Lade Inhalt...

Brezinkas und Klafkis Verständnis von Erziehungswissenschaft in Kontrast

von Sarah Temme (Autor)

Ausarbeitung 2019 7 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhalt

1. Traditionelle Pädagogik
1.1 Brezinkas Abgrenzung zur traditionellen Pädagogik

2. Klafkis Verständnis der kritisch-konstruktiven Erziehungswissenschaft
2.1. Die gesellschaftskritische Position
2.2. Die empirische oder erfahrungswissenschaftliche Position

3. Fazit in Bezug auf den ideologiekritischen Aspekt

4. Literaturverzeichnis

1. Traditionelle Pädagogik

Bei der Pädagogik handelt es sich um eine alte Disziplin. Aristoteles sah sie beispielsweise als eine praktische Philosophie, die durch Werturteile erzieherisch handelt (Brezinka, 1968, S.319-320). Schon immer gab es Wendungen in der Pädagogik, die ihr Vorgehen überarbeiteten (Roth, 2007, S.93): Im Kontext der Aufklärung Ende des 18. Jh. gab es die Forderung nach mehr Beobachtungen und Experimenten in der Pädagogik. Allerdings war zu der Zeit die empirisch-sozialwissenschaftliche Forschung mit ihren Instrumenten noch nicht ausgereift und so blieb die philosophische Strömung vorherrschend. Zu Beginn des 20. Jh. kam die Idee der deskriptiven Pädagogik auf, das Gegebene frei von Tatsachen zu erfassen und interessenlos zu beschreiben. Auch sollten mehr Experimente gemacht werden. Es stellte sich jedoch die Frage, ob es beispielsweise in der Pädagogik als strenge Wissenschaft ethisch vertretbar sei, wertfrei Formen von Bestrafung zu beschreiben. Auch die beratende Funktion entfiele, da sie spezifische Tatsachen lediglich objektiv betrachten und beleuchten würde und sie nicht außerhalb des Untersuchten gelten würde (Kümmel, 1976).

So waren die Versuche die Disziplin der Pädagogik zu ändern erst im Zuge der „Rezeption amerikanischer Forschung nach dem 2. Weltkrieg (Kümmel, 1976, S.84)“ in der realistischen Wende erfolgreich. Nun entwickelten sich die Naturwissenschaften in den Forschungsmethoden stark weiter (Roth, 2007, S.93) und sogar die Psychologie, die sich schon lange empirischer Methoden bediente, konnte mehr fundierte Aussagen zu Erziehungsfragen beitragen, als die Pädagogik. Dies entfachte Ende der 60er bis 80er Jahre eine grundlegende Diskussion in der Pädagogik, ob sie ohne eine wissenschaftliche Basis überhaupt eine theoretisch gehaltvolle Wissenschaft sein könne (Brezinka, 1968).

1.1 Brezinkas Abgrenzung zur traditionellen Pädagogik

Ein wichtiger Vertreter dieser Diskussion ist Wolfgang Brezinka. Er forderte, dass sich Aussagen der Pädagogik auf wissenschaftlich stützbare Fakten beziehen und durch Nutzung fundierter objektiver Methoden der modernen empirischen Forschung entstehen. Daher plädierte er eine neue Disziplin zu erschaffen, die Erziehungswissenschaft. Ihr Zweck ist es zu beschreiben, über Tatsachen zu informieren, Hypothesen zu überprüfen und Theorien nur provisorisch zu behalten, bis sie durch bessere ersetzt werden. Die Frage, wie erzogen werden soll, liegt nicht mehr innerhalb der wertfreien Erziehungswissenschaft (Brezinka, 1972), da es um die reinen Kausalzusammenhänge zwischen Sachverhalten geht. Der Wandel von der traditionellen Pädagogik zur Erziehungswissenschaft entsteht (Gudjons, 2008). Alleine durch die Erziehungswissenschaft ist Praxis also nicht möglich, da sich das Wissen der Erziehungswissenschaft nicht einfach in der Erziehungspraxis anwenden lässt, sondern in Erziehungstheorien übersetzt und umgeformt werden muss. Dies setzt voraus, Erziehungswissenschaft im Zusammenhang zu den zwei weiteren Erziehungstheorien zu sehen: der philosophischen und der praktischen Pädagogik (Brezinka, 1989), die ihrerseits aber nicht zur Erziehungswissenschaft gehören (ebd. S.79). Somit können erziehungswissenschaftliche Kenntnisse „nur einen Teil der Entscheidungsgrundlage ausmachen, die für verantwortunsbewußtes [sic] Erziehen wünschenswert ist“ (Brezinka, 1989, S.81).

2. Klafkis Verständnis der kritisch-konstruktiven Erziehungswissenschaft

Klafkis Wissenschaftsverständnis geht über das kausale Ursache-Wirkungs-Verhältnis Brezinkas hinaus. (Koller, 2017). Zudem klammert er die pädagogische Zielfrage nicht aus und versucht verantwortungsvolle Erziehung durch eine Kombination von realen Sachverhalten durch empirische Forschung und normative Gesellschaftskritik in Bezug auf kritische Gesellschafstheorien, zu gestalten. Allerdings gibt er weniger eine methodische Anleitung vor, sondern eher eine Sichtweise, „mit der Probleme lokalisiert und Hypothesen entwickelt werden können“ (Gudjons, 2008, S.40). Ausgang war die geisteswissenschaftliche Position (historisch-hermeneutischen Ansatz), in Überarbeitung und Reflektion der pädagogischen Geschichte mit Blickrichtung auf die aktuelle Erziehungswirklichkeit und ihre zukünftigen Aufgaben (Eierdanz, 2000). Diesen Ansatz ergänzt er mit der gesellschaftskritischen und empirischen Position:

2.1. Die gesellschaftskritische Position

Hinter dem gesellschaftskritischen Ansatz steht, dass er Kinder durch die Dialektik von individueller und gesellschaftlicher Emanzipation darauf vorbereiten will, selbstbestimmt, entscheidungsfähig und mündig zu sein. Dies würde sich nicht nur auf den einzelnen erzogenen Menschen auswirken, sondern auch auf die Gesellschaft und Menschheit. Um dies zu verwirklichen, muss bei der Analyse erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen bzw. Praktiken immer nach Institutionen, Verfahrensweisen, sozialen Bedingungen und gesellschaftlich-politischen Funktionen oder ökonomischen Interessen gefragt werden, die einen Einfluss auf das menschliche Denken und Handeln haben können und in einer Abhängigkeit zu pädagogischen Phänomenen stehen. Daher kann er erziehungswissenschaftliches Vorgehen nicht wie Brezinka von Praxis, Politik, Kultur und Gesellschaft isolieren (Eierdanz, 2000). Für die wissenschaftliche Basis wird auch bei Klafki empirische Forschung genutzt, welche im Hintergrund der Gesellschaftskritik jedoch auch immer in Bezug auf die Leistungsfähigkeit ihrer Methoden überprüft wird (Klafki, 1976).

2.2. Die empirische oder erfahrungswissenschaftliche Position

Sie soll die Effektivität von Methoden und deren Haltbarkeit, Regelmäßigkeit du Wirkzusammenhänge aufzuzeigen. (Eierdanz, 2000). Im Gegensatz zu Brezinkas engstirnige Fragestellung, stellt der Gegenstand der Forschung keine naturgegebenen Fakten dar, sondern sinnhafte Phänomene. Diese untersucht Klafki empirisch und beleuchtet sie unter dem Aspekt der gesellschaftskritischen Position und der Intention hinter dem Forschungszweck, da dies einen Einfluss auf die Theoriebildung und Praxis haben kann. Daher ist die gesellschaftskritische Betrachtung von wechselseitiger Theorie und Praxis unter Einfluss empirischer Methoden von Bedeutung (Eierdanz, 2000).

3. Fazit in Bezug auf den ideologiekritischen Aspekt

Brezinkas wissenschaftlicher Ansatz kritisierte vor allem das ideologische Vorgehen in der Pädagogik, die seiner Ansicht nach nur Tatsachen formuliere, die ihrer jeweiligen Anschauung entspreche und andere Anschauungen, und somit auch potentielle Weiterentwicklung, ausblende. Auch der subjektive Zweck einer Ideologie, wie Dinge, „worauf es im Leben ankommt“ (Brezinka, 1972, S.13), oder Normen, wie Zugehörigkeit, Sicherheit und emotionale Bedürfnisse (Brezinka, 1972), sollen bei Brezinkas wissenschaftlichen Vorgehen keine Bedeutung haben. Das Problem bei Brezinka ist jedoch, dass zwischen diesen beiden Gegensätzen pädagogische Aussagesysteme liegen (Brezinka, 1972). Für Brezinka gibt es nur die Möglichkeit die Pädagogik in drei Bereiche zu gliedern, um sie von der Ideologie zu trennen, wobei die Erziehungswissenschaft rein empirisch und wertfrei vorgeht. Zum pädagogischen Handeln muss sich mit den anderen Bereichen verständigt werden.

Auch Klafki hat erkannt, dass empirisches Vorgehen wichtig ist, da die angestrebte Freiheit sonst zu einer einschränkenden Ideologie werden kann. Er geht das Ideologieproblem aber anders an: Er verankert Ideologiekritik im pädagogischen Bewusstsein und verbindet ein reflektiertes geisteswissenschaftliches Denken von Anfang an mit empirischen Vorgehen im Hintergrund einer gesellschaftskritischen Position, um in der Gesellschaft verantwortungsvoll handeln zu können. So sollen auch schon aus einer langen historisch-gesellschaftlichen Entwicklung entstandene hierarchische Strukturen nicht als naturgegebenen Ungleichheit zu betrachtet werden. Auch die Fragestellung und Hypothese soll ideologiekritisch gestellt sein und durch wissenschaftliche Methoden und emanzipatorische Erkenntnis fundiert werden. Für ihn zeigt gerade das ideologiekritischen Vorgehen, dass es historisch- gesellschaftlich veränderbare Erziehungsprozesse gibt und es sehr wichtig ist gesichertes Wissen über empirische Forschung zu gewinnen und dessen Wirkung auch im Laufe der Zeit zu kontrollieren (Eierdanz, 2000).

Als Fazit kann gesagt werden, dass Brezinka dazu beigetragen hat, dass sich die Pädagogik von einer Ideologie entfernt und eine wissenschaftliche Basis entwickelt. Allerdings ist alleine durch die Erziehungswissenschaft praktisches Vorgehen nicht möglich und bedarf erst Verständigung mit anderen Erziehungstheorien. Dies beugt Klafkis Ansatz vor, indem er auf einer wechselseitigen Wirkung von Theorie und Praxis im Kontext von Gesellschaftskritik und empirische Vorgehensweise beruht.

...

Autor

  • Sarah Temme (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Brezinkas und Klafkis Verständnis von Erziehungswissenschaft in Kontrast