgabe.9 Durch das Verfassen der fehlenden Strophe und der anschließenden Reflexion unter Rückbezug auf den Originaltext fördern sie im produktionsorientierten Verfahren ihre Kompetenz „Texte im Hinblick auf das Verhältnis von Inhalt, Ausgestaltung und Wirkung [zu] beurteilen“10. Dieser Einsatz eines textgestaltenden Schreibverfahrens ist im Kernlehrplan im Bereich der Produktion angesiedelt.11

In der Unterrichtsreihe markiert diese Stunde eine zentrale Stelle. Denn sie bildet den Abschluss der Auseinandersetzung mit diversen Gedichten von Ulla Hahn einhergehend mit der Epoche der Neuen Subjektivität und bereitet die SuS durch das Erfassen des dargestellten Beziehungskonzepts auf die anstehende Klausur zu Hahns Gedicht Mit Haut und Haar vor, in dem ebenfalls die Themen Selbstaufgabe und Identitätsverlust entfaltet werden. In den bisherigen Unterrichtsstunden haben die Jugendlichen ihr Gattungswissen reaktiviert und erweitert. Dabei haben sie sich in analytischer sowie in handlungs- und produktionsorientierter Weise mit lyrischen Texten auseinandergesetzt, in denen das Ich im Zentrum steht. Dieses Vorgehen bildet den fachdidaktischen Schwerpunkt dieser Reihe, um die SuS motivierend an die lyrischen Texte heranzuführen und um Frustrationen bei Lernenden, die sich mit einem rein analytischen Zugang zu Gedichten schwertun, entgegenzuwirken. Da das lyrische Ich in dieser Unterrichtsreihe im Fokus steht, wurden zunächst verschiedene Sprecher aus lyrischen Texten diverser Epochen betrachtet und vom Autor abgegrenzt. In der Auseinandersetzung mit einigen Gedichten wurde bereits auch auf das Thema Liebe und Beziehung eingegangen. Während auf die diversen Epochen zunächst nur in Form von Verweisen auf weiterführende Literatur und die Bedeutung für die Qualifikationsphase eingegangen worden ist, wurde dann die Neue Subjektivität mit ihren literarischen Merkmalen genauer betrachtet, da in deren Zentrum das lyrische Ich steht, anhand dessen die Thematik „Identitätsfindung und Fremdheitserfahrungen in lyrischen Texten“ ausgebreitet wird. Daraufhin haben sich die SuS in den letzten Stunden mit Ulla Hahns Gedichten Angstlied und Irrtum befasst und dazu schrittweise Analysen angefertigt, die dann in Form von Schreibkonferenzen überarbeitet worden sind. An dieser Stelle ist eine produktionsorientierte Arbeit mit dem Gedicht Bildlich gesprochen sinnvoll, um der Vielfalt an Zugängen zu lyrischen Texten in dieser Unterrichtsreihe gerecht zu werden. Auf diese Weise erleben die Heranwachsenden, „dass sie nicht nur Rezipienten der Literatur sind, sondern dass sie selbst etwas produzieren“12 können.

Als Lerngegenstand dieser Unterrichtsstunde fungiert Ulla Hahns Gedicht Bildlich gesprochen, welches das Liebesverständnis des lyrischen Ichs in der Beziehung zum angesprochenen Du thematisiert und somit das Beziehungskonzept des lyrischen Ichs dargestellt wird. Dieses zeichnet sich schlussendlich dadurch aus, dass es seinen Partner in einer Art von Besessenheit für sich vereinnahmen will und zu diesem Zweck auch dessen Autonomie mit radikalen Mitteln untergraben würde. Diese Darstellung des Beziehungskonzepts erfolgt innerhalb von vier Strophen, die aus jeweils vier Versen gebildet werden, von denen sich in jeder Strophe jeweils der zweite und vierte Vers reimen, die den Abschluss einer der zwei Sinneinheiten der Strophen bilden.

Auffällig ist, dass das lyrische Ich sich während des gesamten Gedichts im Konjunktiv 2 ausdrückt, wodurch es seine Aussagen in einem gewissen Maße relativiert. Jedoch zeigt die Radikalität des Beziehungskonzepts, dass das lyrische Ich durchaus zu seinem Partner in zwanghafter Liebe steht. Diese wird dadurch verstärkt, dass ausschließlich das lyrische Ich sein subjektives Empfinden beschreibt, obwohl das Du auch angesprochen wird. Dem Partner wird somit keine Möglichkeit gegeben, sich zu äußern und dadurch in seiner Identität untergraben. Gemäß dem Titel des Gedichts werden die einzelnen Aspekte der Beziehung anhand diverser sprachlicher Bilder veranschaulicht, deren Auswahl sich im Verlauf der einzelnen Strophen verändert. Zu Beginn des Gedichts zeigt das lyrische Ich den Wunsch, sich völlig der Beziehung zu seinem Partner, dem angesprochenen Du, hinzugeben und sich durch diese Verbindung, der Verwurzelung eines Baumes ähnlich, gefestigt und sicher zu fühlen (vgl. V.1f.). Das Bild vom Partner als Meer (vgl. V.3) zeigt dessen enorme Bedeutung für das lyrische Ich, da er eine gewisse Macht ihm gegenüber hat. Dieser Aspekt wird im Zusammenhang mit der Metapher „weiße Burgen aus Sand“ (V.4) noch deutlicher, da das Meer diese nach einer gewissen Zeit wegspülen und somit zerstören kann. Trotz der Vergänglichkeit und der zerstörerischen Kraft der Liebe möchte sich das lyrische Ich dem Partner in seiner Schönheit, die sich in dem Bild der Sandburgen wiederspiegelt, hingeben (vgl. V.3f.). Die sprachlichen Bilder der ersten Strophe stehen somit für das Verlangen nach einer ganzheitlichen Vereinigung des lyrischen Ichs mit seinem Partner.

In der nächsten Strophe zeigen sich erste Tendenzen der vereinnahmenden Liebe des lyrischen Ichs, wobei die Beziehung zwischen Ich und Du umgekehrt wird. Es möchte seinen Partner gleichsam einer „Blume“ (V.5) entwurzeln und sich völlig zu eigen machen, womit es ihm seine Identität nimmt. Dieser Wunsch steigert sich in Form des nächsten sprachlichen Bildes, wobei sich das lyrische Ich als Feuer darstellt, welches das Haus des Partners in „sanfte Asche“ (V.8) legen wolle. Zwar wird diese zerstörerische Eigenschaft des Feuers durch das Adjektiv sanft relativiert, jedoch verdeutlicht dies dennoch den Wunsch des lyrischen Ichs, den Partner völlig für sich zu vereinnahmen und ihm dazu seine Existenz, seinen eigenen Lebensraum zu nehmen.

Die höchste Intensität dieses Verlangens wird in der letzten Strophe des Gedichts dargestellt, worin sich die Beziehung durch eine zwanghafte Liebe seitens des lyrischen Ichs auszeichnet. Anhand der Metapher der Nixe, die den Partner an den Meeresgrund hinabsaugen will, wird die völlig Vereinnahmung des Partners wiedergespiegelt, da ihm nunmehr die gesamte Lebensexistenz genommen würde und er in den Fängen des lyrischen Ichs entmündigt wäre (vgl. V.9f.). Das letzte Bild des Gedichts zeigt die Besessenheit sowie die damit einhergehende Radikalität des lyrischen Ichs, wenn es darum geht, den Partner für sich in Besitz zu nehmen (vgl. V.11f.). Dieses Bild des Partners als Stern lässt sich in zwei Ansätzen deuten. Zum einen steht die Entfernung eines Sterns zur Erde dabei für das Verhältnis zwischen ihm und seinem Partner, welches eben nicht durch solch eine Distanz bestimmt werden soll. Das lyrische Ich nimmt ihm damit den Raum, sich frei zu entfalten und ein eigenständiges Leben zu führen. Das Beziehungskonzept beruht demnach auf Selbstaufgabe. Zum anderen kann das Leuchten des Sterns, welches allen Menschen zuteilwird, für die Beziehung des Partners zu anderen Menschen stehen, die das lyrische Ich nicht duldet. Anhand beider Deutungsansätze werden die sprachlichen Bilder als Metaphern für die vereinnahmende Liebe, die das lyrische Ich seinem Partner gegenüber empfindet, aufgefasst. Die Verwendung des Verbs abknallen (vgl. V.10) verdeutlicht dabei die Radikalität des lyrischen Ichs. Es scheut sich keiner Mittel, um sein Ziel der völligen Vereinnahmung zu erreichen, auch wenn es seinen Partner durch seine Egozentrik zerstört. Der eigenen Identität seines Partners spricht dem lyrischen Ich somit keinen Wert zu und behandelt es als ein Besitztum. Dies wird auch durch den Bezug der Personalpronomina ich und du verdeutlicht, da das lyrische Ich von seinem Partner verlangt, sich nur um sich zu kümmern. Der Konjunktiv weist zwar auf eine gewisse Irrealität dieser Aussagen hin, jedoch steht diesem Modus die Intensität der Aussagen entgegen, die sich im Verlauf des Gedichts entwickelt. Während das lyrische Ich zunächst seinen Wunsch nach Halt und Hingabe beschreibt, zeigt sich schließlich in der Vorstellung des Partners als Besitz sein problematisches Beziehungskonzept. Eben an dieser Entwicklung setzt die heutige Unterrichtsstunde an, da die SuS sich der Klimax in der Darstellung des Beziehungskonzepts bewusstwerden müssen, um eine qualitativ angemessene Strophe verfassen zu können.

[...]


1 Den Kurs habe ich erst ab der 5. Unterrichtsstunde zu dieser Reihe übernommen.

2 vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Kernlehrplan für das Gymnasium – Sekundarstufe II in Nordrhein-Westfalen. Deutsch. Frechen 2013. S.26.

3 vgl. Meinert A. Meyer/Hilbert Meyer: Wolfgang Klafki. Eine Didaktik für das 21. Jahrhundert? Weinheim 2007. S.57f.

4 Kaspar Spinner: Umgang mit Lyrik in der Sekundarstufe I. Baltmannsweiler 2003. S.16f.

5 Kurt Franz: Lyrik im Deutschunterricht. Baltmannsweiler 2006. S.4.

6 Hermann Korte: Deutschsprachige Lyrik seit 1945. Stuttgart 20042. S.92.

7 ebd. S.93.

8 vgl. Anja Saupe: Epische Texte und ihre Didaktik. In: G. Lange/S. Weinhold (Hg.): Grundlagen der Deutschdidaktik. Sprachdidaktik, Mediendidaktik, Literaturdidaktik. Baltmannsweiler 2010. S.263.

9 vgl. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Kernlehrplan für das Gymnasium – Sekundarstufe II in Nordrhein-Westfalen. Deutsch. Frechen 2013. S.13.

10 Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen: Kernlehrplan für das Gymnasium – Sekundarstufe II in Nordrhein-Westfalen. Deutsch. Frechen 2013. S.13.

11 vgl. ebd. S.14.

12 Kaspar Spinner: Produktive Verfahren im Literaturunterricht. In: K. Spinner (Hg.): Neue Wege im Literaturunterricht. Informationen, Hintergründe, Arbeitsanregungen. Hannover 1999. S.34.

Details

Seiten
21
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668928039
ISBN (Buch)
9783668928046
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461670
Note
2,0
Schlagworte
erarbeitung beziehungsvorstellung ichs verfahren

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Titel: Erarbeitung der Beziehungsvorstellung des lyrischen Ichs im produktionsorientierten Verfahren