Lade Inhalt...

A presidenta. Emanzipation vs. Grammatikalität. Eine linguistische Analyse unter dem Aspekt der Wortbildung

Hausarbeit 2017 14 Seiten

Romanistik - Portugiesische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Feminismus
2.1.1 Der Feminismus in Brasilien
2.1.2 Feministische Tendenzen im brasilianischen Portugiesisch
2.1.3 “A presidenta “ als neuer Ausdruck der Emanzipation
2.2 Die linguistische Perspektive des Lexems a presidenta*
2.2.1 Die Derivation als Wortbildungsverfahren im Portugiesischen
2.2.2 Probleme der Grammatikalität des neuen Ausdrucks a presidenta*

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

A presidente oder a presidenta ? Die Meinungen gehen insoweit auseinander, wie es die jeweilige Perspektive zulässt. Der Feminismus in Brasilien bereitet den Weg für kreative Wortbildungen gegen bisher gültige grammatikalische Normen. Hat der Feminismus bereits festen Einzug in den (brasilianisch-) portugiesischen Alltagswortschatz erfahren, oder handelt es sich gar nur um ein Phänomen einer betroffenen Bildungsschicht? Diese Fragen soll die vorliegende Arbeit thematisieren und anhand der kontrovers diskutierten Meinung über die neuentstandene Wortform a presidenta* erörtern. Grammatikalität und Emanzipation, zwei völlig verschiedene Sichtweisen auf den Gegenstand, beanspruchen ihre Prävalenz bezüglich der korrekten Bezeichnung des weiblichen Staatsoberhauptes.

Beginnend mit der Klärung des Begriffs „Feminismus“ soll diese Arbeit eine Grundlage schaffen, welche die folgende linguistische Analyse stützten kann. Eine Schilderung der aktuellen Situation des Feminismus in Brasilien soll dem Leser die Aktualität der Forderung nach Gleichberechtigung durch die brasilianische Frauenbewegung vor Augen führen, um die darauffolgende Diskussion zu verstehen, warum sich die Form a presidenta* entwickelt hat.

Es existieren bereits mannigfaltige Arbeiten im Bereich der Soziolinguistik und der Genderforschung zu Themen des Gebrauchs neutraler Genusmarkierungen oder auch des Gebrauchs der expliziten Markierung der femininen Form, welche die Aktualität des Themas Feminismus und “Genderismus“ in der gesprochenen und geschriebenen Sprache hervorhebt. Der Schwerpunkt dieser Arbeit ist der sprachwissenschaftliche Ansatz, mit welchem schließlich geklärt werden soll, ob die Form a presidente oder a presidenta*, welche die ehemalige feministische Präsidentin Dilma Rousseff bevorzugt, aus linguistischer Sicht richtig ist, oder, ob gar beide Varianten genutzt werden können. Für diese Erkenntnisse werden die gängigen Verfahren der portugiesischen Wortbildung vorgestellt und besonders die Derivation, unter welche das zu untersuchende Beispiel fällt, hervorgehoben.

2 Hauptteil

2.1 Feminismus

Um die feministisch geprägte Wortbildung a presidenta* aus soziologischer und linguistischer Sicht verstehen zu können, bedarf es zunächst einer Erklärung des Terminus Feminismus. Feminismus ist eine Wortbildung, im genaueren Sinne eine Derivation, aus dem lateinischen Lexem femina (Frau) und dem Wortbildungsmorphem - ismus, welches auf eine Bestimmte Doktrin bzw. Weltanschauung verweist.

Unter Feminismus versteht sich vor allem eine politische Bewegung, welche die Gleichberechtigung und die Selbstbestimmung von Frauen beansprucht. Zudem fordert die feministische Bewegung das Ende aller Formen von Sexismus. (Jacobs 2015)

Die Wiege des Feminismus ist das 18. Jahrhundert, das Zeitalter der Aufklärung, in welchem die Erklärung der Menschenrechte erfolgen. So heißt es im Originaltext : „Les hommes naissent et demeurent libres et égaux en droits.“ (Canik 2011, 284) De facto impliziert der Artikel eins der 1789 verfassten Erklärung der Menschenrechte seinerzeit nicht die Gleichheit aller Menschen, sondern spricht einzig den bürgerlichen Männern diese Rechte zu. (Meyer 2009, 194) Die Erklärung der Menschenrechte wird oftmals missverstanden, da die Übersetzung des französischen Wortes homme sowohl Mensch, als auch Mann bedeuten kann. Als erste moderne Feministin, welche die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau fordert, ist Olympe de Gouges zu nennen, die, zwei Jahre nach der Erklärung der Menschenrechte, in der französischen Aufklärung, ihre Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin verkündet. (Thiele- Knobloch 1992, 125) Ihr feministisches Engagement bringt ihr zu Letzt am, 14. November 1793, ihr eigenes Todesurteil unter dem Regime der Terreur. (Butterwegge/ Hentges 2002, 193)

Nach dieser Definition des Feminismus, folgt nun eine kurze historische Abhandlung der Rechte der Frauen in Brasilien und die aktuelle Situation der feministischen Bewegung ebenda.

2.1.1 Der Feminismus in Brasilien

Die patriarchalische Familienstruktur besteht in Brasilien seit jeher. Frauen und andere Minderheiten werden schon in der frühen Kolonialzeit unterdrückt und als Eigentum der Männer betrachtet. Erste Tendenzen in Richtung Gleichstellung zwischen Mann und Frau machen sich in der Zeit zwischen 1822 und 1889 bemerkbar, denn zu dieser Zeit erlangt die Frau das erste Mal das Recht auf Bildung. Das Recht auf Scheidung und eine Mitbestimmung in der Politik bleiben den Frauen aber in dieser Zeit noch verwehrt bis letztlich 1922 die Federação Brasileira pelo Progresso Feminino ins Leben gerufen wird und sich für das Wahlrecht der Frauen ausspricht. Sechs Jahre später wird die erste Bürgermeisterin Brasiliens, Alzira Soriano de Souza, rechtskräftig gewählt. Der zunächst erahnte feministische Fortschritt wird jedoch nicht lange anhalten, da die Wahl später für ungültig erklärt wird. Nichtsdestotrotz wird zu diesem Zeitpunkt darüber diskutiert, der Frau die Bürgerrechte zuzusprechen. (Salvatti Fahs 2016)

1928 wird der Frau letztendlich das Wahlrecht im Bundesstaat Rio Grande do Sul zugesprochen. In der brasilianischen Verfassung wird es 1934 manifestiert. Grundsätzlich sind zwei größere Wellen der Frauenrechtsbewegung in Brasilien zu beobachten. Erstere konzentriert sich vornehmlich auf die gleichberechtigte Teilhabe der Frau in Gesellschaft und Politik, während die zweite das typische Rollenbild der Frau kritisiert. Die zweite Welle stößt während der Demokratisierungsphase des Militärregimes zwischen 1964 und 1985 auf besondere Erfolge. Seither ist eine deutliche Verbesserung zum Zugang staatlicher Bildung und zum Arbeitsmarkt zu verzeichnen. (De la Fontaine/ Stehnken 2012, 382) Trotz dieser Verbesserungen verzeichnet Brasilien, ein Land der Ungleichheit, einen hohen Armutsanteil unter der Gruppe der Frauen. Besonders afrobrasilianische Frauen leiden unter stetiger Armut. Es lässt sich bereits von einer Feminisierung der Armut sprechen. (De la Fontaine/ Stehnken 2012, 391)

Neben dem Faktor Armut fällt zudem auf, dass Brasilien das lateinamerikanische Land mit der geringsten Frauenquote in der Politik darstellt. (De la fotaine/ Stehnke 2012, 385) Betrachtet man die o.g. Fakten, wird das emanzipatorische Bestreben der brasilianischen Bevölkerung verständlich, denn nicht überall schafft es der Staat, die Gleichheit der Geschlechter zu garantieren, sodass feministische Vertreterinnen auch heute noch von Nöten sind, die Rechte der Frauen einzufordern. Nun stellt sich die Frage, an welchen Parametern sich diese feministischen Ansätze bemerkbar machen. Ein wichtiger Eckpfeiler, der Äußerung der Forderungen stellt sicher die Sprache und ihr Gebrauch in einer Bevölkerung dar.

2.1.2 Feministische Tendenzen im brasilianischen Portugiesisch

Unter Berücksichtigung des heutigen Wortschatzes der portugiesischen Sprache, lässt sich erkennen, dass die Genderdiskussion bereits für Veränderungen und Neuerungen, vor allem bezüglich der Genusmarkierungen bzw. deren Vermeidung, im gesprochenen und geschrieben Portugiesisch, gesorgt hat. Moçxs, menines oder alun@s: Diese und weitere Formen zeigen sich im geschriebenen Portugiesisch, wenn man Beiträge aus sozialen Netzwerken betrachtet. Nun gilt es zu klären, weshalb diese Formen genutzt werden und welcher Personenkreis diese Formen nutzt. „A língua é machista“ (Roloff, A. et al. 2015, 32) begründet eine Gruppe Graduierender der UFPR den Gebrauch der Genusvermeidung durch “x“, denn im Portugiesischen ist das neutrale Genus1 ebenfalls mit der männlichen Endung versehen. (Roloff, A. et al. 2015, 32) So wird im Alltag die Form os alunos auch dann gebraucht, wenn sowohl männliche als auch weibliche Schüler angesprochen werden. Die sogros beanspruchen in diesem Sinne auch die gleiche Endung wie der Plural maskuliner Substantive, obschon sowohl der Mann als auch seine Frau unter diesen Terminus fallen. Betrachtet man dann noch die Tatsache, dass die portugiesische Sprache für das Lexem ‘Eltern’ als Basislexem das maskuline Lexem pai verwendet (und nicht etwa mãe), um es mit der Pluralmarkierung -s zu versehen, ist eine klare Tendenz zur Präferenz maskuliner Formen im Portugiesischen zu beobachten. Aufgrund dessen insistieren sowohl die feministische Bewegung als auch die Genderbewegung auf neutrale Markierungen (bzw. Vermeidung von Markierungen) oder auch auf explizit feminine Markierungen, wie es der folgende Abschnitt mit dem Lexem presidenta* exemplarisch zeigt.

[...]


1 Es gilt zu beachten, dass die maskuline Form -o keine eigentliche Genusmarkierung ist, sondern als neutrale Form angesehen werden muss. Lediglich die feminine Form trägt eine Markierung und dient als Spezifikator. (Câmara, Jr. 1970, 78). Es lässt sich also folgern, dass laut Câmara, männliche Lexeme mit einer neutralen Markierung versehen sind.

Details

Seiten
14
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668914513
ISBN (Buch)
9783668914520
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v461351
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Romanistik
Note
15
Schlagworte
genderismus im Portugiesischen Wortbildung Portugiesisch

Autor

Teilen

Zurück

Titel: A presidenta. Emanzipation vs. Grammatikalität. Eine linguistische Analyse unter dem Aspekt der Wortbildung