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Alfred Schütz: Zu der Konstitution des subjektiven Sinns und der Frage, wie Fremdverstehen möglich ist

Hausarbeit 2005 18 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.2 Konstitution von intentionalen Objekten
2.2 Der Entwurf von Handlung
2.3 Sinngebung als eine reflexive Zuwendung
2.4 Motiv
2.4.1 Um-zu-Motiv
2.4.2 Weil-Motiv
2.5 Das Problem der Intersubjektivität
2.5.1 Die Generalthese reziproker Perspektiven
2.5.2 Typisierung

3. Schlussbetrachtung

Literatur

1. Einleitung

Diese Hausarbeit soll einen kleinen Überblick über Alfred Schütz’ Theorie zur Konstitution des subjektiven Sinns und das damit zusammenhängende Problem der Intersubjektivität geben. Dabei beziehe ich mich primär auf Schütz’ Buch „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit werde ich mich dabei auf wesentliche Aspekte beschränken und diese mit Beispielen näher erläutern.

Zunächst beschäftige ich mich mit Schütz’ Vorstellungen über die Konstitution des subjektiven Sinns. Darauf folgend bearbeite ich seine Ausführungen zum Funktionieren von Handlungen und wie ihnen ein Sinn zugeschrieben wird. Anschließend behandele ich das Problem der Intersubjektivität und Schütz’ Versuch dieses Problem zu lösen. Zum Ende meiner Arbeit werde ich kurz meine Meinung über die hier dargelegten Sachverhalte äußern.

2. Hauptteil

Wie schon einleitend erwähnt, ist ein zentraler Punkt in Schütz’ Werk die Frage nach der Konstitution des subjektiven Sinns. Ausgangspunkt ist hier der Sinnbegriff, den Max Weber in seiner Handlungstheorie eingeführt hat. In seinem Buch, „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“, kritisiert Schütz Weber dahingehend, dass er den subjektiven Sinn zwar als Grundlage jeder Theorie des Handelns voraussetzt, die Analyse, wie der subjektiv gemeinte Sinn zustande kommt, aber weitgehend außer Acht lässt und auch die Begriffe des Fremdverstehens und Selbstverstehens nicht differenziert.[1] Er begründet diese Haltung Webers damit, dass sich dieser „mit wissenschaftstheoretischen Fragen nur in soweit befassen [wollte], als dies seine Beschäftigung mit konkret fachwissenschaftlichen Problemen erforderlich machte.[2]

Im Zuge dieser Kritik stellt Schütz zwei Fragen auf, welche uns im Folgenden näher beschäftigen sollen:

1. Was bedeutet die Aussage, der Handelnde verbinde mit seinem Handeln einen Sinn?
2. In welcher Weise versteht das Ich fremdes Verhalten, a) überhaupt, b) nach dem subjektiv gemeinten Sinn des sich so Verhaltenden?“[3]

Diese Fragen sind nach Schütz „im Grunde nicht solche der Sozialwissenschaft“, sie behandeln vielmehr ihren Unterbau, „die Konstitution der Sozialwelt, die setzenden und deutenden Akten des täglichen Lebens mit Anderen[4]. Zunächst beginne ich mit einem kurzen Exkurs in die Philosophie, den auch Schütz in seinem Buch, „der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“, vollzieht. Zweck dieses „Ausflugs“ in die Philosophie, ist die Aufklärung des schützschen Denkprinzips, welche seiner Theorie zugrunde liegt.

2.1. Konstitution von intentionalen Objekten

Um die Konstitution intentionaler Objekte erläutern zu können, müssen zunächst einige Begrifflichkeiten geklärt werden.

Die Phänomenologie geht davon aus, dass uns die Welt nur über unser Bewusstsein zugängig ist, mit anderen Worten, wir konstruieren die Welt über unser Bewusstsein. Die so über unser Bewusstsein konstruierten Dinge, werden als intentionale Objekte bezeichnet. Der Begriff „Intentionalität“ bezeichnet also die Objektbezogenheit des Bewusstseins (Bewusstsein von etwas).

Der Begriff der durée, welchen Schütz aus der Philosophie Bergsons übernahm, bezeichnet die „reine Dauer“ in der es „kein Nebeneinander, kein Außereinander, und keine Teilbarkeit, sondern nur eine Kontinuität des Verfließens [gibt]. […] Was wir aber in der Dauer erleben, ist eben nicht ein Sein, ein Festabgegrenztes und Wohl-Unterschiedenes, sondern ein stetiger Übergang von einem Jetzt und So zu einem neuen Jetzt und So.“[5] Dieser schwer zu fassende Begriff stellt also den Gegensatz zum Leben in der raum-zeitlichen begrifflichen Welt dar, welche wir über unser Bewusstsein konstituieren. Die durée ist das reine Fließen der nicht quantifizierten Zeit.

Ausgehend von dem Begriff der „reinen Dauer“ oder „durée“ und dem Begriff der oben beschriebenen intentionalen Objekte, stellt Schütz die Frage:

Wie konstituieren sich nun innerhalb des Ablaufs der durée die einzelnen Erlebnisse im Hinströmen des Bewusstseinsflusses zu intentionalen Einheiten?[6]

Schütz’ Antwort auf diese Frage, kann mit dem Begriff der Reflexion überschrieben werden. Die Erinnerung als reflexiver Akt „ist es welche die Erlebnisse aus dem unumkehrbaren Dauerablauf heraushebt und so die Urimpression des ‚Innewerdens’ in ‚Er-innerung’ modifiziert.[7] Husserl beschreibt diesen Vorgang mit den Begriffen Retention und Reproduktion.

An die Urimpression, welche aus der Durée an das Bewusstsein tritt, schließt direkt die primäre Erinnerung oder Retention an. Diese Retention ist der Jetzt-Punkt der Wahrnehmung. In jedem Moment findet jene Jetzt-Punkt-Setzung statt, darin konstituiert sich die aktuelle Phase einer Bewegung. Man kann dieses Prinzip anhand einer Videoaufzeichnung verdeutlichen. Die Kamera repräsentiert das Bewusstsein, also die Schnittstelle zwischen „der Welt“ und „Ego“. Jede Sekunde werden 25 Bilder geschossen, jedes dieser Bilder stellt in dem Moment, in welchem es geschossen wird, den Jetzt-Punkt dar. Die Bilder werden in dem Moment der Aufnahme, aber auch schon wieder von dem folgenden weiter in die Vergangenheit gerückt. Der Ablauf wird nur durch den Bezug auf die vorangegangenen Bilder (Retentionen) deutlich. Die Retention ist aber „selbst kein Zurückblicken, das die abgelaufene Phase zum Objekt macht[8], sie dient nur dazu die abgelaufene Phase „im Griff[9] zu haben und damit dann die gegenwärtige Phase durchleben zu können. Für unser Beispiel heißt dies zunächst, dass die einzelnen Bilder nur den Ablauf der Zeit widerspiegeln, nicht aber die intentionalen Objekte konstituieren. Durch dieses „im Griff haben“ ist es aber überhaupt erst möglich den Blick auf die Phase lenken zu können, also zu reflektieren.[10] Das heißt, auf unser Beispiel bezogen, die Reproduktion (Reflexion) ist quasi die Kopie der Urimpression. Diese Wiedererinnerung stellt den ursprünglichen Zeitgegenstand wieder her, mit der speziellen Eigenschaft, dass die „Vergegenwärtigung ‚schneller’ oder ‚langsamer’, deutlicher und expliziter oder verworrener, blitzschnell in einem Zuge oder in artikulierten Schritten usw.[11] vollzogen werden kann. Innerhalb dieser Wiedererinnerung konstruieren wir die intentionalen Objekte in unserem Bewusstsein.

Im Bezug auf die Intentionalität der Urimpression haben natürlich die Retentionen einen weitaus höheren Grad an Evidenz, da sie ja unmittelbares Zeugnis der konkreten Wahrnehmung sind. Der Wiedererinnerung hingegen fehlt diese absolute Evidenz, da sie eben nicht „wie Retentionen originäres Bewusstsein“[12] sind.

2.2. Der Entwurf von Handlung

Jedes Handeln vollzieht sich „nach einem mehr oder minder explizit vorgefaßten Plan[13], so Schütz. Der Prozess des Planens einer Handlung vollzieht sich nur in der Vorstellung von A[14]. Schütz spricht in diesem Zusammenhang auch von der Vorerinnerung einer Handlung[15]. Dieser Begriff erklärt sich so, dass A in seiner Phantasie die Handlung plant („phantasiert“)[16]. Diesen Entwurf behandelt A nun so, als wäre die geplante Handlung schon abgeschlossen und befände sich somit in der Vergangenheit. Durch Reflexion, also durch Vorerinnerung, ordnet A den Entwurf in den „zum Zeitpunkt des Entwerfens gegebenen Erfahrungszusammenhang ein[17]. Anders gesagt, A leitet aus einer Erfahrung eine Erwartung ab. Vorerinnerung als Reflexion auf die phantasierte Handlung ist das Äquivalent zu dem Begriff der Erinnerung als Reflexion auf die real abgeschlossene Handlung.

Der Entwerfende verfährt nicht anders, als wäre das Handeln, welches er entwirft, im Zeitpunkt des Entwerfens bereits in der Vergangenheit liegende, abgelaufene, vollzogene Handlung, die nunmehr in den Erfahrungszusammenhang eingeordnet wird.[18]

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Schütz zwischen dem Begriff „Handeln“, welcher für ihn den Prozess der nicht abgeschlossenen Handlung darstellt (dem Ablauf) und der abgeschlossenen „Handlung“ (dem Ziel) differenziert. Für Schütz stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob nun das Handeln oder die Handlung phantasierend entworfen wird. Die Antwort liegt für ihn auf der Hand. Wenn die Handlung entworfen ist, so ist das Handeln in jedem Fall mit entworfen. Wir können also sagen, dass ohne das Ziel des Handelns, eben jenes gar nicht phantasiert werden kann. Hierzu ein Beispiel, welches auch Schütz verwendet. So kann man in erster Betrachtung es durchaus als ein Handeln (das phantasiert werden kann) ansehen, wenn A von einem Stuhl aufsteht und zum Fenster geht. Der Ablauf (das Handeln) ist die Bewegung zum Fenster. Ziel (also Handlung) wäre das Erreichen des Fensters. Schütz stellt aber als Argument dagegen, dass jede Handlung in Zwischenziele unterteilt werden kann. Ohne das Ziel ist der Ablauf nur als ein leeres Gebilde, welches nicht phantasiert werden kann.

Zusammenfassend kann also folgendes festgestellt werden. Zu Anfang des Entwurfs steht die Zielsetzung. Um diese zu erreichen, muss der Handelnde verschiedene Mittel einsetzen. „Sind diese Mittel […] gewählt, so sind sie ihrerseits wieder entworfene Handlungsziele, und zwar Zwischenziele,[19] welche ihrerseits wiederum Mittel zur Verwirklichung benötigen. Das heißt nun, wird das Handlungsziel erreicht, wird es durch die Mittel herbeigeführt worden sein. Werden also die Mittel gesetzt sein, so wird als Folge davon das Handlungsziel erreicht.

Für Schütz ist es also der zentrale Aspekt des Entwurfs von Handlungen, „dass alle Entwürfe zukünftigen Handelns wesensgemäß auf ein vergangenes, abgeschlossenes Handeln gerichtet sind, dass also nicht der Handelnsablauf im Dauerstrom, sondern die als abgelaufen gesetzte und daher vom reflektierenden Blick erfassbare Handlung phantasierend entworfen wird.“[20] Diese „eigentümliche Denkform“ nennt Schütz „das Denken modo futuri exacti[21]

Was aber scheidet nun konkret das Verhalten vom Handeln und kann aufgrund unserer bisherigen Ergebnisse eine erste Definition davon gegeben werden, was der subjektive Sinn ist? Dazu Schütz:

Was das Handeln vom Verhalten unterscheidet, ist also das Entworfensein der Handlung, die durch das Handeln zu Selbstgegebenheit gelangen soll. Da nun unter Sinn auf dieser ersten ursprünglichen Stufe die eigentümliche Intentionalität des reflexiven Aktes verstanden werden soll, können wir den Satz auch so formulieren, dass der Sinn des Handelns die vorher entworfene Handlung sei.“

2.3. Sinngebung als eine reflexive Zuwendung

Ausgehend von den vorangegangenen Erläuterungen, existieren innerhalb eines Handlungsablaufs eine Vielzahl von Sinngebungen. Diese werden aber nicht als polythetische Aktvollzüge mit unterschiedlichen Sinngebungen erinnert, sondern bilden einen übergeordneten Sinnzusammenhang

Nun gehört zu jeder […] polythetischen Konstitution synthetischer Gegenständlichkeiten […], die wesensgesetzliche Möglichkeit, das vielstrahlige bewusste in ein schlicht in einem Strahl bewusste zu verwandeln, das im ersteren synthetisch Konstituierte sich in einem monothetischen Akte im spezifischen Sinne gegenständlich zu machen.[22]

Am Beispiel Autowäsche sei dies noch einmal verdeutlicht. Die „vielstrahlig bewussten“ Einzelhandlungen (z.B. das Eintauchen des Wischlappens in den Wassereimer oder das Säubern der Scheinwerfer) werden zu einem Oberbegriff zusammengefasst, sie bilden den Sinnzusammenhang „Autowäsche“. Dieser kann natürlich wieder in einem höheren Sinnzusammenhang stehen (z.B. der Wahrung der Verkehrstüchtigkeit des Autos). Schütz definiert Sinnzusammenhang wie folgt:

Wir sagen von unseren sinnvollen Erlebnissen E1, E2 … En, dass sie in einem sinnhaften Zusammenhang stehen, wenn sich diese Erlebnisse in polythetisch gegliederten Akten zu einer Synthesis höherer Ordnung konstituieren und wir auf sie in einem monothetischen Blickstrahl als auf eine konstituierte Einheit zurückblicken vermögen.[23]

Bsp.: Fenster putzen, Scheinwerfer säubern, Sitzbezüge saugen usw. = polythetische Aktvollzüge à wird als „Autowäsche“ in einem monothetischen Blickstrahl erfasst

[...]


[1] Vgl. Alfred Schütz, 1960 S.15f

[2] Alfred Schütz, 1960 S.15

[3] Alfred Schütz, 1960 S.25

[4] Alfred Schütz, 1960 S.25f

[5] Alfred Schütz, 1960 S.62

[6] Alfred Schütz, 1960 S.63

[7] Alfred Schütz, 1960 S.64

[8] Alfred Schütz, 1960 S.66

[9] Alfred Schütz, 1960 S.66

[10] vgl. Alfred Schütz, 1960 S.64ff

[11] Alfred Schütz, 1960 S.65

[12] Alfred Schütz, 1960 S.65

[13] Alfred Schütz, 1960 S.77

[14] im folgenden werde ich den Handelnden oder Planenden so bezeichnen

[15] Alfred Schütz, 1960 S.78

[16] Alfred Schütz, 1960 S.77 „phantasieren wird an anderer Stelle auch mit „anschaulich vorstellen“ beschrieben“ S.78

[17] Alfred Schütz, 1960 S.80

[18] Alfred Schütz, 1960 S.80

[19] Alfred Schütz, 1960 S.80

[20] Alfred Schütz, 1960 S.80f

[21] Alfred Schütz, 1960 S.81

[22] Alfred Schütz, 1960 S.92

[23] Alfred Schütz, 1960 S.101

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638434058
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46153
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Schlagworte
Alfred Schütz Konstitution Sinns Frage Fremdverstehen Theorien Soziologie

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