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Vergleich von Ferrainolas Glen Mills Schools mit Makarenkos Gor`kij Kolonie im Kontext zur Sozialen Arbeit in Deutschland

von Jan Schwarz (Autor) Peter Bormann (Autor)

Diplomarbeit 2005 142 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Die Gor´kji Kolonie
1. Der Leiter der Gor´kji Kolonie A.S. Makarenko
2. Das Menschenbild von Makarenko
3. Das Klientel
4. Die Mitarbeiter
5. Das Konzept der Gor´kji Kolonie
5.1 Die Rolle des Kollektivs
5.2 Die Perspektiven
5.3 Das Kommandeur- Pädagogik/- system
5.4 Der Rat der Kommandeure
5.5 Die Vollversammlung
5.6 Strafen in der Kolonie
5.7 Disziplin und militärische Erziehung
5.8 Die Rolle der Arbeit
6. Anmerkungen zur Arbeit von Makarenko
7. Zwischenfazit

III. Die Glen Mills Schools
1. Die Wohnsituation
2. Angebote von Glen Mills
3. Der Leiter der Glen Mills Schools Cosimo S. Ferrainola
4. Das Klientel
5. Die Mitarbeiter
6. Das Konzept
6.1 Die sieben Level der Konfrontation
6.2 Die Technik der Guided Group Interation (GGI)
6.3 Der „Diamant“ nach Polski
6.4 Die Force- Field- Analysis von Lewin
6.5 Das Gruppensystem
6.6 Die drei Phasen der Verhaltensmodifikation
7. Anmerkungen zur Arbeit von Ferrainola
8. Zwischenfazit

IV. Der Vergleich
1. Kriterien für den Vergleich
2. Rahmenbedingungen und Struktur der Einrichtungen
3. Die Biografien der Einrichtungsleiter
4. Das Menschenbild von Ferrainola und Makarenko
5. Das Klientel
6. Die Mitarbeiter
7. Das Konzept
7.1 Vergleich von Makarenkos Kollektiv mit Ferrainolas Gruppendruck
7.2 Vergleich von Makarenkos Rat der Kommandeure mit Ferrainolas „Bulls Club“
7.3 Die Rolle der Disziplin in beiden Einrichtungen
8. Vergleich der Kritik an Makarenko und Ferrainola
9. Zusammenfassung und Beurteilung des Vergleichs

V. Übertragungsansätze der Glen Mills Schools und der Gor´kji Kolonie auf deutsche Einrichtungen
1. Das deutsche Jugendstrafrechtsverfahren
2. Das Anti- Aggressivitäts- Training
2.1 Lehrinhalte und Ziele
2.2 Erfolgsbilanz
2.3 Elemente von Glen Mills und der Gor´kji Kolonie
3. Gut Kragenhof
3.1 Das Konzept
3.2 Elemente von Glen Mills und der Gor´kji Kolonie
4. Beurteilung der Übertragungsansätze

VI. Schlussbetrachtung

Literaturliste

Abbildungsverzeichnis

Aufteilung der Arbeit

Erklärung zur Diplomarbeit

I. Einleitung

In dieser Diplomarbeit beschreiben und vergleichen wir die Einrichtungen Glen Mills Schools von Cosimo Ferrainola und die Gor`kij Kolonie von Anton Makarenko. Wir entwickeln Kriterien für den Vergleich und untersuchen in welcher Form deutsche Einrichtungen von den Konzepten profitieren können.

Während unseres Studiums stießen wir auf die Glen Mills Schools, eine Alternative zum Jugendstrafvollzug in der Nähe der Stadt Philadelphia im US Bundesstaat Pennsylvania . Das Konzept dieser Einrichtung wird bis zum jetzigen Zeitpunkt heftig und kontrovers von verschiedenen, internationalen Wissenschaftlern diskutiert. Dieses Thema weckte sofort unser Interesse, da Befürworter des Angebots es als mögliche Alternative zum herkömmlichen Jugendstrafvollzug in Deutschland sehen. Nach der Gründung des Vereins German Mills durch einige Jugendrichter, gibt es auch die Möglichkeit für Jugendliche aus Deutschland an dem Projekt teilzunehmen. Die Rechtsgrundlagen um Jugendliche aus Deutschland in die USA zuschicken, werden wir in dieser Diplomarbeit erörtern.

Bei der Recherche zu dieser Thematik fanden wir Verweise auf eine, uns unbekannte, alternative Jugendstrafanstalt in der damaligen UdSSR. Sie hieß Gor`kij Kolonie. Der Gründer und Leiter der Einrichtung war Anton S. Makarenko. Er war ein Schriftsteller und Pädagoge.

Nachdem wir uns in das Thema Glen Mills und Gor´kji Kolonie eingelesen hatten, entdeckten wir auffällige Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Einrichtungen. Die Gor`kij Kolonie wurde in der Zeit der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1920 gegründet und endete 1928[1]. Ferrainola übernahm die Leitung der Glen Mills Schools 1975. Die Einrichtung gibt es seit 1826. Bis Ferrainola die Einrichtung übernahm, diente sie u.a. als Jugendstrafanstalt. Sie ist damit die älteste noch bestehende „juvenile correctional facility“ Einrichtung der Vereinigten Staaten von Amerika.[2]

Uns drängt sich der Verdacht auf, dass Ferrainola Teile des Konzepts von Makarenko übernommen hat. Das Besondere daran wäre, dass die UdSSR der damalige Klassenfeind war und sich die Wirtschaftssysteme beider Staaten vollkommen unterschieden.

Unserer Meinung nach ist es unbedingt erforderlich nach anderen Möglichkeiten als die bisher verwendeten Verfahren im Umgang mit jugendlichen Straftätern zu suchen, da aus unserer Sicht viele in Deutschland angewendete Methoden nicht effektiv genug erscheinen.

Zielsetzung

Ziel in dieser Diplomarbeit ist, dass wir beide Einrichtungen mit ihren unterschiedlichen Strukturen, Rahmenbedingungen und Gründungszeiten vergleichen. Wir finden markante Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus und beleuchten diese. Außerdem stellen wir die These auf:

Der Leiter der Glen Mills Schools Cosimo Ferrainolá hat weite Teile seines Konzepts von Makarenkos Gor´kij Kolonie übernommen.

Ein weiteres Ziel von uns ist es zu prüfen, ob die gewonnenen Erkenntnisse auf den deutschen Jugendstrafvollzug, sowie auf Einrichtungen der Jugendhilfe übertragen werden können und ob man gegebenenfalls davon profitieren kann. Hierzu ist es erforderlich einen Einblick in das deutsche Jugendstrafrechtssystem zu geben.

Wir werden uns kritisch mit beiden Konzepten der Einrichtungen auseinandersetzen und die Übertragbarkeit auf deutsche Jugendhilfeeinrichtungen bewerten.

Fragestellung

In unserer Diplomarbeit werden wir folgende Fragestellungen behandeln:

- An welchen Punkten kann man die Glen Mills Schools und die Gor`kij Kolonie vergleichen bzw. an welchen Punkten unterscheiden sie sich?
- In wie weit können deutsche Einrichtungen von diesen Konzepten profitieren oder haben einzelne Grundgedanken/Methoden bereits übernommen?“

Diese Fragen ziehen sich als „roter Faden“ durch unsere Arbeit. Wir werden auf die Fragestellungen zurückkommen und sie beantworten.

Literaturlage zum Thema

Für das Kapitel Glen Mills Schools gibt es nur wenig Literatur in Buchform. Diese sind jedoch sehr ergiebig, da sie aus verschiedenen Aufsätzen von Experten zu dem Thema bestehen. Es gibt daneben mehrere gute Quellen im Internet, sowie einen Dokumentarfilm, der sich ausschließlich mit der Einrichtung Glen Mills Schools beschäftigt.

Zur Gor`kij Kolonie und zur Person Makarenkos gibt es viel Literatur. Das Problem ist aber, dass einige Bücher von Makarenko in einem Erzählstil geschrieben wurden und daher schwer zu lesen sind, des Weitern sind sie nicht sehr ergiebig. Es wäre einfacher, wenn sie wie die Fachbücher der Glen Mills Schools verfasst wären. Zu einem späteren Zeitpunkt fanden wir jedoch Sekundarliteratur über Makarenko und die Gor´kji Kolonie, die wir gut verwenden konnten.

Wichtig ist noch anzumerken, dass auf Grund der damaligen Geheimhaltungspolitik der Sowjetunion nur sehr wenig über die Arbeit und das Leben von Makarenko bekannt geworden ist. Was bekannt ist, beruht unter Umständen auf politisch motivierten Stilisierungen[3]. Außerdem war das die Zeit der Schauprozesse und politischen Säuberungen, welche keine offene Kritik an dem System der Sowjetunion zu ließ.

Ablauf der Untersuchung

Wir unterteilen unsere Diplomarbeit in sechs Kapitel. Nach der Einleitung folgt die Beschreibung und Untersuchung der Strukturen und des Konzepts der Gor´kji Kolonie von Anton S. Makarenko. Ein Zwischenfazit mit eigener Stellungnahme beendet den zweiten großen Teilbereich.

Als nächstes untersuchen und beschreiben wir die Strukturen und das Konzept der Glen Mills Schools von Cosimo S. Ferrainola. Das dritte Kapitel endet ebenfalls mit einem Zwischenfazit und eigener Stellungnahme.

Im vierten Block entwickeln wir Kriterien, an denen wir die Glen Mills Schools mit der Gor`kij Kolonie vergleichen können. Haben wir die Kriterien entwickelt, beginnen wir mit dem Vergleich. Dieser Block schließt mit einer Bewertung von uns ab, in der wir begründen warum wir bestimmte Kriterien genommen haben und was sich daraus für uns ergibt.

Um den Bezug zur Sozialen Arbeit in Deutschland zu bekommen, untersuchen wir die Übertragbarkeit der Konzepte. Dafür ist es erforderlich, dass deutsche Jugendstrafrechtssystem vorzustellen. Außerdem schauen wir, ob einzelne Teilbereiche schon in der deutschen Jugendhilfe übernommen wurden. Dieses bildet das fünfte Kapitel unserer Diplomarbeit.

Am Ende erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit den gewonnenen Resultaten, sowie die Überprüfung unserer These. Das ist der sechste Teil unserer Arbeit und bildet den Schluss.

In unserer Diplomarbeit verwenden wir ausschließlich die männliche Form. Wir tun dieses nicht, um irgendjemanden zu diskriminieren, sondern zur besseren Lesbarkeit und zum leichteren Schreiben unsererseits.

III. Die Gor`kij Kolonie

Um die Kolonie beschreiben zu können, ist es wichtig die politische Situation des Landes zu der Zeit zu verstehen.

Anfang des 20. Jahrhunderts kam es sowohl in den Städten, als auch auf den Dörfern Russlands zu Unruhen und Aufständen gegen die Herrschaft des Zaren. 1914 begann der erste Weltkrieg, welcher die Situation für die Bevölkerung weiter verschlechterte. Dieses führte zur zweiten Revolution, auch Oktoberrevolution genannt, bei der der Zar entmachtet wurde und abdanken musste. Daraufhin ergriff Lenin die Macht. Damit war vorerst die Ausbeutung durch die Adeligen gestoppt, doch die Probleme der Bevölkerung blieben unverändert.

Die Gor`kij Kolonie lag in einem 200 Hektar großen Wald ca. 6 km von Poltava entfernt. Auf einer 40 Hektar großen Lichtung standen fünf Ziegelbauten, die ein regelmäßiges Viereck bildeten.

Vor der Revolution wurden die Gebäude als Strafkolonie für minderjährige Verbrecher genutzt. Die Wärter waren altgediente Unteroffiziere, deren bestes und oftmals einziges Erziehungsmittel der Stock war. 1917 wurde die Kolonie aufgegeben.[4] Es gab nach Beendigung der Oktoberrevolution fünf bis sieben Millionen Jugendliche, die obdachlos und/oder elternlos waren. Einige Jugendliche mussten betteln oder sich prostituieren, um etwas zu essen zu bekommen.

Die Situation verschlimmerte sich und so starben im Jahr 1921 fünf Millionen Menschen durch eine Hungersnot. Es wurde in den ersten Jahren nach der Revolution wenig gegen die steigende Zahl von verwahrlosten Kindern unternommen. Im ganzen Land gab es nur ca. eine halbe Millionen Heimplätze in den wenigen Kinderheimen. Erst im Jahr 1925 begann man die Kinderarmut systematisch zu bekämpfen.[5]

Abb. 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[6]

Verwahrloste Kinder

Als Makarenko 1920 die Leitung in der Gor`kij Kolonie antrat, war von der ehemaligen Strafkolonie nicht mehr viel übrig. Die Gebäude waren heruntergekommen und das Inventar, was noch zu gebrauchen war, wurde von Bewohnern eines nahe gelegenen Dorfes geplündert.[7]

Am 04. Dezember kamen die ersten sechs Jungen in die Kolonie. Vier waren wegen bewaffneten Wohnungseinbruchs dort, die anderen beiden wurden wegen Diebstahl verurteilt. Auch im weiteren Verlauf kamen überwiegend Jungen in der Gor`kij Kolonie. Mädchen bildeten eine geringe Ausnahme, waren jedoch auch erlaubt.

Über die Jahre wuchs die Zahl der jugendlichen in der Kolonie wie folgt an:

- 1921 waren es 30 Jugendliche.
- 1922 waren es 50 Jugendliche.
- 1923 waren es 70 Jugendliche.
- 1924 waren es 100 Jugendliche.
- 1925 waren es 130 Jugendliche.

Im Frühjahr 1922 entdeckten Makarenko und ein Mitarbeiter ein verwahrlostes Anwesen in der näheren Umgebung. Nach einigen Anträgen gelang es ihnen die Kolonie dorthin zu verlegen. Sie war in einem schlechten Zustand, trotzdem war sie größer und er bekam zusätzlich die Erlaubnis einige Ländereien zu bewirtschaften.

Durch diesen Umzug gelang ihm, nach Instandsetzung der Gebäude, der landwirtschaftliche Aufschwung und er konnte Gewinne erzielen.[8] Die Kolonie wurde seit 1922 eine Versuchseinrichtung und vom Volkskommissariats für Bildungswesen mit finanziert.[9]

Abb.2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[10]

Hauptgebäude Gor`kij Kolonie

1. Der Leiter der Gor´kji Kolonie A.S. Makarenko

Abb. 3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anton Makarenko [11]

Anton Makarenko wurde am 13.03.1888 als Sohn eines Eisenbahnanstreichers in Belopole/Ukraine geboren. In den Jahren von 1895 bis 1904 besuchte er die Elementarschule in Belopole und Kremencug. Nach Abschluss der Elementarschule, welche er als Klassenbester beendete, folgte eine einjährige Lehrerausbildung. Fortan war Makarenko Elementarschullehrer und unterrichtete von 1905 bis 1911 an einer Schule in Krjukov. Im Jahr 1911 wechselte er an eine zweitklassige Eisenbahnerschule, an der er bis 1914 unterrichtete. 1914 begann er ein Studium an dem neu eröffneten Lehrerinstitut in Poltava. Das Studium dauerte bis 1917 und er schloss es als bester seines Kurses ab. Zwischenzeitlich musste er seinen Militärdienst in Kiew antreten. Er wurde jedoch aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig entlassen.[12]

Nach Abschluss des Studiums wurde er Schulleiter in Krjukov. Er hatte dort die Aufgabe, die Schule zu einer höheren Elementarschule umzustrukturieren. Hier begann er mit ersten Experimenten zur Erprobung einzelner Elemente seiner späteren, pädagogischen Konzepte. Die nächste Station war eine Stelle als Schulleiter in Poltava von 1919 – 1920. Wie auch in Krjukov hatte er die Aufgabe sich an der Umorganisation der dortigen Elementarschule zu beteiligen. Des Weiteren wurde er Mitglied des Gouvernementsvorstandes der Gewerkschaft und half beim Aufbau einer Lehrergewerkschaft.

Am 20.09.1920 übernahm Makarenko die Leitung und den Aufbau einer Erziehungseinrichtung (Arbeitskolonie) für minderjährige Rechtsbrecher in Triby bei Poltava. 1921 verwendete er erstmals die Bezeichnung Gor`kij Kolonie. Makarenko verwendete diesen Namen, da er von einem Dichter ist, den er sehr verehrte. Makarenko bezeichnete Gor`kij als seinen Lehrer und sein Vorbild. Im selben Jahr entwickelte er sein Abteilungs- und Kommandeursystem. Dieses bildete eine Grundlage seiner Pädagogik.

1926 erfolgte der Umzug der Gor`kij Kolonie nach Kurjaz bei Charkov sowie die Eingliederung der dortigen Kolonie in das Gor`kij-System. 1927 übernahm Makarenko den Aufbau und Leitung einer Jugendarbeitskommune in Charkov genannt „Dzerzinskij-Kommune“. Im September 1928 wurde Makarenko von der Leitung der Gor`kij Kolonie entbunden, aufgrund von lauter werdender Kritik an seinem Kommandateursystem. Bis 1935 war er in der Dzerzinskij-Kommune tätig, ab 1932 als stellvertretender Leiter.

1935 wurde er in das Kommissariat für Innere Angelegenheiten berufen, wo er als stellvertretender Leiter eingesetzt wurde. Diesem Kommissariat unterstanden auch die Gor`kij Kolonie und die Dzerzinskij-Kommune. 1936 und 1937 leitete er neben dieser Tätigkeit auch die Arbeitskolonie Nummer 5 in Brovary bei Kiew.[13]

Bis zu seinem plötzlichen Tod am 01.04.1939 in einem Eisenbahnabteil auf der Station Golicyno lebte er als freier Schriftsteller in Moskau.

Abb. 4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[14]

A.S. Makarenkos Grabstein

Einige seiner bedeuteten Werke, die er während seines Lebens geschrieben hatte sind:[15]

- Das Pädagogische Poem.
- Flaggen auf den Türmen.
- Vorträge über Kindererziehung.

2. Das Menschenbild von Makarenko

Makarenko war ein absoluter Optimist und verstand es diese Lebensbejahung auch auf seine Umgebung zu übertragen. Er ging davon aus, dass der Mensch im Grunde gut sei und er betrachtete es als die Pflicht eines jeden Erziehers, alles daran zu setzen dieses Potential aufzudecken und zu fördern.[16]

Wie man aus der Biografie Makarenkos entnehmen kann, war er ein Anhänger der Revolution in der UdSSR. Er nahm an verschiedenen Demonstrationen gegen die Herrschaft der Zaren teil und war aktiv im Widerstand der Bauern.[17]

Nach der geglückten Revolution sprach Makarenko von der Erziehung des „neuen Menschen“. Sie war geprägt durch die kommunistische Lehre, die nicht auf das starke Individuum setzte, sondern auf ein gut ausgeprägtes Kollektiv. Diesen Grundsatz verwendete er auch als Basis seines Erziehungsmodells und leitete daraus verschiedene Methoden ab, um dass Kollektiv zu festigen.[18]

Die richtige Sowjeterziehung war nach Makarenkos Meinung ohne Arbeit nicht zu schaffen. Seiner Meinung nach war die Arbeit die Grundlage für die Gesellschaft und das menschliche Leben.

„In unserem Land hat die Arbeit aufgehört, Gegenstand der Ausbeutung zu sein, sie wurde eine Sache der Ehre, des Ruhms, des Mutes und des Heldentums.“[19]

Für Makarenko war Erziehung eines Jugendlichen oder eines Kindes immer auch der Ausdruck des politischen Glaubensbekenntnis und das seine Kenntnisse durch seine Lehrtätigkeit und sein Studium lediglich Hilfsmittel waren.[20]

3. Das Klientel

Im Oktober 1924 gab es in der Kolonie 111 Jugendliche, davon waren 9 Mädchen. Die Insassen waren zwischen 14 bis 18 Jahren alt. Es gab nur eine kleine Gruppe von fünf bis sechs Kindern mit 13 Jahren.

Man vermutet, dass die längste Aufenthaltsdauer vier Jahre betrug und die kürzeste ein Jahr. In den vier Jahren nach Gründung (1920-1924) wurden 150 Jugendliche entlassen.

Die meisten Jugendlichen in der Gor´kji Kolonie hatten Eigentumsdelikte begangen und waren Kinder von Arbeitern und Bauern.[21]

Makarenko beschreibt in seinem Buch (Makarenko Werke I) zwar einige Jugendliche sehr ausführlich, jedoch ist es schwer genaue Angaben über die Anzahl der Zöglinge zu bekommen oder wie viele von ihnen Mädchen waren. Daher die verwendeten Zahlen aus der Mitte des Bestehens der Kolonie. Man kann jedoch sagen, dass die meisten Jugendlichen keinen hohen Bildungsstand hatten.

„In der Mehrzahl der Fälle sind die Kinder, die in die Kolonie aufgenommen werden, Analphabeten oder doch fast Analphabeten, sie können kaum rechnen, und selbst jene, die Schwarzhandel betrieben haben, lehnen das Lernen prinzipiell ab und wissen deshalb weniger als der schlechteste Schüler,...“[22]

Einige Jugendliche hielten zu beginn dem Druck der straff organisierten Gemeinschaft nicht stand und rissen aus. Sie mussten sich erst an das Kollektiv und an das System innerhalb der Kolonie gewöhnen. Die meisten Jugendlichen mussten sich alleine auf der Straße behaupten.

Ein Jugendlicher, der neu in die Kolonie kam, war zunächst ein Zögling. Er genoss gewisse Freiheiten, um sich an seine neue Situation zu gewöhnen. Der Zögling bekam eine Einweisung in die Lebensform und Ordnung des Kollektivs. Er lernte, dass seine Vergangenheit nicht beachtet wurde. Er bekam weder Status, noch Anfeindung auf Grund begangener Taten. Das einzige Kriterium der Beurteilung durch das Personal und den anderen Jugendlichen war sein gegenwärtiges Verhalten.[23]

Wenn ein Jugendlicher ein Jahr in der Kolonie gelebt hatte und die Gemeinschaft ihn als würdig erachtete, wurde ihm der Titel „Kolonist“ verliehen. Er bekam ein Abzeichen mit den ineinander verflochtenen Buchstaben G.T.K (übersetzt Gor´kji Arbeits-Kolonie). Nach drei Jahren erhielt er den Titel „älterer Kolonist“ und unter sein Abzeichen kam eine rote Rosette. Makarenko verwendete dieses als Mittel zum Ansporn der Jugendlichen.[24]

Um den Jugendlichen nicht das Gefühl zu geben, dass nur unterprivilegierte Jugendliche in die Gor´kji Kolonie geschickt wurden, bemühte sich Makarenko auch Kinder aus besseren Verhältnissen in die Kolonie zu holen. Er beschrieb einen Kolonisten, dessen Mutter Ärztin und der Vater der Führer einer konservativen Partei war. Diese Jugendlichen nahmen jedoch einen sehr geringen Prozentsatz ein.[25]

4. Die Mitarbeiter

Für Makarenko war es sehr schwer pädagogisches Personal zu bekommen. Das lag hauptsächlich daran, dass die Erzieher in der Kolonie sehr schlecht bezahlt wurden und gerade Anfangs teilweise sechs Monate auf den Lohn warten mussten.

Makarenko nahm jeden, der ihm geschickt wurde. Er konnte sich bei der geringen Zahl der Bewerber nicht den Luxus erlauben nach einem bestimmten Stellenprofil den geeignetsten Bewerber auszuwählen.

„Erzieher kamen ungern in die Kolonie. Das Gehalt war gering und die Arbeit schwer. Das Volksbildungsamt schickte uns schließlich die ersten besten,...“[26]

Im handwerklichen Bereich beschäftigte er nur wenig Festangestellte. Die meisten Leute zur Ausbildung der Jugendlichen wurden kurzfristig je nach Bedarf eingestellt und entlassen.[27]

Die Mitarbeiter mussten alle Arbeiten mit den Zöglingen gemeinsam erledigen. Sie hatten nicht die klassischen Erziehungsaufgaben, sondern der größte Teil des Tages bestand darin, mit den Jugendlichen Holz zu holen oder auf dem Feld zu arbeiten. Sie sollten nicht das Gefühl haben über den Zöglingen zu stehen, sondern mit ihnen zusammen an einer Verbesserung der Lage zu arbeiten.[28]

Das wichtigste Kriterium für einen guten Mitarbeiter war für Makarenko die Tatsache, dass er fleißig und gut mit den Jugendlichen zusammen die tägliche Arbeit bewältigen konnte. Er war der Ansicht, dass die Jugendlichen nur dem Mitarbeiter Beachtung schenkten, der sie durch die Arbeit auf dem Feld oder in den Werkstätten beeindrucken konnte.

Er ging sogar soweit, dass er keinen sonderlichen Wert auf den Umgang mit den Jugendlichen legte. Liebevolle Behandlung, Intelligenz und der zärtliche Umgang mit den Zöglingen war für ihn allenfalls zweitrangig. Er bezog diese Ansicht aber nur auf die Jugendlichen in seiner Kolonie und machte daraus keine allgemeine Regel.[29]

5. Das Konzept der Gor`kji Kolonie

Das Besondere an dem Konzept der Gor`kji Kolonie war, dass sie nach und nach während der alltäglichen Beobachtung und Arbeit mit den Jugendlichen entstand. Makarenko hatte eine klare Vorstellung, zu was er die Jugendlichen erziehen wollte. Im Wesentlichen basierte seine Vorstellung auf den Grundwerten der marxistischen Lehre[30], jedoch hatte er keinerlei Vorstellungen, wie er seine Idee von der Erziehung des „neuen Menschen“ in der Praxis umsetzen sollte. Auch in der bisherigen Pädagogik fand er keine Unterstützung für seine Probleme.[31]

„In meinem ganzen Leben habe ich nicht so viel über Erziehung gelesen wie im Winter 1920. [...] Das Hauptergebnis dieser Lektüre war für mich, ... dass ich mit diesen Büchern keinerlei Wissenschaft in meinen Händen hatte und auch keine Theorie, ... [die] erst aus der Summe der sich vor meinen Augen abspielenden realen Erscheinungen abgeleitet werden müsse.“[32]

Die Anfangszeit der Gor`kji Kolonie war geprägt durch große Schwierigkeiten im Umgang mit den Jugendlichen. Makarenko und seine Mitarbeiter fanden keine Möglichkeit das Verhalten der Jugendlichen nach ihren Vorstellungen zu ändern. Sie konnten sich keinerlei Respekt verschaffen; alle Anweisungen von Seiten der Erzieher wurden ignoriert.[33]

„Die Zöglinge hörten sich meine Vorschläge mit höflicher Geringschätzung an und hatten im übrigen nur den einen Wunsch, mich möglichst bald loszuwerden.“[34]

Die Situation verschlechterte sich zusehends. Die Jugendlichen taten was sie wollten und ließen sich nicht belehren. Nach und nach fingen die Mitarbeiter an, an ihrem Vorhaben und der realistischen Umsetzbarkeit zu zweifeln.

Durch eine patzige Antwort eines Zöglings verlor Makarenko die Beherrschung und schlug einen Jugendlichen zu boden. Im Anschluss an diese Tat, begannen die Jugendlichen den Anweisungen Makarenkos zu folgen, nicht aus Angst, sondern weil sie es beeindruckend fanden, dass sich Makarenko durchgesetzt hatte. Für sie war der Gewaltausbruch ein Zeichen der Stärke.[35]

Makarenko bestritt, dass das Fehlverhalten der Jugendlichen in ihrer Persönlichkeit steckt. Er behauptete, dass alle Konflikte aus der Gesellschaft kommen.

Er beschreibt drei Hauptbereiche von defektiven Beziehungen:

1. Motivation der Aneignung direkte Aneignung

Bedürfnisse

Bettelei

indirekte Aneignung

2. Motivation der Übermacht unorganisierte Übermacht

organisierte Übermacht

3. Motivation der Absonderung Motivation des primitiven Egoismus

Defektivität drückt sich gewöhnlich in einer dieser Motivationen aus. Die Motivation ist in diesem Fall das Gesamtbild der Antriebe.[36]

Daraus ergab sich für Makarenko die Aufgabe des Erziehers. Er sollte die Beziehung zwischen Einzelperson und Gesellschaft normalisieren. Das gelang durch ein neues Motivationssystem. Er bemängelte die voreingenommene Haltung in der pädagogischen Literatur zu diesem Thema.

Für ihn wurde die pädagogische Arbeit durch die Wirtschaft bestimmt.

„Die Logik der Wirtschaft und die Logik der Arbeit ergeben zusammen die eiserne Logik der Kommune.“[37]

Um diese Logik umzusetzen brauchte er folgende Hilfsmittel:

1. Disziplin
2. verschiedene Arten der Bestrafung
3. Strafen durch das Kollektiv[38]

Auf die einzelnen Punkte und ihre Bedeutung innerhalb der Gor kji Kolonie gehen wir im Folgenden Text näher ein.

5.1 Die Rolle des Kollektivs

In der Gor`kij Kolonie spielte das Kollektiv eine sehr wichtige Rolle. Giesecke beschreibt Makarenkos Kollektiv als eine:

„Sozialität, die den Lebenskampf optimal plant und organisiert und die dafür eine „dienstliche“, jedenfalls emotional distanzierte und sachbezogene Beziehungsstruktur braucht.“[39]

Die Grundvoraussetzung dafür, dass ein Kollektiv entstehen konnte war die Tatsache, dass alle Beteiligten dasselbe Schicksal hatten. In der Gor`kij Kolonie waren sowohl die Jugendlichen als auch die Erzieher arm und beide mussten teilweise Hunger leiden.[40]

„Unsere furchtbare Armut hatte aber auch eine gute Seite,... ebenso hungrig und arm waren auch wir Erzieher.“[41]

Später bei dem Umzug der Kolonie arbeiteten alle gemeinsam an dem Aufbau der Gebäude und niemand, egal ob Zögling oder Mitarbeiter, hatte besondere Privilegien.

„Die Kolonisten erkannten die Notwendigkeit der Arbeit und des Schulunterrichts und sahen ein, dass all dies im gemeinsamen Interesse aller lag.“[42]

Makarenko schaffte bewusst ein Klima, in dem sich keine Partei ausschließlich als Befehlssender oder als Befehlsempfänger betrachtete. Das war eine seiner Grundvoraussetzungen für ein gelungenes Kollektiv.

Außerdem gab er den Jugendlichen Verantwortung für ihr eigenes Handeln. Einige Zöglinge forderten die Anstellung von Wächtern auf Grund der steigenden Zahl von Diebstählen, doch Makarenko zeigte den Zöglingen auf, dass sie sich im Grunde selbst bestehlen. Er forderte auch, dass die Jugendlichen „die Herren im Hause sind“.[43]

Wichtig war auch, dass den Jugendlichen das Kollektiv nicht aufgezwungen wurde. Es wurde ihnen durch Erfahrungen aufgezeigt, dass ein gut funktionierendes Kollektiv stärker und erfolgreicher war als Individualisten, die sich nur auf ihre Bedürfnisse konzentrieren.[44]

Für Makarenko waren die Kategorien Ich, Du und Wir nicht die Basis des pädagogischen Prozesses, sondern nur das Kollektiv. Die Interessen des Einzelnen mussten für Makarenko immer hinter den Interessen des Kollektivs anstehen und jede auch noch so starke Persönlichkeit musste sich dem Kollektiv unterordnen.[45]

Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einem guten Kollektiv gelang Makarenko, in dem er bei neuen Zöglingen keine Akten mehr anforderte, in denen stand, aus welchen Verhältnissen die Jugendlichen stammten und welche Taten sie verübt hatten. Aus seiner Sicht spielte das im Leben der Kolonisten jetzt keine Rolle mehr, da alle gleich sein sollten. Niemand sollte die Möglichkeit haben durch seine früheren Verbrechen Status zu erlangen und sich in eine Machtposition zu bringen. Dies gelang auch, denn schon bald hörten die Jugendlichen auf von früheren „Heldentaten“ zu berichten. Damit ermöglichte Makarenko seinen Kolonisten einen Neuanfang.[46]

„Es freute mich sehr, als ich sah, wie in der Kolonie jedes Interesse für das Vergangene allmählich aufhörte, wie in unserem Heute die Schatten des gemeinen, verpesteten und uns feindlichen Gestern verschwanden.“[47]

Viele Jugendliche hatten den Eindruck, dass ohne sie die Kolonie nicht so erfolgreich funktionieren würde. Es gab kein individuelles materielles Interesse von den Jugendlichen. So forderte beispielsweise niemand am Gewinn der Werkstätten durch die Reparatur fremder Dinge beteiligt zu werden. Die Jugendlichen hatten das Gefühl, dass sie aktiv an dem Aufbau der Kolonie mitarbeiteten. Sie verzichteten auf ihre Ansprüche, zum Wohl des Kollektives und sie hatten das Gefühl es kommt allen zu Gute.[48]

5.2 Die Perspektiven

Makarenko war der Meinung, dass sich kein Kolonist für die harte und anstrengende Arbeit in der Kolonie motivieren könne, wenn er keine Perspektiven habe. Dabei unterschied er die Kolonisten nach Alter, da seiner Meinung nach jüngere Kolonisten eher nahe Perspektiven benötigten, welche aber für ältere Kolonisten keine so große Rolle mehr spielten.

In einem Kinderkollektiv, das sich aus Menschen zusammensetzt, die noch nicht fähig sind, ihr Streben und ihre Interessen für lange Zeit vorauszubestimmen, muss der morgige Tag unbedingt besser erscheinen als der heutige.“[49]

Dabei unterschied Makarenko drei Arten von Perspektiven:

Die nahe Perspektive

Unter dem Begriff nahe Perspektive verstand Makarenko unter anderem Dinge wie Filmvorführungen, Spaziergänge und Exkursionen, das hieß ein kurzfristiges Angebot, das die Jugendlichen mit Freude erwarteten.[50]

„Es wäre jedoch ein großer Fehler, die nahe Perspektive lediglich auf das Prinzip des Angenehmen zu gründen, selbst wenn in diesem Angenehmen nützliche Elemente enthalten sind. Auf diese Weise gewöhnen wir die Kinder nur an völlige unzuverlässige Genusssucht“[51]

Die mittlere Perspektive

Bei der mittleren Perspektive wurde ein größeres Ereignis geplant und dann umgesetzt. Makarenko war auch der Meinung, dass man so ein Ereignis nicht zu oft im Jahr veranstalten durfte, da es sich sonst abnutzte.[52]

„Die mittlere Perspektive wird nur dann Bedeutung haben, wenn man sich auf diese Tage von langer Hand vorbeireitet und ihnen besondere Bedeutung verleiht, wenn sich ihrem Grundtenor die verschiedenartigsten Themen beigesellen: Berichte, Empfang der Gäste, Prämiierung, neue Unterkünfte und Einrichtungen, Ergebnisse des Jahreswettbewerbes.“[53]

Die weite Perspektive

Mit den weiten Perspektiven meinte Makarenko die Zukunft der Kolonie bzw. das sich Kolonisten, die die Anstalt verlassen hatten, immer noch dafür interessieren sollten. Makarenko erachtete es auch als wichtig, dass die ehemaligen Kolonisten den Kontakt mit der Kolonie nicht abreißen ließen. Die Gor´kji Kolonie war für die Jugendlichen eine Familie, in die sie selbst nach Ablauf ihrer Zeit immer zurückkehren konnten.

Makarenko hielt Briefkontakt zu den ausgeschiedenen Kolonisten und er lud sie in den Ferien in die Gor´kji Kolonie ein.[54]

Das Anstaltskollektiv ist gleichsam eine erweiterte Familie, und für kein Mitglied des Kollektivs kann mithin das künftige Geschick der Anstalt jemals gleichgültig sein.“[55]

5.3 Das Kommandeur-Pädagogik/ -system

Das organisatorische Kernstück der Gor`kij Kolonie war die, meist von Kritikern so genannte, „Kommandeur-Pädagogik“, welche in Jahre 1923 von den Kolonisten selbst erfunden wurde. Makarenko übernahm diesen Bergriff, obwohl er für einige Kritiker ein Schimpfwort darstellte.

Um die anstehende Arbeit besser organisieren zu können, wurde eine Gruppe von ca. 20 Jugendlichen gebildet, die jeweils mit einer Aufgabe betreut wurden.

Man nannte diese Gruppe eine Abteilung. Das Wort war ein militärischer Begriff und kam aus der Zeit der Revolution und beschrieb so etwas wie ein Regiment oder eine Division. Eine Abteilung konnte sowohl mehrere tausend Männer umfassen, als auch weniger als hundert.[56]

Es wurde für jede Abteilung ein Kommandeur bestimmt, der die Aufgabe hatte, die Tätigkeit zu begleiten und zu überwachen. Er trug die Verantwortung und musste sich bei Fehlern vor den Anderen rechtfertigen. Der Kommandeur hatte jedoch keine arbeitstechnischen Privilegien. Er bekam nicht öfter frei durfte sich auch nicht nur leichtere Arbeit aussuchen. Vielmehr sollte es eine Ehre sein als Kommandeur bestimmt zu werden und man sollte mit gutem Beispiel voran gehen.[57]

Nach und nach entstanden immer neue Abteilungen mit immer neuen Kommandeuren. Daraufhin unterschied man zwei Arten von Abteilungen:

Die ständige Abteilung

Die ständige Abteilung hatte keine zeitliche Begrenzung und einen festen Kommandeur. Jeder Jugendliche war einer ständigen Abteilung zugeordnet und hatte somit einen festen Platz in einer der Werkstätten. Makarenko hielt die ständige Abteilung, bedingt durch ihre Dauerhaftigkeit, für das Grundkollektiv der Kolonisten.[58]

Die Einsatzabteilung

Die Einsatzabteilung wurde bei bestimmten Arbeiten kurzfristig gegründet. Sie war immer zeitlich befristet und dauerte höchstens eine Woche. Wenn die zu erledigende Aufgabe beendet war, gingen alle Zöglinge wieder in ihre ständigen Abteilungen. Für jede Einsatzabteilung wurde ein Kommandeur bestimmt, selbst wenn sie nur aus zwei Personen bestand. Die Amtszeit des Kommandeurs endete bei der Fertigstellung der jeweiligen Aufgabe. Es konnte jeder der Kolonisten Einsatzkommandeur werden, was ein Ansporn für die Jugendlichen sein sollte.[59]

Jeder Kommandeur musste nach Beendigung der Arbeit einen Rapport unterschreiben lassen. Darin war die Tätigkeit vermerkt und die Zeit in der man die Arbeit geschafft hatte. Kam man bei Auswärtigen Arbeiten in die Kolonie zurück, musste man den Rapportzettel bei dem diensthabenden Erzieher abgeben, der ihn auf mögliche Ungereimtheiten kontrollierte.[60]

"Das System der Einsatzabteilungen bringt Spannung und Abwechslung in das Leben des Kollektivs durch den ständigen Wechsel von Arbeits- und Organisationsaufgaben; es schafft darüber hinaus im Wechsel von Leiden und sich unterordnen, durch die Wechselwirkungen der kollektiven und der persönlichen Interessen ein verflochtenes Netz von gegenseitigen Abhängigkeiten, bei welchem es dem einzelnen möglich wird, sich eine echte Wertschätzung zu erwerben."[61]

So lernte jeder sich sowohl unterzuordnen als auch zu führen und zu organisieren. Auch die Kommandeure der ständigen Abteilungen waren innerhalb der Einsatzabteilungen einfache Arbeiter und hatten sich unterzuordnen. So entstand keine fest gefügte Machtstruktur, keiner hatte irgendwelche Privilegien. Da bei den Arbeitseinsätzen auch die Erzieher bisweilen mitarbeiteten, auch Makarenko, gab es bei dieser keine starke Hierarchie.

Die Kommandeure waren genauso für die Gruppe verantwortlich wie für das Arbeitsgerät, die Arbeitsleistung und Qualität bei der Ausführung. So gab es einen konkreten Ansprechpartner. Die Verantwortung konnte nicht einfach verschoben werden.

Der hauptsächliche Einfluss Makarenkos auf die Kolonie war indirekt und beruhte darauf, dass er die Kommandeure der Kompanien ernannte.

"Er ist nicht mehr der Diktator, der der Kolonie seine Forderungen vorschreibt - aber er ist der verborgene Leiter aller Bewegungen im Kollektiv, dessen Forderungen von den Organen des Kollektivs als eigene übernommen und beim ganzen Kollektiv durchgesetzt werden."[62]

5.4 Der Rat der Kommandeure

Anfangs wurden die Kommandeure von Makarenko bestimmt, doch dann bildete er den Rat der Kommandeure. Sie konnten autonom die unterschiedlichen Kommandeure bestimmen.

Der Rat kümmerte sich um die laufende Arbeit im Kollektiv und vertrat die Interessen des ganzen Kollektivs genauso wie die Interessen der einzelnen Grundkollektive gegenüber dem Gesamtkollektiv.[63]

Seine Bildung konnte auf unterschiedliche Weise erfolgen. Makarenko bevorzugte eine Zusammensetzung, in der die Mitglieder dieses Gremiums zugleich auch Bevollmächtigte der Grundkollektive waren; Kommandeure aller Abteilungen, den Vorsitzenden aller bestehenden Kommissionen, dem Leiter des Kollektivs sowie dessen Stellvertreter für die Unterrichts- und Erziehungsarbeit. Dadurch sollte gewährleistet werden, dass er nicht nur die Interessen des Gesamtkollektivs vertrat, sondern ebenso die der einzelnen Abteilungen.[64]

Seiner Struktur nach war dieses Organ der Selbstverwaltung eine bewegliche Einrichtung, die in kürzester Zeit zusammentreten konnte, um jene täglich auftauchenden Fragen zu lösen, die nicht im Voraus geplant werden konnten. Der Rat musste mindestens einmal die Woche zusammentreten, um die Weisungen und Beschlüsse zu fassen, nach denen sich alle übrigen Organe zu richten hatten. Die anderen Organe ihrerseits waren verpflichtet, vor dem Rat Rechenschaft abzulegen.

[...]


[1] Vgl. Makarenko, Pädagogische Texte; 1976; S. 9

[2] Vgl. Colla, 2001, S. 56, 57

[3] Vgl. Kemnitz, 2003, S. 152

[4] Vgl. Makarenko 1976 21-22.

[5] Vgl. Giesecke 1997 S. 106 ff

[6] Abb. 1 „Verwahrloste Kinder“

[7] Vgl. Makarenko 1976 S. 21-22.

[8] Vgl. .ebd. S. 56 ff

[9] Vgl. ebd. S. 755

[10] Abb. 2 „Hauptgebäude Gor`kij Kolonie”

[11] Abb. 3 “Anton Makarenko”

[12] Vgl. Makarenko, Pädagogische Texte, 1976; S. 15-20.

[13] Vgl. ebd. S. 15-20

[14] Abb. 4 „A.S. Makarenkos Grabstein“

[15] Vgl. Makarenko, Pädagogische Texte, 1976; S. 15-20.

[16] Vgl. März; 1998, S. 496

[17] Vgl. Makarenko, Pädagogische Texte, 1976; S. 23 ff.

[18] Vgl. Koroljow, .1973, S. 23

[19] Makarenko, 1980, S. 68

[20] Vgl. März; 1998 S. 501

[21] Vgl. Ostromenckaja; 1996 S. 143

[22] Ebd. S. 58

[23] Vgl. März, 1998 S. 499

[24] Vgl. Ostromenckaja; 1996 S. 60 ff.

[25] Vgl. ebd. S. 77 ff.

[26] Makarenko 1976 S. 227

[27] Vgl. ebd. S. 97 ff.

[28] Vgl. ebd. S. 167 ff

[29] Vgl. ebd. S. 206

[30] Vgl. Koroljow, 1973, S. 49

[31] Vgl. März; 1998 S. 495; vgl. außerdem Giesecke 1997 S..119

[32] Makarenko, 1976, S. 29, 30.

[33] Vgl. ebd. S. 27 – 29.

[34] Ebd. S. 27

[35] Vgl. ebd. S. 29, 30

[36] Vgl. Kurjaz, 1996 S. 32

[37] Vgl. ebd. S. 33

[38] Vgl. ebd. S.33, 34

[39] Vgl. Giesecke, 1997 S. 129

[40] Vgl. Makarenko, 1976, S. 41

[41] Ebd. S.41

[42] Ebd. S. 71

[43] Vgl. ebd. S. 45

[44] Vgl. Giesecke , 1997, S. 129

[45] Vgl. März, 1998, S. 498

[46] Vgl. Makarenko, 1976. S. 235

[47] Ebd. S. 235

[48] Vgl. Ostromenckaja; 1996, S. 75, 76

[49] Makarenko, Pädagogische Texte, 1976, S. 108

[50] Vgl. ebd. S. 108

[51] Ebd. S. 109

[52] Vgl. ebd. S. 110-111

[53] Ebd. S. 111

[54] Vgl. ebd. S. 112

[55] Ebd. S. 112

[56] Vgl. Makarenko, 1976, S. 214-216

[57] Vgl. ebd. S. 217 ff.

[58] Vgl. Giesecke, 1997, S. 122 ff.

[59] Vgl. ebd. 123 ff

[60] Vgl. Makarenko, 1976, S. 224

[61] Ebd. S. 220 ff.

[62] Vgl. Makarenko, Pädagogische Texte, 1976, S. 33 ff.

[63] Vgl. Ostromenckaja; 1996, S. 63

[64] Vgl. ebd. S. 63 ff

Details

Seiten
142
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638433990
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v46145
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
2,0
Schlagworte
Vergleich Ferrainolas Glen Mills Schools Makarenkos Gor`kij Kolonie Kontext Sozialen Arbeit Deutschland

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Titel: Vergleich von Ferrainolas Glen Mills Schools mit Makarenkos Gor`kij Kolonie im Kontext zur Sozialen Arbeit in Deutschland